Feb 18 2013

Am Doktorhut hängts, zum Doktorhut drängts — Zynischer Ausverkauf der akademischen Integrität

Published by at 10:16 am under Uncategorized

Vor genau einer Woche erfolgte endlich der überfällige Rücktritt der einer erschlichenen Doktorwürde überführten Bildungsministerin Annette Schavan. Manche waren da schon überrascht, daß die Rücktrittszeremonie eher den Charakter einer herausragenden Würdigung bekam. Was in Wirklichkeit reine Schadensbegrenzung war, wurde zur Laudatio umstilisiert. Die Kanzlerin bedauerte den Verlust der “anerkanntesten und profiliertesten Bildungs- und Forschungspolitikerin unseres Landes“. Parteifreunde wie politische Gegner bezeichneten den Rücktritt geradezu theatralisch als “bedauerlich und tragisch“ (Horst Seehofer), ja als “hochanständig“ (Sigmar Gabriel). Der wahre Grund zum Rücktritt geriet dabei fast ganz aus dem Blickfeld. Nur die so mit Lob bedachte, jedoch zwingend zurückgetretene Ministerin erwähnte das von der Düsseldorfer Universität geltend gemachte Plagiat, allerdings nicht ohne ein weiteres Mal zu betonen, sie habe bei der Niederschrift ihrer Dissertation “weder abgeschrieben noch getäuscht“. Sie weist damit die von der Düsseldorfer philosophischen Fakultät nach neun Monaten eingehender Prüfung des Falles getroffene Entscheidung zurück. Frau Schavan tut das, obwohl der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, der Jurist Bernhard Kempen, den Rücktritt als “notwendigen und folgerichtigen Schritt“ bezeichnete. Noch lange Zeit kann die des Plagiats überführte Ex-Doktorin ihre Opferrolle spielen und sich durch alle Instanzen klagen. Freilich wird es ihr schwer fallen, die zahlreichen von der dafür eingesetzten Fakultätskommission beanstandeten, von ihr nicht als solche gekennzeichneten Übernahmen den Richtern als bloße “Flüchtigkeitsfehler“ nachzuweisen. Fehlendes Unrechtsbewußtsein und Kampf um die Ehre passen eben nicht gut zusammen. So gesehen, war der ‘würdige‘ Abschied nichts als eine scheinheilige Farce unter Freundinnen.
Nun muß man erfahren, daß die Universität Lübeck ihren vor Jahresfrist gefaßten Beschluß bestätigt, der zurückgetretenen Ex-Ministerin die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Präsidium und Senat sähen auch unter den jetzigen Umständen “keine Veranlassung“ zu einer Zurücknahme. Zum einen sei die Ehrendoktorwürde “kein akademischer Grad“ (!), zum andern seien da die “besonders persönlichen Verdienste um die Wissenschaft“. Man glaubt nicht richtig zu lesen, denn damit verraten Hochschullehrer das von ihnen zu wahrende Ethos wissenschaftlicher Redlichkeit. Die von der Düsseldorfer philosophischen Fakultät wegen erwiesenen Plagiats aberkannte Doktorwürde wird als Kavaliersdelikt abgetan. Man kann gespannt sein, ob Kollegen und Studenten der Lübecker Universität das hinnehmen werden. Sie könnten sich ein Beispiel nehmen an den Lehrenden und Studierenden vom Dartmouth College in New Hampshire. Die haben vor kurzem den Ko-Plagiator zu Guttenberg, der an der Hochschule über “Transatlantische Wirtschafts- und Sicherheitsbeziehungen“ reden wollte, kurzerhand ausgeladen. Das geschah unter Hinweis darauf, daß, wie der dort tätige Geschichtsprofessor Udi Greenberg es formulierte, “ein solcher Auftritt“ eines akademischen Betrügers “zynisch wäre“. Wie sagte doch schon Goethe: “Amerika, du hast es besser!“

Theo Buck, Aachen

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