{"id":328,"date":"2020-10-26T20:46:14","date_gmt":"2020-10-27T00:46:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/german-pop\/?p=328"},"modified":"2020-10-29T14:34:31","modified_gmt":"2020-10-29T18:34:31","slug":"uberwiegen-schone-erinnerungen-an-an-eine-fast-normale-kindheit-claudia-ruschs-meine-freie-deutsche-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/german-pop\/2020\/10\/26\/uberwiegen-schone-erinnerungen-an-an-eine-fast-normale-kindheit-claudia-ruschs-meine-freie-deutsche-jugend\/","title":{"rendered":"&#8220;\u00dcberwiegend sch\u00f6ne Erinnerungen an an eine fast normale Kindheit&#8221; &#8211; Claudia Ruschs Meine freie deutsche Jugend"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">In zwei Kapiteln, die fr\u00fch in ihrem Buch erscheinen, stellt Claudia Rusch schlagartig die Perspektive eines Kindes auf die allt\u00e4gliche Seltsamkeiten der DDR vor. In &#8220;Die Schwedenf\u00e4hre&#8221; erinnert sie sich erstmals z\u00e4rtlich an das Boot, das zweimal T\u00e4glich von ihrem Heimat an der Ostsee nach Schweden. Als sie Kleinkind war hat ihre Mutter sie versprochen, einmal mit dem Boot mitzufahren, aber erst im Jahr 1989 hat ihre Oma es geschafft, Karten zu bekommen und die Reise zu erm\u00f6glichen. Auch dann d\u00fcrften sie nur 10 Minuten bleiben, bevor sie zur\u00fcckkehren m\u00fcssten, aber Claudia (jetzt ungef\u00e4hr 18 Jahre alt) war immer noch entz\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Erst 1996 erf\u00e4hrt Claudia wie sehr sie als Kind ihre Freiheit betrauert und gew\u00fcnscht hatte. Ihr Ausweis lief um Mitternacht ab, und auf dem Zug hatte sie H\u00f6llenangst: &#8220;ich sah mich schon in Handschellen, verhaftet wegen Irref\u00fchrung der Beh\u00f6rden\u201c (14). Der Fahrkartenpr\u00fcfer macht f\u00fcr sie aber ohne Frage ein neues Ausweis, und zwar f\u00fcr nur 10 Mark. Als sie endlich auf Deck des Bootes steht, wird sie von Erinnerungen \u00fcberschwemmt: \u201eIch dachte an die Ohnmacht, die dieses wei\u00dfe Schiff in mir immer wieder ausgel\u00f6st hatte\u201c (15). Die Ostsee war f\u00fcr sie &#8220;Ein Ort, an dem ich jeden Tag sah, wo meine Welt zu Ende war\u201c (15). Jetzt hat sie alle Freiheit der Welt, und ist voller Wut, f\u00fcr alles was sie fr\u00fcher nicht machen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Die Stasi Hinter der K\u00fcchensp\u00fcle ist viel lustiger als &#8220;Die Schwedenf\u00e4hre,&#8221; geht aber um ein viel bedr\u00f6hlicheren Aspekt des Lebens in der DDR &#8211; die Omnipr\u00e4senz der Stasi. Mit f\u00fcnf ist Claudia mit ihre Mutter zu Familienfreunden in Berlin umgezogen, nachdem ihre Eltern sich getrennt haben. Nur ein wenig sp\u00e4ter wird \u00fcber dem Mann des Hauses, Robert Havemann, Hausarrest verh\u00e4ngt (16). Ab diesem Moment sind die Stasim\u00e4nner immer da, entweder drau\u00dfen in ihrem Autos, hinter einem Baum, oder einfach beim Zuh\u00f6ren. Als Kleinkind versteht Claudia die Umst\u00e4nde gar nicht: &#8220;Ich wei\u00df noch, dass ich die Pr\u00e4senz der Stasi damals nicht wirklich bedrohlich fand\u2026Sie passten auf mich auf\u201c (16). Die Erwachsene sprechen \u00f6fter von Kakerlaken und Claudia nehmt an, dass die M\u00e4nner so hei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Viele Jahren sp\u00e4ter, aber immer noch vor dem Mauerfall, besucht Claudia einen Freund im Studentenwohnheim, der sich \u00fcber Kakerlaken in der Wohnung beschwert. Er vermutet, dass ungef\u00e4hr 200 Kakerlaken sich hinter der K\u00fcchensp\u00fcle stecken. Claudia ist fast zu Tode erschrocken: &#8220;ich sah es schlagartig vor mir&#8230;ein riesiges Loch im Gem\u00e4uer, dahinter ein Raum, in dem 200 M\u00e4nner standen&#8230;und alle schauten unbeweglich durch das Loch \u00fcber dem Wasserhahn&#8221; (18-19). Schnell wird es den beiden klar, dass ein ein Misverst\u00e4ndnis gab, aber Claudia gibt nicht zu, woher es eigentlich kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Diese zwei Ausschnitte sind exemplarische Beispiele von Claudia Ruschs zug\u00e4nglichem und unterhaltsamen Schreibstil. Viele DDR-Memoiren sind voller Trag\u00f6die, aber Rusch will ihre (relativ fr\u00f6hliche) Kindheit blo\u00df darstellen &#8211; sie ist ja im Kontext der DDR gro\u00dfgeworden, aber so Fremd und traumatisiert ist sie doch nicht. Susanne Ledanff, die &#8220;Ostalgie&#8221; studierte, zitiert von Ruschs Klappentext: &#8220;\u00fcberwiegend sch\u00f6nen Erinnerungen an eine fast normale Kindheit&#8221; (in Ledanff 179). Die interessanteste Punkte von\u00a0<em>Meine freie deutsche Jugend <\/em>liegen in diese W\u00f6rter: &#8220;\u00fcberwiegend&#8221; und &#8220;fast.&#8221; Claudia Rusch will kein Mitleid &#8211; sie erkennt \u00f6ffentlich, dass vieles an ihre Kindheit eigentlich sehr gut war, muss aber auch zugeben, dass vieles damit nicht stimmte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Viele Ihre Erz\u00e4hlungen sind gewisserma\u00dfen klare Nacherz\u00e4hlungen von dutzenden Bildungsromane &#8211; aber nur gewisserma\u00dfen. Sobald man sich in der Geschichte sehen kann, wird die Kluft ersichtlich &#8211; das M\u00e4dchen am Strand will mit einem Boot mitfahren, das Kleinkind versteht die Sprache der Erwachsenen falsch. Diese klare Gemeinsamkeiten zwischen Kindheit in der DDR und anderswo machen die Kontraste nur kahler.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Wie Lendaff es darstellt, ist\u00a0<em>Meine freie deutsche Jugend<\/em> &#8220;ein wichtiger Ursprung des &#8216;Erinnerungsfiebers&#8217; der &#8216;\u00dcbergangsgeneration.'&#8221; (185). Doch das Buch wurde \u00f6fters als beispielhaft f\u00fcr DDR-Erinnerungsliteratur zitiert (sehe Gerstenberger, Fulbrook). Rusch ist Teil einer der letzten Jahrg\u00e4nge, die in der DDR wirklich erwachsen worden sind &#8211; sie war ungef\u00e4hr 18 Jahre alt als die Mauer fiel. Ihr Buch ist keinesfalls das einzige, das die Kindheit in der DDR Thematisiert, aber Rusch ist au\u00dfergew\u00f6hnlich offen \u00fcber die vielen Art und Weisen, auf denen ihr Kindheit eher unauff\u00e4llig war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong>M\u00f6gliche Diskussionsthemen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: left\">Der Titel des Buches spielt mit der Name der DDR-Jugendgruppe, die Freie deutsche Jugend, an deren Rusch auch als Jugendliche teilnahm. Wie wirkt den Titel auf den Leser? Wie h\u00e4tte es anders auf Leser gewirkt, die selber die Wiedervereinigung erlebt haben? Die in der DDR gro\u00dfgeworden sind?<\/li>\n<li style=\"text-align: left\">Claudia Rusch erz\u00e4hlt von Ereignissen die geschehen sind, als sie nur 5 Jahre alt war. Wie kann man Erinnerungen aus der sehr fr\u00fchen Kindheit bewerten? Sind sie vertrauenswert? Was f\u00fcr einen Zweck k\u00f6nnen sie erf\u00fcllen?<\/li>\n<li style=\"text-align: left\">Einer Umstand, die Ruschs Kindheit eher au\u00dfergew\u00f6hnlich macht, ist die Opposition ihrer zwei V\u00e4tern. Ihr leiblicher Vater ist Offizier in der DDR Marine, w\u00e4hrend ihr Stiefvater ist ein mehr oder weniger offene Regimegegner. Wie bzw. inwiefern ist dieses Paradox in ihrer Schreibstil und Gesinnung zu erkennen?<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"text-decoration: underline\">Bibliographie:\u00a0<\/span><br \/>\nFulbrook, M. \u201cPutting the People Back in: The Contentious State of GDR History.\u201d German history 24, no. 4 (October 1, 2006): 608\u2013620.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Gerstenberger, Katharina. \u201cReading the Writings on the Walls\u2014 Remembering East Berlin.\u201d German politics and society 23, no. 3 (September 1, 2005): 65\u201382.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Ledanff, Susanne. &#8220;Neue Formen der &#8216;Ostalgie&#8217; &#8211; Abschied von der &#8216;Ostalgie&#8217;? Erinnerungen an Kindheit und Jugend in der DDR und an die Geschichtsjahre 1989\/90.&#8221;\u00a0<em>Seminar<\/em> 43, no. 2 (May 2007): 176-193.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Rusch, Claudia. <em>Meine freie deutsche Jugend<\/em>. Berlin: Fischer Taschenbuch Verlag, 2005.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong><em>F\u00fcr mehr Infos und Rezensionen, sehe diese Quellen aus meinen Post von 12.10:<\/em> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/claudia-rusch-meine-freie-deutsche-jugend.730.de.html?dram:article_id=102059<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article420510\/Generation-Trabant.html<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Claudia_Rusch<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">https:\/\/rp-online.de\/kultur\/buch\/claudia-rusch-meine-freie-deutsche-jugend_aid-16741501#:~:text=Die%20DDR%20lebt%20wieder%20auf,zwischen%20Stasi%2C%20Partei%20und%20Westfernsehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zwei Kapiteln, die fr\u00fch in ihrem Buch erscheinen, stellt Claudia Rusch schlagartig die Perspektive eines Kindes auf die allt\u00e4gliche Seltsamkeiten der DDR vor. 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