Grenzen ziehen … oder die Kunst Bartleby zu sein

von Michal Eskin

Ein Versuch über Migration

 

Einen Zustand des Nichteingewandertseins kenne ich nicht.

Als ich Mitte der sechziger Jahre in Riga zur Welt kam, war meine Sippe — d. h., diejenigen, die das nationalsozialistische Joch im Schtetl überlebt hatten — gerade mal knapp zwanzig Jahre zuvor als Teil der nun neuen, diesmal antifaschistischen, sowjetischen Besatzungsmacht nach Lettland eingewandert. Als ich mit meinen Eltern Anfang der siebziger Jahre im Zuge von Breschnews an Nixons historischen Staatsbesuch gekoppelter Judenpolitik nach Israel auswanderte, waren wir die Pioniere unter den ‚neuen’ russischen Juden in Israel, was uns die Sabras auch deutlich spüren ließen. Als meine Mutter und ich dann Mitte der siebziger Jahre im Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin ankamen, müssen wir wohl mit die ersten russischen Juden, die aus der Sowjetunion über Israel nach Deutschland einwanderten, gewesen sein. Bis heute begegnen mir Menschen mit Staunen, wenn ich davon erzähle: „Ausgerechnet nach Deutschland?“ Als wir wenig später von Berlin nach München weiterzogen, stellte ich fest, dass es auch inner-nationale Einwanderungen gibt: denn Bayern wurden wir nie, auch wenn ich mich gemeinsam mit meinen Freunden eine Zeitlang mit verschmitzt ironischem Stolz als „Münchner“ ausgab. In Salzburg, wo mein Vater nach der Scheidung meiner Eltern lebte und wo ich meine halbe Jugend verbracht habe, war ich im wortwörtlichen Sinne immer Besucher. Als ich Ende der achtziger Jahre zum Studieren nach Paris zog, war mein Ausländer- und Einwandererstatus ebenfalls nicht zu verkennen, zumal ich damals noch fast kein Französisch konnte. Als ich Anfang der neunziger Jahre in die USA kam, muß ich ein wahrer bunter Vogel gewesen sein – einer von vier bis fünf Juden (und dazu einer mit meinem Lebenslauf) — auf dem Campus des kleinen lutheranischen Concordia College in Moorhead, Minnesota. Als ich dann Ende der neunziger Jahre aus New York, wo ich damals lebte, ins englische Cambridge zog, wurde mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht ganz dazu gehörte …

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 … Und doch habe ich mich nie und nirgendwo als Einwanderer gefühlt und verstanden: weder in Israel noch in Deutschland, Österreich, Frankreich, England, oder den USA. Stets hatte ich das Gefühl und das Bewusstsein, dass alle meine Orte und Aufenthalte mir genauso ‚gehörten’ wie denjenigen, die sich als ihre Statthalter gerierten. Seien es gebürtige Bayern, Pariser, Salzburger oder blaublütige Engländer, die mich in meine Grenzen verweisen wollten: das alles ging mich irgendwie nichts an, die vermeintlichen Grenzen wurden einfach durch spontane Nicht-Anerkennung meinerseits — sozusagen ganz aus dem Bauch heraus — beiseite gefegt, was sich wiederum in der relativ schnellen Akzeptanz durch meine diversen Gegenüber verschiedener Sprachen und Nationen niederschlug; oder zumindest in einer gewissen, die Partie schmeißenden Perplexität angesichts solcher ‚Arroganz’ meinerseits, von der man nicht genau wusste, was mit ihr anzufangen sei, zumal man mich ja nicht einfach in ‚meine Grenzen verweisen’ (welcher Art wären diese wohl beschaffen gewesen?) oder auf andere Art ‚eines Besseren belehren’ konnte.

Allegorisch läßt sich dies als eine Art Bartleby-Syndrom beschreiben — man läßt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen, macht stur sein Zeug weiter und die Leute um einen herum lernen volens nolens damit zu leben. Hier aber endet die Analogie auch schon: denn wer will sein Leben schon in einem „dead letter office“ verbringen oder gar beschließen?  Und außerdem war ja Melvilles echter Bartleby viel zu passiv und einer gewissen Apathie hold. Es geht hier also eher um das Bild eines kernigen, pfundigen, sich ‚immer locker’ (wie der Österreicher sagt — mit einem weichen, vollmundigen ‚l’)  gebenden, doch bestimmten Bartleby, der seinen starken, unbezähmbaren Willen (nicht immer nur) taichimäßig zu seinem eigenen Vorteil – was keineswegs des anderen Nachteil impliziert – gereichen lässt.

Ganz so kann man das wohl auch nicht ausdrücken, nur eben facettenweise. Denn wie man sich in der Welt befindet, hängt von so vielen Faktoren ab und entfaltet sich im gelebten Leben derart mannigfaltig, dass es nur um den Preis heuristischer Vereinfachung möglich wäre, diese Befindlichkeit in sprachlichen Formeln fassen zu wollen. Doch glaube ich im Kern das Lebensgefühl von einem, der sich nie als Einwanderer gesehen hat, vermittelt zu haben.             Andersrum könnte man auch sagen, dass einer der immer nur Einwanderer gewesen ist, nie wirklich Einwanderer war, denn es fehlt ihm ja der gelebte Kontrastzustand. Oder noch anders gesagt: auf ihn passt die Kategorie ‚Einwandern’ im Sinne einer gelebten Perspektive eigentlich nicht — wenn dann nur ‚objecktiv’ betrachtet, d. h. im Vergleich zu anderen, die nie ihren Geburtsort bzw. ihr Geburtsland als dauerhaften Aufenthalts- und Arbeitsort verlassen haben.

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Gerade die objektive Betrachtung jedoch stellt das eigentliche Problem des Einwanderns dar: denn die wirklichen, handgreiflichen Schwierigkeiten, die das Aus- und Einwandern mit sich bringt sind doch im Grunde alle pragmatischer (und dann erst psychologischer) Natur: spricht man die Sprache des neuen Landes? wird man sie jemals erlernen? wie lange darf man sich dort aufhalten? welchen Einwanderungs- und Arbeitsstatus hat man? kann man dort seinen Beruf praktizieren? kommt man mit der neuen Kultur zurecht? und, und, und … Hier könnte man sicherlich noch viele weiter Fragen anhängen, die das konkrete Problem der Migration bis ins kleinste Detail analysieren.

Angesichts der  brachialen, unerbittlichen Pragmatik des Einwanderns stellt sich nun die Frage: wer schafft es, Bartleby zu werden, und wer nicht? Oder anders gefragt, was sind die objektiven Bedingungen, die ein erfolgreiches Bartleby-Dasein befördern (auch wenn es schlussendlich nur dem entsprechenden Seelenzustand zu verdanken sein mag)?

Im folgenden möchte ich einen keineswegs vollständigen Fragenkatalog  bzw. eine Liste mit Überlegungen anführen, die einer Bartleby-Existenz ganz egal wo auf der Welt förderlich sein mögen.

  1. An erster Stelle steht das Aussehen bzw. der Phänotyp: sieht man so aus wie die gebürtigen Menschen im neuen Land? Wenn ja, dann ist eine der größten Hürden bereits genommen.
  2. Spricht man zufällig schon die Sprache des Gastlandes? Wenn ja, dann ist dieser Punkt erledigt und man kann (vor allem, wenn man auch noch so aussieht wie die meisten neuen Mitbürger) einfach nur zu leben anfangen. Wenn nein, dann kommt folgendes Moment ins Spiel: wie sprachbegabt ist man und wie schnell und gut kann man die neue Sprache lernen – möglichst mit so wenig Akzent wie möglich? Denn – und dies ist eine Bedingung sine qua non: ohne die Landessprache gescheit zu erlernen, wird man immer ein unbehauster Gast bleiben und sich in Nostalgie nach einer so nie dagewesenen (sonst wäre man ja erst gar nicht weggegangen, geflohen usw.) Vergangenheit ergehen … Sprache und Phänotyp sind die beiden wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Bartelby-Existenz.
  3. Was uns zum nächsten Punkt bringt: die eigene Psyche. Wie nostalgisch ist man? Wie sehr sehnt man sich nach … Als Einwanderer nämlich kann man es sich eigentlich nicht leisten kein Pragmatiker zu sein, was nur heißt, dass man auf den Luxus der falschen Sehnsüchte und Heimatgefühle verzichten können muss.
  4. Wie nah ist einem die neue Kultur? Stimmt die Chemie zwischen einem selbst und ihr? Hier entscheidet sich vieles. Wenn möglich, sollte man nicht in Länder einwandern, deren Kultur man nicht mag, was es ja oft genug gibt.
  5. Inwieweit kann man seine Fertigkeiten im neuen Land einsetzten und einbringen? Sind die Abschlüsse, Diplome, Zertifikate usw. anerkannt oder nicht …

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Je nachdem wie die Antworten auf diese Fragen im Einzelfall ausfallen, wird sich auch die jeweilige Migrationserfahrung gestalten – leichter oder schwieriger, spannend oder voller Unsicherheit … Bei alledem jedoch muß man stur bleiben. Wie Bartleby. Und Sturheit – die Kardinaltugend des Migranten schlechthin – bedeutet hier die radikale und programmatische psychologische und emotionale Nichtanerkennung von politischen, geographischen, kulturellen Grenzen, von der Einsicht ausgehend, dass kulturelle, geopolitische Diversität und faktische politische Parzellierung nicht wesentlich miteinander verkoppelt sind und aneinander gekoppelt sein müssen: so leben also, als ob man schon immer ‚dazu gehört’ habe, ganz selbstverständlich, die anderen damit eventuell vor den Kopf stoßend, die gezogenen Grenzen prinzipiell nicht anerkennend – aber auch seinen vollen Beitrag zur neuen Gemeinschaft leistend.

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Mit zwei einander komplementierenden Vignetten, die, denke ich, keines Kommentars bedürfen, jedoch viel zu Denken geben, möchte ich diesen Versuch beschließen. Die eine von Chuck D., dem Begründer und Frontman von Public Enemy und Mitglied der Prophets of Rage; die andere von Peter Sloterdijk.

„I want the whole world. I don’t want chains to go around Earth. There should be an Earth passport … Governments are the cancers of civilization. The nerve for a government to say who can’t move around on this planet – I mean, that’s an alien concept. It think it’s absurd for some government to say who and what an immigrant is …“
(The New York Times Magazine, p. 54 [August 7, 2016]).

„Wo fängt denn wirklich unsere Zugehörigkeit zum eigenen Land an? – wann und wo beginnt für uns das Dasein ‘in’ Deutschland? Aus welcher Quelle beginnt der Strom der deutschen Dinge zu fließen? Muß man nicht, wenn man intimste Landeskunde treiben will, bis zu den nationalen Müttern hinabsteigen? Was könnte deutschlandträchtiger sein als eine werdende Mutter mit bundesrepublikanischem Reisepaß, die, wie man sagt, guter Hoffnung ist, eine neuen Erdenbürger aus sich zu entlassen? Für wie deutsch sollen wir einen solchen Neuling halten? Beginnt denn seine Einbürgerung schon in vorgeburtlichen Zuständen? Oder setzt die Eindeutschung erst im postnatalen Stadium ein? Ist ein Neugeborenes zunächst ein neutrales Weltkind mit kosmopolitischen Tendenzen, das erst durch Familie und Nationalmilieu volksmäßig zurückgestutzt wird? Sind etwa alle Landeskinder nur Beutesubjekte, die von ihren Erzeugern als Geiseln für die nationale Reproduktion genommen wurden? Oder fängt Weitergabe eines deutschen Wesens schon matris in gremio an, so als ereigne sich bei der Befruchtung eines nationalen Eies die deutsche Urzeugung? Oder beginnt die deutsche Anheimelung des Fötus fristenlösungsgerecht nach dem dritten Monat? Wie steht es überhaupt mit den Ursprungsgarantien bei bundesrepublikanischen Retortenbabys? Wie reinentsprungen kann Leben sein, das sich einer generatio in vitro germanico verdankt?  Sind deutsche Kinder von nicht-deutschen Leihmüttern bereits als Immigranten anzusehen? Kann deutsch nur sein, wer schon ein intrauterines tuning mit deutscher Klangumgebung mitbekommen hat?  Sorgt das fötale Mithören der Muttersprache von innen her bereits für einen hinreichend starken Eindeutschungszauber, der eine spätere Nationalisierung des Ich vorbereitet? ist die Vorstrukturierung des fötalen Ohrs durch die Mutterstimme bereits eine verbindliche Einstimmung ins deutsche Sein? Oder sollen wir uns eher an dem unbezweifelbaren Befund orientieren, daß Kinder gleich welcher Herkunft jede beliebige Sprache der Welt mühelos als Erst- oder ,Muttersprache’ zu akzeptieren pflegen, wenn sie zur richtigen Zeit in diese hineinwachsen? Halte ich ich mich, wen “ich” unterwegs bin, schon in dem Land auf, wo meine Mutter aktuell lebt? Bin ich, wenn ich das Licht der Welt erblicke, auch wirklich schon in Deutschland? Gibt es ein spezifisch deutsches Licht? Oder beginnt meine innere Einreise in diese Land erst in dem Augenblick, in dem ich seine Sprache erlernt und Stimmrecht erworben habe? … Nur wenn wir imstande sind, auch Geburten als Einwanderungen zu denken und sie nicht mehr instinktiv als absolute nationale Produktionen mißzuverstehen, können wir hoffen, politisch und mental den Herausforderungen der kommenden Ära gewachsen zu sein“
(Versprechen auf Deutsch: Rede über das eigen Land, 61-64)