{"id":2819,"date":"2012-10-31T11:39:03","date_gmt":"2012-10-31T15:39:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2819"},"modified":"2022-09-07T16:25:24","modified_gmt":"2022-09-07T20:25:24","slug":"frederick-lubich-essay-glossen-35","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-352012\/frederick-lubich-essay-glossen-35\/","title":{"rendered":"Frederick A. Lubich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><strong>Transatlantischer Fragebogen: Aus den Erfahrungen deutschsprachiger Auswanderer \u2014 A Musical History Tour<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eHome is where the heart is\u201c (Lena Lovich)<\/p>\n<p>\u201e\u2018Amerika, du hast es besser\u2018- Hat Goethe immer noch recht?\u201c Das ist eine Frage, die in so manchen Texten der Zeitschrift <em>Trans-Lit2<\/em>, dem zweimal j\u00e4hrlich erscheinenden Journal der \u201eSociety for Contemporary American Literature in German\u201c (SCALG), immer wieder\u00a0 mitklingt.\u00a0 So beschlossen wir schlie\u00dflich im Sommer 2011 im Beirat und Vorstand der Vereinigung, einen Fragebogen mit dem gleichnamigen Titel an unsere Mitglieder zu versenden. Publikationsorgane wie die <em>Nordamerikanische Wochen-Post<\/em> und die \u201eAmerican Association of Teachers in German\u201c (AATG) haben ihn \u00fcber ihre Verteiler-Netzwerke weiter verbreitet. Da der Fragebogen auch deutschsprachige Einwanderer in L\u00e4ndern au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten zur Teilnahme ermunterte, gingen insgesamt 98 Antworten aus acht L\u00e4ndern ein, inklusive Irland, England, Frankreich, Griechenland, Malta, Israel, Argentinien und Nordamerika, wobei naturgem\u00e4\u00df die meisten Antworten &#8211; 90, um genau zu sein, &#8211; dem letztgenannten Land entstammen. Der Gro\u00dfteil der Teilnehmer ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ein ganz kleiner Teil von ihnen hat seine Herkunft aus anderen deutschsprachigen L\u00e4ndern mitgeteilt oder auch osteurop\u00e4ische L\u00e4nder genannt, aus denen sie als Kinder oder Jugendliche mit ihren Familien nach Deutschland eingewandert waren. Der Einfachheit halber werden daher alle Teilnehmer dieser Umfrage als deutsche oder deutschsprachige Auswanderer bezeichnet. Das Alter der Teilnehmer reicht von unter zwanzig bis \u00fcber Mitte neunzig und umspannt somit einen fast hundertj\u00e4hrigen Erlebnishorizont von rund vier Generationen. Im Folgenden sollen die Antworten auf den Fragebogen statistisch ausgewertet und ihre zahlreichen Kommentare durch repr\u00e4sentative Zitate dokumentiert werden. Auf diese Weise entsteht ein Mosaik der Meinungen, dessen Vielfalt im zweiten Teil des Essays in seinen kulturhistorischen Zusammenh\u00e4ngen entsprechend illustriert werden soll. Der dritte, abschlie\u00dfende Teil dieses Essays versucht, eigene Lebens- und Wandererfahrungen im weiteren Kontext familiengeschichtlicher Migrationsmuster zu skizzieren. Es ist eine Geschichte, in der sich, wie ich meine, auch die Erfahrungen meiner Generation vielfach brechen und widerspiegeln.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt wird diese kollektive Retrospektive durch zwei Interviews mit Ursula Mahlendorf und Auma Obama, Autorinnen zweier in j\u00fcngster Zeit erschienenen Autobiografien, die wesentliche Aspekte deutscher Geschichte und Gegenwart aus amerikanischer und afrikanischer Perspektive auf exemplarische Weise zur Darstellung bringen. W\u00e4hrend Mahlendorfs <em>The Shame of<\/em> <em>Survival.<\/em> <em>Working Through a Nazi Childhood<\/em> eine schonungslose Aufarbeitung darstellt, welche die fr\u00fche Verstrickung in den Nationalsozialismus als lebenslanges Trauma rekonstruiert, reflektieren Obamas Erinnerungen <em>Das Leben kommt immer dazwischen. Stationen einer Reise <\/em>\u00a0ihre Selbst- und Welterfahrungen in der Bundesrepublik, die wiederum durch ihre afrikanische Herkunft und amerikanische Verwandtschaft weitere multikulturelle und internationale Horizonte er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die wachsende Popularit\u00e4t autobiografischen Schreibens, die f\u00fcr die letzten Jahre bezeichend ist, repr\u00e4sentiert einen systemtatischen Paradigmenwechsel von der \u201eoral history\u201c zur \u201ewritten history\u201c. Dieser Trend zeichnet sich auch in <em>Trans-Lit2<\/em>-Texten sowie den vorliegenden Interviews ab. Was sie gemeinsam haben, ist die Reflexion der Nostalgie, und im Fall der Fragebogenantworten deutschsprachiger Auswanderer die mehr oder weniger gl\u00fccklichen Erinnerungen an pers\u00f6nliche und kollektive Geschichtserfahrungen. Im Zuge der Memorialkultur, die sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in Deutschland entwickelt hat, sind in den letzten Jahren auch mehr und mehr akademische Studien erschienen, die sich diesem Thema widmen. Stellvertretend seien hier nur zwei Beispiele aus j\u00fcngster Zeit genannt. Jennifer Kapczynskis Essay \u201eNegotiating Nostalgia: The GDR Past in Berlin Is in Germany and Good Bye, Lenin\u201c und Heidi Schlipphackes <em>Nostalgia After\u00a0 Nazism: History, Home, and the Affect in<\/em> <em>German and Austrian Literature and Film.<\/em> Die vorliegenden pers\u00f6nlichen Reminiszenzen und \u00a0kulturgeschichtlichen Exkurse sind ein integraler Bestandteil dieser nostalgischen Narrative.<\/p>\n<p>Fernweh und Heimweh, die Flucht vor und die Sehnsucht nach Heimat, diese widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchlswelt findet im Medium der Musik immer wieder ihren emotional gesteigerten Ausdruck. Ihre musikalische Energie ist Teil des Zeitgeistes, wie \u00fcberhaupt die Musikgeschichte die Quintessenz der Zeitgeschichte darstellt, da sich in ihr die Stimmen und Stimmungen einer Epoche auf kunstvolle und mannigfaltige Weise verdichten, um sich schlie\u00dflich im doppelten Sinne des Wortes in unseren gemeinsamen Musikerinnerungen aufzuheben. Dies gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr die erste Nachkriegsgeneration. Wie wohl keine andere Generation zuvor ist sie von einer internationalen Musikrevolution begleitet und inspiriert worden, die eine Vielzahl von kreativen Talenten und musikalischen Stilrichtungen hervorgebracht hat, angefangen von Rock, Reggae und Heavy Metal \u00fcber Punk, Disco und Techno bis zu Rap, Hip Hop und New Age, um nur die bekanntesten zu nennen. Von der Wiederentdeckung vergessener Musiktraditionen ganz zu schweigen. Ihre Texte und Melodien wurden f\u00fcr viele dieser Generation zu Lebensprogramm und Ersatzreligion. Ein Netz von Querverweisen auf exemplarische Melodien und Kompositionen bildet daher ein wesentliches Strukturprinzip dieser Ausf\u00fchrungen. In ihm finden die Leitmotive der Wanderschaft, der Fremde und Heimat nach dem musikalischen Modell des \u201eThemas mit Variationen\u201c ihre verschiedenen Reflektionen. Um unsere vier Auswanderergenerationen besser in ihrem zeithistorischen Zusammenhang zu verstehen, sollen entsprechend vier k\u00fcrzere, musikgeschichtliche Skizzen dieser transatlantischen Zeitreise vorausgeschickt werden. Es ist eine lange Reise mit schrecklichen Tiefen und herrlichen H\u00f6hen.<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\u00a0\u201eKlingende Heimat\u201c, so etwa lauten Rubriken in deutsch-amerikanischen Zeitungen, die ihren Lesern Lieder aus l\u00e4ngst vergangenen Jahrhunderten in Erinnerung rufen. Diese Lieder sind Teil des Volksliedguts, das viele noch aus ihrer Kindheit und Jugendzeit kennen m\u00f6gen. Als poetische Matrix dieser versunkenen Liederwelt k\u00f6nnte man Joseph von Eichendorffs emblematischen Vierzeiler ins Feld f\u00fchren:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen,<br \/>\ndie da tr\u00e4umen fort und fort,<br \/>\nund die Welt hebt an zu singen,<br \/>\ntriffst du nur das Zauberwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Viele dieser deutschen Lieder, die in der Romantik entstanden und gesammelt wurden, sollten Generationen sp\u00e4ter von marschierender Hitler-Jugend zerklampft und zerstampft werden. Selbst die sch\u00f6nsten von ihnen schienen danach zerschunden und verschandelt. \u201eKlagende Heimat\u201c w\u00e4re somit der geheime Subtext, der im Begriff der \u201eklingenden Heimat\u201c mehr oder weniger unterschwellig mitschwingt. Die Liedermacher der ersten Nachkriegsgeneration sollten diesen alten Liederschatz langsam wieder entdecken, auff\u00fchren und auch neu interpretieren. In diesem Sinn kann Eichendorffs musikalische Weltvorstellung auch als kulturelles Reflektionsmedium f\u00fcr die verschiedenen Lebenserfahrungen unserer vier Auswanderergenerationen dienen.<\/p>\n<p>Die \u00e4lteste Auswanderergeneration hat wahrscheinlich die wenigsten musikalischen Erinnerungen an die letzten Jahre der Weimarer Republik. Vielleicht noch ein paar nachklingende Radio-Melodien der Comedian Harmonists wie \u201eGib mir den letzten Abschiedskuss &#8230;\u201c mit dem sprechend doppeldeutigen Titel \u201eAuf Wiedersehen\u201c.\u00a0Diejenigen, die das Dritte Reich miterlebten, wollen sich wohl kaum an sein musikalisches Unterhaltungsprogramm erinnern, das schlie\u00dflich zum desperaten Durchhalteprogramm verkommen war. Bestensfalls noch an Lale Andersens \u201eLili Marleen\u201c oder \u201eEs wird einmal ein Wunder geschehen\u201c von Zarah Leander, dieser bezaubernden Walk\u00fcre aus dem nordischen Walhalla. Verruchte, r\u00fchrselige Reminiszenzen.<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 noch einen Koffer in Berlin\u201c k\u00f6nnte das Lied sein, das den zerrissenen oder \u00fcberaus gemischten Heimatgef\u00fchlen der aus dem Dritten Reich Geflohenen oder nach dem Krieg Vertriebenen und Ausgewanderten zum musikalisch gemeinsamen Nenner werden konnte. Durch die Interpretationen von Hildegard Knef und Marlene Dietrich ist es nach dem zweiten Weltkrieg \u00fcber die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die erste, nach dem Krieg geborene Generation gewannen Lieder wie \u201eBorn to Be Wild\u201c gr\u00f6\u00dfere Bedeutung. Wildgeborene Findelkinder w\u00e4ren viele dieser Generation gerne gewesen, die nichts zu tun haben wollten mit dem Land der V\u00e4ter und ihrer faschistischen T\u00e4ter. Zudem war John Kay, der S\u00e4ngers dieses aufbrausenden Protestsongs ein junger deutsch-kanadischer Rocker, dessen Band sich nach Hermann Hesses damaligem Kultroman <em>Steppenwolf<\/em> benannt hatte. Harry Haller, der verschl\u00fcsselt autobiographische Protagonist dieses Romans, hin- und hergerissen zwischen der Rolle des Bildungsb\u00fcrgers und des aufbegehrenden B\u00fcrgerschrecks, wurde dergestalt dieser rebellischen Generation zum heimatlichen Antihelden. Der Steppenwolf Song war vor allem als Soundtrack zu dem Kultfilm <em>Easy Rider<\/em> weltweit popul\u00e4r geworden. Mit dieser r\u00f6hrenden Melodie konnte man sich lautstark aus dem Staub machen, also das sprichw\u00f6rtlich Weite suchen, um sich irgendwo in der fernen Neuen Welt irgendwie neu zu erfinden. \u00dcber den Titel hinaus lieferte Hesses Roman auch das Kapitel vom \u201eMagischen Theater\u201c, das Timothy Leary, der Drogen-Druide der Flower-Power-Bewegung, im Stil der Beatles\u2019schen \u201eMagical Mystery Tour\u201c als psychedelischen Reisef\u00fchrer zum farbenfrohen H\u00f6henflug ins Regenbogenland des verhei\u00dfungsvoll am Horizont bereits heraufziehenden \u201eNew Age\u201c uminterpretierte.<\/p>\n<p>\u201eSometimes I feel like a motherless child a long way from home\u201d, so sang Richie Havens in Woodstock, und dieser inbr\u00fcnstige \u201eFreedom\u201c Song fand bei deutschen Steppenw\u00f6lfen besonders Anklang.\u00a0Zuhause f\u00fchlten sich diese Ahnenfl\u00fcchtlinge vor allem in der internationalen Rockmusik, die keine nationalen Fahnen kannte, zu denen man sich bekennen musste. Wenn man diese emotionalen Deserteure fragte, aus welchem Land sie k\u00e4men, so murmelten so manche von ihnen, sie seien \u201eEuropeans\u201c, und dies meistens mit einem schweren, verr\u00e4terischen Akzent. Manche dieser vaterlandsverleugnenden Europ\u00e4er kamen schlie\u00dflich aus jugendlicher Abenteuerlust oder vielleicht auch aus studentischem Wissendurst nach Amerika, andere wiederum folgten dem Gl\u00fccksversprechen einer transatlantischen Romanze und so manch eine oder einer von ihnen blieb schlie\u00dflich in ihren Banden h\u00e4ngen. Staatlicher Status: &#8220;Accidental Immigrant&#8221;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die revoltierenden 68er noch vorwiegend durch die Welt trampten, eroberten sich die schon recht akkommodierten 89er, die bereits im westlichen Wohlstand aufgewachsen waren, mit flotten Volkswagen ihre Umwelt und machten sich entsprechend als <em>Generation Golf<\/em> nach dem gleichnamigen Bestseller von Florian Illies einen trendigen Namen. Der Soundtrack dieser Generation war die &#8220;Neue Deutsche Welle&#8221;, und ihr ber\u00fchmtester und auch international \u00fcberaus erfolgreicher Hit war Nenas \u201e99 Luftballons\u201c aus dem Jahr 1983.\u00a0Der lockere Anfang dieses wohl allerletzten Popsongs der deutschen Baby-Boomer intoniert die neue deutsche Leichtigkeit, der sich rundum entfaltenden Spassgesellschaft, jedoch sein Schreckensende evoziert erneut die Schauer des Kalten Krieges und beschw\u00f6rt einmal mehr die schim\u00e4rische Horrorvision einer immer bedrohlicher erscheinenden Atomkatastrophe herauf. So entpuppt sich auch dieses Tr\u00e4llerlied letztendlich als sinistrer Retromix der urdeutschen, jahrhundertealte Angst vor der drohenden Apokalypse, diesmal akronymisch codiert als nahe bevorstehender GAU. Die wenige Jahre sp\u00e4ter sich ereignende Havarie des Kernkraftwerkes im ukrainischen Tschernobyl sollte diese Zukunfts\u00e4ngste, die im damaligen deutschen Jugendjargon auch unter dem bezeichenden Schlagwort \u201eno future\u201c bekannt geworden waren, nur allzusehr zu best\u00e4tigen. Die relative Sicherheit im fernen Amerika war da f\u00fcr Einwanderer mit mittel- und osteurop\u00e4ischem Hintergrund nur sehr wenig Trost.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Zeitenwende in dieser kontinentalen Angst kam mit dem <em>annus mirabilis, <\/em>dem Wunderjahr 1989, dem Fall der Berliner Mauer. Nina Hagens punkig pathetische Re-Interpretation von \u201eEs wird einmal ein Wunder geschehen\u201c entpuppte sich jetzt als beste <em>self-fulfilling prophecy<\/em> von Zarah Leanders melodramatischer Melodie. Jedoch der repr\u00e4sentative Sound zum historischen Mega-Event war der Blockbuster \u201eWind of Change\u201c von Scorpion, der international erfolgreichsten deutschen Heavy Metal Band.<\/p>\n<p>Die Berliner Love Parades mit ihren kunterbunten Umzugswagen, die in den 90er Jahren Millionen von feiernden Fans aus allen L\u00e4ndern Europas anzogen, verk\u00fcndeten und verk\u00f6rperten allj\u00e4hrlich immer schriller und spektakul\u00e4rer den triumphalen Siegeszug von Friede, Freiheit und Lebensfreude, in anderen Worten, das hedonistische Happening unserer sch\u00f6nen, neuen Vergn\u00fcgungswelt, und inszenierten damit auch gleichzeitig Francis Fukuyamas sensationellen Erwartungshorizont vom millennarischen \u201eEnde der Geschichte\u201c &#8211; ihre wirren Widerspr\u00fcche also ganz nach Hegel endlich dialektisch ausgepegelt. Damals w\u00e4ren wohl so manche der mehr oder weniger aus Versehen ausgewanderten \u201eEuropeans\u201c klammheimlich gerne f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit mal wieder in die alte Heimat und ihre wiedervereinte Hauptstadt zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngere und j\u00fcngste Generation unserer Auswanderer sind zum gr\u00f6\u00dferen Teil bereits in einem wiedervereinten Deutschland aufgewachsen. Zu ihnen geh\u00f6ren vor allem die \u201carmy brats\u201c deutsch-amerikanischer Liaisonen aus den letzten Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten der Vereinigten Staaten auf deutschem Boden, aber auch Kinder osteurop\u00e4ischer Aussiedler nach Deutschland, die als junge Erwachsene im Zuge der Westwanderung bald Richtung Amerika weiterzogen. Sie alle sind in einer politisch weiter erstarkten und \u00f6konomisch f\u00fchrenden Bundesrepublik gro\u00df geworden, die inzwischen sowohl als erhoffte Retterin wie auch als geschm\u00e4hte Verderberin der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsgemeinschaft im Mittelpunkt seiner wachsenden Wirtschaftskrisen und finanzstrategischen Kontroversen steht.<\/p>\n<p>Die st\u00e4ndig steigende Jugendarbeitslosigkeit in s\u00fcdeurop\u00e4ischen Regionen aber auch in anderen L\u00e4ndern hat in den letzten Jahren eine sogenannte \u201eGeneration Pr\u00e4kariat\u201c entstehen lassen, deren tr\u00fcbe Aussichten \u00a0f\u00fcr weitere Unruhen und sozialen Aufruhr sorgen. Ihre Frustrationen und Agressionen bringt wohl keine Band besser zum Ausdruck als <em>Rammstein<\/em>, der weltweite Vorreiter des deutschen Gothic Rock. Das gro\u00dfe Flugschau-Ungl\u00fcck \u00fcber dem amerikanischen Luftwaffenst\u00fctzpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz im Jahr 1988 hat dieser Gruppe ihren omin\u00f6sen Namen gegeben. Ihre d\u00fcsteren Texte, dr\u00f6hnenden Rhythmen samt der Grabesstimme ihres grimmigen Frontmanns sowie ihr pyrotechnisches Furore fungieren gewisserma\u00dfen als g\u00f6tterd\u00e4mmerndes Menetekel, dass unseren post-industriellen Konsumkulturen mit ihren High Tech-Finessen und \u00f6kologischen Desastern ein fulminantes Finale gesetzt sein k\u00f6nnte. Ihre Schock- und Schauerlieder haben dann auch <em>Rammstein<\/em> in den letzten Jahren zur popul\u00e4rsten Rockband dieser prek\u00e4ren Generation aufsteigen lassen. Auf diese Weise haben sie uns nicht nur weltweit eine Heerschar zus\u00e4tzlicher Deutsch-Studierender beschert, sie haben auch dem meinungsbildenden Establishment inklusive der <em>New York Times<\/em> das gro\u00dfe F\u00fcrchten gelehrt.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit widmete dieses journalistische Flaggschiff des amerikanischen Journalismus dem Ph\u00e4nomen <em>Rammstein<\/em> ein halbseitiges Feature, das mit Hilfe bescheidenster Deutsch-Kenntnisse zu der Erkenntnis gelangte, dass es sich bei dieser teutonischen Rasselbande nur um eine explizite Neo-Nazi-Truppe handeln k\u00f6nne: \u201eDu hast\u201c \u2014 \u201eyou hate\u201c \u2014 and the rest got lost in translation. (Dieses sprachliche Missverst\u00e4ndnis blieb nicht unwidersprochen, doch die Redaktion hat nie auf meinen Korrekturvorschlag reagiert).<\/p>\n<p>\u201cWe will bury you\u201d, lautete \u00e4hnlich falsch die \u00fcberst\u00fcrzte \u00dcbersetzung von Nikita Chruschtschows russischem Sprichwort in seiner ber\u00fcchtigten Brandrede, mit der er den UN-Delegierten in New York einst Angst und Schrecken eingejagt hatte. Es kam dann doch noch anders. Nach dem endg\u00fcltigen Zusammenbruch des marxistischen Staatskommunismus in Ost-Europa entfaltete sich allerdings die freie Marktwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu einem darwinistischen Wildwest-Kapitalismus, in dessen internationalen Konkurrenzk\u00e4mpfen die sozialen Mittelschichten mehr und mehr auf der Strecke zu bleiben drohen. Die \u00f6konomischen Chronisten der Neuen Welt sind sich einig, dass das amerikanische Zeitalter der \u201eGreat Prosperity\u201c (1947-1977) von einem Zeitalter der \u201eGreat Regression\u201c (1980 &#8211; heute) abgel\u00f6st wurde, dessen Ende nicht abzusehen ist. Der russische Emigrant und amerikanische Autor Gary Shteyngart hat dieses sich verdunkelnde Bild vom einstigen Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten in seinem j\u00fcngsten Roman <em>Super Sad True Love Story<\/em> am Beispiel von New York City belletristisch dargestellt. Und selbst wenn sich \u00e4ltere Generationen \u00f6konomisch mehr oder weniger sicher f\u00fchlen m\u00f6gen, die dramatischen Fluktuationen der internationalen Aktienm\u00e4rkte k\u00f6nnen immer wieder zur globalen Instabilit\u00e4t des weltwirtschaftlichen Gef\u00fcges f\u00fchren, deren Auswirkungen sich letztendlich niemand ganz entziehen kann. Alte Welt und Neue Welt, \u201eAmerican Dreams\u201c und \u201eEuropean Dreams\u201c k\u00f6nnen auf diese Weise wohl oder \u00fcbel schnell zu weltweiten (Alp-) Tr\u00e4umen werden, oder wie einer der bekanntesten Lieder auf <em>Rammsteins<\/em> Album <em>Reise, Reise<\/em> so augurisch wie ambivalent verk\u00fcndet: \u201eWe\u2019re all living in America\u201c \u2014 Koffer hin oder her.<\/p>\n<p>Wie angekommen und gl\u00fccklich, wie integriert und assimiliert sind nun also unsere Ausgewanderten? Der Fragebogen \u201eAmerika, du hast es besser\u201c versuchte darauf in 30 Fragen entsprechende Antworten zu finden. Der Tatsache folgend, dass \u00e4ltere Menschen mehr Mu\u00dfe und Motivation haben, sich mit R\u00fcckblicken und Lebenserinnerungen zu besch\u00e4ftigen, ist dann auch rund die H\u00e4lfte der Teilnehmer an dieser Umfrage \u00fcber 65 Jahre alt. Von der anderen H\u00e4lfte stellen die Vertreter der ersten Nachkriegsgeneration das gr\u00f6\u00dfte Kontingent, und diese Generation hat auch, was das Auswanderergep\u00e4ck angeht, weit mehr als nur einen symbolischen Koffer in der alten Heimat, wie sich zeigen wird. Wie in allen demografischen Erhebungen werden Antworten auf emotional aufgeladene Fragen oft auch vom Wunschdenken und Abwehrverhalten der Befragten mitbestimmt. Dieser Fragebogen bildet keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Doch auch die Summe subjektiver Daten kann ein relativ objektives Bild von der Wunsch- und Wirklichkeitswelt der Befragten geben.<\/p>\n<p>In der Errechnung der Prozents\u00e4tze wurden auf der Bewertungsskala von 1-7 die Zahlen 1 und 2 als negativ, 3, 4 und 5 als neutral und 6 und 7 als positiv gewertet, wobei die jeweiligen Prozentzahlen auf die Stelle vor dem Komma entsprechend ab- oder aufgerundet wurden. Da eine vollst\u00e4ndige Darstellung und Auswertung der Daten den hier gebotenen Rahmen bei weitem sprengen w\u00fcrde, sollen im Folgenden lediglich die repr\u00e4sentativsten Antworten statistisch ausgewertet werden. (Vielleicht kann ein k\u00fcnftiges SCALG-Archiv sp\u00e4teren Interessenten die Fragebogen-Korrespondenz zur weiteren Einsicht und Auswertung zur Verf\u00fcgung stellen).<\/p>\n<p>Die erste Frage \u201eAuf welcher Seite sind Sie, wenn Ihre neue Heimat in einer Weltmeisterschaft gegen ihre alte Heimat spielt\u201c beantworteten 26% mit der Parteinahme f\u00fcr die alte Heimat, wobei die j\u00fcngste Generation, welche die letzte und nun schon bald legend\u00e4re Fu\u00dfballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland noch vor Ort miterlebt hatte, den h\u00f6chsten Prozentsatz stellte, w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dfere Teil der Befragten sich in ihrer Antwort f\u00fcr neutral erkl\u00e4rte. Was sportliche Heimattreue angeht, so kann von den \u00e4ltesten Auswanderern wohl niemand Henry Kissinger, dem einstigen amerikanischen Au\u00dfenminister deutsch-j\u00fcdischer Abstammung, das Wasser reichen. Die Anh\u00e4nglichkeit dieses ehemaligen Weltpolitikers an seinen SpVgg Greuther F\u00fcrth ist in ihrem Lokalpatriotismus so erstaunlich wie unglaublich angesichts der geschichtlichen Hintergr\u00fcnde seiner Auswanderung.<\/p>\n<p>Auf die Frage nach den Beweggr\u00fcnden f\u00fcr die Emigration gab es eine Vielzahl pers\u00f6nlicher und famili\u00e4rer sowie politischer und \u00f6konomischer Konstellationen, sodass sich insgesamt ihre Beantwortung rein statistisch betrachtet, nur sehr schwer bewerkstelligen lie\u00df. Die Frage #5 \u201eW\u00e4ren Sie lieber in Ihrer neuen Heimat geboren und aufgewachsen\u201c beantworteten 7% positiv und 67% negativ. Diese hohe Zahl nimmt nicht Wunder, ist doch die Herkunft allen denkbaren Widrigkeiten zum Trotz der magische Ort, \u00fcber den deutsche Dichter und Denker immer wieder nachgedacht haben. \u201eAllem Anfang wohnt ein Zauber inne\u201c, so beginnt Hesses emblematisches Sinngedicht \u201eStufen\u201c. Und Ernst Bloch, der deutsch-j\u00fcdische Philosoph der Frankfurter Schule und einer der wenigen geistigen Vaterfiguren der 68\u2019er Generation, hat ihr folgendes R\u00e4tsel \u00fcber die Herkunft ins Stammbuch geschrieben: \u201eSo entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage #6 \u201eSind Sie dem (amerikanischen) Traum der Freiheit und der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten gefolgt\u201c beantworteten 28% positiv und 43% negativ. Die Frage #7 \u201eGlauben Sie, dass Sie sich in Ihrer neuen Heimat besser verwirklichen k\u00f6nnen\/konnten als in Ihrer alten Heimat\u201c beantworteten 58% positiv und 15% negativ. Die Antworten auf die Fragen #9 &#8211; #11, welche die zweisprachige Erziehung der eigenen Kinder betreffen, ergaben naturgem\u00e4\u00df ein schwer quantifizierbares Bild, es bekundeten jedoch ausnahmslos alle Befragten, dass es w\u00fcnschenswert sei, Kinder, wenn m\u00f6glich, zweisprachig zu erziehen. Die Frage #15, ob sie Vorurteilen gegen\u00fcber ihrer Abstammung begegnet seien, bejahten 42% und verneinten 37% der Befragten. Dabei reicht die Skala deutscher Stereotypen von Flei\u00df, Disziplin und P\u00fcnktlichkeit \u00fcber Sturheit, Arbeitswut und Humorlosigkeit bis zu den \u00fcblichen Nazi-Klischees. Die Frage #16 \u201eHat die Geschichte des Dritten Reiches Ihre nationale Identit\u00e4t gepr\u00e4gt\u201c beantworteten 51% mit ja und 26% mit nein. Die Frage #20 \u201eSind Sie insgesamt gl\u00fccklich, in Ihrer neuen Heimat zu leben\u201c, beantworteten 71% positiv und 6% negativ. Auf die Frage #24 \u201eHat sich Ihrer Meinung nach Ihre alte Heimat seit Ihrer Auswanderung zum Besseren entwickelt\u201c, antworteten 46% mit ja und 13% mit nein. Im Vergleich dazu wurde die Frage #25 \u201eHat sich Ihrer Meinung nach Ihre neue Heimat seit Ihrer Einwanderung zum Besseren entwickelt\u201c von 12% der Befragten mit ja und 36% mit nein beantwortet. Auf die Frage #27 \u201eHalten Sie sich weiterhin regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Entwicklungen in den deutschsprachigen L\u00e4ndern auf dem Laufenden\u201c, antworteten 88% mit ja und 0% mit nein.<\/p>\n<p>\u201eViele der Fragen gehen ganz sch\u00f6n an die Leber\u201c, schrieb eine Teilnehmerin an der Umfrage. In diesem Sinne haben zahlreiche Teilnehmer eine Reihe von Fragen mit weiteren Kommentaren, wenn nicht gar mit zum Teil seitenlangen Betrachtungen und Erinnerungen erg\u00e4nzt. Sie reichen von Reminiszenzen an die Berliner Balettschule samt Stippvisite der \u201einfamous Leni Riefenstahl\u201c \u00fcber regelrechte Konfessionen aus einer gescheiteren Ehe mit einem amerikanischen Soldaten bis hin zu Reflexionen zu aktuellen Ereignissen und pers\u00f6nlichen Empfindungen. Im Folgenden sollen diverse Antworten zu exemplarischen Themenkomplexen zusammengefasst werden.<\/p>\n<p>Sprachgewinn und Sprachverlust: \u201eMein Englisch brach deutsche Schallgrenzen auf \u2014 mehr Spass am Spiel mit der Sprache ist die Folge.\u201c \u2014 \u201e\u2018Fraglos\u2018 ist man in keiner Sprache mehr zu Hause.\u201c \u2014 \u201eNoch heute klingt ein \u2018Ich liebe dich\u2018 tiefer als ein \u2018I love you\u2018.\u201c &#8211; \u201eIm kreativen Bereich bevorzuge ich Deutsch, da die Sprache ausdrucksvoller und bildhafter ist. Im professionellen Bereich (z.B. Mathematik \/ Wirtschaft) schreibe ich lieber auf Englisch.\u201c &#8211; \u201eMir fehlt meine Muttersprache. Und h\u00f6re ich Deutsch, dann ist es meistens das Radebrechen unserer amerikanischen Studenten\u201c. Wer z\u00e4hlt da noch die zahllosen weiteren Missverst\u00e4ndnisse, wenn linguistische Feinheiten und kulturelle Unterschiede immer wieder im allt\u00e4glichen deutsch-amerikanischen Kauderwelsch untergehen?!<\/p>\n<p>Emigration und Interkulturalit\u00e4t: Es ist vor allem die erste Nachkriegsgeneration, die noch tiefe, pers\u00f6nliche und kulturelle Wurzeln in Deutschland hat. Ihnen ist ihr nationaler Zwischenstatus besonders bewusst, wie Antworten diverser Teilnehmer immer wieder zeigten: \u201eAls Emigrant lebt man zwischen den Kulturen.\u201c \u2014 \u201eMan sitzt st\u00e4ndig zwischen den St\u00fchlen.\u201c \u2014 Mein Herz schl\u00e4gt geteilt f\u00fcr Alaska (nicht f\u00fcr die USA) und Deutschland, allerdings mit einem extra Schlag f\u00fcr Deutschland.\u201c \u2014 \u00a0\u201eIch bin halb dr\u00fcben und halb hier, und daher nirgendwo richtig.\u201c \u2014 \u201eDieses Zwitterdasein [&#8230;] ist das Faszinierende und Befreiende.\u201c \u00a0\u2014 \u00a0\u201eOhne die neue Heimat w\u00e4re ich anders\u2014 mit Sicherheit beschr\u00e4nkter.\u201c Und ein anderer aus dieser Generation schrieb von der \u201etransatlantischen Verdoppelung meiner Lebenserfahrung.\u201c Eine Vertreterin der j\u00fcngsten Generation, die als Deutsch-Russin ihre Kindheit noch in der zerfallenden Sowjetunion und ihre Jugend in der Bundesrepublik verbracht hatte, meinte: \u201eIch versuche immer noch herauszufinden, ob Amerika auch meine Heimat ist, wie Deutschland und Usbekistan\u201c. Ein Vertreter der \u00e4lteren Generation fasste die allgemeinen Erfahrungen der Interkulturalit\u00e4t letztlich treffend zusammen, wenn er feststellte: \u201eEigentlich ist mir das Doppeldasein sehr recht.\u201c<\/p>\n<p>Neue Welt &#8211; Traum und Wirklichkeit: An Amerika werden immer wieder Aspekte wie Mobilit\u00e4t, Flexibilit\u00e4t, gr\u00f6\u00dfere Freiheiten, bessere Berufsm\u00f6glichkeiten, sowie Offenheit und Freundlichkeit der Menschen und <em>last but not least<\/em> die Weite des Landes hervorgehoben. Repr\u00e4sentativ f\u00fcr die \u00e4lteste Generation der Emigranten, den Exilanten des Dritten Reiches, ist sicherlich der folgende, geradezu schon klassische Ausspruch: \u201eIch suchte einen Hafen w\u00e4hrend eines t\u00f6dlichen Sturms.\u201c F\u00fcr die nachfolgenden Auswanderer, die in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren Deutschland verlie\u00dfen, ist im Gro\u00dfen und Ganzen die folgende Zusammenfassung bezeichnend: \u201eAmerika war und ist sehr gut zu mir.\u201c Bei den J\u00fcngeren findet sich schon mal ein kritischeres Beiwort wie etwa \u201eamerikam\u00fcde\u201c<\/p>\n<p>Alte Welt &#8211; Erinnerung und Wirklichkeit: Unter den genannten Vorteilen der alten Heimat rangieren ganz oben staatlichen Einrichtungen wie \u00f6ffentliche Verkehrsmittel, das Gesundheitswesen, die Altersversorgung und Arbeitslosenunterst\u00fctzung. Demgegen\u00fcber gab allerdings auch eine vor wenigen Jahren Eingewanderte, die in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen war, zu bedenken, dass in Amerika der Staat verglichen mit Deutschland \u201eweniger als soziale H\u00e4ngematte missbraucht wird.\u201c Des weiteren erinnerten sich die \u00e4lteren Generationen der Ausgewanderten auch immer wieder gern an die altheimatliche \u201eGem\u00fctlichkeit\u201c, \u201erichtiges Brot\u201c, \u201eRoggenbrot\u201c, \u201edie alte Baukunst\u201c, \u201eSch\u00f6nheit der St\u00e4dtchen und D\u00f6rfer\u201c sowie \u201eLandschaft und Natur: die Wanderungen durch den deutschen Wald.\u201c J\u00fcngere Generationen vermissten unter anderem \u201estabile Leitz-Ordner\u201c, den \u201edeutschen Kulturbetrieb, vor allem deutsche Buchhandlungen und Fernsehprogramme wie <em>Das Literarische Quartett<\/em> oder <em>Titel, Thesen, Temperamente<\/em>, des weiteren Deutschlands fortschrittliches \u201eUmweltbewusstsein\u201c, seine \u201eintellektuelle Streitkultur\u201c, sein differenziertes Parteiensystem, das gr\u00f6\u00dfere politische Engagement der B\u00fcrger und \u2014 zur Abwechslung auch mal umgekehrt \u2014 die deutsche Freiheit von der zwangsweisen Erfahrung in Amerika, \u201ebei jedem Gottesdienst sofort \u201agekrallt\u2018 zu werden.\u201c \u00c4hnliches Aufatmen bekundete eine andere Ausgewanderte angesichts der deutschen Au\u00dfenpolitik: \u201eIch mag auch, dass sich Deutschland nicht z\u00e4hnefletschend in alle m\u00f6glichen Konflikte st\u00fcrzt.\u201c Als weitere Vorz\u00fcge des deutschsprachigen Kulturkreises wurden dar\u00fcber hinaus immer wieder seine Integration in die anderen europ\u00e4ischen Kulturlandschaften und deren Reichtum an verschiedenen K\u00fcchen, Sprachen und Traditionen hervorgehoben. Zusammenfassend sollen zwei Stimmen der j\u00fcngsten Auswandergeneration zu Wort kommen: \u201eObgleich die USA als das Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten beschrieben wird (&#8230;) glaube ich immer noch, dass meine deutsche Erziehung mich meinen Zielen n\u00e4her gebracht hat.\u201c Und eine andere, die selbst schon zwei Heimaten in verschiedenen L\u00e4ndern hinter sich hat, beschlie\u00dft ihre l\u00e4ngeren Betrachtungen mit einem Zitat von Herta M\u00fcller, die bekanntlich in Sachen Heimat besonders bewandert ist: \u201eDie Heimat ist das, was man vermisst, wenn man nicht mehr da ist.\u201c<\/p>\n<p>Wir alle m\u00f6gen in Amerika leben, wie <em>Rammstein<\/em> rumort, aber das hei\u00dft nicht, dass jeder der Emigranten hier ganz angekommen ist. Das gleiche gilt f\u00fcr Millionen von Immigranten in Deutschland. Diesbez\u00fcglich setzt sich in j\u00fcngeren Zeit die Einsicht durch, dass Integration und nicht mehr Assimilation das Nahziel der Migrationspolitik sein sollte. Infolgedessen bezeichnet man in Deutschland Migranten auch zunehmend als Integranten. Eine ihrer wesentlichen Merkmale ist wohl die regelm\u00e4\u00dfige Lekt\u00fcre von Zeitschriften aus der alten Heimat, beziehungsweise das Surfen entsprechender Internet-Portale. Was den einen der <em>H<\/em><em>\u00fc<\/em><em>rriyet,<\/em> das ist den anderen der <em>Spiegel<\/em>, in deren Reportagen und Homepage-Foren sie sich ihrer pers\u00f6nlichen, emotional-nationalen Identit\u00e4t versichern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eWas du ererbt von deinen V\u00e4tern hast, erwirb es, um es zu besitzen\u201c, so beginnt Goethes paternal-nationales Glaubensbekenntnis, das schlie\u00dflich vom Dritten Reich und seinem F\u00fchrer f\u00fcr die Nachgeborenen gr\u00fcndlich ad absurdum gef\u00fchrt wurde. Dieses geschichtliche Verm\u00e4chtnis wirft \u2013 es war kaum anders zu erwarten \u2013 einen langen Schatten vor allem auf seine erste Nachkriegsgeneration. So schrieben diverse Vertreter dieser Altersgruppe: \u201eDie Skala der Vorurteile reichte vom Linksradikalismus zum Faschismus\u201c. Eine Zweite schrieb: \u201eMeine deutsche Identit\u00e4t [war] vorerst eine Anti-Identit\u00e4t [&#8230;] Im Ausland als Jugendliche sch\u00e4mte ich mich\u201c. Ein Dritter sekundiert: \u201eMein ganzes Leben, meine Kultur werden auf diese 12 Jahre reduziert\u201c und ein Vierter brachte die \u201eFlucht vor der Nationalsozialismusschuld\u201c als Mitgrund f\u00fcr seine Auswanderung in Anschlag. So wird die einst im Nachhinein gern beschworene \u201eInnere Emigration\u201c so mancher V\u00e4ter zur \u201e\u00e4u\u00dferen Emigration\u201c der S\u00f6hne.<\/p>\n<p>Doch entpuppt sich dieses Unterfangen nicht selten als ein Auswandern vom deutschen Regen in die amerikanische Traufe. Eine weitere der Befragten, die in der DDR geboren und aufgewachsen war, schrieb, dass sie amerikanischen Vorstellungen begegnet sei, denen zufolge Deutsche geradezu \u201emit Nazi-Genen geboren\u201c seien. Ein anderer Deutscher dieser Generation, selbst russisch-j\u00fcdischer Abstammung und Autor einer in Deutschland wie Amerika bekannten Studie \u00fcber deutsche Vorurteile gegen\u00fcber Amerika, best\u00e4tigte die g\u00e4ngigen Klischees von Deutschen einmal mehr als \u00a0\u201eordnungsbesessen [&#8230; und &#8230;] zutiefst irgendwo noch Nazis\u201c. Es sollte in diesem Zusammenhang allerdings nicht vergessen werden, dass Amerikaner auch vielfach positive Vorstellungen von Deutschen und ihren Eigenschaften haben, wie verschiedene Antworten auf diese Fragen immer wieder zeigten. Dass sich darunter auch peinliches Lob mischt, das normale Deutsche nur beleidigen kann, ist freilich ebenso bekannt. Haben wir nicht alle schon zu h\u00f6ren bekommen, dass man so deutsch, beziehungsweise undeutsch w\u00e4re, wobei dann immer noch nicht unbedingt klar sein muss, ob dies nun gut oder schlecht gemeint sei. So bleibt denn f\u00fcr so manchen Auswanderer die \u201eFlucht\u201c vor der deutschen Vergangenheit sowie der weitere Lebenslauf in Amerika ein regelrechtes Hindernisrennen, das denn auch eine andere Stimme zu diesem Thema entsprechend anschaulich beschrieben hat: \u201eDie Assoziation mit den Nazis ist einem auf alle F\u00e4lle ein Klotz am Bein.\u201c Und so schlussfolgerte eine andere Ausgewanderte, die selbst noch in den letzten Kriegsjahren geboren ist: \u201eImmer und ewig die Nazi-Sache.\u201c<\/p>\n<p>Dass auch noch die Kinder und inzwischen die Kindeskinder dieser ersten Nachkriegsgeneration mit diesem geschichtlichen Hemmklotz ins Leben ziehen, ist ebenfalls eine gen\u00fcgsam bekannte Tatsache. Einer der j\u00fcngsten Deutsch-Amerikaner unter den Befragten, der erst seit wenigen Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, machte die Feststellung: \u201eAuch scheinen viele Menschen, die in den USA leben, davon auszugehen, dass es in Deutschland noch immer viele Nazis gibt.\u201c In diesem Sinne bekommt auch eine deutsch-amerikanische Studentin der Internationalen Studien \u201emeistens negative Klischees \u00fcber historische Erinnerungen\u201c zu h\u00f6ren, so als w\u00e4re die heutige Bundesrepublik nur ein Kulissenstaat f\u00fcr das innere, ewige \u201eNazi-Deutschland\u201c. Unsere so enttarnte Nazi-Nachfahrin kontere, wie sie schrieb, derartige Gleichschaltungen in der Regel mit dem Satz \u201eNicht meine Generation\u201c. Auf \u00e4hnliche Weise protestieren freilich auch moderne Christen nun schon seit mehreren Generationen gegen den Fluch ihrer alttestamentarisch beglaubigten Urs\u00fcnde, die bekanntlich das \u00e4lteste und immer noch am weitesten verbreitete Vorurteil der westlichen Zivilisation darstellt.<\/p>\n<p>Diese Weltbilder nationaler Stereotypen und religi\u00f6ser Stigmata erreichen in den Erfahrungen Robert Schopflochers, der mit seiner Familie in den drei\u00dfiger Jahren nach Buenos Aires ausgewandert war, eine weitere Steigerung. Er ist ebenfalls ein vielfach ausgezeichneter Sohn F\u00fcrths, des einstigen fr\u00e4nkischen Jerusalems, der sich als argentinischer Schriftsteller deutscher und spanischer Sprache in Deutschland wie in Lateinamerika einen bekannten Namen gemacht hat. Auf die Frage des Fragebogens, ob er in der neuen Heimat Vorurteilen begegnet sei, antwortete er: \u201eAls Deutscher: Nein. Als Jude: Ja.\u201c<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Der Wandernde Jude und der Wandernde Deutsche: Zwei V\u00f6lker auf Sonderwegen durch die Weltgeschichte. M\u00f6glicherweise schon seit der Babylonischen Gefangenschaft der Israeliten und ihrem Auszug aus dem Alten \u00c4gypten, doch sicherlich sp\u00e4testens seit der Zerst\u00f6rung ihres Tempels in Jerusalem 70 A.D. und ihrer folgenden Zerstreuung \u00fcber ganz Europa ist das j\u00fcdische Volk als Wandervolk in die Weltgeschichte eingegangen. Nahezu zweitausend weitere Jahre war es immer wieder auf der Flucht vor Verfolgung und auf der Suche nach sicherer Heimat. Ihr geschichtliches Schicksal wurde zur Vorlage zahlloser Kunstwerke in der abendl\u00e4ndischen Kulturgeschichte und erreichte im neunzehnten Jahrhundert in Verdis Oper <em>Nabucco<\/em> einen melodramatischen H\u00f6hepunkt. \u201eO mia patria sie bella e perduta\u201c, so schwillt der Chor der Gefangenen, dessen Kl\u00e4nge die uralten Klagen des j\u00fcdischen Volkes und seine Sehnsucht nach Freiheit so ergreifend rekapitulieren, als wollten sie auch schon die Schauer der heraufziehenden Shoah ahnungsvoll mitantizipieren. Auf diese Weise wird Verdis Chor geradezu zum canto ostinato f\u00fcr das Schicksal aller verfolgten V\u00f6lker des kommenden, so v\u00f6lkerverfolgungsw\u00fctigen Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Wie anders verlief im Vergleich zur j\u00fcdisch-israelischen Geschichte die deutsch-germanische Geschichte, doch die Erfahrung der Wanderschaft haben beide V\u00f6lker auf mannigfaltige Weise gemeinsam. Seit dem Sturm der Kimbern und Teutonen durch das R\u00f6mische Reich im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung haben sich auch die Germanen immer wieder als rast- und ruheloses Wandervolk einen Namen gemacht. Wenige Jahrhunderte sp\u00e4ter zogen sie als erobernde Goten in den Westen und Osten des R\u00f6mischen Reiches, als ber\u00fcchtigte Wandalen gr\u00fcndeten und pl\u00fcnderten sie Reiche bis hinunter nach Al-Andalus und den Maghreb, immer der Sehnsucht nach dem S\u00fcden folgend. Im staufischen Hochmittelalter zogen sie als Ritter und Siedler und sp\u00e4ter als Handwerker und Kaufleute ins Reich der Zaren. Dort w\u00e4hnten sie lange vor Amerika das weite Land der besseren M\u00f6glichkeiten. Schon diese Ostlandfahrer trieb eine Art fernselige Ostalgie, in der die \u201edeutsche Seele\u201c das Land der \u201erussischen Seele\u201c suchte, immer dem dunklen Drang nach Osten folgend, dem Licht der aufgehenden Sonne entgegen.<\/p>\n<p>Ja, Wandern und Auswandern, das konnten wir schon immer. Dieses jahrtausendealte Volksvergn\u00fcgen hat sich denn auch auf vielfache Weise in unsere Sprache eingeschrieben. W\u00f6rter wie \u201eWeg\u201c, \u201eWandern\u201c und \u201eFahren\u201c sind ein fruchtbares Quellgebiet ausdrucksstarker Wortsch\u00f6pfungen. Die Palette reicht von \u201ebewegt\u201c, \u201eabwegig\u201c, \u201eunentwegt\u201c, \u201everwegen\u201c\u00a0 und \u201eBewegung\u201c zu \u201eauswandern\u201c, \u201eeinwandern\u201c, \u201eunterwandern\u201c, sowie \u201ezuwandern\u201c und \u201eabwandern\u201c, womit die j\u00fcngeren Volksverschiebungen zwischen dem \u00f6stlichen und westlichen Teil Deutschlands bezeichnet w\u00e4ren. Zudem verf\u00fcgen wir \u00fcber eine Reihe von weiteren Wandererscheinungen, angefangen von \u201eWanderhure\u201c \u00fcber \u201eWanderzirkus\u201c bis zu \u201eWanderprediger\u201c\u00a0 und\u00a0 \u201eWanderkirchenasyl\u201c. Dar\u00fcber hinaus sind wir auch gut \u201ebewandert\u201c in den verschiedenen Formen des \u201eFahrens\u201c,\u00a0 von \u201eF\u00e4hrte\u201c, \u201eGefahr\u201c, \u201eErfahrung\u201c, \u00a0\u201eVorfahren\u201c, \u201eNachfahren\u201c und dem doppelsinnigen \u201eVerfahren\u201c bis zur \u201eFahrl\u00e4ssigkleit\u201c, um nur die gel\u00e4ufigsten Ausdr\u00fccke zu nennen und die beliebtesten nicht zu vergessen: \u201eWanderlust\u201c und \u201eFahrvergn\u00fcgen\u201c. Letztere sind bekanntlich wortw\u00f6rtlich in die amerikanische Umgangs- und Werbesprache eingegangen. Fahren, das ist das Wandern auf rollenden R\u00e4dern, und diese Fortbewegung geht, schenkt man ausl\u00e4ndischen Berichten Glauben, auf deutschen Schnellstra\u00dfen immer noch am besten. Zu diesem modernen Mythos liefert denn auch die deutsche Automobil-Industrie eine Reihe von weltweit beliebten und begehrten Fahrzeugen vom Volkswagen bis zur Luxuskarosse. Kraftwerk, die deutsche Proto-Electronica Band, produzierte dazu die passende Melodie: \u201eWir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn\u201c, so sang sie in den siebziger Jahren ihre Zuh\u00f6rer in monotone Techno-Trance und schaffte es damit in mehrere internationale Hitparaden. In den Werbespots der globalen Reklame ist das deutsche Fernweh und Heimweh schlie\u00dflich auf den neuesten Stand gebracht, stilvoll inszeniert und auf multimediale Weise instrumentalisiert.<\/p>\n<p>\u201eZwei Seelen wohnen ach in meiner Brust\u201c, diesen ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Zwiespalt hatte Goethe seinem Faust, dem Helden des deutschen Nationalepos, in den dramatischen Charakter geschrieben, und er sollte sich im Laufe der Zeit in der Tat zum nationalen Narrativ auswachsen. Es ist eine wesentliche Widerspr\u00fcchlichkeit, die auch der diesj\u00e4hrige <em>Spiegel<\/em>-Bestseller <em>Die deutsche<\/em> <em>Seele <\/em>von Thea Dorn und Richard Wagner erneut so kritisch wie empathisch vor Augen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diese doppelte Optik trifft vor allem auf Thea Dorn zu, die bislang in Deutschland eher f\u00fcr ihre provokative Publizistik als f\u00fcr nationale Introspektion bekannt war. Ihr deutsches \u201esoul searching\u201c begann nach einem l\u00e4ngeren Aufenthalt in Amerika und so entstand schlie\u00dflich ein enzyklop\u00e4disches Kompendium, das alphabetisch geordnet von \u201eAbendbrot\u201c bis \u201eZerrissenheit\u201c in unterhaltsamen Glossen und lehrreichen Exkursen die deutsche Alltags- und Hochkultur samt ihrer wechselhaften Geschichte anschaulich und eindringlich Revue passieren l\u00e4sst. Es ist eine vielschichtige und mannigfaltige <em>tour d\u2019horizon<\/em>, die heimatskeptischen Auswanderern mit nostalgischen Momenten besonders zu empfehlen ist.<\/p>\n<p>\u201eO heilig Herz der V\u00f6lker, oh Vaterland\u00a0 &#8230;\u00a0 allverkannt, wenn schon aus deiner Tiefe die Fremden ihr Bestes haben\u201c, so der \u201eGesang der Deutschen\u201c, eine von H\u00f6lderlins vaterl\u00e4ndischen Oden \u2014 ehe der seherische Schwabe in geistiger Umnachtung versank. Blickt man in der Geschichte Deutschlands zur\u00fcck, so wird offenkundig, dass sich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die leichtf\u00fc\u00dfige Wanderlust in eine immer m\u00fchseliger werdende Wanderlast verwandelte. Romantische Taugenichtse wurden zu republikanischen Barrikadenst\u00fcrmern, und als die politische Reaktion 1848 ihren revolution\u00e4ren Visionen schlie\u00dflich ein Ende setzte, verschlug es auch viele von ihnen in die Fremde. Tikkun Olam, Heilung und Wiederherstellung der Welt, \u00a0so lautete schon immer der hebr\u00e4ische Aufruf zur Schaffung einer besseren Welt, und so nimmt es kaum Wunder, dass nicht wenige dieser deutschen Weltverbesserer patriotisch assimilierte Juden waren. Vom Exil der Jungdeutschen und der Emigration der 48er bis zur gro\u00dfen Auswanderungswelle der vom Dritten Reich Verfemten zieht und weitet sich nun der deutsch-j\u00fcdische Sonderweg der wachsenden Massenflucht und immer wahnsinniger werdenden Massenverfolgung. Rein demografisch gesehen erreicht die Geschichte dieser Massenemigration ihren H\u00f6hepunkt am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Flucht und Vertreibung von \u00fcber vierzehn Millionen Volksdeutschen aus ihren mittel- und osteurop\u00e4ischen Heimatl\u00e4ndern. Diese erzwungene Umsiedlung in chaotischen Fl\u00fcchtlingstrecks und planm\u00e4\u00dfigen Viehwaggontransporten war die bislang gr\u00f6\u00dfte \u201eV\u00f6lkerwanderung\u201c der Weltgeschichte. Und so sind Deutsche und Juden in dieser deutsch-j\u00fcdischen Doppeldisziplin des Wanderns und Gewandertwerdens in der Tat die unbestrittenen Weltmeister.<\/p>\n<p><em>Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre<\/em> war Goethes beispielhafter Bildungsroman, nach dessen idealistisch-humanistischer Weltanschauung sich das deutsche Bildungsb\u00fcrgertum im neunzehnten Jahrhundert geradezu goethegl\u00e4ubig ausgerichtet hatte. Im R\u00fcckblick scheint dieser Romantitel auch den deutschen Zivilisationsbruch im zwanzigsten Jahrhundert vorwegzunehmen, in dem die Bildung zur vollendeten Barbarei verkommen sollte und ihre Besten in Exilanten verwandelte, die als rast- und ruhelose Wanderprediger durch fremde L\u00e4nder zogen und die Austreibung des deutschen Geistes in gebrochenen Sprachen vielfach beklagten. Ihr unbestrittener Repr\u00e4sentant war sicherlich der zum amerikanischen Staatsb\u00fcrger gewordene Thomas Mann, Goethes letzter gro\u00dfer Statthalter und pathetischer Epigone. In seinem gro\u00dfen Musiker-Roman <em>Doktor Faustus<\/em>, in dem Mann die Kulturkatastrophe des Dritten Reiches im Paradigma der modernen Musikgeschichte reflektiert, hat sich Goethes Protagonist zum Komponisten gewandelt, der gegen Ende des Romans Beethovens <em>Neunte Symphonie<\/em> widerruft und durch seine disonante Zw\u00f6lfton-Kantante \u201eDr. Fausti Weheklag\u201c\u00a0 ersetzt. Das Heil der Welt, in den \u201eSieg Heil\u201c Rufen des Dritten Reiches und seinen\u00a0 Blitzkriegen zu Luft und zu Lande ist es schlie\u00dflich auf geradezu endzeitliche Weise untergegangen. \u201eApokalypsis cum figuris\u201c lautet denn auch eine der letzten Kompositionen des Mann\u2019schen Tonsetzers, die dem ber\u00fchmten Hozlzschnitt Albrecht D\u00fcrer nachempfunden ist. Die Erz\u00e4hlfigur des Romans beschlie\u00dft seine deutsche Schicksalsgeschichte mit den Worten: \u201eGott sei eurer armen Seele gn\u00e4dig, mein Freund, mein Vaterland.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Widerruf und Untergang der deutschen Kultur in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts fand bereits ein Jahrhundert fr\u00fcher seinen poetischen Propheten in einem anderen deutschen Emigranten, n\u00e4mlich in Heinrich Heine, dem Exilanten im freiheitsliebenden Paris. In seinem Versepos <em>Deutschland. Ein Winterm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchen<\/em> legt er sich mehrfach mit den historischen Obrigkeiten seines deutschen Vaterlandes an, allen voran Kaiser Barbarossa, in dessen gutem Namen die erzreaktion\u00e4ren Dunkelm\u00e4nner des preu\u00dfischen Zollvereins ihr k\u00fcnftiges, s\u00e4belrasselndes Kaiserreich gr\u00fcnden wollen. Im Thronsaal Karl des Gro\u00dfen verdichten sich schlie\u00dflich des Dichters geschichtliche Bef\u00fcrchtungen zu d\u00fcsteren, abgr\u00fcndigen \u00a0Zukunftsvisionen. Und in der Tat, die Wahlverwandtschaft, die Heine zu seiner Zeit zwischen Juden und Deutschen zu erkennen geglaubt hatte, im \u201et\u00f6dlichen Sturm\u201c des letzten Jahrhunderts, in der m\u00f6rderischen Verfolgung der Juden durch die deutschen Faschisten und \u00a0\u2014 vice versa \u2014 in der restlosen Vertreibung der Volksdeutschen auf Gehei\u00df der westlichen Siegerm\u00e4chte\u00a0 und ihrer \u00f6stlichen Rot-Armisten, in dieser verkehrten Wanderwelt, ihren Todesm\u00e4rschen und V\u00f6lkerverfrachtungen, fand die deutsch-j\u00fcdische Wahlverwandschaft wohl ihre letzte ironisch-tragische Perversion.<\/p>\n<p>Vom Epischen zum Absurden Theater: Der avangardistische Verfremdungseffekt des Epischen Theaters, mit dem Brecht sein Publikum zum kritischen Denken bewegen wollte, f\u00fcr die \u00dcberlebenden und Nachgeborenen des Nazi-Terrors war er zum real existierenden Entfremdungssymptom geworden. \u201eDie Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde\u201c, so hatte es der \u00f6sterreichische Emmigrant Alfred Polgar auf die pr\u00e4gnante Exil-Formel gebracht. Am nachhaltigsten ist dieser Ver- und Entfremdungseffekt sicherlich in der Bilderwelt der politischen Karikatur. Projiziert man das Argument von nationaler Schuld und kollektiver S\u00fchne weiter in das stereotypische Weltbild von Gut und B\u00f6se, so verwandelt sich der verrufene innere Schweinehund der Nazis schnell zum brauchbaren S\u00fcndenbock der Nationen. Die Europ\u00e4ische Union mit ihren fluktuierenden Wirtschaftskrisen liefert f\u00fcr solche nationale Metamorphosen illustrative Exempel. Tanzt die deutsche Kanzlerin mal nicht so, wie andere europ\u00e4ische Partner es gerne h\u00e4tten, dann hat sie in der ausl\u00e4ndischen Boulevardpresse schnell die SS-M\u00fctze auf dem Kopf und die Hundepeitsche in der Hand und steht am altbekannten Nazi-Lumpazi-Pranger.<\/p>\n<p>Im Gegensatz etwa zum satirischen Mummenschanz mit islamischen Traditionen weisen parodistische Anspielungen auf den deutschen Faschismus auf die gr\u00f6\u00dften Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Im Vergleich dazu erstrahlen selbst ausgemachte Schurkenstaaten unserer Zeit im Glanze menschenrechtlicher Redlichkeit. Das Potenzial solch negativer, psychopolitischer Projektionen ist aus der Geschichte zur Gen\u00fcge bekannt. Folgt man ihrer defamatorischen Dynamik, so k\u00f6nnte man zu dem deutsch-j\u00fcdischen Umkehrschluss gelangen: Von nun an \u00fcbernimmt der Wandernde Deutsche gewisserma\u00dfen als geheimer Wiederg\u00e4nger des Wandernden Juden von ihm die B\u00fcrde der Vorurteile und zieht als \u201eEwiger Nazi\u201c weiter in die Zukunft. Als unbestrittener Reiseweltmeister \u2014 so die neueren Daten der internationalen Tourismus-Branche \u2014 werden wir Deutsche auch in dieser Rolle sicherlich noch weit kommen.<\/p>\n<p>\u201eReise, Reise\u201d nach erprobter Rammsteinweise: Come Nazi-Hunting in Good Old Germany. Find some really bad young Germans. Experience them in their natural habitat. No knowledge of German necessary: \u201cDu hast!\u201d Guided tours through No-Go-Zones available. See for yourself and spot a Neo-Nazi! So etwa k\u00f6nnten Werbeslogans f\u00fcr lukrative Lumpazi-Vagabundi-Touren lauten. Und g\u00e4be es vor Ort mal keine geeigneten \u00dcbelt\u00e4ter, dann k\u00f6nnten sich Praktikanten der Generation Pr\u00e4kariat leicht eine Handvoll Dollar verdienen, indem sie einheimische B\u00f6sewichte mimen. Und zum guten Reiseschluss ein Gruppenbild mit Hitlergru\u00df \u2014 Spass muss sein! (The \u201eBanality of Evil\u201c &#8211; up to date.)<\/p>\n<p>Heimsuchung durch die Geschichte: Von Golgatha bis Auschwitz, vom angeblichen Gottesmord bis zum tats\u00e4chlichen V\u00f6lkermord wurden und werden Juden und Deutsche wohl \u00a0wie keine andere Volks- und Glaubensgemeinschaft von ihrer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Vergangenheit heimgesucht. Unsere so ungleiche Geschichte gipfelte in einer gemeinsamen Unheilsgeschichte nie dagewesenen Ausma\u00dfes. Das Volk des Buches und das Volk der B\u00fccher, diese beiden V\u00f6lker des Alten Testamentes sowie der \u00e4ltesten Buchdrucke und weltgr\u00f6\u00dften Buchmessen, sie werden ihre Geschichte nie vergessen, insbesondere nicht jenes Kapitel, das jeder Beschreibung spottet. F\u00fcr Juden ist es vor allem das Gedenken an das grenzenlose Leid der Shoah, f\u00fcr Deutsche kommt zu diesem Gedenken auch noch die Erinnerung an die unermessliche Last ihrer geschichtlichen Schuld. Die deutsche Arbeit an der \u201eWiedergutmachung\u201c, sie macht nicht frei, sie ist letztendlich eine absurdes Unterfangen, ein Kampf mit den Schatten von Raum und Zeit, den Windm\u00fchlen einer verwehten Wirklichkeit. Wir w\u00e4lzen den Stein des Sisyphos, der zu Staub zermahlen ist. \u201eDust in the Wind\u201c, wie die Band Kansas singt.<\/p>\n<p><em>Schindlers Liste<\/em>: Deutscher S\u00fcndenfall und H\u00f6llensturz\u00a0 &#8230; und wer noch eine deutsche Seele im Leib hat, der f\u00e4llt beim Zusehen jedesmal ein St\u00fcck weit mit\u00a0 &#8230; ins Herz der Finsternis.\u00a0Das Verm\u00e4chtnis unserer j\u00fcngeren Geschichte und unsere damit verbundenen pers\u00f6nlichen Gef\u00fchle, wie kompensiert und konserviert sie auch immer sein m\u00f6gen in unserer heutigen, ritualisierten Erinnerungskultur, sie werden durch den Lernstoff unserer Kinder, Sch\u00fcler und Studenten und nicht zuletzt durch die Medien und allen voran durch die Filmindustrie von Babelsberg bis Hollywood geradezu endlos aktualisiert und perpetuiert. Deutsche Vergangenheitsbew\u00e4ltigung als p\u00e4dagogisches Pflichtfach mit gro\u00dfer, nationaler und internationaler Zukunft. \u201eUnd das ist gut so\u201c, k\u00f6nnte man diese unendliche Geschichte mit der sprichw\u00f6rtlich gewordenen Wendung Klaus Wowereits, des Regierenden B\u00fcrgermeisters von Berlin, guthei\u00dfen. Doch m\u00fcsste man der Ehrlichkeit halber auch noch hinzugf\u00fcgen, dass dieser kategorische Imperativ den heutigen Deutschen trotz bester Absichten in der Regel weitaus schwerer f\u00e4llt als allen anderen Nationen und dies aus offensichtlichen Gr\u00fcnden h\u00fcben wohl mehr noch als dr\u00fcben in der Alten Welt, wo j\u00fcngere Generationen von neudeutschen \u201eGutmenschen\u201c eine gewisse solidarische Geborgenheit bieten m\u00f6gen.\u00a0\u201eBleeding heart\u201c ist der Ausdruck, mit dem die englische Sprache diesen deutschen Neologismus bisweilen zu \u00fcbersetzen sucht. Einerseits erinnert er an die deutsche Tradition der empfindsamen Herzensbildung, ja vielleicht ruft er sogar H\u00f6lderlins \u201eHerz der V\u00f6lker\u201c in Erinnerung. Andrerseits verliert er jedoch die im Deutschen mitklingende Assonanz an \u201eUnmensch\u201c und nicht zuletzt dessen humanistisches Kontrastprogramm, Goethes klassisches Bildungsideal vom \u201eedel sei der Mensch, hilfreich und gut\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft ja in diesem Dilemma ein rechtes Herz-Schmerz-Melodrama weiter. \u201eHome is where the heart ist\u201c, so sang sich Lena Lovich Anfang der achtziger Jahre in die internationalen Hitparaden. Zudem trat sie folkloristisch avangardistisch hochgestylt auf und verlieh damit ihrem Gesang weitere subversive Effekte: \u201eHome is where the heart is \/ home is so remote \/ home is just emotion \/ sticking in my throat &#8230; Home is hard to swallow \/ home is like a rock \u2026 let\u2019s go to your place.\u201d Vielleicht erfasst ja erst die Metapher vom blutenden Herzen in Verbindung mit dem buchst\u00e4blichen Heim-Weh von Lena Lovichs melodischem Lamentoso den nachromantischen Weltschmerz dieser neudeutschen Gutmenschlichkeit.<\/p>\n<p>\u201eDenk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht &#8230;\u201c. Diese Klage Heinrich Heines ging sicherlich vielen Exilanten aus der Zeit der faschistischen Verfinsterung Deutschlands in vielfacher Weise nach. Eine Generation sp\u00e4ter prangte sein Pariser <em>cri du coeur<\/em> als protestierende Poster-Parole in Deutschlands Studentenbuden und Wohngemeinschaften. H\u00f6lderlins \u201eHerz der V\u00f6lker\u201c, es war zur narzistischen Wunde der zerrissenen Nation geworden. Und wie sich zeigte, teilen so manche Deutsch-Amerikaner auch heute noch Heines Heim-Weh\u2014 somewhere sleepless between Seattle and New York.<\/p>\n<p>Tikkun Olam? Heilt die Zeit alle Wunden der Welt, wie es der deutsche Volksmund und die j\u00fcdische Weltweisheit versprechen? Ist es Balsam f\u00fcr die deutsche Seele, wenn sich Mel Brooks, der j\u00fcdisch-amerikanische Regisseur der Broadway-Kom\u00f6die <em>The Producers<\/em> (<em>Fr<\/em><em>\u00fc<\/em><em>hling f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r Hitler<\/em>), vor etlichen Jahren schelmisch beim deutschen Diktator bedankte \u00a0\u2014 \u201efor being such a funny man\u201c? Hitler, der Nazi-Nabucco, rachs\u00fcchtiger Revenant Nebuchadnezars und babylonische Nemesis Israels, jetzt wieder geschrumpft zum b\u00f6hmischen Gefreiten, einem dahergelaufenen Schmierenkom\u00f6dianten, der in der weltweiten Gaudi ums Dritte Reich den n\u00fctzlichen Globetrottel abgibt? Oy vey, gevalt!<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, im internationalen Panoptikum der nationalen Stereotypen spielen die Nachgeborenen der Nazizeit wie eh und je ihre mehr oder weniger karikaturistische\u00a0 Jahrhundertrolle. Am erfolgreichsten sind sie dabei sicherlich in Hollywood. Allein schon der Akzent des B\u00f6sen kann Gold wert sein. Wer sich hierzulande allerdings nicht so telegen zu vermarkten versteht, dem bleibt letzlich nichts anderes \u00fcbrig, als sich umgekehrt im amerikanischen Alltag am Bild des \u201eb\u00f6sen Deutschen\u201c abzuarbeiten und sich gleichsam<em> ex<\/em> <em>negativo<\/em> auf diese Weise im Laufe der Zeit positiv zu profilieren. Charakterbildung, authentische Individualit\u00e4t ist dies allerdings keine. What would Wilhelm say? Der Held des Goethe\u2019schen Bildungsromans und Vorbild aller deutschen Bildungsb\u00fcrger, angesichts dieses deutsch-amerikanischen Wunschbilds und internationalen Wanted Posters von \u201e(In-) Glorious Basterds\u201c \u2013 with a good sense of German humor!<\/p>\n<p>Emotional Outlaws:\u00a0Als solche empfanden sich viele Deutsche f\u00fcr lange Zeit, wenn sie dem normalen Patriotismus anderer Nationen begegneten. Stellt man jedoch die Zahlen und Zitate aus den Antworten auf den Fragebogen zusammen, so zeigt sich, dass seit der Wiedervereinigung Deutschlands auch die mehr oder weniger zerrissenen Seelen der ausgewanderten Deutschen zunehmend zu heilen beginnen und mit wachsender Zuversicht auf ihre alte Heimat zur\u00fcckblicken. Eine der Befragten brachte diese mentale Wende auf den bezeichnenden Nenner: \u201eAls Nachkriegsgeborene hatte ich schwere Schuldgef\u00fchle. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung haben das ge\u00e4ndert\u201c. Und eine Stimme aus der j\u00fcngsten Generation meinte: \u201eDie Fu\u00dfballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat das Gef\u00fchl f\u00fcr nationale Identit\u00e4t ge\u00e4ndert. Es ist m\u00f6glich, stolz auf sein Land zu sein, ohne Schuldgef\u00fchle zu haben, oder Angst haben zu m\u00fcssen, als Nationalist zu gelten.\u201c Dieser Satz, der von einer der j\u00fcngsten Teilnehmerinnen an der Umfrage stammt, ist f\u00fcr die meisten V\u00f6lker eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Er ist jedoch ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Satz f\u00fcr ein Land wie Deutschland, das wie keine andere Nation die Extreme und Exzesse des europ\u00e4ischen Nationalismus durchlebt und wiederholt daf\u00fcr geb\u00fc\u00dft hat. Vom wilhelminischen \u201eHurrapatriotismus\u201c und der \u201eSchmach von Versailles\u201c \u00fcber den nationalsozialistischen Gr\u00f6\u00dfenwahn vom \u201eTausendj\u00e4hrigen Reich\u201c bis zur systematischen Verw\u00fcstung der deutschen St\u00e4dte und der konsequenten Teilung des Landes geht die gespenstische Achterbahn vom \u201edeutschen Wesen\u201c, an dem nach dem Wunsch und Willen Kaiser Wilhelms die \u201eWelt genesen\u201c sollte. Nach Jahrzehnten nationaler Rekonvaleszenz nun also weitere gute Besserung durch eine Fussballweltmeisterschaft. Dazu k\u00f6nnen Ersatz-Kaiser Beckenbauer und Ex-Au\u00dfenminister Kissinger nur herzlich gratulieren.<\/p>\n<p>\u201eEs ist m\u00f6glich, stolz auf sein Land zu sein &#8230;\u201c So angesagt und selbstverst\u00e4ndlich war die deutsche Vaterlandsliebe schon lange nicht mehr. Vielleicht hilft ja auch, dass Mutter Merkel seit l\u00e4ngerem das politische Sagen hat. In jedem Fall ging das zweite Wunderjahr 2006 in die Chronik der Bundesrepublik als \u201eDeutschland \u2014 ein Sommerm\u00e4rchen\u201c ein. Nach all den \u201eGreuelm\u00e4rchen\u201c, die sich die Welt w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges \u00fcber das Dritte Reich erz\u00e4hlte \u2014 und die sich nicht schlimmer bewahrheiten konnten \u2014 , nun also das deutsche \u201eSommerm\u00e4rchen\u201c, das auch den Rest der Welt nicht wenig in Staunen versetzte. N\u00e4her betrachtet ist dieser Wandel eine weitere ironische Inversion des Heine\u2019schen <em>Winterm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchen<\/em>. Und so macht die \u201everkehrte Welt\u201c, eine der zentralen Topoi der deutschen Literatur, einmal mehr deutsche Geschichte. Wer dichtet und singt uns nun von dieser gl\u00fccklichen Wende \u201eein neues Lied, ein besseres Lied\u201c, so wie Heine es einst in seinen zuversichtlichen Visionen seinem Vaterland samt Abendland versprochen hatte?<\/p>\n<p>Von der Schubertschen \u201eWinterreise\u201c und seinem elegischen Lindenbaumlied bis zum j\u00fcdischen Partisanengesang \u201eSog nischt kejnmol, as du gejst den letztn weg\u201c und seinen Traumbildern vom Palmenstrand des Gelobten Landes schwillt der abendl\u00e4ndische Chorgesang auf die verlorene und wiedergefundene Heimat. Nostos und Nekyia, heitere Seefahrt und schrecklicher Schiffbruch, in Odysseus\u2018 Hadesreise und seiner letztendlich gl\u00fccklichen R\u00fcckkehr in die Heimat hat die Irrfahrt des Menschen, die wirre Weltfahrt der Menschheit, ihr nostalgisch rhapsodisches Meister-Narrativ gefunden.<\/p>\n<p>\u201eEin stolzes Schiff\u201c, so lautet die Neu-Interpretation des Liedes \u201eDie deutschen Auswanderer\u201c, eine Volksweise aus dem neunzehnten Jahrhundert, welche die Folksonggruppe &#8220;Zupfgeigenhansel&#8221; Generationen sp\u00e4ter w\u00e4hrend der Zeit der Studentenbewegung wieder bekannt und beliebt gemacht hat unter anderem mit agitatorischen Versen wie: Schaut her, ihr Unterdr\u00fccker \/ seht eure besten Arbeitskr\u00e4fte flieh\u2019n \/ seht, wie sie \u00fcbers gro\u00dfe Weltmeer zieh\u2019n\u201c. Aus heutiger Sicht erweist sich dieses transatlantische Auswandererlied aus dem neunzehnten Jahrhundert auch als ein zukunftsschwangerer Aufgesang auf das Heer der Auswanderer und Fl\u00fcchtlinge, das ein knappes Jahrhundert sp\u00e4ter erneut \u00fcbers gro\u00dfe Weltmeer ziehen sollte.<\/p>\n<p>Das musikalische Repertoire von <em>Zupfgeigenhansel<\/em> spannt denn auch immer wieder den weiten Bogen zwischen diesen beiden Welten und Zeiten. Weit \u00fcber Deutschland hinaus bekannt geworden ist die Gruppe schlie\u00dflich mit ihrem Album <em>Jiddische Lieder<\/em>, nicht zuletzt auch deshalb, weil es einer der ersten authentischen Aufnahmen darstellt, die das ph\u00e4nomenale Klezmer-Revival der achtziger und neunziger Jahre in Europa und Amerika mitbewirkte. Es d\u00fcrfte kaum erstaunen, dass zahlreiche Lieder aus dieser j\u00fcdischen Musiktradition ebenfalls Wander- und Auswandererlieder sind, wobei das bekannteste von ihnen sicherlich \u201eDie grine Cousine\u201c ist. Es ist ein Lied \u00fcber ein munteres M\u00e4dchen aus einem osteurop\u00e4ischen Stetl, das seine \u201eMedine\u201c, seine neue Heimat Amerika verflucht, weil es sich in den Sweatshops von Lower Manhattan f\u00fcr einen Hungerlohn ein Leben lang abrackern muss. Die Kinder und Kindeskinder dieser \u201egrinen Cousine\u201c sollten freilich ihrer jiddischen Mamme f\u00fcr ihre Auswanderung nach Amerika noch einmal sehr dankbar sein.<\/p>\n<p>Schauen andrerseits deutsch- und j\u00fcdischst\u00e4mmige Amerikaner heute auf ihr jeweils anderes Heimatland in der Alten Welt zur\u00fcck, sei es auf das wiedervereinte Deutschland, sei es auf das moderne Israel, so k\u00f6nnen sie auf diese Heimat \u2014 trotz immer wieder berechtigter Kritik \u2014 insgesamt wohl mit Zufriedenheit zur\u00fcckblicken und gl\u00fccklich damit sein, was beide L\u00e4nder in den letzten Jahren und Jahrzehnten geleistet und errungen haben. In diesem Zusammenhang teilen sich Deutschland und Israel eine weitere Einzigartigkeit unter den V\u00f6lkern dieser Welt. Beide Nationen haben Tausende ihrer eigenen Landsleute und Glaubensgenossen von Regierungen freigekauft, die ihnen feindlich gesinnt waren, n\u00e4mlich Israel von \u00c4thiopien und die Bundesrepublik von der Deutschen Demokratischen Republik. Auch so l\u00e4sst sich also erfolgreich auswandern. Nach dem Fall der Berliner Mauer folgten weitere Tausende von Russland-Deutschen der Einladung des vereinten Deutschlands, wieder ins Ursprungsland ihrer Vorfahren zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>\u201eEin neues Lied, ein besseres Lied\u201c: Von \u201edeutschen Auswanderern\u201c nach der gescheiterten Revolution von 1848 zu russischen Einwanderern nach der erfolgreichen\u00a0 Revolution von 1989. Eine der erstaunlichsten Verkehrungen seit der deutschen Wiedervereinigung ist die Tatsache, dass das heutige Deutschland f\u00fcr russische Juden zu einem ihrer bevorzugten Einwandererl\u00e4nder geworden ist. So wie die Israeliten einst durch das geteilte Rote Meer ins gelobte Land gezogen waren, so str\u00f6men ihre Nachfahren nun schon seit Jahrzehnten durch Berlins gefallene Mauern in die Bundesrepublik. Allen voran Wladimir Kaminer, Autor der bestsellernden <em>Russendisko<\/em>. Als Berlins derzeit bekanntester und unterhaltsamster Geschichtenerz\u00e4hler ist er gleichsam ein exemplarischer Gegenentwurf zu Gary Shteyngart und seinem d\u00fcsteren New Yorker Panorama. Infolge dieses russischen Zustroms, dieses neo-mosaischen Exodus aus dem Osten, k\u00f6nnen die j\u00fcdischen Gemeinden der Bundesrepublik heute weltweit die gr\u00f6\u00dften Wachstumsraten aufweisen. Auch das ist eine weitere Wende auf den verschlungenen, deutsch-j\u00fcdischen Sonderwegen durch die Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Die musikalische Quintessenz dieser j\u00fcdischen Regeneration ist die Klezmer-Renaissance, die um die Jahrtausendwende Berlin in die Welthauptstadt der j\u00fcdischen Volksmusik verwandelt hat. Zu jener Zeit spielten allein dort \u00fcber drei\u00dfig Klezmerkapellen und etwa sechzig weitere waren \u00fcber den Rest der Bundesrepublik verstreut. Klezmer-Musik, das ist die remigrierte deutsch-j\u00fcdische Volksliedtradition, die in den Zeiten der Kreuzz\u00fcge, der Pest und Pogrome, mit deutschen und j\u00fcdischen Auswanderern und ihren mittelhochdeutschen Dialekten nach Osteuropa gezogen war. Zwei wesentliche Stilrichtungen dieser Musik sind die schwerm\u00fctigen <em>Fraggeshs<\/em> und die \u00fcberm\u00fctigen <em>Freylachs.<\/em> In dieser schluchzend juchzenden Doppelbegabung hat die zwiesp\u00e4ltig \u201edeutsche Seele\u201c, der man Tendenz zum \u201eHimmelhoch-Jauchzen\u201c und \u201eZu-Tode-Betr\u00fcbtsein\u201c nachsagt, gewisserma\u00dfen ihre musikalische Steigerung erfahren. Da ein Gro\u00dfteil der deutschen Klezmermusikanten nichtj\u00fcdischer Abstammung ist, werden ihre Spielleute bisweilen zum Spass auch Goyzmer genannt, also in ironischer Evokation des Wortes \u201eGoy\u201c, mit dem einst die j\u00fcdische Minderheit die christliche Mehrheit zu bezeichnen pflegte.<\/p>\n<p>In Anbetracht der zahlreichen historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Deutschen ist diese verkehrte Klezmerwelt heute mehr als stimmig. Ihr musikalisches Zusammenspiel kristallisiert sich schlie\u00dflich zu jenem symphonischen Symptom, das Leslie Morris in einem Artikel in der Fachzeitschrift <em>German Quarterly<\/em> aus dem Jahre 2001 mit dem Titel \u201eSound of Memory\u201c charakterisiert hat. Es ist ein sehr evokatives Sprachspiel voller Assoziationen an \u201eSound of Silence\u201c, \u201eSound of Music\u201c und \u201cthe hills are alive\u201c &#8230; bis zum Schrecken der \u201cKilling Fields\u201d. So ist diese Memorialmusik sowohl Phantom Musik als auch Revival Musik, elegische Jeremiade als auch extatischer Jubeltrubel, oder auf gut Jiddisch ein gutes Munkeltunkel, n\u00e4mlich ein munteres Sing- und Tanzvergn\u00fcgen kreuz und quer durch die Kneipen und Konzerts\u00e4le von Berlin Mitte und nicht zuletzt mit einem lauten Jauchzer \u00fcber Hitlers sang &#8211; und klanglos versunkenen Bunker.<\/p>\n<p>So wie die heutige Hauptstadt Deutschlands immer mehr ein ethnischer Schmelztiegel wird, so geht auch die Klezmermusik wie keine andere popul\u00e4re Kunstform immer wieder neue stilistische Fusionen ein, die so hip wie \u201ehejmisch\u201c sind und von \u201eHeavy Shtetl\u201c bis \u201eKlezmer Tango\u201c reichen und von Osteuropa bis nach S\u00fcdamerika wandern, von wo sie Giora Feinman, einer der bedeutendsten Klezmer-Interpreten, mit gro\u00dfem Erfolg wieder zur\u00fcck nach Deutschland gebracht hat. Klezmer ist in diesem Sinn das Modell f\u00fcr den globalen Trend des musikalischen Crossover, das die internationale Musikindustrie mit dem Label \u201eWorld Music\u201c bezeichnet hat.<\/p>\n<p>Hand in Hand mit dem deutschen Revival der Klezmer-Musik geht die amerikanische Renaissance der jiddischen Mameloschen, der Muttersprache der j\u00fcdisch-osteurop\u00e4ischen Einwanderer im sp\u00e4ten neunzehnten Jahrhundert. Heute sind die Enkel und Urenkel dieser Einwanderer voll in der amerikanischen Gesellschaft integriert und in ihren h\u00f6chsten Kreisen arriviert und entsprechend selbstbewusst mischen sie zunehmend Ausdr\u00fccke und Redewendungen ihrer Vorfahren in die englische Umgangssprache, von wo sie sich in den verschiedenen Bereichen der Unterhaltungsindustrie mehr und mehr weiter verbreiten.\u201cSey gesunt\u201c ist wohl eine der gel\u00e4ufigsten Redewendungen im Jiddischem, da sie vor allem auch als Abschiedsgru\u00df Verwendung findet und so ist sie auch eine der r\u00fchrendsten und bedeutungsvollsten, wenn Deutsche und Juden sie im Umgang miteinander verwenden. Unsere Muttersprachen, die von unseren Vorfahren Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang gesprochen wurden, sie werden sich durch unsere Nachfahren innerhalb einer Generation vollkommen in der amerikanischen Kultur aufl\u00f6sen und so kann man ihnen auf dem Weg in die Zukunft nur von Herzen w\u00fcnschen \u201eseyt gesunt\u201c und \u201ebleibt gesund\u201c!<\/p>\n<p>\u201eWem Gott will rechte Gunst erweisen &#8230;\u201c Nach dem zweiten Weltkrieg konnte man den Anfang dieses Wanderliedes aus Eichendorffs <em>Taugenichts<strong> <\/strong><\/em>auch<em> <\/em>folgenderma\u00dfen abwandeln: \u201eWem Goethe will &#8230;\u201c Damals gr\u00fcndete die Bundesrepublik das Goethe Institut, um es ganz im Sinne dieses Liedes \u201ein die weite Welt\u201c hinauszuschicken und im Namen des Weimarer Dichters wieder deutsche Kultur zu verbreiten. So wuchsen sich Goethes <em>Lehr- und Wanderjahre<\/em> buchst\u00e4blich zu einer weltweiten Bildungsreise aus. Sp\u00e4ter kam f\u00fcr manche zur \u201eGunst\u201c des deutschen Dichterf\u00fcrsten auch noch die \u201eGnade\u201c des deutschen Bundeskanzlers, n\u00e4mlich die \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c. Letztere sollte sich freilich bald als sp\u00e4te nationale Selbstverblendung zu erkennen geben. Dennoch bezeichnen Begriffe wie \u201eGunst\u201c und \u201eGnade\u201c das gl\u00fcckliche Ende der zweigeteilten deutschen Republik. Sowohl die B\u00fcrger der DDR als auch der Kanzler der BRD erkannten die Gunst der Stunde, der geschichtlichen Sternstunde, die schlie\u00dflich die Wiedervereingung Deutschlands m\u00f6glich werden lie\u00df. Dem Erz\u00e4hler des Mann\u2019schen <em>Doktor Faustus<\/em> w\u00e4re dies sicher als Zeichen einer h\u00f6heren Gnade erschienen.<\/p>\n<p>Von Goethes Gnaden: Goethe Institute wurden \u00fcber die Jahrzehnte f\u00fcr viele Auslandsdeutsche und Interessenten der deutschsprachigen Kultur rund um die Welt zu wichtigen Heim- und Bildungst\u00e4tten und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr zahlreiche deutsche K\u00fcnstler und germanistische Wandergelehrte zu willkommenen Wegstationen auf ihren Ausstellungs- und Vortragsreisen. Zudem trug das Goethe Institut durch affiliierte Organisationen wie Inter Nationes zur weiteren V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung bei, indem es immer wieder kulturelle Projekte unterst\u00fctzte. Auch die Zeitschrift <em>Trans-Lit2<\/em> verdankt ihre Gr\u00fcndung der moralischen und materiellen Unterst\u00fctzung des Goethe Instituts. Heute stellt die Zeitschrift in gewisser Weise auch eine Art Seelenspiegel deutsch-amerikanischer Befindlichkeit dar. Das wachsende Interesse an der deutsch-j\u00fcdischen Kultur, das an zahlreichen germanistischen Instituten amerikanischer Universit\u00e4ten\u00a0 zur Gr\u00fcndung von \u201eJewish Studies\u201c Programmen f\u00fchrte, hat ebenfalls in <em>Trans-Lit2<\/em> ihren vielfachen Niederschlag gefunden. In ihren j\u00fcngeren Ausgaben ver\u00f6ffentlichte die Zeitschrift immer wieder Interviews mit Holocaust \u00dcberlebenden sowie Texte von j\u00fcdischen Autoren deutscher und \u00f6sterreichischer Abstammung, die auf diese Weise das erneute Aufleben dieser deutsch-j\u00fcdischen Kultursymbiose dokumentieren. Freilich wird sie nie mehr ihre einstige Vitalit\u00e4t und Komplexit\u00e4t erreichen. In diesem Sinne stellt <em>Trans-Lit2<\/em> auch einen letzten kulturhistorischen \u00dcbergang und \u2014 wenn man so will \u2014 transatlantischen Schwanengesang dieser versinkenden Wahlverwandtschaft dar.\u00a0Robert Schopflocher hat diese Entwicklung wohl am besten zum Ausdruck gebracht, wenn er in einem Interview in der amerikanischen Germanistik-Zeitschrift <em>Monatshefte<\/em> aus dem Jahr 2006 seinen argentinischen Reflektionen und Reminiszenen den wehm\u00fctig anutenden Titel gegeben hat: \u201eLetzte Strahlen der untergehenden deutschen Bildungsonne\u201c (Sic transit gloria .. et misericordia mundi).<\/p>\n<p><em>You Can\u2019t Go Home Again<\/em> hei\u00dft einer der bekanntesten Romane des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe, der in den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren als Teil der amerikanischen \u201eLost Generation\u201c l\u00e4ngere Zeit in Europa und vor allem in Deutschland verbracht hatte. Kann man wirklich nicht mehr heimkehren? J\u00fcdische Emigranten, vor allem Denker und Dichter wie Adorno und Horkheimer, sowie Rose Ausl\u00e4nder und Edgar Hilsenrath, um nur einige Beispiele zu nennen, sind nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt. Sp\u00e4ter folgten ihnen weitere R\u00fcckkehrer wie etwa Richard Exner, der wohl produktivste deutsche <em>poeta doctus<\/em> seiner Generation in Amerika. Und heute? Auf die Frage #21 \u201eK\u00f6nnten Sie sich vorstellen, wieder auf die Dauer in Ihr Herkunftsland zur\u00fcckzukehren\u201c antworteten 39% der Teilnehmer an unserem Fragebogen mit nein und 24% mit ja. Eine von ihnen, eine geb\u00fcrtige D\u00fcsseldorferin, wird diese Vorstellung im Herbst dieses Jahres f\u00fcr sich verwirklichen und zwar auf sinnig stimmige Weise, was den tieferen Zusammenhang unserer Wandergeschichten anbelangt. Wie sie in ihrer Ausf\u00fchrungen unter anderem darstellt, hatte sie ein rundes halbes Jahrhundert in immer wieder anderen L\u00e4ndern und Kontinenten gelebt und mit Universit\u00e4ten und Kulturorganisationen wie das Goethe Institut zusammengearbeitet. Sie fasste ihre lebenslangen Welterfahrungen folgenderma\u00dfen zusammen. \u201eHeimat ist da, wo meine Handtasche ist.\u201c So ist der problematische Berliner Koffer schlie\u00dflich auf die praktische D\u00fcsseldorfer Handtasche geschrumpft. Heimat lite! Doch damit ist der nostalgischen Symbolik noch bei Weitem nicht genug. Der letzte, jahrelange Wohnsitz dieser Sp\u00e4theimkehrerin war Malta und somit das sagenhafte Eiland der zauberhaften Calypso, die schon Homers Helden so lange in Bann geschlagen hatte. Nun kehrt die noch recht r\u00fcstige scheinende Weltenbummlerin also endg\u00fcltig in ihre Heimatstadt zur\u00fcck, um, wie sie schreibt, in einer \u201eTraumwohnung &#8230; unmittelbar am Rhein\u201c ihren wohlverdienten Lebensabend zu verbringen. Von solch homerischer Heimkehr h\u00e4tte Heine, D\u00fcsseldorfs ber\u00fchmtester Sohn, zum Schluss so verloren in seiner Pariser Matrazengruft, nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen: Yes, you can go home again.<\/p>\n<p><em>Look Back in Anger<\/em>, nannte John Osborne sein einflussreiches Theaterst\u00fcck, das der Jugendgeneration Englands in den f\u00fcnfziger Jahren den Namen \u201eAngry Young Men\u201c gegeben hatte. Auf die deutschsprachigen Auswanderer bezogen, lie\u00dfe sich dieses britische Retrospektive \u00a0etwa folgenderma\u00dfen modifizieren: Lock Back in Anger and Amazement. Und dieser Gesinnungswandel gilt vielleicht noch mehr f\u00fcr die in Deutschland Gebliebenen, denen zum weiteren Staunen der transatlantische Abstand fehlt. Der in der Beantwortung unseres Fragebogens sich quantitativ wie qualitativ abzeichnende Wandel im deutschen Selbstwertgef\u00fchl ist auch der entscheidende Dreh- und Angelpunkt in der aktuellen Bestandsaufnahme <em>Die deutsche Seele<\/em>.<\/p>\n<p>Einer seiner l\u00e4ngsten Essays ist Thea Dorns enthusiastische Exkursion in die deutsche Musikgeschichte, in der sie, wie Nietzsche es nannte, dem \u201eSonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner\u201c folgt. Das ist die strahlende Gegenrichtung zu den \u201eSchleichwegen zum Chaos\u201c, wie Nietzsche den Hang der Deutschen zum Abwegigen und Tiefgr\u00fcndigen bezeichnet hatte. Der Pilgerchor in Wagners <em>Tannh<\/em><em>\u00e4<\/em><em>user<\/em> ist sicherlich solch ein erhebender Aufstieg aus der dunklen Venusbergwelt ins sonnendurchflutete Weltall. Musikhistorisch gesehen gipfelt dieser Aufstieg in der harmonischen Synthese von Beethovens Neunter Symphonie mit der Ode Friedrich Schillers, dieses gro\u00dfen, schw\u00e4bischen Schw\u00e4rmers von irdischer Freiheit und himmlischer Freude. Das poetisch-musikalische D\u00e4mmern ihrer G\u00f6tterfunken ist zurecht die Hymne der Europ\u00e4ischen Union. Nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der politischen Emanzipation ihrer Satellitenstaaten ist die Vereinigung Europas m\u00f6glich geworden. Heute k\u00f6nnen sich deutsche \u201eEuropeans\u201c in der Tat \u201eEurop\u00e4er\u201c nennen und andere Europ\u00e4er k\u00f6nnen umgekehrt Deutsche werden, wenn sie es wollen. So verwandelt sich die alte Welt diesseits und jenseits der fr\u00fcheren Grenzen, Zollstationen und Todesstreifen mehr und mehr in eine neue Welt der buchst\u00e4blich \u201eunbegrenzten M\u00f6glichkeiten\u201c.<\/p>\n<p>Noch nie war das Abendland in seiner Jahrtausende alten Geschichte so frei und reich, so demokratisch konsolidiert und \u00f6konomisch integriert wie das heutige Europa. Dergestalt ist die europ\u00e4ische Union letztendlich eine Wirklichkeit gewordene romantische Mittelaltervision, in der die Wiederauferstehung einer europ\u00e4ischen Vielv\u00f6lkergemeinschaft nach dem Vorbild des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation konkrete, modern freiheitliche Formen angenommen hat. Die Wiederentdeckung der deutschen Romantik, ihrer poetischen Visionen und politischen Utopien, ist denn auch ein wesentlicher Bestandteil von <em>Die deutsche Seele<\/em>. Ihre Autoren zitieren und referieren zum Beispiel Joseph von Eichendorff, das Paradebeispiel dieser Epoche, ein Dutzend Mal. Das nostalgische Thema der nationalen Identit\u00e4t, die widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchlswelt von Fernweh und Heimweh, die, wie sich gezeigt hat, auch die Erfahrungen zahlreicher deutsch-amerikanischer Auswanderer mitbestimmt, hat in Eichendorffs Gedichten ihren repr\u00e4sentativen Ausdruck gefunden. Nicht zuletzt in \u201eMondnacht\u201c, einem seiner ber\u00fchmtesten Gedichte, dessen letzte Strophe lautet:<\/p>\n<p align=\"center\">Und meine Seele spannte<br \/>\nweit ihre Fl\u00fcgel aus,<br \/>\nflog durch die stillen Lande<br \/>\nals fl\u00f6ge sie nach Haus.<\/p>\n<p>Denk ich an Europa in der Nacht &#8230;: Wendet und weitet man Eichendorffs psychomythische Vision in eine poetopolitische, so gibt sich das heutige Europa als ein gro\u00dfes Fr\u00fchlingsm\u00e4rchen zu erkennen, das allen frostigen Aprilschauern zum Trotz von kommender Mitsommernacht tr\u00e4umt. Deutschland und Frankreich, ihre <em>Entente Cordiale<\/em>, ist das Herzst\u00fcck dieses europ\u00e4ischen Fr\u00fchlings ganz im Sinne Heinrich Heines. In seinem <em>Winterm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchen <\/em>hatte er seinen poetischen Kopf als ein \u201ezwitzscherndes Vogelnest\u201c liberal-utopischer Ideen beschrieben. Damals musste er sie noch heimlich \u00fcber die deutsch-franz\u00f6sische Rheingrenze ins zollvereinte Deutschland schmuggeln. Heute k\u00f6nnen sie in ganz Europa fl\u00fcgge werden. Und wer w\u00e4re besser geeignet, f\u00fcr die von Heine ersehnte Hochzeit der \u201eJungfer Europa\u201c mit dem \u201eGenius der Freiheit\u201c das \u201eHochzeitskarmen\u201c zu komponieren, eine rechte Klezmer-Tanzmusik, als der romantische, deutsch-j\u00fcdische Schwarmgeist Felix Mendelssohn-Bartholdy. Europa, Europa, schreckliche Zeiten, herrliche Zeiten, Fraggesh und Freylach, Wechsel der Gegens\u00e4tze, aufgehoben im Reich der Musik.<\/p>\n<p>PS: Kurz vor Redaktionsschluss dieser Glossen-Ausgabe erreicht die Welt auch noch die gute Nachricht, dass der Europ\u00e4ischen Union der Friedensnobelpreis 2012 verliehen wurde. Das norwegische Nobelkomitee begr\u00fcndete seine Wahl damit, dass die Europ\u00e4ische Union entscheidend zur friedlichen und demokratischen Entwicklung in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und zur Integration der osteurop\u00e4ischen Staaten nach dem Mauerfall beigetragen habe und w\u00fcrdigte nicht zuletzt auch die deutsch-franz\u00f6sische Auss\u00f6hnung nach dem Zweiten Weltkrieg als herausragendes Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSei gegr\u00fc\u00dft in weiter Ferne &#8230;\u201c Die schlesisch-b\u00f6hmisch-m\u00e4hrische Heimat Joseph von Eichendorffs war zuf\u00e4llig auch die Heimat aller meiner Vorfahren. Hier im Sudetenland sa\u00dfen sie m\u00fctterlicherseits laut Familienchronik schon \u00fcber ein halbes Jahrtausend lang auf dem selben Bauernhof im l\u00e4ndlichen Partschendorf, dem heutigen Barto\u0161ovice. Hier war das Quellgebiet der Oder, in deren fruchtbaren Auen sich im zw\u00f6lften Jahrhundert der \u00dcberlieferung nach jahrelang auch das rastlose Reitervolk der Mongolen herumgetrieben hatte. Ihr n\u00e4chstes Ziel sollte die Eroberung Wiens gewesen sein. Bekanntlich ist die k\u00fcnftige Kaiserstadt keine Mongolen-Metropole geworden.<\/p>\n<p>Nur wenige Kilometer von Partschendorf entfernt lag Sedlnitz, das heutige Sedlnice, wo der Freiherr von Eichendorff sein Schl\u00f6sschen hatte. Schon als Schulm\u00e4dchen hatte meine Mutter Eichendorffs Sommersitz besucht und seit dieser Zeit seine Gedichte ins Herz geschlossen. Er war der gute Geist des sagenhaften Kuhl\u00e4ndchens, die vielbesungene \u201eAlte Heimat\u201c der Ahnen. Und w\u00e4hrend Eichendorff noch die Tr\u00e4ume der deutschen Seele verdichtete, sollte sie Sigmund Freud ein gutes halbes Jahrhundert sp\u00e4ter wieder auseinandernehmen. Auch der Begr\u00fcnder der modernen Seelenkunde war im Kuhl\u00e4ndchen geboren, in Freiburg, dem heutigen \u00a0P\u0159\u00edbor, das auch nur so eine runde Fahrradstunde vom Hof der Ahnen entfernt lag. Dort hat er seine ersten Kinder- und Jugendjahre verbracht und m\u00f6glicherweise sind sich er und mein Urgro\u00dfvater als junge Buben auf dem Jahrmarkt in der nahen Kreisstadt Neutitschein sogar begegnet, vielleicht haben sie sich auch gekappelt und verkloppt, doch da ihre deutsch-jiddischen und so mittelalterlich anmutenden Dialekte viele Ausdr\u00fccke und lustige Redewendungen gemeinsam hatten, h\u00e4tten sie sich sicher bald bestens verstanden, der Bubschku und das Bubele, Lausbuben ein und der selben m\u00e4hrischen Mischkulanz.<\/p>\n<p>Oder sp\u00fcrten sie schon im Heimischen das Unheimliche? Es scheint, als h\u00e4tte es bereits Eichendorff, der vielleicht bedeutendste Heimatdichter der deutschen Literatur geahnt. Versen wie \u201eGr\u00fcss dich Deutschland aus Herzensgrund\u201c stehen zwielichtige Zeilen gegen\u00fcber wie: \u201eSchweigt des Menschen laute Lust \/ rauscht die Erde wie in Tr\u00e4umen &#8230; \/ &#8230; und es schweifen leise Schauer \/ wetterleuchtend durch die Brust\u201c. Auch Freuds Essay \u201eDas Unheimliche\u201c aus dem Jahre 1919 ist eine beispielhafte Fallstudie zur deutschen Seele und ihrer Sehnsucht nach Ursprung, Heimat und Geborgenheit. In ihr untersucht er die unterschwellige Verbindung zwischen \u201eheimelich\u201c und \u201eunheimlich\u201c und wendet man diesen psychologisch-traumatischen Ursprung ins Mythisch-Imagin\u00e4re, so gibt er sich als archaisches Mutter- und Totenreich zu erkennen. Das Unheimliche seiner Unergr\u00fcndlichkeit fand sich nur wenige Kilometer entfernt jenseits der M\u00e4hrischen Pforte. Auf der polnischen Seite lag das Stetl O\u015dwi\u0119cim, das bald als Abgrund der Menschheit, als Auschwitz Weltgeschichte machen sollte. Herzensgrund &#8230; und &#8230; M\u00f6rdergrube &#8230; Bein zu Bein und Blut zu Blut &#8230; hocus pocus, orcus uterus &#8230; everything is hollow &#8230; \u201chome is hard to swallow\u201d\u2026<\/p>\n<p><em>Schindler\u2018s List <\/em>and what is in a name?<em> <\/em>Zufall, Schicksal und Sonderbehandlung. Oskar Schindler, der gute Sudetendeutsche. Sein Name war ein recht h\u00e4ufiger Name im m\u00e4hrischen Land. Geht man in meinem elterlichen Ahnenpass, den das Dritte Reich allen Sudetendeutschen verpasst hatte, nur ein paar Generationen zur\u00fcck, so taucht er auch dort auf. Was die Blut und Boden Mystagogen und ihre faschistischen Genealogen freilich nicht wussten, waren die Familiengeheimnisse meiner v\u00e4terlichen Vorfahren aus M\u00e4hrisch Rothwasser, dem heutigen \u010cerven\u00e1 Voda, hoch droben im Adlergebirge. Zum einen hie\u00df es, dass mein Gro\u00dfvater wahrscheinlich ein uneheliches Kind eines Dienstm\u00e4dchens war, das sich mein schon bald siebzigj\u00e4hriger Urgro\u00dfvater zur zweiten Frau genommen hatte. Zum anderen ging von meiner Gro\u00dfmutter das Gemunkel, sie stamme von getauften Juden ab, die den j\u00fcdischen Namen Kohn in den deutschen Namen K\u00fchn umge\u00e4ndert hatten. Ihr Hochzeitsbild um die Jahrhundertwende zeigt sie mit schwarzem Haar und dunklen, etwas schwerm\u00fctig dreinschauenden Augen. Gesicht und Name &#8230; Schall und Rauch &#8230; \u201eHome is hard to swallow\u201c&#8230;<\/p>\n<p>\u201cLet\u2019s go to your place\u201d. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die Volksdeutschen an der Reihe, wie Schlachtvieh verfrachtet zu werden. Eine der zahllosen, \u00fcberf\u00fcllten Viehwaggons transportierte auch meine Kuhl\u00e4ndler. Nur rollten die G\u00fcterwagen nicht mehr in die Vernichtungslager nach Osten, vielmehr fuhren sie tagelang nach Westen in die Richtung meiner Geburtsstadt am Rande\u00a0 der Schw\u00e4bischen Alb. Wandernde Allemannen hatten sie im f\u00fcnften Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter ihrem Anf\u00fchrer Geppo gegr\u00fcndet, nachdem sie die sesshaft gewordenen r\u00f6mischen Eroberer verdr\u00e4ngt und vertrieben hatten. Dort am Fu\u00dfe des Hohenstaufens, des pr\u00e4chtigsten der drei staufischen Kaiserberge Stuifen, Hohen Rechberg und Hohenstaufen. Auf letzterem hatte einst Kaiser Barbarossa die Stammburg seines immer gr\u00f6\u00dfer werdenden \u00a0Stauferreiches gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>\u201eFremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus&#8230;\u201c Dieses Lied aus der Schubert\u2019schen \u201eWinterreise\u201c k\u00f6nnte auch der Wandergeist jenes Reichsritters singen, welcher der Familiengeschichte zufolge unser Ahnherr gewesen war und ebenfalls im zw\u00f6lften Jahrhundert aus dem Stauferreich im Siedlertrek nach Osten gezogen war. In seiner langen Ahnenkette hatte es mein Gro\u00dfvater im Brauch der Ostlandfahrt sicherlich am weitesten gebracht, n\u00e4mlich bis ins sibirische Irkutzk am Baikalsee, wo er im ersten Weltkrieg vier Jahre in russischer Kriegsgefangeschaft war. Wenn dort der deutsche Gefangenenchor das Lied \u201eNach der Heimat m\u00f6cht ich wieder\u201c anstimmte, dann blieb sp\u00e4testens beim Kehrreim \u201eteure Heimat, sei gegr\u00fcsst in weiter Ferne\u201c kein Auge trocken. So hatte es meine Mutter oft erz\u00e4hlt, wenn sie sich an die Russlanderfahrungen ihres Vaters erinnerte. Eine Generation sp\u00e4ter sollte auch ihr einziger Bruder erneut nach Osten ziehen in einem Feldzug namens \u201eUnternehmen Barbarossa\u201c. Bereits im ersten Kriegswinter ist er vor Moskau gefallen. Volkstraum und Lebensraum, deutsch-russische Winterreise &#8211; Endstation Sehnsucht.<\/p>\n<p>Und so sind sie schlie\u00dflich wieder mitten ins staufische Reich Kaiser Barbarossas zur\u00fcckgekehrt. Im Mittelalter bildete der Hohenstaufen tats\u00e4chlich ziemlich genau den geografischen Mittelpunkt des Heilig R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation. H\u00f6lderlins \u201eHeilig Herz der V\u00f6lker\u201c, hier also in dieser idyllischen Landschaft lag es, das Herzland. Doch als unwillkommene Fremde zogen sie ein, die Heimatvertriebenen aus dem Osten. Pro Person brachten sie f\u00fcnfzig Kilogramm an heimatlichen Habseligkeiten mit. Nun waren sie in den Augen der anderen die \u201eBagasch\u201c, geradeso wie sie einst in ihrer m\u00e4hrischen Mundart heimatloses, fahrendes Volk bezeichnet hatten.<\/p>\n<p>Kaum war ich geboren und bekam einigerma\u00dfen mit, worum es ging, da drehte sich schon wieder alles um gro\u00dfe Reiche und m\u00e4chtige Herrscher. Meine beiden Gro\u00dfv\u00e4ter hatten um die Jahrhundertwende in Wien noch dem alten Habsburger Kaiser Franz Joseph gedient. Als die m\u00e4hrisch b\u00f6hmischen L\u00e4nder der \u00f6sterreichisch-ungarischen Doppelmonarchie nach dem ersten Weltkrieg Teil der neuen tschechoslowakischen Republik wurden, galt es f\u00fcr meinen Kuhl\u00e4ndler Gro\u00dfvater, unumwunden nationaldeutsche Farbe zu bekennen. Ging es am Sonntag in die Kirche oder am Feierabend ins Gasthaus, so brachte er mittels einer Bartbinde seinen blondbuschigen Schnurrbart in patriotische Fasson, grad so als w\u00e4re er vor Ort Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph in m\u00e4hrischer Personalunion. Hochgewachsen wie er war, verk\u00f6rperte er in der Tat eine imposante Respektsperson. Die Fotografien aus jener Zeit geben heute noch beredtes Zeugnis seines zum Untergang geweihten Nationalstolzes.<\/p>\n<p>Da meine drei red- und erinnerungsseligen Gro\u00dfeltern in meinem Elternhaus wohnten, war der m\u00e4hrischen M\u00e4rchen, monarchischen Geschichten und Habsburger Gl\u00fcckseligkeiten kein Ende. Jessmarntjosef, waren damals die Teller noch voll von Kaiserschmarrn und Powideldatschkerln, die Maderln s\u00fc\u00df, die Burschen fesch, die Welt wiegte sich im Walzertakt, und der Himmel hing voller Johann Strau\u00df Geigen. Brannte es einmal im Dorf, so blies mein Gro\u00dfvater Alarm auf der Trompete, greinte eines seiner vier kleinen Kinder, spielte er auf seiner Fiedel irgendein lustiges, m\u00e4hrisches Liedel, und gleich war wieder Ruh. Ich h\u00f6rte all diesen Geschichten gut und gerne zu und bald redete ich selbst schon in ihren alten Mundarten weiter.<\/p>\n<p>Kam am Sonntagnachmittag die weitere Verwandtschaft zusammen, dann hob stets ein gro\u00dfes Palaver an, ein sogenanntes \u201eTischkurieren\u201c. Dieses Wort ist sicherlich eine Verballhornung von \u201ediskurrieren\u201c, so wie es fr\u00fcher das gehobene B\u00fcrgertum in Prag und Wien zu tun pflegte. Doch bis das Wort durch die b\u00f6hmischen W\u00e4lder und m\u00e4hrischen Felder gewandert war, hatte es sich entsprechend verwandelt \u2014 und machte endlich Sinn. Schlie\u00dflich stand ja der Tisch meistens im Mittelpunkt des gem\u00fctlichen Tischkurierens. Fiel ihnen nach mehreren Runden Bier und Wein schlie\u00dflich nichts mehr Gescheites ein, \u00a0fingen sie gew\u00f6hnlich zu singen an.<\/p>\n<p>Wein, Weib, und Gesang, das war meines Gro\u00dfvaters gl\u00fccklichster Dreiklang. Besonders gern schw\u00e4rmte er von der Anmut und Sch\u00f6nheit der \u201eholden Weiblichkeit\u201c, wie er sich auszudr\u00fccken pflegte. Wurde es schlie\u00dflich meiner Gro\u00dfmutter zu bunt, schalt sie ihn lachend \u201eolder Norr\u201c. Zur vollen Gr\u00f6\u00dfe schwoll mein Gro\u00dfvater auf, wenn es galt, die Wunder der Erde zu loben und den Herrn im Himmel daf\u00fcr zu preisen. \u201eDie Himmel r\u00fchmen\u201c, von Ludwig van Beethoven war dann die Hymne, in die er sich regelrecht hinein- und hinaufschmetterte.<\/p>\n<p>Besonders lustig war\u2019s um meine Gro\u00dfmutter, ein wortwitziges Weiblein, das viel alte Redensarten kannte und gerne Schabernack trieb. Die Erwachsenen sagten immer, sie h\u00e4tte einen Schalk im Nacken. Wenn sie gut drauf war, dann schw\u00e4rmte sie unter anderem vom Prinz Eugen, dem Edlen Ritter, der die T\u00fcrkengefahr gebannt hatte. Auch brachte sie mir das Alphabet der Tonleiter bei: Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti-Do. Als ich ihr als Vier- oder F\u00fcnfj\u00e4hriger meine ersten Schreibversuche vorf\u00fchrte, indem ich einen Satz aus einem Buch kopierte, da buchstabierte sie folgenderma\u00dfen: Buusche Baasche Boosche Mitschkerle. Genau so hab ich\u2019s heute noch im Ohr. Es war einer ihrer Gro\u00dfmutterwitze, in dem sie die Laute und W\u00f6rter ihrer vielsprachigen Heimat recht krallewatschig jedoch durchaus lautmalerisch zusammenmischte. Damals fand ich das gar nicht lustig, denn ich hatte sofort erkannt, dass sie das Ganze aus dem Stegreif erfunden hatte, weil ich nur sinnlosen Buchstabenmischmasch fabriziert hatte. Heute wei\u00df ich, sie intonierte meine erste \u201eBohemian Rhapsody\u201c \u2014 lange vor Freddie Mercury.<\/p>\n<p>Die Habsburger Doppel-Monarchie, das k\u00f6niglich kaiserlich versunkene Kakanien. Ja, das war noch a richtig verlorene Heimat. Da konnten die Hohenzollern dort droben in ihrem Berlin nicht mithalten mit ihrem preu\u00dfisch durchorganisierten Untergang. Obendrein tauchte die versunkene Donau-Monarchie bald nach Gr\u00fcndung der Bundesrepublik schon wieder auf. Zuerst in der Lichtgestalt der wunderbaren Sissi, der Herzenskaiserin aller Heimatvertriebenen. Mit ihrer l\u00e4ndlichen Unschuld und jugendlichen Sch\u00f6nheit eroberte sie schnell die Herzen aller Deutschen, und ihre Habsburger Schicksalsgeschichte wurde bald zum beliebtesten Heimatfilm der Bundesrepublik. Gleichsam als flankierende Ma\u00dfnahme zu dieser gef\u00fchlvollen Eroberung begannen die Wiener Philharmoniker um diese Zeit j\u00e4hrlich zu Neujahr in Direkt\u00fcbertragung das Beste aus ihrem reichen Musikschatz anzubieten, angefangen von der putzigen Tritsch-Tratsch-Polka \u00fcber den zackigen Radetzky-Marsch bis zu den melodisch majest\u00e4tisch dahinwogenden Donau- und Kaiser-Walzern. So entstand rundum ein gem\u00fctlicher Wiener Wiegelwagel. Die Gro\u00dfeltern mitsamt den Eltern schwelgten, und mein Kuhl\u00e4ndler Gro\u00dfvater marschierte wieder in seiner ganzen k\u00f6niglich kaiserlichen Herrlichkeit. Diese Musik h\u00e4tten wir im Blut, erkl\u00e4rte man mir, dem westdeutschen Nachwuchs.<\/p>\n<p>Bald marschierte auch ich, allerdings nur in die nahe, h\u00f6here Schule, ins sogenannte\u00a0 \u201eHohenstaufen-Gymnasium\u201c. Unter anderem galt es, das Gro\u00dfe Latinum zu erwerben. Wie ich bald mitbekam, befand ich mich damit ganz auf den Spuren des jungen Steppenwolfs, des widerspenstigen Z\u00f6glings Hermann, den schon sein strenger Herr Vater auf die Lateinschule meiner Heimatstadt geschickt hatte. Sogar das Haus, in dem er wohnte, war noch bekannt, und wenn ich vorbei ging, winkte ich ihm heimlich zu. Hesse lebte zu Beginn der sechziger Jahre noch in seiner Schweizer Wahlheimat im tessinischen Montagnola, doch starb er ziemlich genau in jener Zeit, als ich noch ganz am Anfang von meinem Latein war. Und so hatte der m\u00e4hrische Bauernbub einen guten, schwabenschlauen Schutz- und Trutzengel hinter sich, wenn es durch die Minenfelder der lateinischen Grammatik ging. Denn wie eh und je paukten und trommelten sie uns ihr altes Krieger- und Kirchenlatein ein und klopften ihre christlich abendl\u00e4ndischen Spr\u00fcche von \u201edulce et decorum est pro patria mori\u201c bis zu \u201emea culpa, mea maxima culpa\u201c. Die dauernde Schuld in Gedanken, Worten und Werken.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg kletterte ich immer wieder in die Birken- und Kastanienb\u00e4ume, die am Wegrand und in den nahen Wiesen standen. Aus ihren gro\u00dfen Kronen konnte man den Blick so herrlich ins Weite schweifen lassen. Viele Stunden habe ich so verbracht. Oft mit Spielkameraden, mehr noch allein. Mehrfach bin ich auch durch die \u00c4ste gebrochen, doch hab ich mich immer wieder gefangen. Erst viel sp\u00e4ter fand ich heraus, dass auch Hesse ein gro\u00dfer Freund der B\u00e4ume gewesen war und einf\u00fchlsame Gedichte auf sie geschrieben hatte.<\/p>\n<p>Schluss mit Polka und Mea Culpa. Es dauerte nicht lange, da war es vorbei mit den kakanischen Kinderm\u00e4rchen aus der guten alten Zeit, samt seinen katholischen Schauerm\u00e4rchen von der Verdammnis in alle Ewigkeit. Der Kaiser, ein b\u00f6hmischer Popanz, der Teufel ein mittelalterliches Nachtgespenst. Und Wiener Blut? Das schmeckt gut! So s\u00e4uselte ich mehr oder weniger vampirisch meiner guten, heimatverbundenen Mutter ins Ohr. \u201eCancel my subscription to the resurrection\u201c forderten die Doors und es war ein provokatives Fanal gegen die Welt der V\u00e4ter, vom leiblichen Vater bis zu Vater Staat und Gott Vater, die alle von uns Nachfolge und Gehorsam forderten \u2013 was wir mit Begeisterung verweigerten. \u201eI can\u2019t get no satisfaction\u201c und \u201eLucy in the sky with diamonds\u201c waren jetzt vielmehr angesagt. Die anglo-amerikanische Musik-Invasion. Im Westen viel Neues. Aus dem fernen Kalifornien h\u00f6rte man Jim Morrison von den Doors rufen: \u201eWe want the world and we want it now!\u201c<\/p>\n<p>\u201eTouch me\u201c &#8211; \u201eLes extr\u00eames se touchent\u201c \u2013 \u201eGaudeamus igitur, iuvenes dum sumus\u201d! Das Abitur war \u00fcberstanden. Es folgte der erste lange Sommer in S\u00fcdfrankreich mit meiner ersten gro\u00dfen Liebe. Ich lernte sie auf dem Place de l\u2019Horloge in Avignon kennen. Im Sommer wohnte sie in einem Landhaus inmitten der herrlichen Provence. Bereits bei unserer ersten Begegnung verpasste sie mir einen neuen Vornamen und nannte mich \u201eFrederique\u201c, wobei sich dieser allemannisch-franz\u00f6sische Allerweltsname geradezu anzubieten schien. Voil\u00e0, vive l\u2019entente cordiale! Dieser Name begann nun mehr und mehr den Vornamen meines Vaters zu ersetzen, auf den man mich getauft hatte. Also ganz nach der Devise von Rimbaud \u201eJe suis un autre\u201c, oder als Variante zu den renitenten Anti-Patrioten dr\u00fcben in Deutschland: \u201eJe suis Europ\u00e9en\u201c. Zusammen verbrachten wir zwei gl\u00fcckliche Sommer im herrlichen S\u00fcden, streiften durch seine alten, idyllischen D\u00f6rfer und imposanten St\u00e4dte mit ihren antiken Ruinen und zogen von Festival zu Festival. \u201eIn the summer time when the weather is high\u201c, dieser Sommerhit von Mungy Jerry, in dem selbst das Wetter \u201ehigh\u201c zu sein schien, war die muntere Melodie, die uns \u00fcberall hin begleitete. Durch alle Jahreszeiten und mehrere L\u00e4nder Europas.<\/p>\n<p>Weihnachten in Paris, Montmartre im Schneegest\u00f6ber, das Musical-Spektakel <em>Hair:<\/em> \u201eHair \u2026 flow it, show it, long as God can grow \u201c! Und wieder Sommer &#8230; mein langes von der s\u00fcdlichen Sonne strohblond gebleichtes Haar, ihr noch viel l\u00e4ngeres pechschwarzes Haar, das sie von ihrer sephardisch marokkanischen Mutter geerbt hatte. Ihre pr\u00e4-rafaelitische Haarpracht wallt und weht noch heute auf den zahlreichen Lichtbildern, die ich damals zu schie\u00dfen begann, um den Zauber des Augenblicks festzuhalten gegen die fliehende Zeit, gegen die vergangene und kommende Dunkelheit. \u201eGive me\u00a0 &#8230; hair, long, beautiful hair, shining, gleaming &#8230;\u201c<\/p>\n<p>And how can we not forget &#8230; die Geschorenen aus der Schreckenszeit des Abendlandes und seiner langen Umnachtung. Mein Vater hatte seine besten Jahre auf Schlachtfeldern und in franz\u00f6sischen und amerikanischen Gefangenenlagern in S\u00fcd- und Westeuropa verbracht. Und er hatte noch Gl\u00fcck, verglichen mit ihrem Vater. Er stammte aus dem damals noch habsburgischen Tschernowitz und hat seine besten Jahre wieder im \u00f6stlichen Europa verbracht und zwar \u00a0ausschlie\u00dflich in Auschwitz &#8230;dort, wo sie auch seine erste Frau ermordeten. Mein\u00a0 &#8230; \u201eblondes Haar &#8230; dein aschenes Haar &#8230; Sulamith &#8230;\u201c So wurde die \u201eTodesfuge\u201c Paul Celans, des ber\u00fchmtesten Tschernowitzer, zum Chorgesang aller Ermordeten Israels &#8230; Von Babylon bis Babi-Yar! Und ihrer stummen Schreie &#8230; warum, warum &#8230;<\/p>\n<p>\u201eThe answer is blowing in the wind \u2026\u201c The brooding storms of Northumberland, the old city of Newcastle upon Tyne \u2026 hoch droben im nebligen Norden von England. Dort verbrachte ich nach der Zeit im sonnigen S\u00fcden ein langes, angels\u00e4chsisches Jahr. Zur Zeit der R\u00f6mer war diese Stadt das n\u00f6rdlichste Kastell ihres Reiches gewesen, das sie zusammen mit ihrem Hadrianswall gebaut hatten, um sich gegen die wilden Schotten aus dem nahen Hochland zu sch\u00fctzen. Dort fand ich auch heraus, dass die englischen Schauerromane mit Geschichten von geheimnisumwitterten Spukschl\u00f6ssern ganz und gar nicht aus der Luft gegriffen waren. Nordengland war damals ein reges Zentrum spiritischer Kirchengemeinden mit regelm\u00e4\u00dfigen Geisterbeschw\u00f6rungen.<\/p>\n<p>Vom Ph\u00e4nomen des Paranormalen, der \u201cExtra-Sensory-Perception\u201c wussten die Doors die besten Lieder zu singen. Sie hatten ihren Namen programmatisch von Aldous Huxleys Buch <em>The Doors of Perception<\/em> abgeleitet, dessen Autor wiederum diesen Ausdruck dem mystischen Weltbild des englischen Dichtermalers William Blake entlehnt hatte: \u201eIf the doors of perception were cleansed everything would appear to man as it is \u2014 infinite.\u201c Daraus folgerte Jim Morrison, der fantastische Ikonoklast: \u201cBreak on thru to the other side\u201c. Hier im Norden Englands ist mir dieser \u201eDurchbruch\u201c tats\u00e4chlich gelungen \u2014 alle Tatsachen sprechen daf\u00fcr \u00a0\u2014 es ist jedoch ein weites Feld und eine andere Geschichte. Drum zur\u00fcck auf den Kontinent.<\/p>\n<p>Heidelberg \u2014 \u201eLange lieb ich dich schon &#8230; Du, der Vaterlandst\u00e4dte L\u00e4ndlichsch\u00f6nste\u201c. So besang H\u00f6lderlin das herrliche Heidelberg, wo ich nach meiner R\u00fcckkehr aus dem schleierhaften Norden die sch\u00f6nsten vier Jahre meiner Studentenzeit verbrachte. Die Stadt war \u00a0einerseits ber\u00fchmte Hochburg der altdeutschen Romantik, andrerseits ber\u00fcchtigtes Bollwerk der neudeutschen Studentenbewegung, die denn damals die Stadt auch gern \u201eHighdelberg\u201c benannte. Oh alte Burschen- und Rebellenherrlichkeit. Hier war der Jahrmarkt der Traumt\u00e4nzer und Weltverbesserer, hier der Rummelplatz der bewegten Studentenschaft samt der staatlich erregten Ordnungsmacht. Eine erstaunliche Stadt, halb Volksfest und halb Stra\u00dfenschlacht. Und zwischen B\u00fcchertischen und Barrikaden, R\u00e4ucherst\u00e4bchen und Wasserwerfern hab ich &#8220;mein Herz in Heidelberg verloren&#8221;. Grad so r\u00fchrselig wie im volkst\u00fcmlichen Lied. Wo doch schon Brecht uns ins Gewissen geredet hatte, das Volk sei nicht \u201et\u00fcmlich\u201c und zudem sollten wir, g\u00e4b\u2019s was Sch\u00f6nes zu sehen, nicht mehr so \u201eromantisch glotzen\u201c.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum alten Brecht hatte der junge Eichendorff l\u00e4ngere Zeit in Heidelberg gelebt. Und von ihm stammt das Gedicht \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c, dessen letzte Zeilen lauten: \u201e Es redet trunken die Ferne \/ wie von k\u00fcnftigem, gro\u00dfem Gl\u00fcck.\u201c Und damit ich\u2019s auch wirklich kapierte, schob Eichendorff noch das Gedicht \u201eHeimweh\u201c nach, das mit den Zeilen beginnt: \u201eWer in die Fremde will wandern, der muss mit der Liebsten gehn.\u201c Hugo Wolf, dieser biedermeierliche Steppenwolf im liederabendlichen Schafspelz, hatte es vertont. Diese Verse waren meine Lebensmelodie, nur wusste ich es damals noch nicht. Und so spielte Eichendorff den heimlichen Soufleur und ich seinen ahnungslosen Akteur. Seinem Versprechen folgend verschaute ich mich denn auch prompt mit Leib und Seel in die \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c, die sich wiederum ganz im doppelten Sinne des Eichendorff\u2018schen Gedichtes als Liebste aus einem sch\u00f6nen, fernen Land zu erkennen gab, n\u00e4mlich als S\u00fcdkalifornierin. Sie schien mir genauso wie eine jener \u201eCalifornia Girls\u201c der Beach Boys, deren sonnengl\u00fcckliche Lieder nur so \u00fcbersch\u00e4umten vor Meeresrausch und Lebenslust.<\/p>\n<p>\u201eTouch me\u201c! Morrison\u2019s Magic Words &#8230; \u00a0\u201ewhat was that promise that you made\u201d?! Es hei\u00dft ja, dass die Liebe blind macht. Mir jedoch \u00f6ffnete sie mehr und mehr die Augen f\u00fcr die Wunder dieser Welt. Oh holde Weiblichkeit! Wie sie mir den Kopf verdrehte. Bald war er voll liederlicher Wander- und Liebeslieder. Und es dauerte auch nicht lange und ich landete in weitester Ferne, n\u00e4mlich ganz am Ende der Westlichen Zivilisation. \u201cGood Vibrations\u201d, \u201cCalifornia Dreamin\u2019\u201d. Where from? Where to? Forget the Why\u2019s! \u2014 \u201cI found an island in your arms, and a country in your eyes.\u201d(The Doors).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Our Manifest Destiny<br \/>\nPursuit of Happiness, Summers of Love.<br \/>\nParadise Now<br \/>\nand the limit is the sky above!<\/p>\n<p>Reality Now. Now what, westward wanderer? Continue as a gypsy scholar! Publish or perish, from footnote to footnote, publish or perish, from essay to book, the world as will and representation from Habermas to Habakuk \u2026 Publish and perish anyway, but before you do, make sure you add another line to your runaway resum\u00e9. So l\u00e4sterten die zynischen Akademiker diesseits des Atlantiks und dr\u00fcben machte bald das entsprechende Schm\u00e4hwort von der \u201cLebenslaufhure\u201d die ersch\u00f6pfte Gelehrtenrunde. Curriculum, curriculum vitae \u2026 non scholae sed vitae discimus \u2026 per saecula saeculorum \u2026 et ultima questio: quo vadis, magister artium?! Das war schon das alte Lied der fahrenden Scholaren im Mittelalter, das die fahrenden Musikanten auf ihre kom\u00f6diantische Weise bestens zu begleiten verstanden. Die Lehr- und Wanderjahre heutiger Zigeunergelehrter auf der Suche nach einem festem Lehrstuhl an einer Universit\u00e4t haben viel gemeinsam mit der lebenslangen Wanderschaft mittelalterlicher Minnes\u00e4nger, die von Burg zu Burg gezogen waren auf der steten Suche nach Bleibe und Lehen. So mancher Vagant, der die hohe Minne pries, ersehnte nichts mehr als ein permanentes Ministerialenamt.<\/p>\n<p>Meine Lehr- und Wanderjahre dauerten nahezu drei\u00dfig Jahre. Ein Jahr hier, mehrere Jahre dort und so waren es am Ende ein Dutzend Colleges und Universit\u00e4ten in verschiedenen L\u00e4ndern und Kontinenten. Und als ich schlie\u00dflich eine Bleibe gefunden hatte, die zumindest vorl\u00e4ufige Endg\u00fcltigkeit versprach, ging die Wanderschaft erst so richtig los: mehr und mehr Tagungen, Gastvortr\u00e4ge, Vortragsreisen, immer l\u00e4nger, oft wochenlang, und im Laufe der Jahre in \u00fcber drei\u00dfig verschiedenen L\u00e4ndern rund um die Welt. Ich habe nachgez\u00e4hlt, denn in so manchem Rumtreiber steckt auch ein verkappter Buchhalter \u2026 on the run .. run, scholar, run, have some scholarly \u201c Fun, Fun, Fun\u201d \u2026 \u201eSurfin\u2019 USA\u201d \u2026 surfing Europe and further away &#8230; line by line \u2026 and deadline by deadline. \u2014 Genau besehen war jedoch diese wachsende Wanderlust auch ein zunehmender Wettlauf gegen den kommenden Tod, den gro\u00dfen Schnitter, der mir das Wort abzuschneiden drohte. Vor sieben Jahren meldete er sich zum ersten mal und bescherte mir Zungenkrebs. Eine gro\u00dfe Operation war n\u00f6tig, so befanden die \u00c4rzte. Danach konnte ich eine ganze Woche \u00fcberhaupt nicht reden. Zwei Jahre sp\u00e4ter kehrte er bereits wieder. Ein erneuter Eingriff. Seitdem schweigt er sich aus, der gro\u00dfe Schnitter, dieser verd\u00e4chtige Schweiger.<\/p>\n<p>\u201eWhen Summer\u2019s gone \u2014 where will we be?\u201d Jim Morrisons singt immer noch als w\u00e4re es gestern, dabei ist er schon viele Jahre tot. Wenn immer ich in Paris bin, besuche ich sein Grab in P\u00e8re Lachaise. Hier auf diesem pr\u00e4chtigen Friedhof liegt die Kultur des alten Europas begraben.\u00a0 So viele untergr\u00fcndige Erinnerungen. Heim, daheim und wieder h\u00f6r ich das alte Lied \u201eA Zigeina mecht i sein\u201c. So raunzte und jauchzte sich Andr\u00e9 Heller, das jugendliche Multitalent aus den Wiener Kaffeeh\u00e4usern der siebziger Jahren die Seel aus dem Leib. Er war der letzte Spross einer j\u00fcdisch-\u00f6sterreichischen Zuckerwaren-Dynastie und sp\u00e4te Nachfahr des Habsburger <em>fin de si<\/em><em>\u00e8<\/em><em>cle<\/em>, ein Ausbund seiner Lebensfreud und \u00a0fr\u00fchgereiften Traurigkeit. So wallten in Heller noch einmal die Jahrhunderte alten Traditionen der \u00f6sterreichisch-ungarischen Doppel-Monarchie auf elegisch euphorische Weise auf. Seine lustige Liedersammlung \u201eA Musi, A Musi\u201c, sein wehm\u00fctiger Sprechgesang \u201eAbendland\u201c, und nicht zuletzt sein schwarzromantisches\u00a0 Chanson \u201eMein Freund Schnuckenack, der Zigeuner\u201c, das waren Prater Gassenhauer und vagantische G\u00e4nsehautlieder aus l\u00e4ngst vergangener kakanischer Zeit, und so manche verschattet vom Dunkel der j\u00fcngsten Vergangenheit. Der dumpfe Klang des Cymbalons, das Crescendo der Geigen, die Csardas der Pusta, die Rhythmen des Bulgar aus der Bukowina, das heimeliche Gemauschel der Ger\u00fcchte und das unheimliche Gemunkel der Geschichte in den alten D\u00f6rfern und St\u00e4dten von Mittel- und Osteuropa. \u201eNeunundneunzig Juden und ein Zigeuner machen noch keinen Neutitscheiner\u201c, so ging ein altes Sprichwort im Kuhl\u00e4ndchen. Was immer es bedeuten mochte, komm Spielmann, \u00a0\u201eschpil-sche mir a lidele\u201c, kum, Klezmer, kum Zigeina, ihr seid meine besten Neutitscheiner! Ihr rast- und ruhelosen Jahrtausendwanderer. So schwerm\u00fctig und gl\u00fcckselig geigen sich keine anderen V\u00f6lker heim im ganzen Abendland.<\/p>\n<p>\u201eMar \u00e9 morada de sodade\u201c, das Meer ist die Heimat der Nostalgie. Dieser Ausspruch von Cesaria Evora gibt sicherlich auch manchem transatlantischen Auswanderer zu denken, den ein Meer von seinem alten und neuen Heimatland trennt. \u201eGremium matris terrae\u201c, Scho\u00df der Mutter Erde nannten die Poeten der Antike das Meer, diesen archaischen Urgrund aller Sch\u00f6pfung. S\u00e4ngerinnen wie Evora oder Mariza haben nicht zuletzt auf Grund ihrer portugiesisch-kapoverdischen Fado-Tradition, die das uns\u00e4gliche Heimweh so herzzerrei\u00dfend zu besingen versteht, internationale Popularit\u00e4t gewonnen. Nostalgische Melodien wie \u201eCabo Verde Terra Estimada\u201c und viele andere bilden einen wesentlichen Bestandteil des World Music Repertoires. In ihrer Reorientierung auf nationale Identit\u00e4t und kulturelle Provenienz sind sie ein globales Echo, ein weltweiter Widerhall, auf die wachsende Entfremdung und Vereinsamung vieler Menschen in immer urbaner und anonymer werdenden Gesellschaften. Am fortgeschrittensten ist dieser moderne Zivilsationsprozess zweifellos im \u201eLand der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten\u201c. Eines der leitmotivischen Lieder, das diesen \u201eAmerican Way of Life\u201c exemplarisch zum Ausdruck bringt, ist Willie Nelsons Song \u201eOn the Road Again\u201c. Nicht nur thematisiert er explizit die soziale Mobilit\u00e4t Amerikas, als Country Song evoziert er auch auf repr\u00e4sentative Weise das traditionelle Amerika und sein geradezu emblematisches, s\u00fcdwestliches Panorama. Der Film <em>Crazy Heart<\/em>, die vor wenigen Jahren erschienene Western-Ballade mit Jeff Bridges als tourendem Country S\u00e4nger Veteran, setzt diese Country-Tradition auf kongeniale Weise fort.<\/p>\n<p>\u201eThe road not taken\u201d. Das ist wohl die bekannteste Zeile aus dem Werk des amerikanischen Dichters Robert Frost und sie bildet auch die letzte Frage unseres transatlantischen Fragebogens. Dieses dichterische Sprachbild enth\u00e4lt auch ein landschaftliches Suchbild, das in Amerikas westlichen Weiten seine sprechende Veranschaulichung findet. Ihre nahezu menschenleeren, von der Sonne ausgebrannten Landschaften werden nur noch bisweilen von meist schnurgeraden Highways unterbrochen, die sich am Horizont im Unendlichen zu verlieren scheinen.\u00a0Diese W\u00fcstenwelt ist\u00a0 Nomadenland. Hier baut sich niemand mehr ein Haus, das kommenden Generationen Heimat werden kann. Lediglich an den Kreuzungen und Vergabelungen dieser staubigen \u00dcberlandstra\u00dfen m\u00f6gen sich ein paar mehr oder weniger heruntergekommene Geb\u00e4ude befinden, die vor allem zur Aufrechterhaltung des Transitverkehrs dienen. Es sind Wegstationen, wo der Zufall menschlicher Begegnungen, das Suchen, Finden und Verlieren, besonders augenf\u00e4llig werden. \u00a0Amerikanische Filme, Platten-Covers und Music-Videos haben denn auch das symbolische Potenzial dieser wildwestlichen Landschaften immer wieder f\u00fcr das dramatische Schauspiel schicksalhafter Liebes- und Lebensgeschichten verwendet. Zu ihren markantesten Beispielen geh\u00f6rt das Music Video <em>Big Log<\/em> von Robert Plant aus der Gruppe Led Zeppelin. \u201eMy love is in league with the freeway\u201c, lautet der Refrain dieses Videos, in dem der fahrende S\u00e4nger irgendwo in den westlichen Weiten der Neuen Welt an einer Tankstelle ankommt, deren desolate Atmosph\u00e4re Edward Hopper entworfen haben k\u00f6nnte. \u201eWhen the journey is done there is no turning back\u201c, hei\u00dft es weiter im Lied, w\u00e4hrend sein S\u00e4nger im Coffee Shop der Tankstelle eine Handvoll Bilder zerrei\u00dft. Er kehrt in dem Moment auf den Highway zur\u00fcck, als eine junge Frau an der Tankstelle haltmacht und sich nach allen Seiten umsieht, als w\u00fcrde sie jemanden erwarten. Diese letzte Bildsequenz suggeriert eine Reihe von Bedeutungsm\u00f6glichkeiten, jedoch bevor sich etwas kl\u00e4ren kann, ist der einsame Held der Highway schon in der Abend\u00e4mmerung, dem aufwirbelnden Staub der Stra\u00dfe und dem immer schw\u00e4cher werdenden Echo des Refrains auf Nimmerwiedersehen verschwunden: \u201eMy love is in league with the freeway &#8230; and the coming of night time &#8230;\u201c That is the sunset song of all easy riders &#8230; und ihrer mehr und mehr ergrauenden Steppenw\u00f6lfe &#8230; und ihres immer stummer und staubiger werdenden W\u00fcstenliedes &#8230; woher &#8230; wohin &#8230; warum &#8230;<\/p>\n<p>\u201cTake me home, country roads \u2026 West Virginia, Mountain Mamma\u201d, so besang John Denver die gl\u00fcckliche R\u00fcckkehr in die Heimat der Blue Ridge Mountains. Dieses Lied ist der geradezu programmatische Gegengesang zu Robert Plants Western-Odyssee und seiner \u201eMeandering Destiny\u201c. John Denver war wohl der popul\u00e4rste Heimats\u00e4nger unter den Country-Musikern seiner Generation. Mit dem sprechenden Geburtsnamen Deutschendorf bot er \u00a0obendrein Deutsch-Amerikanern vielleicht einen weiteren Wink mit dem heimatlichen Zaunpfahl. F\u00fcr jeden Wink dankbar, fand ich mich jedenfalls nach Jahrzehnten des Herumziehens tats\u00e4chlich in der Welt der Blue Ridge Mountains wieder, allerdings auf ihrer \u00f6stlich anderen Seite in Virginia, drunten am atlantischen Meeresstrand. Doch je mehr mir diese imposante Metropolregion von Hampton Roads mit ihren malerischen Buchten,viel befahrenen Wasserstra\u00dfen und weltoffenen H\u00e4fen zur neuen Heimat wurde, desto mehr zog es mich wieder zur\u00fcck in die alte Heimat auf der anderen Seite des Meeres.<\/p>\n<p>\u201eAller schw\u00e4bischen Berge sch\u00f6nster\u201c, so besang der sp\u00e4tromantische Dichter Ludwig Uhland den Hausberg meiner Heimatstadt. Mein Vater war schon seit mehreren Jahren tot und auch meine viel j\u00fcngere Mutter war inzwischen alt geworden. Immer \u00f6fter kehrte ich nun zur\u00fcck. Zudem begann mich der Berg Barbarossas mehr und mehr in Bann zu schlagen. Vor lauter Vergangenheitsbew\u00e4ltigung hatte die Bundesrepublik den Blick f\u00fcr die ferneren Zeiten verloren. Erst jetzt begann den Deutschen zu d\u00e4mmern, dass ja der staufische Rotbart auch ein gro\u00dfer Vorreiter der modernen europ\u00e4ischen Union gewesen war. Zusammen mit seinem Enkel Friedrich II, dem K\u00f6nig von Sizilien, mit dessen historischer Gestalt er in der nationalen Erinnerung im Laufe der Jahrhunderte zur Legendenfigur verschmolzen war, repr\u00e4sentierte er die Bl\u00fctezeit des europ\u00e4ischen Mittelalters, dessen deutsch-franz\u00f6sisch-italienische Kronl\u00e4nder auch noch zahlreiche andere Nationen und Kulturen unter ihrer Schirmherrschaft vereinte. Die Italiener zollten den Staufern entsprechend Anerkennung und Bewunderung, indem sie dem alten Friedrich als \u201eBarbarossa\u201c und dem jungen Federico Secondo zus\u00e4tzlich mit dem Ehrentitel \u201eMeraviglia del Mondo\u201c als Wunder der Welt ihre Reverenz erwiesen. Schenkt man den Chronisten Glauben, so scheint den Stauferkaisern das Multikultiprojekt inklusive seiner transnationalen Gesamtfinanzierung\u00a0 weitaus besser gelungen zu sein als der heutigen eisernen Sparkanzlerin. Vielleicht sollte sie ja mal zur Beratung beim Kaiser Rotbart im th\u00fcringischen Kyffh\u00e4user vorbeischauen.<\/p>\n<p>\u201eDer Berg ist heute zaubertoll\u201c, so hei\u00dft es \u00fcber den Harzer Brocken in der Walpurgisnacht von Goethes <em>Faust<\/em>. Dass es auch mit dem schw\u00e4bischen Kaiserberg eine \u00e4hnliche Bewandtnis haben k\u00f6nnte, darauf k\u00f6nnten schon die Bilder von Hans Baldung Grien hinweisen, einem der bedeutendsten Maler des Mittelalters, dessen Geburtsstadt Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd auf der anderen, n\u00f6rdlichen Seite des Hohenstaufen liegt. Baldung Grien, ein Sch\u00fcler Albrecht D\u00fcrers, hatte sich vor allem als Darsteller von wilden Wetterhexen und zauberhaften Walpurgisn\u00e4chten seinen k\u00fcnstlerischen Ruf erworben. Noch Jahrhunderte sp\u00e4ter sollte Nietzsche bedeutungsvoll raunen, dass die Musik ein zauberhaftes Weib sei und ihr Mutterscho\u00df ein sch\u00f6pferischer Zauberberg. Und in der Tat, auch der Hausberg meiner Heimatstadt entpuppte sich in den letzten Jahren als ein Mutterberg, der mehr und mehr zu schwingen und zu klingen begann.<\/p>\n<p>Thomas Friz, der seinerzeit wohl bekannteste und sicherlich begabteste Musiker von &#8220;Zupfgeigenhansel&#8221;, die als Gruppe l\u00e4ngst zerfallen war, hatte sich vor Jahren ausgerechnet \u2014 oder auch bezeichnenderweise \u00a0\u2014 das Dorf Hohenstaufen am S\u00fcdhang des Berges als neue Heimat erkoren. Es dauert nicht lange und ich wurde mit ihm bekannt. Und bald entspann sich auch eine feste Freundschaft mit Harald Immig, dem Liedpoeten und Landschaftsmaler, der auf der anderen Seite des Dorfes wohnt und unterhalb der Barbarossakapelle eine Bildergalerie unterh\u00e4lt. Beide K\u00fcnstler sind als Musiker bis heute sehr aktiv, komponieren, produzieren neue CDs, und vor allem Harald gibt in der n\u00e4heren und weiteren Umgebung meistens in Begleitung anderer Musiker jahrein, jahraus zahlreiche Konzerte. Doch damit noch nicht genug mit der musikalischen Kreativit\u00e4t rund um diesen Berg. Seit einigen Jahren findet dort oben auch das j\u00e4hrliche &#8220;Kammermusik Festival Hohenstaufen&#8221; unter der Direktion von Rahel Rilling statt, die wiederum die Tochter von Helmuth Rilling ist, der sich seinerseits als Leiter der internationalen Bachakademie weltweit einen Namen gemacht hat. Und auch die Rilling-Familie wohnt in dem nicht viel mehr als Tausend Seelen z\u00e4hlenden Bergdorf. Sicherlich lauscht auch sie in stillen N\u00e4chten dem leisen Rauschen des Bergwaldes.<\/p>\n<p>Mountain Mamma, Meraviglia Incantata, klingende Heimat: So wurde Barbarossas geschichtsschwangerer Stammberg in der j\u00fcngsten Zeit tats\u00e4chlich zu einer musikalischen Hochburg, wobei vor allem seine beiden Liedermacher die kulturellen Br\u00fccken schlagen bis weit zur\u00fcck in die Zeit der mittelalterlichen Vaganten. Thomas Friz mit seinem reichen Schatz deutscher und jiddischer Volkslieder und Harald Immig mit seinem mannigfaltigen Repertoire, das von aktuellen Protestsongs \u00fcber lyrische Naturlieder bis zu staufischen Geschichtsballaden reicht. Vielleicht waren ja die beiden in fr\u00fcheren Zeiten schon einmal fahrende Spielleute gewesen, die sich auf ihrer lebenslangen Wanderschaft schlie\u00dflich bis in die Gegenwart verirrt hatten.<\/p>\n<p>\u201eIr sult sprechen willekomen\u201c, so gr\u00fc\u00dfte Walther von der Vogelweide in seinem ber\u00fchmten Preislied die hohen Herren des weiten Reiches. Auch wir drei lie\u00dfen uns nicht lange zur Tafel bitten und traten bald mehrfach gemeinsam auf. Thomas und Harald spielten ihre Lieder und ich \u2014 ein musikalischer Taugenichts, der seine Geige l\u00e4ngst an den Nagel geh\u00e4ngt hatte \u2014, hielt eben meine mehr oder weniger gelehrten Vortr\u00e4ge. Dann zogen wir weiter durch die n\u00e4chtliche Stadt oder in die umliegenden D\u00f6rfer, kehrten in einer ihrer alten Dorfschenken ein oder kehrten noch einmal zur\u00fcck auf den Hohenstaufen und hinauf in die verwinkelte Dachstube \u00fcber Haralds Bildergalerie.<\/p>\n<p>\u201eUm Mitternacht\u201c, lautet eines der sch\u00f6nsten Naturgedichte Eduard M\u00f6rikes, das, wie ich meine, die abendliche D\u00e4mmerstimmung der Schw\u00e4bischen Alb einf\u00e4ngt wie kein anderes:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eGelassen stieg die Nacht ans Land,<br \/>\nlehnt tr\u00e4umend an der Berge Wand,<br \/>\nihr Auge sieht die goldne Waage nun<br \/>\nder Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">und kecker rauschen die Quellen hervor,<br \/>\nsie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr,<br \/>\nvom Tage, vom heute gewesenen Tag &#8230;<\/p>\n<p>Claudia Pohel, Haralds fr\u00fchere musikalische Partnerin hat dieses Gedicht vertont und wenn sie es mit ihrer seraphischen Stimme singt, wobei sie sich an der Harfe begleitet, dann k\u00f6nnte man gerade meinen, die M\u00e4rchen- und Mythenwelt der Elfen und Engel sei zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>\u201eDu f\u00e4ndest Ruhe dort &#8230;\u201c geht eine Zeile in dem Lied \u201eAm Brunnen vor dem Tore\u201c, dem bekanntesten Lied der\u00a0<em>Winterreise<\/em>.\u201c\u00a0Entwurzelter \u2014 ist nicht hier in dieser Landschaft dein eigentlicher Wurzelgrund, Schicht um Schicht, Geschichte um Geschichte? Heimat \u2014 wenn irgendwo in dieser Welt, dann hier, rundum den Hohenstaufen, im klingenden Herzland des Stauferreiches. Hier noch einmal wiedergeboren zu werden, als Baum immer tiefere Wurzeln zu schlagen, dem Fl\u00fcstern der Felder zu lauschen, schw\u00e4bisch mit den Bl\u00e4ttern zu rascheln und b\u00f6hmisch-m\u00e4hrisch mit den W\u00e4ldern zu rauschen, sich zu wiegen im Wechsel der Jahreszeiten und den Blick schweifen zu lassen in die l\u00e4ndlichen Weiten &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/10\/triptych3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2910   aligncenter\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/10\/triptych3-1024x621.jpeg\" alt=\"\" width=\"652\" height=\"455\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Autor am Fu\u00df des Hohenstaufens Anfang der siebziger Jahre<\/p>\n<p>Was du ererbt von deinen M\u00fcttern: W\u00e4hrend mir die Muttersprache, das Munkeln meiner Gro\u00dfmutter, zu Kopf gestiegen ist, war das Herz meiner Mutter voller Musik geblieben, eine Quelle unz\u00e4hliger Lieder. Sie sang sie immer wieder mit ihrer hellen und klaren Stimme und dazwischen begleitete sie sich auf ihrer Mundharmonika. Gegen ihr Lebensende lebte sie noch einmal ganz in der Musik auf, wenn sie in unserem Garten zusammen mit Harald und seiner Gitarre die alten Weisen sang. Als sie schon sterbenskrank war, hat er sie wenige Tage vor ihrem Tod noch einmal besucht, um ihr ein letztes Mal ihre Lieblingslieder vorzuspielen &#8230; ehe sie die letzte gro\u00dfe Reise antrat &#8230; in die \u201eEwige Heimat\u201c, wie sie das Jenseits ein Leben lang genannt hatte.<\/p>\n<p>\u201eUnd meine Seele spannte &#8230;\u201c Man muss gewiss nicht den Migrationshintergrund eines m\u00e4hrisch-r\u00f6misch-katholischen Fl\u00fcchtlingskindes haben, das der geschichtliche Zufall an den Fu\u00df des schw\u00e4bischen Hohenstaufen verschlagen hatte, um die Stimmen der Ahnen und die Lieder ihrer Landschaften zu h\u00f6ren. Sie schlafen in allen Dingen &#8230; \u201edie da tr\u00e4umen fort und fort\u201c. \u201eMondnacht\u201c und \u201eMitternacht\u201c sind \u00fcberall, wo der Zauber des Fremden und Unbekannten ins Vertraut-Heimeliche einbricht. Dieser magische Moment sollte auch die moderne Film- und Rockmusik zu einer Vielzahl von Melodien inspirieren. Von \u201eMoon River\u201c in <em>Breakfast at \u00a0Tiffany\u2019s<\/em> \u00fcber \u201eMoonlight Drive\u201d der Doors bis zu Pink Floyds \u201cDark Side of the Moon\u201d steigert sich der dunkle H\u00f6henrausch und gipfelt schlie\u00dflich in Morrisons endzeitlicher Vision \u201cI love you till the stars fall from the sky.\u201d<\/p>\n<p>\u201eDream Maker, Heart Breaker\u201c \u2014 Kein anderer Himmelsk\u00f6rper beschw\u00f6rt die erotisch-religi\u00f6se Sehnsucht, das himmlische Fernweh und irdische Heimweh der menschlichen Seele so sinnbildlich herauf wie der lunarische Trabant, dieser ewig kreisende, weltumreisende Vagant. Manche glauben gar, sein Schimmer k\u00f6nne die dunkle Welt zwischen Diesseits und Jenseits, die sinnlich-\u00fcbersinnliche Br\u00fccke der Seelenwanderer zum n\u00e4chtlichen Funkeln bringen. In der Tat wei\u00df niemand, was f\u00fcr Nachtlieder den Wanderer zwischen den Welten noch erwarten \u2014 dort im Zwielicht des Weltalls irgendwo zwischen der \u201etranszendentalen Obdachlosigkeit\u201c eines tr\u00fcbsalblasenden Georg Luk\u00e1cs und Led Zeppelins rockend frohlockendem \u201eStairway to Heaven\u201c. Robert Plant und Jimmy Page auf der extatischen H\u00f6he ihres musikalischen Sturms und Drangs, das war das Comeback der glorreichen Erzengel aus dem alten Alten Testament als extravagante Glam Rock Stars \u2014 playing the sparkling Pearly Gates.<\/p>\n<p>Last questions and multiple choices: Die Frage nach dem richtigen Lebensweg ist letztendlich auch eine Glaubensfrage und hierbei scheiden sich die Geister zwischen der Alten und Neuen Welt wohl am deutlichsten. W\u00e4hrend dr\u00fcben christliche Institutionen die sukzessive Repaganisierung der abendl\u00e4ndischen Kultur beklagen, haben sie auf dieser Seite des Atlantiks weiterhin ein vielfaches Sagen. Angefangen von der Dorfkirche und ihrem Gottesdienst, wo man \u201esofort gekrallt werden kann\u201c, bis zum Wahlkampf um die Pr\u00e4sidentschaft ist der christliche Sohn Gottes stets mit von der Partie. Konservative Kandidaten, die im \u201eBibel Belt\u201c auf Stimmenfang gehen, finden in der dortigen \u201eMoral Majority\u201c denn auch ihre gr\u00f6\u00dfte, gewisserma\u00dfen metaphysische Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Im Grunde genommen ist die Frage nach dem richtigen Lebensweg eine Janusfrage, deren Beantwortung erst aus dem Blick zur\u00fcck in die Zukunft m\u00f6glich wird. Vielleicht kann sie ja Hermann Hesse, der Seelenf\u00fchrer einer ganzen Jugendgeneration, der zu seinen Lebzeiten selbst ein unentwegter Wanderer gewesen war, beantworten. Gegen Ende seines Stufen-Gedichtes schreibt er:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,<br \/>\nan keinem wie an einer Heimat h\u00e4ngen,<br \/>\nder Weltgeist will nicht fesseln, uns nicht engen,<br \/>\ner will uns Stuf\u2018 um Stufe heben, weiten &#8230;<\/p>\n<p>Oh alter Glasperlenspieler, magister ludi et magus mortis:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde<br \/>\nuns neuen R\u00e4umen jung entgegensenden,<br \/>\ndes Lebens Ruf an uns wird niemals enden,<br \/>\nwohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">No more broken and bleeding heart. Steppenwolf &#8230; born again &#8230; born to be wild and finally free: \u201cDie goldene Spur war aufgeblitzt, ich war ans Ewige erinnert, an Mozart, an die Sterne.\u201d So beschreibt Hesse die Geistesblitze seines einsamen, durch die n\u00e4chtliche Welt streifenden Steppenwolfs. W\u00e4hrend Goethes Faust das Geheimnis der Sch\u00f6pfung im Innersten der Welt vermutet, glaubt es Hesses Harry Haller in einem magischen Weltalltheater erkennen zu k\u00f6nnen, in dem der Sch\u00f6pfer der Zauberfl\u00f6te gleichsam als kosmischer Komponist g\u00f6ttlich allm\u00e4chtig das Zepter schwingt. Dieses klingende Himmelreich scheint denn auch der letzte Satz des Romans noch einmal in Aussicht zu stellen: \u201eMozart wartete schon.\u201c<\/p>\n<p>\u201eRock me Amadeus\u201c, mit diesem funkigen Falco-Song kann sich Hesses Held jetzt beschwingt aus dem Staub der Welt machen und hinein in den Sternenstaub des Weltalls, in den Reigen der freudigen G\u00f6tterfunken, den sch\u00f6nen T\u00f6chtern aus Elysium. Diese finale Eskapade w\u00e4re sicherlich auch ganz im Geiste der Fabulous Four. Their <em>Magical Mystery Tour \u2014 <\/em>a kaleidoscope of universal rhapsodies. So far out! Imagine all the people, following the Pied Piper of Jethro Tull, playing his magic flute and everbody<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">is riding the roller coaster of Classical Rock<br \/>\nfrom Bach to Beethoven, Deep Purple and Cream,<br \/>\nand those who have reached the dawning New Age<br \/>\nwill surf the blue waves of \u201cTangerine Dream\u201d.<\/p>\n<p>\u201eMusic is your only friend \u2014 until the end\u201c, Morrison saw it coming. Oh Flashbacks! The future of flashbacks! Long live the sound of music, long live the sound of memory, to hell with fire and brimstone, heaven on earth, we are coming home. This is the last exit, this is the last chance! No more searching and wandering, from now on it is sing and dance! \u00a0\u2026 \u201cBreak on through to the other side\u201d!\u00a0 \u2026 \u201cI\u2019m stepping through the door \u2026 ground control to Major Tom, your circuit\u2019s dead, \u00a0there\u2019s something wrong\u201d \u00a0\u2014 \u201cHere am I floating \u2026 far above the moon \u2026 planet earth is blue, and there is nothing I can do\u201d. (David Bowie, <em>Space Oddity<\/em>)<\/p>\n<p>Sound control and ground control: Kehren wir noch einmal zur\u00fcck ins Heimatlich-Bodenst\u00e4ndige. Vielleicht ist ja die Welt hier unten \u2014 allen menschlichen Glaubensspr\u00fcngen zum Trotz \u2014 tats\u00e4chlich des Weltalls letzter Fluchtpunkt, Endstation all seiner \u00fcberirdischen Sehnsucht. \u201eShe is like a rainbow\u201c, so schallt und hallt es noch immer herauf von den rockenden Rolling Stones. Und in den rollenden Sph\u00e4ren des Universums besteht kein Zweifel, sie besingen die lockend barocke Frau Welt in ihrer farbenfrohen Weltenpracht. Die Rockmusik, das ist ihr rauschender Rock, ihr wiegendes Tanz- und ausschweifendes Schleierkleid. Dass sich auch der Herr der Sch\u00f6pfung dieses gro\u00dfartige Schauspiel nicht entgehen lassen wollte, das ahnte schon der alte Magier von Montagnola, als er in seinem Gedicht \u201eMagie der Farben\u201c schrieb: \u201eGott wird Welt in farbig Buntem\u201c. Der alte Gott Vater im Himmel w\u00e4re in der Tat ein gro\u00dfer Narr, wenn er sich die Wunder der Mutter Erde, die Augenweide ihrer immer wieder neuen Fr\u00fchlings- und Sommerpracht entgehen lassen wollte. Klammheimlich summt er bestimmt Morrisons erotisch-apokalyptische Melodie \u201eTouch me &#8230; I\u2019m gonna love you till the heaven stops to rain\u201d.<\/p>\n<p>\u201eGesang der Geister \u00fcber den Wassern\u201c, nannte Goethe sein gro\u00dfes Weltgedicht, in dem er die Seelenwanderung des Menschen mit dem Kreislauf des Wassers vergleicht, das in ewiger Verwandlung zwischen Himmel und Erde aufsteigt und niederf\u00e4llt. Der Schluss dieses Gedichts lautet: \u201cSeele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind\u201c. Die poetische Quintessenz dieser universalen Alchemie ist Goethes Gedicht \u00a0\u201eSelige Sehnsucht\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eUnd so lang du dies nicht hast,<br \/>\ndieses Stirb und Werde,<br \/>\nbist du nur ein tr\u00fcber Gast<br \/>\nauf der dunklen Erde.\u201c<\/p>\n<p>Das ist das Weltgesetz der Gro\u00dfen Mutter, das Geheimnis der antiken Eleusinischen Mysterien, in deren Weltvorstellung Mutterscho\u00df und Erdengrab eine innere, unergr\u00fcndliche Einheit bilden. Anfang ist Ende und Tod ist Wiedergeburt. Auch Martin Walser, der alte, allemanische Seher vom Bodensee, kann dieses uralte Wechselspiel noch einmal best\u00e4tigen, wenn er schreibt: \u201eNichts ist ohne sein Gegenteil war\u201c. Wer w\u00e4re in diesem widerspr\u00fcchlichen Weltenr\u00e4tsel nicht besser bewandert als wir Deutsche, wir Zauberlehrlinge der Hegel\u2019schen Geschichtsphilosophie und Weltmeister ihrer Widerspr\u00fcche. Wir radikalen Links- und Rechtshegelianer auf unserem\u00a0 langen Sonderweg durch die Weltgeschichte. Wahrscheinlich wollten wir auf dieser Wanderschaft auch ja nichts verpassen ganz im Sinne Yogi Berras, unseres amerikanischen Geistesverwandten, von dem der Ratschlag stammt: \u201eWhen you come to a fork in the road, take it.\u201c<\/p>\n<p>\u201eI hear you knocking\u201c, Weltgeist, Zeitgeist, Poltergeist, immer n\u00e4her, immer lauter. So k\u00f6nnte man im weiteren geistesgeschichtlichen Sinnzusammenhang Dave Edmunds Sing-Along ins Feld f\u00fchren. Doch brauchen wir in unserer aufgekl\u00e4rten Welt \u00fcberhaupt noch dieses Weltallgespenst mit seiner h\u00f6heren, vielbeschworenen \u201eList der Vernunft\u201c? So h\u00f6re ich Freund Heine, den verwegenen Himmelst\u00fcrmer, argumentieren. Reicht f\u00fcr hier unten nicht der gesunde Menschenverstand? Tikkun Ollam, die Verbesserung der Welt! Kriegen wir das inzwischen nicht selber hin? Nein, kriegen wir nicht. Wir brauchen die dialektische Aufhebung der Widerspr\u00fcche und ihrer weltgeschichtlichen Wahrheiten, und zwar aufbewahrt und aufgehoben f\u00fcr alle Zeiten. Und das kann schlie\u00dflich nur der Weltgeist. Als Kopfgeburt von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, diesem spekulierenden Super-Stuttgarter, ist er zudem eindeutig schw\u00e4bischer Abstammung und b\u00fcrgt somit f\u00fcr h\u00f6chste Wertarbeit. Ja, dieser Weltgeist ist genau besehen der gr\u00f6\u00dfte Geistessohn dieser an Geistesk\u00f6pfen durchaus nicht armen Region, deren Ahnengalerie von Friedrich Rotbart \u00fcber Johann Faust bis zu Albert Einstein reicht. Von vielen anderen Gr\u00fcblern und T\u00fcftlern dieses insgesamt so gr\u00fcndlich-t\u00fcchtigen Menschenschlages mal ganz zu schweigen. Vor allem von Daimler, Benz und Zeppelin, diesen fahr- und flugvergn\u00fcgten Bahnbrechern der beschleunigten Gegenwart, die das Bummeln und beschauliche Wandern immer mehr verlernt hat. Sie alle haben ihre Wurzeln im W\u00fcrttembergischen \u2014 na gut, Benz im Badischen \u2014 also dann eben im vereinten baden-w\u00fcrttembergischen \u201eMuschterl\u00e4ndle\u201c. Und dort k\u00f6nnen sie bekanntlich alles \u2014 au\u00dfer Hochdeutsch. Aber die Sprache des Weltgeistes versteht ja auch kein Mensch (ultima ratio sub specie aeternitatis).<\/p>\n<p>Genug der Winter- und Sommerm\u00e4rchen, der Schauer- und Zauberlieder und der Weltreisen und Geistergeschichten. Man kommt ja ganz vom Weg ab, wenn man den Stimmen der Vorfahren und ihren ausgewanderten Nachfahren folgt, diesem vielstimmigen Wanderchor durch diese Weltgeschichte, die so voller Irrungen und Wirrungen ist. Werfen wir einen letzten Blick zur\u00fcck \u00fcbers Meer, in die alte Heimat, genauer, in ihren j\u00fcngsten Bildungsroman <em>Die deutsche Seele.<\/em> In ihr spiegelt sich sowohl der Heilungsprozess unserer zwiesp\u00e4ltigen Geschichte als auch das \u201eZwitterdasein\u201c deutsch-amerikanischer Auswanderer auf vielf\u00e4ltige Weise wider. Die Rundschau seiner Autoren leuchtet sowohl die H\u00f6hepunkte als auch die Abgr\u00fcnde der deutschen Kultur und Geschichte aus und gelangt auf diese Weise zu einem weitaus \u00a0ausgewogeneren Deutschlandbild, als dies bislang in vergleichbaren Werken der Fall gewesen war. Vielleicht war ja der Weltgeist als Ghost Writer auch an diesem nostalgischen Narrativ mit beteiligt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus zeichnet sich diese innerdeutsche Reorientierung auch im j\u00fcngsten ausl\u00e4ndischen Meinungswandel ab. In der j\u00e4hrlichen Umfrage der BBC, die in gewisser Hinsicht eine Art britisches Modell zu unserem transatlantischen Fragebogen darstellt, steht Deutschland auf der internationalen Popularit\u00e4tskala der Nationen nun schon zum wiederholten Mal an erster Stelle. Einer der Autoren von <em>Die deutsche Seele<\/em> bringt diesen neuen, ausl\u00e4ndischen Blick auf Deutschland wohl am besten zum Ausdruck, wenn er angesichts der Vielfalt und Sch\u00f6nheit der deutschen Mittelgebirge, die unsere Vorfahren so gern durchwanderten, zu der \u00fcberraschenden Schlussfolgerung gelangt: \u201eGeben wir es zu: Manchmal m\u00f6chte man Amerikaner sein, um das alles unvoreingenommen w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen.\u201c Wer w\u00e4re da besser zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt als die Deutsch-Amerikaner? Und so gilt denn insgesamt, wie auch die Antworten auf unseren Fragebogen immer wieder gezeigt haben, f\u00fcr diesen fremd-vertrauten Blick zur\u00fcck in die alte Heimat einmal mehr Goethes gefl\u00fcgelte, weitsichtige Wort: \u201eAmerika, du hast es besser.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transatlantischer Fragebogen: Aus den Erfahrungen deutschsprachiger Auswanderer \u2014 A Musical History Tour \u201eHome is where the heart is\u201c (Lena Lovich) \u201e\u2018Amerika, du hast es besser\u2018- Hat Goethe immer noch recht?\u201c Das ist eine Frage, die in so manchen Texten der Zeitschrift Trans-Lit2, dem zweimal j\u00e4hrlich erscheinenden Journal der \u201eSociety for Contemporary American Literature in German\u201c [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":2534,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2819","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2819"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2819\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}