Peter U. Beicken

In Memoriam Cornelius Schnauber (1939-2014)

Cornelius Schnauber hatte ein bewegtes Leben hinter sich, als er am 21. Februar im Alter von 74 Jahren nach einem Herzanfall starb, zu früh und alle berührend, die ihm nahe waren oder nur aus der Ferne kannten. Seit Monaten an einen Rollstuhl gefesselt, glaubte er im Herbst des vergangenen Jahres noch, an der Tagung des Exil-P.E.N.s in Italien teilnehmen zu können. Gabrielle Alioth und Frederick Lubich haben auf der Webseite dieses P.E.N.s Schnauber ihre Nachrufe gewidmet.

Unermüdlich war Schnauber in seinen Tätigkeiten und immer zutiefst beteiligt. Das Hollywood der vielen Emigranten wurde seine “zweite Heimat”, nachdem er Deutschland verlassen hatte. Vor allem darüber hat er publiziert, Wertvolles zugänglich gemacht und einsichtig übergreifende Zusammenhänge dargestellt.

In Freital bei Dresden wurde er geboren als Sohn einer Opernsängerin und eines Nazi-Offiziers, der die deutschen Truppen in Turin befehligte. Der Fünfzehnjährige floh aus der DDR in den Westen Deutschlands, 1954 zum ersten Mal. Jedoch kehrte er wieder zurück und floh erneut im Jahre 1957, um in Hamburg Germanistik und politische Wissenschaften zu studieren. Nach der Promotion (1965) wanderte nach Amerika aus, unterrichtete zuerst in North Dakota (1966-1968) und ging danach an die University of Southern California in Los Angeles, wo er bis zu seiner Emeritierung (2006) als Associate Professor für deutsche Sprache und Literatur tätig war.

Als eine rege und leidenschaftlich involvierte Persönlichkeit lenkte Schnauber seinen Blick über die engeren Grenzen seines Faches hinaus. Wie kein anderer war er engagiert im kulturellen Austausch zwischen der Alten und der Neuen Welt. Mit dem Gespür für Mögliches verband er das Geschick im Organisatorischen. So gründete er das Max Kade Institute for Austrian–German–Swiss Studies, dem er lange als Direktor vorstand, um in Los Angeles intensiv und weitreichend den Kulturaustausch mit international besetzten Veranstaltungen, Tagungen und Seminaren mit prominenten Schriftstellern, Politikern, Musikern, Filmkünstlern aus deutschsprachigen Ländern und den USA zu fördern. Besonders widmete er sich den kulturellen Beziehungen zu Berlin, Dresden und Wien.

Zu Schnaubers Œuvre gehören zahlreiche Bücher und Essays zur NS-Diktatur, Exilerfahrung und Gegenwartsliteratur. Darüber hinaus publizierte er Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Lebenserinnerungen. Seit dem Fall der Berliner Mauer diente er als Berater für Dokumentarfilme in verschiedenen Ländern. Für seine vielseitigen Verdienste war Schnauber hochdekoriert: zweifacher Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes, Mitglied des Exil-PEN und Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich; dazu Auszeichnungen von der Stadt Los Angeles und der American Association of Teachers of German.

Für Schnauber war das Verhältnis zu Musik, Musiktheorie und Oper ein Familienerbe, das er an seine Kinder, Tom, den Komponisten, und Christina, die Opernsängerin weitergab. Er selber saß oft am Flügel und spielte. Seit 1992 wirkte er als Pädagoge deutscher Diktion (German Diction Coach) an der Los Angeles Opera, und seiner Freundschaft mit Placido Domingo entstammt seine Biografie des unvergleichlichen Sängers.

Schnauber und der Film. Ein Medium, das ihn gepackt hatte. Mit Weltoffenheit, aber auch durch Zufall und glückliche Umstände lernte er viele der in Kalifornien lebenden Emigranten aus Deutschland und Österreich persönlich kennen, gewann ihre Freundschaft und war geschätzter Gesprächspartner und Vertrauter. Regisseure wie Billy Wilder, Fritz Lang, Fred Zinnemann und der Komponist Eric Zeisl waren unter diesen Freunden.

Ich selber habe Schnauber nicht getroffen. Aber er war mir ein Begriff. Das kam so. Ein Schneetag in Berlin, 1994. Aufwärmen im Bücherbogen am Savigny-Platz, wo ich mein Filmbuch Eldorado hatte. Auf dem Tisch im Gemenge der vielen Titel Schnaubers Fritz Lang in Hollywood. (1986). Attraktiver Umschlag, Fritz Lang keilförmig im Schwarz. Zugeschweißt der Band. Ich mache auf, lese auf einem Hocker, vertiefe mich. Nimme es mit, obwohl ich doch ganz andere Titel gesucht hatte. Aber da war ein Einblick in den Menschen Lang, das grantige Genie, der Regisseur als arroganter Koloss und als sentimentaler Watschenmann, der Lotte Eisner, die er liebte und verehrte, durchaus auch als “dumme Gans” zu beschimpfen sich herausnahm. Auch Schnauber wird dauernd düpiert, beleidigt und dann wieder besänftigt, weil der Maestro wieder lieb wird, wieder freundlich – bis zum nächsten Grantigsein. Schnauber hat diese Achterbahnfahrt der Zumutungen und Gefühle geduldet, ertragen, ausgehalten. Er hat facettenreich zur Physiognomie des Menschen (und Künstlers) Fritz Lang beigetragen und auch den Untergrund des Exils, die maßlose Ungerechtigkeit und den Frust der verletzten Ehre und die Melancholie geschundener Würde durchscheinend gemacht. Zur Größe der Kunst gehören nicht nur die Werke, sondern auch die menschlichen Seiten der Künstler, besonders das Leiden in schwieriger Zeit. Da bin ich Schnauber dankbar, dass er den Alltag erlittener Schmach eingebracht hat, wo die Kunstwerke kaum diesen Untergrund in ihrer Aura transparent machen.

Als Trans-Lit2 Beiträger ist uns Schnauber ja auch in Erinnerung. In einem seiner Jugendgedichte, “Das verlorenen Paradies!”,  hat er, emphatisch und epitaphmäßig, sich der Extreme des Herzens vergewissert und sie uns nahe gebracht zum Eingedenken:

Längst sind verstummt die empfindlichen Saiten;
War’s doch ein Mensch, der die Harfe zerbrach.
Doch aus der Ferne, durch alle unsre Leiden
Klingen die Töne der Liebe noch nach.

 

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