{"id":1624,"date":"2011-09-22T14:43:41","date_gmt":"2011-09-22T18:43:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=1624"},"modified":"2011-11-29T12:28:46","modified_gmt":"2011-11-29T16:28:46","slug":"gabriele-haefs-glossen-33","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-332011\/gabriele-haefs-glossen-33\/","title":{"rendered":"Gabriele Haefs"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hirsedieb, oder: von Ludwig Bechstein lernen, hei\u00dft \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Philip staunte, als er die Insel sah \u2013 und in den folgenden Stunden wollte das Staunen auch nicht vergehen &#8211; sooo hatte er sich Amrum nicht vorgestellt. Wie er sich Amrum denn sonst vorgestellt habe, fragten die Mitreisenden erstaunt. So genau wusste Philip das allerdings auch nicht, kleiner vielleicht, moderner, sagte Philip unsicher, voller Angst vor der Frage, was denn \u201emodern\u201c sei, auf Inseln bezogen. \u201eDie Cognacauswahl ist einfach nicht gut genug\u201c, sagte Nora, und Philip nickte dankbar. Er hatte immerhin schon zweimal in seinem Leben Cognac getrunken und mindestens dreimal so oft dar\u00fcber gelesen, aber hier, jetzt, auf ihrer ersten gemeinsamen Reise hatten er und Nora alles nachholen wollen, was sie bisher vers\u00e4umt hatten. Einige Monate zuvor hatte Philip seinen ersten Gedichtband ver\u00f6ffentlicht, und das, was jungen aufstrebenden Dichtern angeblich nie passiert, war ihm widerfahren. Das Buch wurde fast fl\u00e4chendeckend besprochen und gelobt, Philip wurde zur \u201elyrischen Stimme des Prekariats\u201c ausgerufen, zu dem Dichter, auf den sie alle l\u00e4ngst gewartet hatten, und wenn sein Lyrikband auch kein Bestseller wurde, so war doch schon genug Geld zusammengekommen, um auf eine kleine Reise zu gehen. Nur \u2013 wohin?<br \/>\n  Die Nachbarn gaben den Ausschlag, sie fuhren seit Jahren nach Amrum, und so eine Insel kann auf einen jungen Dichter doch nur inspirierend wirken?<br \/>\n  Aber nun das! Sandd\u00fcnen, ein unglaublich breiter Strand, wo Noras hochhackige Stiefel steckenblieben \u2013 und dieser endlose Weg zum Wasser! Und die d\u00fcsteren Friesenh\u00e4user! Und dann kaum Auswahl an Cognac! Und die Nachbarn, die gar nicht begreifen wollten, warum Philip das alles so schrecklich fand. Und \u2013 zuerst vage, dann immer st\u00e4rker werdend \u2013 der Verdacht, da\u00df Nora bereit sein k\u00f6nnte, sich mit dem breiten Strand und der j\u00e4mmerlichen Cognacauswahl abzufinden? Auf ihrer ersten gemeinsamen Reise.<br \/>\nEs war \u2026 schrecklich war es.<br \/>\n   Aber f\u00fcr Philip hatte es immer schon ein Lebenselixier gegeben \u2013 noch in der bittersten Entt\u00e4uschung half eins: Schokolade. Ob es im Dorfladen wohl wenigstens davon eine gute Auswahl gab? Er wollte nicht daran denken, er hatte noch von unterwegs eine gro\u00dfe Tafel mit Haseln\u00fcssen und Nougat, dem Dorfladen w\u00fcrde er sich am n\u00e4chsten Tag stellen. Erst mal ein hei\u00dfes Bad und einige gro\u00dfe Bissen Schokolade.<br \/>\n   Und dabei Nora die ersten Fragmente zum geplanten Gedichtzyklus vortragen.<br \/>\n  Aus diesen tr\u00f6stlichen \u00dcberlegungen aber ri\u00df ihn die Stimme von Fred, dem Nachbarn: \u201eHier gibt\u2019s die besten Schollen!\u201c Entsetzt schaute Philip auf, und wirklich, sie standen vor einem Restaurant und studierten die Speisekarte. Schollen, Schollen, Schollen, Philip wollte gar nicht weiterlesen und sagte, danke, nein, wir essen lieber zu Hause. \u2013 Aber wir haben doch gar nichts eingekauft, wandte Nora ein. Ach, das findet sich schon, sagte Philip, der nur an Bad und Schokolade denken wollte. Und daran, da\u00df das g\u00fctige Schicksal ihnen nur zwei kleine Ferienwohnungen hatte besorgen k\u00f6nnen, er w\u00fcrde Badewanne und Schokolade also nicht mit Fred und Horsti teilen m\u00fcssen.<br \/>\n  Ich w\u00fcrde aber gern Scholle essen, sagte Nora zaghaft.<br \/>\n Dann i\u00df eben Scholle, sagte Philip g\u00f6nnerhaft, ich gehe nach Hause und arbeite ein wenig.<br \/>\n  Bist du sicher, fragte Nora, oh ja, ganz sicher, sagte Philip, und dann sah er zu seinem Entsetzen, wie Nora mit Fred und Horsti im Lokal verschwand \u2013 da\u00df sie seine Reden aber auch immer so w\u00f6rtlich nehmen mu\u00dfte \u2026<br \/>\n   Seine Laune wurde immer schlechter, als er sich durch den verschneiten Struunswai schleppte, doch zwei Dinge hielten ihn aufrecht: Bad und Schokolade. Und so fiel er restlos ersch\u00f6pft in die Wohnung und w\u00e4re am liebsten gleich im Eingang liegengeblieben. Mit letzter Kraft kroch er ins Badezimmer und lie\u00df Wasser in die Wanne laufen \u2026 und das Pl\u00e4tschern belebte ihn, wie schon so oft, er kam auf die Beine, lief ins Wohnzimmer und ri\u00df die Schublade auf, in der er seine Schokolade verstaut hatte \u2013 und fuhr zur\u00fcck.<br \/>\nDie Schublade war leer!<br \/>\nLeer!<br \/>\nKonnte er sich irren und gar keine Schokolade gehabt haben? Unm\u00f6glich.<br \/>\nKonnte Nora sie gegessen haben? Unm\u00f6glich, diese gewichtsbewu\u00dfte Person w\u00e4re dann doch nicht mit den Nachbarn Scholle essen gegangen.<br \/>\nKonnten die Nachbarn die Schokolade gegessen haben? Unm\u00f6glich, die waren doch nur zwei Minuten in der Wohnung gewesen und hatten nur in der Diele gestanden.<br \/>\nUnd da konnten es doch nur Diebe gewesen sein.<br \/>\nAm liebsten w\u00e4re Philip schreiend davon gelaufen, zur F\u00e4hre, um diese schreckliche Insel f\u00fcr immer zu verlassen. Aber da war nun inzwischen das warme Wasser in die Wanne gelaufen und lockte, lockte, lockte \u2026<br \/>\nLudwig Bechstein erz\u00e4hlt das M\u00e4rchen vom Hirsedieb. Ein Mann hatte drei S\u00f6hne und ein Hirsefeld, und jeden Morgen war ein gro\u00dfes St\u00fcck Hirse abgefressen. Ein Sohn nach dem anderen mu\u00dfte nachts Wache halten, um den Hirsedieb zu fangen. Der erste legte sich mit einem scharfen S\u00e4bel auf die Lauer, schlief aber ein. Der zweite nahm einen Kn\u00fcppel, schlief aber ein. Der dritte nahm Disteln und Dornen, die ihn stachen, wenn er einzuschlafen drohte \u2026<br \/>\nPhilip holte sich das Brotmesser aus der K\u00fcche und stieg in die Wanne, denn es k\u00f6nnte dohc sein, da\u00df der Schokoladendieb noch einmal zur\u00fcckk\u00e4me. Und da sa\u00df er dann und das warme Wasser war von wundersamer Wirkung, wie immer, und Philip streckte sich aus, f\u00fchlte, wie alle Muskeln sich entspannten, und alles, was ihm jetzt zu seinem Gl\u00fcck fehlte, waren ein St\u00fcck Schokolade und Nora! Nora.<br \/>\nNora, sagte er laut und ver\u00e4rgert, wie kannst du mit diesen Typen essen gehen. Ich hab doch nur gesagt, da\u00df du mitgehen kannst, weil die mich sonst f\u00fcr einen eifers\u00fcchtigen Idioten gehalten haben, aber du musstest doch wissen, da\u00df ich das gar nicht wollte!<br \/>\nDas sagte er dann dreimal in immer neuer Formulierung und am Ende kam es ihm vor wie ein Gedicht. Zumindest wie der Anfang. Und so stand er aus der Wanne auf, stapfte triefend ins Wohnzimmer, holte sich Papier und Bleistift und schrieb:<br \/>\nNora! I\u00dft Fisch mit Fremden, zu meinem Befremden, wir sind nun Fremde,<br \/>\nauf fremdem Eiland.<br \/>\nZufrieden war er damit noch nicht, aber als Anfang gar nicht schlecht. Vor allem f\u00fcr einen Dichter, der nackt, triefna\u00df und ohne Schokolade m\u00f6glicherweise Schokoladendieben ausgesetzt ist. Auf fremdem Eiland.<br \/>\nPhilip kehrte in die Wanne zur\u00fcck, lie\u00df hei\u00dfes Wasser nachlaufen, nahm das Brotmesser wieder in die Hand und schlief ein.<br \/>\nDer dritte Sohn dagegen schlief also nicht ein, und er ertappte den Hirsedieb \u2013 es war ein niedliches Pferdchen, und das trug ihn auf einen Glasberg, wo eine verwunschene Prinzessin hauste, die eben nur der erl\u00f6sen konnte, der auf dem ebenfalls verwunschenen Pferdchen den Berg hochgeritten kam.<br \/>\nAls Philip erwachte, war das Wasser kalt, das Brotmesser war untergegangen, unter seinen Schuh gerutscht, und es war fast ein Wunder, da\u00df er sich nicht ernstlich verletzt hatte.<br \/>\nDie Wohnung war leer, Noras Reisetasche war verschwunden, der Zettel mit dem Gedichtfragment lag nicht mehr auf dem Tisch.<br \/>\nEin Schokoladendieb also, der nicht nur Schokolade stiehlt, sondern auch Gedichte und M\u00e4rchenprinzessinnen?<br \/>\nDer dritte Sohn bei Bechstein ritt, von seinen Dornen zerstochen, auf dem Pferdchen auf dem Glasberg und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.<br \/>\nPhilip blieb nur ein Brotmesser, das dann sehr schnell Rost ansetzte und schlie\u00dflich zerfiel.<br \/>\nDer Dieb konnte nie entlarvt werden und ist mit seiner Diebesbeute bestimmt gl\u00fccklich geworden.<br \/>\nWoraus wir eins ersehen: Von Ludwig Bechstein lernen, hei\u00dft, gar nichts lernen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hirsedieb, oder: von Ludwig Bechstein lernen, hei\u00dft \u2026 Philip staunte, als er die Insel sah \u2013 und in den folgenden Stunden wollte das Staunen auch nicht vergehen &#8211; sooo hatte er sich Amrum nicht vorgestellt. 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