{"id":2966,"date":"2012-11-05T10:47:09","date_gmt":"2012-11-05T14:47:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=2966"},"modified":"2023-02-13T10:55:14","modified_gmt":"2023-02-13T15:55:14","slug":"rainer-stollmann-glossen-35","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-352012\/rainer-stollmann-glossen-35\/","title":{"rendered":"Rainer Stollmann"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>Der hier ver\u00f6ffentlichte Film wurde spontan mit einer kleinen Handkamera ohne Stativ aufgenommen. Man sollte ihn als Audio-Dokument mit Bilder-Zugabe auffassen:<\/p>\n<p>Alexander Kluges Adorno-Preis-Rede, Frankfurt 2009<br \/>\n\n<!-- iframe plugin v.6.0 wordpress.org\/plugins\/iframe\/ -->\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/dson.hosted.panopto.com\/Panopto\/Pages\/Embed.aspx?id=ba8d1bb1-7a08-48b7-8ddc-ae66014b8e19&#038;autoplay=false&#038;offerviewer=true&#038;showtitle=true&#038;showbrand=true&#038;captions=false&#038;interactivity=all\" height=\"405\" width=\"720\" style=\"border: 1px solid #464646;\" 0=\"allowfullscreen\" allow=\"autoplay\" scrolling=\"yes\" class=\"iframe-class\" frameborder=\"0\"><\/iframe>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr align=\"middle\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine Art Grundsatzrede.<\/strong><br \/>\n<strong>Einleitender Kommentar zur Rede <\/strong><br \/>\n<strong>Alexander Kluges bei Entgegennahme des <\/strong><br \/>\n<strong>Adorno-Preises 2009<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Oskar Negts und Alexander Kluges philosophischem Hauptwerk <em>Geschichte und Eigensinn<\/em> findet sich folgende Abbildung: <a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/11\/image002.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2971\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/11\/image002.gif\" alt=\"\" width=\"452\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/11\/image002.gif 452w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2012\/11\/image002-300x114.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abb.: (Zeichnung) aus P.C. Mitchell, 1913, S. 185: \u201eFlu\u00dfpferd mit Jungem auf dem R\u00fccken\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das r\u00fchrend-komische Bild steht dort im Zusammenhang mit der Beschreibung der Evolution der menschlichen Hand. Sie ist, wie Darwinisten (anders als Engels, <em>Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, <\/em>1876<em>)<\/em> belegen, ohne Beteiligung von libidin\u00f6ser Energie nicht zu erkl\u00e4ren. Das Festkrallen ins Fell der Mutter, nicht einfach der Umgang mit Arbeitsinstrumenten wie Faustkeilen, hat die Hand hervorgebracht.<\/p>\n<p>Aber warum zeigen die Autoren dann ein fellloses Tier mit Hufen? Hier spielt vielleicht auch die libido mit. Adornos Spitzname im Umgang mit Horkheimer, der sich \u201eMammut\u201c nannte, war bekanntlich \u201eNilpferd\u201c. Auch hat Adorno im Verkehr mit dem fast 30 Jahre j\u00fcngeren Kluge scherzhaft ein Vaterrolle f\u00fcr sich reklamiert. So gesehen, kann man dieses Bild auch als eine Pathos vermeidende Variante jener Redensart vom \u201eZwerg auf den Schultern eines Riesen\u201c auffassen.<\/p>\n<p>Die meisten seiner Reden, auch Preisreden, h\u00e4lt Kluge frei oder fast frei. Die Rede zum Adorno-Preis war ausformuliert und wurde gelesen. Das hat gewi\u00df mit der Verehrung zu tun, die Kluge Adorno entgegenbringt. Es ist eine Art Grundsatz-Rede. Auch wenn man nicht vergessen darf, dass Kluge (ebenso wie Adorno) ein Autor ist, der Begriffen wie \u201ePosition\u201c, \u201esich positionieren\u201c eher zweifelnd gegen\u00fcbersteht und stattdessen \u201a\u201cGehen wir schwimmen!\u201c proklamiert, so kann man doch sagen, dass Kluge in dieser Rede \u201eGrundpositionen\u201c der kritischen Theorie entwickelt.<\/p>\n<p>Er beginnt mit dem Gedanken, dass die kritische Theorie nicht ins Scheitern verliebt ist. Kluge demonstriert diesen Gedanken am Attentat auf die Twin-Towers, deren Pulverisierung am 11. September mit dem Geburtstag Adornos \u00fcbereinstimmt. Adorno h\u00e4tte, so Kluge, an diesem Ungl\u00fcck, das einen Wirklichkeitsri\u00df bewirkt, wahrgenommen, da\u00df m\u00f6glicherweise in Kavernen in den Kellern unter dem Tr\u00fcmmerberg Menschen noch l\u00e4ngere zeit \u00fcberlebten und mit Handys sich bemerkbar h\u00e4tten machen k\u00f6nnen. Man h\u00e4tte aber diese Kavernen nicht mit schwerem Ger\u00e4t von oben \u00f6ffnen k\u00f6nnen, ohne die \u00dcberlebenden zu gef\u00e4hrden. Tats\u00e4chlich soll der Bechtel-Konzern angeboten haben, eine Br\u00fcckenkonstruktion zu liefern, von der aus man mit geringerem Risiko Zugang zu den Kavernen h\u00e4tte versuchen k\u00f6nnen. Diese L\u00f6sung kam wegen mangelnder Zust\u00e4ndigkeit der Entscheidungstr\u00e4ger in New York nicht zustande. Heute steht diese Br\u00fcckenkonstruktion \u00fcber der Unfallstelle von Tschernobyl.<\/p>\n<p>Wie fast immer bei Geschichten Kluges, fragt man sich, was daran empirisch wahr ist. Man kann sich auf die Suche machen, d.h. man besch\u00e4ftigt sich dann mit diesem Ungl\u00fcck auf motivierte Weise. Meistens wird man finden, dass Kluge wenig erfindet. Er verl\u00e4ngert fast immer nur, was den Fakten nach angelegt und durchaus m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Bevor Kluge diese Geschichte \u2014 als \u201eImitation\u201c von Adornos Denken \u2014 erz\u00e4hlt, \u00e4u\u00dfert er sich \u00fcber \u201ePhantasie\u201c: Sie sei ein \u201eFluchtwesen\u201c, nur ideologisiert, als falsches Bewu\u00dftsein, \u201ealso gezwungen\u201c, suche sie die \u201eSensation\u201c. Ist die Geschichte, die Kluge vom 11.9. konstruiert, sensationell? Bestimmt nicht \u2014 sie erz\u00e4hlt nicht in Form eines Abenteuers die Rettung eines Kindes in letzter Minute. (Solche Geschichten w\u00e4ren gewi\u00df als Film hergestellt worden, wenn Bechtel zum Zuge gekommen und aus den Tr\u00fcmmern Menschen gerettet worden w\u00e4ren.) Sie gew\u00e4hrt auf die Tragik der Fakten keinen Rabatt. Sie spinnt aber aus, was m\u00f6glich gewesen w\u00e4re trotz aller traurigen Fakten. Und sie verkn\u00fcpft die beiden tragischen Menetekel, das eine vom Ende des 20., das andere vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Deutet man diese kurze Erz\u00e4hlung allgemein, klingt es etwas phrasenhaft: Das Besondere der kritischen Theorie ist, dass sie darauf beharrt, dass die Mittel zur Rettung trotz aller Katastrophen bereitliegen.<\/p>\n<p>Eine zweiter Grundgedanke ist der von der \u201eAbwahl der Wirklichkeit\u201c. Sie ist der Grund f\u00fcr gro\u00dfe Katastrophen. Ihnen gehen regelm\u00e4\u00dfig Ausblendungen von Wirklichkeit voraus. Danach w\u00fcrde Adorno bei der Erkl\u00e4rung von gro\u00dfen Ungl\u00fccken suchen. Man darf erg\u00e4nzen, was Kluge zum 11. September nicht ausf\u00fchrt: Die Abwahl der Wirklichkeit bestand in diesem Fall in der Tatsache, dass die US-Armee die f\u00fcr den Krieg gegen die USSR von ihr selbst ausgebildeten Taliban-Truppen bei Beendigung dieses Krieges ohne weitere Perspektive zur\u00fccklie\u00df. Daraus entstand ein Ha\u00df gegen den Westen, der bis zu 9\/11 f\u00fchrt. Das ist ein Grund, warum Derrida so sehr darauf beharrt, dass der islamistische Terrorismus ein Produkt des Westens ist.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter f\u00e4llt die Wendung von der \u201eErkrankung der Vernunft\u201c. An dieser Stelle ergibt sich vermutlich ein gewisses Spannungsfeld zwischen Kluge und seinem Freund Habermas, der die Vernunftkritik Adornos f\u00fcr \u00fcbertrieben h\u00e4lt und von dem man nicht wei\u00df, ob er einer Konzeption vom \u201eAntirealismus der Gef\u00fchle\u201c so sehr folgen w\u00fcrde wie Kluge.<\/p>\n<p>Im folgenden bestimmt Kluge den Begriff der \u201eKritik\u201c als \u201ekonsequente, aktive Reparaturarbeit\u201c. (Man denke an die h\u00e4ufig wiederkehrende Figur des Feuerwehrmannes in Kluges B\u00fcchern und Filmen.) Dieser Kritikbegriff geht auf Marx zur\u00fcck: Die \u201eKritik der politischen \u00d6konomie\u201c im Sinne einer Kritik der Wissenschaft \u201e\u00d6konomie\u201c ist Marx\u2018 Buch \u201eDas Kapital\u201c. Die Kritik der wirklichen politischen \u00d6konomie, des Kapitalismus, ist zu Marx\u2018 Zeiten das \u201eProletariat\u201c. Kritik ist \u201eGegenproduktion\u201c. Wenn man diesen Begriff auf Kluge selbst anwendet, dann sieht man, dass er wenig \u00fcber das Fernsehen geschrieben hat, aber inzwischen 2000 Stunden Sendezeit \u201eAutorenfernsehen\u201c mitten in der H\u00f6hle des Privatfernsehens abgeliefert hat.<\/p>\n<p>Jetzt unternimmt es Kluge die Position der kritischen Theorie im Verh\u00e4ltnis zur klassischen Philosophie so b\u00fcndig zu fassen, wie es eben m\u00f6glich ist. Er tut dies in Bezug auf Kants kategorischen Imperativ. Nietzsche habe diese f\u00fcr Menschen im Grunde nicht praktikable Regel variiert: \u201eHandle stets so, da\u00df du selber dein Verhalten ertragen k\u00f6nntest, w\u00fc\u00dftest du, da\u00df du deine Taten auf ewig wiederholen m\u00fc\u00dftest.\u201c Freud habe dasselbe in medizinischen Begriffen gesagt: Gegen das B\u00f6se helfe nur die \u201eAllergie\u201c, also eine etwas tiefere Verankerung als in der Vernunft. Vergleicht man Nietzsches Fassung mit der von Kant, dann darf man sie als Subjektivierung bezeichnen. Die \u201eallgemeine Gesetzgebung\u201c ist zur\u00fcckgenommen in einen \u201eewigen\u201c Prozess der Selbstreflektion.<\/p>\n<p>Nach der Bestimmung des Begriffs \u201eKritik\u201c folgt nun die des Begriffs \u201eTheorie\u201c. Darin unterscheidet sich Adorno von dem existentialistischen Nietzsche, dass er Historiker ist. Es geht nicht um das allgemeine menschliche \u201eSein\u201c, sondern um die historische Bestimmtheit gesellschaftlichen Seins. Wo Nietzsche die Katastrophentendenz existentialisiert und in \u00e4sthetischen Genu\u00df aufl\u00f6st, hei\u00dft es bei Adorno n\u00fcchtern: Jede Praxis unterliegt der Bedingung, da\u00df Auschwitz sich nicht wiederholt! Es ist hochinteressant zu sehen, wie Kluge im Folgenden den Praxisbezug der kritischen Theorie (gegen manche Kritik an Adornos angeblicher Praxisfeindschaft seit 1968) herausarbeitet. Dabei ist es vor allem die Erziehung selbst, also gerade jener Sektor, der in der faktischen \u00d6konomie eher als blo\u00dfe Kosten oder als Privatsache gilt, welche praktische Ver\u00e4nderungen bewirken kann. Die \u00d6konomie des Kapitals mag in einem vollautomatisierten Gro\u00dfkonzern oder in Hedge-Fonds ihren ad\u00e4quaten Ausdruck haben, die \u00d6konomie der menschlichen Eigenschaften hat sie in der Bildung. Allerdings mu\u00df der Begriff der Bildung dazu korrigiert werden, denn es ist ja nichts einfach Passives, was da \u201egebildet\u201c oder er-\u201ezogen\u201c werden mu\u00df, sondern lebendige, nat\u00fcrlich-historische Verm\u00f6gen und Eigenschaften, deren Selbstregulierung das wichtigste an ihnen ist. Dieses andere Verh\u00e4ltnis von Bildung und deren scheinbarem \u201eRohstoff\u201c illustriert Kluge an dem kurzen Adorno-Text \u201e\u00dcber die Genese der Dummheit\u201c. Er pl\u00e4diert f\u00fcr defensive Intelligenz mit \u201ez\u00e4rtlichem Keim\u201c (Kant), d.h. der F\u00e4higkeit zur \u201eEinf\u00fchlung\u201c.<\/p>\n<p>Zu Beginn des letzten Drittels des Vortrags entwickelt Kluge, von hier ausgehend, einen Begriff von \u201eAufkl\u00e4rung\u201c, welcher der negativen \u201eDialektik\u201c entkommen k\u00f6nnte und wie er ihn in Adornos Arbeit am Werke sieht. Das Ohr ist Kluge dabei besonders wichtig. Denkt man daran, da\u00df es \u201eM\u00fcndigkeit\u201c hei\u00dft, was mit Emanzipation verbunden ist, und da\u00df \u201eH\u00f6rigkeit\u201c das Gegenteil davon ist, so hat man eine Ahnung davon, da\u00df \u201eAufkl\u00e4rung\u201c hier einer Art Paradigmenwechsel unterliegt. Das Ohr ist der passivste der f\u00fcnf Sinne, er kann sich der Welt kaum verschlie\u00dfen. Aber das Ohr ist auch f\u00fcr den Gleichgewichtssinn des aufrechten Ganges verantwortlich. Man kann auch daran denken, wie ungleichzeitig die Entwicklung der Sinne ist: Das Auge mag im 20. Jahrhundert zu Hause sein, das musikalische Ohr ist es nicht, bestenfalls ist es im fr\u00fchen 19. Jahrhundert angekommen. (Vgl. Adorno \u00fcber die \u201eRegression\u201c des H\u00f6rens.)<\/p>\n<p>In den letzten zehn Minuten pr\u00fcft Kluge vor dem Hintergrund des bisher Gesagten den Begriff der \u00d6ffentlichkeit in seiner Allgemeinheit, aber auch in seinen einzelnen \u201eMedien\u201c wie Buch, Oper, Film, Fernsehen. Er endet mit einer Geschichte \u00fcber ein m\u00f6gliches Zusammentreffen von Adorno und Niklas Luhmann. Das ist auch eine Art des Wiedereinbeziehens des Exkludierten. (Vgl. dazu: Die K\u00fcche des Gl\u00fccks, in: A. Kluge: Das Labyrinth der z\u00e4rtlichen Kraft. Frankfurt a.M. 2009, S. 497-517, insbesondere S. 513-517.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Oskar Negt und Alexander Kluge: <em>Der untersch\u00e4tzte Mensch: gemeinsame Philosophie in zwei B\u00e4nden. Band 2: Geschichte und Eigensinn. <\/em>Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2001. S. 161, mit freundlicher Genehmigung von Alexander Kluge.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>* Der hier ver\u00f6ffentlichte Film wurde spontan mit einer kleinen Handkamera ohne Stativ aufgenommen. Man sollte ihn als Audio-Dokument mit Bilder-Zugabe auffassen: Alexander Kluges Adorno-Preis-Rede, Frankfurt 2009 &nbsp; &nbsp; &nbsp; Eine Art Grundsatzrede. 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