{"id":2651,"date":"2012-10-31T11:44:42","date_gmt":"2012-10-31T15:44:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2651"},"modified":"2023-03-19T16:30:52","modified_gmt":"2023-03-19T20:30:52","slug":"frederick-lubich-glossen-35-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-352012\/frederick-lubich-glossen-35-2\/","title":{"rendered":"Frederick Lubich"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201c\u2018In Deutschland. Dort ist es passiert.\u201c \u00a0Gespr\u00e4ch mit Auma Obama anl\u00e4sslich ihrer deutschen Bestseller-Autobiographie <em>Das Leben kommt immer dazwischen. Stationen einer Reise<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Frau Obama, Sie sind in Nairobi aufgewachsen, im Alter von neunzehn Jahren als Stipendiatin nach Deutschland gekommen, haben dort studiert, promoviert und l\u00e4ngere Zeit im Film- und Fernsehbereich gearbeitet, sind nach sechzehnj\u00e4hrigem Aufenthalt in Deutschland nach England umgezogen und schlie\u00dflich vor wenigen Jahren wieder in Ihre Heimatstadt Nairobi zur\u00fcckgekehrt. Erst als junge Frau haben Sie Ihren amerikanischen Bruder Barack Obama kennengelernt, mit dem Sie bald eine ausgesprochen starke geschwisterliche Beziehung kn\u00fcpften und dessen ph\u00e4nomenale Karriere Sie sowohl aus der Ferne als auch immer wieder aus n\u00e4chster N\u00e4he begleiten sollten. Im Jahre 2010 ver\u00f6ffentlichte der L\u00fcbbe Verlag in Deutschland Ihre Lebensgeschichte <em>Auma Obama. Das<\/em> <em>Leben kommt immer dazwischen<\/em>. Ihr Verleger k\u00fcndigte Ihre Memoiren an mit der Banner Headline \u201eSister Africa &#8211; Ein bewegtes Schicksal zwischen den Kulturen\u201c. Welche Resonanz fand Ihre Lebensgeschichte in Deutschland und gibt es Pl\u00e4ne, sie auch in Ihrer Muttersprache in Kenia herauszubringen?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Meine Lebensgeschichte wurde in Deutschland erstaunlich warm aufgenommen. Das Interesse war gro\u00df und das Buch hat es tats\u00e4chlich geschafft, eine kurze Zeit auf der SPIEGEL-Bestsellerliste zu sein. Ein Teil des Interesses (und Neugier um das Buch) galt nat\u00fcrlich meiner Verwandtschaft mit meinem Bruder Barack, der in Deutschland sehr beliebt ist.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sehr gerne das Buch ins Kiswahili (unsere Nationalsprache) oder auch ins Luo (meine Muttersprache) \u00fcbersetzen lassen, aber im Moment ist das nicht vorgesehen. Das Buch ist jetzt erstmals im Mai 2012 auf Englisch erschienen. Gl\u00fccklicherweise wird Englisch als zweite Nationalsprache in Kenia gesprochen. Das hei\u00dft, dass die meisten meiner Landsleute das Buch schon werden lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Ihre Memoiren gleichen geradezu einem modernen Bildungsroman mit immer neuen Herausforderungen, bitteren Entt\u00e4uschungen und gl\u00e4nzenden H\u00f6hepunkten. Sie schreiben, dass am Anfang Ihres langen Bildungs- und Selbstverwirklichungsprozesses die deutsche Nachkriegsliteratur eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Wie kam es dazu und was faszinierte Sie so an dieser deutschen Literatur?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Auma Obama:<\/strong> Als Teenager habe ich schon sehr viel gelesen. Alles M\u00f6gliche las ich. \u00dcber den Literaturunterricht lernte ich aus der deutschen Literatur die Werke von Bertolt Brecht kennen. Bald darauf bekam ich in der Schule die M\u00f6glichkeit Deutsch zu lernen. So fing ich an, auch auf Deutsch zu lesen. Die deutsche Nachkriegsliteratur lag mir nahe, weil dort mit einfachen Worten schwierige Situationen dargestellt und starke Emotionen geschildert werden. Die Protagonisten leiden an Not, Hunger, Verlust der Familie und der Heimat. Man erz\u00e4hlt ihre Schicksale in einfachen Worten ohne gro\u00df dar\u00fcber zu philosophieren \u2013 roh und direkt. Dieser Stil lag mir damals, da ich pers\u00f6nlich eine schwierige Zeit durchmachte. Meine Eltern hatten sich vor ein paar Jahren scheiden lassen und in mir schmerzte es noch. Ich konnte mich, was Verlust anging, sehr gut mit den Helden der deutschen Nachkriegsliteratur identifizieren.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Wir machen uns ja oft gerne gro\u00dfe Vorstellungen vom Anderen und Unbekannten. Auch Sie schw\u00e4rmten als junges M\u00e4dchen von Deutschland als dem \u201eLand meiner B\u00fccherhelden\u201c. Wie sah denn dann die Heimat Ihrer literarischen Idole tats\u00e4chlich aus?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Unterschiedlich. Das Land war nat\u00fcrlich nicht mehr so, wie ich es aus der Literatur kannte. Die durch den Krieg verursachte Zerst\u00f6rung und die Leiden waren schon l\u00e4ngst vorbei. Das wusste ich auch. Sowieso hatte ich mich viel eher auf der Gef\u00fchlsebene mit meinen Helden identifiziert als auf der kulturellen Ebene. Das Deutschland, dem ich begegnete, war sehr modern, aber auch sehr fremd.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> In Ihrer Autobiografie haben Sie Ihr endg\u00fcltiges Dissertationsthema nicht erw\u00e4hnt. K\u00f6nnen Sie es uns verraten?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Ich habe in meiner Dissertation \u00fcber die Arbeit geschrieben &#8211; ein Vergleich zwischen der Arbeitsethik in Deutschland und der in Kenia. Das ganze habe ich am Beispiel der deutschen und kenianischen Literatur festgemacht.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Wie Sie schreiben, hatten Sie in vieler Hinsicht eine schwere Kindheit und Jugend mit immer wieder wechselnden Bezugspersonen und Familienkonstellationen. Es war eine sozial komplizierte Umwelt, die dar\u00fcber hinaus noch wesentlich dramatischer wurde durch den raschen beruflichen Aufstieg und den noch j\u00e4heren Absturz Ihres Vaters, zu dem Sie auf Grund all dieser Komplikationen ein Leben lang ein gespanntes Verh\u00e4ltnis hatten. Empfanden Sie in Folge dieser teilweise schlichtweg traumatischen Familienverh\u00e4ltnisse eine gewisse Wahlverwandtschaft zu Deutschen Ihres Alters, deren Beziehungen zu ihrem eigenen Elternhaus vielleicht auf \u00e4hnliche Weise vom kollektiven Trauma der j\u00fcngeren deutschen Geschichte belastet waren?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: In diesem Zusammenhang kann ich mein Leben nicht mit dem eines Deutschen vergleichen. Ich glaube, jede Erfahrung, die man in seinem Leben macht, ist einzigartig und gilt nur f\u00fcr die entsprechende Person.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Nach der faschistischen \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c, wie die bis heute umstrittene These von Hannah Arendt lautet, ist journalistischen Legenden zufolge eine bundesrepublikanische Generation von sogenannten \u201eGutmenschen\u201c herangewachsen. Wie gut sind sie und was waren Ihre Erfahrungen mit ihnen?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Ich verallgemeinere ungern. In Deutschland habe ich unterschiedliche Menschen kennengelernt. Manche waren gut, andere nicht so gut. Das Schwierigste f\u00fcr mich war die Erfahrung, dass die Menschen nicht an meine schwarze Haut gewohnt waren. Ich wurde sehr viel angestarrt. Und bei manchen mischte sich dabei auch eine gewisse Ablehnung meiner Person. Mit dieser Angst vor dem Fremden, dieser negativen Konnotation des Wortes \u201aAusl\u00e4nder\u2018, kam ich nur schwer zurecht.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Sie haben l\u00e4ngere Zeit in Heidelberg, Bayreuth und Berlin gelebt. Was sind Ihre sch\u00f6nsten und was sind Ihre schlimmsten Erinnerungen an diese Zeit?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Es gibt keine isolierten, sch\u00f6nen oder schlimmen Erinnerungen an meine Zeit in diesen drei St\u00e4dten. Heidelberg war f\u00fcr mich ein Paradies des Lernens. Meine Studienzeit dort habe ich sehr genossen. Mein Lieblingsort war der Philosophenweg, hoch am Hang vom Berg. Man hat dort einen tollen Blick auf die Heidelberger Altstadt. Ich habe viele ruhige Stunden dort verbracht. Die Zeit in Bayreuth und Berlin habe ich als viel hektischer und unruhiger empfunden. Da hatte ich schon angefangen dar\u00fcber nachzudenken, was ich nun im Leben machen wollte. Ich hatte aber keine Antwort auf diese Frage und pendelte zwischen diesen beiden St\u00e4dten hin und her; zwischen einer akademischen (meine Dissertation) und einer kreativen Laufbahn (die Filmschule). Ich beherrschte auch gl\u00fccklicherweise schnell die deutsche Sprache und konnte mich gut behaupten. Schnell verschaffte ich mir einen Freundeskreis, in dem ich mich wohlf\u00fchlte.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>W\u00e4hrend Ihres elfj\u00e4hrigen Lebensaufenthaltes in England haben Sie auf Grund anderer Umst\u00e4nde wiederum ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie schreiben, um nur ein Beispiel zu nennen, dass Sie in der englischen Alltagsgesellschaft eine ausgepr\u00e4gte Geschlechtertrennung beobachteten, die Sie so in Deutschland nicht erlebt hatten. Worauf f\u00fchren Sie diesen gesellschaftlichen Unterschied zur\u00fcck?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Ich denke der Unterschied ist kulturell bedingt. So empfand ich es jedenfalls. Die englischen M\u00e4nner und Frauen schienen mir ziemlich getrennt von einander zu leben, wenn es um Geselligkeit ging. Die Geschlechter schienen sich unter ihresgleichen wohler zu f\u00fchlen. Es kann aber auch sein, dass mir das alles so fremd erschien, weil ich bis dahin nur eine Studentenkultur gekannt hatte, wo man zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied machte.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: V<\/strong>ergleicht man das ehemalige organisatorische Engagement Ihres Bruders in den \u00e4rmeren Wohnvierteln von Chicago mit Ihrer beruflichen Selbstverwirklichung in Nairobi im Bereich der organisierten Jugendarbeit, so dr\u00e4ngen sich Gemeinsamkeiten geradzu auf. Sie sind Geschwister eines ausgepr\u00e4gten gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins, das Sie allem Anschein nach mit Ihrem gemeinsamen Vater teilen. Sie schreiben, dass er nicht gewillt war, den Mund zu halten, wenn es galt, sich f\u00fcr die Wahrheit und die gerechte Sache einzusetzen. Ist er, der durch einen mysteri\u00f6sen, nie aufgekl\u00e4rten Verkehrsunfall fr\u00fch ums Leben gekommen war, heute Ihr menschlich-moralisches Vorbild?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Mein Vater war weniger mein Vorbild als die Motivation daf\u00fcr, immer mein Bestes zu geben und immer daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, woran ich glaube. Damals wusste ich noch nicht, in welche Richtung mein Leben f\u00fchren w\u00fcrde und ob ich die Arbeit machen w\u00fcrde, die ich jetzt mache.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Als Sie Ihren Bruder in Amerika auf seinem Wahlkampf begleiteten, begegneten Sie auch einem jungen Deutschen, der sich ein ganzes Jahr Auszeit genommen hatte, um sich als Wahlhelfer f\u00fcr Ihren Bruder einzusetzen. Wieso war gerade in Deutschland die Begeisterung f\u00fcr Ihren Bruder so gro\u00df?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Die Frage m\u00fcssen Sie den Deutschen stellen. Ich kann f\u00fcr sie nicht sprechen. Ich freue mich nur, dass sie an meinen Bruder geglaubt haben.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Inzwischen ist Ihr Bruder bereits im dritten Jahr Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika. Wollen Sie eine Zwischenbilanz ziehen?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Diese Frage m\u00fcssen Sie den Amerikanern stellen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Die Befreiung der Frau und das Gl\u00fcck der Liebe. Schon als freiheitsliebendes M\u00e4dchen hatten Sie mehrfach die schmerzliche Erfahrung machen m\u00fcssen, in einer ausgesprochen patriarchalen Kultur der m\u00e4nnlichen Vorherrschaft untergeordnet zu sein und im Scheidungsfall der Eltern dem v\u00e4terlichen Familienverband zugewiesen zu werden. In Ihrem Erwachsenenleben haben Sie Liebesverh\u00e4ltnisse explizit als Besitzverh\u00e4ltnisse kritisch reflektiert und dennoch immer wieder Ihre ganze emotionale Energie in die Beziehung mit einem geliebten Partner investiert. Sie schreiben: \u201eR\u00fcckhaltlos hatte ich mich ihm hingegeben.\u201c Wie ist eine freie, gl\u00fcckliche und nicht zuletzt gleichberechtigte Liebesbeziehung zwischen den Geschlechtern heute m\u00f6glich?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Eine freie, gl\u00fcckliche, gleichberechtigte Liebesbeziehung zwischen den Geschlechtern ist immer m\u00f6glich. Sie wird immer wieder erlebt. Letztendlich muss man den anderen als Menschen und als ebenw\u00fcrdigen Partner lieben. Ein guter Freund von mir sagt: Wenn es sich nicht nach Arbeit anf\u00fchlt, dann ist es die Liebe.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>\u201eDu erwartest zu viel von einem Mann\u201c, hatte Sie Ihre Mutter nach Ihrer zweiten zerbrochenen Liebesbeziehung gewarnt. Hatte sie Recht und gilt das auch f\u00fcr den Mann, der ebenfalls zuviel von der Frau erhofft? Erwarten wir, nachdem wir alle in unserer sch\u00f6nen, neuen Multimediawelt allzuviele melodramatische Liebesfilme voll seliger Augenblicke gesehen haben, letztendlich Unm\u00f6gliches von unseren Lebenspartnern?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Vielleicht erwarten wir das Falsche vom Lebenspartner. Mehr und mehr geht es um das Individuum \u2013 das Ich-Bezogene. Was will <em>ich<\/em>? Was macht<em> mich<\/em> gl\u00fccklich? Der Andere dient nur dazu, <em>mich<\/em> gl\u00fccklich zu machen. So suchen wir unsere Lebenspartner aus. Selten fragen wir uns, was der andere will und ob wir den anderen gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen. In dem Moment, wo wir das Gef\u00fchl haben, der Andere macht <em>mich<\/em> nicht gl\u00fccklich, haben wir keine Lust mehr und die Beziehung geht zu Ende. Der Egozentrismus ist ein gro\u00dfes Hindernis f\u00fcr die Liebe.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Willst in die Fremde du wandern, musst mit dem Liebsten du gehen. In dieser Abwandlung eines bekannten Gedichtes von Eichendorff h\u00e4tten Ihnen wohl Deutschland, England und Amerika als m\u00f6gliche Wahlheimaten offen gestanden. In welchem Land h\u00e4tten Sie sich Ihrem Gef\u00fchl und Ihrer Erfahrung nach wohl am ehesten selbst verwirklichen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama:<\/strong> In Deutschland. Dort ist es auch passiert.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Manche von uns Ausgewanderten, die einst der Liebe, der Wander- und Abenteuerlust oder auch nur den besseren Berufsm\u00f6glichkeiten in die Ferne gefolgt sind, f\u00fchlen sich heute hin- und hergerissen zwischen der Alten Welt und der Neuen Welt. Empfinden Sie manchmal \u00e4hnlich gemischte Gef\u00fchle zwischen Schwester Afrika und Bruder Amerika oder \u2013 um die so realen wie symbolischen Verh\u00e4ltnisse noch weiter zu komplizieren \u2013 zwischen Urmutter Afrika und Stiefvater Europa, dem einstigen Kolonialherrn Ihrer Heimat?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Ich glaube, ich bin inzwischen Weltb\u00fcrger geworden und f\u00fchle mich an vielen Orten zu Hause. Heimat ist f\u00fcr mich dort, wo meine Liebsten sind und die sind \u00fcberall auf der Welt zerstreut.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Sie haben lange in Deutschland und England gelebt, die Wahrnehmung des Anderen sowohl als Subjekt als auch als Objekt vielfach erfahren, dar\u00fcber zahlreiche Vortr\u00e4ge und Seminare gehalten und schlie\u00dflich auch einen Film \u00fcber dieses Thema gedreht. Hat aus Ihrer heutigen Sicht Multikulturalit\u00e4t in Europa eine wirkliche Chance oder hat es Amerika, wie schon Goethe meinte, auch heute in dieser Hinsicht besser?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama:<\/strong> Multikulturalit\u00e4t war nie eine Sache der Wahl. Die gibt es schon immer. Schon seitdem die Menschen Kriege f\u00fchren, die Welt auf Entdeckungsreisen umsegeln und in neuester Zeit aus Liebe, Wander- und Abenteuerlust oder auch wegen besseren Berufsm\u00f6glichkeiten auswandern. In Europa wie auch Amerika gibt es eine Vielfalt von Kulturen und Mischkulturen. Es gibt keine autonome Kultur. Multikulturalit\u00e4t ist eine Tatsache.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Die deutsche neo-expressionistische Malerin Elvira Bach hat sich in den achtziger und neunziger Jahren immer wieder als Afrikanerin portr\u00e4tiert und dergestalt ihre weibliche Vitalit\u00e4t imaginiert. K\u00f6nnen Sie sich mit solchen europ\u00e4ischen Phantasien vom Afrikanisch-Anderen identifizieren?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Nicht wirklich.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Liest man Ihre Autobiographie aus einer sozial- und kulturkritischen Perspektive, so kristallisiert sie sich immer wieder zu einer postkolonialen und postpatriarchalen Weltanschauung. Wie sehen Sie die Zukunft einer solchen postmodernen Welt?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Aus meiner Sicht als Afrikanerin hat die Zukunft sehr viel Potenzial und ist voller M\u00f6glichkeiten. In jeder Hinsicht ist alles m\u00f6glich und man darf sich nicht zur\u00fcckhalten.\u00a0 Insbesondere M\u00e4dchen und Frauen k\u00f6nnen sich heute viel mehr behaupten und verwirklichen. Ich m\u00f6chte nicht in einer anderen Zeit leben.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>\u00a0Die synkretistische Verschmelzung der Weltreligionen ist ein wesentliches Merkmal der New-Age-Philosophie. In Ihrer multikulturellen Familie sind alle drei abrahamitischen Weltreligionen vertreten. Ihre amerikanische Schwiegergmutter ist j\u00fcdischer Abstammung, Ihr amerikanischer Bruder ist christlichen Glaubens und Ihr \u00e4ltester Bruder ist zum Islam \u00fcbergetreten. Ich bin sicher, Sie und Ihre Gro\u00dfmutter Sarah, die von allen geliebte afrikanische Matriarchin Ihrer weitverstreuten Gro\u00dffamilie, haben auch noch allerlei Heilsames und Wunderbares aus Ihren eigenen uralten Traditionen beizusteuern. Wie vertragen sich denn all diese Weltreligionen, wenn sich Ihre Familie mal wieder zu einem interkontinentalen Hochzeits- und Familienfest trifft?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Die Vielfalt in meiner Familie hat dazu gef\u00fchrt, dass wir alle den verschiedenen Religionen sehr tolerant gegen\u00fcber stehen. Diese Vielfalt ist f\u00fcr uns auch nichts Besonders. Es geht viel mehr um den Charakter, daran wird man gemessen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Um noch einmal zum Ausgangspunkt Ihres autobiographischen Bildungsromans, zu Ihren deutschen \u201eB\u00fccherhelden\u201c, zur\u00fcckzukehren. Wie steht es heute mit dem Interesse an Deutschland, der deutschen Sprache und Kultur und den entsprechenden Studienangeboten in Kenia &#8211; und Afrika im Allgemeinen &#8211; im Vergleich zu Ihrer Studienzeit?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama:<\/strong> Ich kann leider nur spekulieren, dass es in Kenia noch viel Interesse f\u00fcr Deutschland und die deutsche Sprache gibt. In meiner jetzigen Arbeit habe ich weniger mit Studenten und Akademikern zu tun. Wobei ich jetzt wegen meiner Arbeit sehr viel in Deutschland bin. Ich habe Ende letzten Jahres meine Stiftung Sauti Kuu (Kiswahili f\u00fcr \u201cStarke Stimmen\u201c) in Deutschland registriert.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Sprache, vor allem Muttersprache, bedeutet ja immer auch Erinnerung, Zugeh\u00f6rigkeit und kulturelle Identit\u00e4t. Dieser Zusammenhang spiegelt sich auch in vielen Texten der deutsch-amerikanischen Zeitschrift TRANS-LIT2 wider. Ihrer deutschen Autobiographie zufolge sprechen Sie mindestens drei Sprachen flie\u00dfend. In welcher Sprache w\u00fcrden Sie, wenn Sie die Wahl h\u00e4tten, am liebsten Ihre Erfahrungen, Gef\u00fchle und Gedanken literarisch festhalten und verarbeiten?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama<\/strong>: Es kommt darauf an. F\u00fcr dieses Buch <em>Das Leben kommt immer dazwischen<\/em> ging es am leichtesten auf Deutsch. Das lag daran, dass ich meine wichtigsten Lebenserfahrungen in Deutschland machte. Meine Leser waren auch in erster Linie die Deutschen. Ich f\u00fchlte, dass sie sofort verstehen w\u00fcrden, wovon ich sprach. So habe ich das Buch so geschrieben, als w\u00fcrde ich ihnen meine Geschichte erz\u00e4hlen. Ein anderes Buch h\u00e4tte ich eventuell auf Englisch geschrieben. Damit will ich sagen, dass die Sprache sich an die Erfahrungen, Gef\u00fchle und Gedanken anpassen muss. So wird sie ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Wenn Sie ein oder zwei Gedichtzeilen oder Merkspr\u00fcche aus der deutschen Literatur und Kultur zitieren wollten, welche w\u00fcrden Sie w\u00e4hlen? Und vielleicht k\u00f6nnen Sie sie mit einer afrikanischen Lebensweisheit erg\u00e4nzen?<\/p>\n<p><strong>Auma Obama:<\/strong> Auf Anhieb f\u00e4llt mir aus der deutschen Literatur nichts Passendes ein. Daf\u00fcr habe ich aber neulich eine Weisheit vom Dalai Lama gelesen, die f\u00fcr unsere Zeit und die ewige Suche nach der gro\u00dfen Liebe ziemlich zutreffend ist: \u201eBedenke, dass die beste Beziehung die ist, in der jeder Partner den anderen mehr liebt als braucht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201c\u2018In Deutschland. Dort ist es passiert.\u201c \u00a0Gespr\u00e4ch mit Auma Obama anl\u00e4sslich ihrer deutschen Bestseller-Autobiographie Das Leben kommt immer dazwischen. 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