{"id":2323,"date":"2012-04-23T13:01:40","date_gmt":"2012-04-23T17:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2323"},"modified":"2012-04-23T13:02:14","modified_gmt":"2012-04-23T17:02:14","slug":"utz-rachowski-glossen-34","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-342012\/utz-rachowski-glossen-34\/","title":{"rendered":"Utz Rachowski"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die zw\u00f6lf St\u00fchle des Siegfried Heinrichs<\/strong><\/p>\n<p>Am Ostersonntag 2012 verstarb in Berlin im Alter von 70 Jahren der Schriftsteller und bedeutende Verleger Siegfried Heinrichs. 1985 hatte der aus der DDR stammende und nach drei Jahren politischer Haft ausgeb\u00fcrgerte Autor den renommierten OBERBAUMVERLAG \u00fcbernommen und bis zu seinem Tod weitergef\u00fchrt. In diesem Verlag erschienen unter Heinrichs Leitung bis zum Fall der Mauer vor allem die in ihrem Heimatland zensurverst\u00fcmmelten russischen Autoren wie Anna Achmatowa, Maria Zwetajewa, Boris Pasternak, Sergej Samjatin, Sinaida Hippius u.v.a. Einen verlegerischen Paukenschlag f\u00fchrte Siegfried Heinrichs mit der Wiederentdeckung und Herausgabe der Werke von S\u00e1ndor M\u00e1rai, den er, und damit die gesamte ungarische Literatur wieder ins europ\u00e4ische Bewusstsein hob. Diese wiedergefundene Aufmerksamkeit trug schlie\u00dflich bei zur Verleihung des Nobelpreise 2002 an Imre Kert\u00e9sz. Siegfried Heinrichs selbst war vor allem Lyriker und deb\u00fctierte 1978 mit dem Band <em>Mein schmerzliches Land<\/em>, zuletzt erschien von ihm der Prosaband <em>Meines Gro\u00dfvaters Dorf<\/em>. Heinrichs liegt in Berlin-Steglitz begraben.<br \/>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"center\" size=\"1\" width=\"50%\" \/>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_2343\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/04\/Utz-u-Siegfried-Berlin-13.11.2010.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2343\" class=\"size-medium wp-image-2343\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/04\/Utz-u-Siegfried-Berlin-13.11.2010-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/04\/Utz-u-Siegfried-Berlin-13.11.2010-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/04\/Utz-u-Siegfried-Berlin-13.11.2010-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2343\" class=\"wp-caption-text\">Utz Rachowski und Siegfried Heinrichs, 2010<\/p><\/div>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"center\" size=\"1\" width=\"50%\" \/>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>\n<strong>DIE ZW\u00d6LF ST\u00dcHLE DES SIEGFRIED HEINRICHS<br \/>\n<\/strong><br \/>\nSiegfried Heinrichs. Diesem Namen begegnete ich zum ersten Mal, als ich an der Kasse der Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz in Berlin stand. Der Name stand auf einem schmalen B\u00e4ndchen mit Gedichten, 1978 im Oberbaumverlag erschienen, der Titel Mein schmerzliches Land, mit einem Vorwort von J\u00fcrgen Fuchs.<br \/>\nIch las:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Gedichte ben\u00f6tigen keine Vor- und Nachworte. Auf das Urteil der Zeitungsschreiber, ob hier Kunst, Dokument oder gar nichts vorliegt, kann verzichtet werden. Diese Zeilen leben, weil das, was sie sagen, gelebt wurde. Und nicht nur von dem, der sie aufschrieb. Sicher, andere leben anders. Das kann ein Grund sein, warum dieses Buch weggelegt, verrissen oder verdr\u00e4ngt wird. Da\u00df sich Staatsanw\u00e4lte f\u00fcr solche Gedichte interessieren, kann als Erfolg verbucht werden. Da\u00df Leser dieses Schlages nicht mit Betroffenheit und dem Niederlegen ihrer \u00c4mter reagieren, sondern den Autor ins Zuchthaus stecken, \u00fcberrascht nicht und bleibt ein Verbrechen. Gewi\u00df, diese Gedichte sind unn\u00fctz, gef\u00e4hrlich, gemessen am Ziel, am Auftrag, an der Linie, am Befehl, und sind vielleicht ein willkommener Nachtisch f\u00fcr die, die gen\u00fc\u00dflich alle Gemeinheiten verwerten, die anderswo begangen wurden. Bleibt die Frage, welches \u201aschmerzliche Land\u2019 gemeint ist. Aus einem wurde der Autor entfernt, und wer jetzt Deutschland sagt, mu\u00df wissen, worauf er sich einl\u00e4\u00dft: Denn in diesen Gedichten steht, was das hei\u00dft, mit jemand deutsch reden, der sich nicht beugen will.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eWoll\u2019n Se det nu koofn oder nich, junger Mann, oder woll\u2019n Se weiter Schlangebilden hier an die Kasse!?\u201c<\/p>\n<p>Die Worte der Verk\u00e4uferin, deutliches Deutsch, lie\u00dfen mich aufschrecken, ich drehte mich um, sah drei vier Menschen hinter mir warten und legte das Buch wieder auf den Stapel zur\u00fcck. In Siegfried Heinrichs <em>Mein schmerzliches Land<\/em> hatte ich kein einziges Gedicht gelesen. In der n\u00e4chsten Zeit verga\u00df ich, mir dieses Buch selbst zu besorgen, aber schon nicht mehr den Titel und den Namen seines Verfassers. Es war der schneereiche Dezember 1981, am 13. des Monats war in Polen der Kriegszustand unter dem General Jaruzelski ausgerufen worden. Ich hatte jetzt andere Probleme, ich hatte in Polen Bekannte, ich mu\u00dfte P\u00e4ckchen schicken, ich traf Freunde, polnische Emigranten, in Sch\u00f6neberg im Solidarnos\u0107-B\u00fcro Westberlin. Wir gr\u00fcndeten die literarische polnische Monatszeitschrift <em>Archipelag<\/em>, jeder gab 100 Mark f\u00fcr den Anfang. Ich war der einzige deutsche Redakteur und schrieb abends in den R\u00e4umen der Tageszeitung <em>taz<\/em> die deutschen Texte in den Computer, Zusammenfassungen, die programmatisch einen Teil der Zeitschrift <em>Archipelag<\/em> ausmachten, in der Hoffnung, der tr\u00fcgerischen, es w\u00fcrde sich f\u00fcr sie auch eine deutsche Leserschaft finden. F\u00fcr die Probleme der Polen aber fanden sich 1981 kaum deutsche Leser, ganz im Gegensatz zu dem deutschen Interessenten Erich Honecker, der pers\u00f6nlich vorschlug, in Polen wieder einmal \u201ebr\u00fcderliche Hilfe\u201c zu leisten.<br \/>\nAber man kam in Westberlin, zum Gl\u00fcck, m\u00f6chte ich sagen, nicht so leicht aneinander vorbei. Eines Tages also rief mich J\u00fcrgen Fuchs an und fragte, ob ich mich nicht an einer literarischen Nummer der Zeitschrift europ\u00e4ische ideen beteiligen m\u00f6chte, der Herausgeber dieses speziellen Heftes w\u00fcrde Siegfried Heinrichs sein. \u201eNa klar\u201c, sagte ich, \u201edas ist doch der mit seinem schmerzlichen Land, der mit dem Vorwort von dir.\u201c<br \/>\nEr gab mir Adresse und Telefonnummer von Siegfried Heinrichs, und ich, noch bevor ich etwas einschickte, lieh mir noch am gleichen Abend von J\u00fcrgen Fuchs das Buch, das ich bei Kiepert gesehen hatte. \u201eWenn schon\u201c, sagte J\u00fcrgen, \u201emu\u00dft du alles lesen, was es von ihm gibt.\u201c Er legte mir noch zwei weitere B\u00e4nde hin, <em>Die Erde braucht Z\u00e4rtlichkeit<\/em> und <em>Hofgeismarer Elegien<\/em>. Und noch bevor ich sagen konnte: \u201eDie sind mir einfach zu gro\u00df, solche B\u00fccher\u201c, hatte er sie f\u00fcr mich schon in eine Plastikt\u00fcte gesteckt. Also las ich:<\/p>\n<p><em>Wenn du durch mein Land f\u00e4hrst<\/em><\/p>\n<p>Wenn du durch mein land<br \/>\nf\u00e4hrst,<br \/>\nmein schmerzliches land,<br \/>\nvon dem ich dir sprach,<br \/>\ndann wirst du blumen sehen,<br \/>\nlachende kinder,<br \/>\ngreise, alternd unter den resten<br \/>\nder herbstsonne,<br \/>\nmenschen, freundlich dich gr\u00fc\u00dfend,<br \/>\ngewi\u00df,<br \/>\nnur eines vermisse ich:<br \/>\ndeine frage nach dem ort<br \/>\nder zuchth\u00e4user f\u00fcr<br \/>\ndichter, deren verse den zweifel<br \/>\nlehrten an der vollkommenheit<br \/>\ndieses bildes.<br \/>\nWenn du durch mein land<br \/>\nf\u00e4hrst,<br \/>\nmein schmerzliches land,<br \/>\ndann gr\u00fc\u00df es von mir,<br \/>\ngr\u00fc\u00df die menschen, die kinder,<br \/>\ndie zuchth\u00e4user, die schweigenden<br \/>\ndichter.<\/p>\n<p>Und ich las weiter:<\/p>\n<p><em>Wie kann man nur Dichtung machen<\/em><\/p>\n<p>Wie kann man nur Dichtung machen&#8230;<br \/>\nda zerrosten die St\u00e4dte, das Eisen<br \/>\nder Br\u00fccken, der Regen<br \/>\nzersetzt den Stein,<br \/>\nden Tag&#8230;<br \/>\nwie kann man nur Dichtung machen&#8230;<br \/>\nDa spricht man \u00fcber die<br \/>\nHarmonie<br \/>\nund die Freunde gehen in die<br \/>\nEmigration&#8230;<\/p>\n<p>Da umarmt einer sein Kind<br \/>\nund wei\u00df nicht, ob er morgen nach Brot<br \/>\nansteht oder den sauren Trauben<br \/>\nf\u00fcr die bescheidenen Feste&#8230;<br \/>\nWie kann man nur Dichtung machen&#8230;<br \/>\nDa steht jemand neben dir, sagt:<br \/>\nsie haben gestern<br \/>\nAbel erschlagen&#8230;<br \/>\n&#8230;wie kann man nur Dichtung machen&#8230;<br \/>\nDa liegst du nachts wach, siehst die ungeheure,<br \/>\nerzene Landschaft<br \/>\nder Erde, die schweigenden, kalten Gestirne,<br \/>\nund \u00fcberlegst, wer<br \/>\ndeine Verse lesen wird,<\/p>\n<p>jene kurzen, verr\u00fcckten Zeilen<br \/>\ngegen die langsame Verwesung der Steine, des Mondes<br \/>\nder Worte&#8230;<\/p>\n<p>Wie kann man nur Dichtung machen&#8230;<\/p>\n<p>Dem kann man vielleicht etwas zuschicken, dachte ich, diesem Siegfried Heinrichs, vielleicht eine meiner Geschichten \u00fcbers Gef\u00e4ngnis, der wei\u00df Bescheid, der scheint die selben Fragen zu haben wie ich. Aber wer ist er, wie alt ist er, wo kommt er her, was hat ihn gebracht dazu, diese Zeilen zu schreiben?<br \/>\nAntwort fand ich im Band <em>Hofgeismarer Elegien<\/em>, auf den Innenklappen ein l\u00e4ngerer Text, eine Selbstauskunft, betitelt &#8220;Lebenslauf oder Auf der Suche nach Heimat&#8221;:<\/p>\n<blockquote><p>Geboren wurde ich im Kriegsjahr 1941. Herbst war es. Die Zugv\u00f6gel \u00fcber Deutschlands W\u00e4ldern sammelten sich, durchflogen den Rauch der zerbombten H\u00e4user, noch jenseits der Grenzen. Zwei Jahre sp\u00e4ter fiel, mit dem Dank des F\u00fchrers f\u00fcr Treue und Tod, mein Vater vor Stalingrad. Heimlich beseitigt, wei\u00df ich heute, durch einen Schu\u00df in den R\u00fccken. Als Sozialdemokrat klebte er Plakate gegen Hitlers Endsieg. Zum Kriegsende, es bl\u00fchten die ersten Gr\u00e4ser am Haus, in einem unerwarteten sch\u00f6nen Fr\u00fchjahr, sagte sp\u00e4ter die Gro\u00dfmutter, zogen letzte Flugzeuge des Reiches Todeskurven \u00fcber dem Dorf. Einige, abgeschossen, st\u00fcrzten in die Felder. Dort im ersten Gr\u00fcn des Jahres, wurden die Piloten gepl\u00fcndert und begraben. Dann fremde Soldaten. Barette, Gesang, herzhafte Bes\u00e4ufnisse und Fl\u00fcche. Sp\u00e4ter die zur\u00fcckgekehrten Toten aus dem Konzentrationslager im Nachbardorf. Dort, unter der Erde, f\u00f6rderten sie all die Jahre das Salz f\u00fcr unsere Suppen und die der Uniformierten, erz\u00e4hlte sp\u00e4ter der Gro\u00dfvater, und bekamen Kugel oder Peitsche als Dank. So begannen die Jahre des Friedens. Unterm Dachfirst verborgen die Gewehre des Gro\u00dfvaters, unter der Erde des Dorfes erschossene Deserteure&#8230;<br \/>\nDort, an meines Landes Schnittpunkt, wuchs mir ein die Weisheit des Schweigens beim Anblick der Geschehnisse, und noch immer erinnere ich dieses St\u00fcck Land meiner Kindheit \u2013 Dorne, \u00c4hre und Blatt, Fr\u00fchjahre und harte Winter. Sp\u00e4ter hie\u00df es, ich lebte Jahre mitten in der Trag\u00f6die der Neuzeit, und verstand nicht, denn: wessen Trag\u00f6die&#8230;<br \/>\nDann lernte ich die Zuchth\u00e4user des Landes kennen, 1096 Tage und N\u00e4chte inhaftiert f\u00fcr einige Gedichte, zusammen mit M\u00f6rdern, Malern, Kindersch\u00e4ndern, Dieben&#8230; Auch nach der Entlassung lebte ich in meinem Land, keine Zeile gedruckt, abgelehnt, alles, mit \u00fcblichen Begr\u00fcndungen, und suchte wenigstens das eine Gramm Hoffnung und Z\u00e4rtlichkeit mir zu erhalten, zu erobern, im Wort, im Leben, das jeder Mensch f\u00fcr seinen Atem braucht. Dann, nach Jahren, \u00fcber Nacht, der Abschied, mit dem Zug von Deutschland nach Deutschland, im Gep\u00e4ck nichts als einige B\u00fccher und Bitterkeit \u2013 und Ankunft im Niemandsland. Hier wie dort deutsch sprechend und doch, hier, wieder, erschreckt \u2013 von der Ablehnung, der Gleichg\u00fcltigkeit, der Ignoranz gegen\u00fcber deutscher Sprache und Geschichte&#8230; so, hier, hier im von Mauern umzingelten Berlin, wieder schreibend, wieder, erneut hoffend, da\u00df deutsche Sprache noch Wurzeln habe&#8230;\u201c (1981)<\/p><\/blockquote>\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen lernte ich Siegfried Heinrichs auch pers\u00f6nlich und sein Werk n\u00e4her kennen. Wir wurden bald Freunde, wir hatten dieselben Wurzeln. Im Februar 1982 erschien in den bereits erw\u00e4hnten europ\u00e4ischen ideen meine Erz\u00e4hlung V\u00e4ter und S\u00f6hne, meine erste wirkliche literarische Ver\u00f6ffentlichung. Ich erfuhr auch, da\u00df sein Buch Hofgeismarer Elegien w\u00e4hrend mehrerer Aufenthalte in dieser hessischen Kleinstadt entstanden war, ein Teil davon gedruckt in der Zeitschrift Anst\u00f6\u00dfe, herausgegeben von der dortigen Evangelischen Akademie. Eine wichtige Station auf seinem literarischen Weg, sagt Siegfried Heinrichs auch heute noch.<br \/>\nEs gab damals bereits zwei weitere B\u00fccher von ihm, Die Sch\u00f6pfung (1981) und Ankunft in einem kalten Land (1982). Ich fragte ihn, warum er in letzterem Band im Anhang den sogenannten \u201eHitler-Stalin-Pakt\u201c mit den geheimen Zusatzprotokollen abgedruckt hatte. Er schlug das Buch auf und las mir eine Stelle vor: \u201eDie Rote Armee verpflichtet sich zur Vernichtung von polnischen Streitkr\u00e4ften. An einem Restpolen hat Stalin kein Interesse. \u2013 Molotow erkl\u00e4rte mir heute, da\u00df die Sowjetregierung den Zeitpunkt nunmehr f\u00fcr gekommen halte, um gemeinsam mit der deutschen Regierung endg\u00fcltig die Gestaltung des polnischen Raumes festzulegen. Dabei lie\u00df Molotow durchblicken, da\u00df bei der Sowjetregierung und bei Stalin pers\u00f6nlich urspr\u00fcnglich vorhandene Neigungen, ein restliches Polen bestehen zu lassen, jetzt der Tendenz gewichen ist, Polen entlang der Linie Pissa-Narew-Weichsel-San aufzuteilen. Die Sowjetregierung w\u00fcnscht, hier\u00fcber sofort in Verhandlungen zu treten und sie in Moskau zu f\u00fchren&#8230; Bericht von Schulenburg aus Moskau vom 19. September 1939.<\/p>\n<p>&#8230; Da fragte ich nicht mehr, warum er das aufgenommen hatte als Nachdruck in seine B\u00fccher und f\u00fcr wen und im Jahre 1982.<br \/>\nSiegfried Heinrichs sagte damals zu mir: \u201eDas Buch ist schon in der DDR, ein italienischer Kardinal hat es r\u00fcbergeschmuggelt.\u201c<br \/>\nDarin auch enthalten ist ein offener Brief von Siegfried Heinrichs an Anna Seghers, er w\u00fcnscht ihr darin, da\u00df sie ihrem <em>Siebten Kreuz<\/em> nicht noch ein achtes, das des ewigen Schweigens, hinzuf\u00fcgen m\u00f6ge, w\u00e4hrend die Menschen des Landes ihr Kreuz zu tragen h\u00e4tten, \u201ebei der Wanderung durch die H\u00f6lle der Realit\u00e4t\u201c. Der Brief wurde in der Presse ver\u00f6ffentlicht, Antwort hat er nie bekommen.<br \/>\n1982 erscheint auch sein Erz\u00e4hlband <em>Die Vertreibung \u2013 oder Skizzen aus einem sozialistischen Gef\u00e4ngnis<\/em> (ein Jahr sp\u00e4ter schon als Taschenbuch unter dem Titel <em>Kassiber<\/em>, ein Vorschlag Wolf Biermanns). Es enth\u00e4lt die wohl markantesten und literarisch entschiedensten Texte \u00fcber Heinrichs Zeit im Gef\u00e4ngnis, so auch das kurze Prosa-St\u00fcck &#8220;Kirchgang&#8221;. Der Protagonist H. erf\u00e4hrt in Haft von der schweren Erkrankung seiner Mutter und versucht, w\u00e4hrend eines sonnt\u00e4glichen Gottesdienstes, dem Gef\u00e4ngnispfarrer einen Kassiber nach drau\u00dfen zuzustecken. \u201eH., sagt Oberleutnant Brese, gro\u00df, breitschultrig, Orden, sechs, f\u00fcr seine Dienste am Revers, Sie machen mir Sorgen. Ihre konspirativen Versuche bestrafe ich mit drei Tagen Arrest. Sie verlangen von einem Pfarrer, da\u00df er die Anstaltsordnung verletzt. Sie sollten wissen, da\u00df wir das nicht dulden. Hier, Ihr Zettel kommt zu den Akten&#8230; Pfarrer W., f\u00e4hrt er fort, gab ihn dem Wachtmeister. Schlie\u00dflich ist er ja Abgeordneter.\u201c H. bekommt Arrest. Als er aus der Kellerzelle wiederkommt, findet er ein Telegramm seiner Schwester vor. Seine Mutter ist verstorben. Ohne letzten Gru\u00df ihres Sohnes.<br \/>\nDie Rolle der Kirche unter einer Diktatur ist also angesprochen, ein Tabu, und ich kann mir vorstellen, wie pikiert etwa bei einer Lesung das Publikum dasa\u00df, sagen wir in einer evangelischen Akademie, in der Heinrichs zu Gast war, weil es sich nicht vorstellen konnte, was \u201eKirche im Sozialismus\u201c in der Realit\u00e4t wirklich hie\u00df. Nicht die helfende Umarmung, sondern die des Judas, die den bereitstehenden H\u00e4schern den richtigen Mann anzeigt. Jetzt am Wochenende legte die Gauck-Beh\u00f6rde Zahlen vor \u00fcber die Verstrickung von Kirche und Geheimdienst in der DDR. Spitzel, die zwei Herren dienten und ihre Silberlinge niemandem vor die F\u00fc\u00dfe warfen, sondern Haus bauten, Baum pflanzten und S\u00f6hne zeugten.<br \/>\nAber auch das Pers\u00f6nliche deckt sich hier in der Literatur mit der Realit\u00e4t. Als die Mutter von Siegfried Heinrichs starb, wurde ihm die Einreise verwehrt, er konnte sie nicht begraben, nie mehr zur\u00fcckkehren in das Dorf seiner Kindheit \u201eDorne, \u00c4hre und Blatt, Fr\u00fchjahre und harte Winter\u201c. \u2013 Ich will jetzt dar\u00fcber nicht l\u00e4nger sprechen, auch nicht \u00fcber die Stasi-Akte von ihm, die ich kenne, ein Negativ, eine kalte Matrize, die sich w\u00fcrgend um sein Leben legt, seinen dreij\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisaufenthalt z.B. verdankt er einer Denunziation seines Bruders&#8230;<br \/>\nSolche Autoren bekommen dann nach der \u201eWende\u201c nat\u00fcrlich auch keine Ehrengabe der Schillerstiftung oder den Lessing-Preis aus Kamenz. Sie bleiben gemieden; die \u201eliterarische Welt\u201c hat mit sich zu tun und ihre Homunkuli zu versorgen. Ich will nur eines noch sagen: 1981 hatte Siegfried Heinrichs schon einiges aufgeschrieben, sp\u00e4ter kam noch vieles hinzu. Und es wurde ihm nicht geglaubt. Und keinem von uns. Es blieb ein Mi\u00dftrauen, \u00fcber alle Mauer-F\u00e4lle hinweg. Einer, ein deutscher Emigrant, Hans Sahl, schrieb \u00fcber Heinrichs im New Yorker <em>Aufbau<\/em>, Nachdruck in <em>Die Welt<\/em> vom 2.8.1986: \u201eHeinrichs Sprache ist von vielsagender Einfachheit, sie spricht aus, was man heute nur ungern zu Papier bringt, man m\u00f6chte doch nicht aus einer politischen Katastrophe dichterisches Kapital schlagen, wenn man den Schmerz \u00fcber den grausamen Verlust einer Utopie, an die man einmal geglaubt hat, in Worten wiederzugeben versucht, die bei aller emotionellen Zur\u00fcckhaltung doch das ganze Betroffensein eines Zeitalters wiederspiegeln.\u201c<br \/>\nDer Feuilletonist Tilman Krause schrieb einmal, in einem anderen Zusammenhang, im Berliner <em>Tagesspiegel<\/em> einige S\u00e4tze, die so auch auf Siegfried Heinrichs zutreffen k\u00f6nnten. Er schrieb: \u201eWer so durchdrungen ist von der geheimen und nur im R\u00fcckblick offenbarten Sinnhaftigkeit seines Seins, st\u00f6\u00dft auf Widerst\u00e4nde. Da sind vor allem die Kleinm\u00fctigen, die sich nicht trauen, das eigene Leben als bedeutsam aufzufassen und dies daher auch anderen nicht g\u00f6nnen. Hinzu kommen (wenngleich oft mit letzteren identisch) die Neunmalklugen, denen der zu kurz geratene Sinn f\u00fcrs Spirituelle den Glauben an alles Symbolische versagt&#8230; Wer Gesp\u00fcr f\u00fcr das Historische der eigenen Existenz hat, wer wei\u00df, da\u00df \u2013 mit Thomas Mann zu sprechen \u2013 menschliches Sichwichtignehmen der Urgrund aller Selbsterforschung ist, aber auch wer sich nicht einsch\u00fcchtern lassen will vom modischen Gerede \u00fcber den \u201aTod des Subjekts&#8230;\u2019 \u201c \u2013 handelt, f\u00fcge ich hinzu, und bin unversehens beim Verleger Siegfried Heinrichs angekommen. Er hat sich alle Tr\u00e4ume erf\u00fcllt, die er in den 1096 Gef\u00e4ngnisn\u00e4chten getr\u00e4umt hat. Ich zitiere aus einem Interview, das er 1990 der Zeitschrift <em>Deutschunterricht<\/em> gegeben hat:<br \/>\n\u201eIch habe der Stasi die Arbeit sehr schwer gemacht. Wir haben sie ihr schwer gemacht. Ich habe auch als Bundesb\u00fcrger \u2013 trotz Kontrollen, Leibesvisitationen, Nacktausziehen, Abtasten-Lassen, B\u00fccher in die DDR geschmuggelt. Solschenizyn, Peter Huchel, B\u00f6ll. Die DDR hat in meinen Jugendjahren vieles erw\u00e4hnt und dargestellt. Es wurden die Autoren Achmatowa, Zwetajewa usw. in Teilen gedruckt, manches wurde erw\u00e4hnt, nicht gedruckt, und \u2013 so ging es mir \u2013 das Interessanteste an vielen Ver\u00f6ffentlichungen waren die Fu\u00dfnoten, in denen man auf Dinge hinwies, die es nirgends gab, in keiner Bibliothek. Und man war, wenn man irgendwie \u00fcber den Westen oder durch die Medien aus der Bundesrepublik oder aus Westberlin darauf stie\u00df, zuf\u00e4llig, dann erstaunt \u00fcber die Qualit\u00e4t&#8230; Und das brachte mich dazu, mir w\u00e4hrend der Haftzeit und danach vorzunehmen, \u2013 sollte ich einmal die M\u00f6glichkeit haben \u2013 unter Einsatz meiner privaten Mittel daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df etwas davon publiziert wird. Und das tue ich. Ich habe vieles ausgegraben, was auch in gro\u00dfen Verlagen l\u00e4ngst, wenn man es nur wollte, h\u00e4tte ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen.\u201c Private Mittel. Woher hatte er sie, in den Westen ausgereist mit einer Tasche (\u201eim Gep\u00e4ck nichts als einige B\u00fccher und Bitterkeit\u201c). Das steht nicht im Interview und nicht in den B\u00fcchern, die Siegfried Heinrichs herausgab. Eine Liste:<br \/>\nAnna Achmatowa \u2013 <em>Requiem<\/em> (1987)<br \/>\nAnna Achmatowa \u2013 <em>Die roten T\u00fcrme des heimatlichen Sodom<\/em> (1988)<br \/>\nAnna Achmatowa \u2013 <em>Briefe, Aufs\u00e4tze, Fotos<\/em> (1990)<br \/>\nAnna Achmatowa \u2013 <em>Eine Biografie<\/em> (1994)<br \/>\nAnna Achmatowa \u2013 <em>Poem ohne Held<\/em> (1994)<br \/>\nNicolai Gumiljov \u2013 <em>Ausgew\u00e4hlte Gedichte<\/em> (1988)<br \/>\nOssip Mandelstam \u2013 <em>Briefe an Nadeschda<\/em> (1989)<br \/>\nOssip Mandelstam \u2013 <em>Wie ein Lied aus Pal\u00e4stina<\/em> (1992)<br \/>\nIwona Mickiewicz \u2013 <em>Puppenmuseum<\/em> (1992)<br \/>\nBoris Pasternak \u2013 <em>Ljuvers Kindheit<\/em> (1989)<br \/>\nMikl\u00f3s Radn\u00f3ti \u2013 <em>Monat der Zwillinge<\/em> (1993)<br \/>\nMikl\u00f3s Radn\u00f3ti \u2013 <em>Offenen Haars fliegt der Fr\u00fchling<\/em> (1993)<br \/>\nIrina Ratuschinskaja \u2013 <em>Kein Moses ist vor uns<\/em> (1992)<br \/>\nJewgenij Samjatin \u2013 <em>Wir<\/em> (1994)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>Briefe an Bachrach und Ausgew\u00e4hlte Gedichte<\/em> (1988)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>Briefe an Vera Bunina und Dimitrij A. Schachowski<\/em> (1990)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>Briefe an Anna Teskowa und R.N. Lomonossowa<\/em> (1992)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>An Anna Achmatowa<\/em> (1992)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>Briefe an Ariadna Berg\/Theaterst\u00fccke\/Gedichte aus dem Nachla\u00df<\/em> (1994)<br \/>\nMarina Zwetajewa \u2013 <em>Auf rotem Ro\u00df<\/em> (1994)<\/p>\n<p>Woher hatte Siegfried Heinrichs die Mittel zur Herausgabe dieser B\u00fccher? Die Antwort ist einfach \u2013 er arbeitete 25 Jahre in einem Kreuzberger Werk, das sanit\u00e4re Anlagen produziert und hat seinen Lohn, jeden Pfennig, in seinen Verlag gesteckt, den Oberbaumverlag Berlin, den er 1985 in einer Art Husarenst\u00fcck \u00fcbernommen hatte. Die Sinnhaftigkeit des Seins. Die Neunmalklugen. Wer aber Gesp\u00fcr hat f\u00fcr das Historische der eigenen Existenz&#8230;<br \/>\nIn der Praxis sah die Verlagsgr\u00fcndung dann so aus: Ein kleines Zimmer in der Neuk\u00f6llner Pannierstra\u00dfe 54, das der junge Lyriker Walter Th\u00fcmler und ich auswei\u00dften, ein Tapeziertisch, 12 Plastikst\u00fchle drumherum, ein paar Regale an der Wand. Zwei Stunden, bevor die 12 w\u00fctenden Gesellschafter des alten Oberbaumverlages, dessen Pleite zu schaffen im Sinn, in unserem neuen Zimmer auftauchten, heizte ich den Ofen und brachte eine h\u00e4\u00dfliche gr\u00fcne K\u00fcchenlampe aus Plastik an der Decke an. An diesem Abend stimmten die alten Gesellschafter der neuen Konzeption von Siegfried Heinrichs zu, forderten ihr Geld aus der Konkursmasse nicht zur\u00fcck, Geld, das sie einst zu Zeiten Rudi Dutschkes und sp\u00e4ter, als sie Trotzkisten oder noch sp\u00e4ter, als sie Maoisten geworden waren, in den Oberbaumverlag eingebracht hatten. Jetzt lebten sie ihrer eigentlichen Bestimmung \u2013 sie waren s\u00e4mtlich reiche Leute geworden, denen es auf ein paar tausend Mark nicht mehr ankam.<br \/>\nAn diesem Abend hatte ich w\u00e4hrend der z\u00e4hen Verhandlungen, die anfangs \u00e4u\u00dferst entschieden, ja b\u00f6sartig gef\u00fchrt wurden, in Ermanglung eines dreizehnten Stuhles auf einem Stapel unverk\u00e4uflicher B\u00fccher von Siegfried Heinrichs gesessen. Es war, glaube ich, sein Band <em>Suchend das K\u00f6nigreich Liebe<\/em>. Er selbst hatte sich einen eigenen, bequemen Stuhl von zu Hause mitgebracht, der fast schon wie ein Chefsessel aussah. \u2013 Aber der Oberbaumverlag hatte von Stund an ein neues Profil, den Schwerpunkt Osteuropa, unter dem sp\u00e4ter auch unsere B\u00fccher erschienen (Wolf Deinert, J\u00fcrgen Fuchs, Axel Reitel usw.).<br \/>\nIn den folgenden Jahren sah die Verlagspraxis dann mehrere Male so aus: Wenn sich unerwartet wieder einmal ein alter Gl\u00e4ubiger mittels Gerichtsvollziehers ank\u00fcndigte, packten wir am Vorabend blitzschnell unseren Verlag zusammen, B\u00fccher, Akten, Tapeziertisch, 12 St\u00fchle, versteckten sie in unseren Wohnungen und Kellern. Am n\u00e4chsten Tag in der Fr\u00fch lie\u00dfen ein Gerichtsvollzieher und ein Polizist durch Handwerker die Schl\u00f6sser aufbohren, unser Freund Hans-J\u00fcrgen, zu dessen Wohnung dieses separat gelegene Verlagszimmer z\u00e4hlte, erschien frisch aus dem Schlaf gerissen, schnaubte vor Wut, machte dem Einbruchskommando eine Szene, die H\u00f6lle hei\u00df, wieso sie seine Wohnung aufbohrten, lie\u00df sie einen Blick in das besenrein ber\u00e4umte Verlagszimmer tun und warf sie hinaus. 420 Mark, jedes Mal mu\u00dften sie die Kosten zahlen, \u201ef\u00fcr zwei zerst\u00f6rte Schl\u00f6sser durch Aufbohren\u201c, Hans-J\u00fcrgen schrieb die Rechnungen.<br \/>\nSo haben wir, hat Siegfried Heinrichs, angefangen. Sp\u00e4ter unterst\u00fctzten Freunde den Verlag finanziell, der Galerist Ingo Urban, der kroatische Schriftsteller Jure Brekalo, der 1991 den Erl\u00f6s aus dem Verkauf seines Restaurants in Moabit in den Verlag steckte. So \u00fcberlebte der Oberbaumverlag, lebt bis heute so.<\/p>\n[Nachtrag im Jahre 2005:<br \/>\nIn der zweiten Oktoberwoche eines jeden Jahres wird Siegfried Heinrichs immer sehr unruhig \u2013 kurz vor der Vergabe des Nobel-Preises, hat er doch inzwischen Autoren im Programm, die ganz oben auf der Liste der Kandidaten stehen. Schon vor vielen Jahren Brodsky, den er in seinem Verlag herausgeben wollte, sp\u00e4ter Walcott. Seit langem f\u00fchrt er zwei Titel des Chinesen Ba Jin, und im letzten Jahr rief er aufgeregt bei mir an, weil das schwedische Fernsehen bereits einen Termin mit ihm hatte am Tag der Bekanntgabe, wegen Adonis, dem gro\u00dfen Dichter der arabischen Welt, der in Paris lebt und f\u00fcr den er die gesamten deutschsprachigen Rechte besitzt.<br \/>\nEine der ma\u00dfgeblichen Unternehmungen Siegfried Heinrichs allerdings war die Herausgabe der Werke S\u00e1ndor Mar\u00e1is ab 1998. Nach 1989 ist es ausschlie\u00dflich der deutschen Verlags- und Feuilletonlandschaft anzurechnen, die Literatur der Ungarn ins internationale Bewu\u00dftsein gehoben zu haben. Aber wie nicht anders zu erwarten von den \u201ewestlichen Kulturschleckern\u201c(Biermann) avancierte dabei die Salon-Literatur bei Presse und Publikum, Favoriten wurden also nicht Gy\u00f6rgy Petri oder Mikl\u00f3s Mesz\u00f6ly, Leute mit historischer und poetischer Substanz, sondern Estherhazy und N\u00e1das, wobei ersterer mit der Scho\u00dfh\u00fcndchenprosa der Kleinen ungarischen Pornographie dem Buch der Erinnerung des letzteren auch noch den Rang in der Bekanntheitsskala ablief. Was von der ungarischen Literatur der letzten 50 Jahre geblieben w\u00e4re: Wiener Melange. Aber mitten in diese vom deutschen Literaturbetrieb ma\u00dfgeblich angestimmte Kaffee-Hausmusik poltert ein gewisser Siegfried Heinrichs und pr\u00e4sentiert einen europ\u00e4ischen B\u00fcrger Ungarns. Der erste Titel ist bereits Programm: <em>Bekenntnisse eines B\u00fcrgers<\/em> &#8211; S\u00e1ndor M\u00e1rai. Ein n\u00fcchterner Orpheus der nichts weniger beschreibt als den Untergang des B\u00fcrgertums unter dem Kommunismus nach 1945 (vor allem in seinen Tageb\u00fcchern, Heinrichs liefert sie in sieben B\u00e4nden) und damit die Spaltung, wenn nicht sogar den Untergang des damaligen Europa markiert. Mit der Herausgabe der Werke S\u00e1ndor M\u00e1rais durch Siegfried Heinrichs im Oberbaumverlag war die soeben schon wieder verlorene Historie innerhalb der ungarischen Literatur wieder kenntlich. Und diese Erkenntnis hat wohl nicht wenig beigetragen dazu, da\u00df ein Autor von vielfacher Substanz, Judentum, B\u00fcrgertum, Kleinb\u00fcrgertum, Ungar, im Jahre 2002 den Nobel-Preis zugesprochen bekam, Imre Kert\u00e9sz. Leuten wie Heinrichs oder dem \u00dcbersetzer von M\u00e1rai, Hans Skiretzki, sei\u2019s gedankt. \u2013 Ende des Einschubs 2005.]\n<p>Nicht gesprochen habe ich heute abend von der besonderen Affinit\u00e4t des Schriftstellers und Verlegers Siegfried Heinrichs zu j\u00fcdischer Literatur, er hat Freunde in Israel, ich nenne nur Werner Kraft und Ben Chorin in Jerusalem, Mirjam Michaelis im Kibbutz Dalia. Er hat auch, wie bereits erw\u00e4hnt, Mandelstam und Radn\u00f3ti herausgegeben; Gertrud Kolmar, Nelly Sachs, Else Lasker-Sch\u00fcler tauchen in seinem Werk immer wieder auf, als Adressaten seiner Gedichte, angerufene Weggef\u00e4hrten seines Leids. In dieser Welt sind die Dichter Juden ist ein Satz von Marina Zwetajewa, den Siegfried Heinrichs als Motto f\u00fcr eines seiner B\u00fccher w\u00e4hlte.<br \/>\nUnd von seinen literarischen Pr\u00e4gungen ist noch zu sprechen, B\u00f6ll, Borchert, Pavese, Pound, Bobrowski, Malaparte, Hamsun nennt er selbst. Er liebt die Malerei, ein Umstand, der sich leicht an der Gestaltung der von ihm herausgegebenen B\u00fccher ablesen l\u00e4\u00dft. Chagall, Kirchner, Nolde, Kokoschka sagt er, wenn man ihn nach seinen Vorlieben fragt. Eine enge Freundschaft verband ihn seit der gemeinsamen Gef\u00e4ngniszeit mit dem 1994 verstorbenen Sieghard Pohl, ein Maler, der bis zur letzten Lebensminute nach seinen von der Stasi verschleppten, bis heute verschollenen, fr\u00fchen Bildern gesucht hat. Siegfried Heinrichs besitzt ebenfalls einen Teil des Werkes des deutsch-deutschen Malers, so will ich ihn bezeichnen, Roger Loewig. Kurz bevor der Maler Gerhard Altenbourgh t\u00f6dlich verungl\u00fcckte, am Silvestertag 1989, hatte er dem Oberbaumverlag noch die Abbildungsrechte f\u00fcr einige seiner Werke erteilt.<br \/>\nNicht gesprochen habe ich von den gescheiterten Ehen Siegfried Heinrichs, der Bedeutung von Frauen f\u00fcr seine Gedichte und in ihnen, sein Gefallen an der produktiven Einsamkeit, aber auch seine \u201eEinsamkeit in der Zelle, im Leben, in der Umarmung\u201c, wie er es benennt, die andere, die zerst\u00f6rerische Seite.<br \/>\nUnd was f\u00fcr \u201eein Gesicht\u201c Siegfried Heinrichs machte, von seiner Verwunderung und Verwundung habe ich noch nicht erz\u00e4hlt, als in den 80er Jahren eine neue Generation von Autoren auftauchte, auch aus Sachsen und Ostberlin, die in Darmstadt und Klagenfurt ihre braven Texte vorlasen, die Preise kassierten, w\u00e4hrend die Staatsverlage der DDR im Hintergrund die Lizenzen und Devisenvertr\u00e4ge aushandelten mit Suhrkamp und Fischerverlag. Ein fr\u00fcher Verweis auf die Jahre im sogenannten \u201eliterarischen Leben\u201c, die kommen sollten mit Verdr\u00e4ngung und Nicht-Thematisierung einer eben verschwundenen Diktatur in den 90er Jahren. Von den Autoren meiner Generation haben \u00fcberwechseln k\u00f6nnen in die ganz gro\u00dfen Verlage des neuen Deutschland die Zahnlosen, die Stotterer und die \u00dcberschminkten, jedenfalls die, von denen von vorn herein zu erwarten war, da\u00df sie auf keinen Fall bei\u00dfen und sich an die Absprachen des Literaturbetriebes halten w\u00fcrden. Die verkauften Pflastersteine \u2013 ja, die verkauften Landeskinder \u2013 nein. Die zerst\u00f6rten Landschaften wurden beschrieben, nicht die zerst\u00f6rten Menschen (das wiederum blieb einigen ehemaligen \u201eDissidenten\u201c mit Au\u00dfenblick wie z.B. J\u00fcrgen Fuchs in <em>Magdalena<\/em> und einigen vor Ort wie dem Leipziger Lyriker Roland Erb und wenigen j\u00fcngeren Dresdner Autoren vorbehalten, die teils in Kleinstverlagen publizieren.) Geradezu gierig gefressen vom (west)deutschen Feuilleton und hoch ausgezeichnet wurden dagegen die literarischen Werke ehemaliger Funktion\u00e4rskinder, die \u00dcber-V\u00e4ter-Bew\u00e4ltigungen. \u201eDer Dienst\u201c, \u201eDie Gesamtliebe und die Einzelliebe\u201c, \u201eStille Zeile Sechs\u201c \u2013 kein Wort des Mitleids mit den Opfern ihrer Clique, nicht einmal der geahnte Hauch einer anderen Sch\u00f6nheit, der \u00c4sthetik des Widerstands. Schmerzlich auff\u00e4llig f\u00fcr mich, ja schreiend, die vollkommene Abwesenheit, als w\u00e4re ein menschliches \u201eGen\u201c weggesp\u00fclt durch 60 Jahre Diktatur, das v\u00f6llige Fehlen von Emp\u00f6rung! Kein Wort nat\u00fcrlich auch bei den verabredeten Autoren von \u201eVer-Wahr-R\u00e4umen\u201c, \u201eHunde-Lauf-Gr\u00e4ben\u201c, \u201eAus-B\u00fcrgerung\u201c, den Wunden der deutschen Sprache, unseren Wunden im Leben. Zu den Dichter-Treffen, sagen wir, nach Wroc\u0142aw, fahren also weiterhin gemeinsam die Mitglieder der S\u00e4chsischen Akademie Professor IM Johannes und der Lyrik-Dozent des staatseigenen ehemaligen Literaturinstituts Johannes R. Becher, der schon in den 70ern verk\u00fcndete, der Mond k\u00f6nne nun als Mond nicht mehr beschrieben werden, nachdem Kosmonauten dort gelandet seien.<br \/>\nDa habe ich, heute abend, lieber gleich noch \u201evergessen\u201c, meinen Lieblingssatz von Albert Camus vorzustellen, da\u00df n\u00e4mlich der Schriftsteller immer auf der Seite jener zu stehen habe, die Macht erleiden, und nie auf der von jenen, die Macht aus\u00fcben, und ich habe lieber auch nicht Ji\u0159\u00ed Gru\u0161a zitiert, der sagte, da\u00df das, was die tschechischen, russischen, polnischen, ungarischen Schriftsteller von denen in der ehemaligen DDR markant unterscheide, sei, da\u00df sie auf das bezahlte Wort nicht verzichten konnten oder wollten. So gelangten sie nicht zum freien Wort. Dostojewski sa\u00df in Sibirien, Siegfried Heinrichs in Waldheim und war anschlie\u00dfend 25 Jahre lang an der Produktion von Klo-Sch\u00fcsseln beteiligt, das, und da\u00df es wom\u00f6glich ein weiter Weg ist zum k\u00fcnstlerischen, freien Wort, will ich lieber nicht mehr anmahnen heute abend.<br \/>\nAber, ich mute es Ihnen zu, noch einmal m\u00f6chte ich J\u00fcrgen Fuchs zu Wort kommen lassen, vorlesen aus einer Rede, die er im Mai 1994 bei einer Anh\u00f6rung der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung des SED-Unrechts im Berliner Reichstag hielt. Ich spreche ja heute zu Germanisten, denke ich, zu Studenten und Wissenschaftlern, die sollten das vielleicht auch kennen&#8230; Fuchs sprach zum Thema &#8220;Zur Auseinandersetzung mit den beiden Diktaturen in Deutschland in Vergangenheit und Gegenwart.&#8221; Ich zitiere:<\/p>\n<blockquote><p>ANDERE SCHREIBEN UNSERE BIOGRAFIEN. Als ich gestern die vielen klugen Gedanken hier h\u00f6rte, die in den Seminaren der akademischen Welt schon lange behandelt werden und sich bestimmt fortsetzen mit neuen Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationen und epochalen Ver\u00f6ffentlichungen in angesehenen Verlagen und Schriftenreihen, progressiv und kritisch, fragend und antwortend, provozierend und erkl\u00e4rend, begriff ich pl\u00f6tzlich, da\u00df wir verloren haben.<\/p>\n<p>&#8230;Ich will es zugespitzt und ungerecht-polemisch sagen: Betroffene, H\u00e4ftlinge, Ausgeb\u00fcrgerte, \u201aF\u00e4lle\u2019 und Plebs werden angeh\u00f6rt, bedauert und unterst\u00fctzt, wo das m\u00f6glich ist. Heimliches Helfen war daf\u00fcr da und wurde zur Meisterschaft gef\u00fchrt. Es gibt die Dominanz der Helfer, siehe Stolpe, Schnur, de Maizi\u00e9re, auch Gysi, alle haben geholfen, vermittelt und Gutes getan! &#8230;Und ihr H\u00e4ftlinge, Zersetzten, ihr Minderheiten ohne Macht und Tadel, seid nicht undankbar heute&#8230; &#8230;Am 9. November \u201989 rief Ralph Giordano an, sagte: \u201aJetzt wirst du erleben, was ich erlebte nach \u201945. Pa\u00df mal auf&#8230;\u2019 Da wu\u00dfte ich noch nicht ganz, was er meinte&#8230;<br \/>\nIhr sollt in Augenh\u00f6he mit uns sprechen &#8230; Aber andere sollen nicht von Ferne kommen als Supervisoren und Wissenschaftler. Sie sollen sagen, warum sie koexistiert haben. Warum sie sich mit der Teilung und der Verletzung der Menschenrechte abfanden. Warum ihre DDR-Forschung ganz eintr\u00e4glich war, ihre Exkurse \u00fcber die unvergleichliche Nazi-Diktatur auch. Warum sie Bonbons annahmen von Erich Honecker und selber welche reichten. Warum sie Polen als Warschauer-Pakt-Land aufgaben 1981, wo die zust\u00e4ndige Gro\u00dfmacht eben f\u00fcr Ordnung zu sorgen hat&#8230; Und warum einer, Heinrich B\u00f6ll, sich zuerst \u00e4u\u00dferte. In einer Situation, Zitat B\u00f6ll, \u201aals alle noch schwankten und sp\u00e4hten und schwiegen und nicht wu\u00dften, was zu tun ist.\u2019 Heute wissen es alle hier! Sehr gut wissen sie es, so sehr gut! Und darum meine Polemik, meine Trauer auch und die Gewi\u00dfheit, die eigentlich nur nebenbei gesagt sein soll, da\u00df wir verloren haben in einem Augenblick, n\u00e4mlich jetzt, da es besser wird mit uns. Andere schreiben gelassen und akademisch konzentriert unsere Biografien. Auf dem Hintergrund einer gemeinsamen, umk\u00e4mpften Geschichte. Das ist gut so und bitter zugleich. Wollen wir hoffen, da\u00df wir dem standhalten, was schon wieder da ist oder kommt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das war, was ich noch in den Raum stellen wollte, und vor allem noch, hinweisen darauf, da\u00df ich heute viel zu wenig vom Lyriker Siegfried Heinrichs gesprochen habe, der er in hohem Ma\u00dfe ist. K\u00fcrzlich klagte der junge Dresdner Lyriker Christian Lehnert, da\u00df es in der deutschen Lyrik kaum noch Autoren g\u00e4be, die sich einer christlichen Metaphorik bedienten. Solcher Unsinn kann in Preis-Dankes-Reden \u00f6ffentlich gesagt werden, wenn Lyriker wie Roger Loewig und eben Siegfried Heinrichs vergessen sind.<br \/>\nZum Abschlu\u00df lese ich, Ihr Einverst\u00e4ndnis vorausgesetzt, denn es ist sp\u00e4t geworden heute abend, einige Gedichte aus dem Band <em>Zeit ohne Ged\u00e4chtnis<\/em> von Siegfried Heinrichs. Das Buch sammelt sein lyrisches Werk und wird im M\u00e4rz zur Buchmesse in Leipzig erscheinen.<br \/>\nEin letztes Wort: \u00dcber einen Freund zu schreiben, ihn anderen nahezubringen, schien mir am Anfang leicht, dann mu\u00dfte ich aber, wie immer auch, meine Sicht auf den Autor und auch meine eigenen Positionen neu \u00fcberdenken, ein Problem von N\u00e4he und Distanz. Ich hoffe, Sie haben nicht allzu viel davon gemerkt, nur meinen Wunsch versp\u00fcrt, nach mehr Entschiedenheit und Beteiligung, wenn Sprache bedroht und damit zu verteidigen ist, und damit auch mein Bekenntnis zu Siegfried Heinrichs, das sollten sie wahrgenommen haben. Die Freiheit n\u00e4mlich, den Mond zu beschreiben als Mond, ist zu verteidigen gegen die Dozenten der Diktatur wie die Erde. Ich danke f\u00fcr die Einladung.<\/p>\n<p>(Technische Universit\u00e4t Dresden, Institut f\u00fcr Germanistik, Januar 1995\/aktualisiert 2005)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zw\u00f6lf St\u00fchle des Siegfried Heinrichs Am Ostersonntag 2012 verstarb in Berlin im Alter von 70 Jahren der Schriftsteller und bedeutende Verleger Siegfried Heinrichs. 1985 hatte der aus der DDR stammende und nach drei Jahren politischer Haft ausgeb\u00fcrgerte Autor den renommierten OBERBAUMVERLAG \u00fcbernommen und bis zu seinem Tod weitergef\u00fchrt. 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