{"id":2714,"date":"2012-10-31T11:33:12","date_gmt":"2012-10-31T15:33:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2714"},"modified":"2012-10-31T11:34:59","modified_gmt":"2012-10-31T15:34:59","slug":"hellmuth-opitz-glossen-35","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-352012\/hellmuth-opitz-glossen-35\/","title":{"rendered":"Hellmuth Opitz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schulhof im August<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIm Schwitzkasten eines Mittags,<br \/>\nder seit Wochen das Mantra<br \/>\nleerer Stundenpl\u00e4ne murmelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die alte Platane nickt, schwer-<br \/>\nh\u00f6rig wie sie ist, nickt wieder ein<br \/>\nmit h\u00e4ngenden Schultern<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00fcber den Hausaufgaben der<br \/>\nSpinne, die dem Basketballkorb<br \/>\nein neues Netz n\u00e4hen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal ein Sog in der Luft,<br \/>\nwirbelt den Staub hoch, Bl\u00e4tter,<br \/>\nArbeitsbl\u00e4tter aus der Kreidezeit<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>der Angst, nicht weit von hier,<br \/>\nin der Ecke, wo wir Jungs standen<br \/>\nin den gro\u00dfen Pausen und<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>keinen anderen Stoff hatten<br \/>\nals das gleichschenklige Dreieck<br \/>\nder M\u00e4dchen. Hinter der T\u00fcr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zum Kiosk der Getr\u00e4nkeautomat:<br \/>\nDie k\u00fchlen Limonaden d\u00fcrsten<br \/>\nnach kleinen trockenen Kehlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Notaufnahme<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWie unsere Blicke basteln am TausendTeilePuzzle<br \/>\neines einzigen Sommertags. Am schwersten der Himmel<br \/>\nbei Tarragona, passgenau verfugt das Blaulicht<br \/>\nseinerzeit, als der Tankwagen durch die Leitplanken brach<br \/>\nund explodierte mitten auf dem Campingplatz:<br \/>\ndie aufgeschlagenen Zelte menschlicher Haut<br \/>\ngeschmolzenes Gest\u00e4nge, Planen, Schwebepartikel der Seele,<br \/>\nfehlende Erinnerungsteilchen, nein, kein Memory und heute:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>nur eine Notaufnahme am Strand, ein aufgegebenes Hospital,<br \/>\nskelettierte Geb\u00e4udefl\u00fcgel. Dort legst du an, Teilchen um<br \/>\nTeilchen, die abgeplatzten Kacheln der B\u00e4der, das glei\u00dfende<br \/>\nBesteck des Lichts, wie es sich in den Brustkorb des Foyers senkt,<br \/>\nfabelhafte Filmkulisse, ein Bild, mit dem du nicht fertig wirst.<br \/>\nHier noch ein Teilchen mit Gardinenfetzen, die dir zuwinken<br \/>\nund eine kleine Ungeduld lang siehst du die Reihe zerborstener<br \/>\nFensterscheiben: aufgerissene M\u00fcnder mit Schnappatmung.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Tiere sind unruhig<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWie sie in den St\u00e4llen gegen ihre Boxen schlagen:<br \/>\nGetrappel, kurzes Bellen, dann ein Jagen,<br \/>\nals habe sich ein Raubtier eingeschlichen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIm Hof summen schillernd gr\u00fcne Fliegen,<br \/>\nirgendwas muss doch da drau\u00dfen liegen,<br \/>\ndas fault um Knochen, ausgeblichen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDort treibt jemand eine Herde Abendwolken.<br \/>\nSchwarzbunte K\u00fche. Br\u00fcllend. Ungemolken.<br \/>\nHeut nacht, da werden Rechnungen beglichen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie Lichter flackern dr\u00fcben in der Villa.<br \/>\nIn den Stra\u00dfen wird es ganz allm\u00e4hlich stiller,<br \/>\nmal abgesehen von den Schreien, den gelegentlichen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie Messausschl\u00e4ge nehmen zu, die Nadeln zittern,<br \/>\ndie N\u00fcstern bl\u00e4hen sich, wenn sie das wittern.<br \/>\nDer Westen blutet wie aus tausend Messerstichen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nBewegungsmelder schlagen an, da kommt was entgegen:<br \/>\nIch schau hinaus ins Dunkel, in einen d\u00fcnnen Regen<br \/>\naus Gedankenstrichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Zeit zwischen den Jahren<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nTage, die nicht leben wollen und nicht sterben,<br \/>\ndie zerrieben werden zwischen B\u00e4uchen und Br\u00e4uchen,<br \/>\ndie letzten Kr\u00fcmel Licht in den Auslagen fr\u00fcher Nachmittage,<br \/>\nentt\u00e4uschte Gesichter, vom Umtausch ausgeschlossen,<br \/>\nTage, in denen Einkaufswagen herumstehen, die niemand<br \/>\nzur\u00fcckbringt, der Bahnhofsvorplatz ein Teller Milchreis<br \/>\nmit Zimt, die Streufahrzeuge kommen kaum durch, Tage,<br \/>\naus denen jede Erwartung, jeder Glanz gewichen ist,<br \/>\ndie letzten F\u00e4den Lametta in den Zweigen der ersten<br \/>\nentsorgten Tannenb\u00e4ume, Tage in Aufl\u00f6sung, wie alles<br \/>\nsich aufl\u00f6st, was niemand geh\u00f6rt, abgerissene Zeit,<br \/>\ngegen die nichts hilft, nur der Trost von Berber Relax,<br \/>\ndem t\u00fcrkischen Friseursalon, aus dem jetzt gerade<br \/>\neiner auf die Stra\u00dfe tritt, zehn Jahre j\u00fcnger,<br \/>\nden Nacken ausrasiert, die Zierleiste der Bartstoppeln<br \/>\nexakt geschnitten, tritt er hinaus, ein wenig Ordnung<br \/>\nin die Wildnis zu tragen und als er den Mantelkragen<br \/>\nhochschl\u00e4gt, dreht er sich um, wirft einen Blick zur\u00fcck<br \/>\nauf den Mann, der er eben noch war.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Vom spurlosen Verschwinden der Sehnsucht<\/em><\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIrgendwas musste passiert sein: Als der Konvoi<br \/>\nschwerer dunkler Wolken schlie\u00dflich vorfuhr,<br \/>\nhatten sich die Hortensien l\u00e4ngst ausgetobt<br \/>\nan der Hauswand, im Garten schwieg<br \/>\ndas nachl\u00e4ssig gespannte Volleyballnetz<br \/>\nzu den Vorg\u00e4ngen, nur die Terrassent\u00fcr<br \/>\nknarrte im Windzug hin und her.<br \/>\nAuf dem Tisch drau\u00dfen eine halbvolle<br \/>\nFlasche Wei\u00dfwein, darin zwei tote Wespen,<br \/>\nk\u00fchl beseitigte Augenzeugen.<br \/>\nW\u00e4hrend der Abend ausblutete,<br \/>\npritschten das Schreckliche und das Sch\u00f6ne<br \/>\nsich l\u00e4ssig einen unsichtbaren Ball zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schulhof im August &nbsp; Im Schwitzkasten eines Mittags, der seit Wochen das Mantra leerer Stundenpl\u00e4ne murmelt. &nbsp; Die alte Platane nickt, schwer- h\u00f6rig wie sie ist, nickt wieder ein mit h\u00e4ngenden Schultern &nbsp; \u00fcber den Hausaufgaben der Spinne, die dem Basketballkorb ein neues Netz n\u00e4hen muss. &nbsp; Manchmal ein Sog in der Luft, wirbelt den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":2534,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2714","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2714"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2714\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}