Nov 2012

Rainer Stollmann

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Der hier veröffentlichte Film wurde spontan mit einer kleinen Handkamera ohne Stativ aufgenommen. Man sollte ihn als Audio-Dokument mit Bilder-Zugabe auffassen:

Alexander Kluges Adorno-Preis-Rede, Frankfurt 2009

 

 


 

Eine Art Grundsatzrede.
Einleitender Kommentar zur Rede
Alexander Kluges bei Entgegennahme des
Adorno-Preises 2009

 

In Oskar Negts und Alexander Kluges philosophischem Hauptwerk Geschichte und Eigensinn findet sich folgende Abbildung: [1]

 

 

 

Abb.: (Zeichnung) aus P.C. Mitchell, 1913, S. 185: „Flußpferd mit Jungem auf dem Rücken“.

 

Das rührend-komische Bild steht dort im Zusammenhang mit der Beschreibung der Evolution der menschlichen Hand. Sie ist, wie Darwinisten (anders als Engels, Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, 1876) belegen, ohne Beteiligung von libidinöser Energie nicht zu erklären. Das Festkrallen ins Fell der Mutter, nicht einfach der Umgang mit Arbeitsinstrumenten wie Faustkeilen, hat die Hand hervorgebracht.

Aber warum zeigen die Autoren dann ein fellloses Tier mit Hufen? Hier spielt vielleicht auch die libido mit. Adornos Spitzname im Umgang mit Horkheimer, der sich „Mammut“ nannte, war bekanntlich „Nilpferd“. Auch hat Adorno im Verkehr mit dem fast 30 Jahre jüngeren Kluge scherzhaft ein Vaterrolle für sich reklamiert. So gesehen, kann man dieses Bild auch als eine Pathos vermeidende Variante jener Redensart vom „Zwerg auf den Schultern eines Riesen“ auffassen.

Die meisten seiner Reden, auch Preisreden, hält Kluge frei oder fast frei. Die Rede zum Adorno-Preis war ausformuliert und wurde gelesen. Das hat gewiß mit der Verehrung zu tun, die Kluge Adorno entgegenbringt. Es ist eine Art Grundsatz-Rede. Auch wenn man nicht vergessen darf, dass Kluge (ebenso wie Adorno) ein Autor ist, der Begriffen wie „Position“, „sich positionieren“ eher zweifelnd gegenübersteht und stattdessen ‚“Gehen wir schwimmen!“ proklamiert, so kann man doch sagen, dass Kluge in dieser Rede „Grundpositionen“ der kritischen Theorie entwickelt.

Er beginnt mit dem Gedanken, dass die kritische Theorie nicht ins Scheitern verliebt ist. Kluge demonstriert diesen Gedanken am Attentat auf die Twin-Towers, deren Pulverisierung am 11. September mit dem Geburtstag Adornos übereinstimmt. Adorno hätte, so Kluge, an diesem Unglück, das einen Wirklichkeitsriß bewirkt, wahrgenommen, daß möglicherweise in Kavernen in den Kellern unter dem Trümmerberg Menschen noch längere zeit überlebten und mit Handys sich bemerkbar hätten machen können. Man hätte aber diese Kavernen nicht mit schwerem Gerät von oben öffnen können, ohne die Überlebenden zu gefährden. Tatsächlich soll der Bechtel-Konzern angeboten haben, eine Brückenkonstruktion zu liefern, von der aus man mit geringerem Risiko Zugang zu den Kavernen hätte versuchen können. Diese Lösung kam wegen mangelnder Zuständigkeit der Entscheidungsträger in New York nicht zustande. Heute steht diese Brückenkonstruktion über der Unfallstelle von Tschernobyl.

Wie fast immer bei Geschichten Kluges, fragt man sich, was daran empirisch wahr ist. Man kann sich auf die Suche machen, d.h. man beschäftigt sich dann mit diesem Unglück auf motivierte Weise. Meistens wird man finden, dass Kluge wenig erfindet. Er verlängert fast immer nur, was den Fakten nach angelegt und durchaus möglich ist.

Bevor Kluge diese Geschichte — als „Imitation“ von Adornos Denken — erzählt, äußert er sich über „Phantasie“: Sie sei ein „Fluchtwesen“, nur ideologisiert, als falsches Bewußtsein, „also gezwungen“, suche sie die „Sensation“. Ist die Geschichte, die Kluge vom 11.9. konstruiert, sensationell? Bestimmt nicht — sie erzählt nicht in Form eines Abenteuers die Rettung eines Kindes in letzter Minute. (Solche Geschichten wären gewiß als Film hergestellt worden, wenn Bechtel zum Zuge gekommen und aus den Trümmern Menschen gerettet worden wären.) Sie gewährt auf die Tragik der Fakten keinen Rabatt. Sie spinnt aber aus, was möglich gewesen wäre trotz aller traurigen Fakten. Und sie verknüpft die beiden tragischen Menetekel, das eine vom Ende des 20., das andere vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Deutet man diese kurze Erzählung allgemein, klingt es etwas phrasenhaft: Das Besondere der kritischen Theorie ist, dass sie darauf beharrt, dass die Mittel zur Rettung trotz aller Katastrophen bereitliegen.

Eine zweiter Grundgedanke ist der von der „Abwahl der Wirklichkeit“. Sie ist der Grund für große Katastrophen. Ihnen gehen regelmäßig Ausblendungen von Wirklichkeit voraus. Danach würde Adorno bei der Erklärung von großen Unglücken suchen. Man darf ergänzen, was Kluge zum 11. September nicht ausführt: Die Abwahl der Wirklichkeit bestand in diesem Fall in der Tatsache, dass die US-Armee die für den Krieg gegen die USSR von ihr selbst ausgebildeten Taliban-Truppen bei Beendigung dieses Krieges ohne weitere Perspektive zurückließ. Daraus entstand ein Haß gegen den Westen, der bis zu 9/11 führt. Das ist ein Grund, warum Derrida so sehr darauf beharrt, dass der islamistische Terrorismus ein Produkt des Westens ist.

Etwas später fällt die Wendung von der „Erkrankung der Vernunft“. An dieser Stelle ergibt sich vermutlich ein gewisses Spannungsfeld zwischen Kluge und seinem Freund Habermas, der die Vernunftkritik Adornos für übertrieben hält und von dem man nicht weiß, ob er einer Konzeption vom „Antirealismus der Gefühle“ so sehr folgen würde wie Kluge.

Im folgenden bestimmt Kluge den Begriff der „Kritik“ als „konsequente, aktive Reparaturarbeit“. (Man denke an die häufig wiederkehrende Figur des Feuerwehrmannes in Kluges Büchern und Filmen.) Dieser Kritikbegriff geht auf Marx zurück: Die „Kritik der politischen Ökonomie“ im Sinne einer Kritik der Wissenschaft „Ökonomie“ ist Marx‘ Buch „Das Kapital“. Die Kritik der wirklichen politischen Ökonomie, des Kapitalismus, ist zu Marx‘ Zeiten das „Proletariat“. Kritik ist „Gegenproduktion“. Wenn man diesen Begriff auf Kluge selbst anwendet, dann sieht man, dass er wenig über das Fernsehen geschrieben hat, aber inzwischen 2000 Stunden Sendezeit „Autorenfernsehen“ mitten in der Höhle des Privatfernsehens abgeliefert hat.

Jetzt unternimmt es Kluge die Position der kritischen Theorie im Verhältnis zur klassischen Philosophie so bündig zu fassen, wie es eben möglich ist. Er tut dies in Bezug auf Kants kategorischen Imperativ. Nietzsche habe diese für Menschen im Grunde nicht praktikable Regel variiert: „Handle stets so, daß du selber dein Verhalten ertragen könntest, wüßtest du, daß du deine Taten auf ewig wiederholen müßtest.“ Freud habe dasselbe in medizinischen Begriffen gesagt: Gegen das Böse helfe nur die „Allergie“, also eine etwas tiefere Verankerung als in der Vernunft. Vergleicht man Nietzsches Fassung mit der von Kant, dann darf man sie als Subjektivierung bezeichnen. Die „allgemeine Gesetzgebung“ ist zurückgenommen in einen „ewigen“ Prozess der Selbstreflektion.

Nach der Bestimmung des Begriffs „Kritik“ folgt nun die des Begriffs „Theorie“. Darin unterscheidet sich Adorno von dem existentialistischen Nietzsche, dass er Historiker ist. Es geht nicht um das allgemeine menschliche „Sein“, sondern um die historische Bestimmtheit gesellschaftlichen Seins. Wo Nietzsche die Katastrophentendenz existentialisiert und in ästhetischen Genuß auflöst, heißt es bei Adorno nüchtern: Jede Praxis unterliegt der Bedingung, daß Auschwitz sich nicht wiederholt! Es ist hochinteressant zu sehen, wie Kluge im Folgenden den Praxisbezug der kritischen Theorie (gegen manche Kritik an Adornos angeblicher Praxisfeindschaft seit 1968) herausarbeitet. Dabei ist es vor allem die Erziehung selbst, also gerade jener Sektor, der in der faktischen Ökonomie eher als bloße Kosten oder als Privatsache gilt, welche praktische Veränderungen bewirken kann. Die Ökonomie des Kapitals mag in einem vollautomatisierten Großkonzern oder in Hedge-Fonds ihren adäquaten Ausdruck haben, die Ökonomie der menschlichen Eigenschaften hat sie in der Bildung. Allerdings muß der Begriff der Bildung dazu korrigiert werden, denn es ist ja nichts einfach Passives, was da „gebildet“ oder er-„zogen“ werden muß, sondern lebendige, natürlich-historische Vermögen und Eigenschaften, deren Selbstregulierung das wichtigste an ihnen ist. Dieses andere Verhältnis von Bildung und deren scheinbarem „Rohstoff“ illustriert Kluge an dem kurzen Adorno-Text „Über die Genese der Dummheit“. Er plädiert für defensive Intelligenz mit „zärtlichem Keim“ (Kant), d.h. der Fähigkeit zur „Einfühlung“.

Zu Beginn des letzten Drittels des Vortrags entwickelt Kluge, von hier ausgehend, einen Begriff von „Aufklärung“, welcher der negativen „Dialektik“ entkommen könnte und wie er ihn in Adornos Arbeit am Werke sieht. Das Ohr ist Kluge dabei besonders wichtig. Denkt man daran, daß es „Mündigkeit“ heißt, was mit Emanzipation verbunden ist, und daß „Hörigkeit“ das Gegenteil davon ist, so hat man eine Ahnung davon, daß „Aufklärung“ hier einer Art Paradigmenwechsel unterliegt. Das Ohr ist der passivste der fünf Sinne, er kann sich der Welt kaum verschließen. Aber das Ohr ist auch für den Gleichgewichtssinn des aufrechten Ganges verantwortlich. Man kann auch daran denken, wie ungleichzeitig die Entwicklung der Sinne ist: Das Auge mag im 20. Jahrhundert zu Hause sein, das musikalische Ohr ist es nicht, bestenfalls ist es im frühen 19. Jahrhundert angekommen. (Vgl. Adorno über die „Regression“ des Hörens.)

In den letzten zehn Minuten prüft Kluge vor dem Hintergrund des bisher Gesagten den Begriff der Öffentlichkeit in seiner Allgemeinheit, aber auch in seinen einzelnen „Medien“ wie Buch, Oper, Film, Fernsehen. Er endet mit einer Geschichte über ein mögliches Zusammentreffen von Adorno und Niklas Luhmann. Das ist auch eine Art des Wiedereinbeziehens des Exkludierten. (Vgl. dazu: Die Küche des Glücks, in: A. Kluge: Das Labyrinth der zärtlichen Kraft. Frankfurt a.M. 2009, S. 497-517, insbesondere S. 513-517.)

 


 

[1] Oskar Negt und Alexander Kluge: Der unterschätzte Mensch: gemeinsame Philosophie in zwei Bänden. Band 2: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2001. S. 161, mit freundlicher Genehmigung von Alexander Kluge.




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