Dec 2022

‚In der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.‘ Zeitenwende, Übergangszeit und Umbrüche in Bernd Schirmers Wenderoman Schlehweins Giraffe. (Nachdruck)

von Janine Ludwig (reprint)

 

Im Herbst 2019 jährte sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal, und im Herbst 2020 wurde das Jubiläum der Deutschen Einheit begangen. Diese Ereignisse liegen nun also bereits eine ganze biologische Generation zurück. Und man erinnerte nicht nur an die Vergangenheit, sondern zog sie auch zur Erklärung der Gegenwart heran, um anscheinend noch immer bestehende Unterschiede zwischen Ost und West oder abweichendes Wahlverhalten der Ostdeutschen zu erklären. Auch unschöne Narrative wurden wieder ausgegraben, wie die vermaledeite „Mauer in den Köpfen“, die unterstellten ostdeutschen‚ ‚Deformationen durch die Diktaturerfahrung‘ oder eine angeblich nicht gelernte Demokratiefähigkeit. Dafür wurde nun ein Argument in den Diskurs eingespeist, das bei ähnlichen Debatten in den 1990er-Jahren noch nicht auf den Plan getreten war: dass für viele Ostdeutsche, besonders der jüngsten Generation, die Erlebnisse der Wende- und Nachwendezeit mindestens genauso prägend waren wie das zuvor gelebte Leben in der DDR. So ist denn auch diskutiert worden, ob es damals in Bezug auf die neuen Bundesländer Versäumnisse nicht nur im politisch-wirtschaftlichen Bereich (Treuhand), sondern auch bei der sozio-kulturellen Verarbeitung der sogenannten Wende gegeben habe. Es wurde vorgebracht, dass die spezifischen Umbruchserfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger nicht genügend gehört, gewürdigt und berücksichtigt worden seien, was zu einer bis heute nicht bewältigten und sogar auf die neue Generation übertragenen Entfremdung der ostdeutschen Bundesbürger von der Politik und der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft geführt habe[1].

Will man nun, wenn auch verspätet, diese Umbruchserfahrungen untersuchen, bietet sich die Literatur als fiktionale Verarbeitung kultureller Erfahrungen und als Träger von Wissen an. Bereits in den frühen 1990er-Jahren rief das deutsche Feuilleton allenthalben nach dem großen, verbindlichen „Wenderoman“, der nicht zu erscheinen schien. Schließlich wurden nach etlichen Jahren einige Bücher als solcher anerkannt und kanonisiert: Thomas Brussigs Satire Helden wie wir (1995), Ingo Schulzes Briefroman Neue Leben (2005) und schließlich Uwe Tellkamps Großroman Der Turm (2008).

Vieles tatsächlich seinerzeit Publizierte wurde jedoch im Trubel übersehen, einige Texte voller Witz und ohne Larmoyanz, aber mit einem genauen Blick, der uns und jüngeren Generationen heute die Umbrüche vor Augen führen, erfahrbar machen kann. Beispielhaft wird in diesem Artikel der 1992 erstmals erschienene Roman Schlehweins Giraffe[2] des 1940 in Leipzig geborenen Autors Bernd Schirmer analysiert. Es werden besonders Aspekte von Zeiterfahrung herausgearbeitet.

 

Vorher – Nachher: Zeitenwende und zwei Zeitebenen in Schirmers Roman
Beschleunigte und gestaute Zeit, Zeitverwirrung
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
„Alltagszeit“, „biografische Zeit“, „historische Zeit“

 

Vorher – Nachher: Zeitenwende und zwei Zeitebenen in Schirmers Roman

Der kurze Roman besteht aus einer Basiserzählung, die etwa ein Jahr umfasst (von Ende 1990 oder Anfang 1991 bis wohl Ende 1991), und eingeschobenen chronologischen Analepsen über die DDR-Zeit der 1970er- und 80er-Jahre bis zum Wendeherbst 1989. Dazwischen liegen der Untergang der DDR und der Sowjetunion, die das Leben der Protagonisten wie auch die Weltgeschichte in ein Davor und Danach unterteilen. Insofern wäre statt des ungeliebten Begriffs „Wende[3] die Bezeichnung „Zeitenwende“ eine angemessenere Zuschreibung.

Interessanterweise sind beide Seinszustände, das Davor wie das Danach, von einem gewissen Maß an Vagheit und Unsicherheit geprägt: Die Jetztzeit der Basiserzählung ist geprägt von den Versuchen des Figurenensembles, des arbeitslosen Akademiker-Freundeskreises des Protagonisten, ein neues Leben aufzubauen. Da wären der Meteorologe Rudolf Hasselblatt und seine Frau, eine habilitierte Sinologin, die gemeinsam Döner verkaufen; der regimetreue Professor Jens-Peter Bröckle und seine jüngere Frau Lydia, die einen Gulaschkanonenverleih aufmachen; der Archivar Kleingrube, der sich verbissen auf die ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ fixiert; der Maler Carl-Ernst Schlehwein, der regimekritische Bilder gemalt hatte und nun verschwunden ist; sowie Kristina, Schauspielerin und Ex-Frau des namenlosen Erzählers, die ihn vor Einsetzen der Basiserzählung zum dritten Mal verlassen hat, um an den Münchner Kammerspielen Karriere zu machen – ein Verlust, der für den Erzähler schwerer zu wiegen scheint als der des Landes. Er ist der einzige, der keinerlei Anstalten macht, sein durch eigene Arbeitslosigkeit aus der Bahn geworfenes Leben neu zu gestalten, sondern sich darauf verlegt, neue Wörter zu sammeln und seine Gedanken niederzuschreiben.

Den Anstoß hierzu gibt ihm die titelgebende Giraffe, die Schlehwein vor der Schlachtung in einem abgewickelten Zoo gerettet und in der hohen Parterrewohnung seines Freundes im Prenzlauer Berg abgestellt hat. Ihr stumpfer, verständnisloser Blick auf ihre neue Umgebung spiegelt überspitzt den ratlosen Blick des Erzählers auf die neue Zeit. Sie ist ein fantastisches Element in dem ansonsten realistischen Erzählpanorama, Teil der erzählten Welt, jedoch kaum Akteur, sondern vielmehr ein Reibungspunkt, an dem sich die Geschichte entwickelt. Da der Protagonist überzeugt ist, sie könne sprechen und zuhören, versucht er, von ihr ihre Geschichte zu erfahren. Doch da sie eigentlich kaum redet, wird daraus ein Selbstgespräch des homodiegetischen Ich-Erzählers, das sich in der Niederschrift der hier vorliegenden Geschichte niederschlägt: „Ich muß einfach erzählen“ (G, 55)[4].

Diese Geschichte besteht einerseits aus seiner Schilderung der aktuellen Ereignisse und Lebensumstände seiner Umgebung sowie andererseits aus eingeschobenen Rückblicken auf die DDR-Zeit bzw. seine mehrfachen vergangenen Beziehungen mit Kristina (die in ihrem Grad an Glück oder Unzufriedenheit stets die Situation des Landes insgesamt widerspiegeln). Das erste Mal waren beide sieben Jahre lang verheiratet, von ca. Mitte der 1970er- bis Anfang der 80er-Jahre[5]. Nach einer Trennung heirateten sie dann, wahrscheinlich um die Mitte der 1980er-Jahre, nochmals und blieben diesmal drei Jahre lang zusammen. Schließlich erlebten sie ihre glücklichste Zeit, als sie sich im anarchischen Wendeherbst 1989 wieder trafen und eine Zeit lang in ‚wilder Ehe‘ lebten. Als er gegen Ende des Jahres 1990 verlassen wird, zieht sich der Protagonist in seine Wohnung zurück und beginnt schreibend einen Prozess der Erinnerung, Selbstverständigung und Selbstvergewisserung. Das entspricht dem prozessualen Ansatz, den Schirmer selbst in einem Interview formulierte:

„Für mich persönlich ergibt sich dieser Zusammenhang dadurch, dass ich mir über manche Dinge beim Schreiben erst klar werde. Darüber hinaus kann ein literarischer Text auch eine Vergewisserung für diejenigen sein, die die geschilderte Zeit miterlebt haben, indem sie diese Zeit noch mal reflektiert oder widergespiegelt finden. In diesem Sinn ist der Text ein Medium kollektiver Erinnerung.“ „Die einzige Möglichkeit mit der alten Zeit fertig zu werden, ist, sich ihr im gemeinsamen Erzählen gegenseitig zu versichern[6].“

Dabei wird deutlich, dass auch die vergangene, untergegangene Zeit keineswegs eindeutig und klar bestimmt ist, denn sie wird rückblickend von verschiedenen Figuren unterschiedlich gesehen und bewertet. Für den wohlmeinenden, aber etwas besserwisserischen, in Ost-Klischees denkenden bayerischen Onkel Alfred, der die westdeutsche Außenperspektive verkörpert, war die DDR-Vergangenheit nichts als eine „Zeit des Leidens und der Knechtschaft“, die jetzt zum Glück zu Ende gegangen sei (G, 22). Der Revolutionsexperte Bröckle sah in ihr den Versuch einer anderen Gesellschaft, an die er geglaubt hat und deren Untergang er als Niederlage empfindet. Deshalb weigert er sich, die Revolution von 1989 als eine solche zu definieren und stemmt sich als Historiker gegen die Entfernung von Denkmälern, die er als Ausradierung und Umschreibung der Geschichte empfindet. Der einst bestrafte und tief verletzte Kleingrube hingegen betrachtet die DDR unter dem Prisma der Diktatur und will die Verantwortlichen oder Mitläufer des Systems entlarven. Dem hält der Erzähler entgegen: „Aber, sage ich, wir sind doch alle mitgelaufen, wir haben alle mitgemacht, mehr oder weniger, die Bäcker haben Brötchen gebacken, und die Fleischer haben Schweine geschlachtet und haben das System gestützt“ (G, 40, vgl. 66; 110).

Ausgerechnet der Maler Schlehwein, der als einziger in der DDR wirklich dissidentisch gewirkt und regimekritische Bilder gemalt hatte, ist von den Ereignissen 1989 gar nicht begeistert, sondern übt seinen Nonkonformismus gegen die Mehrheitsmeinung mit gleicher Intensität während der Wende und im vereinten Deutschland aus[7]. Er, der immer gegen die politische Führung seines Landes angekämpft hatte, setzt sich nun für seine Landsleute ein, indem er die Grundbücher eines Dorfes im Brandenburgischen in Brand setzt. Damit will er verhindern, dass die Ostdeutschen ihre Grundstücke und Häuser verlieren, die im Rahmen der Devise „Rückgabe vor Entschädigung“ westlichen Vorbesitzern oder deren Nachkommen zurückgegeben werden sollen. Diesen war während des Neuaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Enteignungswelle in der DDR, ihr Besitz weggenommen und später an Ostdeutsche verkauft worden, was nun einen kaum zufriedenstellend lösbaren Konflikt darstellte. En passant verweist Schirmer hier auf die gerade 40 Jahre zurückliegende vorherige Zeitenwende, die mit ähnlich tiefgreifenden (Auf-)/(Um-) Brüchen einhergegangen war.

Der Vielfalt der Perspektiven entsprechend, verwendet Schirmer mehrfach den Plural „alte Zeiten“ (G, 69; 106)[8], der sich im Deutschen semantisch kaum vom Singular unterscheidet, außer eben, dass er den Begriff noch weitet und Dinge wie Lebenswirklichkeiten und -umstände, Sitten und Gebräuche usw. umfasst.

 

Beschleunigte und gestaute Zeit, Zeitverwirrung

Schlehweins Giraffe behandelt den Aspekt der „Zeitenwende“ in zweierlei Hinsicht: einerseits typischerweise als Phänomen der beschleunigten Zeit, eines rasanten Überbordwerfens aller alten Strukturen, des „Abwickelns“ der DDR und ihrer Institutionen, ohne Zeit zum Reflektieren. Somit erscheint die Erzählung als eine Erfahrung des ,Einbruchs einer neuen Zeit‘. Die Schnelligkeit dieses Umbruchs wird plastisch gemacht am Schicksal des eher gemäßigten, sich jedoch systemkritisch dünkenden Schriftstellers Ralph B. Schneiderheinze, der geglaubt hatte, mit seiner Literatur die Revolution vorzubereiten. Dabei ging er jedoch so langsam, behutsam, vorsichtig vor, dass diese ihn letztlich überrollte:

[Er] hat dann, als sich alles in rasanter Weise zuspitzte, selber einen Zahn zugelegt. Er schrieb an einem neuen Buch, in dem er wirklich sagen wollte, wie es wirklich ist. Er wurde immer mutiger. […] Aber es mußte sich etwas ändern, es war unausbleiblich, es ging so nicht weiter. Eine Wende mußte kommen, und er wollte mit seinem Buch die Wende vorbereiten. Er schrieb und schrieb, atemlos, hektisch. Aber die Wende kam schneller, als er schreiben konnte, um die Wende vorzubereiten. Am liebsten wäre es ihm gewesen, es wäre, so sehr er die Wende auch herbeisehnte, langsamer gegangen mit ihr, damit er sie noch gebührend hätte vorbereiten können mit seinem Buch. […] Es ging alles schneller, als es einer wie Ralph B. Schneiderheinze schreiben kann. Wer zu spät kommt mit seinem Buch, den bestraft die Zeitung (G, 45).

Damit ist Schneiderheinze ein Alter Ego des Autors Bernd Schirmer, der selbst ein Buch namens Cahlenberg, das die Wende vorbereiten sollte, zu spät, nämlich erst im November ’89 fertigstellte, wodurch es in der Versenkung verschwand und erst 1994 erscheinen konnte. Darüber hinaus steht er pars pro toto für die real existierenden Autoren und Intellektuellen der DDR, die sich zunächst noch als Taktgeber und Sprecher der ‚Wende‘ verstanden und diese für einen Neuaufbau des Sozialismus nutzen wollten. Doch wurden sie von der Wucht der Ereignisse und der aufkommenden Forderung des Volkes nach der Wiedervereinigung und Übernahme des kapitalistischen Systems überrollt. Ihr Aufruf „Für unser Land“ vom 26. November 1989 war bereits überholt, als er am 28.11. erschien[9]. Das Phänomen der beschleunigten Zeit ist jedoch nur ein Element in dieser satirischen Erzählung und antagonistisch spiegelbildlich zur Situation des Erzählers, der nicht nur äußerlich der Doppelgänger des Autors Schneiderheinze, sondern – trotz all seiner gegenteiligen Beteuerungen – selbst ein verhinderter Schriftsteller ist.

Anders als in manch anderem Wenderoman dominiert seine Perspektive als die eines Menschen, dessen Leben komplett stillzustehen scheint. Nichts passiert; er und seine Freunde hinterlassen einander Nachrichten ohne Neuigkeitswert:

Es fing alles ganz harmlos an. Wir hatten uns alle automatische Anruf- beantworter gekauft, Bröckles, Hasselblatts und sogar Schlehwein, obwohl er kein Freund technischer Neuerungen ist. […] Die automatischen Anrufbeantworter waren unsere ersten Anschaffungen von dem fremden, neuartigen Geld, denn wir alle hofften, es würde wichtige, existenzsichernde Mitteilungen geben, wenn wir außer Haus gingen, überraschende Angebote, unaufschiebbare Nachrichten. Es gab sie nicht. Wir fragten immer nur gegenseitig an, wie es geht und steht. Es stand schlecht, erfuhren wir über Band voneinander. Wir sprachen kaum noch miteinander. Nur unsere Stimmen sprachen noch (G, 8).

Genauer gesagt scheint der Erzähler ‚aus der Zeit gefallen‘ bzw. sich in einer Übergangszeit zu befinden – das Alte ist vorbei, aber ein Neues beginnt (noch) nicht: „Da waren wir schon wie Fremde im eigenen Land und hatten nichts mehr zu melden. Mit einem Bein lebten wir noch im alten Leben und mit dem anderen schon im neuen“ (G, 100f.).

Für diese beinahe unwirkliche Übergangszeit steht auch sein neues Haustier. Nicht umsonst erinnert das groteske Bild einer Giraffe in einer Alt- bauwohnung an Alice im Wunderland und dessen zeitliche und räumliche Verzerrungen in einer Welt aus Träumen und Albträumen. In dieses Bild passt auch die einzige weitere Stelle des Buches, die ein nicht-realistisches Moment einführt, nämlich das einer zeitlichen Verwirrung des Erzählers, welches repräsentativ für diese „wirre Zeit“ (G, 43) steht:

Ich weiß auf einmal nicht, in welcher Jahreszeit wir sind. Teils blühen die Birnbäume noch, teils tragen sie schwere, gelbe Früchte. Von einem Birnbaum hat die Giraffe sämtliche Blätter abgefressen, die Bröckles haben sie gewähren lassen, der Baum ist kahl. Es ist auf einmal wie Winter, mich fröstelt plötzlich, aber wir sitzen noch immer im Garten (G, 36).

 

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Die relativ ereignislose Gegenwart ist eingeklemmt zwischen den beiden Polen „Vergangenheit“ und „Zukunft“. Erstere erscheint als ein vollständig abgeschlossenes Phänomen, eine unwiederbringlich beendete Zeit, die nur noch begutachtet, bewertet oder, wie ein durchaus problematisches Wort der Zeit verlangte, ‚aufgearbeitet‘ werden kann. Der Erzähler meint gewiss auch sich selbst, wenn er sinniert:

Ich war wieder für mich allein und dachte über die Schriftsteller nach, deren Bücher nicht mehr angeboten wurden, weil sie keiner mehr kaufen und keiner mehr lesen wollte, weil die Zeiten über sie hinweggegangen waren. Ich hatte plötzlich eine Vision. Ich sah all die Schriftsteller, […] sie schrieben in fieberhafter Eile. Sie arbeiteten die Vergangenheit auf, sie suchten sie hektisch zu bewältigen, die Vergangenheit (G, 15f.).

Ebenso fieberhaft arbeitet der bedauernswerte Kleingrube an seiner Sammlung von Beweisen für Schuld und Verstrickung aller und eines jeden (G, 39f.), bis er sogar die Giraffe überführt zu haben meint, als er ein Foto findet, auf dem eine Giraffe in einem Zirkuszelt dem Staats- und Parteichef Erich Honecker ein Stück Würfelzucker aus der Hand frisst. Insofern ist das exotische Tier als „Altlast“ eine Allegorie auf die Vergangenheit und die Ostdeutschen insgesamt, die ‚den ganzen Zirkus mitgemacht‘ haben, mehr oder weniger begeistert, und die nun nach Jahrzehnten der Käfighaltung in eine ungewisse und überfordernde Freiheit entlassen worden sind:

Die Verhältnisse sind ja meistens schlecht. Aber so eng war unser Intimleben an die Zeitläufe nicht gekettet, auch wenn wir, wie alle Welt, immer gehofft hatten, daß sich zu unseren Lebzeiten noch etwas ändert, doch das war schon alles, getan dafür hatten wir nichts. Wir hatten genörgelt auf unseren Nischenparties, aber dennoch, es war nicht unerträglich, und jeder hatte ja auch etwas zu verlieren, wie sich später herausgestellt hat, ich darf dich nur an Bröckle, Hasselblatt, Kleingrube erinnern. Zwar war es etwas eng und stickig, aber wem sage ich das, du hast ja selber lange genug in Käfigen zugebracht, doch dafür war es nicht allzu stressig, nicht wahr. Natürlich hatten wir auch immer unsere Ausflüchte und Selbsttäuschungen zur Hand. Wir hatten uns immer eingeredet, daß es zwei Sozialismusse gebe. Den Großen Sozialismus, wie er in der Zeitung stand mit zweiundvierzig Honeckerbildern zur Leipziger Messe. Und den kleinen sozialismus, den wir selber praktizierten, indem wir einfach lebten, wie zu leben war, und uns zuhörten und uns beistanden in unseren Nöten und den gebrechlichen Nachbarn die Kohleneimer in die vierte Etage trugen, wie lächerlich sich das heute auch anhören mag (G, 65).

Bröckle hingegen vermag sich von der Vergangenheit nicht zu trennen und nutzt eine große Summe Geldes, das er bei der Lotterie gewonnen hat (oder aus dem beiseite geschafften Parteivermögen der SED abgezweigt, das bleibt unklar), um eine Kneipe mit dem Namen „Zur Alten DDR“ zur eröffnen. Damit ist er ein früher Vertreter des in den späten 1990er-Jahren durchschlagenden Ostalgie-Phänomens. Er glaubt sogar ernsthaft, aus dieser Konservierung der Vergangenheit Zukunft gewinnen zu können:

Und wir würden die Kneipe gemeinsam betreiben, alle. Bröckle umarmte mich. Es wären dann wieder alle beisammen, und es würde wie früher sein, und wir würden über die alten Zeiten reden. Es wäre dann Arbeit für alle da, neue, schöne Aufgaben, und die armen Hasselblatts kämen dann endlich aus ihrer armseligen Würstchenbude heraus, und der arme Kleingrube komme vielleicht auch auf andere Gedanken und brauche nicht länger in seinen alten Akten zu wühlen, der wird sowieso noch verrückt, der will uns allen noch was beweisen und anhängen, der könne sich dann nach vorn orientieren, auf die Zukunft hin wie wir alle, Sinologen, Geologen, Meteorologen, Archäologen, Archivare und Bibliothekare, die jetzt stellungslos sind. Denn so eine Kneipe werfe für alle was ab (G, 106).

Zu einer solchen Idee von Zukunftsgewinnung ist der sympathische Onkel Alfred das genaue Gegenteil; für ihn ist völlig klar, dass die DDR ein für allemal vorbei ist. Seiner naiv-optimistischen Annahme nach stünde seinen ostdeutschen Freunden nun die ganze Welt offen, wenn sie nur die Ärmel hochkrempelten (G, 22; 82). Doch sein ambitionsloser Neffe hat keinerlei ernsthafte Zukunftspläne, sondern versucht erst einmal, mit der Gegenwart zurechtzukommen und über sie nachzusinnen. „Wir alle müssen viel Neues lernen in dieser Zeit. Wir müssen alles neu sehen. Wir müssen umdenken“ (G, 14), weiß er, und lässt sich Zeit damit. Durch das Sammeln „neuer Wörter“, die nun allenthalben auftauchen, versucht er, die Welt um sich herum beschreibend zu erfassen – so wie er früher mit Kristina durch das Kreieren neuer Wörter den DDR-Alltag kreativ aufgewertet hatte. Es passt auch zu seiner früheren Tätigkeit als Lektor bzw. „Kommasetzer“, denn wie Jill Twark ausgeführt hat, bedeutet das Setzen von Kommas das Einfügen von Pausen, was die Bedeutung von langen Sätzen oder Formulierungen lenken, ordnen oder gar ändern kann[10]. Er versucht quasi, Lücken im unablässigen Ablauf der Ereignisse zu finden und die Welt um sich herum zu ordnen, zu verstehen, Bedeutungen zuzuweisen.

Als Kristina unverrichteter Dinge aus München zurückkehrt (statt der Kammerspiele hat es nur für einen Werbespot für Joghurt gereicht, aber sie hat es immerhin versucht), dürfte wohl das Jahr 1991 zu Ende gehen, denn Berlin ist bereits Hauptstadt geworden, und dann schneit es. In der schätzungsweise einjährigen Abwesenheit Kristinas [11]hat ihr Mann drei Mal erwähnt: „In der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.“, „Da war viel Zeit verstrichen.“, „Es ist viel Zeit vergangen“ (G, 35; 100; 121). Dies widerspricht der vorherigen Annahme und Selbstdarstellung des Protagonisten, dass in seinem Leben rein gar nichts passiere – zumindest insofern, als er eine intensive geistige Anstrengung unternommen hat. Denn Zeitforschung und Neurobiologie gehen davon aus, dass Vorgänge, die mit intensiver geistiger Konzentration einhergehen, als lange andauernd wahrgenommen werden, während bei geringer Beanspruchung die Zeit schneller zu vergehen scheint. Auch nimmt der Erzähler lediglich in seinem eigenen täglichen Leben kaum Veränderungen wahr, während er sehr wohl registriert, dass sich die Welt um ihn herum weiterhin ständig wandelt – es werden en passant immer wieder Anspielungen auf Ereignisse eingestreut wie die wechselnden Regierungen von Herbst 1989 bis 1990, die Währungsunion, die Einheit usw. Dass all diese Dinge den Protagonisten, auch wenn er sie nur passiv zu erleben glaubt, gleichwohl geistig verarbeitet, eben doch beeinflussen, ist anzunehmen. Schließlich geht das Paar in einem offenen Ende (Fußspuren im Schnee) der Zukunft entgegen: „Mal sehen, wie alles weitergeht“ – wobei ihnen bewusst ist, dass sie die Vergangenheit (repräsentiert durch die Giraffe) nicht einfach hinter sich lassen können, sondern sie in ihr zukünftiges Leben integrieren müssen: „die werden wir nie wieder los“ (G, 123).

 

„Alltagszeit“, „biografische Zeit“, „historische Zeit“

Der Soziologe Hartmut Rosa hat die These aufgestellt,

dass Modernisierung nicht nur ein vielschichtiger Prozess in der Zeit ist, sondern zuerst und vor allem auch eine strukturell und kulturell höchst bedeutsame Transformation der Temporalstrukturen und -horizonte selbst bezeichnet und dass die Veränderungsrichtung dabei am angemessensten mit dem Begriff der sozialen Beschleunigung zu erfassen ist[12].

In diesem Sinne wurde natürlich auch der Osten Deutschlands (bzw. ganz Osteuropas) mit und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs modernisiert und beschleunigt – wobei das gleiche Schicksal die ganze Welt ab Mitte der 1990er-Jahre ereilen sollte, als die Digitalisierung Einzug halten würde, aber das war zur Entstehungszeit von Schirmers Buch noch nicht absehbar. Diese Beschleunigung seiner Umgebung beschreibt der Erzähler, während er sich zugleich ihrem Veränderungsdruck entzieht, indem er sich auf eine der ältesten und ‚langsamsten‘ Kulturtechniken überhaupt, auf das Schreiben und das Reflektieren zurückzieht. Er tritt sozusagen aus der beschleunigten Zeit heraus in ein Refugium der Introspektion.

Bezug nehmend auf Peter Ahlheit und Anthony Giddens erläutert Rosa drei Ebenen temporaler Vermittlungsprozesse aus der Akteursperspektive: die „Zeitstrukturen ihres Alltagslebens“ mit täglichen Routinen und Wochenrhythmen, eine zeitlich-biografische Perspektive, auch „Lebenszeit“, in der Menschen Lebensabschnitte und -ziele wie Schule, Ausbildung, Kindererziehung, Erwerbsleben, Rente usw. planen, und drittens die „übergreifende Zeit ihrer Epoche, ihrer Generation und ihres Zeitalters“, also eine historische Perspektive – sie alle müssen in Einklang miteinander gebracht werden und sind von den herrschenden Zeitregimes und kollektiven Mustern der Gesellschaft abhängig[13].

Ob, wie und wie weit in die Zukunft geplant wird, hängt in hohem Maße von der Stabilität und Vorhersagbarkeit der sozialen und kulturellen Umwelt ab. Die dritte Zeitebene, die historische Zeit oder ‚Epoche‘, schließlich entzieht sich fast völlig individueller Gestaltungsmöglichkeit – hier bleibt den individuellen Akteuren nur die Möglichkeit, sich affirmativ oder oppositionell zu den jeweiligen „Ansprüchen ihrer Zeit“ zu verhalten[14].

Dieses Gefühl, kaum Möglichkeiten zu haben, die historische Zeitebene mitgestalten zu können, war natürlich in der DDR besonders weit verbreitet; der Erzähler des Romans steht stellvertretend hierfür und gibt es auch offen zu, dass man eben einfach mehr oder weniger mitgemacht habe. Kaum jemand, ihn eingeschlossen, hatte ernsthaft geglaubt, jemals diese Regierung, dieses System ändern oder gar die Mauer niederreißen zu können – bis man es plötzlich doch konnte, mit ganz unvorhergesehenen Folgen. Nun ist es unmittelbar einsichtig, dass bei politischen Umbrüchen Lebenszeit und historische Zeit in ein Spannungsfeld geraten, weil die Pläne für erstere plötzlich umgekrempelt oder nichtig werden. Im Roman findet sich dies anhand der gutgemeinten Forderung von Onkel Alfred, sein Neffe solle doch das abgebrochene Germanistikstudium wieder aufnehmen und sein Leben quasi nochmal von vorn beginnen. Das erscheint dem Anfang-Vierzigjährigen absurd – wenngleich es nicht unmöglich wäre. Es verweist aber auf eine ganze Generation von über-50-jährigen Ostdeutschen, von denen viele Arbeit und berufliche Perspektive insgesamt verloren und auch nie wiedererlangt haben. Arbeitslosigkeit, Umschulungen, massenhafte Frühverrentung, das vorzeitige Abbrechen des eigenen (und in der DDR einst extrem stabilen) Lebensplans trugen zu Enttäuschungen von großem Ausmaß bei.

Hinzu kommt ein weiterer Verunsicherungsfaktor beim Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus, den selbst Rosa nicht anspricht: dass nämlich sogar die Zeitstrukturen des Alltagslebens sich änderten. Evident ist dies im Falle von (massenhafter) Arbeitslosigkeit, durch welche der geregelte Tagesablauf von Aufstehen, Arbeitszeit und Abend- oder Wochenendgestaltung durcheinandergerät – dass ein daraus folgender Verlust von Tagesstruktur für viele Menschen in jeder Gesellschaft problematisch ist, weiß die Soziologie seit Langem. Aber selbst auf noch kleinerer Ebene änderten sich Strukturen: in Bezug auf Feiertage, Schulferien, Öffnungszeiten, kulturelle Veranstaltungen oder Ferienlager, die oft über die Betriebe organisiert waren. Dies mag banal wirken im Lichte des enormen gesellschaftlichen Umbruchs, den die meisten ja begrüßt haben, aber eine gewisse Umstellung und Anpassungsleistung erforderte es allemal. All dies trifft auf den arbeitslosen Erzähler zu, der schon im zweiten Satz des Buches von der Giraffe gefragt wird, warum er den ganzen Tag zu Hause sitze. Eine weitere Bemerkung von Rosa zielt direkt auf unseren Roman, der leistet, was Rosa beschreibt:

Die Verknüpfung der drei Zeitebenen in der Perspektive der Akteure folgt dabei stets narrativen Mustern. Es sind kulturelle und individuelle Narrationen, in denen Alltagszeit, biografische Zeit und historische Zeit zueinander in Beziehung gesetzt und wechselseitig kritisiert und gerechtfertigt werden. In solchen narrativen Entwürfen wird zugleich die Gewichtung und Bedeutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und damit auch die Relevanz und Gewichtung von Tradition und Wandel bestimmt[15].

Die Literatur ist in besonderer Weise geeignet, solche Narrationen zu erzeugen sowie individuelle und generationenspezifische Erinnerungen zu tradieren. Sie ist damit zentral an der Herausbildung eines „kulturellen“ und „kollektiven Gedächtnisses“ beteiligt und kann gleichzeitig die Erstellung desselben kommentieren und hinterfragen[16]. Ein solches Gedächtnis wie auch identitätsstiftende Narrative sind für die Sinnstiftung einer Gesellschaft gerade da von besonderer Wichtigkeit, wo eine vierte Zeit- und Sinnebene, die „sakrale“ nicht oder kaum existiert:

Wie Philosophen wie Charles Taylor und Alasdair Maclntyre in jüngster Zeit betont haben, vollzieht sich die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der je eigenen Lebensgeschichte stets vor dem Hintergrund der „Rahmengeschichte“ einer kulturellen Gemeinschaft bzw. einer erzählten „Weltgeschichte“. Das Wissen um die Endlichkeit des je individuellen Daseins lässt dabei die Diskrepanz zwischen der begrenzten Lebenszeit und der perspektivisch unbegrenzten Weltzeit zu einem narrativen und lebenspraktischen Problem werden. Die Versöhnung dieser Diskrepanz wird in fast allen entwickelten Kulturen durch die Einführung einer vierten Zeitebene, die Konzeption einer Sakralzeit, gelöst. Diese „heilige Zeit“ überwölbt die lineare Zeit des Lebens und der Geschichte, begründet ihren Anfang und ihr Ende und hebt Lebens- und Weltgeschichte in einer gemeinsamen höheren, gleichsam „zeitlosen Zeit“ auf[17].

Die sakrale Zeit ist in Europa natürlich vom Christentum geprägt und bietet mit dessen Ritualen und Festen (von Sonntagen bis Weihnachten) sozusagen ‚Auszeiten‘ vom Alltag und dessen „profaner Zeit“ – und mit der Vorstellung vom Leben nach dem Tod eine mögliche Hilfe zur Bewältigung von Problemen sowie eine sinnstiftende überzeitliche Begründung für das diesseitige Dasein. All dies ist jedoch in einer fast vollständig säkularisierten, atheistischen Gesellschaft wie der ostdeutschen nicht gegeben. Das, was die politische Führung der DDR als Alternative zu etablieren versuchte, nämlich das Geschichtstelos der kommunistischen Utopie, hatte schon lange an Legitimität und Überzeugungskraft verloren und war ab 1990 völlig diskreditiert. So bleibt dem Erzähler des Romans, zurückgeworfen auf die eigene Lebenszeit, als utopisches Ziel nur das private Glück, nämlich die erhoffte Wiederkehr Kristinas. Darauf wartet er den ganzen Verlauf der Erzählung hindurch, obwohl sie sich seit ihrem Weggang nicht bei ihm gemeldet hat und er auch nicht damit rechnet, dass sie es noch tun wird, aber: „Dennoch kann ich nicht aufhören zu warten, denn nicht mehr warten, das ist das Ende“ (G, 28). Sich nicht mehr an die Hoffnung auf das Happy End mit Kristina zu klammern, wäre für ihn gleichbedeutend damit, jeden Sinn im Leben zu verlieren.

Nach dem Ende des Kalten Krieges tat sich ein ideologisch luftleerer Raum auf, der das kleine Gebiet im Osten Deutschlands weit überstieg. Denn der Zusammenbruch des Sowjetreiches und das Ende der bipolaren Weltordnung des 20. Jahrhunderts erforderte nicht weniger als eine globale Neuordnung mit ungewissem Übergang in die Zukunft eines neuen Millenniums. Dies konnte Verunsicherung auslösen und Orientierungslosigkeit im Sinne von Hamlets Feststellung „Die Zeit ist aus den Fugen“, ein Gefühl, das schon immer Epochenumbrüche begleitete. Man konnte dem optimistisch entgegensehen mit Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte und dem Glauben an den endgültigen weltweiten Sieg von Demokratie und Frieden oder pessimistisch mit Samuel Huntingtons Prophezeiung eines zukünftigen Clash of Civilizations anhand neuer kultureller Bruchlinien. Mit der Idee vom Ende der Geschichte konnte auch eine Vorstellung von ‚Bereinigung‘ derselben einhergehen, wie Schirmer anhand der Figur Bröckles verdeutlicht, der das damals heiß diskutierte Thema der Umbenennung von Straßen und des Abreißens von Denkmälern oder Gebäuden diskutiert. Bröckle sieht in solchen Maßnahmen den Versuch, die ungeliebten Teile der Vergangenheit auszulöschen, die Verlierer aus der Erzählung zu tilgen, mithin die Geschichte der Sieger zu schreiben (G, 33f.).

Rosa arbeitet heraus, wie in diesen Posthistoire-Diskursen „in der nur noch ex negativo erfolgenden Bestimmung des eigenen Zeitalters als “Nach”- und “End”-Epoche, als “post”-Zeitalter am Ende der Vernunft, des Subjekts, der Werte, der Erziehung, der Erzählungen, der Politik, der Geschichte etc.“ ein interessantes Paradox auftrat: Während einerseits eine „Beschleunigung des sozialen Wandels“ und „Erhöhung des Lebenstempos“ diagnostiziert wurde, sei andererseits zugleich eine „Erstarrung der sozialen Entwicklung“, ein Verlust an Sinn und Utopie, mithin „die ereignislose Langeweile modernen Lebens beklagt“ worden – all dies zusammengefasst in Paul Virilios „Metapher des rasenden Stillstande[18]. Genau diese Metapher charakterisiert auch das Leben des Erzählers in diesem ersten Jahr im vereinten Deutschland. Er reagiert darauf so, wie es Schriftsteller tun: mit der Niederschrift dessen, was war, was ist, was werden könnte, im kleinen persönlichen Rahmen die Ereignisse der Epoche in nuce kondensierend, sie aufzubewahren für eine kommende Zeit und Generationen, die einmal darauf zurückblicken werden als eine vergangene Zeit, eine uralte Geschichte.

 

[1] Siehe z. B.: Alexander Clarkson, „Das Problem der Ostdeutschen waren ihre Illusionen“, Die Zeit vom 2. Mai 2019, https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-05/alexander-clarkson- wende-1990-ost-west oder Bastian Brandau, „Narben auf der Seele, lebenslang“, DLF Kultur vom 29.09.2018, https://www.deutschlandfunkkultur.de/petra-koepping-integriert-doch-erstmal-uns- narben-auf-der.1270.de.html?dram:article_id=429285, Zugriff am 20.9.2019.

[2] Bernd Schirmer, Schlehweins Giraffe. Die Grenze verschwindet, die Giraffe sieht fern. Roman, Frankfurt a. M., Fischer Taschenbuch Verlag, 1994. Erstausgabe: Frankfurt a. M., Eichborn Verlag, 1992, neu aufgelegt: Berlin, Edition Schwarzdruck, 2000. Im Folgenden werden die Seitenangaben zu diesem Primärtext unter der Sigle G direkt im Text, in Klammern, angeführt.

[3] Der Begriff „Wende“ ist schon deshalb problematisch, weil er von Egon Krenz eingeführt wurde, der in seiner Antrittsrede als neuer Staats- und Parteichef im Oktober 1989 von einer „Wende“ sprach, mit der die Partei die „politische und ideologische Offensive wieder erlangen“ sollte. Bernd Lindner, „Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche“, 3.6.2014, https://www.bpb.de/apuz/185602/begriffsgeschichte-der-fried-lichen-revolution-eine-spurensuche?p=2, Zugriff am 10.11.2020. Vgl. „,Wende‘? ‚Friedliche Revolution‘? ‚Mauerfall‘?“, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 19.10.2009, https://web.archive.org/web/20130623211005/http://www.bundesregierung.de/Content/DE/ Artikel/20Jahre/2009-10-20-wende-oder-wie.html, Zugriff am 10.11.2020. [Siehe auch „Umstrittene Begriffe” im Glossen-Wendereader.]

[4] Dieses Ausstellen des Erzähl- bzw. Schreibvorgangs ist typisch für Wenderomane aus dieser Zeit, etwa Jens Wonnebergers Wiesinger (1999) oder Kerstin Hensels Tanz am Kanal (1994).

[5] Dies ergibt sich aus der Erwähnung des staatlichen Wohnungsbauprogramms, das 1973 begann; im Buch wird auch die millionste Neubauwohnung erwähnt, die 1978 eingeweiht wurde – irgendwann in diesem Zeitraum haben sich der Erzähler und Kristina kennengelernt, als sie in zwei übereinanderliegende neue Wohnungen eingezogen sind.

[6] Carsten Gansel, „“Ich war zu spät dran.” Gespräch mit Bernd Schirmer“, in: Carsten Gansel, Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989-2014, Berlin, Verbrecher Verlag, 2015, S. 267-278, hier S. 275 und 272.

[7] „Ihn interessierte nicht, was wir ihm erzählten, aufgeregt, manchmal begeistert. Er war schon fertig mit allem. Er wollte gar nichts mehr. Er wollte nur noch seine Ruhe. […] Ah ja, na schön, aber was habe ich damit zu tun? Er verbrachte, so schien es, die ganze Zeit der Wende auf dem Plumpsklo.“ (G, 70). Eine ähnlich ‚bockige‘ Figur zeichnet auch Jens Wonneberger mit Wiesinger. Der Mann mit Hacke und Spaten, Berlin, Kowalke & Co. Verlag, 1999.

[8] Das Wort „Zeit“ im Singular, fast ausschließlich für die Gegenwart gebraucht, kommt 30 Mal in dem schmalen Büchlein vor.

[9] Bröckle sammelt ebenfalls Unterschriften für diesen Aufruf (G, 77).

[10] Jill Twark, „“Ko … Ko … Kolonialismus,” said the giraffe: Humorous and Satirical Responses to German Unification“, in: Carol Anne Costabile-Heming, Rachel J. Halvetson, Kristie A. Foel (Hrsg.), Textual Responses to German Unification. Processing Historical and Social Change in Literature and Film, Berlin, New York, Walter de Gruyter, 2001, S. 151-169, hier S. 164.

[11] Sie hat ihn verlassen, als sie von seiner Affäre mit Lydia erfuhr, da „hatten wir schon die deutsche Einheit“ (G, 101), also irgendwann nach dem 3.10.1990. Als sie zurückkehrt, sagt sie, es sei gut, dass München nicht Hauptstadt geworden sei (G, 121) – der Hauptstadtbeschluss fiel am 20.6.91 – und am Ende ist von Frost und Schnee die Rede; sie ist also irgendwann ab dem Herbst 1991 wieder da.

[12] Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2005, S. 24. Kursivschreibung im Original. Vgl. ebd., S. 15: „Die Temporalstrukturen der Moderne, so wird sich ergeben, stehen vor allem im Zeichen der Beschleunigung. Die Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen ist ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft.“

[13] Ebd., S. 30-34. Dies baut auf den früheren Überlegungen Blumenbergs auf: Hans Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1986.

[14] Ebd., S. 34. Kursivschreibung im Original.

[15] Ebd., S. 35.

[16] Carsten Gansel, „Vorbemerkung“, in: Carsten Gansel, Pawel Zimniak (Hrsg.), Das „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989, Göttingen, V&R unipress., 2010, S. 11-15, hier S. 13.

[17] H. Rosa, Beschleunigung, a.a.O., S. 35f.

[18] Ebd., S. 41. Kursivschreibung im Original.

 

Ludwig, Janine. „‚In der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.‘ Zeitenwende, Übergangszeit und Umbrüche in Bernd Schirmers Wenderoman Schlehweins Giraffe“.

Erstveröffentlichung in: Germanica 68 (2021), S. 17-30. https://doi.org/10.4000/germanica.10528; https://journals.openedition.org/germanica/10528




Comments are closed at this time.