Jan 2011

Susanne Schädlich

Manchmal nur ein Wort

Am Dienstag keine Schule mehr. Auch am nächsten Tage nicht. Ich sei eine Gefahr für die anderen, hieß es. Ich wollte die Freunde noch einmal sehen. Die Mutter rief in der Schule an. Nein, das komme nicht in Frage, sagte der Direktor. Dann ging es doch. Zur Turnstunde sollte ich kommen., in den Umkleideraum, fünf Minuten vor dem Unterricht. Das sollte reichen.
Verwunderung, als ich plötzlich dastand. Die beste Freundin fing an zu weinen. Aufgeregte Fragen von einigen. Feindseliges Schweigen von anderen.. Ich verteilte mein Geld, ich brauchte es nicht mehr. Das meiste bekam die beste Freundin. Sie war die ärmste von allen, nicht nur, weil sie oft mit blauen Flecken in die Schule kam. Dafür hatten die Lehrer kein Auge. “Jetzt bin ich ganz allein”, sagte sie. Ich gab zwei Poesiealben ab, eins für die Klassenkameraden, eins für meinen Lehrer, für alle die, die noch nichts hineingeschrieben hatten. Das war’s. Ich sehe noch die schwarzen Turnhosen, die sie sich anzogen, die weißen Hemden. Der Umkleideraum leerte sich. Der Unterricht ging weiter. Ohne mich.
Ich übte nicht mehr Klarinette, wie ich es sonst jeden Nachmittag getan hatte. Ich lief allein durch die Grimmschen Straßen, wenn ich nicht mit dem Bruder die Bücherlisten schrieb. Er war an der Schreibmaschine, weißes Blatt, Kohlepapier, Durchschlagpapier. Ich auf der Leiter. Regal für Regal. Tag für Tag, schweigend bis zum Buch Nr. 3541. Dann hörten wir auf und machten drei Punkte. Das war gegen die Anordnung, aber die sollte uns unsere Zeit nicht mehr stehlen.
Großmutter aus Jena kam, kaufte ein, kochte. Sie war der Felsen in der Aufregung. Das gewohnte Leben in Köpenick, im Märchenviertel, war wie durch einen Zauberspruch vorbei. Unwirklich verflog die Zeit der letzten Tage. Jeder bewegte sich wie unter einer Glocke oder wie ferngesteuert.
Der Vater verließ früh das Haus und kam oft erst nachmittag zurück. Behördengänge. Die Mutter organisierte den Umzug vor. Ausmisten, sortieren, überlegen, bevor die Kisten geliefert wurden. Manchmal — wir fragten uns, ob sie wiederkämen — waren beide stundenlang fort.
Abends verwandelte sich die Wohnung in normale Lebhaftigkeit, wenn Freunde der Eltern kamen und bis in die Nacht blieben, um sich in langen Gesprächen zu verabschieden. Auch der Onkel.
Der Kontakt war in den letzten Monaten sehr eng geworden. Er als Stütze für uns in der Aufbruchzeit und wir als Stütze für ihn, weil sie ihn, wie er glaubhaft versicherte, aus der Partei ausschließen wollten. Ständige Telefonate, viele Besuche, er kümmerte sich wie nie zuvor und erkundigte sich.
Wenn die Freunde kamen, lagen wir längst in unseren Betten. Schlaflos ich, meinen Gedanken überlassen. Das was ein Zuhause, eine Heimat war, würde ein Zuhause, eine Heimat nicht mehr sein. Heimat. Ich weiß nicht, wie oft und zu wie vielen Anlässen wir als Schüler singen mußten: “Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsere Heimat sind auch all die … und die Vögel in der Luft.” Ich kann es heute noch singen. “Und wir lieben die Heimat, die schöne, und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.” Was kümmerten mich Städte und Dörfer, Vögel in der Luft, die konnten fliegen, wohin immer sie wollten. Meine Heimat waren die Eltern und die Schwester, Großmama in Jena. Der Bruder, die Freunde. Dorthin gehörte ich.
Der Bruder war gefragt worden, ob er mitkommen wolle. Er war schon siebzehn, fast erwachsen. Er hatte nein gesagt, er bliebe, bei seiner Mutter, der ersten Frau des Vaters, in der Schule, bei seinen Freunden. Es war gar keine Frage. Das sagt er heute noch.
Ob ich auch hatte gefragt werden wollen, überlegte ich. Auch wenn ich gefragt worden wäre, es gab keine Wahl, weil die Wahl feststand, von vornherein und sowieso: Vater, Mutter, Schwester. Egal, zu welchem Buchstaben auf dem Kompaß. Und die Klarinette? Drüben gab es auch Musikschulen. Und Großmama? Die konnte zu uns kommen, durfte reisen. Und die Cousins? Ich käme sie besuchen. Und die Freunde? Ich würde drüben neue finden. Als ob sie wie Pilze und Beeren in einem Märchenwald stünden.
Irgendwann wurden Holzkisten geliefert, die in der Garage gestapelt wurden. Es gibt ein Foto: Der Vater steht vor den noch leeren Kisten, auf denen in kyrillischen Buchstaben steht “Export GDR”. Das Foto hat Roger Melis gemacht.
Es wurden Packer geschickt. Selber packen durften wir nicht. Sie waren in allen Zimmern, sie vergriffen sich an allem, auch am Schreibtisch des Vaters, Ausreisedokumente, Geburtsurkunden, alle wichtigen Papiere verschwunden. Der Vater bemerkte es erst am Abend. Panik. Er fragte die Mutter. Verzweiflung. Er fragte die Packer. Schulterzucken. Schatzsuche zu später Stunde. Kiste für Kiste im Arbeitszimmer, bis alles wieder auf dem Schreibtisch lag. Aufatmen. Großmama bot Kaffee an. Verwickelte die Packer in Gespräche. “Sagen Sie, machen Sie das eigentlich gerne?” Sie blickten sich um. “Beim Manfred hatten wir noch mehr zu tun.” Sie bot belegte Brote an. “Sagen Sie, machen Sie das eigentlich immer so?” Sie sahen die alte Bauerntruhe. “So einen Schrank haben wir bei der Sarah eingeladen.” Sie sagten nicht Krug, nicht Kirsch, nur die Vornamen, als seien unsere Freunde auch ihre Freunde.
Nicht alles, was in jenen Tagen geschah, ist noch gegenwärtig. Vieles ist verdrängt. Oder vergessen? Beides, denke ich. Ein weißer Fleck auf der Seelenlandkarte, nur die Himmelsrichtung ist eine andere, jetzt liegt der Fleck im Osten.
Am 9., Freitag, muß alles gepackt gewesen sein. Zollbeamte betraten unsere Wohnung. Sie durchkämmten die Zimmer, als bewegten sie sich auf feindlichem Gebiet. Die Bücherliste mußte vorgelegt werden, sie war unvollständig. Der Zolloffizier sah sich die Liste an und sagte: “Biermann haben Sie auch”?
Der Vater: “Ja.”
“Na mit dem haben wir es richtig gemacht”
Der Vater sah in fragend an.
“Er ist raus und vergessen.”
Sie machten Stichproben. Sie fanden ein Notenheft mit einem Stempel der Musikbibliothek Köpenick. Ein Zollbeamter sagte: “Alles auspacken!” Totenstille. Und der Gedanke der Mutter, des Vaters? Das schaffen wir nie. Der Vater ging aus dem Zimmer, die Mutter war wie gelähmt. “Zunageln!” sagte der andere Zollbeamte mit einer Armbewegung wie ein zufallender Deckel. Die Kisten wurden verplombt mit einem Bleisiegel an schwarz-rot-goldener Schnur.
Sie notierten Namen, Telefonnummern und Adressen von Postkarten am Spiegel im Flur, von Zetteln auf dem Schreibtisch des Vaters. Sie sahen sich alles an und hatten keine Angst, gesehen zu werden. Sie kontrollierten sogar das Reisegepäck: 4 Koffer mit persönlicher Garderobe, 1 Koffer mit Schuhen und Hausapotheke, 1 Reisetasche mit Nachtwäsche, eine Reisetasche mit Geschenken, 1 Reisetasche mit Garderobe, Kofferradio, Kassettenrekorder, 1 Schmuckkassette mit persönlichen Schmucksachen, 1 Schulmappe mit Spielzeug, 1 Puppe, 1 Stoffhund, 2 Handtaschen, 1 Fön, 2 Schlafdecken, 1 Beutel. Auch das Reisegepäck wurde mit Zollverschlüssen verplombt.
Die Liste hatte die Mutter geschrieben, handschriftlich, ich fand sie in den Akten. Im ersten Moment schmunzele ich darüber hinweg. Dieser Grad der Überwachung, die Penibilität hat etwas Groteskes. Ich frage mich, ob es den Beamten nicht peinlich gewesen sein muß, alles zu durchwühlen, sogar das Spielzeug in Augenschein zu nehmen. Das Schmunzeln vergeht mir im zweiten Moment. Eine Umkehrung findet statt. Mir ist es peinlich — schmerzhaft –, wenn ich jetzt, im nachhinein lese, daß diese Leute im Privatesten herumschnüffelten. Daß sie das Negligé der Mutter in der Hand hatten, in dem sie in der Nacht im Westen zu Bett gehen würde, den Schmuck, den Großmama getragen hatte, die Urgroßmama. Daß sie die Puppe, den Stoffhund inspizierten. Diese Finger in unseren Sachen, dieser Raub der Intimität — das ekelte mich an.  Immer wieder wird mir durch diese scheinbar kleinen, dokumentierten Ereignisse das Ausmaß der Schamlosigkeit bewußt, der Niedertracht. Der Teufel steckt im Detail, heißt es. Die Details sind es, die besonders verletzen. Eine einzelne Seite in dem Tausende Seiten Blätterwald, ein einziger Satz. Manchmal nur ein Wort.

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Aus: Susanne Schädlich, Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich München: Droemer Verlag, 2009.
Mit freundlicher Genehmigung des Droehmer Verlags.




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