Jul 25 2013

Rezensionen: Glossen 37 – 38/2013 – 2014

Published by at 11:44 am under Literatur- und Kulturnachrichten

1. Christine Cosentino: Uwe Tellkamp, Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen (Berlin: Insel Verlag, 2012)

2. Gabriele Eckart: Richard A. Zipser, Von Oberlin nach Ostberlin: Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene. (Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013)

3. Christine Cosentino: Jakob Hein und Jacinta Nandi, Fish’ n’ Chips & Spreewaldgurken. Warum Ossis öfter Sex und Engländer mehr Spaß haben. (Köln: Kiwi, 2013)

4. Christine Cosentino: Christoph Hein, Vor der Zeit. Korrekturen. (Berlin: Insel, 2013).

5. Rainer Stollmann: Teju Cole, Open City. A Novel (New York: Random House, 2011. Dt.: Open City. Roman (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012)
 


 
 

Uwe Tellkamp, Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen (Berlin: Insel Verlag, 2012).

Der 1968 in Dresden geborene Autor Uwe Tellkamp wendet sich auch in diesem Werk einem Sujet zu, das ihm zutiefst vertraut ist und das er bereits in seinem Monumentalroman Der Turm (2008) beschrieben hatte: den Dresdner Lokalitäten, der Architektur, den Attraktionen, darunter Schwebebahn und Standseilbahn. Tellkamps Titel bezieht sich auf die reale Schwebebahn, die den Stadtteil Loschwitz mit den Höhenlagen von Oberloschwitz verbindet. Der Turm des Maschinenhauses der letzten Station, der Bergstation, bietet dem Spaziergänger/Ich-Sprecher/Autor ein eindrucksvolles, blickerweiterndes Stadtpanorama. Um eine eher blickverengende Perspektive dagegen handelte es sich in Tellkamps (Elfenbein?)Turm – Roman, in dem gleich zu Anfang der Handlung die Hauptfigur Christian in der Dresdner Standseilbahn dem Stadtteil Weißer Hirsch zustrebt, in dem das Dresdner Bildungsbürgertum zu DDR-Zeiten seine abschottende Nische gefunden hatte. Zwei Blickrichtungen, zwei Perspektiven, zwei Versuche, mit Erinnerungen umzugehen und Vergangenes im Gegenwärtigen zu erkennen.
In 33 Kapiteln, in denen Fotografien von Werner Lieberknecht eingestreut sind, erkundet der der Stadt zugewandte Flaneur der Schwebebahn “unterliegende Schichten, Verborgenes, der gegenwärtige Augenblick schiebt sich wie ein Prisma über Bruchstücke der Vergangenheit und ordnet sie zu vorläufigen Kaleidoskopen.” Er spürt, “dass eine Stadt durch ihr Lebendiges galt und Bedeutenderes umfasste als ein Ensemble von Gegenständen, Lokalitäten und mehr oder weniger charakteristisch zu einem Stil zusammengefügten Steinen. Eine Stadt – eine Summe der Augenblicke, die blieben, an die man sich erinnerte.” Es ist das Historische, das “stark beschwörende Magnetfeld” seiner Heimatstadt, das ihn im Bann hält. Und so spürt er, der als Kind und Jugendlicher noch die DDR und die sowjetische Besatzungspolitik erlebte, den Orten nach, die es nicht mehr gibt, die aber dennoch im Gedächtnis fortwirken. Tellkamp schreibt von wechselnder Perspektive. Er schlüpft in die Rolle eines zehn- oder elfjährigen Jungen, später dann spricht der Erwachsene. Das erste und letzte Kapitel der Dresdner Erkundungen blenden geschickt ineinander ein. Auf dem Dachboden lebt der Junge in eisiger Kälte eines erinnerten Winters unter den mit Landkarten beklebten Dachschrägen in einer kindlichen Phantasiewelt, die von fiktiven Kapitänen, Piratenschiffen, Schatzinseln und Räubern beherrscht ist. Jahre später betritt der nun über Vierzigjährige wiederum den Dachboden und gibt sich den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend hin. Dresden entsteht noch einmal als DDR-Provinzhauptstadt, dann, nach der Wende von 1989, als “Dresden der Gegenwart, mit digitalen Benutzeroberflächen.” Es geht dem erkundenden Flaneur um den Versuch, in dieser Welt unvereinbarer Gegensätze das Atmosphärische aufzuspüren. Er schildert in der DDR Erbautes, dann wiederum sinniert er über Gebäude, die im Krieg zerstört wurden, wie die Frauenkirche, dann aber wieder aufgebaut wurden. Leitmotivisch winden sich durch die Erinnerungen Hinweise auf die Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945: “die Schatten des zugeschütteten Lebens, das mit einigen Zipfeln hier und dort noch aus den Planierungen ragt.”
Tellkamp beschreibt Dinge und Schauplätze, die es nicht mehr gibt, die er aber als Kind oder aus den Erzählungen der Erwachsenen kannte. Er beschreibt Schauplätze wie den Kosmetiksalon Nofretete, eine Laufmaschen-Reparatur, das Evana Miederwarengeschäft und den Friseur-Salon Harand, in dem auch der 1957 in Dresden verstorbene General Paulus bedient wurde. Wiederholt taucht in den Erinnerungen der Name der Kalten Klawdia auf, einer vollbusigen Rotarmistin, die man am Eingang des Lazaretts der Roten Armee, eines früheren Sanatoriums, sehen konnte. Für den Jungen war sie eine Quelle erotischer Phantasien. Und – “ich gehe weiter, die Geschichten folgen mir” – vor dem inneren Auge erscheint vor einer geöffneten Balkontür ein im ersten Stock des Lazaretts wohnender sowjetischer Offizier, der Schallplatten mit Liedern von Hans Albers and Zarah Leander zuhört, bis er abrupt eine Platte mit russischer Volksmusik auflegt. Tellkamps Erkundungen sind durchdrungen von autobiografischen Verweisen auf Schulunterricht, Heirat, Medizinstudium, Armee, Künstlerfreundschaften, Galerie- und Museumsbesuchen.
Einige Kapitel sind gelungener und ausdruckskräftiger als andere. Hervorzuheben sind die um den Dresdner Maler Curt Querner kreisenden Kapitel: “Was er gekonnt hat – Hände, wie er sie zu malen verstand, möchte ich von den Heutigen erst einmal sehen.” In anderen Kapiteln jedoch sind die Darstellungen ausufernd, voll von Wortkaskaden. Tellkamp macht es dem Leser nicht leicht. Oft ist ein zweites und drittes Lesen der scheinbar endlosen Sätze nötig. “Wie Kraken” winden sich exzentrische Bilder durch die syntaktischen Gebilde: “Die Papierlungen der Meldeämter auf der Theaterstraße; die an langsamen Tentakeln arbeitenden Tastsinnesscheiben der Staatskanzlei; Finanzämter, in deren Allesfressergebiet man niemals ungestraft einen Handschuh wirft; die an den Nabelschnüren einer Stempel-Gottheit flottierenden Anwalts- und Notarkanzleien …” Der Leser jedoch, der sich Zeit nimmt und Tellkamps barocken Stil auf sich wirken lässt, kommt auf seine Kosten. Tellkamp ist es gelungen, fragmentenhaft ein Stück DDR-Biografie in der schillernden Atmosphäre der Stadt Dresden einzufangen, in der Stadt, wie sie einmal war oder nicht war oder sein könnte: “Dresden ist ein langer Blick zurück. Gegenwart nur Wasseroberfläche der Vergangenheit […] Aber auch sie wird es geben, die Freiheit des Abschieds. Die sesamtragenden Türen.”

Christine Cosentino,

 
 

Richard A. Zipser, Von Oberlin nach Ostberlin: Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene. (Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013) 224 Seiten.

Der Amerikaner Richard Zipser ist als ein Germanist bekannt, dem es schon seit Anfang der siebziger Jahre die DDR-Literatur angetan hat. Ergebnisse seiner Arbeit sind unter anderem die Veröffentlichungen DDR-Literatur im Tauwetter (1985) und Fragebogen Zensur (1995). Im Unterschied zu anderen Sympathisanten der DDR-Literatur an amerikanischen Universitäten reiste und forschte Zipser nicht auf Einladung der DDR oder einer der DDR nahestehenden politischen Gruppe, sondern ganz auf eigene Initiative. Damit jagte er den DDR-Behörden, die mutmaßten, er könnte ein CIA-Agent sein oder die DDR ideologisch unterwandern wollen, Angst ein. Schon 1973 legte die Stasi eine Akte über ihn an; sie ist umfangreich und schließt erst 1988.
Nach einem sehr lesenswerten Vorwort von Heinz-Uwe Haus mit dem wichtigen Satz “Heute ist kaum noch vorstellbar, dass das, was Zipser bezeugt, über Jahrzehnte zwischen Elbe und Oder grausamer Alltag war”, enthält der Band Von Oberlin nach Ostberlin hauptsächlich Dokumente aus Zipsers Stasiakte und erläuternde Kommentare Zipsers. Darin vergleicht der Autor seine Erinnerungen kritisch mit dem, was im Stasideutsch fläzig dasteht; dabei wird die DDR, so wie er sie erlebt hat, vor seinem inneren Auge lebendig. Einen frischen Blick bekommen wir auf Autoren wie zum Beispiel Jurek Becker oder Ulrich Plenzdorf. Schwarz-weiß Fotos von einigen der Autoren, mit denen Zipser befreundet war, und ihren Büchern und Briefen schmücken das Buch. Leser, die sich noch immer unruhig fragen, was das war, die DDR, kommen um die Lektüre dieses Buches nicht herum. Wehtun wird sie jenen, die der DDR als eines Raumes, der mit Utopie zu tun hatte, immer noch nachtrauern. Von den Berichten der neun verschiedenen IM sind die des Schriftstellers Fritz Rudolph Fries und die des Verlegers Konrad Reich die überraschendsten; von den von der Stasi gegen Zipser eingeleiteten Zersetzungsmaßnahmen ist der Rufmord – “Zipsers Ansehen so abwerten, daß auch negative Kräfte ihn meiden” – am ekligsten.
 
In der Einleitung beschreibt Zipser seine Überraschung, als er 1999 nach sechs Jahren Warten von der damaligen Gauckbehörde Teile seiner Akte erhielt. Er zitiert aus dem Briefwechsel mit der Behörde und erklärt dem Leser seines Buches das Aktenchinesisch, ohne das auch dieses Buch nicht auskommt, etwa die Abkürzungen für die fünf verschiedenen Typen von Informellen Mitarbeitern der DDR Staatssicherheit. Dann folgen die schon erwähnten Erinnerungen, Aktenauszüge, Auskünfte über die Germanistik der USA, insofern sie sich für die DDR-Literatur interessierte, Zipsers eigene Arbeit an verschiedenen die DDR betreffenden Forschungsprojekten, und immer wieder Erinnerungen. Am besten gefällt mir der sachliche Ton des Buches; der Autor prahlt nicht mit seinem aufregenden Abenteuer DDR. Und es gibt sogar Spuren von Selbstkritik, etwa, wenn Zipser sich fragt, warum Wolf Biermann fehlt in seinem dreibändigen Lesebuch DDR-Literatur im Tauwetter. 1975 – Zipser war am Oberlin College für sein DDR-Projekt ein Forschungsurlaub bewilligt worden – folgte er Christa Wolfs Rat und bat den Schriftstellerverband der DDR schriftlich um Unterstützung. Beim Treffen mit einem Funktionär des Verbandes wurde ihm mitgeteilt, welche Autoren er in sein Buch aufnehmen sollte. Obwohl dies “das Letzte [war], was ich wollte” und er die Liste der Autoren, die er interviewen wollte, nicht an den Verband, der ihn dazu drängte, herausgab, fügte er zu den zwanzig Namen, die er schon hatte, doch noch diejenigen hinzu, auf denen die Verbandsfunktionäre bestanden hatten, Namen wie zum Beispiel Günter Görlich oder Uwe Berger. Der Stasi schwahnte, dass Zipser sich auch für Wolf Biermann interessierte (siehe “Auskunftsbericht vom 22. Juli 1976”), aber Zipser hatte in Gesprächen mit Verbandsfunktionären und der Partei nahestehenden Autoren schon begriffen, “daß der Schriftstellerverband mein Projekt blockieren würde, falls ich Biermann besuchte. Letzten Endes lief es darauf hinaus, Biermann oder das Buch.” Biermann wurde 1976 ausgebürgert; da Zipsers Tauwetter-Buch erst viel später erschien, hätte er ja im Nachhinein Biermann noch in den Text aufnehmen können – “Doch da ich zugesagt hatte, das Buch ohne Biermann zu machen, wäre es aus den genannten Gründen ein fragwürdiges Vergehen gewesen, ihn ex post facto aufzunehmen.”
 
Trotz dieses freundlichen Entgegenkommens durfte Zipser ab 1985 nicht mehr in die DDR einreisen. Gründe waren unter anderen, dass er sich bei der Leipziger Buchmesse mit dem Dissidenten Lutz Rathenow getroffen hatte, und dass er sich bei der Auswahl der DDR-Schriftsteller, die er für ein Semester ans Oberlin-College in Ohio einlud, vom Schriftstellerverband nicht gängeln ließ. Er lud zum Beispiel Helga Schütz ein; der Verband ließ sie nicht reisen. Daraufhin schickte er die Einladung an Karl-Heinz Jakobs, der heftiger als andere Schriftsteller und Intellektuelle der DDR gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte; Jakobs lebte inzwischen im Westen und bedurfte keines Ausreisevisums der DDR. Der folgende Satz gefällt mir am besten im ganzen Buch: “Ich stelle mir immer wieder gern vor, wie die DDR-Behörden ihre Entscheidung, Helga Schütz nicht ausreisen zu lassen, verflucht haben müssen, als sie erfuhren, dass wir dafür im Frühjahr 1986 Jakobs einluden. Von ihrem Standpunkt aus hätte Schütz die DDR bestimmt immer noch besser repräsentiert als Jakobs.”
 
Der Text schliesst mit dem Kapitel “Nach dem Ende der DDR”; es beschreibt unter anderem Zipsers letzte Reise nach Berlin 1990, siebenundzwanzig Jahre nach der ersten Reise 1963. “Seltsamerweise”, schreibt Zipser, vermisste er die Grenze, “das mulmige Gefühl und die kleinen Schikanen” – offenbar vermisste sein Körper den Adrenalinschub, mit dem ihm der Grenzübergang in die DDR über lange Jahre versorgt hatte. Trotzdem freute er sich natürlich 1990 zu beobachten, wie das bunte und quirlige Westberliner Leben nun auch im Osten Einzug hielt.
Neben allen Deutschprofessoren, die sich für die frühere DDR interessieren, empfehle ich Richard Zipsers Buch Von Oberlin nach Ostberlin auch jenen, die auf dem neuen Gebiet der “Surveillance Narratives” forschen. Wie hat die Stasi Informationen über den Autor gesammelt, wie hat sie sie archiviert und welchen narrativem Muster folgt die Story, die der DDR-Geheimdienst daraus strickte… auf diese Fragen liefert das Buch reichhaltiges Material.

Gabriele Eckart

 
 

Jakob Hein und Jacinta Nandi: Fish’ n’ Chips & Spreewaldgurken. Warum Ossis öfter Sex und Engländer mehr Spaß haben. (Köln: Kiwi, 2013).

Wer annimmt, dass es sich bei diesem Büchlein um eine Studie über Gastronomisches in den beiden Ländern handelt, irrt sich. In der Tat bieten die beiden Autoren einen satirisch übersteigerten Landeskunde – und Geschichtsunterricht, der aus der Perspektive naiver Jugendlicher erteilt wird, die ihrer Fantasie freien Lauf lassen. In einem Interview befragt, wie es zur Wahl dieses seltsamen Titels kam, meinte Hein, dass alle Vorschläge, die er dem Verlag machte, zu “ostig” klangen: “Fish and Chips war o.k, und dann die Frage, was gilt als typisch ostdeutsch. Das waren dann die Spreewaldgurken.” Welche Vorstellungen und Fantasien hatten ein Ostdeutscher und eine Engländerin darüber, wie die Menschen im jeweils anderen Land lebten?
 
Der 1971 geborene, in der DDR groß gewordene Jakob Hein ist von Beruf Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Bekannt ist er jedoch für eine Reihe literarischer Werke, die ironisch-humorig den DDR-Alltag abhandeln. Bekannt ist er ebenfalls für seine Lesungen auf Berliner Sprechbühnen, vor allem bei der Reformbühne “Heim und Welt”. Sein erster großer Erfolg war die Miniaturensammlung Mein erstes T-Shirt (2003), in der er mit geschickt konstruierter Pseudo-Naivität Absurd-Lächerliches und Alltäglich-Normales verquickt. Diese Erzähltechnik – diesmal aus der Perspektive zweier Jugendlicher – weist auch der neue Band Fish’ n’ Chips & Spreewaldgurken auf. Dialogpartnerin des aus der DDR kommenden Ich-Sprechers ist die 1980 in London geborene Nacinta Nandi, die im Jahre 2000 nach Berlin zog, folglich die DDR nur vom Hörensagen kannte. Bekannt ist Nandi in der Berliner Szene als Bloggerin und Surf-Poetin. Die London-Sehnsucht des jungen Berliners – “hippe Klamotten, heiße Musik, harte Währung, scharfe Pornos” – wird im satirischen Gewand mit den überbordenden Romantik-Fantasien der jungen Engländerin kontrastiert, für die der verflossene Staat das Exotischste ist, was es überhaupt geben kann. Der heitere, unverkrampfte Rückblick auf die DDR sowie Heins ausgeprägter Sinn für skurrile Situationskomik bieten dem Leser einen breiten Assoziationsraum darüber, wie es damals wirklich gewesen sein könnte. Das Spiel mit Übertreibungen enthebt das gebotene DDR-Bild jeglicher Wertung.
 
Der Band kreist um fünf Schwerpunkte, die von doppelter Warte gesellschaftliche Thematik beleuchten: “Gesellschaft und Kritik”, “Sex und Einsamkeit”, “Bildung und Verblödung”, “Freizeit und Stress”, “Dienen und Bedienung”, “Sport und Gesundheit”. In den einzelnen Kapiteln überbieten sich die Autoren mit einem Gemisch von Klischees, Fakten, Übertreibungen, Fantasien und skurrilen Erfahrungen. Über Sex im Ferienlager träumt die Engländerin Nandi, und sie reflektiert über den schnellen Zufallssex, der in der DDR schon deshalb besser war, gewesen sein sollte, weil man sich am nächsten Tag nicht anzurufen brauchte; kaum jemand hatte ein Telefon. Und über den 1. April erfährt sie von einem ostdeutschen Liebhaber Seltsames, nämlich dass der Tag verboten war, um staatsfeindliche Witze zu vermeiden. “Stell dir vor, wenn Aprilscherze erlaubt gewesen wären. Dann hätte zum Beispiel einer am Vormittag des 1. April gesagt: Oh, ich haue ab in den Westen! Und erst mittags sagt er: ‘April, April!’” “Dann wären die Stasi-Leute gekommen und haben euch gefoltert, stimmt’s?” resümiert Jacinta Nandi. Und der Ich-Sprecher Hein erinnert sich mit vergnüglicher Ironie an die Bedienungsrituale in den Restaurants der DDR: “Vor die Wahl gestellt, ein Jahr in einem sibirischen Lager zu verbringen oder zehnmal in der nächstgelegenen Clubgaststätte (wie viele DDR-Restaurants hießen) essen zu gehen, hätten viele sicher zunächst gefragt, um welche Ecke von Sibirien es sich denn handeln würde, weil einiges dort landschaftlich ja sehr reizvoll sein soll […] Das vermessene Fragen nach [Bier] Sorten oder anderen Unterkategorien galt als an Frechheit nicht zu überbietende, geradezu spätbürgerliche Dekadenz, die durch den Sieg des Sozialismus überwunden war.” Und so geht es weiter in dieser treffsicheren Ossi-Satire. Sämtliche realsozialistische Widrigkeiten werden aufs Korn genommen, niemand wird verschont. Heins Witz und Ironie sorgen für vergnügliche, unterhaltsame Lektüre. Das Lachen ist eine Möglichkeit der Distanz zu den geschilderten Situationen.

Christine Cosentino

 
 

Christoph Hein, Vor der Zeit. Korrekturen. (Berlin: Insel, 2013)
Hein hatte sich im Laufe seiner literarischen Karriere wiederholt als Chronist bezeichnet, der über sein Verhältnis zur Welt berichtet. Er erzählt distanziert, oft im Protokollton, mit ganz lapidaren Sätzen, die meistens Feststellungen sind. Leerstellen gibt es in seinem Werk zur Genüge, und so muss der aktive Leser selbst Verbindungen herstellen. Auch in seinem neusten Werk, den Korrekturen antiker Mythen, muss Zeitnahes vom Leser selbst erarbeitet werden. Hein wartet mit kleinen Änderungen am griechischen Mythos auf, mit neuen unerwarteten Wendungen, die zeigen, dass alles auch anders hätte verlaufen können. Der erste Eindruck des Lesers ist, dass Hein die unmittelbare Gegenwart verlasse und weit zurückgehe, aber es scheint nur so. Hein benutzt vertrautes mythologisches Material, um die Gegenwart durchschaubar zu machen.
Hein präsentiert 25 Miniaturen mit Neuinterpretationen. Eingeleitet werden diese Miniaturen von einem “korrigierenden” Bericht über den “wahren” Entdecker Trojas (“Das Paradies der Paradiese”) , den heute vergessenen englischen Archäologen Frank Calvert, der Heinrich Schliemann anvertraute, wo er Troja vermutete, und der Schliemann somit die Ausgrabungen ermöglichte. Die Miniaturen enden mit dem Bericht über das “erste Buch Homers”, in dem der blinde Sänger Profitsucht, Machtstreben und Kolonialisierungsabsichten als die wahren Wurzeln und Motive des Krieges entlarvte, eine Tatsache, die der verrohte Odysseus nicht akzeptieren konnte. Er wird – Hein erinnert hier unaufdringlich an seine DDR-Erfahrungen – zum Zensor, fordert Änderungen und Auslassungen, letztlich eine Neuinterpretation des Trojanischen Krieges: Ehre, verletzte Gastfreundschaft und der Raub der schönen Helena seien die wahren Motive dieses “gerechten” Krieges gewesen. Homer muss eine zweite Fassung über den Krieg schreiben. Die beiden Miniaturen in diesem Band weisen einführend und abschließend auf einen Kontext “vor der Zeit”, also vor einer sich auf Quellen stützenden Geschichtsschreibung, in dem es um die Götter des Olymp geht, um den Trojanischen Krieg, um Situationen und Ereignisse, in denen Götter und Menschen aufeinanderstoßen oder in denen sie sich abstoßen. Was geschah zum Beispiel mit der schönen Helena, nachdem der Krieg zu Ende war? Hein wartet mit verschiedenen Spekulationen auf, schließt jedoch mit der Mutmaßung ab, dass die alternde Frau, um den Mythos der Schönheit zu wahren, sich bis zu ihrem Lebensende in einem spiegellosen Raum versteckte. Und wie fühlte sich der vom Krieg geprägte, gewalttätige Odysseus wirklich, als er wieder zu Hause in der Zivilgesellschaft war? Fremd und verwirrt verbrachte er die Tage. Erst als sein Sohn ihn aufforderte, Penelopes Freier zu vertreiben, war er in seinem Element. Er tötete alle: “Er war daheim.”
Hein projiziert den Olymp als Ort, der von Machtgier, Profitsucht, Verleumdung, Korruption, sexueller Lust, Gewalt, Verrohung und Sittenverfall gezeichnet ist. Liegt hier Zeitnahes? In einem Interview deutet Hein selbst auf das in den Miniaturen Ungesagte: “Auf dem Olymp sah es genauso aus wie in Berlusconis Italien oder den Vorstandsetagen der Banken.” Andererseits jedoch ist der oberste Gott und Herrscher im Olymp auch unberechenbar, denn er ist durchaus humanitärer Gesten fähig. Als Herakles, so korrigiert Hein den griechischen Mythos, eine dreizehnte Arbeit abverlangt wird, nämlich seinen Vater Zeus zu töten, fällt er, der Sohn, weinend auf die Knie und betet zum Göttervater. “Das rührte das Herz des unrührbaren Gottes, und er erbarmte sich seiner.” Dem Ruf der Weichheit wollte sich Zeus allerdings nicht aussetzen. Also wurde die dreizehnte Arbeit des Herakles verschwiegen. Eine prekäre Thematik berührt Hein in seiner Behandlung der Asklepiosfigur, des Arztes und Heilers, der auf Ansinnen des Gottes Hades von Zeus mit dem Tode bestraft wurde, weil er Kranke heilte und somit dem Griff des Gottes Hades entzog. Führt die Langlebigkeit der Menschheit zur Vergreisung, und ist der Mensch selbst oder die geriatrische Gesellschaft darauf vorbereitet? Asklepios wird in Heins Miniatur nicht nur mit dem Tod bestraft, sondern in der Unterwelt auf den Stuhl des Vergessens gesetzt, wo er selbst die Vergreisung erlebt: “Bald wusste er nicht mehr den eigenen Namen […] Das Vergessen hatte ihn völlig umfangen, und mit offenem Mund und erloschenen Augen sitzt er für alle Zeit auf dem Stuhl des Vergessens.” Eine der schönsten Miniaturen ist die, die von Prometheus handelt, der, laut mythologischer Vorlage, den Menschen das Feuer brachte und deshalb von Zeus bestraft wurde, der ihn an einen Felsen im Kaukasus schmiedete. Hein gibt dem Schicksal des Menschenfreundes eine andere Wendung: Prometheus wurde von Zeus bestraft, weil er den Menschen der Figur der Hoffnung zugesellte. So wurde die Vorausschau der Menschen auf eine furchterregende Zukunft überstrahlt von leuchtender Hoffnung.
Und so geht es weiter. Hein beschwört das mythische Personal des Olymps herauf. Er berichtet, korrigiert, versieht seine Text mit Widerhaken, schmückt aus und verfremdet. Sein schöpferisches Weiterarbeiten am Mythos beleuchtet unaufdringlich Gegenwärtiges. Doch Hein moralisiert nicht. Er stellt einfach dar, geht auf eine Partnerschaft mit dem Leser ein, den er zum Nachdenken provoziert. Wohl kaum ist anzunehmen, dass Heins Überlegungen die Welt korrigieren, aber sie korrigieren den Blick.

Christine Cosentino

 
 

Zu Teju Coles Open City. Roman(New York: Random House, 2011. Dt.: Open City. Roman (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012)
Was uns an einem Menschen wie an einem Buch fesselt, ist seine Haltung zum Leben. Der Erzähler von Open City ist ein Entwurzelter, nicht zu Hause in Berlin, wo seine Mutter herkommt, nicht in Nigeria, woher sein Vater stammt und wo er selbst seine Jugend verlebte. Daher findet er sein Zuhause in New York City, der ältesten modernen Heimatstadt der Entwurzelten. Er ist ein Solitär, ohne eigene Familie, und das verbindet ihn mit der Hauptlinie der europäischen und der amerikanischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, mit den Bildungsromanen der Deutschen, den Gesellschaftsromanen der Franzosen, mit Kafka, Proust und vielen anderen, aber es trennt ihn gleichzeitig von der Tradition des Familienromans, von den Buddenbrooks ebenso wie von The Corrections. Sein Thema ist die Einsamkeit in der Masse, in der Anonymität, nicht die Einsamkeit in der Familie. Genauer gefasst, ist es nicht die Einsamkeit, sondern das Standhalten gegen sie. Von Glück ist nicht die Rede, und wenn davon Ahnungen in dem konsequenten inneren Monolog, der an keiner Stelle von Dialogen oder anderen literarischen Darstellungsmitteln unterbrochen wird, aufscheint, dann ist es an Kunst (Bilder, Musik) oder an meist zufällige menschliche Begegnungen gebunden. Diese Anlage des Buches hält Kontakt zum Existentialismus, der aber dadurch unter Kontrolle gehalten wird, dass der weiße schwarze Erzähler gar nicht anders kann, als historisch zu fühlen und zu denken. Der Kontakt, das Zwiegespräch mit den und die Erinnerung an die Toten ist (wie wohl bei aller großen Literatur) das Stoffzentrum des Romans, obwohl er sich im (vorwiegend New Yorker) Alltag bewegt wie ein Fisch im Wasser.
Selbstverständlich ist es ein Buch über Rassismus. Aber es wirbelt die oberflächlichen, den alltäglichen westlichen Diskurs darüber bestimmenden Kategorien so gewaltig durcheinander, wie es die Wahrheit erfordert. Der Held verachtet seine Mutter, die sein natürlicher Leidensgenosse sein könnte, ist sie doch die Frucht der Vergewaltigung einer Berlinerin durch sowjetische Soldaten im okkupierten Kriegsberlin, gleichzeitig ist ihm seine Berliner Oma eine Sehnsuchtsfigur, einer Umarmung wegen, die er einmal in Nigeria von ihr erfahren hat. Über den Grund dieser kalten Verachtung erfährt der Leser nichts –– ist sie eine “geerbte” Kälte der Kriegsgewalt? Ist sie ein in sehr tief im Unbewussten verriegelter “existentieller” Rassismus der weißen Mutter gegen ihr schwarzes Kind oder umgekehrt schwarzer Rassismus des Sohnes gegen seine weiße Mutter, vielleicht noch gestärkt durch den frühen Tod seines Vaters? Die Tragik dieses verbrecherischen Unfallknäuels der historischen Verwerfungen, die Menschen aber existentiell prägt, wird vollends unentwirrbar, wenn der Erzähler, der Benjaminsche Flaneur in der Hauptstadt des zwanzigsten Jahrhunderts, von drei jungen Schwarzen, also “brothers”, überfallen, verprügelt und beraubt wird, aber ganz besonders auch in der Szene, in der er auf der Party eines Hedgefond Managers von dessen schwarzer Freundin erfährt, dass er sie als Siebzehnjähriger in Nigeria betrunken vergewaltigte, etwas, dass der Held offenbar völlig aus seinem Bewusstsein entfernen konnte und auch jetzt nicht kommentiert.
An dieser Stelle des Nachdenkens über das Buch liegt der Vorwurf der Trivialität wegen der Inflation von Stoffen nahe. Am wenigsten entgangen ist der Verfasser dieser Falle in einem Kapitel, das in Brüssel spielt, wohin ihn, freilich erfolglos, die Suche nach seiner Oma trieb, die er aber weniger als halbherzig betreibt, wohl ahnend, dass das Proustsche Großmutterglück der “belle epoche” zwar für jeden Erzähler notwendig, weil es doch von alters her die Großeltern sind, die den Enkeln die Erfahrung, zuerst in den Märchen, weiterreichten, aber doch mehr und mehr verloren ist. Stattdessen trifft er auf einen jungen Araber, einen Angestellten in einem Internet-Café, der Benjamin und Barthes liest, auf seiner “Differenz” besteht und dies mit einer Weigerung der Distanzierung von Al-Kaida verbinden kann. Die eitle rassistische Dummheit, die hier intellektuell geschminkt ihren Ausdruck findet, wird aber im selben Kapitel durch die robuste politische Vernunft einer amerikanisch-belgischen Ersatzgroßmutter zurechtgerückt. Man bemerkt, dass das ein bisschen viel Stoff ist, aber es zeigt Coles Talent, dass er dem Scheitern in der Stofffalle entkommt.
Ein anderer Vorwurf, der bei vielen Stellen, wo es um Kunst oder Intellektuelles geht, aber bei diesem “Farouque” besonders naheliegt, ist, dass der Roman sich weniger mit dem Leben als mit dem Denken, mit den Theorien linksliberaler Intellektueller beschäftigt. Die Figur des sterbenden Professor Saito, den der Erzähler verehrt, bringt z.B. auch noch die Gender- und Schwulen-Debatte ins Spiel. Nun ist dieser Vorwurf schon Größeren wie Musil und Proust gemacht worden, und er trifft auch für Cole nicht zu. Man irrt sich leicht über die angebliche Trennung von Denken und Leben. Es mag zwar stimmen, dass Open City einen Teil seines Erfolges der Tatsache verdankt, dass jede (amerikanische) Studentin, die intellektuell-politisch up-to-date ist, “ihre Sache” darin häppchenweise konsumieren kann, aber die wirkliche, die subkutane Wirkung des Buches beruht doch auf etwas anderem: auf der Ökonomie des Zusammenhangs. Dieser Zusammenhang ist das autonome Individuum, ein Mann, der seinen Weg geht. Und das ist eigentlich das Erstaunlichste an dem ganzen Buch: wie kann einer im 21. Jahrhundert, wo wir Europäer in Europa und New York doch (seit Marx, Freud, Benjamin, Adorno, Foucault und Derrida – oder: seit zwei Weltkriegen, den Konzentrationslagern und dem Fall des World Trade Centers) wissen, dass es damit endgültig vorbei ist, einen solchen Zusammenhang in der Ökonomie eines geschliffen geschriebenen Buches, also in der Haltung, authentisch darstellen? Vielleicht kann das nur ein “naiver” amerikanischer Schwarzer. Zweifellos ist dieses “Individuum” beschädigt, nicht “unteilbar”, keine “Persönlichkeit” (sondern z.B. ein Vergewaltiger), aber es besteht doch auf einer pragmatischen inneren Konsistenz des Einzelmenschen, die etwa Kafka schon vor hundert Jahren in Richtung Tierreich hinter sich gelassen hat.
An einer Stelle wird das explizit deutlich, wenn der Erzähler, der doch Psychiater ist, kurz auf Freud zu sprechen kommt und dabei ganz den in der psychologischen Praxis der USA herrschenden Antifreudianismus wiederholt, obwohl er sich doch für Freud zugänglich zeigt. Freud als Kulturwissenschaftler ist jedoch ein weißer Fleck in seinem Bewusstsein. Und so kann dieses Buch auf einen Europäer vielleicht etwas anders wirken als auf einen Amerikaner, nämlich romantisch, so als ob der Gottfried Benn der frühen Rönne-Novellen von 1916 noch einmal politischere Gestalt angenommen hätte und als ob Döblin, Joyce und Dos Passos, obwohl der Autor die beiden letzteren sicher gut kennt, ihre Hauptwerke noch nicht veröffentlicht hätten.

Rainer Stollmann

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