{"id":2886,"date":"2012-10-31T14:38:48","date_gmt":"2012-10-31T18:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2886"},"modified":"2022-02-13T19:03:18","modified_gmt":"2022-02-14T00:03:18","slug":"christine-cosentino-glossen-35","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-352012\/christine-cosentino-glossen-35\/","title":{"rendered":"Christine Cosentino"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\" align=\"center\"><strong>\u201cDer kraftlose Schwung der Gehemmten\u201d:\u00a0 Zum Thema der Sprachlosigkeit in Lutz Seilers Short Story \u201cNa?\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Kurzprosa nach dem Vorbild der amerikanischen Short Story \u2013 wie auch immer variiert \u2013 bl\u00fcht auf dem deutschen B\u00fcchermarkt\u00a0 seit der Wiedervereinigung.\u00a0 Das Ineinander von verhaltenem Sich-Vorw\u00e4rtstasten und passivem\u00a0 Gew\u00e4hrenlassen mache\u00a0 \u201cdie Form der kurzen Erz\u00e4hlung so attraktiv f\u00fcr den Schriftsteller. Und f\u00fcr den Leser\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[i]<\/a> beobachtet Volker Hage. \u00a0So mancher\u00a0 Autor stie\u00df w\u00e4hrend eines \u00a0l\u00e4ngeren US-Aufenthaltes auf dieses spezifische Genre, sei es \u00a0als Student,\u00a0 Stipendiat oder als Writer in Residence an Universit\u00e4ten oder Stiftungen. Ingo Schulze setzte 1998 mit seinen <em>Simple Storys<\/em> f\u00fcr die Problematik der zusammenwachsenden deutschen Staaten in der Literatur einen neuen Ton, dessen\u00a0 Frequenz sich aus dem Zusammenspiel der Misst\u00f6ne ergab, die thematisch \u00a0dem Genre der amerikanischen Short Story innewohnen. Autoren wie u.a. Antje R\u00e1vic-Strubel, Julia Schoch, Angela Krau\u00df, Judith Hermann oder Jakob Hein folgten Schulzes Spuren.<\/p>\n<p>Im \u00a0Jahre 2003 ging der Lyriker Lutz Seiler in die USA, wo er drei Monate lang als Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles verbrachte.\u00a0 Vier Jahre sp\u00e4ter trat er beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb erstmals mit einer Erz\u00e4hlung,\u00a0 \u201cTurksib\u201d, \u00a0an die \u00d6ffentlichkeit und wurde einhellig zum Sieger gek\u00fcrt. Nur kurze Zeit sp\u00e4ter, 2009, erschien sein Prosaband <em>Die Zeitwaage<\/em><a title=\"\" href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>, der vierzehn teilweise\u00a0 autobiografisch gepr\u00e4gte, melancholisch get\u00f6nte, \u00a0\u00a0Kurzgeschichten versammelt.\u00a0 Thematik \u00a0und Komposition der einzelnen Texte lassen das amerikanische Muster erkennen. \u00a0Durchaus zuzustimmen ist dem Kritiker Jens Jessen, der generell, dann aber auf Seiler bezogen, \u00a0bilanziert, \u00a0die\u00a0 Short Story \u201csei die Gattung der Kommunikationsverweigerung (gegen\u00fcber dem Leser) und der Kommunikationsst\u00f6rung (zwischen den Figuren). Das nun kommt Lutz Seiler ideal zupass.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[iii]<\/a>\u00a0 Seilers Geschichten sind \u00a0in der Tat unspektakul\u00e4re Momentaufnahmen \u00fcber verst\u00f6rte Verlierer und energielose \u00a0Verzagte, die ihrer Verlorenheit mit Sprachlosigkeit \u00a0gegen\u00fcberstehen. Auch andere Kritiker stellten Seilers Anlehnung an die Short Story heraus, seinen Variantenreichtum, seine \u201cSicherheit in der Benutzung und Abwandlung der klassischen Short Story-Architektur, die nachhaltig beeindruckt.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p>\u201cMisfits\u201d nannte \u00a0der Kritiker Tobias Wolff solche\u00a0 Art von\u00a0 Anti-Helden f\u00fcr den \u00a0Kontext der amerikanischen Short Story. Die Texte Ernest \u00a0Hemingways, \u00a0Raymond Carvers,\u00a0Richard Fords oder Ann Beattys seien \u201ca chronicle of misfits trying to break out of\u00a0 \u2018submerged population groups\u2019 [\u2026] stories about people who led lives neither admirable nor depraved, but so convincing in their portrayal that the reader had to acknowledge kinship.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[v]<\/a> Sehr \u00e4hnlich beleuchtet Seiler Menschen, die sich mit \u201ckraftlosem Schwung\u201d \u00a0(258) in\u00a0 Verlustsituationen bewegen, Situationen, deren \u00a0Handlungsarmut \u00a0zum Spiegel von Hoffnungslosigkeit und Antriebsschw\u00e4che der Protagonisten wird. \u00a0Befragt nach dem seltsamen Titel seines Bandes,\u00a0\u00e4u\u00dferte sich der Autor zum Instrument einer Zeitwaage, \u00a0die \u00a0die Ganggenauigkeit einer Uhr misst. Es ginge \u201cum Momente, die schwanken, die herausfallen aus dem Ablauf der Zeit. \u00a0Die L\u00fccken im Ablauf, wo uns etwas besonderes passiert, uns etwas zust\u00f6\u00dft mit einer Notwendigkeit, die wir selbst vorher nicht sehen konnten. Man f\u00fchlt sich unter Umst\u00e4nden hilflos dem ausgesetzt, aber es passiert etwas Entscheidendes.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[vi]<\/a> Der Leser begegnet auf Schritt und Tritt in Seilers\u00a0 Short Stories Menschen, die aus der Zeit gefallen\u00a0 oder aus dem Takt geraten sind.<\/p>\n<p>Wer jedoch annimmt, da\u00df der 1963 in Gera geborene, in der DDR sozialisierte Autor per R\u00fcckblende\u00a0 im DDR-Milieu verwurzelten Tr\u00fcbsinn aufw\u00e4rmt und Historisches aufzuarbeiten versucht, geht fehl. Seiler geht es nicht um die Rekonstruktion \u00f6stlichen Selbstbewu\u00dftseins. Es handelt sich\u00a0 weder um Bew\u00e4ltigungsliteratur im Sinne Ingo Schulzes, Julia Schochs oder Monika Marons,\u00a0 noch um bitter satirisch philosophische Auseindersetzungen, wie \u00a0Volker Braun oder Thomas Brussig sie betrieben. \u00a0\u201cIch habe die DDR nicht im Sinn gehabt bei diesen Erz\u00e4hlungen\u201d,\u00a0 erkl\u00e4rt der Autor im oben bereits erw\u00e4hnten Interview. Er f\u00e4hrt fort: \u201c Es ging nie um Rekonstruktion von DDR-Zust\u00e4nden oder DDR-Geschichte. Es ging immer um diese besonderen Momente, die unabh\u00e4ngig von Gesellschaftsformationen zu existieren scheinen.\u201d (\u201cInterview) \u00a0Keineswegs also\u00a0 pr\u00e4sentiert\u00a0 Seiler \u00a0Auseinandersetzungen bzw. \u00a0Abrechnungen \u00a0mit den\u00a0 \u201cKollateralsch\u00e4den des Sozialismus\u201d, wie der Kritiker\u00a0 Jens Jessen meint (Jessen). In einem Video-Gespr\u00e4ch widersetzt sich Seiler dieser Interpretation mit Nachdruck: \u201c\u00dcberhaupt nicht!\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn7\">[vii]<\/a>. \u00a0In Seilers \u00a0amerikanisch eingef\u00e4rbten Kurzgeschichten \u00a0dominiert das exemplarisch\u00a0 Existentielle \u00a0im Leben\u00a0 verwundeter Menschen in Z\u00e4sursituationen. Zwar ist die DDR \u00a0als Folie oder Lokalkolorit hier und da\u00a0 in den vierzehn Geschichten der <em>Zeitwaage<\/em>\u00a0 deutlich gegenw\u00e4rtig, aber es \u00a0geht\u00a0 um psychische Wunden der Helden\/Antihelden, um Existentielles, Trauma generell, dem\u00a0 der\u00a0 Mensch in Ost oder West, Nord oder S\u00fcd, \u00a0jenseits jeglicher ideologischer\u00a0 Grenzen ausgesetzt sein \u00a0kann.\u00a0 Themen wie \u00a0Einsamkeit, Tod, Verlust, \u00a0unfa\u00dfbare Ungl\u00fccksf\u00e4lle oder schmerzliche Lebensz\u00e4suren stehen im Vordergrund. \u00a0In diesem Sinne sind die Seilerschen Figuren von allem Historischen losgel\u00f6st und besitzen einen hohen Grad an Universalit\u00e4t. \u00a0\u00a0Stilelemente aus dem\u00a0 Short Story-Reservoir, die der Thematik \u00a0eines traumatischen Bruchs entgegenkommen, sind\u00a0 eine\u00a0 \u00e4u\u00dferst komprimierte Sprache, der ausschnitthafte, enge Blick, \u00a0die kleine Geste, Lakonie, die vielen \u00a0L\u00fccken, die zu f\u00fcllen sind, \u00a0das Verschweigen des Wesentlichen, die\u00a0 Handlungsarmut\u00a0 und die vielen Verst\u00f6rung\u00a0 ausl\u00f6senden\u00a0 Konfliktsituationen\u00a0 wie Wendepunkte bzw. Momente eines Umschlags.\u00a0Seiler integriert und variiert dergleichen Kompositionselemente\u00a0 kreativ in seine\u00a0 Texte.<\/p>\n<p>Alle im Band <em>Die Zeitwaage<\/em> versammelten Geschichten zeigen Menschen in Sprachnot, Menschen, denen es die Sprache verschlagen hat \u00fcber einen Verlust, von dem sie nicht sagen k\u00f6nnen oder wollen, worin er besteht. Das, was sie qu\u00e4lt, bleibt im Vagen. \u00a0Sie belassen es bei vagen \u00a0\u00c4u\u00dferungen. \u00a0Hier sp\u00fcrt man deutliche Affinit\u00e4ten zu Raymond Carver. Ingo Schulze wies in seinem Vorwort zu Carvers \u00fcbersetztem Band <em>Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden<a title=\"\" href=\"#_edn8\"><strong>[viii]<\/strong><\/a> (What we talk about when we talk about Love) <\/em>auf jene nicht n\u00e4her definierten, inneren Verletzungen und Verwirrungen, die fassungslos und sprachlos machen, auf das, \u201cwof\u00fcr [der Sprechende] keine Worte hatte.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn9\">[ix]<\/a> Einer der Seilerschen Texte,\u00a0 betitelt \u201cNa?\u201d, \u00a0sticht innerhalb dieser Thematik der Wortl\u00e4hmung oder Wortlosigkeit \u00a0hervor, denn hier wird gar nicht mehr um Sprache gerungen; die Sprache ist verk\u00fcmmert, nicht mehr vorhanden, auf eine semantische Partikel reduziert, die einem Film entliehen ist. \u00a0\u00a0Kommunikation, wo sie \u00fcberhaupt noch angestrebt wird, st\u00fctzt sich auf Nichteigenes, auf das Sprachreservoir bekannter Filme. \u00a0Die Handlung in der Geschichte \u00a0\u201cNa?\u201d \u2014\u00a0 der minimalistische \u00a0Titel suggeriert es \u2014 ist\u00a0 ungew\u00f6hnlich karg, der Text selbst nur wenig mehr als vier Seiten lang, mit einem (Anti)-Helden, von dem man nur wei\u00df, da\u00df er K. hei\u00dft \u00a0und ein Haus, vielleicht auch zwei Kinder hat. \u00a0Das Eigentliche, die Konfliktquelle, wird verschwiegen. Die sich im abgek\u00fcrzten Namen andeutende, an Kafka erinnernde\u00a0 Entpers\u00f6nlichung spricht f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Die Handlung bewegt sich vorrangig um die Beobachtung einer sterbenden Amsel, die K. auf einem Pfeiler der Einfahrt zu seinem Haus sieht, als er am fr\u00fchen Morgen heimkehrte. Der schwarze Vogel ist <em>realiter<\/em> vorhanden in diesem fiktiven Bereich. Sieht man ihn jedoch auf der Folie von K.\u2019s Verzagtsein und seiner inneren K\u00e4lte, so lie\u00dfe sich eine symbolische Ebene entdecken. Der Aberglaube mi\u00dft der Amsel magische Kr\u00e4fte zu: ihr Angang kann Ungl\u00fcck bedeuten; ihr Singen auf einem Hauszaun Tod.<a title=\"\" href=\"#_edn10\">[x]<\/a> Das Registrieren der kleinsten Details dieses sich dem Ende n\u00e4hernden Vogellebens \u2014 das schrille Pfeifen, \u00a0das Starrende, die kraftlosen Bewegungen\u00a0 \u2014 zeugt von einem hoch entwickelten Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen des Autors und der Figur,\u00a0 die aus sinnlicher Verbundenheit mit Naturph\u00e4nomenen aus der Tier- und der Pflanzenwelt sch\u00f6pft. Auch die hohe Empfindlichkeit Naturger\u00e4uschen gegen\u00fcber besticht.<\/p>\n<p>Als \u201cBuch der Bilder\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn11\">[xi]<\/a>\u00a0 bezeichnet Welf Grombacher daher Seilers\u00a0Band. Man sp\u00fcrt die Stimme eines Lyrikers,\u00a0 der sich mit der Ver\u00f6ffentlichung der <em>Zeitwaage<\/em> nun auch als Prosaist bew\u00e4hrt. \u00a0Seiler kombiniert in seinen Prosatexten\u00a0 \u2014 in\u00a0 seiner Art von Short Stories \u2014 \u00a0durchaus souver\u00e4n zwei Haltungen, die Welt zu sehen. Er \u00e4u\u00dfert sich in oben erw\u00e4hntem Interview \u00fcber Lyrik und Prosa:<\/p>\n<blockquote><p>Indem ich Prosa schreibe, sehe ich anders, h\u00f6re ich anders, achte ich<br \/>\nauf andere Dinge. Man ist mehr dabei, genau zu beobachten, auf<br \/>\nDialoge zu h\u00f6ren. Wie bewegen sich Leute? Welche Gesten machen<br \/>\nMenschen, wenn sie sprechen? Das alles \u00a0ist \u00a0anders als \u00a0in der Lyrik. [\u2026]\nMan versucht, das st\u00e4rkste Bild abzusch\u00f6pfen, m\u00f6glichst nicht so<br \/>\ngenau hinzusehen, um etwas ankommen zu lassen, mit dem man<br \/>\nnicht gerechnet hat. Es gibt in der Lyrik mehr irrational Elemente.<a title=\"\" href=\"#_edn12\">[xii]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Und in der Tat wird das Bild der Amsel \u00a0\u201cabgesch\u00f6pft\u201d und als\u00a0 Psychogramm ausgesch\u00f6pft: \u201cEs war das Versteinerte, Unverwandte im Auge des Vogels\u201d (258), das die eigene Bewu\u00dftseinslage projiziert. Der\u00a0 Todeskampf des ersch\u00f6pften Vogels, sein Zucken und seine Starre in der vereisten Landschaft, werden zum Spiegel der inneren Erstarrung der\u00a0 verzagten \u00a0literarischen Figur.\u00a0 Der Grund f\u00fcr diese Vereinsamung wird nicht angegeben. Es hei\u00dft nur kurz: \u201cSchlie\u00dflich war es nicht unbedingt n\u00f6tig, am fr\u00fchen Morgen in die Garage zu fahren, nicht unbedingt n\u00f6tig, nach Hause zu kommen, scho\u00df es ihm sinnlos durch den Kopf.\u201d (258) Man vermutet eine Trennung, vielleicht auch Tod, eine verst\u00f6rende Begebenheit, die das Leben entscheidend gepr\u00e4gt hat. Oder ist der Keim der Apathie \u00a0gar\u00a0 im Charakter selbst angelegt, ohne den verst\u00f6renden Wendepunkt?\u00a0 Es\u00a0 bleibt im Vagen.\u00a0 Zwar\u00a0 ermahnt\u00a0 sich \u00a0K. m\u00fcde zum Weitermachen;\u00a0 die sich in seiner Gestik spiegelnde Kraftlosigkeit\u00a0 jedoch widerspricht dieser Selbstermunterung: \u201c\u2019Irgendwie mu\u00df es immer weitergehen, mein Lieber.\u201d\u2018\u00a0 Er hatte das halblaut gegen die Frontscheibe gesagt; mit einem gewollten kraftlosen Schwung stieg er aus.\u201d (258)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines stummen Dialogs mit dem Vogel \u00a0\u2014 \u00a0beide starren sich an \u00a0\u2014 \u00a0erinnert sich K. an die \u201c wenigen Vogelkadaver\u201d \u00a0im Garten, die die fr\u00fcher Kinder gefunden hatten. Clara, man nimmt an, \u00a0es ist seine Tochter, \u00a0\u00a0ist traurig \u00fcber den Tod der V\u00f6gel und die Knochen, die sie findet.\u00a0 K. will sie tr\u00f6sten, nimmt sie in den Arm. \u00a0Doch ist es wirklich eine Erinnerung\u00a0 oder handelt es sich vielmehr\u00a0 um Wunschdenken, um eine Phantasie, in der dem Sprach- und Gef\u00fchlsgel\u00e4hmten\u00a0 menschliche Ann\u00e4herung gelingt und die Wortl\u00e4hmung aufgehoben wird?\u00a0 Oder handelt es sich \u00a0bei dieser Geste, vielleicht auch\u00a0 imaginierten\u00a0 Geste, gar um Unterlassenes, Nichteingel\u00f6stes, um das, was der Kritiker Jens Jessen als\u00a0 \u201cdie Schuld der Gehemmten\u201d (Jessen)\u00a0 nennt? Die z\u00e4rtliche Geste der Tochter Clara gegen\u00fcber erscheint urpl\u00f6tzlich nur Ausschnitt aus einem Film zu sein: \u00a0\u201cdas alles schien einem vertrauten, oft gesehenen Film zu entstammen, einem Film, in dem jemand, der ihm \u00e4hnlich sah, tr\u00f6stliche Dinge erfand.\u201d (256) Und dann, \u201cw\u00e4hrend die Amsel sich von der Tanne herunter auf die kleine Hecke st\u00fcrzte (ohne Pfeifton) und dort reglos h\u00e4ngenblieb\u201d (258), erinnert sich K.,\u00a0 wie er und Bruno, vermutlich sein Sohn, aus dem Wagen in der Garage stiegen und zum Eingang zur\u00fcckliefen, um das Tor zuzumachen. Er \u00a0reflektiert: \u00a0\u201cBis zum Tor war er frei: \u00a0Ein Atemholen, ein Aufschub, eine L\u00fccke von zehn, zw\u00f6lf Sekunden, in dem ihm nichts und niemand etwas anhaben konnte.\u201d (259) Beide schlendern zur\u00fcck zum Haus.\u00a0 K. strich Bruno \u00fcbers Haar und sagte : \u201cNa?\u201d\u00a0 Ist diese kurze Zeitspanne der Gemeinsamkeit, der Ber\u00fchrung, \u00a0ein Akt der Befreiung von der Beklemmung?\u00a0 Wieder r\u00e4tselt der Leser. Welche Probleme birgt das Haus? Und hat diese Episode versuchter N\u00e4he \u00fcberhaupt stattgefunden? Oder entstammt sie vielmehr der Phantasie, dem, was h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. \u00a0K.\u00a0 \u201cerinnert\u201d sich: beim Zur\u00fcckschlendern zum Haus<\/p>\n<blockquote><p>schob er seine Hand in Brunos Nacken oder fuhr ihm durchs Haar<br \/>\noder machte etwas \u00c4hnliches, irgend etwas, das ebenfalls jenem<br \/>\nalten, oft gesehenen Film entstammte, wo es\u00a0 eine vollkommene<br \/>\nVertrautheit symbolisieren sollte, und im Grunde zeigte der Film noch<br \/>\nmehr: die Bereitschaft, \u00a0<em>alles<\/em> zu geben, falls es n\u00f6tig sein w\u00fcrde. (259)<\/p><\/blockquote>\n<p>N\u00e4he und Gemeinsamkeit geh\u00f6ren in den illusorischen Bereich \u00a0eines Films. Begleitet von der sterbenden Amsel, die neben ihm durchs Gestr\u00fcpp ruckt, \u00f6ffnet K. die Haust\u00fcr, und der Film endet: \u201cDas Licht ging an, er betrat das Haus und war allein.\u201d (260) Seilers Held ist ein Verlassener, der sehns\u00fcchtig an Alltagsrituale oder Sicherheiten glauben will und nicht kann. Er ist allein, ein Gescheiterter, aus dem Takt Gefallener.<\/p>\n<p>Fast alle Geschichten der <em>Zeitwaage \u00a0<\/em>spiegeln<em>\u00a0 <\/em>Sprachhemmungen und Kommunikationsst\u00f6rungen solcher oder \u00e4hnlicher Art. Die Anti-Helden sind nicht f\u00e4hig auszudr\u00fccken., was sie qu\u00e4lt oder bewegt: so begegnet der Leser einem Stotterer, \u00a0der psychisch und physisch Kommunikationsprobleme hat und am liebsten allein ist \u00a0(\u201cDer Stotterer\u201d);\u00a0 oder einem Schachspieler, der seiner ebenfalls brillant spielenden Freundin gegen\u00fcber unehrlich und verklemmt ist, denn er verschweigt, da\u00df er selbst spielen kann (\u201cGavroche\u201d); \u00a0oder in zwei miteinander verzahnten Geschichten steht ein Ehemann im Zentrum, der nicht die Kraft hat, seiner sich von ihm trennenden Ehefrau\u00a0 m\u00fcndlich oder\u00a0 schriftlich\u00a0 mitzuteilen, was ihn bewegt: er will etwas sagen, in einem Brief, setzt an, aber er wei\u00df nicht, was er sagen soll, er verstummt (\u201cFrank\u201d; \u00a0\u201cIm Ger\u00e4usch\u201d).<\/p>\n<p>Die \u00a0bereits erw\u00e4hnten, bewu\u00dft\/unbewu\u00dften Affinit\u00e4ten zu\u00a0 Raymond Carver sind deutlich sp\u00fcrbar , denn \u00a0unter den vielen amerikanischen Autoren, die sich dieses sich stetig wandelnden Genres der Short Story bedient haben, kann man Raymond Carver sicherlich \u00a0als Meister der Thematik des Schweigens oder Nicht-Redenk\u00f6nnens, als Meister der Gestaltung von Unsagbarem \u00a0bezeichnen. Einige Beispiele aus dem Band\u00a0 <em>Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden<\/em> seien erw\u00e4hnt. In dem Text\u00a0 \u201cWarum tanzt ihr nicht?\u201d verkauft\u00a0 ein\u00a0 \u00e4lterer angetrunkener Mann zu Schleuderpreisen M\u00f6bel an ein ebenfalls angetrunkenes\u00a0 junges Paar; er tanzt mit der jungen Frau und diese merkt: \u201cSie m\u00fcssen verzweifelt \u00a0sein, oder so\u201d (25) [\u2026] Sie erz\u00e4hlte es jedem. Da war noch mehr an der Geschichte, und sie versuchte, es sich ein f\u00fcr alle Mal von der Seele zu reden. Nach einiger \u00a0Zeit gab sie den Versuch auf.\u201d (26) Dieser\u00a0 \u2014\u00a0 laut\u00a0 Ingo Schulze \u2014\u00a0 \u201cwortreichen Sprachlosigkeit\u201d\u00a0 steht die \u201cwortlose Sprachlosigkeit\u201d gegen\u00fcber, denn f\u00fcr das als unsagbar Gef\u00fchlte lassen sich keine Worte finden. So dr\u00e4ngt \u00a0in der \u00a0Trennungsgeschichte, \u201cAlles klebte an ihm\u201d, \u00a0eine\u00a0 junge Frau ihren Vater, von seiner kaputten\u00a0 Ehe zu erz\u00e4hlen, die doch \u00a0einmal harmonisch war, \u00a0aber: \u201cDie Dinge ver\u00e4ndern sich, sagt er. Ich wei\u00df nicht, wie sie das tun. Aber sie tun es, ohne dass man es merkt oder dass man es m\u00f6chte.\u201d \u00a0Er bricht ab, und auch der Tochter fehlen die Worte:\u00a0 \u201cJa, das stimmt. Nur \u2026 Aber sie sagt den angefangenen Satz nicht zu Ende. Sie l\u00e4\u00dft das Thema fallen.\u201d (150) \u00a0Und in der wohl eindringlichsten, nachhaltig auf den Leser wirkenden\u00a0 Trennungsgeschichte, \u201cNur eins noch\u201d, \u00a0will der von seiner Familie verlassene Ehemann, der ein Trinker ist, \u00a0noch irgend etwas sagen: \u201c\u2019Ich will nur noch eins sagen\u2019. \u00a0Aber dann fiel ihm nicht ein, was in der Welt das sein k\u00f6nnte.\u201d (175).<\/p>\n<p>Bei Seiler dominiert \u00a0die Wortl\u00e4hmung \u00a0oder \u2014\u00a0 wie \u00a0in \u201cNa?\u201d \u2014 \u00a0das \u00a0von der Pers\u00f6nlichkeit losgel\u00f6ste, dem Film entliehene\u00a0 Wort; komplementiert wird diese Kommunikationsst\u00f6rung mit \u00a0dem \u201cAbsch\u00f6pfen\u201d eines Bildes, dem Suchen\u00a0 nach in ihm gespeicherten Bewu\u00dftseinslagen \u00a0oder mit einf\u00fchlendem \u00a0Registrieren \u00a0von Sinneseindr\u00fccken, vorrangig von\u00a0 Ger\u00e4uschen. \u00a0Seilers\u00a0 kurzer Text \u201cNa?\u201d\u00a0 kombiniert hoch entwickelte Wahrnehmungsempfindlichkeit der Natur gegen\u00fcber mit einer \u00e4u\u00dferst verdichteten kargen\u00a0 Handlung, die dem Leser ein weitgespanntes Interpretationsfeld einr\u00e4umt. \u00a0Es ist Short Story-Prosa eines Lyrikers.<\/p>\n<div><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n[i] Volker Hage, \u201cMehr als verdient. Wenn Schriftsteller sich bescheiden: Immer mehr deutsche Autoren entdecken den Charme von Kurzgeschichten und Erz\u00e4hlungen,\u201d <em>Der Spiegel<\/em>,\u00a0 15.3.2010.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> Lutz Seiler, <em>Die Zeitwaage. Erz\u00e4hlungen<\/em> (Frankfurt\/M: Suhrkamp, 2009).\u00a0 Seitenzahlen f\u00fcr Zitate im Text der Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Jens Jessen, \u201cDie Schuld der\u00a0 Gehemmten: Lutz Seilers meisterhaft schwerm\u00fctige Erz\u00e4hlungen,\u201d zeit-online, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/42\/L-B-Seiler-neu\">http:\/\/www.zeit.de\/2009\/42\/L-B-Seiler-neu<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Elmer Krekeler, \u201cSeiler wiegt die Zeit,\u201d <em>Welt<\/em>-online, 15. Januar 2010.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> <em>The Vintage Book or Contemporary Short Stories<\/em>. Hg. Tobias Wolff. New York 1994. Xiii<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref6\">[vi]<\/a> Interview mit Lutz Seiler, \u201cW\u00e4hrend ich schreibe mu\u00df ich immer sprechen,\u201d 25. Oktober 2010,\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/planet.interview.de\/interview-lutz-seiler-26102010.html\">http:\/\/planet.interview.de\/interview-lutz-seiler-26102010.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref7\">[vii]<\/a> Portr\u00e4t: Lutz Seiler (VIDEOS) boersenblatt.net 15. Oktober 2009 <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/343387\/template\/b4-tpl-video\/\">www.boersenblatt.net\/343387\/template\/b4-tpl-video\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref8\">[viii]<\/a> Raymond Carver<em>, Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden<\/em>, mit einem Vorwort von Ingo Schulze, \u201dEndstation, Sehnsucht\u201d, \u00fcbers. v. Helmut Frielinghaus (Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2002). Zitate aus dem Band im Text der Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref9\">[ix]<\/a> Ingo Schulze, Vorwort: \u201cEndstation, Sehnsucht,\u201d 10.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref10\">[x]<\/a> <em>Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens<\/em>, 10 B\u00e4nde, hrs. v. Hans B\u00e4chthold-St\u00e4ubli (Berlin, 1927)\u00a0 Band 1, pp. 372-74.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref11\">[xi]<\/a> Welf Grombacher, \u201cLesen \u2013 H\u00f6ren \u2013 Sehen: Buch der Bilder \u2013 Prosa eines Dichters,\u201d <em>Freie Presse<\/em>\u00a0 5. Februar\u00a0 2010.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref12\">[xii]<\/a> \u201cW\u00e4hren ich schreibe, mu\u00df ich immer sprechen\u201d<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDer kraftlose Schwung der Gehemmten\u201d:\u00a0 Zum Thema der Sprachlosigkeit in Lutz Seilers Short Story \u201cNa?\u201d Kurzprosa nach dem Vorbild der amerikanischen Short Story \u2013 wie auch immer variiert \u2013 bl\u00fcht auf dem deutschen B\u00fcchermarkt\u00a0 seit der Wiedervereinigung.\u00a0 Das Ineinander von verhaltenem Sich-Vorw\u00e4rtstasten und passivem\u00a0 Gew\u00e4hrenlassen mache\u00a0 \u201cdie Form der kurzen Erz\u00e4hlung so attraktiv f\u00fcr den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":2534,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2886","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2886"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2886\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}