Dec 2016

Wider die Rückkehr der apokalyptischen Reiter

von Freya Klier

Dankrede zur Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises des Zentrums gegen Vertreibungen. Paulskirche, Frankfurt am Main am 6. November 2016

 

Liebe Gäste,
liebe Frau Steinbach,
verehrte Mitglieder der Jury –
und vor allem: liebe Düzen Tekkal,

ich bedanke mich sehr für diese Auszeichnung! Ich bin geradezu hoch erfreut! Und ich empfinde es als Glück, dass nun eine junge, jesidische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin die Laudatio übernommen hat. Zum einen durfte ich dadurch Sie, liebe Frau Tekkal, und Ihr großes Engagement ein wenig kennenlernen – Ihre Kraft und Ihren Mut, mit dem Sie in den Irak aufgebrochen sind, um den Völkermord an Ihrer Religionsgemeinschaft, den Jesiden, zu dokumentieren, bewundere ich sehr.

Wir Bewohner des vergleichsweise gemütlichen Europas verfolgen entsetzt aus der Ferne die Versklavung von Menschen und das kaltblütige, massenhafte Morden durch eine apokalyptische Sekte namens IS. Wir gruseln uns und wir hoffen inbrünstig, dass der Terror einfach draußen bleibt aus Europa.

Sie, liebe Düzen Tekkal, sagten: ´Ich konnte gar nicht anders, ich musste hin!´ Sie haben das unvorstellbare Leid und die Flucht der Jesiden in die kahle Bergwelt in Ihrem Film festgehalten. Auch mit Ihrem Buch und in den Begegnungen vor allem in Schulen spannen Sie einen historischen Bogen – von einer weit zurückreichenden Verfolgung der Jesiden bis zum heutigen Tag, an dem uns eine mehrtausendjährige Geschichte brutaler Gewalt erneut auf die Füße fällt.

Es ist gut, nicht nur von Älteren zu lernen, sondern auch von Jüngeren.

Und Franz Werfel, säße er unter uns, hätte an der Laudatorin seine helle Freude.

 

2.

Ich bin in einem geschlossenen Land aufgewachsen. Und als Mitte der 1970-er Jahre in der DDR Franz Werfels „40 Tage des Musa Dagh“ erschien, passierte das betont unauffällig. Es gab keinerlei Rezensionen – und doch wurde der „Musa Dagh“ innerhalb von Wochen ein heißer Tipp. Allein im Jahr seines Erscheinens gab es 6 Auflagen.

Noch heute grüble ich, was den Ausschlag gegeben haben mochte, das Buch eines Juden, der noch dazu längst nicht mehr vom Sozialismus schwärmte, in unser Land der Literatur-Zensur hereinzulassen.

Wir lasen den „Musa Dagh“ im vertrauten Freundeskreis und debattierten dann darüber.

Es war eine Geschichte von biblischer Wucht. Und einig waren wir junge Leute uns in unserem Zorn darüber, dass wir so wenig von der Welt draußen wissen durften. Denn da kam etwas in unsere abgeschottete Welt, von dem wir bisher nicht die geringste Ahnung hatten. Türken gab es ohnehin keine in der DDR. Doch selbst über die Armenier – die doch immerhin ein Teil der ruhmreichen Sowjetunion waren – wussten wir nichts. In der Bildsprache der Sowjets herrschte ein Stereotyp:

Wer da in unseren Schulbüchern und auf propagandistischen Plakaten mit riesigen Mähdreschern in die Zukunft des Sozialismus-Kommunismus fuhr, das waren meist große, blonde Menschen. Ergänzt wurden sie durch eine Person mit asiatischen Zügen – wobei nicht auszumachen war, ob die aus Kirgisien oder Usbekistan stammte, aus Armenien, Aserbaidschan oder Kasachstan.

Neugierig lasen wir uns also in eine ferne Welt hinein, die wir mit Sicherheit nie kennenlernen würden. So dachten wir damals. In den Atlas konnte man schauen, wo das Taurus-Gebirge lag.

Doch Stambul? War das nicht eine Zigarettenmarke in der DDR? Und Aleppo, die von Franz Werfels Hauptfigur so gepriesene, reiche Handelsstadt – das alles war eine Welt weit hinter unserem Horizont. Der Orient eben… und auch Orient war lediglich eine Zigaretten-Marke in der DDR.

Franz Werfels Buch hat uns tief berührt. Dieser barbarische Umgang mit Zivilisten. Das rücksichtslose Vertreiben und Morden an Frauen und Kindern… So viele alte Menschen, die kaum mehr laufen konnten und irgendwo im Straßengraben verreckten…

Den dünnen Firnis der Zivilisation, aus der jederzeit Grausamkeit und Willkür herausbrechen konnten- das hatten wir schon als Schüler verspürt, bei den berührenden Erzählungen über die

Konzentrationslager der Nazis, die überlebenden Kommunisten in unsere Klassenzimmer trugen. Wir lernten, dass es Nazis noch immer gibt, doch dass sie alle jetzt im Westen leben, in der BRD. Was für ein Glück für uns, dachten wir als Schüler.

Zurück zum „Musa Dagh“. Ein Mädchen aus unserem Lesekreis erzählte, sie habe ihrer Mutter das Buch von Franz Werfel zur Lektüre empfohlen. Die Mutter aber habe erschrocken abgewehrt mit dem Satz „Nein, das kann ich nicht lesen, das habe ich ja alles selbst erlebt...“ Selbst erlebt? Wann denn und wo denn? Stammte sie etwa aus der Gegend des Musa Dagh? Genaueres wollte die Mutter aber nicht erzählen. Es blieb bei furchtbaren Andeutungen, über die wir nun grübelten. Doch es fiel der Name ´Schlesien´ — ein Wort, das keinesfalls in der Schule erwähnt werden durfte, weil es ein Wort der Revanchisten in der BRD war. So etwas bleibt hängen im Kopf. Und weil die vertriebenen Eltern in der DDR sehr darauf achteten, ihre in einer Lügenwelt aufwachsenden Kinder nicht mit der dramatischen Familiengeschichte zu irritieren, blieb das eine weggeschlossene Geschichte.

Was aber war unsere Geschichte – aufgefädelte Andeutungen, dir wir nicht verstanden?

Ein paar Jahre später – ich arbeitete inzwischen als Schauspielerin am Theater in Senftenberg – probten wir eines dieser sowjetischen Propaganda-Stücke, die uns schon deshalb anödeten, weil sie das Gegenteil der großartigen russischen Literatur waren, der Stücke von Tschechow oder Gogol. Vermutlich nahte wieder ein Jahrestag der deutsch-sowjetischen Freundschaft.

In einer Probenpause fing eine Schauspiel-Kollegin plötzlich zu weinen an. ´Ich halte diese Lügen nicht aus´, sagte sie leise. ´Die Russen haben meine Mutter nach Sibirien verschleppt!‘

Es herrschte Stille am Tisch. Hatte ich ähnliches nicht schon einmal gehört – mit ähnlichen Andeutungen?

Wir wollten es nun genauer wissen und fragten vorsichtig nach; doch auch hier kamen nur Satzfetzen von Vergewaltigungen vieler Frauen und Mädchen im Heimatdorf der Mutter. Und dass sie in den sibirischen Lagern schwere Männerarbeit verrichten mussten. Immerhin so viel hatte unsere Schauspiel-Kollegin im Laufe von Jahren herausbekommen: Ihre Mutter war 17 Jahre alt, als fast alle Frauen und Mädchen ihres Dorfes aus dem Wartheland nach Schwiebus laufen mussten und dort in Züge verladen und in ein Lager bei Archangelsk deportiert worden waren. Zurück blieben nach ihren Müttern schreiende Kinder. Wie viele Frauen denn dort in dem Lager waren, wollten wir wissen „´Viele!´ hat meine Mutter nur immer gesagt – viele! Das ganze Lager war voll, sie kamen von überall her – und viele sind auch dort gestorben…´

Heute wissen wir: 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges, deportierte der sowjetische Geheimdienst NKWD im Schatten der vorrückenden Roten Armee Hunderttausende deutscher Zivilisten aus Südosteuropa und Ostdeutschland in die Sowjetunion. Es waren überwiegend Frauen. Sie mussten die deutsche Kriegsschuld abarbeiten – im Wald, beim Straßenbau, auf der Kolchose, im Schacht.

Mehr als ein Drittel von ihnen kehrte nicht zurück, starb an Schwäche, Seuchen und Unterernährung. Die Überlebenden hielt man gefangen, so lange sie arbeitsfähig waren; dann wurden sie, meist von Krankheiten gezeichnet und bis auf die Knochen abgemagert, nach Deutschland entlassen.

Die Mutter unserer Schauspiel-Kollegin musste Bäume fällen, später kam sie in einen Kohle-Schacht im Donezk-Becken. Als sie nur noch 35 Kilogramm wog und nicht mehr arbeitsfähig war, durfte sie einen Güterzug Richtung Deutschland besteigen.

Es war gefährlich in der DDR, über solche Erlebnisse außerhalb der eigenen vier Wände zu sprechen. Und wusste unsere Kollegin denn, ob unter uns nicht ein Spitzel war und sie wegen

Staatsverleumdung und Verunglimpfung der Sowjetunion angezeigt wurde? Recherchieren konnte man dunkle Geschichtsthemen in der DDR überhaupt nicht. Umso mehr wollte ich nun das Ausmaß dieser Verschleppungen von Zivilisten wissen, als in den 1980-er Jahren Eva-Maria, eine ältere Frau aus unserem Friedenskreis, mir gegenüber andeutete, was ihr widerfahren war:

Für fünf Jahre war die 16-Jährige aus einem Dorf in Ostbrandenburg nach Sibirien verschleppt worden. Vor dem Abtransport aber wurde sie auf eine Kommandantur geschleppt und dort zum sexuellen Freiwild. Auch Eva-Maria brach noch Jahrzehnte später bei ihren Erinnerungen in Tränen aus: Lediglich der Koch der Kommandantur habe sie verschont — und sie auch versteckt, wenn keiner hinschaute…

 

3.

Ende 1989 fiel die Mauer.

Und als die DDR-Bürger plötzlich frei waren, fragte ich Eva-Maria, ob sie mir ihre ganze Geschichte erzählen möchte. Sie tat es… und unsere langen Gespräche verspürte sie als große Erleichterung. Und ich begann die Dimension dieser Deportationen zu erahnen. Auf meinen Lesungen und Vorträgen zu DDR-Themen 1990/91 stieß ich in beiden Teilen Deutschlands auf weitere Frauen, die als lebende Reparationen in russische Lager deportiert worden waren. Nun nahm ich Kontakt nach Moskau auf, um dort zu recherchieren — wozu sonst hatte ich 8 Jahre Russisch gelernt?

1992 brach ich nach Moskau auf. Und das liest sich jetzt so, als hätte man per Anmeldung in einem Archiv sitzen dürfen – so, wie wir das aus der westlichen Welt kennen. Es handelte sich schließlich durchgehend um KGB-Archive, auch wenn die Namen etwas anders klangen.

Ich war nicht die einzige Ausländerin vor Ort – ein bis zwei Dutzend Journalisten und Wissenschaftler aus der westlichen Welt kamen in unserem Hotel zusammen.

Wie sind wir nun an unser Wissen herangekommen?

Bei einigen mögen Schmiergelder geflossen sein, über die ich leider nicht verfügte. Mir half etwas Menschenkenntnis: Ich heftete mich an einen Archiv-Mitarbeiter, der selbstverständlich auch beim KGB war, doch sich mir gegenüber erfreut gezeigt hatte, dass Gorbatschow den Staatsstreich im August 1991 überstanden hatte. Außerdem hatte er erwähnt, dass seine Frau Geigenlehrerin war, das ließ mich zusätzlich hoffen.

Abends saßen wir Ausländer im Hotel beisammen und tauschten uns aus über Erfolge und Misserfolge bei unseren Recherchen. Wir waren uns der historischen Chance bewusst – zum ersten Mal, vermutlich seit der Oktoberrevolution, waren die russischen Archive nicht mehr hermetisch verschlossen.

Was niemand von uns ahnte: Schon ein halbes Jahr später war es wieder vorbei mit der Öffnung! Denn die riesigen Mengen an Dokumenten aus dem gesamten Machtbereich der Sowjets waren jetzt als Geldquelle gegenüber wissbegierigen Ausländern entdeckt worden. Am wissbegierigsten waren dabei die Deutschen… und sie zahlten ordentlich.

Frappierendes war aber bereits bei den Recherchen herausgekommen: Ein australischer Theologe fand zum Beispiel heraus, was es mit den Priestern der Russisch-Orthodoxen Kirche auf sich hatte:

Dass sie unter Stalin weitgehend erschossen worden oder in Gulags umgekommen waren, hatte sich inzwischen herumgesprochen. Das Neue war: Als sich die Gründung der Vereinten Nationen abzeichnete, forderten die West-Alliierten Stalin auf, Religionsfreiheit wieder zuzulassen.

So begann der KGB schon 1943, aus seinen Geheimdienst- Reihen junge Männer zu rekrutieren und sie zu Priestern auszubilden.

Das Prinzip leuchtete mir sogleich ein: ´Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben!’  Das hatten wir bei Wolfgang Leonhard gelesen. Und kamen nicht gerade aus der in Berlin eröffneten Gauck-Behörde die ersten Fälle von Kirchenoberen der Evangelischen Kirche ans Licht, die einem ganz anderen Herrn dienten, als sie vorgaben? Die im Bund mit der Staatssicherheit an die Spitze gekommen waren, mancher wohl auch im Bund mit dem russischen Geheimdienst?

An die Recherchen des australischen Theologen denke ich heute noch. Und wenn Kyrill I. und Kreml-Chef Putin vertraut voreinander stehen, dann sehe ich 2x den russischen Geheimdienst… in zwei unterschiedlichen Kostümen.

Doch zurück zu den Moskauer Archiven: Ich habe die Verschleppungsakten mehrerer Frauen mit nach Deutschland gebracht. Ich bekam Kopien von streng geheimen Lagerberichten und den Abschlussbericht mit präzisen Zahlen der Verschleppten — auch der aus anderen Ländern. Präzise notiert waren die in den Lagern Verstorbenen, die gescheiterten und gelungenen

Fluchtversuche, Krankheiten und Seuchen.

Der Abschluss-Bericht stammte aus dem Jahr 1952: Es war das Jahr, in dem die meisten der weit mehr als 500 sowjetischen Arbeitslager geschlossen wurden und alle Akten nach Moskau befohlen wurden.

Es ist mir ein Bedürfnis, an dieser Stelle dem mir unbekannten Moskauer Archivar zu danken.

Danken möchte ich auch jenen Bewohnern West-Sibiriens, die mich bei meiner sich nun anschließenden Recherche-Reise ins Kohlebecken von Stalinsk unterstützten. Ich brauchte vor Ort eine Weile, bis ich mich zurechtfand. Bis ich begriff, dass ich mich in einem riesigen, multikulturellen Verbannungsgebiet befand. Die meisten Menschen hier waren selbst einmal Verbannte gewesen… und einfach dortgeblieben, vielleicht, weil sie keine Heimat mehr hatten. Viele arbeiteten danach weiter im Schacht, nun als Freie. Doch sind sie menschenwürdiger behandelt worden als in ihrer GULAG-Zeit? Wohl nicht: Noch immer hatten nicht alle in dieser Gegend elektrisches Licht und eine Kanalisation.

Ein neuer Zechendirektor – er hat uns mit Kamera- Team in seinem Schacht drehen lassen – begann nun, für seine Bergleute zu kämpfen. Immer wieder brach er nach Moskau auf und holte sich dort eine Abfuhr nach der anderen. Eines Tages im Jahr 1995, er hatte seine Frau mit nach Moskau genommen, verschwanden beide.

Sie tauchten nie wieder auf.

Zu dieser Zeit sah es in der auseinanderbrechenden Sowjetunion schon nicht mehr nach einem Schritt in Richtung Demokratie aus… Und der Geheimdienst gab sich erst gar nicht den Anschein eines solchen: Im Innenministerium von Kemerovo, wo ich mir die Erlaubnis holen musste, mich dort im Gebiet bewegen zu dürfen, prangte im Vestibül noch immer groß und golden der erste sozialistische Massenmörder: Felix Dserschinski…

 

4.

Im Osten Deutschlands interessierte das Verschleppten-Thema nach dem Mauerfall keine Instanz mehr – die bisherigen Machthaber waren voll damit beschäftigt, ihre Biografien umzulügen und Gelder beiseite zu schaffen. Im Westen Deutschlands aber gab es eine harte Abwehr gegenüber dem ganzen Thema. Die Deportation von einigen hundertausend Zivilisten, vor allem Frauen, war ein gesellschaftliches Tabu.

„Emma“, eine Zeitschrift, die Interesse an Frauen-Themen vorgab, widmete ihnen ein Artikelchen von 6×10 cm Umfang.

Von Lehrern und Buchhändlern hörte ich: ´Das mag alles stimmen, doch das zu benennen, verkleinert Auschwitz!´

Es war frappierend: Wie kann die Benennung eines Verbrechens — historisch richtig eingeordnet – ein anderes, unfassbares Verbrechen verkleinern? Entstehen nicht Schieflagen dadurch, dass jeder an historischen Prozessen einfach weglässt, was ihm nicht reinpasst? Und wie will man dem Leid von Menschen gerecht werden, wenn es gegen anderes aufgerechnet wird? Hilft das den Opfern?

Auschwitz lässt sich nicht verkleinern. Wer über ausreichend Phantasie verfügt, hatte wohl nicht nur einmal vor Augen, wie verzweifelt sich Kinder in ihrem qualvollen Sterben in der

Gaskammer an ihre Mütter und Geschwister klammerten. Solche höllischen Bilder kriegt man nicht mehr aus seinem Kopf.

Doch sollten wir Davongekommenen uns auch den lebenden Opfern zuwenden.

An dieser Stelle möchte ich Roman Herzog danken: Als Bundespräsident lud er 1998 stellvertretend für die vielen in der westdeutschen Öffentlichkeit weggeschwiegenen Deportierten 16 der betroffenen Frauen ins Schloss Bellevue ein.

Das war eine wirkliche Pionierarbeit, die das Thema unvoreingenommen in die Öffentlichkeit trug. Und den Frauen hat es sehr, sehr gut getan – auch denen, die nur die Bilder davon sahen.

Die meisten waren ja noch immer traumatisiert. Doch die Erinnerung ließ sie einfach nicht los. Als sich abzeichnete, dass ich für einen Dokumentarfilm nach Sibirien fahren würde, wollten plötzlich etliche mit: Dem Grauen noch einmal begegnen, auch wenn es schmerzhaft ist – in der Hoffnung, danach von den Alpträumen befreit zu sein…

Mit drei Frauen und einem Film-Team brach ich schließlich auf — mit Eva-Maria, Käthe und Gertrud. Ihnen wurde in Sibirien Enormes abverlangt – sowohl physisch als auch psychisch. Sie waren ja nicht mehr die Jüngsten. Ihre furchtbaren Erlebnisse kam ihnen wieder hoch – wir ließen uns viel Zeit für Gespräche und auch für Tränen.

Die Totenlisten mussten durchgesehen werden, die uns ein Fliegeroberst heimlich aus einem Moskauer Archiv besorgt hatte: Einige hundert Frauen lagen in einem Massengrab, auf dem die

Sowjets bewusst eine Datschensiedlung errichtet hatten. Andere lagen in einem der Sümpfe, irgendwo neben japanischen Kriegsgefangenen oder den dreihundert polnischen Frauen und

Mädchen, die ebenfalls nach Sibirien verschleppt worden waren, weil sie der falschen Klasse angehörten. Es gab schwere Momente.

Doch es gab auch viele gute und herzliche Begegnungen mit den Bewohnern Sibiriens – gerade, weil die meisten von ihnen ja ein ähnliches Schicksal hatten. Einig waren sich alle darin, dass es nie wieder Krieg geben dürfe. Dass sich endlich niemand mehr von irgendwelchen Führern locken lassen darf. Und dass es ja immer nur scheinbar Gewinner von Kriegen gibt.

 

5.

Wieso aber funktionieren diese alten, verheerenden Kriegsmuster auch im 21. Jahrhundert noch?

In der Türkei gibt Erdogan den neuen Sultan, und mehr und mehr wandelt er sich zum brutalen Diktator. Seinen Anhängern verspricht er die Rückkehr zu altem Glanz. Das Staatsfernsehen zeigt das Land schon mal in den Grenzen des Osmanischen Reichs. ´Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert´, sagte er kürzlich in einer Rede. „Unsere Gründungsväter wurden außerhalb dieser Grenzen geboren.

Die Griechen ließ er wissen: ´Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir Eure Stimmen hören können, wenn Ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.“ Erdogan möchte mitmischen in Aleppo und Mossul, mit Verweis auf 1923…

In Russland wiederum spielt Putin den neuen Zaren und überfällt skrupellos das ukrainische Nachbarland — ihm zur Seite seine Geheimdienst-Abteilungen Kirche, Justiz, Propaganda...und sicher noch ein paar andere mehr. Ebenso skrupellos lässt er Zivilisten in Aleppo bombardieren.

Es ist die Wiederkehr der apokalyptischen Reiter und ihrer Steigbügelhalter.

Und wieder trotten Massen hinter Führern her und demonstrieren, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Das ist fatal.

Wer — so wie ich — gehofft hatte, das 21. Jahrhundert werde nun endlich eines der rationalen Politik, mit dem Schwerpunkt Bewahrung der Schöpfung – sieht sich längst eines Schlechteren belehrt.

Wir befinden uns in einer Realität, die auch ein Jahrhundert nach dem Genozid an den Armeniern einer Schilderung von Franz Werfel entstammen könnte. Nun sind es die Jesiden, an denen ein Genozid verübt wird… deren Männer erschlagen und deren Frauen vergewaltigt und versklavt werden. Eine halbe Welt dumpfer Männer verfolgt Menschen, weil sie Christen sind. Sunniten schlachten Schiiten ab und umgekehrt. Wofür dieser Horror? Die einst berühmte Handelsstadt Aleppo hat sich als Stadt des Todes in unsere Köpfe gebrannt wie 1945 Dresden.

Wir Bewohner der demokratischen europäischen Staaten haben ein halbes Jahrhundert lang trainiert, andere Bevölkerungen — auch ehemalige Kriegsgegner — zu respektieren und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Das ist uns, von den üblichen Ausnahmen abgesehen, gelungen. Neugier, Warmherzigkeit und Toleranz – diese Tugenden werden in vielen Familien vermittelt, werden von Eltern und Lehrern im allgemeinen vorgelebt.

Und an dieser Stelle möchte ich den letzten Kindern Ostpreußens herzlich danken, denn sie haben auch etwas zu diesem friedlichen Miteinander beigetragen. Obwohl sie selbst von traumatischsten Erlebnissen heimgesucht wurden, schwang in ihren Erinnerungen nie Hass mit, sondern Warmherzigkeit, Respekt und auch Verständnis für jene, die unter Deutschen gelitten haben.

Eingeschlossen im nördlichen Ostpreußen mussten sie, nachdem Deutschland längst kapituliert hatte, noch Jahre im Horror des Krieges ausharren. Erst 1948 – die Frankfurter Paulskirche wurde gerade eingeweiht – in „mönchischer Strenge und Bescheidenheit …darin kein unwahres Wort möglich sein sollte“ (Architekt Johannes Krahn) kamen die letzten Kinder Ostpreußens in den Gebieten an, die wir heute noch Deutschland nennen.




Comments are closed at this time.