{"id":3124,"date":"2013-06-11T11:57:37","date_gmt":"2013-06-11T15:57:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3124"},"modified":"2013-06-11T15:39:54","modified_gmt":"2013-06-11T19:39:54","slug":"christine-cosentino-glossen-36-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/archive-most-recent-issue-glossen-362013\/christine-cosentino-glossen-36-2013\/","title":{"rendered":"Christine Cosentino"},"content":{"rendered":"<p><strong>Volker Brauns\u00a0 Erz\u00e4hlung \u00a0<em>Die hellen Haufen<\/em>:\u00a0 eine n\u00e4rrische Geschichte.<\/strong><\/p>\n<p>Wie positioniert sich 22 Jahre nach der Wende\u00a0 ein ehemals intensiv engagierter Systemkritiker, der bei aller Kritik dem realsozialistischen Staat von einst die Treue hielt? Was ist geblieben? Im Jahre 2011 ver\u00f6ffentlichte der DDR-Autor Volker Braun (Jahrgang 1939) das schmale B\u00e4ndchen <em>Die hellen Haufen <a title=\"\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a>, <\/em>ein n\u00e4rrisches Historienspiel, in dem das dichterische Ich in die Rolle eines Narren schl\u00fcpft, um den Gedanken ungenutzter politischer Chancen neu zu durchdenken und zu durchleuchten.<\/p>\n<p>Sowohl in der DDR als auch im vereinigten Deutschland klopfte Braun durch die Jahre hindurch kritisch-ironisch eine als ungen\u00fcgend erlebte Realit\u00e4t nach den in ihr verborgenen historischen M\u00f6glichkeiten, dem Anderen, dem \u201cEigentlichen\u201d, dem \u201cWirklichgewollten\u201d, ab.\u00a0 Nicht selten sch\u00f6pfte er zu diesem Zweck das im Narr\/Clown\/Harlekin-Bild inh\u00e4rente Potential protestierenden Widerspruchs aus. Im Enth\u00fcllen eines Widerspruchs\u00a0 zwischen weitgespanntem Vorhaben und trister Wirklichkeit k\u00fcndet das \u201cAuftreten dieser Figur\u201d \u2014\u00a0 so hei\u00dft es in Daemmrichs Motivgeschichte\u00a0 \u2014 generell\u00a0 \u201cUnsicherheit in der Verwirklichung jeder <em>absoluten<\/em>\u00a0 (meine Kursivierung) Zielsetzung der Pl\u00e4ne der anderen Figuren an.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Das Narrenmotiv\u00a0 ist in der literarischen Tradition vielf\u00e4ltig. Es steht im Spannungsfeld zwischen T\u00f6richtem und Mutigem, Unterhaltung und Kritik und Un-Sinn als Unsinn am Sinn. In Brauns Schaffen\u00a0 l\u00e4sst sich die Narr\/Clown-Maske\u00a0 in dreifacher Brechung beobachten:\u00a0 der Narr, der sich als provokanter Kritiker der realsozialistischen Gesellschaft begreift;\u00a0 der Narr, der sich als betrogener Ausgegrenzter in der ihm fremden Nachwendegesellschaft f\u00fchlt, \u00a0als\u00a0 \u2014\u00a0 so\u00a0 hei\u00dft es von philosophischer Warte\u00a0 \u2014\u00a0 \u201cdie [aus ihrer Gesellschaft] herausgetretene Kreatur schlechthin\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a>; \u00a0und letztlich: der n\u00e4rrische Tr\u00e4umende, der von einer ihm liebgewordenen absoluten utopischen Zielsetzung\u00a0 nicht lassen kann.\u00a0 \u201cDas liebe Zimmer der Utopien\/ Entl\u00e4sst den Gast in den Unsinn\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a>, hie\u00df\u00a0 es entsprechend in dem Gedichtband <em>Tumulus<\/em> aus dem Jahre 1999. Sicherlich suggerieren letztere Zeilen einen Verlust der Illusionen; trotzdem aber wird das immer noch \u201cliebe\u201d Zimmer als etwas Kostbares erinnert.<\/p>\n<p>Drei Beispiele f\u00fcr das Narrenmotiv\u00a0 in Brauns Schaffen seien gegeben. Zu DDR-Zeiten legte der noch sehr junge Autor die Maske des Clowns an, um die Verwirklichung\u00a0 einer\u00a0 absoluten Zielsetzung am Fehlverhalten einer verkrusteten Funktion\u00e4rskaste zu messen. In einem Essay hei\u00dft es dazu:<\/p>\n<blockquote><p>Der aufw\u00fchlendste Widerspruch zwischen den Leuten, die<\/p>\n<p>in die sozialistischen Revolutionen verwickelt sind, ist der<\/p>\n<p>neuartige zwischen den politisch <em>F\u00fchrenden<\/em> (die bewu\u00dft<\/p>\n<p>die Umgestaltung der Gesellschaft organisieren oder bewu\u00dft<\/p>\n<p>oder unbewu\u00dft hemmen) und den <em>Gef\u00fchrten<\/em> (die bewu\u00dft<\/p>\n<p>oder unbewu\u00dft die Pl\u00e4ne realisieren oder kritisieren).<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Im poetischen Gewand des Gedichts \u201cMeine Damen und Herren\u201d(1964) wird der Clown zum enth\u00fcllenden Kritiker, der seinem Publikum, den Gef\u00fchrten, dienen will:<\/p>\n<blockquote><p>Ich kann mich verh\u00fcllen oder entbl\u00f6\u00dfen, wie Sie wollen<\/p>\n<p>Ich kann auf den Haaren laufen oder noch besser<\/p>\n<p>Auf zwei Beinen wie ein Clown<\/p>\n<p>Entscheiden Sie sich [\u2026]\n<p>Noch kann ich Ihnen dienen.<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Zwanzig Jahre nach der Wende, im Jahre 2009, greift Braun in einem kurzen Text auf das Potential des L\u00e4cherlichen und Sinnwidrigen zur\u00fcck, das im Narrenmotiv angelegt ist. Sarkastisch enth\u00fcllt er in der Notiz \u201cDer \u00dcbernarr\u201d\u00a0 eine fortw\u00e4hrende Ortlosigkeit des unm\u00fcndigen ostdeutschen B\u00fcrgers im vereinten Deutschland.<\/p>\n<p>Die Neukonstituierung gr\u00fcndet auf Materialismus, Sich-Anbiedern und weinerlichem\u00a0 Duckm\u00e4usertum. Unter der Maske der Narrheit formuliert der Dichter unangenehme Wahrheiten. Er baut Ambivalenzen und Spannungen auf, die in der Notiz selbst nicht aufgel\u00f6st werden, die mithin vom ostdeutschen B\u00fcrger verarbeitet werden m\u00fcssen:<\/p>\n<blockquote><p>Vor dem neuen Eigent\u00fcmer zieht er die M\u00fctze, um nachher<\/p>\n<p>entlassen zu werden. Daf\u00fcr kriegt der mit dem Turban sein<\/p>\n<p>Fett weg, denn so viel Macht hat er. \u2013 Wehm\u00e4ulig, duckmausend,<\/p>\n<p>das ist die Gesundheit; anma\u00dfend angepa\u00dft, das ist die<\/p>\n<p>Konfektion; das weitere Weltbild: halb gewalkt. So kommt<\/p>\n<p>alles zusammen. Nat\u00fcrlich, warum nicht? Jede Zeit hat ihr<\/p>\n<p>Wesen. Wie der Mensch \u00fcber sich (und andere) hinaus will,<\/p>\n<p>so auch der Narr. Man kann vom \u00dcbernarr sprechen.<a title=\"\" href=\"#_edn7\">[7]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>In der k\u00fcrzlich erschienenen Erz\u00e4hlung\u00a0 <em>Die hellen Haufen<\/em> (2011) benutzt Braun das Narren-Motiv in komplexer Form in dreifacher Brechung: der Narr, ein Ich-Sprecher,\u00a0 ist einmal Chronist, der faktengetreu \u00fcber ein Nachwende-Ereignis des Aufbegehrens in Bischofferode (Th\u00fcringen), einen Hungerstreik, berichtet. Weiterhin wird der Narr zum kritisch-ironischen\u00a0 Sp\u00f6tter, der die Gr\u00fcnde nennt, warum die Protestierenden sich dem\u00fctig mit einer mageren Abfindung abspeisen lassen:\u00a0 \u201cDas K\u00e4mpfen war ihnen von Partei &amp; Regierung abgew\u00f6hnt worden\u201d (H 58). So gleicht dann auch der kleine \u201cHaufen\u201d einem l\u00e4cherlichen Aufzug sich ausgrenzender t\u00f6richter Einzelg\u00e4nger, die der Umwelt ein ungew\u00f6hnliches Entertainment-Spektakel liefern: \u201cGeduckt in die gelben Regenjacken schienen es Clowns zu sein. Ein Narrenzug (die Polizisten eingeschlossen), pfeifend, eine Karnevalsrotte, man applaudierte diesen Artisten, aber keiner kam mit\u201d (H 21).\u00a0 Last but not least, pr\u00e4sentiert sich dann der Narr, der diesen Widersinn nicht akzeptiert,\u00a0 als Tr\u00e4umer, der in einem politischen, auf historischer Folie der Bauernkriege konzipierten\u00a0 n\u00e4rrischen \u201cWas-w\u00e4re-wenn-Spiel\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn8\">[8]<\/a> mit einer neuen utopischen Wahrheit aufwartet. Er fiktionalisiert den lokal isolierten Hungerstreik zur m\u00e4chtigen Solidaraktion der von Existenzangst gebeutelten Arbeiter, die sich zu einem weit um sich greifenden Aufstand ausdehnt: \u201cWenn er seine Wahrheit hat, so nicht, weil er gewesen w\u00e4re, sondern weil er denkbar ist\u201d (H 9).\u00a0 Erdachtes wird Reales.\u00a0 Zu erinnern ist an Brauns \u201cRede zur Verleihung des Georg-B\u00fcchner-Preises 2000\u201d, in der er ebenfalls die multiplen Brechungen des Narrenmotivs\u00a0 bem\u00fcht, um Stellung\u00a0 zu beziehen:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe vor Jahren, unter anderen Verh\u00e4ltnissen, B\u00fcchner zitiert,<\/p>\n<p>um einen Sprengsatz zu legen; jetzt in seinem Namen herzitiert zu<\/p>\n<p>sein, mu\u00df mich wieder unterminieren. Ich stehe vor Ihnen auf dem<\/p>\n<p>gef\u00e4hrlichen Boden, wo man Stellung bezieht, wo Absichten wurzeln,<\/p>\n<p>wo ein Narr die Arbeit macht, der scheitern will, und Gelingen ist<\/p>\n<p>Scheitern.<a title=\"\" href=\"#_edn9\">[9]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Braun greift hier mit dem Versatzst\u00fcck \u201cn\u00e4rrisches Gelingen, das Scheitern ist\u201d auf das Thema zur\u00fcck, das ihn w\u00e4hrend seiner ganzen dichterischen Karriere besch\u00e4ftigt hat: entschwindende und entschwundene utopische Horizonte in einer \u201cunlebbaren Gegenwart\u201d, in der der Einzelmensch grausam wieder auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen ist. Beredte Titel aus Brauns Kurzprosa wie <em>Das Nichtgelebte<\/em> (1993), <em>Das Wirklichgewollte<\/em> (2000) haben auf der Folie \u00e4lterer Titel, etwa \u201cDas Eigentliche\u201d (1972) oder <em>Die unvollendete Geschichte<\/em> (1975), unverkennbar Signalcharakter. Der Narr, ein sp\u00f6ttischer Realist, scheint im Jahre 2011 den Glauben an die ihm liebgewordenen Utopien verloren zu haben und kann sich dennoch nicht von ihnen l\u00f6sen:<\/p>\n<blockquote><p>Man glaubt die Geschichte zu kennen, aber sie hat mehr<\/p>\n<p>in sich, als sich ereignet: auch das Nichtgeschehene,<\/p>\n<p>Unterbliebene, Verlorene liegt in dem schwarzen Berg.<\/p>\n<p>All das Ersehnte, nicht Gewagte, und die alte Lust\u00a0 <em>zu <\/em><\/p>\n<p><em>handeln<\/em> (H 9).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die helle Vision vom nicht Gewagten, das sich in der Phantasie des Dichters zum Gewagten wandelt, spiegelt sich bereits in dem an die Bauernkriege gemahnenden Titel der Erz\u00e4hlung <em>Die hellen Haufen<\/em>. Brauns \u201cHaufen [\u2026] sind hell, als w\u00fcrden sie zu lichteren Zeiten geh\u00f6ren\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn10\">[10]<\/a>, meint der Kritiker Michael Opitz. Deutlich steht dieser Titel in Intertextualit\u00e4t zu dem fr\u00fcheren Gedicht \u201cIst es zu fr\u00fch. Ist es zu sp\u00e4t\u201d, das dem Bauernf\u00fchrer Thomas M\u00fcntzer gewidmet ist: \u201c<em>Der Sommer ist vor der T\u00fcr<\/em>\/ Die hellere Zeit.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Da\u00df das Erk\u00e4mpfen dieser\u00a0 helleren Zeiten k\u00fcnftigen Generationen \u00fcberlassen ist, l\u00e4\u00dft sich einem vorangestellten Motto, einem Zitat von Ernst Bloch entnehmen: \u201cWas wir nicht zustande gebracht haben, m\u00fcssen wir \u00fcberliefern.\u201d<\/p>\n<p>Braun beginnt die aus drei Teilen bestehende Erz\u00e4hlung mit einem Bericht \u00fcber lokale Ereignisse w\u00e4hrend der Zeit der Schlie\u00dfungen und Abwicklungen.\u00a0 Die beiden ersten Teile bewegen sich im Kontext faktischer Gegenwart. Braun\u00a0 \u00e4ndert allerdings die Namen von Ortschaften, ebenfalls die Namen von Politikern in der unmittelbaren Nachwendezeit Anfang der neunziger Jahre. Den gro\u00dfen Bergbau-Kombinaten in der entschwundenen DDR \u2014 zu ihnen geh\u00f6rten auch die von Bischofferode und Mansfeld \u2014 droht von Seiten der alten Bundesrepublik m\u00e4chtige Konkurrenz. In Bischofferode \u2014 im Text\u00a0 Bitterode genannt \u00a0\u2014\u00a0 treten Kumpel der Grube \u201cThomas M\u00fcntzer\u201d in den Hungerstreik, nachdem die Treuhand beschlossen hatte, das Werk stillzulegen. Dann kommt es zum Marsch zur Treuhand in Berlin, der weder zu neuen Arbeitspl\u00e4tzen noch zu Solidarit\u00e4tsaktionen von Seiten anderer Arbeiter f\u00fchrt. Braun erw\u00e4hnte\u00a0 diesen Protest der neunzehn Bischofferoder bereits in seiner B\u00fcchner-Preis-Rede: \u201cSie sind entschlossen, aber sie werden nicht mehr, in den St\u00e4dten, die sie durchqueren, ein Rinnsal des Aufbegehren [\u2026] Sie HUNGERN F\u00dcR ARBEIT [\u2026] Nach dem hei\u00dfen Brei der Volksdemokratie die kalten Sch\u00fcsseln des Kapitalismus.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Sehr \u00e4hnlich geht es\u00a0 den Mansfelder Bergleuten, von denen allerdings einigen wenigen die Arbeitsstellen erhalten bleiben, weil die Bergwerke abgerissen werden m\u00fcssen. So werden sie, die Auserw\u00e4hlten, indem sie ihre Arbeitsst\u00e4tten liquidieren, zu\u00a0 \u201cZuh\u00e4ltern der Zukunft\u201d (H 29). Was jahrhundertelang die Existenzgrundlage von Generationen war, landet auf dem Schrotthaufen der Geschichte. Im Kontext der Abwicklungen begegnet der Leser Politikern mit verfremdeten Namen, die jedoch erkennbar sind: der Pfarrer und B\u00fcrgerrechtler Schorlemmer ist Schurlamm, der ermordete Treuhandchef Rohwedder ist Rohwetter, die Sozialministerin Regine Brand wird Hilde Brand und der Treuhandchef Schucht wird zum Schufft. Und immer wieder begegnet der Leser dem Revolution\u00e4r Mintzer, hinter dessen Namen sich der Organisator der Bauernhaufen aus der Zeit der Bauernkriege des fr\u00fchen 16. Jahrhunderts verbirgt.\u00a0 Ebenfalls erw\u00e4hnt wird wiederholt der Revolution\u00e4r Max Hoelz, die zentrale Figur des Mitteldeutschen Aufstandes im M\u00e4rz 1921. Der f\u00fcr Braun typische R\u00fcckgriff auf die Historie, die Verquickung\u00a0 gegenw\u00e4rtiger Rebellionen mit der Arbeiter- oder Bauerngeschichte, erscheint auch hier wieder wirksam eingesetzt.<\/p>\n<p>Im dritten Teil der Erz\u00e4hlung schildert Braun den Aufstand der nicht stattgefunden hat.\u00a0 Die Arbeiter wagen, was nach Meinung des\u00a0 Narren nach dem Verschwinden gewohnter sozialer Sicherheiten in den Nachwendejahren h\u00e4tte geschehen m\u00fcssen. So ist dann dieser dritte Teil, wie eine Kritikerin meint, eine \u201cAufarbeitung gro\u00dfer Vers\u00e4umnisse.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn13\">[13]<\/a> Der Autor verkn\u00fcpft die blutigen K\u00e4mpfe des Bauernkrieges mit den K\u00e4mpfen der hungernden Arbeiter von Bischofferode\/Bitterode, die in derselben Gegend stattgefunden haben. Die Entlassenen widersetzen sich den Beschl\u00fcssen der Treuhand und rebellieren gegen die Umwertung ihrer bisherigen Welt. Die isolierten Ereignisse von Bischofferode und Mansfeld, die in den beiden vorigen Kapiteln folgenlos geblieben waren, eskalieren landesweit: \u201cDie \u00d6ffentlichkeit war alarmiert, und der <em>Hungermarsch<\/em> in Berlin auf Hunderttausend angeschwollen\u201d (H 53). Dieser Aufstand hat seine Statuten:\u00a0 \u201cMintzer hatte nat\u00fcrlich die 12 Artikel bei sich, die die schw\u00e4bischen Bauern in Memmingen abgefa\u00dft hatten\u201d (H 66); und so werden auf der Folie der \u201cZw\u00f6lf Artikel von Memmingen\u201d, der ersten Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten, die \u201c<em>Mansfelder Artikel<\/em>\u00a0 von den gleichen Rechten aller\u201d konzipiert.\u00a0 Artikel 2 und 3 seien zitiert: \u201cDie Belegschaft bestimmt, was und wof\u00fcr produziert wird, n\u00e4mlich was sinnvoll ist\u201d (H 69) und \u201cNicht den Gewinn maximieren, sondern den Sinn\u201d (H 69). In der Erw\u00e4hnung des Sinnvollen (Arbeit f\u00fcr alle)\u00a0 im Angesicht des\u00a0 Sinnwidrigen in einer profitorientierten materialistischen Gesellschaft (existenzbedrohende Arbeitslosigkeit) spiegeln sich die Visionen des hoffnungslos tr\u00e4umenden Narren, der den Glauben an die Utopie verloren hat, sich ihr aber trotzdem nicht entziehen kann. Mintzers Beif\u00fcgung einer Fu\u00dfnote zu den 12 Artikeln evoziert die endlosen M\u00f6glichkeiten in der Weite utopischer Horizonte: <em>Die Zukunft ist ein unbesetztes Gebiet. Sie ist offenzuhalten f\u00fcr <span style=\"text-decoration: underline\">Anmut und W\u00fcrde<\/span><\/em>\u201d (H 70).<\/p>\n<p>Der fiktionalisierte gegenw\u00e4rtige Aufstand steht unter dem Zeichen \u201cKEINE GEWALT\u201d, einer Parole, die den Arbeitern nicht zugute kommt.\u00a0 Die Gegenkr\u00e4fte schlagen zu:\u00a0 die \u201chellen\u201d Haufen sto\u00dfen auf die \u201cschwarzen\u201d Haufen der Regierung. Die Arbeiter begreifen, \u201cda\u00df ihnen Gewalt geschah, aber das war ihr herrlicher begreiflicher Befehl: nicht zu k\u00e4mpfen und, bis aufs Blut gereizt, bei der irrigen Parole zu bleiben, keine Gewalt\u201d (H 96). Das Ende ist gewaltsam und blutig. Auf einer riesigen Abraumhalde sammeln sich die Aufst\u00e4ndischen mit ihren zerfetzten wei\u00dfen Fahnen;\u00a0 schlie\u00dflich, so folgert ein Kritiker, \u201cempfinden sich Volker Brauns Protagonisten selbst\u00a0 als Abraum der Geschichte.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn14\">[14]<\/a> Der Narr jedoch, der jetzt mit dem Namen \u201cBraun\u201d identifizierte Ich-Sprecher,\u00a0 protestiert: \u201cEiner aus dem Vogtland, Braun, rief im J\u00e4hzorn GEWALT, GEWALT, und es war nicht klar, wollte er konstatieren oder ausrufen\u201d (H 96). Das Statement ist sperrig, spiegelt in seiner Ambivalenz die Gebrochenheit des Narrenmotivs. Spricht der weise Narr, der sp\u00f6ttische-b\u00f6se beobachtende Kritiker oder gar der Tor, der veraltete Weltanschauungen nicht mehr ernst nimmt, trotzdem aber von ihnen tr\u00e4umt?\u00a0 In diese\u00a0 Offenheit greifen die letzten beiden S\u00e4tze der Erz\u00e4hlung, denn\u00a0 hier\u00a0 scheint der Narr seiner traditionellen Funktion v\u00f6llig enthoben zu sein. Er kann sich weder mit der Wirklichkeit noch mit der Fiktion so richtig anfreunden, und so l\u00f6sen sich die Grenzen zwischen Unsinnigem, Widersinnigem und Sinnvollem pl\u00f6tzlich auf. Der Narr\u00a0\u00a0 sinniert:<\/p>\n<blockquote><p>Die Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verk\u00fcrzt<\/p>\n<p>und unbesch\u00f6nigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken,<\/p>\n<p>da\u00df sie erfunden ist; nur etwas w\u00e4re ebenso schlimm gewesen:<\/p>\n<p>wenn sie stattgefunden h\u00e4tte\u201d (H 97).<\/p><\/blockquote>\n<p>Handelt es sich um Frust? Um das Ausprobieren einer als nicht lebensf\u00e4hig erkannten Utopie? Die Kritik reagierte unterschiedlich. Von \u201cabgelebten Weltsichten\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn15\">[15]<\/a> oder\u00a0 von \u201ckurzatmigen Utopien\u201d ist die Rede: \u201cVolker Braun weigert sich, den Sandkasten einer hart aufgeschlagenen Utopie zu verlassen, er schaufelt weiter im Gro\u00dfartigen und Ungef\u00e4hren.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn16\">[16]<\/a> Dann wiederum wird die Erz\u00e4hlung als \u201cbitter-sch\u00f6ner\u00a0 Abgesang auf Zeiten klarer Kampfzonen\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn17\">[17]<\/a> gelobt. In der Tat\u00a0 pr\u00e4sentiert Braun ein n\u00e4rrisches Denkspiel, in dem er tr\u00e4umt. Es ist das Privileg des Dichters zu tr\u00e4umen. Der konsequente Denker und Realist Braun jedoch verschleiert das Tr\u00e4umen: Traum, Alptraum und Phantomschmerz werden eins. In dem Band <em>Auf die sch\u00f6nen Possen <\/em>erscheint die Utopie entsprechend als Gespenst:<\/p>\n<blockquote><p>Sie hat nichts Besseres zu tun als nichts<\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigt mit \u00dcberleben, von der Hand in den Mund<\/p>\n<p>Ein Gespenst aus der Zukunft arbeitslos [\u2026]\n<p>Die Verworfene, nichts hat sie zu tun als Besseres.<a title=\"\" href=\"#_edn18\">[18]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div><\/div>\n<div><strong>Anmerkungen<\/strong><br \/>\n[1] Volker Braun, <em>Die hellen Haufen<\/em>(Berlin: Suhrkamp, 2011). Im Text der Arbeit abgek\u00fcrzt mit der Sigle H.<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Horst S. und Ingrid Daemmrich, <em>Themen und Motive in der Literatur<\/em> (T\u00fcbingen: Francke, 1987)\u00a0 80.\u00a0 Stichwort \u201cNarr\u201d.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> Joachim Ritter, \u201c\u00dcber das Lachen,\u201d\u00a0\u00a0 <em>Luzifer lacht. Philosophische Betrachtungen von Nietzsche bis Tabori<\/em>, hs. v. Steffen Dietzsch (Leipzig: Reclam, 1993) 110.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> Braun, \u201cAbschied vom Kochberg,\u201d <em>Tumulus<\/em> (Frankfurt: Suhrkamp, 1999) 20.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref5\">[5]<\/a> Braun, \u201cEs gen\u00fcgt nicht die einfache Wahrheit,\u201d in: <em>Es gen\u00fcgt nicht die einfache Wahrheit. Notate<\/em> (Frankfurt: Suhrkamp, 1976) 19-20.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> Braun, \u201cMeine Damen und Herren,\u201d in: \u201c<em>Es gen\u00fcgt nicht die einfache Wahrheit. Notate<\/em>. 16.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> Braun, \u201cDer \u00dcbernarr,\u201d <em>Sinn und Form<\/em>, 61\/3 (2009):\u00a0 377.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref8\">[8]<\/a> Cornelia Gei\u00dfler, \u201cAufstand gegen die Treuhand. Volker Brauns Erz\u00e4hlung \u201cDie hellen Haufen\u201d ist ein \u2018Was-w\u00e4re-wenn-Spiel\u2019,\u201d <em>Frankfurter Rundschau<\/em> 13. 1. 2012.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref9\">[9]<\/a> Volker Braun, <em>Die Verh\u00e4ltnisse zerbrechen. Rede zur Verleihung des Georg-B\u00fcchner-Preises 2000 (<\/em>Frankfurt\/M.: edition suhrkamp, 2000) 22.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref10\">[10]<\/a> Michael Opitz, \u201cVolker Braun: Die hellen Haufen. Erz\u00e4hlung,\u201d <em>Deutschlandradio Kultur. Radiofeuilleton\/Kritik<\/em>\u00a0 19. 10. 2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref11\">[11]<\/a> Braun, \u201cIst es zu fr\u00fch. Ist es zu sp\u00e4t,\u201d <em>Training des aufrechten Gangs <\/em>(Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1981)\u00a0 39.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref12\">[12]<\/a> Braun, Die Verh\u00e4ltnisse zerbrechen \u2026 23.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref13\">[13]<\/a> Janina Fleischer, \u201cSalz in der Wunde. Heute erscheint Volker Brauns Erz\u00e4hlung \u2018Die hellen Haufen\u2019 \u2013 Fiktion eines Arbeiteraufstands,\u201d <em>Leipziger Volkszeitung<\/em>\u00a0 10.10.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref14\">[14]<\/a> Dietmar Jacobson, \u201c\u2019Sie waren in der Welt ein H\u00e4uflein \u2026,\u2019 Volker Brauns neue Erz\u00e4hlung \u2018Die hellen Haufen\u2019 konfrontiert das Wirkliche mit dem M\u00f6glichen,\u201d <em>literaturkritik.de<\/em>, Nr. 3, M\u00e4rz 2012.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref15\">[15]<\/a> Sabine Brandt, \u201cVolker Braun: Die hellen Haufen. Abgelebte Weltsichten,\u201d <em>Frankfurter Allgemeine<\/em> (Feuilleton) 30.11.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref16\">[16]<\/a> J\u00fcrgen Verdofsky, \u201c Auf der Suche nach der Revolution,\u201d <em>Badische Zeitung<\/em> 11.2.2012.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref17\">[17]<\/a> Angelika Overath, \u201cEin Totentanz,\u201d <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em> 8. 12. 2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Braun, \u201cDie Utopie,\u201d <em>Auf die sch\u00f6nen Possen<\/em> (Frankfurt\/M.: Suhrkamp, 2005) 33.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volker Brauns\u00a0 Erz\u00e4hlung \u00a0Die hellen Haufen:\u00a0 eine n\u00e4rrische Geschichte. Wie positioniert sich 22 Jahre nach der Wende\u00a0 ein ehemals intensiv engagierter Systemkritiker, der bei aller Kritik dem realsozialistischen Staat von einst die Treue hielt? Was ist geblieben? 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