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Brandt Heimsuchung

Bitte gib mir nur ein Wort

Lars Brandts Andenken, wie ich in meinem Blog zu erläutern versuchte, beginnt seine Erinnerung mit einem Wort: Elefantenstoßzähne. Darum kreisen sich dann die viele Erinnerungen und Eigenschaften seines Vaters. Die Zähne geben nach und Ornament („Mir steht der Sinn nach Ornamenten“ 14) kristallisiert sich als seine Beschreibung für das Schreiben: „Mich treiben Muster ans Papier, die sich ihr Material aus der Wirklichkeit holen.“ (14) Wirklichkeit ist also, laut Brandt, das worum es in seinem Andenken handelt. Die Sprache wird damit zweitrangig. Ein Mittel zum Zweck und nicht so wichtig wie der Autor selbst: „Mich selbst benötige ich als Medium“ (14).

In Erpenbecks Heimsuchung begibt sich die Figuren auf die Suche nach anderen Wirklichkeiten und Wahrheiten, doch steht auch hier ein Wort im Zentrum. Das Kapitel von der Schriftstellerin scheint mir ein Knotenpunkt des Romans zu sein. Sie schreibt über die Sprache und betont dabei die Buchstaben: „Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland hatte all ihre Leidenschaft dem Versuch gegolten, durch die Buchstaben hindurch ihre Erinnerungen in die Erinnerungen anderer zu verwandeln.“ (124) Sind Buchstaben also Details aus dem Leben? Buchstaben tragen nur in Verbindung zueinander einer Bedeutung, d.h. sie werden nur verknüpft zum Wort. Dies wird von der Schriftstellerin im Laufe des Kapitels besonders durch das Wort „h-e-i-m“ verdeutlicht (117). Das wiederum sich nur durch einen Buchstaben von „h-e-i-l“ trennt. „Heil“ und „heim“ erscheinen zuerst in der Geschichte von Ludwig Engel, der Tuchfabrikant. Während der Familie Engel alle sich durch Bezug auf „heim“ orientieren – die Eltern fahren zwei Wochen später wieder heim (50, 51, 53 usw.) oder Ludwig spricht vom Erben des Grundstücks als „Heim“ (50, 53, 54, 55 usw.), hört man die Arbeiter am Nachbargrundstück immer wieder „Heil!“ rufen. „Heil“ taucht dann auch immer wieder auf, doch im Weiteren nicht als Ruf, und damit nicht in seinem politischen Kontext, sondern als körperlicher Beschreibung oder als intakte Gegenstand („War damals das Leben noch heil?“, 83 oder „Alle Spiegel waren noch heil“, 148). Was heißt es also dann, wenn die unberechtigte Eigenbesitzerin das unbewohnte Haus fegt und putzt und schreibt: „Das Fegen galt bei den Azteken als eine heilige Handlung“ (185)?

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