Dec 2014

Anna Rosmus

Passau: Wieder Tor zum Osten?

11. September. In den USA steht er für die Terrorangriffe der Al Qaida von 2001. In Passau steht er für die Massen, die 1989 aus der DDR kamen. Zumindest auf der internationalen Bühne wälzten sich die Kolonnen damals angeblich spontan und vollkommen überraschend über die Grenzen.
In Wirklichkeit hat sich die Entwicklung freilich über viele Monate hinweg derart systematisch abgezeichnet, dass selbst mir als Studentin klar war, wohin diese Reise geht.

Nachdem Michail Sergejewitsch Gorbatschow 1988 Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets wurde, ermöglichte er den Ländern des Warschauer Pakts, ihre Staatsform künftig selbst zu bestimmen. Im Mai 1989 begann Ungarn, seinen Eisernen Vorhang zu Österreich zu entfernen. Am 4. Juni 1989 fand die erste halbwegs freie Parlamentswahl im Ostblock statt.

Ich mochte “Gorbi”, wie er auch in Passau bald genannt wurde, auf Anhieb und hatte meinen 1988 in Polen adoptierten Hund nach ihm “Mischa” genannt. Als die Passauer Neue Presse in Zusammenarbeit mit der Universität Passau versuchsweise ein Presse-Seminar veranstaltete, hatte uns Dr. Heinrich Gartz aufgefordert, einen Leitartikel zu schreiben. Ich betitelte meinen: “Erst Gorbatschow, und dann?”
Als ich bei Professor Eroms eine Seminar zum Thema Sprache in der BRD und in der DDR belegte, schien dort ein Konsensus zu bestehen, dass die beiden Gesellschaften sich seit dem Mauerbau derart weit auseinander entwickelt hatten, dass es mittlerweile sogar Verständigungsprobleme gab: Nicht nur beschrieben gleiche Begriffe unterschiedliche Inhalte, sondern für gleiche Inhalte gab es unterschiedliche Begriffe. Um diesen Sachverhalt genauer unter die Lupe zu nehmen, konzentrierte ich mich bei der verpflichtenden Seminararbeit die Aspekte Umwelt, Sport, Frauen und Juden.

Weil authentisches Quellenmaterial aus der DDR so gut wie nirgends in der Stadt aufzutreiben war, besorgte ich mir solches umgehend privat. Unter den von mir Befragten waren Menschen wie der renommierte Schauspieler Erwin Geschonneck, den ich bei einer gemeinsamen Tournee mit Berthold Brechts Tochter Hanne Hiob als Überlebenden des versenkten KZ-Schiffes Cap Arcona kennengelernt hatte.

Ich bat auch Akademiker wie die Soziologin Irene Runge, die ich einige Jahre zuvor beim Kongress Europäischer jüdischer Studenten in Brüssel kennengelernt hatte, mir Material zu schicken. Dazu zitierte ich fleißig aus Zeitungen der BRD und aus dem Neuen Deutschland der DDR.
Wie immer ich die Lage betrachtete, von der Entsorgung west-deutschen Problemmülls in der DDR bis hin zur staatlichen Förderung der Synagoge in Ost-Berlin: Sowohl die grenzübergreifende Politik wie auch die örtliche Berichterstattung in beiden deutschen Staaten lief derart rasant aufeinander zu, dass immer mehr Artikel genauso gut im jeweils anderen Land erscheinen hätten können. Der gesamte Trend ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Die Mauer verschwindet, und zwar bald!

Populär schien eine solche Vorgehensweise nicht gerade zu sein: Ich war offenbar die Einzige im Seminar, die Kontakt zu Individuen wie auch Repräsentanten in der DDR aufgenommen hatte. “Begleitet” wurde unser Austausch umso intensiver, und zwar von Geheimdienstlern auf beiden Seiten: Nicht einer den an mich adressierten Umschläge erreichte mich intakt. Jeder einzelne war arg lädiert, um nicht zu sagen zerfetzt, und demonstrativ mit breiten, farblich auffallenden Klebestreifen der Bundespost versehen, die besagten, die Sendung sei beim Transport beschädigt worden. Die Kollegen in der DDR arbeiteten zumindest diskreter.

Professor Eroms machte zwar keinen Hehl daraus, dass er meine These für abwegig hielt, er bewertete meine Arbeit aber dennoch mit einer “sehr gut”, – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die von mir eingereichten Nachweise tatsächlich zwingend waren.
Als der ungarische Ministerpräsident mit seinem Außenminister am 25. August nach Bonn reiste und angekündigte, die Grenzen zu öffnen, wurden ihnen Mega-Kredite zur Loslösung vom Ostblock zugesichert. Seither ließ die ungarische Regierung immer mehr Ostdeutsche in den Westen reisen. Damals kamen sie mit dem Zug nach Passau, und fuhren weiter in ein Auffanglager.

Am 4. September verständigte das Innenministerium den Passauer Landrat, dass mehrere tausend Flüchtlinge kommen werden. An die 4.000 ehrenamtliche Helfer waren fast für das Bayerische Rote Kreuz im Einsatz. Der ADAC rüstete sich. Alles wurde choreographiert: Von Nachtquartieren bis hin zu Bergen an Kinderspielzeug, Kleidung und Ständen mit Berufsangeboten. Die Stadt glich einem aufgewühlten Ameisenhaufen. Die Stadtwerke legten zehn Kilometer Leitungen. 60 Toiletten und mehrere Telefonzellen wurden installiert. Lastwagen brachten Betten aus München. Im Foyer der Passauer Nibelungenhalle wurden Formalitäten erledigt und im vorderen Bereich wurde Essen ausgegeben. Der “Rest” stand voller Liegen. Auf einem Parkplatz in Vilshofen, ein paar km die Donau hinauf, entstand ein Lager von über 100 Großzelten mit 1.600 Feldbetten. Weitere Ankömmlinge wurden in Zeltstädten bei Hengersberg und Tiefenbach erwartet. Sogar Kasernen in Grafenau, Landshut, Schwandorf und Amberg wurden umfunktioniert. Das ließ sich nicht verheimlichen.

Am 10. September 1989, um 11 Uhr kam die Meldung, dass es losgehe. Um Mitternacht stand die Grenze offen. In Passau und Umgebung wurden Behörden informiert, Fahrgemeinschaften gebildet und heiße Getränke vorbereitet. Die Passauer Neue Presse druckte eine Sonderausgabe mit 24 Seiten voller Angebote zu Wohnungen und Arbeitsplätzen. Offiziellen Angaben zufolge durchquerten allein in den ersten drei Tagen etwa 14.000 Menschen zunächst Österreich. Passau setzte sich als Grenzstadt groß ins Licht. Berufsfotografen erwarteten bereits in der Nacht Autoschlangen und am Grenzübergang Suben bildete sich schnell eine Kolonne. Als erstes Auto rollte der weiße Toyota des Ostberliner Gastwirts Gerhard Meyer über die Grenze, der mit seiner Familie kam. Auch 37 Doppeldeckerbusse brachten Flüchtlinge.

Auch ich zog “mit Kind und Kegel” los, um Ankömmlinge zu treffen. Meine beiden Töchter schenkten anderen Kindern einige ihrer Stofftiere und Kinderbücher. Ich erinnere mich noch heute an die Haufen von Reportern, die alle “über Nacht” in Passau eintrafen und sich zumindest nach außen perplex gaben. Einer der Ersten, die sich aus dem Ausland bei mir direkt meldeten, war Åke Williams, ein Reporter aus Göteborg in Schweden, der seit drei Jahren immer wieder aus/über Passau berichtete. Er wollte mit einem Fotographen kommen und wissen, was in Passau “wirklich” vor sich ging. Offiziellen Darstellungen traute er nicht. Von da an habe ich nicht nur schwedische und amerikanische Journalisten “hinter die Kulissen” geführt.

Was mir im allgemeinen Trara “sauer” aufstieß, waren alte Schlagworte wie “Passau, das Tor zum Osten”.
Im März 1938 waren Passauer Truppen ins benachbarte Österreich einmarschiert. Ein halbes Jahr später waren Passauer Truppen in die benachbarte Tschechoslowakei einmarschiert. 1939 waren Passauer Truppen an der Zerschlagung der Rest-Tschechei und am Einmarsch in Polen beteiligt, nicht zu reden vom Überfall auf die Sowjetunion 1941.

Die von Hitlers Getreuen errichtete Nibelungenhalle mit ihrem Schießanlagen im Zentrum der Stadt hatte schon Mitte der 30-er Jahre der Österreichischen Legion als Trainingszentrum gedient, ehe sie zum Massenquartier für die einmarschierenden Truppen und dann für die ebenfalls strategisch orchestrierte, aber angeblich spontane Massenflucht aus der Tschechoslowakei umfunktioniert worden war. Passau hatte sich damals nicht nur als “Tor zum Osten” feiern lassen, sondern einen gigantischen Torbogen als Wahrzeichen der Stadt geplant. Der ausgebliebene Endsieg und das Eintreffen der Alliierten hatten dies freilich verhindert.

Auch Ungarn war kein unbekannter Faktor. Einer der ersten Partner bei jenem Aufbruch in den Osten war der ungarische Reichsverweser von Horthy gewesen. Noch ehe dieser beim Führer in Berlin eingetroffen war, hatte ihn Passau zeremoniell willkommen geheißen. Nachdem Imre Nagy im Ungarischen Volksaufstand vom Herbst 1956 erklärt hatte, dass Ungarn den Warschauer Pakt verlasse und die sowjetischen Soldaten zum Verlassen des Landes aufforderte, waren zwar hunderte Aufständische hingerichtet und andere interniert worden, aber eine Massenflucht ergoss sich über Österreich in den Westen. 1957 hatte die Stadt Passau ihretwegen das 1933 Albert Leo Schlageter gewidmete Kreuz auf dem Hammerberg mit einem Stephanskreuz ersetzt. Das damals von Flüchtlingen gegründete Orchester Philharmonia Hungarica wurde von der Bundesrepublik subventioniert und erreichte den Rang eines Staatsorchesters. International mochte das alles zwar weitgehend in Vergessenheit geraten sein, aber in Passau war die Erinnerung an diese “glorreichen” Tage geradezu peinlich schnell erwacht.

Und 1989 fand Deutschland auch einen Grund, den 9. November, der bislang als Jahrestag des fehlgeschlagenen Hitlerputsches von 1923 und der berüchtigten Reichspogromnacht von 1938 vielen ein Dorn im Auge war, legitim zu feiern: Mit Gorbatschows Segen stand die Mauer nämlich jetzt auch in Berlin offen. Drei Tage später stürzte der seit 1954 amtierende KP-Chef in Bulgarien, und unmittelbar darauf begann die Samtene Revolution.
Als Michael Verhoeven’s Film Das Schreckliche Mädchen im Frühjahr 1990 bei der Berlinale Premiere hatte, lief der Film als erster deutscher Beitrag sowohl in West- wie auch in Ostberlin. Michael Verhoeven, der in Berlin studiert hatte, und Lena Stolze, die in der DDR aufgewachsen war und “mich” spielte, gingen damals mit mir vom Westen zu Fuß durch das Brandenburger Tor in den Osten, und ich erinnere mich bis heute, wie krass unterschiedlich die Publikumsreaktionen vor allem zu jenen in den USA waren. Was für viele Amerikaner nach wie vor zum Schieflachen komisch ist, machte dort hautnah betroffen. Die Überwachung, einschneidende Bevormundung, Isolierung und das daraus resultierende Risiko des Individuums, das von der Staatsdoktrin offen abwich, war allzu real und gegenwärtig, um darüber lachen zu können.

Auch weil ich aus der Grenzregion komme, polnische wie tschechische Vorfahren hatte und mich schon so lange intensiv mit der Rolle Deutschlands im Dritten Reich beschäftigte, wurde ich immer wieder zu Filmfestivals und anderen grenzübergreifenden Veranstaltungen eingeladen.
Als Barbara Stamm im Herbst 2014 in Vilshofen die Ausstellung 25 Jahre Tor zur Freiheit eröffnete, hieß es, dass allerhand Fotos, Dokumente und sonstige Erinnerungsstücke an den Spätsommer 1989 erinnerten, “als das Passauer Land im Mittelpunkt des weltpolitischen Geschehens stand.”




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