Gabriele Haefs

Hirsedieb, oder: von Ludwig Bechstein lernen, heißt …

Philip staunte, als er die Insel sah – und in den folgenden Stunden wollte das Staunen auch nicht vergehen – sooo hatte er sich Amrum nicht vorgestellt. Wie er sich Amrum denn sonst vorgestellt habe, fragten die Mitreisenden erstaunt. So genau wusste Philip das allerdings auch nicht, kleiner vielleicht, moderner, sagte Philip unsicher, voller Angst vor der Frage, was denn „modern“ sei, auf Inseln bezogen. „Die Cognacauswahl ist einfach nicht gut genug“, sagte Nora, und Philip nickte dankbar. Er hatte immerhin schon zweimal in seinem Leben Cognac getrunken und mindestens dreimal so oft darüber gelesen, aber hier, jetzt, auf ihrer ersten gemeinsamen Reise hatten er und Nora alles nachholen wollen, was sie bisher versäumt hatten. Einige Monate zuvor hatte Philip seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, und das, was jungen aufstrebenden Dichtern angeblich nie passiert, war ihm widerfahren. Das Buch wurde fast flächendeckend besprochen und gelobt, Philip wurde zur „lyrischen Stimme des Prekariats“ ausgerufen, zu dem Dichter, auf den sie alle längst gewartet hatten, und wenn sein Lyrikband auch kein Bestseller wurde, so war doch schon genug Geld zusammengekommen, um auf eine kleine Reise zu gehen. Nur – wohin?
Die Nachbarn gaben den Ausschlag, sie fuhren seit Jahren nach Amrum, und so eine Insel kann auf einen jungen Dichter doch nur inspirierend wirken?
Aber nun das! Sanddünen, ein unglaublich breiter Strand, wo Noras hochhackige Stiefel steckenblieben – und dieser endlose Weg zum Wasser! Und die düsteren Friesenhäuser! Und dann kaum Auswahl an Cognac! Und die Nachbarn, die gar nicht begreifen wollten, warum Philip das alles so schrecklich fand. Und – zuerst vage, dann immer stärker werdend – der Verdacht, daß Nora bereit sein könnte, sich mit dem breiten Strand und der jämmerlichen Cognacauswahl abzufinden? Auf ihrer ersten gemeinsamen Reise.
Es war … schrecklich war es.
Aber für Philip hatte es immer schon ein Lebenselixier gegeben – noch in der bittersten Enttäuschung half eins: Schokolade. Ob es im Dorfladen wohl wenigstens davon eine gute Auswahl gab? Er wollte nicht daran denken, er hatte noch von unterwegs eine große Tafel mit Haselnüssen und Nougat, dem Dorfladen würde er sich am nächsten Tag stellen. Erst mal ein heißes Bad und einige große Bissen Schokolade.
Und dabei Nora die ersten Fragmente zum geplanten Gedichtzyklus vortragen.
Aus diesen tröstlichen Überlegungen aber riß ihn die Stimme von Fred, dem Nachbarn: „Hier gibt’s die besten Schollen!“ Entsetzt schaute Philip auf, und wirklich, sie standen vor einem Restaurant und studierten die Speisekarte. Schollen, Schollen, Schollen, Philip wollte gar nicht weiterlesen und sagte, danke, nein, wir essen lieber zu Hause. – Aber wir haben doch gar nichts eingekauft, wandte Nora ein. Ach, das findet sich schon, sagte Philip, der nur an Bad und Schokolade denken wollte. Und daran, daß das gütige Schicksal ihnen nur zwei kleine Ferienwohnungen hatte besorgen können, er würde Badewanne und Schokolade also nicht mit Fred und Horsti teilen müssen.
Ich würde aber gern Scholle essen, sagte Nora zaghaft.
Dann iß eben Scholle, sagte Philip gönnerhaft, ich gehe nach Hause und arbeite ein wenig.
Bist du sicher, fragte Nora, oh ja, ganz sicher, sagte Philip, und dann sah er zu seinem Entsetzen, wie Nora mit Fred und Horsti im Lokal verschwand – daß sie seine Reden aber auch immer so wörtlich nehmen mußte …
Seine Laune wurde immer schlechter, als er sich durch den verschneiten Struunswai schleppte, doch zwei Dinge hielten ihn aufrecht: Bad und Schokolade. Und so fiel er restlos erschöpft in die Wohnung und wäre am liebsten gleich im Eingang liegengeblieben. Mit letzter Kraft kroch er ins Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne laufen … und das Plätschern belebte ihn, wie schon so oft, er kam auf die Beine, lief ins Wohnzimmer und riß die Schublade auf, in der er seine Schokolade verstaut hatte – und fuhr zurück.
Die Schublade war leer!
Leer!
Konnte er sich irren und gar keine Schokolade gehabt haben? Unmöglich.
Konnte Nora sie gegessen haben? Unmöglich, diese gewichtsbewußte Person wäre dann doch nicht mit den Nachbarn Scholle essen gegangen.
Konnten die Nachbarn die Schokolade gegessen haben? Unmöglich, die waren doch nur zwei Minuten in der Wohnung gewesen und hatten nur in der Diele gestanden.
Und da konnten es doch nur Diebe gewesen sein.
Am liebsten wäre Philip schreiend davon gelaufen, zur Fähre, um diese schreckliche Insel für immer zu verlassen. Aber da war nun inzwischen das warme Wasser in die Wanne gelaufen und lockte, lockte, lockte …
Ludwig Bechstein erzählt das Märchen vom Hirsedieb. Ein Mann hatte drei Söhne und ein Hirsefeld, und jeden Morgen war ein großes Stück Hirse abgefressen. Ein Sohn nach dem anderen mußte nachts Wache halten, um den Hirsedieb zu fangen. Der erste legte sich mit einem scharfen Säbel auf die Lauer, schlief aber ein. Der zweite nahm einen Knüppel, schlief aber ein. Der dritte nahm Disteln und Dornen, die ihn stachen, wenn er einzuschlafen drohte …
Philip holte sich das Brotmesser aus der Küche und stieg in die Wanne, denn es könnte dohc sein, daß der Schokoladendieb noch einmal zurückkäme. Und da saß er dann und das warme Wasser war von wundersamer Wirkung, wie immer, und Philip streckte sich aus, fühlte, wie alle Muskeln sich entspannten, und alles, was ihm jetzt zu seinem Glück fehlte, waren ein Stück Schokolade und Nora! Nora.
Nora, sagte er laut und verärgert, wie kannst du mit diesen Typen essen gehen. Ich hab doch nur gesagt, daß du mitgehen kannst, weil die mich sonst für einen eifersüchtigen Idioten gehalten haben, aber du musstest doch wissen, daß ich das gar nicht wollte!
Das sagte er dann dreimal in immer neuer Formulierung und am Ende kam es ihm vor wie ein Gedicht. Zumindest wie der Anfang. Und so stand er aus der Wanne auf, stapfte triefend ins Wohnzimmer, holte sich Papier und Bleistift und schrieb:
Nora! Ißt Fisch mit Fremden, zu meinem Befremden, wir sind nun Fremde,
auf fremdem Eiland.
Zufrieden war er damit noch nicht, aber als Anfang gar nicht schlecht. Vor allem für einen Dichter, der nackt, triefnaß und ohne Schokolade möglicherweise Schokoladendieben ausgesetzt ist. Auf fremdem Eiland.
Philip kehrte in die Wanne zurück, ließ heißes Wasser nachlaufen, nahm das Brotmesser wieder in die Hand und schlief ein.
Der dritte Sohn dagegen schlief also nicht ein, und er ertappte den Hirsedieb – es war ein niedliches Pferdchen, und das trug ihn auf einen Glasberg, wo eine verwunschene Prinzessin hauste, die eben nur der erlösen konnte, der auf dem ebenfalls verwunschenen Pferdchen den Berg hochgeritten kam.
Als Philip erwachte, war das Wasser kalt, das Brotmesser war untergegangen, unter seinen Schuh gerutscht, und es war fast ein Wunder, daß er sich nicht ernstlich verletzt hatte.
Die Wohnung war leer, Noras Reisetasche war verschwunden, der Zettel mit dem Gedichtfragment lag nicht mehr auf dem Tisch.
Ein Schokoladendieb also, der nicht nur Schokolade stiehlt, sondern auch Gedichte und Märchenprinzessinnen?
Der dritte Sohn bei Bechstein ritt, von seinen Dornen zerstochen, auf dem Pferdchen auf dem Glasberg und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Philip blieb nur ein Brotmesser, das dann sehr schnell Rost ansetzte und schließlich zerfiel.
Der Dieb konnte nie entlarvt werden und ist mit seiner Diebesbeute bestimmt glücklich geworden.
Woraus wir eins ersehen: Von Ludwig Bechstein lernen, heißt, gar nichts lernen.

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