Christine Cosentino

“Deformierte Verhältnisse” vs. “ unmittelbare Gemeinschaft” : Freiheitsutopien in Lutz Seilers Roman  Kruso.

Lutz Seiler, der Autor preisgekrönter Lyrik und Kurzprosa, wartete im Jahre 2014 mit seinem ersten Roman, Kruso [1], auf, der mit dem deutschen Buchpreis prämiert wurde. Ort der Handlung ist die Insel Hiddensee im äußersten Norden der DDR. Das suggeriert einerseits Abgeschiedenheit, apolitische Nischenexistenz, und — mit dem Blick auf die dänische Insel Møn — Sehnsucht nach westlicher Freiheit: “Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten” (K 164-165); andererseits und parallel dazu evoziert der Insel-Hiddensee-locus real existierende Manifestationen radikalster politischer Überwachung. Da Seiler selbst im Jahre 1989 als Saisonarbeiter in der Touristengaststätte “ Klausner” auf Hiddensee tätig war[2], gelingt es ihm, eigene Erfahrungen kunstvoll mit surrealer Symbolik des Insularen zu verzahnen. Zu erwähnen ist, daß bereits der Protagonist Dallow aus Christoph Heins Roman Der Tangospieler (1989) auf der Insel Hiddensee Refugium fand. Der in einem bizarren Gerichtsverfahren und nach Abbüßung einer Haftzeit aus der Bahn geworfene Historiker arbeitete ebenfalls temporär als Saisonarbeiter in der Betriebsgaststätte “Klausner”.

Der Titel Kruso weist auf das Inseldasein des Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Robinsonaden, so kann man in Daemmrichs Motivgeschichte nachlesen,   sind “Schilderungen der Existenzbewältigung Schiffbrüchiger[ …], der Überlebenskunst, des selbstgenügsamen Daseins, der Gründung einer naturnahen, vorbildlichen Gesellschaft und der Rettung.”[3] Das verquickt sich mit dem Topos der “Insel”, in dem sich Abgeschiedenheit spiegelt, einer Insel, die zum Hort utopischen Denkens und alternativer Daseinsformen werden kann: ein solcher Ort

kann zum Ausgangspunkt von Bewährungsproben werden und die Entwicklung einer Gemeinschaft begründen. Die Insel bietet Zuflucht, ermöglicht die Verwirklichung einer vorbildlichen Gesellschaftsordnung […] und bietet dem von der Welt Abgeschlossenen die Möglichkeit, über sich und sein Verhältnis zum Dasein nachzudenken.[4]

Diese theoretischen Gedankengänge fand Seiler während seines Aufenthaltes auf Hiddensee in der Praxis bestätigt. Er äußert sich in einem Interview folgendermaßen:

Die Insel war der Sehnsuchtsort überhaupt im Osten. Für die allermeisten. Es war die einzige Insel, der Gipfel an Exotik, unbeschädigte Landschaft, am äußersten Rand der Republik. Und dann diese Freiheitserfahrung, die man nur auf einer Insel haben kann. Allein die Dampferfahrt dahin. Als würde man übersetzen in eine andere Welt. Diese Insel hat für alle und natürlich auch für Kruso eine besondere Freiheitsmagie, eine Freiheitsstrahlung.[5]

Damit ist der aus konkreten Erfahrungen schöpfende fiktive Handlungsrahmen einer DDR-Robinsonade gesetzt:

Es gab dieses Mikromilieu der Saisonkräfte, abgebrochenen Akademiker, Künstler in spe, Aussteiger, Angespülte, die im ‘Klausner’ als Kellner arbeiteten oder als Abwäscher. Verschiedene kleine Szenen hatten sich außerdem gebildet. Die haben sich dann zusammengeschlossen. Abends am Strand Fisch gebraten und regelmäßig die Freie Republik Hiddensee ausgerufen. Es gab diese Freude am Dasein, an dieser Nische. Und dieses surreale Nebeneinander von Überwachung und Freiheit, das vielleicht typisch ist für die DDR.[6]

Wer ist der Held Edgar Bendler, genannt Ed, der in diese Nische flüchtet? Eine “Kunstfigur”, wie Seiler meint, also kein Alter Ego, trotzdem dem Autor nahe, denn “bei ihm konnte ich mehr vom Eigenen nehmen.”[7] In der Tat gibt es biografische Gemeinsamkeiten. Beide gehörten einmal zur Arbeiterklasse, beide studierten Germanistik, schrieben Gedichte und stehen auf Trakl, den sie auswendig “aus den Beständen im Kopf” rezitieren können. Beide verbringen den Sommer 1989 im “Klausner” auf Hiddensee. Der tödliche Unfall seiner Freundin in Halle, Depression und Frust über die reglementierten Verhältnisse in der DDR erwecken den Wunsch nach Flucht in Ed: “Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält” (K 109 ). Er folgt der Empfehlung eines kellnernden Historikers in Halle, der schwärmt, daß

Hiddensee im Grunde schon außerhalb läge, exterritorial, eine Insel der Seligen, der Träumer und Traumtänzer, der Gescheiterten und Ausgestoßenen. Andere nannten sie das Capri des Nordens, auf Jahrzehnte ausgebucht. Die Freiheit, ihr Lieben, besteht im Kern darin, im Rahmen der existierenden Gesetze eigene Gesetze zu erfinden, Objekt und Subjekt der Gesetzgebung zugleich zu sein, das ist ein Hauptzug des Lebens dort oben, im Norden (K 32).

Eds Aufbruch, sein Weg dorthin, seine Erfahrungen in der erdrückenden Atmosphäre in der Mitropa des Berliner Ostbahnhofs, die polizeiliche Überwachung der Bahnhöfe und Züge, die Verhöre und die rigide Drangsalierung im realsozialistischen Alltag erhärten den Wunsch nach Flucht auf die Insel der Träumer, “das Utopia in Seepferdchenform.”[8] In diesem Utopia der Nische findet Edgar/Freitag seinen Kruso/Crusoe, in einer Begegnung, die einen breiten Assoziationsbereich möglicher Interpretationen eröffnet. Der Roman läßt sich — laut Seiler — als “eine Abenteuergeschichte, ein Buch über eine Männerfreundschaft”[9] lesen, auch als ”Bildungsroman”[10] und ebenfalls als “Bild für den Untergang des Landes”[11], denn das Nebeneinander von individueller Freiheit und extremer, ins Surreale gesteigerter Unfreiheit läutet — so erfährt man aus den Berichten eines alten Radioapparates im “Klausner” — fast unbemerkt die Wende ein.

Drei diametral entgegengesetzte Personen beherrschen Leben und Atmosphäre auf der Insel Hiddensee: Vollmar, der Kommandeur einer Überwachungskompanie, dessen mit Maschinenpistolen und Patrouilleschiffen ausgerüstete Soldaten die Küste nach “grenzverletzenden” Flüchlingen absuchen; dann Rebhuhn, der notorische Stasioffizier der Insel und letztlich Kruso, ein nachts im Untergrund agierender Freiheitsguru, der eine andere Form von Macht verkörpert. Dieser Gründer einer antistaatlichen Gegengesellschaft ist — wie Elke Schmitter es treffend faßt — “ein Charismatiker, ein Dichter und Sonderling, aber auch ein gewiefter Verschwörer, der die Aussteiger, die Illegalen und die Suchenden auf dieser Insel um sich zu sammeln und zu schützen weiß.”[12] In diesem leidenschaftlichen Organisator der Subversiven entdeckt Edgar Bendler biografische, literarische und charakterliche Wahlverwandtschaften, die zu einem produktiven Verhältnis von Lehrer und Schüler führen. In der Gemeinschaft mit Kruso und den um Kruso Versammelten findet Ed Anregungen, über sich und sein Verhältnis zum Dasein nachzudenken.

In der Gaststätte “Klausner” trifft Bendler inmitten einer Gruppe von im DDR-Staat Gestrandeter auf diesen Wortführer der Freiheitssuchenden, Alexander Krusowitsch. In einer von Rimbaud, Artaud und Trakl literarisch aufgeladenen Atmosphäre wird hier unter den “Erleuchteten” einem neuen, inneren Freiheitsbegriff gehuldigt. Die Freiheit liege nicht — so Kruso — auf der westlichen Insel Møn, sondern in der Dichtung: Poesie ist Widerstand. Freiheit wurzelt im Menschen selbst. Dieser Freiheitsprophet wird für Bendler im besten Sinne eines Bildungsromans Lehrer, Freund, Leitbild, Vorbild, Meister: “Er fühlte sich geborgen in Krusos Nähe” (K 125). Krusos Selbstbewußtsein, seine Hingabe an die Mission, seine Leidenschaft helfen Ed, seine Depression und Verlorenheit zu neutralisieren und letztlich zu überwinden:

Kruso berührte etwas in ihm, das er entbehrte, vermisste, ein alter Mangel, nagend, eine Sehnsucht nach — er wusste es nicht, er hatte keinen Namen […] Kruso hatte ihm Aufgaben gegeben, er hatte Klarheit in Eds Tage gebracht und das unabweisbare Gefühl, dass es auch für ihn eine Möglichkeit gab, sich über sein diffuses, verfahrenes Dasein zu erheben (K 119).

In ihrer von Gedichten gestiftetn Vertrautheit – “Woraus ihr Unglück bestand (und was ihr Handeln bestimmte), war besser aufgehoben in einem Gedicht” (K 214) – hatten die beiden sich gefunden. Zumeist schöpfte die Gemeinschaft aus Gedichten Georg Trakls, in denen dieser seine seelischen Verwundungen, den Verlust eines geliebten Menschen gestaltete, Erfahrungen, mit denen beide Männer sich identifizieren konnten. Die Freundschaft der beiden Männer ist so eng, daß sie sich entscheiden, durch die rituelle Vermischung von Blut zu Blutsbrüdern zu werden, die geloben, sich in jeder erdenklichen Situation mit unerschütterlicher Treue beizustehen. Letztendlich sind es diese Freundschaft und die rituelle Atmosphäre des “Klausners”, die eine Verwandlung in Ed bewirken, eine biografische und existentielle Wiedergeburt am politischen Wendepunkt des Jahres 1989: “Ed begriff, dass man das eigene Leben immerzu verteidigen musste, einerseits gegen das, was dauernd geschah, andererseits gegen sich selbst und die Lust, aufzugeben” (K 90).

Wer ist dieser Freiheitsverkünder Kruso? Geboren wurde er 1961 im Jahr des Mauerbaus als Sohn eines sowjetischen Generals und einer deutschsprachigen kasachischen Zirkuskünstlerin, die tödlich verunglückte. Als sein Vater in die Sowjetunion zurückgeschickt wurde, zogen der sechs Jahre alte Kruso und die ältere Schwester Sonja auf die Insel Hiddensee zu ihrem Stiefvater, dem Strahlenforscher Professor Rommstedt. Die Insel wird für Kruso zum Ort jahrelanger Traumatisierung, denn an der Küste Hiddensees verliert er die geliebte Schwester, die bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt. Dieser Verlust führt zu Obsession und einer fast biblischen Mission, denn die Wurzel der neuen Freiheit liege nicht — so folgert Kruso — in der westlichen Verbrauchergesellschaft, sondern im Inneren des Menschen, jenseits

von Ehrgeiz, Macht, Habgier, Besitz, rostiger, giftiger, aschener Schlacken […] Das ist die Freiheit, die ich meine. Sie ist das Denken des innersten Ichs, das Denken unseres Selbst in der Geschichte. Wir müssen nichts anderes tun, als dieses Denken zu wecken (K 258).

Der Stiefvater Rommstedt versucht, ein sachliches Urteil über diese verschwommene weltfremde Freiheitsphilosophie zu fällen. Auf das Trauma des Kindes eingehend, folgert er:

So besessen, aber im Grunde verwirrt er damals Tagebuch geführt hat, so gewissenhaft und verblendet nahm er später in Angriff, was er inzwischen, wie ich hörte, den Bund der Eingeweihten nennt. Eine Art Untergrund zur Anhäufung innerer Freiheit, eine geistige Gemeinschaft, irgendetwas in diesem Sinn; ohne Verletzung der Grenzen. Ohne Flucht, ohne Ertrinken. Keine kleine Illusion, eher eine ausgewachsene Wahnvorstellung” (K 306).

Diese Wahnvorstellung findet Anklang unter jenen, die aus dem engen Rahmen der DDR herausgefallen waren, “Schiffsbrüchige”, die rezeptiv sind für Phantasmagorien über eine Freiheit jenseits alltäglicher Zwänge. Thomas Andre bilanziert: “Dass Kruso die Klaustrophobie der ‘Schiffsbrüchigen’ übergangsweise durch seine Freies-Hiddensee-Spinnerei bannen kann, entspringt natürlich einer kollektiven Selbsttäuschung.”[13] Diese Selbsttäuschung wird von Ritualen gestützt.

Ed wird Schüler Krusos in einer Gruppe Gleichgesinnter, die oberflächlich Saisonarbeiter im “Klausner” sind, deren wahre Berufung jedoch in der Mitgliedschaft im “Kreis der Eingeweihten” liegt, einer Mischung von biblisch-esoterischer Gemeinschaft, Hippi-Kommune und literarischer Diskussionsgruppe. Zwölf Erleuchtete scharen sich beim Essen um den Meister und Lehrer. Gesang gehört zu ihrem Ritual, so das Lied vom Mond, vom Mann und vom Meer[14], “eine Art Hymne des Klausners, ‘unser Heiliges’, wie Kruso es später noch öfter erklärte” (K 97) : “Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer, so bereit nach dem Meer!” Wie von einer Zauberformel berauscht, gerät der Chor der Zwölf während der Abwaschorgien in einen somnambulem Zustand der Verzückung: “Mit ihren ausgestreckten, von schmutzigem Geschirr bedeckten Armen wirkten sie wie Komparsen in einem absurden Stück” (K 96). Doch auch Musik ganz anderer Art — von den Erleuchteten kaum mehr wahrgenommen — ertönt im “Klausner”: die allabendliche Sendung der DDR-Nationalhymne nach Abschluss der Programme. Emotionale Bindung/Bonding, Zusammenhalt und Nähe ist verbunden mit einem ungemein hohen Arbeitsethos. Alle — nach einer Bewährungsprobe von Schweigen und Zwiebelschälen — arbeiten bis zur Erschöpfung in einem Milieu von Schmutz und ekligen Pflichten. Von Essensresten, Haaren und Schleim verstopfte Abwässer werden ins abstoßend Animalische mythisiert. In der “Klausner”-Arche” taucht ein ungeheuerliches, fauliges Abfall-Fabelwesen auf, ein Monster aus alten Seefahrergeschichten, denn die als “Lurch” bezeichnete glitschige Masse des Schmutzes ist — so Lothar Müller — “das Gestalt gewordene Ungeheuer der Kessel mit den faulenden Wassern.”[15]

Die Gemeinschaft der Zwölf fängt in der DDR gestrandete Neuankömmlinge auf, die jetzt “Pilger” genannt werden. Sie müssen sich strengen, fast liturgischen Ritualen unterziehen, bevor sie von der Gruppe mit Essen versorgt, betreut und verborgen werden. Rituelle Waschungen, Begrüßungen — “Wange an Wange” — und darauf folgende “Vergaben” stehen auf der Tagesordnung. Die Schutzbedürftigen werden bei den Erleuchteten oder sympathisierenden Inselbewohnern untergebracht, und auch Ed findet in seinem Bett des öfteren einen unerwarteten Gast. Doch der Pilger-Strom ebbt letztendlich ab. Mehr und mehr berichtet der alte Radioapparat Viola im Jahre 1989 von sich öffnenden Grenzen in Ungarn und den Ansturm von Flüchtlingen auf die Prager und Budapester Botschaft. Ironie ergibt sich aus Seilers Aussparung der dramatischen Ereignisse im Umfeld des Untergangs der DDR, aus dem Fehlen jeglicher Interpretation des politischen Zeitgeschehens. Im Umkreis des “Klausners” geht es allein um den engen, ganz aufs Private gerichteten Blickwinkel der Erleuchteten. Deren allmähliches Verschwinden von der Insel wird kommentarlos und wie beiläufig registriert. Zurück bleiben letztlich nur die Blutsbrüder Kruso und Ed. Zuzustimmen ist dem Kritiker Roman Bucheli, der über die enge Perspektive das Fazit zieht: “Lutz Seiler schreibt mit ‘Kruso’ einen Roman über die Wende von 1989 und erzählt aber eine ganz andere Geschichte.”[16]

Kurz vor der Wende verschwindet Kruso temporär aus dem Blickfeld Eds und der Inselbewohner. Er, der wegen staatsfeindlicher Gruppenbildung konstant von den Überwachunsorganen observiert wird, gerät in den letzten Tagen der sich auflösenden DDR erneut in die Fänge des Stasi-Offiziers Rebhuhn und landet im Gefängnis. Bereits als Jugendlicher wurde er wegen sogenannter Grenzverletzung zur Haft in einem Jugendwerkhof verurteilt. Als er jetzt wieder auf der Insel erscheint, befindet sich nur noch der auf Treue eingeschworene Freund Edward im “Klausner”. Kruso wird krank, physisch und psychisch krank, denn die Enttäuschung über den Verrat der Erleuchteten traumatisiert ihn. Seine gebrochene Biografie, die seelischen Verletzungen, der Verlust der Schwester im Wasser (“Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg […] Er hat gewartet, aber sie kam nicht zurück”) (K 301) machen ihn von Anfang an zum wahrscheinlich traumatisiertesten Mitglied der “erleuchteten” Parallelgesellschaft. Jetzt spielt Ed die Rolle des Vater in diesem Freundschaftsbund, die Rolle des Gebenden, des Pflegers und des Verantwortlichen: “Langsam redete sich Ed in seine neue Rolle hinein. Jetzt war er es, der Verantwortung übernehmen musste. Für einen Moment hatte er das Bedürfnis, Krusos großen nassen Schädel an sich zu pressen und zu wiegen wie ein Kind, das sich wehgetan hat, solange zu wiegen, bis es getröstet war” (K 177). Ed verspricht dem Kranken, dem Schicksal der Schwester und den vielen, auf der Flucht ertrunkenen Namenlosen nachzuspüren. Medizinische Hilfe für den schwerkranken Kruso kommt unerwartet. Deus-ex-machina-haft tritt ein surreales, expressionistisch überhöhtes Ereignis ein, das die Lösung des Problems, die Rettung Krusos bewirkt. Ein sowjetischer Panzerkreuzer erscheint im Nebel, und ein General und Matrosen kommen an Land und tragen den Kranken an Bord. Dann folgen einundzwanzig Salutschüsse, und das Schiff entfernt sich. Handelt es sich hier um ironisierende Symbolik? Der Kritiker Alexander Camman berichtet von einem Spaziergang mit Lutz Seiler auf der Insel Hiddense:

21 Schuss Salut, das bekommen nach dem Marinereglement nur Könige, erklärt Seiler, während wir zum Leuchtturm wandern. Uns fällt ein, dass die in diesem Schüssen gleichsam untergehende Epoche ebenfalls mit Schüssen eines russischen Panzerkreuzers began: mit den Schüssen der Aurora 1917 in Petrograd.[17]

Es scheint, daß auf dem Hintergrund der Wende wiederum eine historische Botschaft aus dem Osten kommt: “Die Aufgabe des Ostens, Ed, […]   wird es sein, dem Westen einen Weg zu zeigen. Einen Weg zur Freiheit” (K 409). Eine enigmatische Botschaft. An Perestroika ist kaum zu denken, denn der realitätsferne Schwärmer Kruso entschwindet ins Nebulöse, und in der Küche des “Klausners” bleibt Ed zurück: “Eine einsame komische Figur, aber auch treu und tapfer vielleicht” (K 433).

Dem Roman ist ein Epilog zugefügt. Jahre nach der Wende löst Edgar Bendler sein Versprechen ein, dem Schicksal der unbekannten Toten eines verschwundenen Landes nachzuspüren. Tief hat sich Krusos Bitte, ja Forderung in sein Gedächtnis eingegraben: “Und sollte ich einmal nicht hier sein, für eine Zeit, dann kümmerst du dich, versprich mir das” (K   438). Bendler reist nach Kopenhagen, um den Spuren der vielen auf der Flucht in der Ostsee Ertrunkenen nachzugehen. Im bürokratischen Labyrinth von Berichten der Polizei auf der Insel Møn, in dänischen Polizeiarchiven in Kopehagen und im Gerichtsmedizinischen Institut gelingt es ihm, über einige Ertrunkene Informationen einzuholen – u.a. über einen ehemaligen Saisonarbeiter im “Klausner” – Ertrunkene, die an der Küste der Insel Møn gefunden wurden. Einige wenige erreichten die Insel lebend. Die meisten jedoch wurden von den die Küste bewachenden Patrouillebooten entdeckt und den Sicherheitsorganen übergeben. Krusos Versuch, das Konzept einer inneren Freiheit zu verwirklichen, war gescheitert, ebenso, wie der Gedanke totaler gesellschaftlicher Freiheit. So bleibt es beim Experiment, bei der Sehnsucht, beim Traum. Sebastian Hammelehle zieht das realistische Fazit: “Dem Traum von einem Leben jenseits alltäglicher Zwänge. Den kann kein Staat erfüllen — aber eine Inselgemeinschaft um einen Robinson namens Kruso.”[18]

 


 

Endnoten

[1] Lutz Seiler, Kruso (Berlin: Suhrkamp, 2014). Zitate daraus im Text der Arbeit, markiert mit der Sigle K.

[2] Christiane Petersen, “Die Prosa verlangt viel Anwesenheit”, börsenblatt 42 2014.

[3] Horst S. und Ingrid Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur (Tübingen: Francke, 1987), Stichwort “Robinson”.

[4] Daemmrich, Stichwort “Insel”.

[5] Elmar Krekeler, “Hiddensee war der Gipfel an Exotik”, Die Welt 8. Oktober 2014.

[6] Krekeler

[7] Sabine Vogel, “Interview. Die Dinge wirklich bis zum Letzten treiben”, Frankfurter Rundschau 8.Oktober 2014.

[8] Christoph Schröder, “Utopia in Seepferdchenform”, www.taz.de 16. September 2014.

[9] Krekeler, “Hiddensee war der Gipfel an Exotik”.

[10] Siehe u.a. Steffen Richter, “Im Bunde der Erleuchteten”, Der Tagesspiegel 7. September 2014; Helmut Böttiger, “Robinsonade auf Hiddensee” http://deutschlandradiokultur.de/roman-robinsonade-auf-hiddensee.950.de.html?dram.artikel-id=296013

[11] Krekeler.

[12] Elke Schmitter, “Der proletarische Zauberberg”, Der Spiegel 36 (2014).

[13] Thomas Andre, “ Die Schiffsbrüchigen des Sozialismus”, Der Spiegel 10. September 2014.

[14] Es handelt sich um das Gedicht “Melopee” des flämischen Dichters Paul von Ostaijen. Seiler zitiert die deutsche Übersetzung von Klaus Reichert.

[15] Lothar Müller, “Auf der Insel des zweiten Gesichts”, Süddeutsche Zeitung 6./7. September 2014.

[16] Roman Bucheli, “Und nachts dann die Nationalhymne”, Neue Zürcher Zeitung 4. 10. 2014.

[17] Alexander Camman, “Die letzte Instanz ist das Ohr”, Die Zeit 21. 8. 2014.

[18] Sebastian Hammelehle, “Deutscher Buchpreis für ‘Kruso’,” Spiegel Online” 6. Oktober 2014.

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