{"id":1796,"date":"2011-11-22T17:33:54","date_gmt":"2011-11-22T21:33:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=1796"},"modified":"2011-11-29T12:29:39","modified_gmt":"2011-11-29T16:29:39","slug":"michael-augustin-glossen-33","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-332011\/michael-augustin-glossen-33\/","title":{"rendered":"Michael Augustin"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Flensburg<\/strong><\/p>\n<p>Flensburg ist ja eine alte Frontstadt. Oder besser gesagt: eine, die immer wieder von den Fronten \u00fcberrollt worden ist, mal von Norden her, mal vom S\u00fcden, die mal d\u00e4nisch, mal deutsch sein musste und daher bis auf den heutigen Tag anregend international geblieben ist. Man sieht es und h\u00f6rt es der Stadt an, und deshalb bin ich \u2013 nach vielen Jahren \u2013 gern mal wieder hier als Gast (um so lieber) des Festivals folkBALTICA, zu dem Musikanten aus diversen Ostseel\u00e4ndern und \u2013regionen angereist sind. Und als mir aus dem Fahrstuhl des nicht unbedingt luxuri\u00f6s zu nennenden K\u00fcnstlerhotels, in dem auch ich untergebracht bin mit T\u00e4nzern, S\u00e4ngern, Fiedlern, Kind, Kegel und Entourage, die ehemalige Staatspr\u00e4sidentin der Republik Lettland, Frau Vike-Freiberga, entgegentritt, erscheint mir selbst das irgendwie normal hier an der Flensburger F\u00f6rde, die ja, zumindest auf D\u00e4nisch, ein echter Fjord ist. Ein Buchantiquariat ist mir w\u00e4rmstens empfohlen worden, das ich auch prompt aufsuche zwischen den Konzerten, um darin f\u00fcr fast zwei Stunden zu versinken, nachdem ich mir selber das Versprechen abgenommen habe, heute mal kein Geld darauf zu verwenden, den ungez\u00e4hlten zu Hause wartenden Druckwerken ein weiteres hinzu zu schleppen, auch nicht das kleine B\u00fcchlein von Alfred Kerr, das der 1923 ver\u00f6ffentlicht hat: seinen miniaturesken Bericht einer Reise in die Metropolen New York und London, die er unternommen hatte als einer der ersten deutschen Autoren nach dem verheerenden Weltkrieg eins. In London hat er seinen alten Freund, den irischen Schriftsteller George Bernard Shaw besucht und mit ihm \u00fcber das kriegsverwundete und -zertr\u00fcmmerte Europa gesprochen und \u00fcber die bessere Zukunft, o je. Ich schnuppere, bl\u00e4ttere, lese mich fest, aber ich werde das B\u00fcchlein nicht kaufen, obwohl es nat\u00fcrlich sehr bewegend ist zu lesen, was Alfred Kerr in jener fernen Nachkriegszeit \u00fcber London schreibt. Ausgerechnet \u00fcber London, die Stadt also, die ihm und seiner Familie nur zehn Jahre sp\u00e4ter als Exilort dienen wird, was er aber noch nicht wissen kann, als er dieses Buch schreibt. Im Gegensatz zu mir, der ich nun in diesem Buch lese \u2013 in einem gewissen historischen Abstand, der in diesem Fall sogar ein wenig schlauer macht. Alfred Kerrs Tochter habe ich erst k\u00fcrzlich kennen gelernt, in Edinburgh, wohin man uns beide als Gastleser zum dortigen Festival eingeladen hatte. Eine ungemein freundliche \u00e4ltere Dame, die von einer nicht enden wollenden Schlange kleiner Kinder belagert wurde, denen sie, nie ohne erst ein wenig mit jedem und jeder geplaudert zu haben, eine Widmung in das ihr zum Signieren hingehaltene Buch setzte. In Deutschland ist sie ber\u00fchmt geworden durch ihr Kinderbuch <em>Als Hitler mein rosa Kaninchen stahl<\/em>. Sie, Judith Kerr, war damals noch gar nicht geboren, als ihr Vater seinen Reisebericht ver\u00f6ffentlichte, 1923, den ich jetzt also tats\u00e4chlich wieder ins \u00fcberladene Regal schiebe, weil ich immer noch fest entschlossen bin, heute kein Buch zu kaufen, sondern ausschlie\u00dflich zu bl\u00e4ttern, zu schm\u00f6kern und zu schnuppern. Auch im hohen Regal ganz hinten, wo der fusselb\u00e4rtige Antiquar und seine st\u00e4ndig (raucher)hustende Frau spinnengleich hocken. In diesem Regal freilich stinkt es nach Jauche. In und aus dieser offensichtlich f\u00fcr besonders liebe Kunden vorgehaltenen Spezialabteilung. Hier sind sie frech versammelt, die schmieralischen Lebensspuren des Reichsfischf\u00fctterministers Hermann G\u00f6ring, der auf Ostseet\u00f6rns bei der leisesten D\u00fcnung immer das Kotzen kriegte und sich \u00fcber die Reling lehnen musste. B\u00fccher aus dem Dunstkreis der Rosenberg, Grimm, Goebbels, Hess und anderer Spie\u00dfgesellen des Adolf von Braunau und seines Nachfolgers, des Herrn D\u00f6nitz, der Anno 45 ein paar elende Tage lang, als offizieller F\u00fchrernachfolger Flensburg zur virtuellen Reichshauptstadt machte. Aber hier im Allerheiligsten des Altbuchh\u00e4ndlers stehen in Reih und Glied mit den alten K\u00e4mpfern auch nagelneue B\u00fccher f\u00fcr die br\u00e4unlich besprenkelte Leserkundschaft: frisch gedruckte L\u00fcgenstatistiken und andere Wahrheiten \u00fcber Deutschland, die unser geknebeltes und entm\u00fcndigtes, f\u00fchrerlos dahin treibendes Volk nicht wissen darf, solange die Verr\u00e4ter desselben an der Macht bleiben und so weiter und so fort. Ich mache auf dem Absatz kehrt und marschiere hin\u00fcber zu der Stelle, wo ich Alfred Kerrs B\u00fcchlein zur\u00fcck ins Regal gestellt habe, schnappe es mir, wende mich an den Antiquar und \u2013 nun ja &#8211; kaufe das Buch. Dass Sie bei diesem Dreck hier \u00fcberhaupt atmen k\u00f6nnen, wundert mich sehr, sage ich, als ich bezahlt habe und deute auf das Nazi-Regal, ich w\u00fcrde dran ersticken! Doch der Antiquar grinst nur, w\u00e4hrend seine Frau sich hinter einem kakophonischen Hustenanfall versteckt und ich mit Alfred Kerr in der Jackentasche den Laden verlasse, hinaus in die frische salzene Luft, die von der F\u00f6rde her\u00fcberweht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Flensburg Flensburg ist ja eine alte Frontstadt. Oder besser gesagt: eine, die immer wieder von den Fronten \u00fcberrollt worden ist, mal von Norden her, mal vom S\u00fcden, die mal d\u00e4nisch, mal deutsch sein musste und daher bis auf den heutigen Tag anregend international geblieben ist. Man sieht es und h\u00f6rt es der Stadt an, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":1511,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1796","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1796"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1796\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1511"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}