Nov 2011

Nyk de Vries

Prosagedichte/ Ultra short stories

Lippenherpes

Das Schlimmste wird immer von etwas noch Schlimmerem überschattet. Nachdem ihr Bein abgefahren worden war, hörte man von Hansina kein Wort mehr über ihren Lippenherpes. Aber das Jammern ist in ihrem Fall eine Familienkrankheit, und als ich sie in den Alpen die Pfade hochschob, sah ich, wie ihre Hand doch wieder Richtung Mund fuhr. Blitzschnell machte ich einen Sprung nach vorne, und ehe ich mich versah, küssten wir uns so heftig, wie ich noch nie zuvor einen Menschen geküsst hatte. Ein besonderer Augenblick, der uns leider vermiest wurde, da im selben Moment Jesus Christus auf Erden wiederkehrte.

Gemüsekarren

Es war früh am Morgen. In der Ferne sah ich ein großes schwarzes Kreuz, aber als ich mit meinem Fahrrad fast dagegen geknallt war, war’s nur ein verkohlter Baum. Ich setzte mich, nahm eine Flasche Fanta hervor, mein Lieblingsgetränk, und nach etwa einer Viertelstunde sah ich, dass ein kleines Wägelchen herannahte. Es war ein Gemüsekarren. Der Lenker hielt an, stieg ab und schmiss den Inhalt, Blumenkohl, Rüben, Paprika und Salatköpfe samt und sonders in den Wassergraben. Verdutzt schaute ich zu, obwohl ich durchaus verstand, was sich da tat. Ich kannte es von einem Freund aus dem Showbizz. Man entwickelt einen Hass auf alles, was man verkauft.

Zimmer

Es gab ein Zimmer in einer Stadt, um das ich mich immer herumschlich. Es lag in der Nähe meiner Liebsten. Sie wusste nicht, dass ich dort manchmal die Treppe hochstieg. An der Wand hingen Fotos aus der Vorkriegszeit. Ich sprach einmal mit einem alten friesischen Schriftsteller darüber. Der sagte: ‚Ich kenne das Zimmer, ich sollte es mir eigentlich mal wieder ansehen, aber so weit wirds wohl nicht mehr kommen, fürchte ich.’ Er hatte recht. Er starb während der Olympischen Spiele. Das Zimmer gibt es immer noch – die Treppe hoch, links in den Gang. Jeder kann sich wohl mehr oder weniger ausdenken, was alles darin herumsteht.

Szene

Architekten verteidigen Architekten. Anwälte verteidigen Anwälte. Stenotypisten verteidigen Stenotypisten. Künstler verteidigen Künstler. Ich verteidigte dich, bis wir uns trennten, du dich mit einem Stuckateur davonmachtest und wir in unterschiedliche Lager gerieten. Ich war am Boden zerstört, aber wollte doch auch die Welt sehen. Ich bemerkte Unterschiede und verstand auf einmal, warum überall im Lande die gleichen Häuser standen, die Strassen voll waren von den gleichen Autos, die Festivals voll von den gleichen Festzelten. Ich zog es vor, das Verteidigen fortan sein zu lassen. Ich nahm die Abzweigung und verließ die friesische Subventionsszene.

Karneval
Ein dunkler Wagen fuhr heran und ein kleines Mädchen stieg aus. Man reichte ihr ein Täschchen und fröhlich, als kleiner Clown verkleidet, hüpfte sie über den Schulplatz. In der Schule stellte sich heraus, dass Karneval erst nächste Woche war. Das Mädchen war als einziges geschminkt und weinte den ganzen Morgen bitterlich. Gegen drei Uhr holte die Mutter sie wieder ab und erschrak heftig, als sie von der Sache hörte, und ausführlich und mit Tränen in den Augen erzählte sie, was alles an dem Morgen bei ihr schief gelaufen war. Vielleicht hätte sie besser geschwiegen. Dinge erklären, das können wir ja alle bestens.

Buch

Ich hatte das Buch sicher tausend Mal gelesen. Wortwörtlich. Tausend Mal. Es war viel Arbeit. Ich kannte es in- und auswendig. Und doch war ich unfähig, meinem Bruder, als er zurückkam und wir alle gemeinsam am kleinen runden Tisch im Hinterzimmer saßen, irgendwas darüber zu erzählen. Es war eine so seltsame Atmosphäre. Wenigstens keine Atmosphäre, die sich zum Erzählen eignete. Ich trödelte zwischen Tisch und Küche hin und her. Endlich verzog ich mich auf mein Zimmer. Ich legte meinen Kopf aufs Kissen und las das Buch noch einmal.

Belgien

Ich verließ Familie und Freunde, um in Belgien die Segel voll auf Erfolgskurs zu setzen, zusammen mit meiner lieben Wendelin. Das Ergebnis war ehrlich gesagt recht enttäuschend, und schon bald verlor unsere Liebe jeglichen Glanz. Zuletzt befanden wir uns in einer Kartonfabrik, wo der Chef es deutlich auf meine Wendelin abgesehen hatte. Ich war nicht mehr ich selbst, da im Belgischen, und versetzte ich ihm in einer Pause mit der Heugabel einen knallharten Schlag in den Rücken. Andere sagten später: ‚Diese Heugabel, die hätte dort so gar nicht herumstehen dürfen.’

Motormann

Er fuhr ständig auf seinem Motorrad umher, und ich wusste nie, was ihm alles durch den Kopf ging. Eines Tages folgte ich ihm bis zu seiner Waldhütte. Ich lief darauf zu und stieß die Tür auf. Vor mir ausgestreckt auf dem Holzboden lag der Motormann. Er blickte hoch, erhob sich langsam und starrte mich mit einem seltsam erröteten Kopf an. Ich wollte etwas sagen, aber bevor ich mich gesammelt hatte, war der Motormann schon verschwunden und ließ sich niemals wieder blicken. Ich zog in seine Klause ein und blieb da insgesamt zwanzig Jahre wohnen. Es ist schon wahr, wenn man sagt: jede neue Wohnung sollte besser sein als die vorherige.

Übersetzung: Ard Posthuma




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