{"id":1377,"date":"2011-06-27T22:42:59","date_gmt":"2011-06-28T02:42:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=1377"},"modified":"2011-06-27T22:43:15","modified_gmt":"2011-06-28T02:43:15","slug":"gabriele-haefs-glossen32","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-322011\/gabriele-haefs-glossen32\/","title":{"rendered":"Gabriele Haefs"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dem Hamsun eine Gasse? <\/strong><\/p>\n<p>Kein norwegischer Dichter hat es je zu solchem Weltrum gebracht wie Knut Hamsun (*1859 \u2013 \u20201952) \u2013 abgesehen vielleicht von Henrik Ibsen, den Hamsun \u00fcbrigens zutiefst verachtete und \u00fcber den er in seinen Romanen immer wieder mit bissigem Spott herzog. Das \u201ekleine Wesen\u201c (wie Hamsun ihn nannte), auch wenn er laut Augenzeugenberichten ein absolut mieser Charakter war, erscheint seinen Landsleuten heute mehr denn je als heiligm\u00e4\u00dfige Lichtgestalt. Ibsens Widersacher Hamsun dagegen hat in seinen sp\u00e4ten Jahren die Nazis unterst\u00fctzt und gilt deshalb in der guten Gesellschaft bis heute eher nicht als salonf\u00e4hig. Und doch hat er eine treue Fangemeinde. Man solle die Vergangenheit ruhen lassen und nach dem gr\u00f6\u00dften Romancier, den das Land jemals hervorgebracht hat, endlich in der Hauptstadt Oslo eine Stra\u00dfe benennen, sagen die einen, und sie verweisen darauf, dass nicht einmal der b\u00f6swilligste Hamsunver\u00e4chter in dessen Werk irgendwelche Hinweise auf die Nazisympathien finden kann. Man solle also Werk und Autor trennen und die Stra\u00dfe sozusagen dem Werk widmen. Und sei es, indem man sie nach einer Figur aus einem Hamsunbuch nennt und nicht nach dem Mann selbst. Nichts da, widerspricht die andere Seite, er hat die Nazis unterst\u00fctzt und schreckliche Dinge gesagt und getan. Nie und nimmer darf so einer eine Stra\u00dfe kriegen. (Dass in anderen norwegischen Orten, die irgendeinen Bezug zu Hamsun haben, wie Narvik, Mo i Rana oder Stokmarknes, durchaus Hamsun-Stra\u00dfen existieren, wird dabei nicht weiter erw\u00e4hnt; von Oslo aus gesehen ist alles andere \u00f6de Provinz und eben nicht der Rede wert).<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nUnmittelbar vor Beginn des Jahres 2009, in dem Hamsuns 150. Geburtstag zu feiern war, wurde abermals energisch diskutiert, vielmehr es wurde nicht diskutiert, denn eigentlich sagen alle dasselbe wie eh und je. Und der Kompromissvorschlag, einen Platz in der N\u00e4he des Osloer Hauptbahnhofs nach Hamsun zu benennen, hat die Bef\u00fcrworter nur verdrossen. Dabei spr\u00e4che einiges f\u00fcr diese L\u00f6sung: Just dort spielen gro\u00dfe Passagen von Hamsuns erstem gro\u00dfen Romanerfolg <em>Hunger<\/em> mit seinem so oft zitierten Anfang: \u201eEs war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verl\u00e4sst, ehe er von ihr gezeichnet worden ist &#8230;\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAls Oslo noch Kristiania hie\u00df, verortete der junge Hamsun sich politisch auf der extremen Linken und bezeichnete sich als Anarchisten. Heute ist die Gegend um den Hauptbahnhof sozialer Brennpunkt und immer wieder in der Diskussion. Geht also nicht, findet die Hamsunfraktion, entweder er kriegt eine richtig noble Stra\u00dfe oder man l\u00e4sst es. Dabei h\u00e4tte der Hamsun der <em>Hunger<\/em>-Periode mit seinem Hang zu Randgruppen und Rauschmitteln aller Art bestimmt nichts gegen eine solche Benennung gehabt &#8212; Die Sache mit der Anarchie ist \u00fcbrigens noch nicht erforscht. Wieso Hamsun sich dazu bekannte, hat er selbst nie begr\u00fcndet. Immerhin trug er, damals Stra\u00dfenbahnfahrer in Chicago, als einer der wenigen seiner Kollegen trotz der Drohungen der Bosse nach Hinrichtung der Haymarket-M\u00e4rtyrer 1886 ein schwarzes Band am Revers.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie Sache ist also erst einmal unentschieden und blieb das auch w\u00e4hrend des Hamsunjahres. Wobei \u201eHamsunjahr\u201c als Bezeichnung leicht \u00fcbertrieben klingt. Wurden zum Ibsenjahr 2006 (anl\u00e4sslich des 100. Todestag des \u201ekleinen Wesens\u201c) nicht weniger als 80 Prozent von Norwegens gesamtem Kulturbudget investiert, um dem Namen Ibsen in aller Welt zu huldigen, so flie\u00dfen die Mittel f\u00fcr Hamsun eher sp\u00e4rlich \u2013- zu sehr hat der Mann sich selbst ins politische Abseits man\u00f6vriert.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAn dieser Stelle scheint es nun angebracht, nachzusehen, was Hamsun eigentlich getan, gesagt und geschrieben hat, denn dar\u00fcber wird interessanterweise l\u00e4ngst nicht mehr gesprochen. Die Anti-Hamsunstra\u00dfenfraktion erkl\u00e4rt nach wie vor, der Mann sei ein schrecklicher Nazi gewesen, nach so einem d\u00fcrfe man keine Stra\u00dfe benennen, w\u00e4hrend die Pro-Fraktion sagt, im Gegenteil, eigentlich war er gar keiner und wenn doch, so hat ihn seine Frau dazu verleitet. Die Behauptung, Frau Hamsun sei an allem schuld gewesen, ist allerdings nicht mehr zu halten, seit der Historiker Ingar Sletten Kolloen seine Hamsunbiografie vorgelegt hat, f\u00fcr die er erstmals Einblick in Familienpapiere und bisher gesperrte Gerichtsprotokolle nehmen durfte. Marie Hamsun schw\u00e4rmte zwar f\u00fcr Hitler und das Dritte Reich, reiste immer wieder auf Vortragstournee dorthin und lie\u00df sich von Goebbels und G\u00f6ring gleicherma\u00dfen hofieren, aber dass Hamsun sich von ihr (oder von irgendeinem anderen Menschen) zu irgendeiner Ansicht h\u00e4tte verf\u00fchren lassen, muss einwandfrei ins Reich der Sage verwiesen werden. Ansonsten hat die Diskussion sich verselbst\u00e4ndigt. Der Autor Sverre Henmo, dem es nach eigener Aussage egal ist, ob es in Oslo irgendwann eine Hamsunstra\u00dfe geben wird oder nicht, sagte bei einer Diskussion auf der Osloer Buchmesse im November 2008, dass offenbar niemandem an Informationen zum Thema gelegen sei. Alle h\u00e4tten ihre feste Meinung, die sie nicht durch Recherchen ins Wanken bringen wollten. Und immerhin, so denken viele, die sonst nichts weiter \u00fcber die Angelegenheit wissen, wurde Knut Hamsun nicht wegen Landesverrats verurteilt und verlor sein ganzes Verm\u00f6gen. Das kann doch nicht ohne Grund geschehen sein.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNur ist die Sache mit dem Landesverrat und dem Prozess auch so ein Thema, das lieber unter den Tisch gekehrt wird. Denn eigentlich h\u00e4tte die Sache ganz einfach sein k\u00f6nnten: Die Norwegische Exilregierung in London erlie\u00df Ende 1944 etliche Gesetze, nach denen nach der Befreiung Norwegens von der deutschen Besatzung Kollaborateure bestraft werden sollten. R\u00fcckwirkend f\u00fcr die ganze Besatzungszeit. Dass es keine M\u00f6glichkeit gab, diese Gesetze in Norwegen bekannt zu machen, spielte dabei keine Rolle. Wichtigstes Kriterium f\u00fcr die Bestrafung als Landesverr\u00e4ter war die Mitgliedschaft in der norwegischen Nazipartei. Mit diesem Gesetz h\u00e4tte die Sache ein Ende haben k\u00f6nnen, denn Knut Hamsun war nachweislich niemals Mitglied der norwegischen Nazipartei. Nur war er eben der prominenteste Norweger \u00fcberhaupt, eventuell neben Vidkun Quisling, dem norwegischen Nazif\u00fchrer, der gleich 1945 hingerichtet wurde, als das Bed\u00fcrfnis nach Rache noch ganz besonders hei\u00df loderte. Doch die wieder eingesetzte norwegische Regierung schien sich nicht ganz wohl dabei zu f\u00fchlen, einen in aller Welt bekannten, fast tauben Greis (Hamsun war 1945 immerhin bereits 86) vor Gericht zu stellen, weshalb er erst einmal in die Psychiatrie eingewiesen wurde, wo Hamsun deutlich das Gef\u00fchl hatte, er sollte hier auf h\u00f6chsten Regierungsbefehl f\u00fcr senil und unzurechnungsf\u00e4hig erkl\u00e4rt werden. Ob er mit diesem Gef\u00fchl richtig lag, ist bisher nicht zu beweisen, die entsprechenden Unterlagen sind n\u00e4mlich noch immer gesperrt. Dass die Psychiater sich alle M\u00fche gaben, ist jedoch un\u00fcbersehbar. Was immer Hamsun sagte, wurde gegen ihn verwandt. Auf die Frage, was einen Zwerg und ein Kind unterscheide, antwortete er: \u201eDas Alter\u201c, was als Zeichen f\u00fcr mangelnde Urteilskraft verbucht wurde. Warum ein Mann seine Frau nicht hintergehen solle, fragte der Psychiater. Weil sie dann auf die Idee kommen k\u00f6nnte, nun ihrerseits Seitenspr\u00fcnge zu machen, sagte Hamsun, und schon war er als moralisch verkommen eingestuft. Am Ende befanden die Psychiater auf \u201edauerhaft geschw\u00e4chte seelische F\u00e4higkeiten\u201c (was genau das sein mochte, wurde nie aufgekl\u00e4rt), weshalb er nicht zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt werden konnte. Vor Gericht gestellt wurde er aber trotzdem, denn nur so konnte sein Verm\u00f6gen konfisziert werden, und Hamsun verbrachte seine letzten Jahre in bitterer Armut. Obwohl seine Anw\u00e4ltin, Sigrid Stray, Antifaschistin mit tadellosem Leumund aus dem norwegischen Widerstandskampf gegen die deutschen Besatzer, beweisen konnte, da\u00df ihr Mandant kein Parteimitglied gewesen war und folglich auch nicht gegen das Gesetz von 1944 versto\u00dfen haben konnte.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDabei war er ein in aller Welt viel gelesener Autor, dessen Werke immer wieder neu aufgelegt wurden, nur Norwegen bildete von 1945 bis 1950 die gro\u00dfe Ausnahme. \u201eWir waren hamsuns\u00fcchtig, so wie man rauschgifts\u00fcchtig sein kann\u201c, das schrieb r\u00fcckblickend 1956 die deutsche Literaturhistorikerin Friederike Manner. Der Erfolg allerdings hatte sich f\u00fcr Hamsun erst relativ sp\u00e4t eingestellt. Seine ersten, auf eigene Kosten gedruckten Ver\u00f6ffentlichungen, Alm- und Fjorddramen, entstanden unter dem Einfluss der \u201eBauernerz\u00e4hlungen\u201c des von ihm so verehrten Bj\u00f8rnstjerne Bj\u00f8rnson, fanden so gut wie keine Abnehmer. Seinen k\u00fcnstlerischen Durchbruch errang er 1890 mit dem Roman <em>Hunger<\/em>. Zuvor hatte er seinen Stil radikal ver\u00e4ndert. <em>Hunger<\/em> weist keine Spuren mehr auf von Alm- und Fjordidylle. Der Roman spielt in der Gro\u00dfstadt unter verkrachten K\u00fcnstlern, die Kritiker sahen darin den \u201eneuen Menschen\u201c, Opfer seiner dekadenten Nerven und des Tempos der modernen Zeit, riefen den Autor zum Genie aus und stellten ihn auf eine Stufe mit Dostojewski. Ein h\u00f6heres Lob war damals kaum denkbar.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDas Publikum blieb \u00fcberaus gelassen, verkaufsm\u00e4\u00dfig war <em>Hunger<\/em> ein Fiasko. Das galt auch f\u00fcr die anderen Romane dieser Periode, von denen neben <em>Hunger<\/em> der bekannteste <em>Mysterien<\/em> ist (in diesem Roman g\u00f6nnt Hamsun sich \u00fcbrigens das Vergn\u00fcgen, auf vielen Seiten Ibsen auf wunderbar formulierte Weise mit Hohn und Spott zu \u00fcbersch\u00fctten). Der gro\u00dfe Erfolg setzte erst ein, als er, des boh\u00e8mienhaften Lebens in den gro\u00dfen St\u00e4dten m\u00fcde, wie er behauptete, seine Romane abermals auf dem Land ansiedelte und seiner nordnorwegischen Heimat, vor allem seinem Heimatbezirk Nordland, ein literarisches Denkmal setzte. In Nordland spielen Romane wie <em>Pan<\/em>, <em>Benoni<\/em>, <em>Rosa<\/em> und <em>Segen der Erde<\/em>, der Roman, der ihm den Nobelpreis einbrachte.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nVor allem der alte Hamsun suchte sich f\u00fcr seine Romane bisweilen andere Schaupl\u00e4tze. (<em>Die Stadt Segelfoss<\/em>, <em>Die Weiber am Brunnen<\/em> und die <em>Landstreicher<\/em>-Trilogie spielen an der norwegischen S\u00fcdk\u00fcste, <em>Das letzte Kapitel<\/em> im Gebirge in der N\u00e4he der ostnorwegischen Stadt Lillehammer). Aber das in den B\u00fcchern gezeichnete Bild der Welt \u00e4ndert sich nicht mehr: Die Welt ist schlecht und ungerecht, die Reichen und M\u00e4chtigen nutzen ihre Macht und ihren Reichtum gewissenlos aus, und wenn die Armen \u00fcberleben wollen, m\u00fcssen sie zu allen Mitteln greifen, die sie \u00fcberhaupt nur finden k\u00f6nnen. Die Wahl dieser Mittel wird mit Sympathie beschrieben, zugleich kann das Armeleutekind Hamsun sich zeitlebens bei der Schilderung der Reichen und M\u00e4chtigen nicht von Bewunderung und leisem Neid befreien, weshalb die Reichen und M\u00e4chtigen eben nicht als negative Karikaturen erscheinen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nBleibt die Frage, ob man Hamsun als Nazi bezeichnen kann oder nicht. Ein Sympathisant war er jedenfalls. Als Kind hatte er immer wieder schreckliche Geschichten \u00fcber die Hungersn\u00f6te geh\u00f6rt, die w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege durch die von Gro\u00dfbritannien verh\u00e4ngte Seeblockade in Norwegen w\u00fcteten. Sp\u00e4ter konnte er beobachten, wie britische Industriemagnaten in Norwegen Fabriken gr\u00fcndeten und Land und Leute r\u00fccksichtslos ausbeuteten. Der Kontakt mit irischen Auswanderern in den USA konnte seine Sympathien f\u00fcr das britische Empire dann auch nicht vergr\u00f6\u00dfern. In den USA gelangte er zudem zu der \u00dcberzeugung, dass dieses Land sich zu einer imperialistischen, kapitalistischen und militaristischen H\u00f6lle entwickeln w\u00fcrde, wenn ihm nicht jemand ordentlich auf die Finger haute. Deutschland dagegen war f\u00fcr Norwegen schon immer das Tor zur Welt. Norwegische K\u00fcnstler gelangten \u00fcber Deutschland zu internationalem, Ruhm. Deutschland als Land der Dichter und Denker erschien Hamsun (der in seinem Leben keine 300 Tage die Schule besucht hatte) als positiver Gegenentwurf zu allem, was er an den USA verachtete, und fortan hie\u00df er einfach alles gut, was in Deutschland geschah. Ein Land, das gegen Gro\u00dfbritannien und die USA Kriege f\u00fchrt, muss man einfach unterst\u00fctzen, so \u2013 vereinfacht formuliert \u2013 war Hamsuns simple \u00dcberzeugung. Er hat schreckliche Dinge geschrieben, am schrecklichsten seine Polemiken gegen den im KZ gefolterten Ossietzky. 1934 wurde er gebeten, eine Solidarit\u00e4tsadresse f\u00fcr Carl von Ossietzky zu unterschreiben. Hamsun weigerte sich, verwies darauf, dass Konzentrationslager schlie\u00dflich eine britische Erfindung seien und \u201ewenn die (deutsche) Regierung sich veranlasst gesehen hat, Konzentrationslager einzurichten, dann sollten Sie und alle Welt begreifen, dass das seine guten Gr\u00fcnde hat.\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAllerdings mu\u00df darauf hingewiesen werden, da\u00df die ma\u00dfgeblichen norwegischen Zeitungen eher Hamsuns Ansicht teilten, wie sie \u00fcberhaupt bis Kriegsbeginn erschreckend deutschland- bzw. hitlerfreundliche Standpunkte vertraten. Hamsun erkl\u00e4rte schon fr\u00fch seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Quisling; 1936 ver\u00f6ffentlichte er in der Zeitung <em>Fritt Folk<\/em> (\u201eFreies Volk\u201c), dem Zentralorgan der norwegischen Nazipartei, einen Wahlaufruf, in dem es \u00fcber Quisling hie\u00df: \u201eWenn ich zehn Stimmen h\u00e4tte, dann w\u00fcrde er sie alle bekommen. Sein fester Charakter und sein unbeugsamer Wille tun uns gut in diesen Zeiten.\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nEr rief nach der Besetzung seine Landsleute auf, den deutschen Besatzern keinen Widerstand zu leisten, die Deutschen seien ja doch unbesiegbar und Widerstand werde nur zu schrecklichen Strafaktionen f\u00fchren. Er fand es lobenswert, dass seine S\u00f6hne sich freiwillig an die Ostfront meldeten, und er scheint keinerlei Versuch unternommen zu haben, seine Frau Marie von ihren Propagandareisen ins Reich abzuhalten (wobei man allerdings zugeben muss, dass die Ehe inzwischen zu einem solchen Fiasko geworden war, dass er erleichtert aufatmete, wann immer Marie das Haus verlie\u00df). Und er hat Hitler, der Hamsuns Werke sehr sch\u00e4tzte, pers\u00f6nlich besucht! Der Besuch endete allerdings katastrophal. Hamsun wollte die Gelegenheit nutzen, um sich \u00fcber das Vorgehen der Besatzungsbeh\u00f6rden in Norwegen zu beschweren und die Abl\u00f6sung des allgemein verhassten Reichskommissars Terboven zu verlangen. Was Hitler so ver\u00e4rgerte, dass er den Besuch vorzeitig abbrach.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nHamsun hat sich zudem immer wieder f\u00fcr norwegische Widerst\u00e4ndler eingesetzt, denen Verhaftung oder sogar Hinrichtung drohten. Er hat dem deutschen Verlagsmann Max Tau die lebensrettende Einreiseerlaubnis nach Norwegen besorgt. Auch f\u00fcr seine Anw\u00e4ltin, die wegen ihrer Aktivit\u00e4ten im norwegischen Widerstand inhaftiert worden war, setzte er sich ein und konnte ihre Freilassung erwirken, weshalb es f\u00fcr die Anw\u00e4ltin Sigrid Stray gleich nach ihrer R\u00fcckkehr aus dem schwedischen Exil im Sommer 1945 ganz selbstverst\u00e4ndlich war, ihren alten Mandanten aufzusuchen und seine Verteidigung zu \u00fcbernehmen. Hamsuns Engagement gegen Terboven und f\u00fcr dessen Opfer wurde beim Prozess auch erw\u00e4hnt. Doch das half ihm auch nicht weiter. Sein Verm\u00f6gen, wie gesagt, wurde eingezogen und in den Wiederaufbau Norwegens investiert.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSeine Schandtaten wiegen noch heute so schwer, dass in Norwegens Hauptstadt, die er beschrieben hat wie kein zweiter, keine Stra\u00dfe nach ihm benannt werden darf. Ob man dazu nun eine Meinung hat oder nicht, eins steht fest und l\u00e4sst sich aus seinen Schriften problemlos belegen: Knut Hamsun, der sich nicht einmal von seinem Nobelpreis \u00fcberm\u00e4\u00dfig beeindrucken lie\u00df, sondern gereizt reagierte, als Frau Marie ihn mit der freudigen Nachricht beim Fr\u00fchst\u00fcck st\u00f6rte, h\u00e4tte \u00fcber diese ganze Debatte vermutlich mit den Schultern gezuckt, um dann in einem wunderbaren Roman die Leute, die sich \u00fcber Dichternamen f\u00fcr Stra\u00dfen gegenseitig zumindest verbal die K\u00f6pfe einschlagen, so l\u00e4cherlich zu machen, wie er das so gern mit Dichtern von der Art des &#8220;kleinen Wesens&#8221; Ibsen machte.<\/p>\n<hr>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung aus Anne Helene Bubenzer, Gabriele Haefs:<em>Lesereise Oslo: Auf der Suche nach Ibsens Bad<\/em>,  Wien: Picus Verlag GmbH, 2010.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Hamsun eine Gasse? 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