Dec 2014

Utz Rachowski

Meine Lager Gießen und Marienfelde November 1980

Ich kam am 20. November nach 14 Monaten Haft im Aufnahmelager in Gießen an. Dort gab es einen Lauf-Zettel, man musste Behördenwege innerhalb des Lagers machen. Ich stand sehr früh auf und war der erste der am Vortag angekommenen Gefangenen.
Ärztliche Untersuchung zuerst, dann Bürokratie, Personalien, alles etwa 6-8 Stunden lang. Am Ende eine Kommission, die fragte, in welches Bundesland in Westdeutschland man gehen wollte. Ich sagte (West)-Berlin, weil ich dort einen einzigen Menschen kannte (den berühmten Schriftsteller Jürgen Fuchs, der seit meiner Schulzeit mein Freund war). Verwandte, Bekannte oder andere Freunde in Westdeutschland hatte ich nicht.
Nur drei Gefangene hatten es geschafft, an einem einzigen Tag diese Bürokratie zu durchlaufen und alle Stempel auf dem Laufzettel zu bekommen. Am späten Nachmittag gingen wir, wir hatten neben 30 Mark ein Zugticket und ein Flugzeugticket erhalten, zum Bahnhof Gießen, um nach Frankfurt/Main zum Flughafen zu fahren. Dort fanden wir nach langem Suchen unseren Flug auf dem riesigen Flughafen. Man muß sich vorstellen, dass wir nach Jahren im Gefängnis plötzlich dort unter Tausenden Menschen standen, 24 Stunden vorher hatten wir noch in unseren Zellen gesessen.
Flug nach Berlin, dann sahen wir von oben die orangefarben beleuchtete Berliner Mauer deutlich beim Anflug. Wir flogen Pan Am, denn keine deutsche Fluggesellschaft durfte Westberlin anfliegen.
Die anderen zwei Mitgefangenen wurden von Verwandten abgeholt, und ich stand plötzlich allein vor dem Fughafen in Tegel. Ich fragte einen Taxifahrer, wie viel es ins Aufnahmelager kosten würde, es war viel zu teuer. Also fragte ich einen umherstehenden Busfahrer, der war freundlich und schrieb mir einen Zettel: Bus bis Jacob-Kaiser-Platz, dann U-Bahn 7 bis Mehringdamm, dort umsteigen in U-Bahn 6 Richtung Alt-Mariendorf, dann wieder Bus. Ich fragte zwei ältere Leute im Bus nach dem Lager, sie sahen mich an wie einen Verbrecher, sagten mir aber, wo ich aussteigen muß an der Haltestelle des Lagers Marienfelde.
Pförtner in Uniform… Er gab mir den Schlüssel für ein Zimmer, das schon mit zwei ehemaligen Gefangenen belegt war, ich war der dritte. Beide waren in der DDR schwere Kriminelle mit jeweils acht Jahren Haft wegen Schlägereien und Diebstahl. Ich wusste sofort: Hier musst Du wieder raus! Von einem Knast in den anderen, dachte ich…
Nächsten Morgen schon belästigten mich die beiden ehemaligen Gefangenen mit Fragen, wie viel Geld ich noch hätte, ob ich mit ihnen heute Bier trinken gehen würde usw. Ich ging schnell zum Frühstück. Dort war eine nette Frau, die mir zusätzlich Milch gab, obwohl ich schon über 25 war (wie sie sagte, durfte sie nur Personen unter 25 Milch zum Frühstück geben). Sie sah wohl auch, wie ich aussah: nach den Monaten der Zwangsarbeit blass und wächsern im Gesicht, und jeden Morgen liefen durch Kreislaufschwäche meine Finger und Hände bis zum Handgelenk schwarz an. Ich rief danach, es war auch meine einzige Hoffnung, meinen Freund Jürgen Fuchs an, und er und seine Frau Lilo sagten sofort, dass ich zu ihnen kommen solle, sofort raus dort! Ich besuchte sie am Mittag und fuhr am späten Nachmittag zurück ins Lager, um meine wenigen Sachen zu holen, es war nur ein kleiner Kunst-Lederbeutel. Die beiden „Mitbewohner“ hatten mich bereits bestohlen, meine Schuhe und meine Jacke waren weg, die ich am Vormittag in einer Kleiderkammer des Lagers Marienfelde erhalten hatte. Man gab sie mir, weil ich nur Sommerkleidung hatte, meine Verhaftung war an einem warmen Tag Anfang Oktober des vorletzten Jahres gewesen.
Ich wohnte sechs Wochen bei der Familie Fuchs, die mich mit Kinder-Vitaminsäften und gutem Essen wieder aufpäppelte, und dann war ich auf Vermittlung von Sarah Kirsch zu Gast im Literarischen Colloquium am Wannsee. Nach 10 Wochen fand ich eine eigene Wohnung in Tempelhof. Von diesen drei Orten aus musste ich jedoch noch sehr oft aus bürokratischen Gründen zurück ins Lager Marienfelde (und auch zu vielen anderen Ämtern der Stadt). Um als Ostdeutscher ein Deutscher zu werden brauchte ich, obwohl ich jeden (!) Wochentag 4 – 6 Stunden unterwegs war, über sechs Wochen. Gerade im Lager Mariendorf waren die Bearbeiter der bürokratischen Angelegenheiten überwiegend unfreundlich und herablassend.
Ich musste auch zu den sogenannten „Sichtungsstellen“ der West-Geheimdienste. Außer zu den Briten. Die Franzosen waren lässig drauf und schenkten mir Gauloises-Zigaretten ohne Filter, sie fragten mich kaum etwas, und wir lachten viel zusammen. Die Deutschen, der BND, sie waren steril, graue Anzüge und graue Gesichter, distanziert und sie fragten auch nicht viel. Einer beeindruckte mich, mit dem Wissen, als er mir sagte, wo genau es am Waldrand meiner kleinen Stadt eine gute Pilzgegend gibt. Der amerikanische Geheimdienst jedoch bestellte mich nach einem kurzen Erstgespräch im Lager Marienfelde an einen anderen Ort in der Stadt, ähnlich einer Kaserne. Dort wurde ich von einem sehr unfreundlichen, verhalten aggressiven Mann im mittleren Alter über Stunden verhört, es war eine Situation ähnlich der Stasi-Vernehmungen… Nach dem ersten Überraschungsmoment (etwa 40 Minuten), bis ich die Situation begriff, verweigerte ich zunehmend jede Aussage, wodurch der Mann noch schärfer und verbal aggressiver wurde. Nach etwa drei Stunden sagte ich zu ihm: Wenn die Russen Westberlin überfallen, dann springen Sie als Amerikaner ins letzte Flugzeug nach Westen und mich stellen die Russen an die Wand. Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir.
Daraufhin beendete der Mann seine Vernehmung. Er schien auch beeindruckt. Ich musste etwas unterschreiben, was offenbar mit Geld zusammenhing („for working“). Am Ausgang des Hauses (eines von vielen in der Kaserne) erhielt ich vom Pförtner 30 Mark. Ich ärgere mich noch heute, dass ich das Geld angenommen habe, diese Situation plötzlich am Ausgang hatte mich überrumpelt. Ich war und bin ein wirklicher Amerika-Fan, brachte es 2012 sogar bis zu einem Lehrauftrag in der Stellung eines Professors für deutsche Sprache am Gettysburg College, aber diese frühere Westberliner Erfahrung ging mir noch lange nach.
Erst viel später im Leben dachte ich darüber nach, ob die verschiedenen Dienste der westlichen Alliierten nicht doch an einem Seil zogen, ihre folkloristischen Rollen bei den Verhören spielten und sich danach austauschten. Auf jeden Fall schien ihnen bewusst, dass sie in Westberlin alle zusammen an einem seidenen Faden hingen.
Nach etwa sechs Wochen seit meiner Ankunft in Berlin war ich nun ein „echter Deutscher“ und musste nicht mehr ins Lager fahren.
Einen meiner Mitbewohner des Zimmers im Lager Marienfeld sah ich noch einmal wieder, mitten in der Stadt, ich achtete erschrocken darauf, dass er mich nicht erkannte. Er trug meine Winterjacke und meine neuen Schuhe. Ich gönnte sie ihm, aufrichtig.

Nach dem Fall der Mauer erfuhr ich durch die Medien, dass der oberste Leiter des Lagers ein Spitzel der „Stasi“ war und unzählige Berichte nach Osten geschrieben hatte.

10. Mai 2014




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