Jun 2015

Axel Reitel

Sommerofferte

Amour Anarchiste

Weil wir mit Blut genährt und Lichtangst aus dem Weibe müssen
Und dann nur glücklich sind bei Lichtgewinn in Finsternissen
Weil schon im Wegsehen Urteil ist und Trauerdinge nicht besaitet
Und wer anderen Verlust zufügt nur selbst Verlust erleidet

 

Weil wir das Babeln seit dem Turmbau nie verlernt
Und uns des Rufers Wüstenweisheit nur verhärmt
Weil nur die Rose uns ein offenes Geheimnis ist
Und unser Wissen in der Zeit liegt wie ein Ungewicht

 

Weil Nichtstun nicht die Hoffnung in den Schatten stellt
Und Macht in unerfüllten Händen Turm und Zaun um unsre Türen stellt
Weil es grau und krank macht: Haste ’mal ’paar Cent zu ville?
Und man vor Neuralgien kaum nüchtert zwischen Joint und Pille

 

Möglich sind allein die Liebenden für das Mordengehen blind
Im Herzen Chaos weniger als Staaten Träume sind

 1996 (Durchgesehen 12. Mai 2015)

 

Einer Namenlosen, die mich ein Stück Weg begleitete und vier Sätze sprach

Böhmischer Altweibersommer
entlang die Strasse von Brezan nach Osek
Vögel über den Feldern
Gesänge gefiederter Engel sagtest du
an den Weggrenzen Vogelbeerbäume
Gehängte Gekreuzigte
Zeichen sagtest du:
Die Früchte der knochigen Erde
Nahrung jenen sagtest du die nicht säen
nicht ernten

 

Heute ich sehe dich,
da jeder in seine Richtung weiter zog,
die Blätter der Bäume beträufelt sehe ich,
begleitet von den heiter- klagenden Liedern der Vögel –
bogenschlagend im Sprung
in die Unschuld des Himmels

1996 / 2015

 

Eine Ruderpartie auf der Moldau in Prag

für Kerstin Häberlein

Schwierig ist das Schöne.
Platon

Was trieb uns an der Wegwarte
zur Ruderpartie auf die Moldau?
Aurawogen ziehen am Kahn
mit dem Kieferlaut deiner Klarinette
und ein Geheimnis wird gesprochen,
das lautlos bleibt auf dem Fluß:
Neunzehn sind wir, undienstbar und zwanglos
und kennen doch außer unsrem kein anderes Land.
Stadt und Land hängen an goldenen Seilen,
so eifersüchtig wacht kein Gott,
wie unser gegenseitiger Staatenverband.
Und es teilen-teilen sich, unter den Windweiden,
unsere Wege auch, die wir noch gehen.
Herzschwingungen in der Luft,
Schiffssirene aus großer Entfernung.
Die Zeit ist ein fliehendes Pferd.
in der Hälfte des Lebens kommen wir zueinander,
dazwischen lautlose Jahre,
eine Liebe im vergessenen Jahrhundert,
immerhin nach überall jetzt,
Reisende auf eigene Bestellung.

August – 01. September 2014 / 12. Mai 2015

 

Ungestrafte Vorgänge[1]

La barbarie nous vaut mieux que la platitude.
Theophile Gautier[2]

Sommerofferte, nach uns schnappende
Unheilige in St. Hope [3], wir brachten alle um: mit wedelnder Rute
und triefender Schnauze, verschlangen
sie den Sachsenspeck (Blut-und Leberwürste, drin
die Überdosis Schlaftabletten)[4], womit
die Dämonendämmerung begann.
Es blieben ungestrafte Vorgänge. Zum Schutz
ihrer Handelsware, da waren wir ihre heiligen Kühe,
schwieg die Immmanenz. Unser Wert an D-Mark,
pro Mann hunderttausend, vergoldete
ihren Glauben an das Gesetz,
demnach ihre Welt noch in Form kommt.
Dazu fehlte es nicht an Brot.
Und eines Tages wurden die Rüden,
die überlebten, aus dem Zwinger, innen,
längsseits der Mauer, von den Wärtern
Würger (in SS – Design gebrachte Dienstmütze),
Rehrücken (dünne wie boshafte Erscheinung),
Onane (sichtbare Freude am Leid)
und Texaner (teuflisch schiefes Grinsen),
in namenloser Wut vor die Mauer
des größten Menschenhandelsknastes
auf Erden geführt. Und da huckten [5]sie.

3.- 17. Juli 2014 / 14. Mai 2015

 

George Tabori [6]

Ich sehe mich noch da [7], wohl als Epiphanie

Ich bin ihm ein einziges Mal begegnet.
Zuerst dachte ich an die Schaubühne.
Aber da probte Andrzej Waida in der Wrangelstraße [8]
die Mordgeschichte um Rodion Raskolnikow.

 

Mit Heideggerjargon die Helmholtzstraße
zur TU und abends im Overall unter Bühnentechnikern
als Treidler am Lehniner Platz [9]: hier
war es Stein statt Tabori gewesen.

 

Death Destruction Detroit machte Wilson.
Der Schauspieler als Seiltänzer ruft und ruft
diesen einen Satz im beeindruckenden Bild:
Heute früh kam ein Brie-ief mit der zweiten Poo-oost!

 

Verliebte und Verrückte, vor Glück verrückt,
zum Verrücktwerden schön der Tag, die Nacht an der Mauer
und das halbe Jahr noch danach, die große Anarchie
der Herzen, diese Zeit habe ich geliebt.

 

Die Massenmörder und ihre Freunde
dominierten bald die Szene: Solingen [10]
nicht vergessen und in Russland Wladimir Listjew [11]
Ich sah, hörte George Tabori oft im Fernsehen (Radio),

 

aber das war noch nicht die Begegnung: die war
vor dem Berliner Ensemble. Das Leben, das
beweist, dass man von Berlin nach Kadmos weist,
inszenierte selbst: Tabori, umgeben von einem Chor,

 

tritt auf, im Mantel, ganz klar das goldene Vlies,
grad vom Purgatorium, blickt auf, erstaunt über diesen
Radfahrer am Weg, geht vorbei und hält den Blick,
als sähe er eine Erinnerung, vielleicht einen Engel.
Troß ab, ich da, weiß nicht, ob ich ein andrer war –

2009/6. Juli 2014

 

Verse VIII

Wer eine Frau umarmt, ist Adam.
Die Frau ist Eva.

Jorge Luis Borges

 

Umarme mich noch einmal im Bildersturm von Amsterdam
Die Häuser sind Schiffe dort die Flüsse Wolken
Die Namen der Grachten sind Prinsengracht Keizersgracht Herengracht
Der schwarze Kaspar geht hier so frei einher wie der weiße Balthasar
Umarme mich noch einmal unter den Augen Rembrandts, Van Goghs
Und vergiss nicht den Namen Anne Franks Prinsengracht Nr. 263
Und was unsere Väter hier oder zur gleichen Zeit in Paris
Warschau
oder Riga zu tun hatten
Nimm mich an deine Haut in diesem Hotelzimmer Harlemstraat
Und berühre mich wie sie einander in Babylon berührten
Dich blendet das Rotlicht meiner blonden Haare in der Vielfalt der Menge
Und ich höre den Ruf der Taube ihre Stimme klingt wie aus weinendem Rohr
Lilith, Lilith
nimm mich unter deine Augen bevor die Häuser nur noch Häuser sind –
Ich vermisse den Geruch deiner Hände

1996 (Durchgesehen 12. Mai 2015)

 

Verse XXII

Ich bin so müd und hab genug
Der rabenschwarzen tauben Liebe
In der das Herz pocht wie Rattennest
Und hält sich an Verlusten fest

 

Ich bin so müd und hoffnungswach
Und gehe langsam meiner Sehnsucht nach –
Ich seh in allen Augen Schlachthausfreuden
Und hör im Dunkel Hochzeitsläuten

1996 (Durchgesehen 12. Mai 2015)

 

Die Magnolien

meiner Christa

Magnolienblüten im Blau, April
treibt die Wochen jahrwärts landauf
die frisch Verliebten gehen vom Schlaf ein letztes Stück
und dein Atem lächelt immerfort
aus der Welt das Un-Stimmbare,
vom Schlaf die Beweinfiguren der Schierlingspflanze
und die große Liebe, herb-harsch ihr Counter-Part.

 

Was kann ich sagen: wir waren am Meer
der Rabe rauschte über unsere Köpfe. Am Abend
am Strand lagen zwei Steine nie-nie-gesehen,
du warfst sie zurück in den Abgrund.
Am Morgen zurück kehrte der Rabe
und drehte über uns flatternd ab
sanft im Blau. Du darfst das Leben nicht verpassen.

Berlin-Amsterdam-Egmont-Berlin
April – 12. Mai 2015

 

Axel Reitel mit seiner Freundin Christa Speidel am Strand von Egmont, Mai 2015.

Axel Reitel mit seiner Freundin Christa Speidel am Strand von Egmont, Mai 2015.

 

Der Tod von Nicole, Berlin 2012

I pity the poor immigrant
who wishes he would’ve stayed home
who uses all his power to do evil
but in the end is always left so alone

Bob Dylan, “I pity the poor immigrant”

 

Sie suchte. Sie war noch jung.
Um die zwanzig. Über der Tür
der Lavendelstrauch. Auf ihren
Kleidern waren immer Ornamente.
Sie trug Amulette und glaubte
an den Onyxstein [12]. Oft mit in unsrer
Runde von Freunden, war sie
der orientierungslose Irrstern.
An einem schönen Wochentag,
riss sie ihren Mitbewohnern –
vierzig weißen stubenreinen Ratten -,
die Köpfe ab. Und so Hals-über Kopf
im Rattenblut, kam sie in die Psychiatrie,
worauf von uns Jeanette ihr
die anwesende Mutter wurde. Sie nahm sie
bei sich auf und half ihr weiter suchen.
Das sah erst einmal gut aus, dann gab
Nicole auf, sie wurde gefunden.
Ihr Ehemann war jünger noch,
mit einer wenig vorteilhaften Vergangenheit,
lebte er auf Duldung, leistete
Arbeitsstunden für sein Bleiberecht
und schickte Ihr die schönsten Liebes-SMS
aus jenem Heim bei Rottweil.
Das Hochzeitsfoto stammt
aus einem Restaurant mit Blümchentapete
und klebte noch nicht im Album,
als Nicole beerdigt wurde. Er sagte aus –
und ließ sich dabei theatralisch von Verwandten stützen-,
sie sei vom Fenster einfach runter auf die Straße.
Doch von uns Jeanette zählte dagegen die
Schläge und Drohungen von ihm
auch gegen sie, ewig
diese ganze dauernde kurze-kurze Zeit.

Juli 2014 – 14. Mai 2015

 

In Memoriam W.K.

für Christa Speidel

Wir kauften
Zauberschnee und Gauklerblume
für das Grab des Schauspielers K.
Stimme des Königs der Löwen.
Hoch gewachsen,
naturwissenschaftliches Abitur,
Schauspielschule Rostock,
fiel in Ungnade in der Armee,
ging schließlich von Ost nach West.
Schwedt aber
schwedtete [13] schwer im Gemüt.
Der Erfolg ist ein Meister im Vergessen.
Das Vergangene trieb ihn
ins bi-polare Land [14].

Mai 2015

 


 

Endnoten

 

[1]  Authentischer Vorgang aus dem Jahr 1982 in der Strafvollzugsanstalt Cottbus. Erzählt im September 2014 in der heutigen Gedenkstätte „Zuchthaus Cottbus“. Der Autor befand sich zur Zeit des Vorgangs bereits in der Bundesrepublik.

[2]  Unsere Barbarei muss die/ihre Gemeinplätze übersteigen. Zitiert von Ernst Jünger in seinem Roman Afrikanische Spiele, Einmalige Ausgabe Deutsche Hausbücherei Hamburg, Band 7 der 21. Jahresreihe, S. 224.

[3] St. Hope ist eine vom Autor gewählte romanhafte Bezeichnung für den Freikauf-Knast Cottbus, da dieser irrationale Ort (ein Gefängnis!) den Begriff auf tief-ambivalente Weise den Begriff der Freiheit sowohl für die politischen Gefangenen (die Hoffnung auf Freiheit) als auch für den SED-Staat (die Hoffnung auf Devisen) verkörpert hat.

[4]  Diese mit Schlaftabletten versehenen Würste wurden von den Häftlingen Preußenspeck genannt, obschon sich das Zuchthaus Cottbus in der Lausitz befindet. Von diesen Aktionen wurde dem Autor erzählt, er selbst war zu dieser Zeit bereits freigekauft.

[5]  hucken – umgangssprachlich für kauern, zusammengekrümmt hocken.

[6]  Taboris Blick im Gedicht erklärte die Witwe mir, demnach läge eine Ähnlichkeit vor mit einem Oheim, der in einem Konzentrationslager umgebracht wurde. Das Gespräch fand auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof statt. Ich besuchte das Grab meines Bruders Ralf, wenige Schritte von Taboris Grab entfernt.

[7]  Vor dem Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm.

[8]  Nebenbühne der Berliner Schaubühne im Stadtbezirk Kreuzberg.

[9]  Als Treidler am Lehniner Platz: Beim Umbau des von Peter Stein inszenierten Stückes „Ein haariger Affe“ (Eugene O’Neill) musste der große Schiffsbau des ersten Aktes von der Bühne weggezogen werden. Der Autor arbeitete von 1986-1990 als studentische Hilfskraft (Kulissenschieber) an der Berliner Schaubühne.

[10]  In Solingen wurde im Jahr 1994 ein von türkischen Familien bewohntes Mehrfamilienhaus von vermutlich einer rechtsextremistischen Gruppierung in Brand gesteckt. Bei diesem Brand kamen mehrere türkische Familienangehörige ums Leben.

[11]  Wladimir Listjew war ein russischer zeitkritischer Journalist und wurde wegen seiner Berichterstattung 1994 in Moskau ermordet. Er gilt als der erste der seit der Gründung Russlands (1991) ermordeten russischen Journalisten.

[12]  Onyx ist undurchsichtiger, schwarz-weiß geschichteter Quarz.

[13]  Das DDR-Militärgefängnis der Nationalen Volksarmee in Schwedt war als besonders schweres Straflager um so mehr berüchtigt, da die Mehrzahl der Verurteilten bis heute über die traumatischen Erfahrungen vor Ort schweigt.

[14]   „Mit Bipolaren Störungen bezeichnet man eine Gruppe krankhafter Stimmungsschwankungen bzw. -veränderungen, die sich zwischen himmelhoch jauchzend (manisch) und zu Tode betrübt (depressiv) bewegen und durchaus sehr verschiedene und individuelle Ausprägungen sowie Verläufe haben können. Es handelt sich um keine klar umschriebene Erkrankung wie man es etwa vom Bluthochdruck oder Diabetes mellitus kennt, sondern um eine in Episoden oder Phasen verlaufende psychische Erkrankung, die das ganze Spektrum der menschlichen Stimmungszustände widerspiegeln kann.“ Quelle: http://dgbs.de/bipolare-stoerung/ (Stand 14. Mai 2015)




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