Nov 14 2017

Ansprache am Mauergedenkort 9. November 2017

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Ansprache am Mauergedenkort
9. November 2017

Freya Klier

 

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Regierender Bürgermeister, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Freunde!

1.

Lässt sich nach 28 Jahren noch vermitteln, wie es war, abgeschottet zu sein? In einer Diktatur leben zu müssen, in der auf Dich geschossen wurde, sobald es Dich hinaus in die Freiheit zog?

Fluchtversuche gab es, nachdem die 1400 km lange Grenze zwischen Ost und West mit Erdminen und Selbstschussanlagen aufgerüstet war, immer wieder. Und immer seltener glückten sie. Ich selbst habe mich entschlossen zu fliehen, als 1966 mein 17- jähriger Bruder für 4 Jahre ins Gefängnis kam, weil er und seine Freunde Liedtexte von den Rolling Stones und den Beatles besaßen, die sie der Polizei nicht aushändigen wollten. Die, als sie von der Polizei zusammengeschlagen wurden, „Ihr Nazis!“ riefen.

Zwei Jahre später versuchte ich zu fliehen – ich wollte im Rostocker Hafen mit einem Schiff nach Schweden gelangen.

Mein Plan wurde von DDR-Matrosen verraten, noch im Hafen klickten die Handschellen. Ich kam ins Gefängnis.

Bei jedem DDR-Flüchtling hat sich der Ablauf der Flucht eingebrannt, besonders der Moment des Scheiterns. Auch erinnern wir uns der schlimmen Momente unserer Haftzeit… der schier endlosen Demütigungen durch das Wachpersonal, dessen Macht und Willkür auch im Sozialismus kaum gebremst war.

2.

Später bekam ich mit meiner Familie eine Wohnung im Prenzlauer Berg zugewiesen, und die lag dicht an der Mauer, in der Oderberger Straße. Täglich, wenn wir nach Hause gingen, starrten wir auf dieses Ungetüm aus Beton, das uns signaliserte: ´Hier ist für Euch Schluss – sonst wird geschossen!´

Hinter der Mauer aber, auf der Westseite, stand eine Aussichtsplattform: Dort schauten Menschen aus der freien Welt in unsere Oderberger Straße hinein wie in ein Aquarium. Manche fotografierten, andere filmten. Für uns war es ein unangenehmes Gefühl.

Das endete erst mit dem 9.November 1989. Und wieder schauen wir auf die Oderberger Straße:

Am Abend dieses 9. November 1989 verlässt der Vikar Thomas Jeutner mit seiner hochschwangeren Frau Marianne die Oderberger Straße Nr. 5. Die beiden wohnen hier und wollen noch etwas spazieren gehen, wie fast jeden Abend so kurz vor der Geburt.

Heute entscheiden sie sich für einen längeren Weg – die Oderberger hinunter bis zur Mauer, dort einfach die Straßenseite wechseln und wieder zurück. Dabei wird der junge Theologe Zeuge eines vermeintlichen Hörspiels:

„Wir sind also die rechte Seite, wo die Feuerwache ist, runtergegangen“ – erinnert sich Thomas Jeutner – „sehr langsam, meine Frau stand ja kurz vor der Geburt. Es war schon dunkel. Vor dem Klub der Volkssolidarität, also nicht weit von der Mauer entfernt, stand ein Trabant, mit heruntergekurbeltem Fenster. Und der Fahrer hörte unverschämt laut ein Hörspiel aus seinem Autoradio. Erst ärgerte mich seine Rücksichtslosigkeit, dann blieb ich aber ein bisschen stehen, denn es lief ein Science-Fiction- Hörspiel und das war ziemlich packend: Die Rede war von einem Land mit einer Mauer, und die Mauer sei geöffnet, man hörte viel Trubel…

Ich war sauer. Ich fand es ziemlich geschmacklos, so etwas zu senden. Wir standen ja direkt vor der Mauer – das Ungetüm war ja da! Ich dachte, die spinnen total. Verärgert kehrten wir um…“

Als Thomas Jeutner am Spätabend einen Anruf von seinem Bruder erhält, weiß er, dass das vorhin kein Science Fiction war!

Die Mauer ist tatsächlich offen, wenn auch noch nicht an der Oderberger Straße.

3.

´Es war die erste unblutige Revolution in der deutschen Geschichte´, können Schüler heute in ihren Büchern darüber lesen. Sie ahnen die Dramatik – von der Massenflucht über Ungarn, den Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau, von Gründungsaufrufen oppositioneller Gruppen. Sie lesen, wie zuerst Hunderte DDR-Bürger auf die Straßen gingen, bald schon Tausende und schließlich Millionen – getrieben von dem Wunsch nach Freiheit und Demokratie…

Lesen können sie es – doch ahnen sie damit auch die überbordenden Gefühle ihrer Eltern und Großeltern, als die Mauer schließlich fiel?

Und wann spürten wir selbst, dass dies eine historische Stunde ist? Beim Versprecher eines Politbüro-Mitglieds? Bei den ersten

´Wahnsinn!´ – Rufen auf der Bornholmer Brücke, bei stammelnden Politikern, dem plötzlichen Verkehrschaos?

Spätabends erreichte mich ein Anruf aus Kanada: Unsere Freunde weinten am Telefon, denn sie sahen im kanadischen Fernsehen Trabi-Paraden und Freudentänze auf dem nächtlichen Ku´damm. Ich weinte mit… und nicht zum ersten Mal an diesem Abend.

Schon am nächsten Tag konnte man in Kreuzberg kaum noch treten. Ost-Berlin schien geschlossen Richtung Westen gerückt zu sein. Noch immer herrschte Ausnahmezustand, lag ´Wahnsinn!´ in der Luft. An reguläre Arbeit war nicht mehr zu denken. Was konnte man anderes tun an diesem Tag als mitzustrahlen und im Pennymarkt was Trinkbares zum Anstoßen zu holen?

Am 11.November stand ich dann am Checkpoint Charlie. Eine Schulklasse zog mich dort in ihren Bann, die aussah, als hätte sie bereits zwei Tage und Nächte durchgefeiert. Müde schauten sie auf kofferbeladene Flüchtlinge, durch den Checkpoint hasteten jetzt vor allem Familien mit Kindern: Wer wusste denn, ob das ganze nicht ein Versehen war und morgen die Grenzer wieder aufmarschierten?

Im Unterschied zu seiner Klasse war der Lehrer hellwach – hingerissen kommmentierte er das Geschehen. Der Mantel der Geschichte wehte, und er durfte mit seiner Klasse dabei sein:

´Nadine, schlaf nicht!´, rief er einem Mädchen zu. ´Schlafen kannst Du zuhause. Hier…´ – seine Arme fuchtelten in Richtung der hastenden DDR-Bürger – ´hier fliehen noch Menschen von Ost nach West!´…

Nadine versuchte, sich zu straffen. Und ich vergaß, die Jugendlichen zu fragen, woher sie kommen.

Unter den vielen Episoden in diesem Herbst 1989 gehört diese zu meinen liebsten. Die Schüler dürften heute etwa 40 Jahre alt sein. Und keiner von ihnen wird diese Klassenfahrt vergessen haben, da bin ich sicher.

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