Dec 19 2020

Jürgen Fuchs zum 70. Geburtstag

Published by at 6:08 am under Literatur- und Kulturnachrichten

Jürgen Fuchs 70.

 

Making Of „Scheinwerfer“

 

Erinnerungen an Jürgen Fuchs zum 70. Geburtstag

am 19.12.2020

Axel Reitel, Berlin

 

Am Sonntag, den 12. September 1982 landete ich als Delegierter eines Kongresses über politische Hafterfahrungen mit einem Freiflug aus Hamburg in Tegel, Westberlin. Doch war schon bei der Ankunft der kostentragende Kongress wie vergessen. Zwei Bekannte aus meiner Geburtsstadt Plauen, die wie ich von der Bundesrepublik freigekauft wurden[1], holten mich ab und fuhren, nach einer Willkommensrunde im dichten Kreisverkehr um die Siegessäule, geradenwegs zum Jazz-Brunch ins Kreuzberger York-Schlösschen: Ein Treffpunkt der aus der DDR ausgebürgerten Opposition, die vor allem einen Namen im Mund führte, der mir aufs Angenehmste vertraut war. Ich hatte sowohl sein Foto vor Augen als auch das mit grünem Filzstift abgeschriebene Gedicht „Scheinwerfer“. Ich hatte es mit Prenaband, im Westen gab es Tesa-Film, an das Gewürzregal meiner Wohnung in der Plauener Myliusstraße 6 gepappt, wo es bei meiner Verhaftung abgerissen wurde. Bei den Verhören fragte einmal der Stasi-Oberleutnant: „Kennen Sie diesen Jürgen Fuchs?“ Und gab selbst gleich die Antwort: „Der macht doch auch nur aus einer Mücke einen Elefanten.“

 

Jürgen Fuchs (links) und Adam Zagajewski
Foto: Bernd Markowsky / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. 

 

1983. „Warte, ich geb es dir durch“, sagte Jürgen. Wir telefonierten zwischen Bülowstraße 30 und Tempelhofer Damm 54. Ich hatte ihm diese Geschichte erzählt, und Jürgen begann sein Gedicht „Scheinwerfer“ zu diktieren, gab auch die rhythmisierenden Zäsuren an, und so schrieb ich es ein zweites Mal auf. Utz Rachowski, am 12. September im York-Schlösschen dabei, hatte mich mit Jürgen im Laufe der Monate bekannt gemacht. Bisher hatte ich zwei Gedichte von Adam Zagajewski vertont – darunter das Gedicht „Hegel“ –, und bei einer Lesung mit Utz in Bielefeld vorgetragen. Utz und Jürgen kannten sich schon von der Erweiterten Oberschule, so lautete der SED-staatliche Begriff für Gymnasium, in Reichenbach im Vogtland. Dann hatte ich Utz einmal so verstanden, dass beauftragte Stasiagenten unter Jürgens Auto vor der Haustür Tempelhofer Damm eine Bombe hochgehen ließen, als er mit Lilo und den Kindern aus dem Haus kam.

 

Text „Scheinwerfer“ mit Gitarren-Akkordbezeichnungen

 

Vor allem denke ich aber mit unendlicher Freude an die erfolgreichste Revolution aller Zeiten, die Friedliche Revolution 1989, und wie wir am Rosenmontag 1990, Jürgen, Utz und ich, die Lesung am Theater der Stadt Plauen bestritten. Die Reihe hieß „Das brisante Stück“, und kurze Zeit darauf nahm der anwesende Intendant wegen Stasi-Spitzeleien seinen Hut. „Der hat ein paar Mal richtig aufgehorcht. Hätte er nicht gedacht, dass eine Knastgeschichte Literatur sein kann.[2] Und so, wie du das machst, so feinsinnig, das kann ich nicht“, sagte Jürgen nach der Lesung und sah mir direkt ins Gesicht. Wir waren nach Reichenbach weitergefahren und saßen in der Wohnung von Utzʼ wunderbarer Mutter Lisbeth, in der Gabelsbergerstraße 2.

Neun Jahre später, am 9. Mai 1999, musste Jürgen zur großen Erschütterung von uns allen, und „nicht von Gott gewollt“, wie er sagte, an Blutkrebs sterben. Ich schlug zu Hause in seinem Rowohlt-Band Gedächtnisprotokolle die Seite 60 mit den „Scheinwerfern“ auf. Dann nahm ich die Gitarre zur Hand, von Zeile zu Zeile auch das gerade Beschriebene im Blick und wie es Lilo Fuchs im nachfolgenden Interview, dem der Text der „Schweinwerfer“ beigefügt wurde, betitelt hat: DPM Nr. 564 Sep-Okt 2020 65. Jahrgang S. 108-114 Fuchs Reitel

 

 

 

Anmerkung:

Die Vertonung dieses Gedichtes durch Axel Reitel, für dessen eigenen Weg zum Dichter es von enormer Bedeutung war, findet sich auf der CD ohne anzuklopfen von Axel Reitel & collegium novum.[3]

 

Wir bedanken uns bei der Redaktion der Zeitschrift Die Politische Meinung, der Zweimonatsschrift der KAS, für die Erlaubnis zum Wiederabdruck des Interviews mit Jürgen Fuchs und beim Fotografen Dirk Vogel für die Erlaubnis zur Reproduktion seines darin befindlichen Bildes von Lilo Fuchs.

 

Fußnoten:

[1] Vgl. mein Radiofeature über die Freikäufe: https://www.youtube.com/watch?v=AJHDK0_Wp60, Stand 13.12.2020.

[2] Diese Geschichte hier http://collegiumnovum.blogspot.com/2013/08/erzahlung-sascha-oder-die-bibel-die.html, Stand ebenfalls vom 13.12.2020.

[3] Siehe hierzu die Rezensionen „Aus Plauen“ in der Welt und zur Gedächtnislesung Jürgen Fuchs in der FAZ (eingesehen am 18.12.2020).

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