{"id":1345,"date":"2011-06-27T22:43:48","date_gmt":"2011-06-28T02:43:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=1345"},"modified":"2011-06-27T22:43:54","modified_gmt":"2011-06-28T02:43:54","slug":"harri-engelmann-glossen32","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-322011\/harri-engelmann-glossen32\/","title":{"rendered":"Harri Engelmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rindersch\u00e4del und Priesterb\u00e4rte<\/strong><br \/>\n<em>Ein Traktat \u00fcber das Alphabet und das Verfassen von Texten<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1349\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/g.gif\" alt=\"\" width=\"22\" height=\"38\" \/><\/p>\n<p>Im Autoradio plauderte ein Komponist \u00fcber seine Arbeit. Die Musik, sagte er, sei die abstrakteste aller K\u00fcnste. Eigentlich h\u00e4tte ich das hinnehmen m\u00fcssen. Stattdessen machte ich: \u201eMhm\u201c. In mir regte sich der \u201eBesserwisser\u201c- eine Folge davon, dass ich mir durchs B\u00fccherschreiben viel aneignen muss. Zugegeben: es ist ein oberfl\u00e4chliches Wissen. Trotzdem kam mir Prokofjew in den Sinn, wo zum Teufel ist da was abstrakt? In \u201ePeter und der Wolf\u201c imitieren die Instrumente menschliche Stimmen. Und was ist gegenst\u00e4ndlicher, als Filmmusik? Kaum einer, der es nicht schon mal vernommen hat: das Anschwellen der T\u00f6ne bei Gefahr. Ihr hektisches Klingen, unterlegt von einem tiefen, mitunter grummelnden Bass. Oder wie in dem Film \u201eDas Boot\u201c: der Synthesizer  gibt vor, ein Echolot zu sein, und der Rest der Instrumente verf\u00e4llt ins Stakkato, erzeugt Klangbilder \u2013 ein n\u00e4chtlicher Angriff, das Stampfen des Diesels. \u2013 Worauf will ich eigentlich hinaus? Darauf: Z\u00e4hlt man die Literatur mit ihren Sparten, Lyrik sowieso, zu den K\u00fcnsten, kommt man nicht umhin, ihr diesen Superlativ einzur\u00e4umen. Was in aller Welt ist abstrakter als Sprache?<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1351\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/r-1.gif\" alt=\"\" width=\"40\" height=\"38\" \/><br \/>\nDas Alphabet wurde vor etwa 3500 Jahren erfunden, und zwar nur einmal in der Geschichte der Menschheit. Die Abweichungen resultieren aus tausendfachen Kopien. Die Null beispielsweise, die der Mathematik auf die Spr\u00fcnge half, wurde zu verschieden Zeiten und an verschiedenen Orten mehrfach \u201eentdeckt\u201c \u2013 wahrscheinlich ein Gebot der Logik. Schrift scheint sich ihr zu entziehen. Sprachforscher meinen, das Wort Kultur h\u00e4tte ebenso auch Klutur oder Rutluk hei\u00dfen k\u00f6nnen. Da die Buchstaben aus Piktogrammen entwickelt wurden, ist das Werden kaum noch nachvollziehbar. Oder vermutet jemand bei dem Buchstaben A, dass er sich aus der Alt-\u00c4gyptischen Hieroglyphe, die einen Rinderkopf darstellt, entwickelt hat? Vermutlich erst, wenn man es wei\u00df und den Buchstaben auf den Kopf stellt: da, zwei H\u00f6rner! Und, mit einiger Phantasie, ein dreieckiger Rindersch\u00e4del. Aus der Schlange wurde ein N. Da verwundert es kaum noch, dass unser sch\u00f6nes rundes O eigentlich mal ein Auge darstellte, eine aufgepumpte Pupille sozusagen. Ein stilisierter Priesterkopf mit abstehendem B\u00e4rtchen wurde im Feuer der Sinai-Schrift, der Moabitischen Stein- und Siegelschrift, des Fr\u00fch-Ph\u00f6nizischen solange geschmiedet, bis er, l\u00e4ngst erkaltet und starr, als unser R im Lateinischen ankam. Nunmehr das \u201eGesicht\u201c nach rechts gewendet und darunter das \u201eB\u00e4rtchen\u201c, es hatte \u00fcberlebt. Und wenn einer \u201eR\u201cainer hei\u00dft, hat der vermutlich mit einem Priester eben sowenig gemein wie ein Komponist mit einem U-Boot-Diesel. Als alle Buchstaben in Rom angekommen waren, musste jeder sein eigener Pal\u00e4ograph sein. Denn die fr\u00fchen lateinischen Schriften sahen so aus: meinstduwirklichichsolldiesenmistlesen<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1353\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/w-1.gif\" alt=\"\" width=\"37\" height=\"38\" \/><br \/>\nWarum ereifere ich mich eigentlich? Musik hat mein Leben begleitet; es gibt St\u00fccke, die, sobald sie erklingen, meine Erinnerungen wecken. T\u00fcren scheinen sich zu \u00f6ffnen, Orte, sogar Landschaften werden \u201esichtbar\u201c, Menschen nehmen durch sie Gestalt an. Trotzdem wird mein Leben durch ein anderes Wunder bestimmt: ich schreibe. Was l\u00e4sst mich seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren, mehr oder weniger fortdauernd, am Schreibtisch ausharren? Ein starker Impuls ging vom Lesen aus: sowas kommt von sowas. Weitaus st\u00e4rker aber war die Kraft \u00e4u\u00dferer Turbulenzen, die in mir den Wunsch weckten, mich zur\u00fcckzuziehen, mich auf mein Inneres zu bescheiden. Die ersten Texte \u00e4hnelten Res\u00fcmees; als m\u00fcsste ich zusammenfassen, was in meinem bisherigen Leben geschehen war, die Wirbel sozusagen bannen. W\u00f6rter und S\u00e4tze waren lediglich Mittel, die ich nach Instinkt verwendete. Aber wie ein Tischler, der irgendwann in seinem Berufsleben damit beginnt, liebevoll \u00fcber ein Brett zu streichen und sich dessen Maserung sch\u00e4rfer betrachtet, schaute ich mir die W\u00f6rter genauer an. Bemerkte, dass es deren so viele gibt, um einen einzelnen Gegenstand oder eine Sache zu bezeichnen. Und dass es an mir lag, die Auswahl so zu treffen, dass mein Anliegen deutlicher wurde. Und dass es mit der Deutlichkeit wei\u00df Gott nicht sein Bewenden hat. Reichtum und Sch\u00f6nheit erschlossen sich mir. Wie Jemandem, der sich auf einer Wiese niederl\u00e4sst, wom\u00f6glich ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas benutzt und zwischen den Gr\u00e4sern eine verborgene Welt entdeckt: K\u00e4fer, Spinnen, Ameisen, Milben sogar. Die in der Vergr\u00f6\u00dferung ahnen lassen, was f\u00fcr ein Mirakel Leben sein kann. Denn W\u00f6rter leben und ver\u00e4ndern sich und sind noch in ihrem Widerspruch  beeindruckend: rasten und rasten \u2013 Stillstand und Raserei. Untiefe: bezeichnet die Tiefe und das Flache gleicherma\u00dfen. Setzt man W\u00f6rter kalkuliert zusammen, auf Wirkung bedacht, geschieht ein weiteres Wunder: Landschaften, Orte und R\u00e4ume \u201eentstehen\u201c, imagin\u00e4r zwar, jedoch irgendwie verf\u00fcgbar. Wie einem Sch\u00f6pfer. Er kann den Kiosk gegen\u00fcber vom Bahnhof \u201el\u00f6schen\u201c und ihn in die Schlossallee setzen. Er kann aufbauen, einrei\u00dfen, Streit entfachen, Kriege anzetteln und lustige Grillabende veranstalten. Keine Macht au\u00dfer der eigenen Sterblichkeit vermag ihn zu stoppen. Selbst der Leser nicht, der pikiert die Stirn runzelt: Eine W\u00fcrstchenbude in der Schlossallee?<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1354\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/s-5.gif\" alt=\"\" width=\"14\" height=\"38\" \/><\/p>\n<p>Rom ging unter, neue Reiche entstanden, versanken ebenfalls, um anderen Platz zu machen \u2013 Schriften und Sprachen blieben. Erst als der Buchdruck aufkam, war es dem Ehrgeiz der Drucker zu verdanken, den Text rasch und leserlich zu gestalten: sie gebrauchten Satzzeichen. Noch sporadisch und ohne \u00dcbereinkunft. Bis Luther die Bibel \u00fcbersetzte und nicht nur  Epigonen aufstachelte \u2013 die Zahl der Leser erh\u00f6hte sich. Und die der Dichter und Schriftsteller. Aber wie dem auch sei: wir landen wieder bei unserem Komponisten. Was ist abstrakter, als mit Abstraktionen, die wiederum aus Abstraktionen entstanden, aus Codes also, irgendwie vergleichbar mit Bin\u00e4rzahlen, Welten zu erschaffen? Eine 1 ist ein Strich mit einem \u201eB\u00e4rtchen\u201c, die 0 \u00e4hnelt der Pupille. Und doch gelang es mit Hilfe dieser beiden Zahlen Bilder zu fabrizieren \u2013 sogar farbige. Auf Fernsehbildschirmen flimmern wahrhaftige B\u00e4ume vorbei, und der Mond taucht hinter Wolken auf, verstr\u00f6mt sein fahles Licht. Millionen Menschen k\u00f6nnen es bekr\u00e4ftigen: Ja, so sieht unsere Welt aus. Hielte man ihnen jedoch ein Schild vor die Nase, auf dem das Wort Mond st\u00fcnde, w\u00e4re die Wirkung weniger spektakul\u00e4r, aber weitaus beeindruckender. Denn in jedem dieser Gehirne w\u00fcrde wahrscheinlich sein Bild  aufflammen. In millionenfachen Varianten: als Scheibe, gro\u00df und gelb wie ein K\u00e4se, als Sichel: links oder rechts offen, oben oder unten, hinter einem Berg abtauchend, kraftlos hinter Wolken schimmernd, bl\u00e4ulich, wei\u00dflich grau \u2026 Nehmen wir mal an, die Musik ist aus dem uns innewohnendem Gef\u00fchl f\u00fcr Rhythmus entstanden, dirigiert von unserem Pulsschlag und dem Bestreben, uns in Harmonien mit anderen zu verbinden. Dann kann man auch sagen, die F\u00e4higkeit Laute auszusto\u00dfen und sie nach und nach verst\u00e4ndlicher zu machen, entsprang einer unermesslichen Angst. \u00dcbersetzt k\u00f6nnten die ersten W\u00f6rter diese gewesen sein: Lauf! Komm! Dort! Schau! Jetzt! \u2013 Wir waren J\u00e4ger und Gejagte.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1355\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/s-51.gif\" alt=\"\" width=\"14\" height=\"38\" \/><\/p>\n<p>Jetzt sind wir Zahn\u00e4rzte, Mechaniker, Computerspezialisten, Stahlarbeiter und dergleichen mehr. Und wir haben den wundersamen \u201eApparat\u201c, den wir Sprache nennen, \u00fcbernommen, ohne uns gro\u00df darum zu scheren, wie er geworden ist. Wir reden, kritzeln schnell was auf einen Zettel, schreiben Tageb\u00fccher, verfassen Bewerbungen, K\u00fcndigungsschreiben, verschicken Briefe, E-Mails und Postkarten. Auf einer solchen k\u00f6nnte stehen: Zum Geburtstag w\u00fcnsche ich dir alles erdenklich Gute. Viel Kraft f\u00fcr deinen weiteren Lebensweg, und vor allen Dingen Gesundheit! Dein dich liebender usw. Denn es erfordert Konzentration, um unsere wahrhaftigen Gedanken auszudr\u00fccken. Auch deshalb gibt es die Floskel: sie signalisiert mitunter unsere Wertsch\u00e4tzung mithilfe von \u201eBausteinen\u201c, die unser Denken nicht strapazieren. Die Dichter unter den Kartenschreibern dr\u00fccken sich so aus: Ja, mein Lieber, und wieder ist ein Jahr vergangen. Ich sehe dich noch vor mir: in kurzen Hosen und eine Eist\u00fcte in der Rechten \u2013 erinnerst du dich? Wir standen in Sa\u00dfnitz vor der Eisbude und du verzogst das Gesicht. Und unser Vater schimpfte: fr\u00fcher h\u00e4tte er nicht mal gewusst, was Speiseeis ist. Und jetzt habe er einen Sohn, der meine, das Eis schmecke nach Wasser \u2026 Wei\u00dft du was, lass dir an deinem Geburtstag ein Eis servieren und denke an unseren toten Vater \u2026<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1356\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/h-4.gif\" alt=\"\" width=\"39\" height=\"38\" \/><\/p>\n<p>Meine Behauptung: Niemand zieht sich einfach so in ein Loch zur\u00fcck und macht sich auf den langen Weg, literarische Texte zu verfassen. Der Grund daf\u00fcr ist, neben der Lesewut, der-hoffentlich- \u00fcberbordenden Beobachtungsgabe, der m\u00f6glichen F\u00e4higkeit zu deuten, meistens eine seelische Ersch\u00fctterung: eine mehr oder weniger gro\u00dfe Katastrophe, ein Zwiespalt im Wesen, Unbehagen mit der Gesellschaft oder mit sich selbst. Grass erlebte den Zusammenbruch und  litt am Heimatverlust. Thomas Mann vermutlich darunter, dass seine sexuelle Ausrichtung mit seiner B\u00fcrgerlichkeit kollidierte. Kafka scheiterte an seinem Vater und an der eigenen Umst\u00e4ndlichkeit, Hans Fallada an fast allem gleichzeitig. Die Sucht, die ihn bef\u00e4higte, in wenigen Wochen einen Roman zu vollenden, trieb ihn auch dazu, sich danach wochenlang zu betrinken. Toll, k\u00f6nnte da einer weinerlich dazwischenrufen, letztens ist mir die Frau durchgebrannt und betrinken kann ich mich allemal \u2013 reicht das f\u00fcr ein Gedicht? Es gibt diesen Spruch: Geschichten erlebt nur der, der sie erz\u00e4hlen kann. Und erz\u00e4hlen kann nur jemand, der nicht gleichzeitig weint. Denn wenn hier einer weint oder lacht, dann unbedingt der Leser. Der Vorgang des Niederschreibens hat in der Regel weniger mit Dramatik zu tun; sieht man von der Schreibweise Balzacs ab, dessen Manuskripte heute noch in Paris zu bewundern sind: voller verwischter Kaffeeflecke. Es ist das Kalk\u00fcl, dass \u00fcber den Fortgang wacht, dass Formgef\u00fchl, dass \u00fcber allem schwebt; und ist das Tempo auch noch so rasant: die Z\u00fcgel haben fest in der Hand zu liegen. Oder die H\u00e4nde bleiben am Lenkrad, wie jeder Dorfpolizist wei\u00df. Schopenhauer verglich das Schreiben mit einer Treibjagd, bei der das Wild zuvor eingefangen und eingepfercht worden ist, um es nachher in Haufen herausstr\u00f6men zu lassen, in einen anderen umz\u00e4unten Raum, wo es dem J\u00e4ger nicht entgehen kann. So dass er jetzt blo\u00df mit dem Zielen und Schie\u00dfen, der Darstellung, zu tun hat.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1357\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/06\/n-2.gif\" alt=\"\" width=\"40\" height=\"38\" \/><\/p>\n<p>Hei\u00dft das Fazit, Schriftsteller sind lebensunt\u00fcchtig? Ein kurzer Seitenblick auf Goethe belehrt uns eines Besseren. Obgleich: was f\u00fcr ein kindlicher Zug, sich als Greis in ein blutjunges Ding zu verlieben. Tolstoi, dieser gestandene Mann? Dennoch wurde er im Alter noch wunderlicher, als seine Ideen. Und als es dem Ende entgegenging, riss er aus. Wie ein Heranwachsender, der seinem Elternhaus entflieht. Aber endlich: Wladimir Nabokov \u2013 ein durchtrainierter, gro\u00dfer Bursche, der einem alten russischen Adelsgeschlecht angeh\u00f6rte. Der in Cambridge russische und franz\u00f6sische Literatur studierte, um dann sp\u00e4ter in den USA als Professor f\u00fcr Slawistik Vorlesungen zu halten. Die Revolution hatte ihn wie eine Springflut erwischt, aus seiner Bedeutung geschwemmt, aus seinem Land gesp\u00fclt. In den Taschen nichts weiter als eine Packung Zigaretten und ein besticktes Taschentuch. Ein Pragmatiker h\u00e4tte in dieser Situation mit seinen Anlagen gepokert. Hochbegabung in Verbindung mit Beziehungen: eine Gelddruckmaschine. Was macht Nabokov? Er kauft sich Zigaretten, schmei\u00dft sich auf sein d\u00fcrftiges Berliner Lager und liest und schreibt, liest und schreibt. Hin und wieder rafft er sich auf, um sich als Tennislehrer oder Dolmetscher ein d\u00fcnnes S\u00fcppchen zu verdienen. Viel sp\u00e4ter gab er den in Scharen herbei str\u00f6menden Studenten den seltsamen Rat: Sie sollen B\u00fccher nicht nur mit dem Verstand begreifen wollen, sondern auch mit dem R\u00fcckenmark lesen. Sich an der Geschichte erfreuen und gleichzeitig verstehen und begreifen, wie sie gemacht wurde. Diese Art zu lesen, so Nabokov sinngem\u00e4\u00df, sei ein Genuss, der alle anderen Gen\u00fcsse \u00fcbertreffe. Er hatte also beides im Sinn: das Rationale und das Sinnliche. Die \u201eRindersch\u00e4del\u201c, \u201ePriesterb\u00e4rte\u201c (deren Artverwandte sich auch im Kyrillischen wiederfinden lassen), aber auch deren \u201eAufleuchten\u201c, wenn es gelingt, nach \u00dcbereinkunft, sie zu trefflichen W\u00f6rtern und S\u00e4tzen zusammenzuf\u00fcgen. Es gibt nur eine M\u00f6glichkeit, die Welt, ihre Zust\u00e4nde und was sie in den Angeln h\u00e4lt zu beschreiben: mit Hilfe dieser winzigen Zeichen (Abstraktionen von Abstraktionen, die wiederum auf Teufel komm raus von etwas abstrahiert wurden), die zusammengesetzt ein Wort ergeben, das, unter Ber\u00fccksichtigung kultureller \u00dcbereinkunft und entsprechender Phoneme, \u201eMond\u201c hei\u00dfen kann. Und kaum ist das Wort ausgesprochen oder steht auf dem Papier, sehen wir \u201eLicht\u201c flie\u00dfen: \u00fcber eine Waldlichtung vielleicht? B\u00e4ume werfen lange, gezackte Schatten, im Unterholz knackt es und gro\u00dfe V\u00f6gel schwingen sich auf, streichen schwerf\u00e4llig \u00fcber die Wipfel. Und f\u00fcr Sekunden sieht es so aus, als w\u00fcrden sie die strahlende Himmelscheibe durchmessen. Deren Krater, T\u00e4ler und \u201eCanyons\u201c ein Gesicht zu bilden scheinen, von dem Kinder mitunter behaupten, es sei das Antlitz des Mannes, der dort oben wohne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rindersch\u00e4del und Priesterb\u00e4rte Ein Traktat \u00fcber das Alphabet und das Verfassen von Texten Im Autoradio plauderte ein Komponist \u00fcber seine Arbeit. Die Musik, sagte er, sei die abstrakteste aller K\u00fcnste. Eigentlich h\u00e4tte ich das hinnehmen m\u00fcssen. Stattdessen machte ich: \u201eMhm\u201c. In mir regte sich der \u201eBesserwisser\u201c- eine Folge davon, dass ich mir durchs B\u00fccherschreiben viel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":622,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1345","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1345"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1345\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}