Jun 2013

Klaus Rainer Goll

HINTER DER GRENZE 

 

die gedanken
sind frei / aber
wie kommen sie
über die grenze
den todesstreifen

 

hinter der grenze
liegt boizenburg
nicht weit von hier
im mecklenburgischen zur elbe hin
sagst du ein katzen
sprung ein steinwurf weit
für uns aber zu weit und warum
auch steine werfen lieber worte
zukommen lassen über die grenze
briefe und manuskripte wie
vögel / auf die wir warten
weil es doch
endlich frühling werden soll
auch in den elbniederungen
bei boizenburg

für knuth / der mir seine gedichte schickte
groß sarau, vor 1989

 

sonnenlandschaften
hinterm see / die grünen
und gelben katzenbuckel
farbspiele schmeichelnd
unterm sonnenauge selbst
dem tarngrün lauernder
grenzfahrzeuge
zwischen pappelspitzen
ducken rote dächer sich
unentwegt im
feinen gitter von
licht und schatten schweben
segeltücher mit emsigem sommer
blick an den wachtürmen vorbei
krümmen strahlengitter
und hundebellen im
sicheren versteck / jenseits
des sees / hinter
büschen und bäumen liegen
tot die häuser da blinkt
aus ihren roten fenstern auch
die abendsonne
glühende zeichen verteilt der
himmerl schweigend weit
über die todesstreifen hin
aus / huschen
über gelbe senfblüten die
wolkenschatten
gespenstisch
dunkle tellerminen
da steht kein mensch am ufer
und lacht
jenseits des sees
wenn ein flugzeug in die
sonne fliegt oder
ein vogel seine kreise zieht
von hüben nach drüben
und die strahlengitter durchbricht
für alle zeit so dass
das licht hier wie dort
unbemerkt über die hügel
flutet
kein mensch winkt da am ufer
drüben nicht und hier
da bellen hunde nur
ausdauernd übern see brechen ein
mit ihrem bellen in die warme
haut der badegäste
und irgendwo
verbrennt noch immer ärmlich
das licht der lupinen
in der landschaft

Aus sonnenlandschaften, 1983

 

an der trave (1977)
I
ein dampfer fährt vorbei
skandinavien-line
die winkenden hände am ufer
als fähnchen im wind
ein dunkler dampfton
vom wasser her
verzaubert die kinder
und lange sehen sie dem giganten nach
und wie die möwen sich scharen
am heck

II
nicht weit entfernt fliegt unbemerkt
ein (raub)vogel
von deutschland nach deutschland
drüben hat er sich in den bäumen
ein nest gebaut / doch hier
sucht er sich
die mäuse
für die jungen

III
weder stacheldraht
noch todesstreifen können ihn hin
dern / seine (vogel)freiheit zu
erproben
groß ist die angst
der jäger ihn zu verlieren
sie trauen ihren gedanken
und der freiheit nicht
und wenn sie könnten würden sie auch
in den räumen der vögel
ihre mauern errichten
oder ihre schießanlagen

IV
wenn er aber fliegt und seine kreise
zieht / von hüben nach drüben
gehört er niemandem nur sich
und überall am fluß
ist er zu hause

V
ein vogel fliegt über die trave
von deutschland nach deutschland
was er dabei sieht sind wälder wasser
und land und himmel und nicht
die wachposten in ihren verstecken /
aber die kinder
die diesseits des flusses einem dampfer winken

Aus: dies kurze leben, 1997

 

über die grünen hügel
aber es ist keine bleibe
für eine wolke / wenn
der wind geht und herbstlich
die gärten stehn farbig verweht
das land unter einem grauen
glockenhimmel / wo
horizonte ganz verkniffen / und
bissig lauern hinterm see
wacht das gewehr bei fuß
jagdbomber zerreißen die hellen wolken
auf einer blauen schultüte
kratzen den himmel an zer
splittern traum für traum
während nachbar klein
zum dritten mal heut
seinen hund ausführt
mit leisem gezielten auge
wie auf einem kontrollgang
am friedhof vorbei
auf dem er bald sagt er
seinen frieden haben wird
für immer einen platz
an dem er bleiben kann ein platz
kaum kleiner als sein bett
im wind / der über
die hügel geht über
die grünen hügel
aber der hund sagt er / der
hund

 

ahrenshoop (1983)
für ruth

die schönen häuser
riedgedeckt
am dünenrand
wer schlägt sie / dass
sie sich ducken müssen
hinter büschen und bäumen
wenn
die sonne abends
glühend rot
ins wasser fällt
heimlich rote mädchenwangen
der atem vor dem meer
weit der blick
hinausgetragen
die stummen worte
in den flugscharen
ausbrechend
von zeit zu zeit
im freien vogelflug
mit heiserem schrei
himmel und erde
bewegt verborgen versteckt
in dir /
wenn der atem geht

 

versammlung der weggefährten
in einem brief an günter kunert

der blick aus dem fenster
geht über den see / hinüber
aufs gebiet der ddr / dem anderen
teil deutschlands (wie`s so schön
heißt) den ich / seit meiner
kindheit / immer
aus der ferne
vor augen hatte / geboren in dieser
landschaft / an den wassern der trave
und ostsee / an den grenzgewässern
mit den harmlosen burgen aus sand
eingebuddelt darin das lachen der
kinder
heimlich versteckt im flug der vögel
hinüber / auf die andere seite
immer wieder einmal nach drüben
gewinkt
in der hoffnung / doch
einmal bemerkt zu werden
vielleicht von den grenzsoldaten
in ihren schlupflöchern am hang
alles schien zum greifen nah
in wirklichkeit aber / war alles so
weit entfernt
so ist es lange geblieben
nähe entstand allmählich erst
im wort / auch im wort deiner
gedichte / die mit den vögeln
wie träume über das wasser kamen
die worte in deinem brief wie in
einem boot
kleine fixsterne im gefieder / die
aufblitzten und verschwanden
sich festsetzten im kopf
auf einmal verband uns vieles
tauchte plötzlich auf / hinter den
rändern der worte / auch in den
gedichten deiner weggefährten / die
längst mit dir / alle in einem boot /
aus den worten geschwommen sind
und diesseits des flusses
leben / nicht alle / aber einige /
vertrieben durch die kälte des zorns
den ihr auf euch gezogen habt
in die harmlosen burgen aus sand
diesseits des flusses
auf einmal versammeln sich alle
in meinem brief an dich
der kunert lebt hier heißt es
die kirsch dort / und brasch und
kunze ganz woanders / irgendwo
und becker und bahro
und biermann / der hat nur noch einen
gedanken / seinen kranken freund
havemann lebend wiederzusehen /
das tät weh / die trennung von ihm
und bloch sei tot / die gespräche
mit ihm mitten im wort abgebrochen
zu ende / und die Seghers stehe auf
einem anderen blatt
gespräche finden in den köpfen statt
und in den herzen
und der mensch lebt allemal noch
durch den kopf
so sind wir uns begegnet
in den gemächern der worte
und gedanken
wir sprechen miteinander / in
einundderselben sprache / wirklich
und wir finden unsere texte
gemeinsam in büchern wieder
das ist unser terrain geworden
auf dem ernsthaft
das freie feld erprobt wird
wie gut
auf diese weise brauchen die gedanken
und worte von damals
nicht mehr zu frieren
 
 
 

ZEIT VERGEHT

 

balance
kein grund zur freude
wenn die vögel fliegen
im kanonenregen
putzt genüsslich
die katze
sich das fell
am augenrand
lauern die gefahren
gefrieren sehnsüchte
zu messerscharfen kristallen
die uhren erstarren
früh
vor dem grau der zeit
die worte treffen
taube ohren
die rede wird
zum blauen fluß
auf schmalem balken
balanciert
das nackte leben
abseits
prall und wolkenschön

die vögel fliegen

 

der bücherberg
vor meinem bett
wächst / eine mauer
aus worten
verhöhnt den schwarzen tag
so leicht
zu überwinden
im hürdengang
der zeichen und laute
abgetragen
silbe um silbe
wortstämme / unterm arm
wortbausteine
geschichtet gespeichert
im kopf
von herz zu herz bewegt
in schwarzweißem zelluloid
bewahrt
rasch züngelndes material
entflammt / wie damals
auf dem opernplatz

 

gefangen
im netz der zeit
die zeit die wir nicht haben
die wir nicht besitzen
die uns zufällt
jede zeit
die uns zufällt
überfällt und besitzt uns
nicht alles
hat seine zeit
sie hält und gefangen
ihr vergittertes löwenmaul
die eisenspitzen
hinter unsichtbaren mauern
in den lüften / auf der haut
im kopf
im lauf der zeit
die fliehenden schatten
einer liebe
unterm vogelflug
erinnerungen
die herzkammern leer
schlagen die hasen
auf endloser flur
verzweifelt
ihre haken
auch die zeit
ist ein einsamer jäger

 

In niendorf. vor dem meer
die sonne geht unter
ungeheuer rund und rot
am ende
eine orange
die bilder im kopf
fotomontagen
weichen zurück
das meer bleibt
die zeit
kommt welle auf welle
meer und sonne
malen goldene spiegel
in den sand
eisleckende nonnen
stehen
gleich schweigsamen pinguinen
im zauberglanz
wellenzungen
lecken
die steine glatt
auf den lippen
schmilzt das eis

Aus: zeit vergeht

 

für virginia woolf
zeit vergeht
was bleibt ihr anderes übrig / was
sollte sie anderes tun
als vergehen
sie hat keine andere wahl
und du

vielleicht aber
ist alles nicht wahr
vielleicht
vergeht die zeit
gar nicht

vielleicht
vergehen nur wir
in der zeit
in einem meer
vollkommen ungeschaffener zeit

und die zeit
lacht über uns




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