Rezension | Roberto Schopflocher Das Komplott zu Lima

von Gabriele Eckart

Roberto Schopflocher Das Komplott zu Lima. Frankfurter Verlagsanstalt 2015, 447 Seiten, 24.90 Euro

Es gibt kein aktuelleres Stück Literatur zu dem Thema Flüchtlinge als Roberto Schopflochers 2015 neuer Roman Das Komplott zu Lima.  Auf der Flucht ist eine Familie von aus Spanien und Portugal stammenden Marranen; sie flieht vor der Inquisition.  Der Fluchtweg führt von Brasilien nach Buenos Aires, nach Córdoba in Argentinien, nach Santiago de Chile, nach Lima, Peru.  Dort geraten sie den katholischen Glaubensrichtern mit ihren Verliesen, ihrer Seilfolter, ihrer Wippschaukel, den Daumenschrauben und dem Scheiterhaufen dann doch in die Falle.

Der Text ist ein umfangreicher, akribisch recherchierter historischer Roman über die Judenverfolgung in Südamerika im siebzehnten Jahrhundert.  Die Hauptfigur ist die fiktive Elvira Acosta; sie kommt nach zwei Jahren Kerkerhaft als fast einzige aus ihrer Familie mit dem Leben davon.  Einer der Inquisitionsrichter erkennt in der jungen Frau seine Jugendfreundin aus Buenos Aires, erinnert sich an einen Kuss und gibt ihr ein milderes Urteil.  Natürlich plagt sie das später; warum ist gerade sie mit dem Leben davongekommen?

Dass der im Januar dieses Jahres verstorbene Deutsch-Argentinier Roberto Schopflocher Argentinien hautnah miterlebte, während er den Roman schrieb, wird deutlich, wenn Elvira nach ihrem verschwundenen Söhnchen zu suchen beginnt.  Nach den zwei Jahren Haft, mit einem Ehemann, der zu einem Leben als Galeerensträfling verurteilt wurde, und ohne Familienangehörige, die sich um das Baby hätten kümmern können, hat sie nichts als ihre Erinnerung an das Kind und Gerüchte, die sie hier und da aufschnappt.  An kinderlose Altchristen in Santiago de Chile sei es gegeben worden…  Per Schiff dorthin! Sie überlebt, während sie in Santiago verzweifelt nach ihrem Kind Ausschau hält, das schwere Erdbeben von 1647.  Von Enrequillo, dem Sohn, keine Spur.  Natürlich erinnern wir uns, während wir Elviras Suche nach dem verschwundenen Sohn verfolgen, an die Großmütter, die nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien in den 1980ern und 1990ern Jahren nach den verschwundenen Kindern ihrer ermordeten Töchter und Söhne zu suchen begannen… die Bilder ihrer Demonstrationen auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires gingen um die Welt.

Stilistisch geschult an den historischen Romanen Stefan Zweigs mit ihrer nüchternen und doch kunstvollen Sprache, hat Schopflochers Text doch auch eine postmoderne Note; dokumentarisches Material (Auszüge aus Inquisitionsakten) ist eingeschoben und Code-Switching von Deutsch in verschiendene Fremdsprachen (vor allem Spanisch, Hebräisch und Latein) kommt reichlich vor. Am Ende des Romans steht ein neunseitiges Glossar mit der Erklärung aller fremdsprachigen Ausdrücke, etwa: “Relaxierung, relaxieren Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.”

Elvira Acosta ist intelligent und aufgeweckt; ständig auf Sinnsuche, fällt sie dennoch nicht auf Erlöserfiguren wie zum Bespiel Sabbatai Zwi herein, ein selbsternannter Messias, der ihre Freundin veranlasst, alles hinzuschmeißen und nach Jerusalem auszuwandern; die vom Vater geerbte Skepsis schützt Elvira.  Weil sie ihren Sohn nicht finden kann, nimmt sie zwei Kinder an, erzieht sie und findet in der Stadt ihrer Kindheit, Buenos Aires, eine Art inneres Gleichgewicht.

Der allwissende Erzähler ist am überzeugendsten, wenn er Details aus dem Alltagsleben des 17. Jahrhunderts in den spanischen Kolonien beschreibt, zum Beispiel Gerüche, Kleidung (einschließlich der Schandkleider, die die zum Tode verurteilten Juden tragen mussten), den Umgang mit den schwarzen Haussklaven, die Pyrotechnik und das ständige Zittern der Erde im Andengebiet.  Wenn er Elvira über das Leben reflektieren lässt, möchte man sich verschiedene Sätze herausschreiben, etwa “Die neue Heimat? Elvira konnte sich unter diesem Begriff nichts vorstellen. Gab es denn alte und neue Heimaten? Kann man die Heimat etwa wechseln wie ein Kleid? Oder ist man gezwungen, mit zwei Heimaten gleichzeitig zu leben? Oder gar mit dreien?” Schopflocher, der als vierzehnjähriger Angehöriger einer deutsch-jüdischen Familie 1937 Deutschland verließ und nach Argentinien kam, lebte mit zwei Heimaten und weiß sehr wohl, wovon er spricht.

Hin und wieder wechselt die Erzählstimme des Romans von der dritten in die erste Person, Monologe Elviras, durch Kursivschrift hervorgehoben. Am bewegendsten klingt ihre Stimme am Ende auf dem Sterbebett, wenn sie ihr Leben zusammenfasst. Es ist keineswegs lamoryant; trotzdem weint man.

Im Zentrum des Romans steht, wie der Titel bereits ankündigt, das historisch belegte berüchtigte Tribunal und sich anschließende Autodafé 1639 in Lima. Die Parallelen zur NS-Zeit sind unübersehbar. Ihres jüdischen Glaubens wegen werden die Marranen verfolgt; sie sind getauft, sogenannte Neuchristen, halten aber heimlich an den jüdischen Gebräuchen fest… Bespitzelung, Denunziationen, Verhaftungen, Folter, Prozesse, Scheiterhaufen sind die Folge.  Übrig bleiben Akten als Zeugnisse einer ungeheuren Vernichtungsbürokratie.

Roberto Schopflocher erfuhr vor seinem Tod noch, der Roman wird verfilmt werden. Tief bewegt von der Lektüre kann ich es kaum erwarten, den Film zu sehen.