{"id":3165,"date":"2013-06-11T14:28:20","date_gmt":"2013-06-11T18:28:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3165"},"modified":"2013-06-11T15:13:11","modified_gmt":"2013-06-11T19:13:11","slug":"klaus-rainer-goll2-glossen-36-2013-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/archive-most-recent-issue-glossen-362013\/klaus-rainer-goll2-glossen-36-2013-2\/","title":{"rendered":"Klaus Rainer Goll"},"content":{"rendered":"<h3>Tagebuch einer Reise aufs Fischland \u2014 Ausz\u00fcge<\/h3>\n<p><strong>4. Juli 1983, Montag<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Reise von Deutschland nach Deutschland. Ich habe keine Vorstellung von dieser Reise, wei\u00df nicht, in welches Land ich fahre, in was f\u00fcr eine Welt. Noch denke ich, die Welt wird sein, wie ich sie kenne. Bei diesem Gedanken bleibe ich ganz gefasst und ruhig, so wie man auf etwas zugeht, das einem vertraut ist. Oder steckt in allem doch die Angst, die man \u00fcberlistet, indem man ruhig bleibt?<\/p>\n<p>Lina hat f\u00fcr die Reise die wichtigsten Dinge vorbereitet. Aber noch immer gibt es Vieles zu bedenken und zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Reise ger\u00fcstet sein wie f\u00fcr einen Kampf, wie bei einem Aufbruch in ein unbekanntes, fernes Land. Dabei ist dieses Land auch ein Teil Deutschlands. Es ist Deutschland. Aber es ist nicht das Deutschland, das ich kenne, in dem ich gro\u00df geworden bin, aufgewachsen, aber es ist das Deutschland, das ich von Kindheit an immer vor Augen hatte: an der Trave.<\/p>\n<p>Und es war immer das Land, das wir zwar sahen, das zum Greifen nah vor uns lag, das aber nicht zu erreichen war. Das war seltsam und gar nicht zu begreifen f\u00fcr uns Kinder: ein Land so nah vor unseren Augen, vor unserer T\u00fcr und doch nicht zu erreichen, so fern, so fremd: ein fremdes Land.<br \/>\nHeute nun ist es soweit: Heute fahre ich in das geheimnisvolle Land meiner Kindheit , und das hei\u00dft nichts anderes, als dass es das Land ist, von dem uns immer gesagt wurde, das ist auch Deutschland, aber da darfst du nicht hin. Damals nannte man dieses Land noch: die Ostzone. Manchmal sagte man auch nur: die Zone. Oder: russische Zone. Aber das war f\u00fcr uns ein Zungenbrecher, also blieb es bei: Zone.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3228\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3228\" class=\"size-medium wp-image-3228\" alt=\"Alte Grenze Schleswig-Holstein \/Mecklenburg-Vorpommern Stra\u00dfe in Richtung Ratzeburg\/L\u00fcbeck\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60953_2-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60953_2-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60953_2-682x1024.jpg 682w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60953_2.jpg 778w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><p id=\"caption-attachment-3228\" class=\"wp-caption-text\">Alte Grenze Schleswig-Holstein \/Mecklenburg-Vorpommern<br \/>Stra\u00dfe in Richtung Ratzeburg\/L\u00fcbeck<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zone: das war f\u00fcr uns Kinder der Blick \u00fcber die Trave zum anderen Ufer hin\u00fcber und auf die sich dort an den Uferh\u00e4ngen erstreckenden W\u00e4lder. Manchmal auch die Wachtposten in ihren Verstecken, auf die mit geschulterten Gewehren patrouillierenden Wachsoldaten. Es waren immer zwei, und wir sagten, einer m\u00fcsse noch den anderen bewachen. Und es sah auch oft so aus, weil einer immer, so sah es aus, einige Schritte vor dem anderen ging, am Ufer, und das Gewehr war so geschultert, als sei es auf den vor ihm Gehenden gerichtet. Eine aufregende Welt f\u00fcr uns Kinder, die diesseits des Flusses im Sand buddelten oder im Wasser schwammen, vor Augen immer das v e r b o t e n e Land, nach dem wir eigentlich unentwegt Ausschau hielten. Jede kleine Regung dr\u00fcben registrierten wir sofort, und war jemand mit dem Fernglas in der N\u00e4he (vielleicht ein Grenzsoldat vom Bundesgrenzschutz), dann baten wir ihn darum, einmal durch das Fernglas sehen zu d\u00fcrfen. Wir durften und schauten lange nach dr\u00fcben, aufs andere Ufer und schauten und schauten und suchten und suchten, und was wir zu finden hofften, waren immer: Menschen. Die Menschen aber, die wir gelegentlich ersp\u00e4hten, waren gewehrbeladene Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee, ganz selten einmal ein Bauer auf dem Acker oder am Ufer, das von Zeit zu Zeit geharkt wurde, vielleicht mit einer Egge, jedenfalls zogen Pferde das Arbeitsger\u00e4t. So wurden Spuren gesichert. So wurden Spuren verwischt. Die Glockent\u00f6ne vom nahen Selmsdorf aber konnte keiner verwischen, nicht einmal der Wind. Sie drangen zu uns her\u00fcber \u2013 ein Lebenszeichen.<\/p>\n<p>Wir fahren nicht allein in die DDR. Aufs Fischland begleiten uns Marianne und Hubert im eigenen Auto. Durch sie haben wir die ostdeutsche Schriftstellerin Ruth K. kennengelernt. Das war vor einem halben Jahr in L\u00fcbeck. Ruth K. lebt in ihrem Haus in Zeuthen, vor den Toren Berlins, der Hauptstadt der DDR. Bei ihrem Besuch in L\u00fcbeck hatte sie von mir geh\u00f6rt und wollte mich kennenlernen. In Ahrenshoop auf dem Fischland bewohnt sie ein reetgedecktes Sommerhaus einer Hamburger Familie, wo sie sich regelm\u00e4\u00dfig und ganz bestimmt in jedem Sommer aufh\u00e4lt. Das Haus hat sie renovieren lassen. \u00dcber die wirklichen Besitzverh\u00e4ltnisse, Anspr\u00fcche auf das Haus, Wohnrechte und dergleichen kann ich nichts sagen. Was wird werden, wenn &#8230; Dar\u00fcber zu sprechen, w\u00e4re zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>Es soll wieder ein sch\u00f6nes Haus geworden sein, in das sie uns eingeladen hat. In dem Haus werden wir f\u00fcr einige Tage ihre G\u00e4ste sein. Auf diese Weise haben wir Gelegenheit, die DDR kennenzulernen. Aber, was hei\u00dft das schon: Die DDR kennenlernen. Was werden wir kennenlernen \u2014 in der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes dort.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte es mir nicht tr\u00e4umen lassen. Ruth K. ist die einzige DDR \u2013 B\u00fcrgerin, die wir pers\u00f6nlich kennen. Die Bekanntschaft mit ihr macht diese Reise m\u00f6glich.<\/p>\n[&#8230;] Die Grenzen im v e r b o t e n e n Land sind durchl\u00e4ssiger geworden seit dem Grundlagenvertrag von Willy Brandt, aber menschlicher ist diese Grenze deshalb nicht. Menschliche Erleichterungen hat es gegeben, auf der einen Seite, auf der anderen ist das Netz, in dem man sich verfangen kann, noch engmaschiger geworden. Aber kein noch so eng gekn\u00fcpftes Netz der Welt hat so enge Maschen, dass nicht doch hier und da etwas hindurchsickert.<\/p>\n[&#8230;] Der westdeutsche Kontrollposten fragt lediglich, ob unsere Reise eine Dienstreise sei oder eine private Reise. Privat, sage ich.<\/p>\n<p>Weiterfahrt, nach ca. hundert Metern \u00fcberqueren wir die Grenze, fahren auf das Gebiet der DDR. Merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl im Magen. Angespannt. Gespannt. Der Kontrollposten liegt noch einige hundert Meter weiter, sehen ihn schon, fahren direkt darauf zu.<\/p>\n<p>Zur linken Seite die Trave, Schlutup links hinter uns, in eine Ecke geklemmt, es ist alles so unwirklich. Zum ersten Mal befinde ich mich auf der Seite jenseits des Flusses, die f\u00fcr uns Kinder damals nur das v e r b o t e n e Land war, ein geheimnisvolles Land, nicht ohne Schrecken und Sch\u00f6nheit. Jetzt also befinde ich mich in diesem Land, und dies Land ist auch Deutschland.<\/p>\n<p>Jenseits der Trave das stillgelegte Metallh\u00fcttenwerk, das fr\u00fchere Hochofenwerk. Die drei alten Hoch\u00f6fen gr\u00fc\u00dfen schweigend und dunkel her\u00fcber wie gewaltig drohende Zeigefinger. Im Hafen liegt kein Schiff so wie damals. Da liegt keine \u201eGonzenheim\u201c, die Kohle geladen hat oder Eisenerz. Auf diesem Werk hat Vater f\u00fcnfzig Jahre gearbeitet.<\/p>\n<p>Hinter dem Werk bin ich geboren worden und aufgewachsen, in Herrenwyk in der Silberstra\u00dfe 1. Dort steht noch immer mein Geburtshaus. Und unweit davon das Badehaus, das zum Werk geh\u00f6rte und das allen offenstand. F\u00fcr f\u00fcnfzig Pfennig genoss ich samstags das Badevergn\u00fcgen in einer \u201erichtigen\u201c Badewanne, f\u00fcr f\u00fcnfzig Pfennig Sauberkeit in der Woche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3227\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3227\" class=\"size-medium wp-image-3227\" alt=\"Grenzstation L\u00fcbeck\/Schlutup u.a. mit der &quot;Spur 5&quot; im Hintergrund das Hochofenwerk Herrenwyk \" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_11-300x186.jpg\" width=\"300\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_11-300x186.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_11.jpg 986w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-3227\" class=\"wp-caption-text\">Grenzstation L\u00fcbeck\/Schlutup<br \/>u.a. mit der &#8220;Spur 5&#8221;<br \/>im Hintergrund das Hochofenwerk Herrenwyk<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir n\u00e4hern uns vorsichtig, aber ohne Angst, dem Kontrollpunkt der DDR. Erste Kontrolle: aussteigen, Papiere abgeben, freundliche Begr\u00fc\u00dfung, aber beschr\u00e4nkt auf das Guten Tag. Ich bringe Ihnen die Papiere zum Wagen, sagt der junge Grenzbeamte mit tonloser Stimme, leerer Gelassenheit. Sie k\u00f6nnen sich ins Auto setzen. \u2013 Warten, ca. f\u00fcnf Minuten.<\/p>\n[&#8230;] Die Papiere werden uns gebracht. Durchgang 5, sagt der Beamte, fahren Sie zum Durchgang 5 weiter.<\/p>\n<p>Der Durchgang 5 liegt ca. 150 Meter vor uns. Wir halten vor einer riesigen \u00dcberdachung aus Eisenverstrebungen, neben den Grenzh\u00e4usern. Zwei junge Grenzbeamte, ein kleiner und ein st\u00e4mmiger, gr\u00f6\u00dferer, der die M\u00fctze tief im Gesicht tr\u00e4gt und einen sehr milit\u00e4rischen Eindruck auf uns macht.<\/p>\n<p>Tore werden ge\u00f6ffnet und wieder geschlossen, nach jedem Fahrzeug. Die eisernen Ger\u00e4usche wie auf hohlen Gef\u00e4ngnisfluren. Einzelabfertigung. Das kostet Zeit, und man sp\u00fcrt die verkrampfte, innere Anspannung, das Ungeheure und Befremdende, Bedr\u00fcckende dieser Grenzsituation, die wir niemals vorher so erlebt haben. Innerhalb der Tore kommen wir uns eingeschlossen vor, wie Gefangene in Drahtk\u00e4figen. Als Kind f\u00fchlte ich mich vom v e r b o t e n e n Land ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Eine ged\u00e4mpfte Atmosph\u00e4re in der Halle. Manchmal etwas gespenstisch. Man wei\u00df nicht, was im n\u00e4chsten Augenblick geschieht. Manchmal glaubt man, in der Falle zu sitzen. Merkw\u00fcrdig. Hin und wieder heulen und brausen Automotoren auf, wenn ein Auto die Kontrolle passieren darf, oder wenn es zur Kontrolle ein St\u00fcck vorfahren muss. W\u00e4hrend der Kontrolle hat der Motor zu schweigen, auch wir. Die ged\u00e4mpfte Stille wirkt bedr\u00fcckend auf uns. Kein Mienenspiel auf den Gesichtern der Grenzbeamten. Sie gr\u00fc\u00dfen, nehmen die Papiere entgegen, gehen, werfen (in einem winzigen Vorh\u00e4uschen) die Papiere in einen breiten Schlitz, warten, kommen zur\u00fcck, nach einiger Zeit, bringen Papiere mit, \u00fcberqueren unsere Fahrbahn, gehen zur anderen Seite hin\u00fcber, auf die andere Fahrbahnseite, wo sich inzwischen fast zehn Autos angesammelt haben, die Richtung Schlutup fahren, dem westlichen Grenzort, Kieler, Pinneberger, Hamburger, L\u00fcbecker, wie ich an den Autokennzeichen sehe.<\/p>\n<p>Passkontrolle, anschauen der Personen, Vergleich von Person und Bild im Auto. Der milit\u00e4risch wirkende Grenzbeamte geht weit in die Knie dabei, hebt und senkt ruckartig den Kopf beim Vergleich der Bilder mit der Wirklichkeit. Die Zeremonie erinnert mich an das Paarungsspiel von Haubentauchern. Ein unbewusstes L\u00e4cheln huscht \u00fcber mein Gesicht, der Grenzbeamte sieht mich irritiert an. Ein Fingerzeig, das Auto darf weiterfahren. In einem Auto bekommt ein Kleinkind auf dem R\u00fccksitz sein Essen. Die junge Mutter ist ganz damit besch\u00e4ftigt, w\u00e4hrend der Vater die Grenzangelegenheit mit dem Beamten regelt. Der Beamte \u00f6ffnet das eiserne Gittertor, l\u00e4sst das Fahrzeug passieren, verriegelt sofort das Tor wieder. Andere Autos aber m\u00fcssen die Kofferr\u00e4ume \u00f6ffnen, auch die Motorhauben. Die Beamten kommen mit Spiegeln und langen St\u00f6cken, mit denen sie in entlegenen Winkeln und Ecken stochern, alles ableuchten, erforschen, auch die Treibstofftanks.<\/p>\n<p>Lina empfindet alles allm\u00e4hlich bedr\u00fcckend, ich sage, stell dir vor, das geschieht zwischen Deutschen und Deutschen in Deutschland. Lina hat Angst, ich k\u00f6nnte zu laut reden und kurbelt das Autofenster hoch.<\/p>\n<p>Wir werden zur n\u00e4chsten Kontrolle gewinkt. An der bedr\u00fcckenden Stille in der Halle hat sich nichts ge\u00e4ndert. Unsere P\u00e4sse werden kontrolliert. Weiterfahren, zur n\u00e4chsten Kontrolle: Zoll. Haben Sie Schriftst\u00fccke, B\u00fccher, Zeitschriften, Waffen, Munition, Funkger\u00e4te bei sich?<br \/>\nWir haben nicht.<\/p>\n<p>Der Beamte w\u00fcnscht uns \u201eGute Weiterfahrt\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3230\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3230\" class=\"size-medium wp-image-3230\" alt=\"Grenzstation L\u00fcbeck\/Schlutup u.a. mit der Spur 5\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_2-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_2-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_2-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/03\/DC-260-B22A60954_2.jpg 1128w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3230\" class=\"wp-caption-text\">Grenzstation L\u00fcbeck\/Schlutup<br \/>u.a. mit der Spur 5<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiterfahrt. Durch herrliche Alleen, wie wir sie auch bei uns, auf der anderen Seite des Ratzeburger Sees kennen. Die Landschaft ist einzigartig, aber etwas verwildert, nicht so gepflegt. Oder ist sie nur urw\u00fcchsig? Die H\u00e4user meistens in \u00e4u\u00dferst schlechtem Zustand, ohne Farbe, abbl\u00e4tternder Putz. Lina sagt, hier sei selbst das Gras noch grau.<\/p>\n<p>Fahrt durchs Sperrgebiet. Die \u00c4cker links mit hohen Drahtz\u00e4unen abgeriegelt. Selbst Hasen gelingt hier die Flucht nicht immer. Selmsdorf. Dassow, P\u00f6tenitzer Wiek. Bei Dassow eine dicke, hohe wei\u00dfe Sperrmauer. Ein grauer steinerner Wachturm. Der Blick aufs Wasser ist verboten, geschweige denn der Weg dorthin. An einer Stelle gelingt der Blick aufs St\u00fclper Huk auf der Westseite, wo ich viele Sommer an der Trave verbrachte und wo auf dem H\u00fcgel das \u00e4lteste Travem\u00fcnde gelegen haben soll. Perspektiven\u00e4nderung: Jetzt erlebe ich hier zum ersten Mal den Blick von der anderen Seite hin\u00fcber aufs andere Traveufer. Das ist schon eigenartig. Die dicke wei\u00dfe Sperrmauer, der graue Wachturm \u2013 bedr\u00fcckend. Ein ganzes Dorf eingemauert, abgeriegelt, ein ganzes Land.<\/p>\n<p>Die Bilder vom Mauerbau in Berlin am 13. August 1961 tauchen auf. Es war ein stiller Tag bei uns im Ort, ein Sonntag dazu. Das Mittagessen stand p\u00fcnktlich auf dem Tisch, als uns die Nachbarin mit etwas verwirrten Worten die Nachricht von den Ereignissen in Berlin brachte.<\/p>\n<p>Zu Hunderten, ja Tausenden waren in den letzten Tagen die Menschen \u00fcber die offene Grenze vom Ostteil der Stadt nach Westberlin gekommen. Und jeden Tag wurden es mehr. Eine ungeheure, gespenstische Fluchtbewegung. \u201eDer Republik laufen die Menschen weg\u201c, sagte Mutter beim Mittagessen. Was f\u00fcr ein Land muss das sein, dem die Menschen weglaufen, und was wird aus dem Land? Schweigen. Wie die L\u00fccke in einem Satz stand es da, eine L\u00fccke, die das andeutet, wor\u00fcber man nicht sprechen kann. \u2013 Noch nicht. Es war irgendwann wohl Vater, der meinte: \u201eEs k\u00f6nnte das Ende sein.\u201c Das Ende, dachte ich, k\u00f6nnte das nicht auch der Anfang von etwas Neuem sein? Keiner wei\u00df. Keiner.<\/p>\n<p>Die Stille im Ort \u00e4nderte sich an diesem Sonntag nicht, aber die Atmosph\u00e4re tr\u00fcbte sich, wurde bedr\u00fcckend. \u00c4ngste in der Familie und in der Nachbarschaft wurden ge\u00e4u\u00dfert. \u00c4ngste, noch ganz unbestimmter Art. Keiner wusste, wie es weitergehen wird, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Die ersten Fernsehbilder aus Berlin zeigten die ersten verzweifelten Fluchtversuche und Bauarbeiter, bewacht von Soldaten mit vorgehaltenen Maschinengewehren und Gewehren mit aufgesetzten Bajonetten, die Stein auf Stein eine Mauer errichteten, die auf einmal eine Stadt zerschnitt, auf grausame Weise teilte, Familien voneinander trennte, Menschen, die soeben noch T\u00fcr an T\u00fcr lebten, die nun aus dunklen Fenstern wei\u00dfe Taschent\u00fccher schwangen, mit denen sie vorher ihre Tr\u00e4nen abgewischt hatten. Sie winkten sich zu mit ihren wei\u00dfen T\u00fcchern von Ost nach West, von West nach Ost, \u00fcber die Stra\u00dfenschluchten hinweg, w\u00e4hrend Stein auf Stein in Zement gelegt wurde und die Mauer, dieser \u201esozialistische Schutzwall\u201c gegen die Feinde im Westen, wuchs, vor ihr und auf ihr der Stacheldraht.<\/p>\n<p>Er erinnert mich immer an die Worte meines v\u00e4terlichen Freundes, des Schriftstellers Jan Herchenr\u00f6der: \u201eWo Stacheldraht gezogen wird, h\u00f6ren die Gespr\u00e4che auf; wo er niedergelegt wird, beginnen sie wieder.\u201c Mehr sei dazu nicht zu sagen. Dabei hatte er grausame Zeiten hinter sich. Aus kurzen Vernehmungen nur kurze Zeit nach dem Krieg wurden Jahre der Internierung, nach amerikanischer und franz\u00f6sischer Kriegsgefangenschaft, nach russischem Untersuchungsgef\u00e4ngnis in Leipzig (aus unersichtlichen, nie gekl\u00e4rten Gr\u00fcnden), Internierungslager M\u00fchlberg an der Elbe und Buchenwald sowie deutschem Zuchthaus Waldheim in Sachsen \u2013 \u201eStationen menschlicher Dummheit, St\u00e4tten der Intoleranz, St\u00e4tten des Todes hinter Stacheldraht\u201c nannte Jan diese Ausw\u00fcchse von Grausamkeit und Inhumanit\u00e4t, von menschlicher Machtbesessenheit und Machtmissbrauch, verbunden mit gef\u00fchlskaltem Wahnsinn. Der Stacheldraht wurde zum Symbol daf\u00fcr, und bis heute. Wann wird es sein, dass man den Stacheldraht niederlegt, damit die Gespr\u00e4che wieder beginnen k\u00f6nnen. Noch immer steht die Mauer, w\u00e4chst vor und auf ihr der Stacheldraht. Hatte nicht Walter Ulbricht einige Tage vor dem Bau der Mauer, am 15. Juli, mit seiner Fistelstimme noch verk\u00fcndet, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Sp\u00e4testens an diesem Sonntag, dem 13. August 1961, wussten alle, dass dies eine L\u00fcge war. Heimlich waren sie gekommen, die Mauer zu errichten, nachts, in der Dunkelheit, als keiner mit ihnen rechnete.<\/p>\n<p>Wir fahren weiter durch das Land, mit sehr gemischten Gef\u00fchlen und sehen in den D\u00f6rfern Menschen, die nicht lachen, uns nicht zuwinken, aber schauen und uns nachblicken. H\u00e4tten \u00a0w i r \u00a0winken sollen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"color: #999999\">Fotos:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\"><em id=\"__mceDel\"> Leonide Baum (Gadebusch\/Mecklenburg-Vorpommern), 1990. Die Bildrechte liegen bei Leonide Baum.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch einer Reise aufs Fischland \u2014 Ausz\u00fcge 4. Juli 1983, Montag &nbsp; Meine Reise von Deutschland nach Deutschland. 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