{"id":2030,"date":"2011-12-12T16:06:39","date_gmt":"2011-12-12T20:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2030"},"modified":"2011-12-30T16:59:41","modified_gmt":"2011-12-30T20:59:41","slug":"wolfgang-muller-2-glossen-33","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-332011\/wolfgang-muller-2-glossen-33\/","title":{"rendered":"Wolfgang M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p><strong>Thea Dorn und Richard Wagner, <em>Die deutsche Seele.<\/em> M\u00fcnchen: Knaus Verlag, 2011. 560 Seiten<\/strong><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/12\/Die-deutsche-Seele1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2092\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2011\/12\/Die-deutsche-Seele1.jpeg\" alt=\"\" width=\"144\" height=\"203\" \/><\/a><\/p>\n<hr align=\"center\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<blockquote><p>Nach der totalit\u00e4ren Barbarei des Nationalsozialismus ist die Frage nach einer tieferen deutschen Identit\u00e4t in Geschichte und Kultur jahrzehntelang entweder verdr\u00e4ngt oder in der Dimension verk\u00fcrzt worden. (Richard Wagner in Thea Dorn und Richard Wagner in einem Interview mit dem <em>Tagesspiegel<\/em> am 9. 11. 2011)<\/p>\n<p>Gesellschaften brauchen als Halt eine untergr\u00fcndige Verbundenheit, die wir einfach mal Seele nennen. (Thea Dorn: Thea Dorn und Richard Wagner in einem Interview mit dem <em>Tagesspiegel<\/em> am 9. 11. 2011)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist einem merkw\u00fcrdigen Seelenhaushalt geschuldet, da\u00df man oft wenig beachtet, geschweige denn achtet, was man wie selbstverst\u00e4ndlich besitzt, da\u00df einem aber teuer wird, wor\u00fcber man nicht verf\u00fcgen kann oder was im Verschwinden begriffen ist. Und so steht es wohl mit den Deutschen, die sich gerade wieder einmal, auf das besinnen, was ihre Identit\u00e4t ausmachen k\u00f6nnte, da sie sich anschicken, nun endg\u00fcltig zu Europ\u00e4ern und Weltb\u00fcrgern zu werden, ein Proze\u00df, der, von den 5-10% Supernationalisten in den braun eingef\u00e4rbten Gruppierungen und kleinen Parteien einmal abgesehen, nicht nur Hoffnung sondern auch ein wenig Melancholie wenn nicht gar eine Portion &#8220;deutscher Angst&#8221; hervorruft. Es ist daher nur verst\u00e4ndlich, da\u00df das Interesse an der Gesamtgeschichte deutscher Kultur \u00fcber die 12 Jahre nazistischer Barbarei hinaus, die berechtigterweise in der Literatur nach dem 2. Weltkrieg einen vorderen Platz eingenommen haben und seit Mitte der sechziger Jahre im Geschichtsunterricht an Schulen dominierten, stark zunimmt. Wer waren, wer sind wir, wohin bewegen wir Deutschen uns, das sind Fragen, die nicht mehr nur Intellektuelle bewegt. \u00a0Kein Wunder dann, da\u00df in den vergangenen 10 &#8211; 15 Jahren die Zahl der Ausstellungen, wie etwa die gro\u00dfe Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Jahre 1997 &#8220;bilder und zeugnisse der deutschen geschichte&#8221; oder die zahlreichen Preu\u00dfenausstellungen sowie Publikationen, deren Spektrum von Tageszeitungen bis zu B\u00fcchern reicht, und verschiedenen Fernseh- und Radioendungen zur Integration in den letzten gestiegen ist \u00a0und Menschen aller Schichten anspricht. \u00a0Trotzdem l\u00e4\u00dft sich gerade bei der j\u00fcngeren Generation noch immer ein gro\u00dfer Mangel an Kenntnissen \u00fcber die eigene Geschichte feststellen, vor allem ein Mangel an offenen und versteckten Zusammenh\u00e4ngen von Fakten, die man, wenn man wollte, in &#8220;on- und off-line&#8221;Lexika nachlesen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In ihrem Buch <em>Die deutsche Seele<\/em> geht es Thea Dorn und Richard Wagner in 64 sehr verschiedenen Einzelbeitr\u00e4gen zu von ihnen alphabetisch geordneten Stichw\u00f6rtern gerade um diese Zusammenh\u00e4nge, z. B. die zwischen Abendbrot, Abgrund, Angst, deutscher Musik, Mutterkreuz, Weibern, Wurst und Zerrissenheit, die sie kenntnisreich und teils ironisch gebrochen zum &#8220;Klingen&#8221; bringen. Dabei sehen sie diese Zusammenh\u00e4nge, die sie auch als &#8220;Seele&#8221; begreifen, als ein spezifisch deutsches Lebensgef\u00fchl, das in vielen Jahrhunderten durch \u00e4u\u00dfere Gegebenheiten und Leistungen ihrer K\u00f6nige, Politiker, Gener\u00e4le, &#8220;Dichter und Denker&#8221;, Handwerker, Arbeiter und Bauern zu dem geworden ist, was es heute ist. Fast wie nebenbei \u00a0entstand mit ihrem Buch so eine gut zu lesende Kulturgeschichte deutschen Denkens und F\u00fchlens.<\/p>\n<p>Sehr sympathisch ist, da\u00df die Autoren das Adjektiv &#8220;deutsch&#8221; in <em>Die deutsche Seele<\/em> nicht etwa eingeengt politisch und eingez\u00e4unt in die jeweiligen deutschen Grenzen sehen. Es\u00a0geht in <em>Die deutsche Seele<\/em> nicht um ein geographisch begrenztes oder staatspolitisch eingegrenztes Gebiet etwa die \u00e4u\u00dferen Grenzen des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation, des Deutschen Bundes oder des vereinten Deutschlands in den Grenzen von 1914, sondern es geht um den Anteil an gemeinsamen Erfahrungen, die bis in andere Teile der Welt hineinreichten, wie auch diese in Hinterpommern, Mecklenburg, Bayern, K\u00e4rnten, Pommern usw, ihren Niederschlag fanden. Und es geht in ihem Buch um die relativ neuen Erfahrungen nach dem zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Man merkt es den Texten an, \u00a0es ist viel Nachdenken, Diskussion und Arbeit in sie eingegangen. \u00a0Die Autoren sch\u00fcrfen und graben tief, um der &#8220;deutschen Seele&#8221; auf den Grund zu gehen. Kein Wunder, da\u00df einige der l\u00e4ngsten Beitr\u00e4ge den Stichw\u00f6rtern Bergwerk, Bergfilm, Abgrund und Musik, der reinsten Kunstform, gewidmet sind.<\/p>\n<p>Bei diesem gelungenen ambitionierten Unterfangen entsteht so etwas wie ein anregender, unterhaltsamer, intelligenter, ja sogar heiter-ironischer feuilletonistischer Spaziergang durch das Erbe der Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte deutschsprachiger Lande, ein Spaziergang auf den die Autoren wohl vor allem jene mitzunehmen hoffen, die oft nur noch den Satz &#8220;Das ist mal wieder typisch deutsch&#8221; in seiner negativen Konnotation im Ohr haben. \u00a0Doch ist es weit gefehlt anzunehmen, das es sich bei &#8220;Die deutsche Seele&#8221; um ein deutscht\u00fcmelndes Buch handelt. In die Texte Dorns und Wagners ist viel Liebe eingegangen, aber auch einige Ironie und Skepsis, so da\u00df als Fazit bleibt, was Thea Dorn als das Bekenntnis einer Deutschen im letzten Stichwort des Buches, &#8220;Zerrissenheit&#8221;, schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Gem\u00fctlich ist meine Heimat, trotzdem kan ich es nicht lassen: es zieht mich hinaus in die Ferne. Die Kompa\u00dfnadel kreist. Osten, Westen, Norden, S\u00fcden, ich bin nach allen Seiten offen. [&#8230;] In meinen Pa\u00df ist mit unsichtbarem Stempel gedruckt: Weltb\u00fcrger. Wohnhaft in Hinterzarten. [&#8230;] La\u00dft mir meine Zerrissenheit. Sie ist das Beste, was ich habe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist eine Zerrissenheit, in der man sehr wohl seine Heimat zu finden vermag.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>Wolfgang M\u00fcller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thea Dorn und Richard Wagner, Die deutsche Seele. 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