Aug 2016

Erinnerungen an Robert(o) Schopflocher: Ein multikulturelles Leben als Vorbild

von Reinhard Andress

Ich kam vor etwa zehn Jahren auf Robert Schopflocher zunächst über seine Doppelsprachigkeit. Damit meine ich nicht nur eine relativ beliebige Mehrsprachigkeit, sondern auch die Fähigkeit, literarisch in zwei Sprachen schreiben zu können, oft als Ergebnis des Exils. In seinem ersten Erzählband auf Deutsch, Wie Reb Froike die Welt rettete, las ich mich fest, und da ich Spanisch durch Studium und Ehe kann, nahm ich mir ebenfalls seine früheren, in der Sprache geschriebenen Texte vor, etwa den Erzählband Ventana abierta (Offenes Fenster) oder den Roman Extraños negocios (Seltsame Geschäfte). Auch seine weiteren Bücher auf Deutsch schaffte ich mir immer schnell an und las sie mit Begeisterung, etwa die Autobiographie Weit von wo oder die Romane Die verlorenen Kinder und Das Komplott zu Lima.
Denn abgesehen von der Doppelsprachigkeit hielten mich seine Bücher natürlich auch thematisch fest. Dem erwähnten Erzählband Ventana abierta hat Roberto das folgende Motto des Poeten Miguel Hernández vorangestellt: „Soy una ventana abierta que escucha / por donde va tenebrosa la vida. / Pero hay un rayo de sol en la lucha / que siempre deja la sombra vencida.“ Auf Deutsch hieße das etwa: Ich bin ein offenes Fenster, das lauscht, wohin das Leben düster schreitet. Es gibt aber einen Sonnenstrahl im Kampf, der den Schatten immer besiegt. Dieses Motto gilt, ich glaube, für Robertos Werk insgesamt, sozusagen der Versuch einer Beleuchtung der Zwischenwelten, die am Rande des Alltags vibrieren. Dabei geht er von der Oberfläche der historischen Realität oder relativen Gegenwart aus, schlägt erzählend aber bald eine Brücke zu den Träumen, Ängsten und Illusionen unseres Innenlebens, zu versteckten Gefahren im Alltag, zu Fragen der Selbstverwirklichung, des versäumten Lebens oder der unbekannten Mächte, denen wir schuldhaft-kafkaesk ausgesetzt sind. Eine dieser Zwischenwelten ist auch der starke Sog einer heraufbeschworenen, oft jüdischen Vergangenheit. „Die Vergangenheit pflegt einen leichten Schlaf“, hat Roberto einmal gesagt. In diesem Zusammenhang spielen wiederum die Erfahrung der verlorenen Heimat, die erzwungene Auswanderung, die bleibende Erinnerung an die alten jüdischen Traditionen und die kulturelle Identität eine große Rolle, alles gefiltert durch die subjektive Sicht seiner vielen Figuren. Robertos Prosa kommt aber nicht psychologisierend mit Antworten daher. Vielmehr bleibt viel in der Schwebe. Das macht ihn für mich so sympathisch, denn mit zunehmendem Alter glaube ich, dass wir uns hauptsächlich in einer riesigen Grauzone zwischen unserem Alltag und den Zwischenwelten bewegen. Roberto fand einen prägnanten literarischen Ausdruck für diesen Zustand.
Im Laufe der Jahre kam es 2009, 2011 und 2015 zu Begegnungen mit Roberto in Buenos Aires am Rande von Kongressen, davon zweimal in seiner schönen, stilvoll und mit vielen Kunstwerken eingerichteten Etagenwohnung in Belgrano Norte, dem Stadteil, wo sich viele deutsche Emigranten niedergelassen haben. Ich hatte so eine große Achtung vor dem literarischen Schaffen dieses Schriftstellers, dass ich zunächst eine Scheu empfand, ihm zu begegnen. Doch wurde das beim ersten Kennenlernen durch seine tiefe Menschlichkeit schnell abgebaut. Ob bei Kaffee und Kuchen in der Wohnung zusammen mit seiner Frau Ruth oder ob beim kräftigen argentinischen Mittagssteak in Puerto Madero, es war immer leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Obwohl ich eigentlich derjenige war, der fragen und herausfinden wollte, interessierte sich Roberto durchaus, ebenfalls seine Frau, für meine Welt. Letzten Endes ging es natürlich immer um sein literarisches Werk, aber es war ein Austausch, wie ich ihn selten erlebt habe.
Oft kam ein melancholischer Ton bei ihm durch, eine sanft vorgetragene Weisheit um die Grässlichkeiten, die sich Menschen im Namen von Religion und Ideologien immer wieder antun, eine skeptische Weisheit, die auch in seinem letzten Roman Das Komplott zu Lima einen starken literarischen Ausdruck fand. Es ist ein Historienroman, in dem es um die Inquisition in Lateinamerika geht, wobei man aber unwillkürlich an den Holocaust und an weitere Zerreißproben heute im Zusammenhang mit Globalisierungsprozessen und religiösem Fanatismus denkt. Das kann alles noch fatal enden – das wäre eine Lesart des Romans.
Sollen wir aber Robertos skeptische Haltung akzeptieren und pessimistisch bleiben? Als ich ihn im September 2009 interviewte, nahm ich das Gespräch auf und habe es mir kürzlich wieder angehört. Er arbeitete damals gerade an den erwähnten Lebensaufzeichnungen Weit von wo, die 2010 mit dem Untertitel „Mein Leben zwischen drei Kulturen“ erschienen. Dieses multikulturelle Leben tauchte auch motivisch in unserem Gespräch immer wieder auf. Da war trotz aller negativen Erfahrungen die deutsche Kultur seiner Jugend, romantisch und idealistisch geprägt. Hinzu kam ein agnostisch gefärbtes, doch stark kulturell durchsetztes Judentum. Im Hintergrund standen hier die Kindheit in Mittelfranken, ein jüdisches Landschulheim, die Pestalozzi-Schule in Buenos Aires und der berufliche Kontakt mit russischen Juden in den Baron-Hirsch-Siedlungen der argentinischen Pampas. Und dieses Argentinien war seine dritte Welt, lebensrettend, das Land, wo er seine Ausbildung erhielt, eine Familie gründete und schließlich fast achtzig Jahre lebte. Diese drei Welten bildeten bei Roberto eine Symbiose mit so beweglichen Dimensionen, dass er sich nie auf eine festlegen weder konnte noch wollte. So kann es also auch in unserer heutigen Welt gehen: durch ein Gewaltregime in die Freiheit geschleudert, kann man auch einen längeren Atem und einen weiteren Horizont gewinnen, als es in der Heimat möglich gewesen wäre, wobei aber die heimatlichen Wurzeln nicht vergessen werden. D.h. aus der Not der erzwungenen Auswanderung eine Tugend zu machen, die Migration als Schwebe zwischen mehreren Kulturen zu erleben, als einen Zustand, dessen multikulturelles Potenzial ausgeschöpft werden kann – das ist ein Modell, das uns Roberto in höchstem Maße vorgelebt und mit seinen Texten vorgezeigt hat.




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