Gabrielle Alioth

Schwarz-weiß

Zwei Arbeiterhände türmen Backsteine aufeinander, eine dritte streicht mit einem Spachtel Zement dazwischen. Ich bin sechs Jahre alt und der Fernseher – ein großer brauner Kasten – steht erst seit ein paar Wochen in unserer Wohnstube. Am liebsten schaue ich Ivanhoe zusammen mit meinen Schwestern. Der Ritter in der schimmernden Rüstung überwindet alle Hürden. Nun sitze ich zwischen meinen Eltern. Sie betrachten die Bilder von der wachsenden Mauer schweigend, aber ich weiß: Das ist Berlin.

Zwei Jahre später ist Kennedy in Berlin. Alle mögen Kennedy, und die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher. Meine Mutter hat einen Schokoladekuchen gebacken, und wir trinken Tee. Ich habe noch nie so viele Leute auf einem Platz gesehen. Als Kennedy fertig gesprochen hat, jubeln sie; meine Eltern lachen.

Während ich in einem Reihenhäuschen in einer Schweizer Vorstadt aufwachse, ist Berlin ein schwarz-weißer Ort in der Vergangenheit. Als ich 1972 im Kino die freudige Erwartung in Michael Yorks Gesicht sehe, wie er sich in Cabaret durch die Menschen auf dem Berliner Anhalter Bahnhof drängt, denke ich: Da will ich auch mal hin.

Im Sommer 1986 stehen wir an der innerdeutschen Grenze. Wir leben seit zwei Jahren in Irland, und Grenzstationen mit Wachtürmen und Verbauungen sind uns aus Nordirland vertraut, nur dass sie hier spiegelverkehrt, nicht gegen außen, sondern gegen innen gerichtet, scheinen. Die Grenzwächter interessieren sich nicht für uns, und wir behalten unsere einstudierte Erklärung, warum wir mit Schweizer Pässen in einem irischen Auto nach Westberlin wollen, für uns. Dass mein Mann Journalist ist, hätten wir ihnen auf keinen Fall gesagt.
Ich kann nicht fassen, wie grün die durchmauerte Stadt ist, und als ich auf der Suche nach einem Hotel den Kudamm hinaufsteuere, packt mich Übermut. Am nächsten Tag, während mein Mann auf der Redaktion des Tagesspiegel über Beitragslängen und Zeilenhonorare verhandelt, fahre ich in den Osten. Bahnhof Friedrichstrasse, Unter den Linden, Pergamon, am längsten bleibe ich in einer Buchhandlung am Alexanderplatz. Bereits am Abend in unserem Westberliner Hotel kommt mir der Tag wie ein Traum vor. Die Bücher, die ich gekauft habe, sind in Leinendeckel gebunden und riechen seltsam.

Am 9. November 1989 sitze ich in Irland vor dem Fernseher und schaue den Jubelnden zu, so wie man am Silvestervormittag eine Neujahrsfeier in Australien betrachtet.

Im Frühjahr 1991 sind wir wieder in Berlin. Mein Mann arbeitet nun auch für ostdeutsche Rundfunkstationen, und ich begleite ihn zu einem Termin im Funkhaus an der Nalepastraße. Der Pförtner in seinem roten Backsteinhäuschen mustert uns mitleidig, während er mit dem Redakteur telefoniert. Dann erklärt er uns den Weg. Er führt über ein verlassenes Gelände in ein leeres Gebäude, durch einen endlosen Flur, der von ausgeräumten Glasschränken gesäumt ist, zu einem Lift. Dieser trägt uns ächzend in die zweite Etage. Dort erwartet uns der aufgekratzte Redakteur, der mit ein paar Kollegen zusammen noch hier haust, wie auf einem sinkenden Schiff. Einer der Kollegen lädt uns für den Abend auf ein Glas Wein zu sich nach Hause ein. Der Taxifahrer flucht, als wir ihm die Adresse nennen, und auf den gereizten Einwand meines Mannes, er sei schließlich in dieser Stadt zu Hause, meint er, er habe in seinem Leben schon mehr Straßennamen vergessen, als wir je gekannt hätten. An den Abend in der überfüllten Wohnung in einem Plattenbau erinnere ich mich gut. Es gab Wurstscheiben und Pumpernickel zum Wein, danach Kaffee mit Schokoladekuchen. Der Fernseher in der Ecke war ein brauner Kasten. Die Gespräche drehten sich um Vergangenes. Unser Gastgeber wusste, dass er nicht mehr lange beim Rundfunk arbeiten würde, seine Frau hatte ihre Stelle als Ärztin bereits verloren. Für eine Umschulung waren sie beide zu alt. Einige Stunden lang nahmen wir teil an ihrem Abschied von früher.
Auf ihren Rat hin fahren wir am nächsten Morgen nach Klein Glienicke. Dort ist man daran, die Reste der Mauer zu entfernen. Es ist ein sonniger Tag, und eine Weile schauen wir den Arbeitern zu, die mit Pressluftbohrern das Fundament herausbrechen, den Graben füllen und das Kopfsteinpflaster ersetzen, das auf beiden Seiten noch vorhanden ist. An manchen Stellen ist bereits nicht mehr zu sehen, wo die Grenze gewesen ist. Eine Weile schicken uns der Rundfunkkollege und seine Frau noch Weihnachtskarten, die bis zu den Rändern mit Erklärungen bedeckt sind, dann nicht mehr.

Wenn ich heute durch Berlin gehe und die schimmernden Fassaden betrachte, denke ich manchmal an Ivanhoe, und dass irgendwo in Walter Scotts Roman die Sonne im Westen aufgeht.


© G. Alioth, 2014

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