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Forschungsarbeit

Einleitender Blogpost: Gegenwartsbewältigung

Als ich das Buch Eure Heimat ist unser Albtraum las, ist das Kapitel, das ich als Lektüre ausgewählt habe, mir ins Gesicht gespringen, sozusagen. Ich habe in den vergangenen 11 Jahren mehrmals über Vergangenheitsbewältigung geschrieben, aber von Gegenwartsbewältigung habe ich noch nie gehört. Sein Model von Gegenwartsbewältigung und Desintegration (statt Integration) fand ich sehr interessant. Das hat auch Nachfolge für die USA bzw. die Geschichte dieses Landes als “Sammelbecken,” die eine Assimilationspolitik verfolgt haben. Auch interessant für mich war der Unterschied zwischen dem sogenannten “Migrationshintergrund” und die Erfahrung des Autors als Jude in derzeitigem Deutschland. Ich wollte fragen: glaubt ihr, dass sein Model von der “permanenten Arbeit” auf die deutsche Geschichte und das Ideal von “Desintegration” funktionieren kann? Darüber hinaus kann man die Ideen von Czollek in der amerikanischen Kultur übertragen? Warum oder warum nicht? Ihr könnt auch gerne jede andere Anmerkung oder Konzept, das ihr interessant fandet, erwähnen.

By elliswi

ist im achten Semester bei Dickinson College. Er studiert Germanistik und Internationale Politik mit Schwerpunkt Ostasien. Er interessiert sich für Deutsch erstens weil er sich generell für Sprache interssiert, und zweitens weil er seit langem deutsche Freunde hatte, und will mit ihnen in ihrer Muttersprache unterhalten können. Er denkt noch darüber nach, was er nach seinem Abschluss studieren will.

6 replies on “Einleitender Blogpost: Gegenwartsbewältigung”

Ich glaube mit vielen Anstrengungen von den Deutschen konnte Deutschland ein Modell von ‚Desintegration‘ haben. Sie haben die Macht für diese Veränderung. Migranten können nur so viel machen! Ich bin nicht so ganz sicher, ob Czolleks Ideen direkt auf die amerikanische Kultur übertragen werden. Die USA sind ein Siedlerstaat. Wir sind ein Flickenteppich vieler Kulturen, von denen die meisten nicht einheimisch sind. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine andere Geschichte. Aber das Gefühl, andere Kulturen zu respektieren, gilt.

Ja hab ich mir auch gedacht, aber Deutschland ist den USA ähnlich im Sinne von Kulturteppich. Die derzeitigen deutschen Kultur als einheitliches Wesen war eine Erfindung der 1800er Jahre. Es ist, wie jede nationale Identität, oder selbst jede Identität, konstruiert, d.H. es ist nicht natürlich. Also man fragt sich, wenn Desintegration bedeutet, dass man keine Leitkultur hat, wäre das vielleicht den USA mehr angeeinget als Deutschland? Da wir haben im Grunde ein Problem der Dominanz der weiß-bedingten Kultur, was auch in Deutschland der Fall ist.
In anderer Hinsicht kann man sagen, dass die permanente Arbeit auf die Geschichte wichtig für die USA ist, da es zum Beispiel nicht oft angesprochen wurde, dass der Einsatz der Atomwaffe im zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrechen gelten soll. In dieser Hinsicht wäre so eine Haltung bezüglich “Gegenwartsbewältigung” wichtig für jedes Land, selbst postkoloniale Länder.

Warum redet der Autor an die jüdische Identität als migrantische Identität? Meintet er oder sie Jüden, die nach Deutschland von Ausland gekommen sind? Für mich klingt es, dass er an Jüden, die in Deutschland geboren waren, reden, und für mich macht das kein Sinn.

Ich glaub er war ein Teil der jüdischen Leute, die nach dem Ende des Kalten Krieges Aufenthalt in Deutschland bekommen haben. Die BRD haben ihnen das Angebot unterbreitet, nach Deutschland zu kommen. Aus dem Grund konnte er als “Deutscher mit Migrationshintergrund” betrachtet werden.

Er stellt sich nicht als Migrant*in vor, sondern betont, dass er keine Migrationsgeschichte hat. Max Czollek ist in der zweiten Nachkriegsgeneration in der DDR geboren und aufgewachsen.

Danke, Corson, für die Lektüre. Ich bin wegen dieses Artikels auf Gedanken gekommen. Auch die, die Du uns in der Form von Fragen gestellt hast.
Die Vorstellung von einer notwendigen und permanenten Arbeit an der Geschichte in der Gegenwart und an das Ideal der Desintegration sind durchaus sinnvoll in der Abstraktion. Das beständige daran erinnert an der Aufforderung Kant gegenüber Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen in seinem Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Dort spricht Kant von der ständigen Arbeit zu verstehen und anderen zur Mündigkeit zu unterstützen (Mündigkeit ist schwer übersetzbar – emancipation, accountability, autonomy, maturity, mental independence). Ob diese auch umsetzbar ist, ist aber nicht so eindeutig. Die Erziehung der Menschen zur Kritik an solchen sozialen und menschlichen Konzepten ist leicht gesagt, aber nicht so leicht getan. Wo findet diese Arbeit zur Erziehung statt? Czollek spricht diese Problematik seiner These nicht direkt an, sondern erkennt bestimmte Aspekte der heutigen deutschen Gesellschaft, die diese permanente Arbeit entgegenwirken – die des Umgangs mit rechtem Denken.
Diese Darstellung der Zugehörigkeitssinn in Deutschland war überzeugend und zu deiner Frage der Übertragbarkeit auf die US-amerikanischen Gegenwart stellt sie auch Einsichten in den wachsenden populistischen Bewegungen der Welt. Das Konzept einer Rhetorik der Zärtlichkeit (S. 175) passt nicht nur zu den deutschen Medien und der Haltung in Deutschland, sondern auch zu den Medien und der Haltung in den USA. Statt bestimmte Perspektiven als Entmenschlichung oder als unmenschlich vorzustellen, versuchen wir sie zu „verstehen“ oder wir machen uns Sorgen um die Ursachen ihrer Anwendung im öffentlichen Diskurs. In den Einzelheiten dieser Rhetorik bleiben die USA und Deutschland schon unterschiedlich, aber eine Vorstellung von Zugehörigkeit und diese fürsorgliche Sprache gibt es hier genauso. Bestimmte Einwanderungsgruppen werden immer wieder von Rechten und auch von anderen als nicht dazugehörend identifiziert.
Na ja. Nur so ein paar Gedanken. Ich habe noch einige mehr, aber ich glaube, diese sind erstmal genug fürs erste. Ich freue mich auf weitere Lektüren und Diskussionen zu diesem Thema.

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