Jul 10 2012

Nota Bene — Beiträge zur künstlerischen und literarischen Szene in Berlin

Published by at 5:49 pm under Uncategorized

Die Volksbühne “murmelt”

In der Berliner Volksbühne am Rosenthaler Platz läuft ein seit seiner Premiere am 28. März ständig ausverkaufter Renner:

Murmelmurmel heißt das Stück, geschrieben oder besser gesagt: auf Papier gemalt, Mitte der 70iger Jahre vom Aktionskünstler und Grafiker Dieter Roth und von diesem im Eigenverlag publiziert. Das Besondere an diesem Stück: Es besteht einzig aus dem Wort Murmel, auf 176 Seiten ausgebreitet. Und es soll mindestens 11 Spieler auf das Spielfeld bringen. Da braucht es schon einigen Mut, auf die große Bühne des großen Theaters zu gehen.

Wie kann die gemurmelte Sprache mehr sagen als nur die Reduktion auf MurmelMurmel? Die Antwort ist nach dem Besuch des Theaterabends eher einfach: durch Darstellung, szenische Einfälle, Gags, Slapsticks, Bilder, Bewegungen und Sprechübungen der Schau-Spieler, die die Murmeln kolorieren, in allen Tonlagen in die Ohren der Zuschauer stupsen, auf dass ihnen Hören und Sehen ganz neu vorkommen.

Der größte anzunehmende Unfall, der SuperGAU im Sinnlosen, findet nicht statt. Die Vielfalt der Murmeln aus Kindestagen drängt sich dem Betrachter des Geschehens auf der Bühne wie von selbst wieder auf.  Da kullern die einfachen, aber bunten  Keramikmurmeln ebenso wie die begehrteren, farbig durchsetzten Glasmurmeln über die Bühne und rufen sich über die Münder und Körper der Akteure immer wieder selbst auf, schreiend, Lustig, traurig, ironisch, albern und veralbernd, ja bis in das Sterben  hinein, und das alles in einem so einfachen, aber auch mitnehmenden Bühnenbild, das die Murmelakteure immer wieder in farbigen Stofffahnen, die die Räume weiten oder bedrohlich verengen, einfängt, die Blicke verwehrt und freigibt auf die Beziehungen zwischen den Akteuren.

All das wird begleitet von Ingo Günther, der mit seiner Musik zu einem wichtigen Mitspieler wird bis hin zum Schluss, wo das Ganze in ein ekstatisches Rockkonzert übergeht und die Zuschauenden Murmel Murmel kreischen und so zu Mitspielern mutieren lässt.

Da allerdings bin ich als Zuschauer ausgestiegen und habe mich auf Distanz begeben. Ich fühlte mich an ein Fußballspiel vor vielen Jahren erinnert, wo in einem Riesenstadion die Massen schrien und ich mich, wie willenlos, in Ihnen versunken fand. Das war mir zu viel, zu manipulatorisch, zu selbstzerstörerisch, und ich bin nie wieder zu einem solchen Sportspektakel gegangen.

Mit MurmelMurmel habe ich mich köstlich amüsiert, nur der finalen Zugkraft des Spektakels wollte ich nicht erliegen.

Dankbar für Regie und Bühnenbild von Herbert Fritsch, dankbar und hochachtungsvoll staunend für das Murmelspiel aller Akteure, die viel von sich geben und zeigen durften und vor allem konnten: Körperbeherrschung bis zu Artistik, Lautvariationen, Gestik, Mimik, alles wohlfeil miteinander abgestimmt. Da stach keiner besonders hervor. Ein herausragendes Murmelteam. Am Ende vom Publikum, jung und alt, männlich und weiblich, lang anhaltend gefeiert.

Wie mag ein so großer Publikumserfolg entstehen? Sind es die Anklänge an Dada mit der Abwendung von selbstherrlichen Sinngebern, an das absurde Theater vielleicht, das die Verkümmerung der menschlichen Kommunikation so scharf ins rechte Bühnenlicht rückte? Wohl eher nicht. MurmelMurmel ist keine simple Reprise, es folgt keinem Programm. Es zieht seinen Erfolg aus der Überraschung, dass der eher verspinnerte, vermutlich mehr frustrierte Text als reine Wortreihe sich im ersten Anschein jeder Bedeutung versagt und dann doch, im Szenischen Zusammenprall der Murmeln, so locker unterhaltend wirkt und die von psychologisierendem Politik-, Medien- und Kunstgefasel umsäuselten Zuschauer auf sich selbst zurückwirft und sie lachen lässt über Alltagslast und –sorgen.

Den Schlüssel zum Erfolg sehe ich in der Überraschung. Käme da ein Trend oder gar ein ästhetisches Programm heraus, wäre alles alsbald hohl und nichts sagend. So ist dem inzwischen verstorbenen Autor etwas ganz Besonderes gelungen, und das sollte im szenischen Entwurf des Regie führenden Freundes auch als solches noch ausgiebig gefeiert werden. Einen bekannten Werbespruch aufnehmend darf gesagt werden: Nichts ist unmöööglich – The- a –ter…

Ich wünschte dem Stück ein paar Auftritte auch in anderen Kulturkontexten. Die Sprache ist ja kein Hindernis, als Wort genommen und als Verlautbarung hat sie irgendwie Universelles an sich. MurmelMurmel. Murmel? Murmel!

Weitere Infos inbesondere zu den so wunderbar murmelnden Schauspielern siehe: www.volksbuehne.de

Heinz Hohenwald, Berlin

 

VOICING RESISTANCE — Internationales Performance Festival im Ballhaus Naunynstraße, Berlin Kreuzberg, vom 9.-20.Juni 2012

Berlin war, ist und bleibt hoffentlich eine Weltstadt und eine Stadt von Welt. Die Welt kommt hierher und die Welt ist mittendrin, eingemeindet, heimisch, irgendwie zu Hause. Das gilt für das Kulturestablishment im Opernmilieu genauso wie für die Kultur eher von unten. Und dort hat sich seit vier Jahren ein kulturelles Kleinod entwickelt. Das ehemalige Ballhaus in der Naunynstraße, mitten im türkisch dominierten Kreuzberg, einem Kiez, der zu den größten städtischen Räumen für Türken und Türkinnen außerhalb der Türkei zählte und vielleicht noch zählt. Hier leben natürlich auch Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen, aus Afrika, Asien, Amerika und natürlich auch alteingesessene Berliner weitestgehend friedlich, aber natürlich nicht konfliktfrei miteinander. Und nun können sie sich in einer anspruchsvollen Kulturstätte begegnen, wo darstellende Künste und vielfältige Begegnungen die hier lebenden Menschen zueinander bringen können und sollen. Und das auf einem hohen Niveau, lokal inspiriert und der ganzen Welt mit ihren sich verschärfenden Widersprüchen zugewandt.

Das Ballhaus Naunynstraße ist eine kommunale Einrichtung von Friedrichshain-Kreuzberg in Trägerschaft von kultursprünge e.V., gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten und unzähligen Einzelprojektförderern, wie dem Hauptstadtkulturfonds, der Kulturstiftung des Bundes, dem Auswärtigen Amt u.v.a.

2008 von der künstlerischen Leiterin Shermin Langhoff unter der Schirmherrschaft von Fatih Akin neu eröffnet, ist das Haus inzwischen zu einem bundesweit Beachtung genießenden Off-Theater für und mit Künstler/innen „migrantischer und postmigrantischer Verortung“ gewachsen. Diese erarbeitete Anerkennung ist allerdings nicht der politischen Korrektheit zu verdanken. Die am Gesamtprojekt Teilhabenden scheren sich in ihren Produkten wenig um die Anständigkeit des Kulturbetriebes mit seinen oft abstrusen Floskeln. Sie lassen Berliner Probleme mit ihrem oft fremden Hintergrund, hier v.a. dem türkischen als deutsche und europäische aufscheinen. Hier sprechen keine Migranten oder Postmigranten, sondern Nachbarn, die anders aussehen, anders sprechen, anders fühlen, leider noch immer nicht wie ein Bayer oder Schwabe in Berlin. Zum Glück für alle wird hier Tacheles gesprochen, wie auf dem folgenden Link zur Arbeit der Akademie der Autodidakten hipp hopp zu hören ist:

http://soundcloud.com/akademiederautodidakten

Ich habe das Ballhaus im Rahmen des oben genannten Festivals besucht. Unter www.ballhausnaunynstrasse.de wurde es so eingeführt:

Ein Jahr des Aufbruchs hallt nach: Im arabischen Raum bricht Frühling aus und treibt ungeahnte Blüten, Bewegungen wie “Occupy” fordern soziales Umdenken nicht nur in Griechenland, Spanien und an der Wall Street. Dabei  vibrieren auch die Bühnen in neuem Rhythmus – dies- und jenseits des   Mittelmeers. Das Festival „Voicing Resistance“ präsentiert individuelle künstlerische Stimmen aus Kairo, Marrakesch, Jenin, Ramallah, Beirut, Athen u.a., die in Performances, theatralen “Diaries”, Lesungen, Workshops und Filmen ganz persönlich von Revolutionen, Unterdrückung, Widerstand und Freiheit erzählen.

 

Auf dem Programm standen u.a. die Performances No time for Art von Laila Soliman (Kairo), Aaléef von Taoufiq Izeddiou (Marrakesch), While Waiting vom Freedom Theatre sowie Silk Thread  (Jenin/Westjordanland) von der Zoukak Theatre Company aus Beirut. Komplettiert wurde das Programm durch sogenannte DIARIES, die in kurzen Momentaufnahmen Einblicke in das Schaffen der teilnehmenden Künstler gaben und anschließend das Publikum per Gespräch zur Teilhabe einluden.

 

Ich sah ein Diary von und mit Taoufiq Izeddiou. Ein Videoausschnitt des Balletts Aataba (Abgrund) zeigte nur Frauen mit typisch arabisch-afrikanischen Tanzbewegungen ab Bauch abwärts und immer um den Abgrund als Grenzerfahrung sich bewegend. Ein dünnes Seil und von unten grelles Licht waren hinreichend für die Markierung einer Landschaft, die Menschen trennt, schmerzhaft in sie einschneidet wie das Seil in den Mündern der Tänzerinnen.

 

Weniger überzeugend fand ich die Tanzeinlage des Meisters selbst, der damit einen Text illustrierte, der das Durcheinander des arabischen Frühlings zur Sprache und zum gestischen Ausdruck bringen wollte. Immerhin endete das am Ende mit der Wortschöpfung einer „Revillusion“ für den Frühling, der zu einem anhaltenden Herbst mutiert zu sein scheint. Da aber im Herbst auch die Früchte reifen, bleibt die Hoffnung, dass alle doch noch der Lust des Meisters folgen und sich dem Tanz ergeben, wo „alle Wege überall hin und nirgendwo führen“.

 

Dem Diary folgte ein dokumentarischer Film von Gabriella Bier mit dem Titel Love During Wartime. Hier werden wir Zuschauer in ein Drama mit vorläufig gutem Ausgang hinein gezogen. Eine junge israelische Tänzerin und ein junger palästinensischer Künstler lernen sich kennen, verlieben sich und heiraten. Doch sie können nicht in der Heimat zusammen leben, nicht in Israel, wo das Gesetz des Staates es nicht erlaubt, nicht in Palästina, wo die Gesellschaft die Mesallianz ächtet. Die Israeli hofft auf ein glückliches Ende in Berlin, aber vergebens. Die deutsch-jüdische Mutter wird als Deutsche nicht anerkannt, so auch nicht Jasmin, die folgerichtig keinen Daueraufenthalt für sich und Osama erwirken kann. Beider Liebe droht an den nach wie vor existierenden Mauern zu zerbrechen. Die von Gabrielle Bier eingefangenen Bilder stellen das sehr eindrücklich und bedrohlich dar. Sie künden von der Stärke der Individuen, die diese Mauern durchbrechen können. Klar wird aber auch, dass aus Liebe nur Risse in den Betonbausteinen entstehen können. Der Abriss aller Mauern braucht das Aufbegehren von Gesellschaft. Von vielen, möglichst von Mehrheiten. Das war die Erfahrung im Osten Deutschlands und Europas, das wird die Erfahrung im Nahen Osten werden und anderswo, z.B. in Korea.

 

Das Berliner Publikum, mehrheitlich mit post/migrantischem Hintergrund, hat den Film und seine Macher persönlich sehr warmherzig und mit ungeteilter Sympathie aufgenommen. Die vielen Lacher gegen die deutschen Ämter, die Ausländerbehörde, die Visaerteilung etc. ließen deutlich erkennen, dass es noch Mauern unterschiedlicher Gewaltausprägung gibt: kulturelle, soziale, religiöse und natürlich ökonomisch-politische. Die allerdings werden nicht so einfach durch starke Liebesbeziehungen  einzureißen sein, sie rufen nach einem Umgang miteinander, der die Menschen frei sein lässt von willkürlicher Ausgrenzung, von Ausschluss wegen ethnischer Zugehörigkeiten und nicht selten wegen – oft freiwilliger – Ghettoisierung. Und so ist das Schicksal aus der Ferne ganz nahe an uns in Berlin gerückt. Dank eines Theaters, das noch mehr sagen will als bloße, narzisstische Selbstbespiegelung.

Heinz Hohenwald, Berlin

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