{"id":2171,"date":"2012-04-23T09:18:27","date_gmt":"2012-04-23T13:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2171"},"modified":"2012-04-25T10:29:07","modified_gmt":"2012-04-25T14:29:07","slug":"brigitte-struzyk-glossen-34","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-342012\/brigitte-struzyk-glossen-34\/","title":{"rendered":"Brigitte Struzyk"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorspiel<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>10. November 1989<\/em><\/p>\n<p>In der Herrgottsfr\u00fche\u00a0 von\u00a0 Berlin spielt\u00a0 dort an der Nahtstelle, wo etwas aufh\u00f6rt und doch nichts Rechtes beginnt, die Geigerin\u00a0 <em>\u201eIch tr\u00e4umte von bunten Blumen&#8230;<\/em>\u201c, Schuberts Winterreise. Keine Macht reicht\u00a0 mehr, kein Reich macht mehr etwas aus,\u00a0 vor allem hier \u00a0auf der Ostseite, da, wo sie sind. Dicht neben\u00a0 der Geigerin\u00a0 f\u00e4llt sich begeistert\u00a0 das Paar\u00a0 um den Hals vor den noch eingemauerten\u00a0 S\u00e4ulen des Brandenburger Tors.\u00a0 Bis\u00a0 in die Stiefelabs\u00e4tze, die scheinbar schwerelos in der Luft schweben, freut sich die herumgewirbelte Frau.<\/p>\n<p>Die drei Menschen werden fotografiert und gefilmt<em>. \u201eEs schrieen die Raben vom Dach\u201c<\/em>, auf der Reise in den Winter.<\/p>\n<p>Das Bild geht um die Welt.<\/p>\n<p>Zehn\u00a0 Jahre sp\u00e4ter k\u00fcrt das\u00a0 deutsche Nachrichtenmagazin dieses\u00a0 Foto zum\u00a0 Sinnbild f\u00fcr den <em>Fall der Mauer <\/em>vom\u00a0 9. November 1989, das \u00f6sterreichische Nachrichtenmagazin druckt das Foto nach, das italienische und das amerikanische folgen. Die Geigerin mit den langen roten Haaren und das Paar, eine kleine Frau mit klarem, gl\u00fcckseligen\u00a0 Gesicht und ein gro\u00dfer Mann, dessen R\u00fcckseite\u00a0 nur zu sehen ist, sind auf dem Foto scharf hervorgehoben, die Menge im Weichzeichnerverfahren aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p><em>\u201eWer sind diese drei Personen?\u201c<\/em> fragten die Redakteure und fanden heraus:<\/p>\n<p>die Geigerin :\u00a0 Ulla Wasser, am 9. November 1989 vierzig Jahre alt, Mutter der sechzehnj\u00e4hrigen Karotta, Krankenschwester in Ausbildung, und des neunj\u00e4hrigen\u00a0 Billy, der ungern zur Schule geht. Die Virtuosin\u00a0 ist\u00a0 1983 aus der Staatscapelle Berlin entlassen worden,\u00a0 beide V\u00e4ter ihrer Kinder sind im Westen, der eine in Wien, der andere in New York.<\/p>\n<p>Das Paar: Marion und J\u00fcrgen Schmitz \u2013 Marion Schmitz, geborene Wollschl\u00e4ger, Staatsrechtlerin, am 9. November 1989 achtunddrei\u00dfig\u00a0 Jahre alt, Mutter der\u00a0 achtzehnj\u00e4hrigen Katja, die wie die Tochter der Geigerin\u00a0 zur Krankenschwester ausgebildet wird. Marion Schmitz ist wegen feindlich-geheimdienstlicher T\u00e4tigkeit 1988 von den DDR-Beh\u00f6rden abgeschoben worden.\u00a0 Sie betritt zum ersten Mal nach der Ausb\u00fcrgerung\u00a0 wieder Ostberlin. Der Mann: ihr Mann J\u00fcrgen Schmitz, Kulturwissenschaftler, 40 Jahre, hatte die kleine B\u00fcrgerrechtsgruppe <em>Freiheit und Menschenrecht<\/em> gegr\u00fcndet und ist \u00a0mit der Tochter in Ostberlin geblieben.<\/p>\n<p>Was sie zehn Jahre sp\u00e4ter tun, blieb unerw\u00e4hnt. Wir wollen es wissen.<\/p>\n<p><em>14. November, von Mitte aus auf dem Um-Weg nach Hohensch\u00f6nhausen<\/em><\/p>\n<p>Sonnenbrille auf der Nase, die H\u00e4nde in den Hosentaschen, Kaugummi kauend, gelegentlich die Lippen spitzend,\u00a0 schn\u00fcrt Peter Heinrich, Billys Vater, augenscheinlich ein Mann um die F\u00fcnfzig, dessen hohe Backenknochen und gro\u00dfe Nase auffallen, im Slalomgang \u00fcber den Parkplatz am Rande des Reichstagsgel\u00e4ndes, seinen Mietwagen suchend. Unter dem Arm tr\u00e4gt er das Nachrichtenmagazin mit dem fatalen Titelfoto. Eine der Praktikantinnen, eine gestandene Dolmetscherin, der es an Auftr\u00e4gen mangelt, hat ihm die Zeitschrift gegeben, <em>\u201eHaben Sie das fotografiert<\/em>?\u201c gefragt und ihn aus der Fassung gebracht. Schlie\u00dflich habe er nicht jedes Foto zu verantworten, hat er sie angefahren, so unbeherrscht, wie ihn hier noch keiner gesehen hat\u00a0 Das Ulla-Foto! Es wird ihm zugeschrieben.<\/p>\n<p>Eine Ausstellung aufzubauen im Reichstagsgeb\u00e4ude k\u00f6nnte f\u00fcr manchen seiner Kollegen ein Traum sein \u2013- den Reichstag\u00a0 zu \u00a0verpacken, ja, aber dort eine Ausstellung zu h\u00e4ngen, wo die Abgeordneten essen und sich mal kurz auf einen Kaffee mit einem Kollegen oder einer Dame von der Presse treffen, die Bilder so zu platzieren, dass der Kaffeel\u00f6ffel f\u00fcr einen Augenblick stockt und das Gespr\u00e4ch unterbrochen wird, um das zu erreichen, muss der K\u00fcnstler selbst Hand anlegen, meint Peter Heinrich unwidersprochen, dessen alte Fotos aus DDR-Zeiten nun so gut h\u00e4ngen in der Cafeteria, dass s\u00e4mtliche Medien dar\u00fcber begeistert berichtet haben. Am 9. November war die Ausstellungser\u00f6ffnung, heute schon hat er nachgesehen, ob alle Bilder noch ihre Wirkung zeigen. Seit einer Woche ist er in Berlin, hat aber verbreiten lassen, erst zur Ausstellungser\u00f6ffnung aus New York her\u00fcbergekommen zu\u00a0sein -\u2013 er brauchte Konzentration, die er nur\u00a0 hervorzubringen imstande ist, wenn keine andere Energie an ihm zerrt. Die Hoffnung der Menschen lebt von der d\u00fcrftigsten Nahrung \u2013- er hat gehofft, nicht behindert zu werden und hat es geschafft. Dabei hat er aber so viel abgenommen, dass ihm nun seine Hose rutscht und er einen G\u00fcrtel kaufen muss. Nur in kein Kaufhaus! In kein Menschenget\u00fcmmel. Das \u201eBad in der Menge\u201c zur Ausstellungser\u00f6ffnung \u00a0hat ausgereicht, seine Bef\u00fcrchtungen zu \u00fcbertreffen. Elvira Wasser hat ihn sich regelrecht geschnappt, in die Zange genommen und auf ihre suggestive Art eine Zusage zur Hohensch\u00f6nhauser Sonntagsgesellschaft abgepresst. Danach hatte er sich wie ausgesaugt gef\u00fchlt und war mit sich selbst uneins. Unversehens\u00a0 kann ihm noch jemand \u00fcber den Weg laufen, den abzusch\u00fctteln ihm nicht gelingen wird. So wird er in seinen Mietwagen steigen und in eine der Berlin nahen Kleinst\u00e4dte fahren. Eigentlich liebt er diese Nester, wo Klosterruinen und Stadttore bezeugen, \u00e4lter als Berlin zu sein.<\/p>\n<p>Etwas oberhalb seines Navigationssystems gibt ihm ein, nach Zehdenick fahren zu sollen. Holzweg der Erinnerung? Ihm gef\u00e4llt diese Br\u00fccke da, so hochgestellt \u00fcber den Flusskanal oder Fleet oder was von der Havel da abzweigt.<\/p>\n<p>Von einigen der anrainenden H\u00e4user am Ufer des Kanals bl\u00e4ttert der Putz, und Peter fotografiert, sich der R\u00fchrung erwehrend, die ihn anfliegt, wird ein Eselsohr sichtbar, das Eselsohr, das ihm\u00a0als Lesezeichen dient, in der Landschaft und im Leben.<\/p>\n<p>Er schaut in die Fenster, eine Frau schlie\u00dft\u00a0ihres nachdr\u00fccklich und laut. Nicht dass hier auch noch die Fremden hereinschauen!\u00a0 Bald ist ihm klar, dass es kein kleines Gesch\u00e4ft mehr gibt, wo man einen G\u00fcrtel kaufen kann, offenbar gehen sie nicht, sondern fahren sie auch hier schon einkaufen. Vor einem der Versandhausshops, der\u00a0eine Art Wohnzimmer zu sein scheint, stehen drei Frauen, gute alte Brandenburgerinnen, die erst einmal richtig lachen, als Peter fragt, wo er hier einen G\u00fcrtel kaufen k\u00f6nne..<\/p>\n<p>&#8211;Jungchen, von welchem Mond bist de denn runter jemacht? Am Sonntag? Sein verst\u00f6rter Gesichtsausdruck macht die Frauen milde.<\/p>\n<p>&#8211;Na, nichts f\u00fcr ungut, juter Mann. Sie kommen wohl von weither?<\/p>\n<p>&#8211;Aus New York.<\/p>\n<p>&#8211;Da sind na klar am Sonntag die Gesch\u00e4fte offen. Dit wissen wir ausm Kintopp\u2026 Die reizvoll pummlige Frau streicht ihre ondulierten Haare auf Divenart hinter die Ohren.<\/p>\n<p>&#8211;Na, vielleicht k\u00f6nnen wir doch helfen. Und die magere gro\u00dfe der drei Frauen gibt ihm den Tipp: Parallel zum Kanal, in der langen Stra\u00dfe, war einmal ein Sattler, der jetzt ein Polsterer ist, aber so ganz genau wei\u00df man allerdings\u00a0 auch nicht, ob der noch da ist.<\/p>\n<p>Die Klingel ist total verstaubt und leistet Widerstand. Nichts bewegt sich hinter dem erblindeten Fenster, als sie endlich schrillt. Wieder und wieder dr\u00fcckt Peter auf den Knopf, zwischendurch auf den Ausl\u00f6ser seiner Kamera. Das Schild in S\u00fctterlin-Schrift <em>\u201eSattlerei Weiss\u201c<\/em> muss er ablichten, ein Fundst\u00fcck. Nun, eben kein G\u00fcrtel, sondern ein gutes Foto. Wie ein Maschinengewehr rattert unversehens das Hoftor, von einer kleinen alten Frau bewegt.<\/p>\n<p>&#8211;Sie w\u00fcnschen? fragt sie so beschwingt wie in alter Schrift geschrieben.<\/p>\n<p>&#8211;Ach, da ist ja jemand, h\u00f6rt sich\u00a0 Peter sagen.<\/p>\n<p>&#8211;Einen G\u00fcrtel, ich m\u00f6chte bei Ihnen einen G\u00fcrtel kaufen. Die kleine Frau in ihrem Blaumann schlie\u00dft das Tor hinter sich.<\/p>\n<p>&#8211;Der Laden ist nat\u00fcrlich zu, heute am Sonntag. Komme, komme, junger Mann. Sie huscht an Peter vorbei, den schmalen, grauen B\u00fcrgersteig entlang. In der Kurvenkehle, wo nur noch der\u00a0Bordstein sich von der Stra\u00dfe abgrenzt, kichert sie.<\/p>\n<p>&#8211;Das ist vielleicht eng hier. Immer an der Wand lang, nich?\u00a0 Sie betreten einen winzigen Raum mit hoch ragenden Regalen und einem rechtwinkligen Tresen, der die Sph\u00e4ren voneinander trennt.<\/p>\n<p>Die kleine Frau, so klein wie Peters Mutter in der Sterbezeit, hopst mit dem Hintern auf den Ladentisch, schwingt die Beine hin\u00fcber und steht, ganz offiziell und voller W\u00fcrde, auf der Verkaufsseite vor dem Kunden.<\/p>\n<p>&#8211;Einen Herreng\u00fcrtel?<\/p>\n<p>Peter w\u00fcrde sie am liebsten bitten, das Ganze noch einmal zu wiederholen, nicht f\u00fcr die Kamera, sondern f\u00fcr ihn, damit er es glauben kann, was er da eben gesehen haben will. Obwohl er ihr noch die Antwort schuldig geblieben ist, l\u00e4chelt sie ihn an und zieht die Unterlippe durchschmierenden die Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>&#8211;Das mache ich zweimal am Tag! Schon angelt sie einen Eisenreifen vom Haken, an dem die G\u00fcrtelschnallen aufgef\u00e4delt sind, wirft mit einem Schwung, dem Elle und Speiche ihres Unterarms Nachdruck verleihen, den ganzen Fang auf die Theke, der sich auff\u00e4chert zu -zig Riemen.<\/p>\n<p>Jeder ist einzeln zu sehen.<\/p>\n<p>&#8211;Gelernt ist gelernt, nimmt sie Peters anerkennendes Staunen ein und streicht \u00fcber die schmale raue Seite eines G\u00fcrtels wie eine Mutter ihr Kind streichelt, das brav seine Butterstulle gegessen hat.<\/p>\n<p>&#8211;Das ist wohl mein G\u00fcrtel! Darf\u00a0 ich? Peter zieht ihn durch die Schlaufen seines Hosenbundes und schlie\u00dft die Schnalle.<\/p>\n<p>&#8211;Ja, das scheint er zu sein, stimmt Frau Weiss zu. Nehmse den, der isses.<\/p>\n<p>Wie er sich umsp\u00fclt f\u00fchlt von den schmeichelnden\u00a0Anfl\u00fcgen von wer wei\u00df wann und wo. Was er auf jeden Fall vermeiden wollte und weshalb er bis zu dem Augenblick, da er die Autobahnzufahrt zum Berliner Ring nimmt, entschlossen war, nicht nach Hohensch\u00f6nhausen zu fahren, die Einladung Elvira Wassers, seiner ehemaligen Beinahe-Schwiegermutter,\u00a0auszuschlagen \u2013- die kleine Frau Weiss hat ihn umgestimmt. Das Zeitliche wird sie alle segnen. Da wird es wohl gut sein, noch einmal\u00a0aufzutauchen, schon Billys wegen, der ihm nicht gleichg\u00fcltig ist. Ja, das hat er mal gedacht, als er noch vern\u00fcnftig war\u2026.<em>Menschlichkeit bedeutet, Abstand halten zu k\u00f6nnen<\/em>\u2026 sein Leitspruch. Stammte der nicht auch von Ulla?<\/p>\n<p>Er sieht sie im gr\u00fcnen Kleid unter der roten Haarflut in der Klosterruine Geige spielen, h\u00f6rt die Musik, die er mit Ulla verbindet: <em>\u201eIch tr\u00e4umte von bunten Blumen\u201c. <\/em><\/p>\n<p>Als k\u00f6nne er das alles ganz einfach vergessen, schaltet er das Autoradio an und h\u00f6rt seinem Permasender, wo immer geredet wird, nicht zu. Hier in Zehdenick hat er Ulla zum ersten Mal gesehen. Die\u00a0Br\u00f6tchen schmierenden Frauen lie\u00dfen in der Klosterk\u00fcche die Messer sinken, als Ulla zu spielen begann. Er stellt sie sich vor, und alle haben das Gesicht der alten Handwerkerin, die ihm den G\u00fcrtel verkauft hat f\u00fcr den alten Ost-Mark-Preis.\u00a0 Mit der rechten Hand tastet er die G\u00fcrtelschnalle ab. Das Preisschildchen h\u00e4ngt noch am handgebundenen F\u00e4dchen. Zauber von sachlicher Zeugenschaft\u00a0geht von ihm aus, dem Schildchen, das er auf jeden Fall heimf\u00fchren wird, am G\u00fcrtel, den ihm dann hoffentlich seine Frau \u00f6ffnet und sich dabei auch \u00fcber diese kleine \u00dcberraschung freut. So etwas\u00a0kann sie.<\/p>\n<p>Man muss das Bild hin- und herdrehen, denn es braucht eine bestimmte Lichtbrechung, damit man auf der blinden Platte den erkennt, dessen Merkmale das Metall einst in sich aufgenommen hat.<\/p>\n<p>Er erinnert sich an viele Lehrs\u00e4tze seines Gewerbes, der Fotografie, genauer als an die Menschen, mit denen er lebte.<\/p>\n<p>Er kann sich wirklich nur an das erinnern, was durch \u00e4u\u00dferste Unaufmerksamkeit registriert wurde, deshalb achtlos irgendwo im Speicher liegen bleibt und eines Tages, ungerufen, wieder erscheint\u2026 Er ist Fotograf.<\/p>\n<p>Nach langen Jahren der Abwesenheit in der weiten Welt, einer Abwesenheit, die all seine Kr\u00e4fte aufgefressen und sie als Erfolg verdaut hat, geht er die Oderbruchstra\u00dfe entlang in Richtung Hohensch\u00f6nhausen. Das Auto hat er neben der Kippe abgestellt, und als er den Sicherungsblick im Umkreis schweifen l\u00e4sst, bemerkt er den nackten Appellplatz. Ihm f\u00e4llt die Fehlstelle nur auf, weil ein neuer Parkplatz hinzugekommen ist, den er ebenso gut h\u00e4tte nutzen k\u00f6nnen. Dann stellt er die innere\u00a0 Linse nach. Erinnerung ist\u00a0Neusehen der Vergangenheit, das aus einem gegenw\u00e4rtigen Interesse stammt. Aber das passende Bild verweigert sich. Weder Ullas, noch Karottas, geschweige denn\u00a0 Billys Gesicht kann er sehen. Davon ist er ersch\u00fcttert. Ja, rothaarig, mit Sommersprossen&#8230; Karotta zum Beispiel sieht <em>\u201ewie geschnitten\u201c<\/em> aus, so sagte es ihre polnische Urgro\u00dfmutter in Szopenice damals, bei ihrem einzigen gemeinsamen Besuch in Polen. Sie meinte die groteske \u00c4hnlichkeit mit ihrer Schwiegertochter Elvira. Er hat fotografiert und fotografiert. Mit der Erinnerung an diese Reise tauchen wie aus dem Entwicklerbad die Umrisse des \u201eHiddensee \u2013 Fotos\u201c auf. Darauf sieht er sehr scharf die Verteilung der Sommersprossen auf den Gesichtern von Mutter und Tochter. Bei Karotta sind die unz\u00e4hligen Sommersprossen so verteilt, dass die dunklen Tupfen das Festland und die hellen Hautfensterchen das Meer darstellen. Sie hat Hiddensee auf der rechten Wange. Bei Ulla ist es umgekehrt. Auf dem Foto sieht es so aus: Die Kinderwange lehnt an der Mutterstirn -\u2013 jemand, der nicht zu sehen ist, h\u00e4lt das Kind hoch \u2013- das Seitenverkehrte vom gleichen Inselumriss schlie\u00dft sich so an, dass die Kinderwange unter der Mutterstirn eine aufgeklappte Draufsicht auf das Eiland bietet.<\/p>\n<p>Karotta\u00a0war eigen. Rothaarig waren alle, aber das zerbrechlich wirkende Ranke, das, kam es zur Geltung, die Elastizit\u00e4t einer Weidengerte entfaltete, war weder aus Ullas noch aus\u00a0Vater Wolfs und auch nicht aus dem wasserpolnischen Holz geschnitzt..<br \/>\n\u201e<em>Wie geschnitten!\u201c<\/em> Wenn Leute angesichts Karottas ausriefen: <em>\u201cDer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten!\u201c,<\/em> verzog Ulla das Gesicht, als sei ihr jemand auf die Zehen getreten. Was hatte sie nur, liebte sie ihre Tochter nicht, schmeichelte ihr als Mutter der Vergleich mit einem so strahlenden Wesen etwa nicht? &#8212; Umgekehrt: Ulla wollte in keiner Beziehung ihrer Mutter gleichen, die Peter als Ursache f\u00fcr all die Verst\u00f6rtheiten ausmachte, mit denen das Paar nicht leben konnte.<\/p>\n<p>Es war\u00a0 Elvira Wassers strenges Familien-Regime, ihre Forderung nach Leistung und Hingabe. Darum machte Ulla die \u00c4hnlichkeit mit ihrer Mutter w\u00fctend bis zur Selbstverleugnung.<\/p>\n<p>Und Billy?<\/p>\n<p>Neben Peter, kurz vor der Kreuzung Oderbruch-\/ Indira-Ghandi-Stra\u00dfe, h\u00e4lt ein blauer Peugeot. Der Mann hinter dem Steuer kurbelt die Fensterscheibe herunter, legt den Ellenbogen in die T\u00fcrwange und gr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>&#8211;Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, sind Sie Billys fl\u00fcchtiger Vater! Na, nicht so gemeint, soll nur, na ja. Viel Zeit. Ich bin Werner Freund, alter Kollege und Freund von Elvira und Adolf.<\/p>\n<p>&#8211;Ja, richtig, Peter Heinrich, Billys Vater.<\/p>\n<p>&#8211;Wollen Sie nicht einsteigen? Sie sind doch nach Hohensch\u00f6nhausen eingeladen!<\/p>\n<p>Werner Freund, kurz vor der Rente, Schieberm\u00fctze auf dem Kopf, macht Anstalten, die Beifahrert\u00fcr zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>&#8211;Nein, danke, Herr Freund. Ich bin im Begriff, noch ein paar Schritte zu gehen, habe extra deshalb meinen Wagen an der Kippe abgestellt.<\/p>\n<p>Herr Freund kurbelt das Fenster wieder hoch, tippt mit der Hand an die M\u00fctze und startet. \u00dcber die Startger\u00e4usche ruft er.<\/p>\n<p>&#8211;Das Kampfgruppendenkmal ist weg!<\/p>\n<p>Obwohl Peter l\u00e4ngst abgeschaltet hat, erreicht die Nachricht sein Ohr. Stimmt, denkt er. Das habe ich nicht gesehen. Nur, dass sich etwas ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Schlagartig entsteht Ullas Gesicht, sein\u00a0w\u00fctender Ausdruck im letzten Streit. <em>\u201eDu bist auch so ein Kriegstreiber! Du gehst gegen deine polnischen Br\u00fcder in den Krieg!\u201c<\/em> Ihre letzten S\u00e4tze hatten sich in ihm festgefressen.<\/p>\n<p>Damals der Tag im Mai war sch\u00f6n. Das Kloster, alte Mauern, Efeu, eine Insel auf dem kargen Festland, und dar\u00fcber spannen sich die roten Haare. Ulla auf der Dammhorstbr\u00fccke \u00fcber die Havel. Sogar der Name f\u00e4llt ihm hier ein. Da gingen sie schon zusammen, hinter Karotta her, die den Braten roch und ningelte.<\/p>\n<p>In der Spreequell\u2013Fabrik nebenan scheppern die Flaschen in der Abf\u00fcllanlage. Gegen\u00fcber auf dem J\u00fcdischen Friedhof legt Peter einen Stein auf das Grab von Lesser Ury. Er liebt ihn wie ein idealer Sohn seinen verg\u00f6tterten Vater: Lesser Ury, Maler vor dem Herrn und Meister des Lichts.<\/p>\n<p>Langsam wird er ruhig. Es bewegt ihn, hier zu sein.<\/p>\n<p>Im Vor\u00fcbergehen wird sein Auge wach.<\/p>\n<p>Jugendliche Fu\u00dfballfans lauern am Tor.<\/p>\n<p>&#8211;Darf ich euch fotografieren?<\/p>\n<p>Sie kommen mit Drohgeb\u00e4rden auf ihn zu, lockern sich in seiner N\u00e4he und lassen sich fotografieren.<\/p>\n<p>&#8211;Wer gegen wen?<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Auszug aus dem Roman <em>Drachen \u00fcber der Leninallee<\/em>, dessen vorangestelltes \u201eVorspiel\u201c die F\u00e4hrte legt. Der Roman ist im M\u00e4rz 2012 bei Fixpoetry erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorspiel &nbsp; 10. November 1989 In der Herrgottsfr\u00fche\u00a0 von\u00a0 Berlin spielt\u00a0 dort an der Nahtstelle, wo etwas aufh\u00f6rt und doch nichts Rechtes beginnt, die Geigerin\u00a0 \u201eIch tr\u00e4umte von bunten Blumen&#8230;\u201c, Schuberts Winterreise. Keine Macht reicht\u00a0 mehr, kein Reich macht mehr etwas aus,\u00a0 vor allem hier \u00a0auf der Ostseite, da, wo sie sind. 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