Jul 06 2020

„Unalienable Rights“

Published by at 7:25 am under Comments on current affairs

„Unalienable Rights“

 

Amerikas Unabhängigkeitserklärung

damals und heute

by Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia

 

Am 4. Juli druckte der Virginian Pilot, unsere regionale Zeitung hier in Norfolk, Virginia, zum 244. Jahrestag von Amerikas „Declaration of Independence“ dessen Text in ihrer Rubrik „Opinion“ erneut ab. Während ich ihn las – und noch einmal las – löste er in mir auch mehr und mehr persönliche Erinnerungen und aktuell politische Betrachtungen aus.

Über vierzig Jahren lebe ich nun schon in den Vereinigten Staaten. Ursprünglich war ich nur für ein Jahr in dieses Land gekommen, um an der Cornell University im Staat von New York eine Magister-Arbeit über den „American Dream“ in der modernen amerikanischen Literatur zu schreiben. Doch dieses eine Jahr war nur der Anfang meiner langen Lehr- und Wanderjahre als „gypsy scholar“, wie man hier junge Akademiker nennt, die oft jahrelang von Universität zu Universität ziehen und sich mit Zeitverträgen durchschlagen auf der Suche nach „tenure“, einer Lehrstelle auf Lebenszeit.

Bereits zu Beginn meiner fast dreißig Jahre währenden Wanderschaft, die Anfang der siebziger Jahre mit meinen Studien in Deutschland und England begann, dämmerte mir, dass der Beruf der Lehre und Forschung auch meine eigentliche Berufung, mein wahrer Traumberuf werden könnte. Und so bin ich denn dem Ruf dieses Traums bis an die Westküste der Neuen Welt, bis ans Ende der sogenannten Westlichen Zivilisation gefolgt. Und ja länger ich in Amerika von Santa Barbara in California – über mehrere andere Institutionen – schließlich bis nach Norfolk in  Süd-Virginia diesem Ruf folgte, desto klarer wurde mir, dass ich dem Traum von Amerika nicht nur in seinen großen, modernen Romanen, sondern viel mehr auch noch selbst direkt und landesweit auf der Spur war.

Hieß es doch bereits in Amerikas „Declaration of Independence“, dass die „pursuit of Happiness“ letztendlich die endgültige Erfüllung, gewissermaßen die Endstation Sehnsucht der amerikanischen Freiheit und Unabhängigkeit sei. Mit dem „Streben nach Glück“, wie die deutsche Übersetzung dieser „pursuit of Happiness“ lautet, ist freilich diese nationale Suche und Sehnsucht nur ungenügend übersetzt, denn es ist ja nicht nur ein sehnsüchtiges Erstreben, sondern vielmehr auch ein tatkräftiges Verfolgen dieses oft so flüchtigen Glücks gemeint. Und dieses sagenhafte Glücksversprechen sollte anscheinend auch mein „unalienable right“ sein, selbst wenn ich ein Leben lang nur ein sogenannter „resident alien“ geblieben, also kein regelrecht eingeschworener Bürger der Vereinigten Staaten geworden bin.

The pursuit of Happiness! Die gute, alte deutsche Bildungsreise als neue amerikanische Lebensreise. Und das für ein glückliches Leben lang! Was für eine herrliche Horizonterweiterung, was für ein farbenfroher Spannungsbogen! What a trajectory and sparkling destiny at the end of the rainbow. Looking back at my German-American “Way of Life” from our house here in Norfolk a few steps away from the water and its sandy beaches, I have to say, that so far I have been very fortunate, in other words, very lucky and very happy in this country. For me, America has truly lived up to its national promise from sea to shining sea.

***

Und jetzt das schreckliche Erwachen aus diesem amerikanischen Traum. Das Aufschrecken im Alptraum der amerikanischen Gegenwart. „I can’t breathe“. Dieses immer schwächer werdende Todesröcheln von George Floyd entsetzte nicht nur das ganze Land, es ging auch wie ein vielfaches Echo rund um die ganze Welt. Wie unendlich weit sind wir doch noch vom Versprechen der Gründerväter und ihrer verkündeten Wahrheit entfernt:

“Wie hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among those are Life, Liberty …”

What scandalous travesty! Diese selbstverständliche Binsenwahrheit der modernen Weltgeschichte und ihrer sogenannten Westlichen Zivilisation war von Anfang an die scheinheiligste Binsenlüge der amerikanischen Gründerväter und ihrer gutgläubigen Brave New World! Diese Gründerlüge wurde nicht nur im vollen Bewusstsein der systematische Versklavung der schwarzen Bevölkerung diese Landes ausgesprochen, sie wurde zudem auch noch weiter unterstrichen durch die stereotypische Diffamierung sämtlicher indigener Völker dieses Kontinents, von denen es kurz und bündig in diesem nationalen Gründungsdokument heißt, sie seien „merciless Indian Savages, whose known rule of warfare is an undistinguished destruction of all ages, sexes and conditions“.

Im Rückblick gibt sich dieser landesweite Rufmord bereits als eine vorauseilende Rechtfertigung des am Horizont schon düster heraufziehenden Landraubs und Völkermords an den Indianern Nordamerikas zu erkennen. Und damit nicht genug. Auch das weibliche Geschlecht, die früher so verlogen hochgelobte „bessere Hälfte“ des Mannes, wurde in dessen selbstherrlicher Behauptung „that all men are created equal“ von Anfang an vollkommen totgeschwiegen. So konnte man die Frau – linguistische Konvention hin und politische Konvenienz her – von Anbeginn staatsrechtlich und sozialgeschichtlich mundtot machen.

Kurzum, selbst die weißen Frauen des weißen Mannes waren ursprünglich von der vielbeschworenen Freiheit und Unabhängigkeit genauso ausgeschlossen, wie all die Andersfarbigen des Landes, die Verschleppten, Verfolgten und letztlich vielfach Ausgerotteten Amerikas. Sie alle, die zusammen die eindeutige Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten, blieben zeitlebens und auf Generationen hinaus die Anderen, die mehr oder weniger Fremdartigen – in andern Worten – aliens with no unalienable rights.

Der Staat von Virginia – die voraussichtliche Endstation meines „American Dreams“ – gehört nicht nur zu den ersten Gründerstaaten der USA, seine Hafenstädte am Atlantik, allen voran Norfolk hier an der Mündung der Chesapeake Bay, waren einst auch zentrale Umschlagplätze im transatlantischen Sklavenhandel. Nicht zufällig werden denn auch hier zurzeit die Statuen von prominenten Generälen der Konföderation gleich reihenweise gestürzt. Und genau betrachtet müsste auch mit einigen Statuten der Unabhängigkeitserklärung ähnlich verfahren werden. Sie sind schon lange Makel und Makulatur der Unabhängigkeitsgeschichte dieses Landes und dergestalt wachsender Spott und Hohn auf die demokratischen Ideale dieser historisch insgesamt so progressiven Nation.

“But wait a minute, my dear resident alien from far-away Germany. Who are you to criticize our country, to desecrate our national memory, to vandalize the founding documents of our proud American history …?!” So höre ich die Patrioten Amerikas missmutig murren. “As the son of a fatherland that plunged the world into two World Wars … not to mention the horrors of the Holocaust! You should talk!!”

Und ich würde ihrer aufgebrachten Landesverteidigung vollkommen zustimmen und dies nicht zuletzt um ihrer selbst willen.  In der Tat, ich muss reden, denn was ich schon lange weiß, das macht mich selbst heute noch heiß – hot under the collar, as they would say in this country – denn gebrannte Kinder scheuen bekanntlich ein Leben lang das Feuer. Und unser deutsches Vaterland ist nicht nur einmal, es ist gleich zweimal abgebrannt. Allein schon unsere Väter und Großväter konnten so manche Schreckensgeschichte davon erzählen. In anderen Worten, genauer, in den Worten eines ganz Andern: I have a nightmare!

***

So müsste man wohl heute Martin Luther Kings einst so vielversprechende Zukunftsvision umbenennen, jene große Mosaische Traumvision vom Gelobten Land, die er vor über einem halben Jahrhundert für die Nachfahren der einst hier Versklavten als gemeinsamen Traum von Amerika so prophetisch und rhapsodisch herausbeschworen hatte. Doch heute scheint dieser so episch-poetische Zukunftstraum zu einem omnipräsenten Alptraum geworden zu sein in Anbetracht des derzeitigen Volksverführers im Weißen Haus.

Er hat sich jetzt schon als einer der scheinheiligsten Lügenbeutel der modernen Weltgeschichte einen berühmt-berüchtigten Namen gemacht. Und seine Gefolgschaft, die ihm beim Bau der Grenzmauer im Süden des Landes zujubelt und sich für seine rassistischen und xenophobischen Tiraden begeistert, folgt ihm verblendet auf Gedeih und Verderb, grad so, als wäre er der Rattenfänger von Hameln. Nur zu gern tanzen seine Anhänger nach seiner Pfeife und huldigen ihm in dichten Haufen und am liebsten ohne Mundschutz lautstark und tolldreist auf Gott und Teufel komm raus.

Geblendet von den glitzernden Türmen seines megalomanischen Immobilien-Imperiums tanzen und taumeln sie ums Goldene Kalb seines Turbo-Kapitalismus, der die Wirtschaft Amerikas um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste so schnell wie möglich wieder anzukurbeln verspricht. Und gleich ihm pfeifen auch sie zuhauf – und viele von ihnen mehr oder weniger bibelfest – auf die sich erneut ausbreitende und immer mehr ausweitende Corona-Pest. Grad so, als wäre sie nur ein lästiger Schluckauf oder eine vorübergehende Atemnot und dabei pochen sie trotzig auf ihren althergebrachten “American Way of Life” und sein verbrieftes amerikanisches Recht und Gebot …

Its unalienable rights to “Life” and “Liberty” … until more and more of us will become those others … who cannot swallow and breathe anymore … even with ventilators in overcrowded hospices and hospitals … where death is already waiting patiently in the wings … taking more and more of his familiar liberties … until we all will finally be equal and free … to die all across this promised land … from sea to shining sea.

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