{"id":3311,"date":"2013-06-11T13:42:03","date_gmt":"2013-06-11T17:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3311"},"modified":"2023-03-19T16:30:57","modified_gmt":"2023-03-19T20:30:57","slug":"frederick-lubich-glossen-36-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/archive-most-recent-issue-glossen-362013\/frederick-lubich-glossen-36-2013\/","title":{"rendered":"Frederick Lubich"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><strong>Bis ans Ende der Welt: Von der Heidelberger Dichterrunde \u00fcber das Berliner Caf\u00e9 Einstein in die Todesfalle von Timbuktu<\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">Erste Station: Heidelberg<\/p>\n<p align=\"center\">Poesie und Politik mit Revolte und Romantik<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201ePoetry \u2013 what was it again?<br \/>\nA portal to bygone emotions\u201d<\/p>\n<p>(Durs Gr\u00fcnbein)<i><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Bild am Sonntag<\/i> brachte am 20. Januar 2013 aus politisch aktuellem Anlass unter dem Aufmacher \u201eW\u00fcstenkrieg in Mali\u201c mit der Schlagzeile \u201eDieser Berliner in Mali von Terroristen erschossen\u201c ein Feature mit einem gro\u00dfen Foto des Ermordeten. Er war ein jahrzehntelanger Weltenbummler gewesen, der, wie die Zeitung berichtete, rund hundert L\u00e4nder bereist und erfahren hatte. \u00dcber den Hergang des Attentats hie\u00df es unter anderem:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner mit den Kalaschnikows kamen noch vor dem Abendessen. Sie zerrten die Touristen aus dem Restaurant im Zentrum von Timbuktu, der Hauptstadt Malis. Nur Martin A. aus Berlin wollte nicht folgen. Er wehrte sich gegen seine Entf\u00fchrung. Das war sein Todesurteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die drei Touristen, die damals am 25. November 2011 bei diesem \u00dcberfall entf\u00fchrt wurden, befinden sich bis heute in der Gewalt der Islamisten. W\u00e4hrend die franz\u00f6sische Presse damals ausf\u00fchrlich \u00fcber dieses Ereignis berichtet und auch das Todesopfer beim vollen Namen genannt hatte, war in der deutschen Presse sehr wenig \u00fcber die Identit\u00e4t des Ermordeten bekannt geworden. In diesem Bild-Bericht stellt sich jetzt heraus, dass der geb\u00fcrtige Karlsruher Reiseabenteurer auch mit Gerald Uhlig-Romero, dem Besitzer des bekannten <i>Caf\u00e9 Einstein Unter den Linden <\/i>in Berlin Mitte, seit\u00a0 ihrer gemeinsamen Schulzeit im Internat befreundet war. Uhlig-Romero ist auf Grund seiner mannigfaltigen Kunst- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit in der deutschen Boulevardpresse als \u201eKaffeehausk\u00f6nig\u201c weit \u00fcber Berlin hinaus bekannt geworden. Zudem hat er wie kein anderer in den letzten Jahren ber\u00fchmte K\u00fcnstler vor allem aus der amerikanischen Welt des Films, der Mode- und Portraitfotografie wie Joel Grey, Dennis Hopper, Richard Gere, Helmut Newton und zahlreiche andere ins Caf\u00e9 Einstein gebracht, ihre Werke in seiner angeschlossenen Galerie ausgestellt und somit eine bedeutende transatlantische Br\u00fccke zwischen Deutschland und Amerika aufgebaut.<\/p>\n<p>Vieles von der Freundschaft zwischen dem Weltenbummler und dem Kaffeehausbesitzer konnte im Interview mit <i>Bild am Sonntag<\/i> kaum angedeutet, geschweige denn ausgef\u00fchrt werden. Da jedoch auch den Autor dieser Zeilen mit beiden eine lange Freundschaft verbindet, kontaktierte mich Uhlig-Romero unmittelbar nach dem <i>Bild<\/i>-Feature mit dem Vorschlag, \u00fcber uns drei eine l\u00e4ngere Erinnerungsgeschichte zu schreiben. Auch andere Freunde aus jener Zeit fanden diese Idee gut. Also schreibe ich.<\/p>\n<p>Obgleich es uns nach unserer gemeinsamen Heidelberger Zeit in den Siebziger Jahren bald in alle Himmelsrichtungen verschlug, sodass wir uns in drei verschiedenen Kontinenten wiederfanden, sind wir dennoch \u00fcber die Jahrzehnte in Kontakt geblieben, haben uns immer wieder f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit besucht und nicht zuletzt auch regelm\u00e4\u00dfig an verschiedenen kreativen Projekten zusammengearbeitet. H\u00f6hepunkt war sicherlich Geralds deutsche Urauff\u00fchrung von Yoko Onos Musical <i>New York Story<\/i>, die sich John Lennons Witwe von ihm gew\u00fcnscht hatte und f\u00fcr die ich dann die deutsche \u00dcbersetzung schrieb. Aber das ist schon eine sp\u00e4tere Geschichte aus der zweiten Reisestation im vereinten Berlin.<\/p>\n<p>Folgende Aufzeichnungen stellen eine dreifache Erinnerungsgeschichte dar, n\u00e4mlich einen pers\u00f6nlichen Nachruf auf unseren ermordeten Freund, eine Schilderung unseres langen, transatlantischen Dreierbundes, und <i>last but not least<\/i> auch eine Darstellung unserer jugendbewegten Zeit, die in mehrfacher Hinsicht eine moderne Umbruchsepoche repr\u00e4sentiert, die sich nicht zuletzt in der Sexuellen Revolution manifestiert. Der folgende Text ist ein Vorabdruck von Ausz\u00fcgen aus dem ersten Teil eines Buches, das n\u00e4chstes Jahr in einem Berliner Verlag erscheinen soll.<\/p>\n<p>Martin und ich lebten zur Zeit seines Todes bereits \u00fcber drei\u00dfig Jahre im Ausland, er in Bangkok, also im fernen Osten, und ich in immer wieder anderen St\u00e4dten und Staaten Amerikas von New York bis Kalifornien, also im fernen und fernsten Westen. Auf Grund unseres langen Aufenthalts im nichtdeutschsprachigen Ausland war auch bereits unsere deutsche Muttersprache immer wieder von englischen Ausdr\u00fccken wenn nicht gar ganzen S\u00e4tzen durchzogen. So auch Martins E-Mails von seiner letzten, gro\u00dfen Reise. Seine vorletzte Nachricht stammt vom 6. Oktober 2011 aus Madrid, kurz bevor er mit der Agentur Dragoman, bekannt f\u00fcr ihr Motto \u201eAdventure Holidays\u201c, seine Mega-Tour durch Afrika begann. Darin schrieb er: \u201e &#8230;.jetzt in Madrid, bin ich just zu meiner laengsten overland tour unterwegs: Gibraltar to Capetown, 22 wochen camping, overland: morocco, mauretania, burkina, ghana, togo, benin, nigeria, cameroon, gabun, les deux congo, angola, namibia, u. south africa.\u201c Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch Martins detaillierte Auflistung seiner bevorstehenden Reisestationen als \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig. Er f\u00fchrt systematisch s\u00e4mtliche 15 L\u00e4nder in genauer Etappenfolge von Spanien bis nach S\u00fcdafrika auf, vergisst auch nicht das kleinste von ihnen \u2013 und \u00fcberspringt Mali, l\u00e4sst es unerw\u00e4hnt, dieses gro\u00dfe Land zwischen Mauretanien und Burkina Faso, das Land, in dem er so bald seinen gewaltsamen Tod finden sollte. Ein oberfl\u00e4chlicher Zufall oder eine tiefere Notwendigkeit?<\/p>\n<p>Betrachtet man Martins Reiseschicksal aus symbolischer Perspektive, so gewinnt es zudem weitere Dimensionen. Mali wurde f\u00fcr ihn zum realen Schwellenland ins irreale Schattenreich. Dieser Blickwinkel l\u00e4sst sich noch erweitern durch die figurative Bedeutung,\u00a0 die Timbuktu sowohl in der deutschen wie auch in der englischen Sprache hat. Die Redewendung \u201eAll the Way to Timbuktu\u201c ist im Englischen synonym f\u00fcr die Reise ans Ende der Welt und somit repr\u00e4sentiert diese Stadt in beiden Kulturen auch einen sinnbildlichen Ort f\u00fcr das Ende der Lebensreise. Und nicht zuletzt verwandelte sich Martins lebenslange Wanderlust in seinen letzten Weltschmerz, den ihm die t\u00f6dliche Kugel verursachte, genau in jenem Erdteil, in dem die Mutter Erde einst die Menschheit geboren hatte. Die mythische Einheit von Mutterscho\u00df und Todesgrab, hier wurde sie f\u00fcr Martin zum real-symbolischen Ereignis. Entsprechend entpuppt sich denn auch die Stadt Timbuktu als \u201eFrau mit gro\u00dfem Nabel\u201c. Das ist die malische Bedeutung ihres Namens, und dergestalt wird sie zur metaphorischen Mutterstadt des Schwarzen Kontinents, zum bedeutungsschwangeren \u201eHerz der Finsternis\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Timbuktu<\/p>\n<p align=\"center\">Womb and Tomb<\/p>\n<p align=\"center\">Oh Mother Earth, oh Heart of Darkness,<\/p>\n<p align=\"center\">man\u2019s ancient dawn \u2013 man\u2019s final doom.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drum zur\u00fcck in unsere Heidelberger Jugendzeit. Damals Mitte der Siebziger Jahre lernte ich Martin in einer Runde junger Poeten kennen, die sich regelm\u00e4\u00dfig trafen, um ihre Texte zu rezitieren und bis sp\u00e4t in die Nacht hinein zu debattieren. Martin war Student der Literatur und Philosophie und was einem sofort an ihm auffiel, war seine gro\u00dfe Bildung, sein scharfer Verstand und nicht zuletzt sein hintergr\u00fcndiger Humor. Blicke ich heute zur\u00fcck, so scheint mir seine Gestalt in so mancher Hinsicht geradezu beispielhaften Charakter zu haben. Er verk\u00f6rperte unseren Zeitgeist, unsere systematische Gesellschaftskritik und unsere Forderungen nach radikaler Freiheit, maximaler Toleranz und konsequenter Selbstverwirklichung par excellence. Und nicht zuletzt sollte er unser Fernweh nach der gro\u00dfen, weiten Welt leben und ausleben wie kein anderer.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit und Schrecken der Geschichte: Martin und ich hatten im Laufe unseres Lebens auch verschiedene L\u00e4nder Nordafrikas bereist. Mich faszinierte seit meiner Tour durch S\u00fcdspanien und Marokko vor allem die spanisch-maurische Kultursymbiose im andalusischen Mittelalter. Ich habe seit dieser Reise auch immer wieder in diesem Bereich recherchiert und publiziert. Schon als Jugendlicher hatte mich die Abenteuerwelt der maghrebinischen Nomaden und insbesondere ihrer Tuareg-Krieger in ihren Bann geschlagen. Was sich mir aus der Lekt\u00fcre \u00fcber ihre Kultur und Geschichte vor allem in der Erinnerung eingepr\u00e4gt hatte, war ihr Brauch, im Haschischrausch ihre Raub- und Eroberungsz\u00fcge durchzuf\u00fchren. Das englisch-franz\u00f6sische\u00a0 Wort \u201eassassin\u201c, auch das hatte ich mir gemerkt, hatte seine sprachlichen Wurzeln in dieser berauschenden Substanz. Welche Ironie des Schicksals, dass unter Martins M\u00f6rdern die Nachfahren meiner mittelalterlich-maghrebinischen Helden waren.<\/p>\n<p>Auf seinem letzten, fast einw\u00f6chigen Besuch im Sp\u00e4therbst 2010 war Martin guter Dinge. Ich hatte ihn eigentlich noch nie so im Einklang mit sich selbst gesehen. Er kam auch immer wieder ausf\u00fchrlich ins Plaudern und hat unter anderem viel von den musikalischen\u00a0 Bildungserlebnissen seiner Kindheit und Jugendzeit erz\u00e4hlt. Mich interessierte das sehr, doch so konnte ich andrerseits meine eigenen jugendlichen Bildungserlebnisse, genauer, meine metaphysischen Schauergeschichten kaum an den Mann bringen. Martin, ich bin sicher, wir h\u00e4tten uns an so Manchem gemeinsam erschaudern k\u00f6nnen. Drum will ich dir hier einiges kurz nacherz\u00e4hlen. Meine fr\u00fche Kindheit war sehr heimelich und gl\u00fccklich. Unheimlich begann es mir erst zu werden, als ich von meinen katholischen Religionslehrern mehr und mehr von der ewigen Verdammnis erfuhr. Es hie\u00df, es g\u00e4lte sich ganz besonders vor allem Gespaltenen zu h\u00fcten. In anderen Worten, vor dem huf- und zungengespaltenen F\u00fcrst der Finsternis und seiner zwielichtigen Unterwelt. Er war der Meister der sieben Tods\u00fcnden. Sein bevorzugtes Einfallstor war das sch\u00f6ne, verf\u00fchrerische Weib. Allein schon die Ahnung ihrer zauberhaften Geheimnisse, die wirre Sehnsucht nach ihren wonnigen Wundern konnte, so hie\u00df es immer wieder, furchtbare Folgen haben. Oh schl\u00fcpfriger S\u00fcndenpfuhl ins bodenlose Verderben, oh welch schlechtes Wissen und noch viel schlechteres Gewissen rund um die Leiber dieser ewig lockenden Teufelsweiber. Bald war mir klar, dass ich auf immer und ewig verloren war. Der Weg war vorgezeichnet: Vom irdischen Jammertal direkt in die Folterkammern der brennenden H\u00f6llenwelt. Keine Frage, aus heutiger Perspektive war ich ein idealer Kandidat f\u00fcr eine exemplarische Fallstudie zu ekklesiogenen Neurosen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens w\u00e4hrend meiner Pubert\u00e4t fiel jedoch dieses mittelalterliche Jenseitsjoch ab wie ein zerbrochenes, gr\u00fcndlich vermodertes M\u00fchlrad. Umgekehrt tauchten jedoch zur gleichen Zeit mehr und mehr Bilder aus einer sehr diesseitigen Schreckenswelt auf, n\u00e4mlich aus dem H\u00f6llenreich des Holocaust. Es waren Horrorvisionen wie aus dem perversen Pand\u00e4monium eines sp\u00e4tmittelalterlichen H\u00f6llen-Brueghel. So war der Topos der \u201everkehrten Welt\u201c, der f\u00fcr die deutsche Schauerromantik des neunzehnten Jahrhunderts so bezeichnend ist, schlie\u00dflich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert grauenhafteste Wirklichkeit geworden und hatte das einstige Land der Dichter und Denker in ein Reich grausamer Richter und blutiger Henker verwandelt. \u201eDer Tod ist ein Meister aus Deutschland\u201c, diese Zeile aus Paul Celans \u201eTodesfuge\u201c war in den siebziger Jahren f\u00fcr uns schlechterdings zur negativen Nationalhymne geworden.<\/p>\n<p>\u201eMemories of Heidelberg are memories of you\u201d, tr\u00e4llerte Peggy March damals durch Jukeboxen und Hitparaden. Als Amerikanerin hatte sie gut singen. Wir Nachgeborenen des Dritten Reiches wollten raus aus den deutschen Erinnerungen. Martin hatte es da schon besser, er war links- und rechtsrheinischer Abstammung. Aber vielleicht war das ja nur noch schlimmer, hatte er doch gewisserma\u00dfen die blutige Erbfeindschaft unserer beiden Nationen bereits in seinem deutsch-franz\u00f6sischen Halbblut &#8211; folgte man den Volksvorstellungen unserer Vorv\u00e4ter. Auf jeden Fall war er in beiden Sprachen und Kulturen bewandert und bildete dergestalt f\u00fcr mich auch eine wandelnde Br\u00fccke ins sch\u00f6ne Paris und sonnige S\u00fcdfrankreich. Denn dort hatte ich, kaum dass die Gymnasialzeit hinter mir war, meine erste Freundin gefunden und mich dabei nicht nur in sie sondern auch in die Provence, ihre wundersch\u00f6ne Heimat, verliebt. Doch wie sich bald herausstellte, war auch sie keine richtige Provencalin im Sinne der kultureller Verwurzelung und ethnischer Abstammung. Catherines Mutter war eine marokkanische Sephardin und ihr Vater stammte aus dem seinerzeit noch \u00f6sterreichisch-ungarischen Czernowitz. Und bald sah ich auch die T\u00e4towierung an seinem Arm. Das Brandmal von Auschwitz. Mein geliebtes M\u00e4dchen, sie war eine Verschonte der deutschen Massenm\u00f6rder. Ein Schreibtischfehler im System der \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c. Hallo, Hannah Arendt, da kann der Teufel nur lachen!<\/p>\n<p>\u201eDein blondes Haar, Margarete, dein aschenes Haar, Sulamith\u201c, so der Kehrreim der \u201eTodesfuge\u201c Celans, des wohl ber\u00fchmtesten Czernowitzer, der in diesen Zeilen im Namen der Geliebten Salomons noch einmal das \u201eHohe Lied\u201c auf die Liebe heraufbeschw\u00f6rt, und somit f\u00fcr einen Augenblick die Todesklage in ihr Gegenteil verkehrt. Die Geschichtsgroteske der \u201everkehrten Welt\u201c sollte schlie\u00dflich in unserer eigenen Liebesgeschichte vollends <i>ad absurdum<\/i> gef\u00fchrt werden. Denn wir beiden verdanken sie letztendlich dem F\u00fchrer und seiner grenzenlosen Gewaltherrschaft. Denn ohne den systematischen V\u00f6lkermord des Dritten Reiches und ohne die extensive V\u00f6lkerverschleppung nach seinem Zusammenbruch w\u00e4ren sich unsere Eltern nie begegnet.<\/p>\n<p>\u201eDon\u2019t trust anybody over thirty\u201c, dieser Spruch der Flower-Power-Kids der amerikanischen Woodstock Generation wurde f\u00fcr uns Deutsche, die nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurden, zum Fanal gegen das Vaterland unserer V\u00e4ter schlechthin. \u201eMake Love not War\u201c, das war unser Schlachtruf gegen eine Elterngeneration, die sich als Mitl\u00e4ufer, Handlanger und Vollstrecker am gr\u00f6\u00dften Verbrechen der Menschheitsgeschichte schuldig gemacht hatten. Infolge dessen wurde der Spruch \u201eDas Politische ist das Pers\u00f6nliche\u201c zum Motto der damaligen Studentenrebellion und ihrer sich zunehmend radikalisierenden au\u00dferparlamentarischen\u00a0 Opposition. F\u00fcr so manchen von uns war der nationalsozialistische Gr\u00f6\u00dfenwahn der V\u00e4ter zur narzisstischen Wunde ihrer S\u00f6hne geworden. Entsprechend erhofften wir uns nicht nur vom Studium der Literatur und Philosophie Antworten auf unsere Fragen, wir suchten auch in den Disziplinen der Psychologie und politischen Wissenschaft weitere Aufkl\u00e4rung. Und letztendlich waren es unsere eigenen Texte, mit denen wir uns zu verstehen und zu erkl\u00e4ren versuchten. Streng genommen widersetzten wir uns mit unseren poetischen Experimenten obendrein Adornos Verdikt, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr m\u00f6glich seien. Und er war schlie\u00dflich eine der letzten Autorit\u00e4ten, auf die unsere anti-autorit\u00e4re Generation noch h\u00f6rte. Aus der Perspektive unseres Frankfurter Schulmeisters war also unsere Heidelberger Dichterrunde zudem ein suspekter Zirkel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3317\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3317\" class=\"size-medium wp-image-3317\" alt=\"Martin, Herbert und Thomas in Martins Wohnung in Heidelberg\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image2-300x195.jpg\" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image2-300x195.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image2-1024x665.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3317\" class=\"wp-caption-text\">Martin, Herbert und Thomas in Martins Wohnung in Heidelberg<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Heidelberger Poeten<\/p>\n<p align=\"center\">Vergesst <i>Des Knaben Wunderhorn, <\/i>Stabreim und Skandieren,<\/p>\n<p align=\"center\">Martin hol dein Megaphon, wir gehen demonstrieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das waren die Reime unserer Sponti-Spr\u00fcche, die Rhythmen unserer politischen Poesie. Von den zahlreichen Demonstrationen der damaligen Zeit ist mir besonders die gro\u00dfe Protest-Aktion\u00a0 gegen die Fahrpreiserh\u00f6hung der Heidelberger Stra\u00dfenbahn in Erinnerung geblieben. Hinter dieser Ma\u00dfnahme steckten nat\u00fcrlich auch wieder V\u00e4ter, in diesem Fall Stadtv\u00e4ter und \u2013 ultima ratio \u2013 Vater Staat, also einmal mehr das ganze, korrupte Patriarchat. Zudem war die aufgebotene Bereitschaftspolizei mit ihren martialischen Wasserwerfern ausgerechnet aus G\u00f6ppingen, meiner schw\u00e4bischen Heimatstadt anger\u00fcckt. Also galt es einmal mehr Farbe und Flagge zu zeigen. Ich kann mich gut erinnern, wie Martin damals auf einen besonders engagierten Randalierer deutete und dabei die Vermutung \u00e4u\u00dferte, dass es sich bei ihm m\u00f6glicherweise um einen \u201eagent provocateur\u201c handeln k\u00f6nnte, also um einen vom Staat bezahlten Lockspitzel. Wer immer er war, ich fand mich wenig sp\u00e4ter mit mehreren anderen auf der Flucht vor den aufbrausenden Wasserwerfern \u2013 \u201edie Polizei, dein Freund und Helfer\u201c! \u2013 auf der Kellerstiege eines alten Hauses wieder, wo ich in einem Kn\u00e4uel hinuntergepurzelter Revoluzzer gelandet war. Nachdem sich der Haufen einigerma\u00dfen berappelt hatte, begann er sich mehr oder weniger kaputtzulachen. Jedenfalls waren wir alle in diesem chaotisch subterranen Moment in unserem besten, solidarischen Element.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht lange, so f\u00fchrte Martin auch Gerald in unsere Poetenrunde ein. Mit seinen dichten, dunklen Haaren mit den eingef\u00e4rbten blonden Str\u00e4hnen, seiner gro\u00dfen, hageren Gestalt und seinen dramatischen Gesten erschien er uns bei der ersten Begegnung eher wie ein verwegener Hasardeur aus dem glamour\u00f6sen Hollywood, der sich in unser verwinkeltes Alt-Heidelberg verirrt hatte. Jedoch bei genauerem Kennenlernen gab er sich zusehends als ein schillernder Doppelg\u00e4nger von Hugo von Hofmannsthals <i>Tor und Tod<\/i> aus dem Jungen Wien um 1900 zu erkennen. Bald stand er denn auch als Todgeweihter in Hofmannsthals exemplarischem Jugendstil-Schauspiel melancholisch auf der Theaterb\u00fchne. Im R\u00fcckblick gibt sich dieses Szenenbild als eine omin\u00f6se Vorwegnahme jener t\u00f6dlichen Erbkrankheit Morbus Fabry zu erkennen, die zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter brachial in ihm ausbrechen sollte und ihm fast das Leben gekostet h\u00e4tte, w\u00e4re sie nicht im letzten Moment erkannt worden. Aus dieser Perspektive geben sich die r\u00e4tselhaften Zust\u00e4nde, die ihn schon damals in Heidelberg heimzusuchen begannen, in der Tat als fr\u00fche Vorzeichen dieser unheilbaren Krankheit zu erkennen. So hielt der Tod ihn bereits damals in der Kunst wie im Leben zum jugendlichen Narren.<\/p>\n<p>In Phasen, in denen Gerald frei von seinen morbiden Symptomen war, entfaltete er sich umso mehr. Oft war er ein wahrer Felix Krull wie er bei Thomas Mann im Buche steht. Dessen Romanfigur vergleichbar gab er sich besonders gern als artistischer Gaukler und charmanter Hochstapler, der mit seinen Energien und Phantasien die Menschen zu bezaubern verstand.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3319\" style=\"width: 213px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3319\" class=\"size-medium wp-image-3319\" alt=\"Gerald in der Heidelberger Studentenbude des Autors\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image1-203x300.jpg\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image1-203x300.jpg 203w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/image1-695x1024.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3319\" class=\"wp-caption-text\">Gerald in der Heidelberger Studentenbude des Autors<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Schau<\/p>\n<p align=\"center\">ich bin ein<\/p>\n<p align=\"center\">Mauerschauer<\/p>\n<p align=\"center\">und ein Berliner<\/p>\n<p align=\"center\">Traumschlossbauer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Noch herrscht das Winterm\u00e4rchen<\/p>\n<p align=\"center\">aus kaltem Krieg und Stacheldraht<\/p>\n<p align=\"center\">und zwischen einer hohen Mauer<\/p>\n<p align=\"center\">Deutschlands zerrissene Hauptstadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Doch mir tr\u00e4umte, es k\u00e4me der Fr\u00fchling,<\/p>\n<p align=\"center\">gefallen die Mauer, zerronnen der Schnee,<\/p>\n<p align=\"center\">die Stadt erbl\u00fchte zum Sommerm\u00e4rchen<\/p>\n<p align=\"center\">und \u00fcberall roch es nach frischem Kaffee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Grunde seines Wesens war dieser romantische Traumt\u00e4nzer jedoch ein klassischer St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger, ein ruheloser Wiederg\u00e4nger des Goethe\u2019schen Prometheus, dessen \u201eheilig gl\u00fchend Herz\u201c noch einmal die \u201eGrenzen der Menschheit\u201c \u00fcberwinden wollte, um es den G\u00f6ttern gleichzutun. \u201eBedecke Deinen Himmel, Zeus &#8230;.!\u201c So hatte Goethes Originalgenie dem Olymp entgegengerufen. Jahrzehnte sp\u00e4ter schien es, Gerald h\u00e4tte sich selbst die Abrechnung auf seine G\u00f6tterbest\u00fcrmung ausgestellt, hei\u00dft es doch in seinem Gedicht \u201eHimmel\u201c aus seinem Bild- und Gedichtband <i>Alphabet der Fische<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eich bin der gott<\/p>\n<p align=\"center\">der vom himmel<\/p>\n<p align=\"center\">zur erde verramscht wurde.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist der Hochstapler als Tiefstapler, der sarkastische Ikonoklasmus eines prometheischen Multitalents, das sich im Laufe der Jahre nicht nur einen Namen als S\u00e4nger und Schauspieler, Regisseur und Performance Artist, sondern auch als Dichter und Maler machen sollte, dessen Texte in den renommiertesten deutschen Publikationsorganen wie etwa der <i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/i> gedruckt wurden und dessen Gem\u00e4lde in Ausstellungen von Berlin bis Brasilien zu sehen waren.<\/p>\n<p>Schon in Heidelberg gr\u00fcndete Gerald eine Schauspieltruppe mit dem bezeichnenden Namen\u00a0 \u201eHoch- und Tiefstapler\u201c. Ich war bei ihren artistischen Veranstaltungen auch schon mal hinter der B\u00fchne f\u00fcr die Hell-Dunkel-Effekte zust\u00e4ndig. Ausgerechnet ich, dem in der Tat schon ein einziger Schaltknopf betr\u00e4chtliches Kopfzerbrechen bereiten konnte. Viel lieber hantierte ich mit Bleistift und Papier und kritzelte meine eigenen Verse f\u00fcrs poetisch-politische Kabarett. Erst unl\u00e4ngst hatte ein letzter Freund aus jener Heidelberger Runde bei sich zu Hause ein altes Flugblatt aufgest\u00f6bert mit dem Titel \u201eChanson Abend mit Gerald Uhlig\u201c. Angek\u00fcndigt wird darauf\u00a0 \u201eLyrik und Prosa noch lebender und schon toter Freunde\u201c, wobei neben dem toten Freund Jacques Prevert nur noch Martin und ich namentlich genannt werden. Martin figuriert als \u201ealter Leidensgef\u00e4hrte Uhligs aus den gemeinsamen Internatstagen\u201c und ich werde als \u201earmer Student der Germanistik und Anglistik\u201c identifiziert. Was die neuesten Leiden des junge Martin betraf, so hie\u00df es damals in unseren Kreisen, er w\u00e4re so ungl\u00fccklich wie leidenschaftlich in die h\u00fcbsche, lebenslustige Schwester Geralds verliebt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Gerald in Heidelberg begann, sich im Schauspiel zu profilieren, fing ich an, mich mit der Schreibkunst zu am\u00fcsieren. Nebenbei inszenierten wir uns auch immer wieder mit Freunden zu theatralischen <i>tableaux vivants<\/i>, die wir in fotografischen Sequenzen festhielten. Sujets aus der Kunstgeschichte wurden dabei meine liebsten Vorlagen. Zu ihnen geh\u00f6rte auch Carl Spitzwegs ikonisches Gem\u00e4lde \u201eDer armer Poet\u201c, das schon seit meiner Gymnasialzeit zu meinen Lieblingsbildern z\u00e4hlte. Sein zwiesp\u00e4ltiges Dachbodengl\u00fcck, welches das einstige Scheitern des Jungen Deutschlands sowohl zu beklagen als auch zu verkl\u00e4ren schien, wurde mir in meiner Heidelberger Zeit zum romantisch-rebellischen Passepartout f\u00fcr mein eigenes oft so widerspr\u00fcchliches Lebensgeschick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3322\" style=\"width: 203px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/photo4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3322\" class=\"size-medium wp-image-3322\" alt=\"Der Autor als armer Poet\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/photo4-193x300.jpg\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/photo4-193x300.jpg 193w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/photo4-661x1024.jpg 661w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3322\" class=\"wp-caption-text\">Der Autor als armer Poet<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Vive la po\u00e9sie<\/p>\n<p align=\"center\">A la recherche du temps perdu &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Spuren der franz\u00f6sischen <i>poetes maudits<\/i>, von Arthur Rimbaud zur\u00fcck zu Fran\u00e7ois Villon bis zu den maurisch-provenzalischen Trouv\u00e8res und Troubadours und \u00fcber die\u00a0 staufischen Minnes\u00e4nger wieder voran direkt zum rheinisch-franz\u00f6sischen Heinrich Heine, Deutschlands poetisch-politischem Emigranten par excellence, k\u00f6stlich und unverw\u00fcstlich, seine freche Poesie und seine romantische Ironie. Und obendrein war ich in meiner Heidelberger Studentenbude sicher auch noch besser aufgehoben als er in seiner muffigen Pariser Matratzengruft.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend ich hier oben auf dem Trockenen sa\u00df, schwelgte ganz bestimmt irgendwo das gro\u00dfe, alles berauschende Nass. Quellende Bewusstseinsstr\u00f6me, wellende, wogende Weltenmeere, Gesang der Geister \u00fcber den Wassern, Sirenenges\u00e4nge und sinnlich-\u00fcbersinnliche Sph\u00e4renkl\u00e4nge. Die poetische Realit\u00e4t sah jedoch damals ganz anders aus: \u201eAlltagslyrik\u201c, \u201eNeue Subjektivit\u00e4t\u201c, so lauteten die lyrischen Tendenzen jener Jahre. Ein Gl\u00fcck, dass der gute, alte Adorno das nicht mehr erleben musste. Und statt theoretischem \u00dcberbau nur noch introspektive Nabelschau. Ich hingegen, ich wollte die weite Welt, die sch\u00f6ne, verf\u00fchrerische Frau Welt. Wollte neue Lieder schreiben, das Liederliche h\u00f6rbar machen, es allen Emp\u00f6rten unter die Nase reiben, alle Schl\u00fcpfrigkeiten dieser Erde heraufbeschw\u00f6ren und auch noch den Tod zum Leben und zur unsterblichen Liebe bet\u00f6ren. Salve Eros! Vivat Thanatos! Es galt nichts weniger als das Versepos der sexuellen Revolution zu komponieren und zwar so, bis alle Kirchenmauern ekstatisch vibrieren und alle Osterglocken nur noch frohlocken von H\u00e4ndels Hymnen zu Paganinis Vivaces, von Ravels Bolero bis zu Frank Zappas G-Spot-Tornado &#8230; remember, my friends\u00a0 &#8230; \u201cMusic is your only friend, until the end &#8230;\u201c (Jim Morrison).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Und das in ewiger, weltenseliger Wiederkehr,<\/p>\n<p align=\"center\">denn kommt man erst einmal in Fahrt<\/p>\n<p align=\"center\">ist Herkunft hin und Zukunft her<\/p>\n<p align=\"center\">letztlich alles Avantgarde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sollten sich diese poetischen Zukunftspl\u00e4ne zerschlagen, so w\u00e4re zumindest ein allt\u00e4glicher Lebenswandel in bohemienhafter Impertinenz immer noch bei weitem besser als diese b\u00fcrgerliche Beamtenexistenz, in der man vom Kultusministerium als p\u00fcnktlicher Pauker ein Leben lang Schulstund f\u00fcr Schulstund einer Horde pubertierender Rabauken zum regelm\u00e4\u00dfigen Unterricht vorgeworfen wird. So ein freies, h\u00f6heres Leben auf dem Dachboden w\u00e4re zudem bestimmt auch ganz im Sinne der Frankfurter Schule. Ja, es w\u00e4re in der Tat das einzig richtige Leben im damals so oft beschworenen \u201efalschen Leben\u201c, die komplette Verweigerung jeglicher Fremdbestimmung, in anderen Worten, die konsequente Selbstverwirklichung jenseits aller gesellschaftlichen Zw\u00e4nge und ihrer sp\u00e4tkapitalistischen Verblendungszusammenh\u00e4nge! So der Originalton unserer ideologiekritischen Spekulationen, so das rhetorische R\u00fcstzeug f\u00fcr den \u201eLangen Marsch durch die Institutionen\u201c! Letzterer war das gro\u00dfe, subversive Polit-Projekt, unsere maoistisch-leninistische Projektion zur systematischen Unterwanderung der gesamten, westlich imperialistischen Zivilisation. Und kam einer im solidarischen Gleichschritt mal wieder aus dem richtigen Tritt \u2013 trotz Ernst Jandls Erkenntnis: \u201elechts und rinks kann man nicht velwechsern\u201c \u2013, dem bot John Lennons Lied \u201eImagine\u201c, die gro\u00dfe Internationale des New Age, die n\u00f6tige Bein- und Bewusstseinsfreiheit und nicht zuletzt mir die endg\u00fcltige R\u00fcckversicherung\u00a0 \u201e No hell below us, above us only sky\u201c!<\/p>\n<p>Poesie und Politik, Religion und Revolution, so manches davon war auch reine psychologische Kompensation. Das konnte man schon bei Sigmund Freud nachlesen. Siehe zum Beispiel <i>Das Unbehagen in<\/i> <i>der Kultur<\/i>. Wir vom anderen Geschlecht haben uns zwar auch schon immer wieder mal gegenseitig herumgekriegt, aber bereits nach kurzer Weile setzte auf der einen oder anderen Seite die schleichende Langeweile ein. Also dann schon lieber tr\u00e4umen, die ganze Wirklichkeit so richtig vom Grund aufsch\u00e4umen &#8230; Denn oft ist die Realit\u00e4t recht einerlei und nur die Gedanken sind wirklich frei. So mein Fazit zur grauen Alltagslyrik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Und die Zeit verrinnt<\/p>\n<p align=\"center\">Tag um Tag und Jahr und Jahr,<\/p>\n<p align=\"center\">und ewig bleibt im Dunkeln,<\/p>\n<p align=\"center\">was einmal kommen wird,<\/p>\n<p align=\"center\">was einmal war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weltenfrust und Wanderlust: Wenn es uns in den Kneipen und Gassen von Heidelberg zu eng wurde, dann fuhren wir mit Martin auf die Herrenalb im Schwarzwald, wo seine Familie Grundbesitz hatte, und schweiften stundenlang durch die Wiesen und W\u00e4lder. Hier in dieser Bergwelt war auch das Revier eines ganz anderen Martins, n\u00e4mlich des ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Martin Heideggers, des ruhelosen Poltergeistes von Todtnauberg. Wer wei\u00df, vielleicht war er ja immer noch unterwegs auf den Holzwegen des holpernden \u201eSeins\u201c und seines stolpernden \u201eGeworfenseins\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_3325\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3325\" class=\"size-medium wp-image-3325\" alt=\"Heideggers H\u00fcttenzauber\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_3-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_3-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_3-686x1024.jpg 686w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_3.jpg 1752w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3325\" class=\"wp-caption-text\">Heideggers H\u00fcttenzauber<\/p><\/div>\n<p>&#8220;Die Sprache ist das Haus des Seins&#8221;<\/p>\n<p>So lehrte es der Denker und Deuter von <i>Sein und Zeit<\/i>, der es bis heute versteht, die letzten franz\u00f6sischen Existentialisten und amerikanischen Dekonstruktionisten mit seinem teutonisch-philosophischen Radebrechen zu beindrucken. Nur die jungen Heidelberger Poeten, sie machten sich lustig \u00fcber den Schwarzw\u00e4lder Bergpropheten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Oh dunkles Orakel der richtigen Richtung<\/p>\n<p align=\"center\">hinan in das Licht der h\u00f6heren Lichtung,<\/p>\n<p align=\"center\">und \u00fcberall die wegweisende Spur,<\/p>\n<p align=\"center\">man schaue in diesem Bilde nur<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">die zwei p\u00e4dagogischen Zeigefinger,<\/p>\n<p align=\"center\">sie deuten gar anschaulich darauf hin,<\/p>\n<p align=\"center\">das Sprachhaus ist des Geistes Zwinger<\/p>\n<p align=\"center\">und sein direkter, didaktischer Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Einer von uns hat den Bogen schon raus,<\/p>\n<p align=\"center\">der andere freilich r\u00fchrt noch im Tr\u00fcben,<\/p>\n<p align=\"center\">ihm ist das Zeigen ein richtiger Graus,<\/p>\n<p align=\"center\">man sieht es, er muss noch geh\u00f6rig \u00fcben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck nach Alt-Heidelberg: Auch Joseph von Eichendorff hatte l\u00e4ngere Zeit in dieser Hochburg der deutschen Sehnsucht verweilt. Mit seiner m\u00e4rchenhaften Taugenichts-Erz\u00e4hlung und seinen naturschw\u00e4rmerischen Wandergedichten ist er wohl bis heute der bekannteste Vertreter der deutschen Romantik geblieben. Allein schon sein Name evoziert das Bild einer l\u00e4ndlich beg\u00fcterten Heimatidylle. Zudem lag auch noch das Heimatdorf meiner m\u00e4hrischen Mutter nur wenige Kilometer von Sedlnitz entfernt, wo der schlesische Freiherr sein Sommerschl\u00f6sschen hatte. Schon als Schulm\u00e4dchen hatte sie von ihrem Partschendorf aus diesen Ort besucht und die Eiche im Schlossgarten bewundert, unter welcher Eichendorff gedichtet hat. Ein Leben lang konnte sie nicht mehr aufh\u00f6ren, von dem S\u00e4nger ihrer verlorenen Heimat zu schw\u00e4rmen. Und so klang denn auch mir schon seit Kindheitstagen dieser Dichtername in den Ohren. Schlie\u00dflich konnte ich ihn kaum noch h\u00f6ren. Als die Rockmusik dann l\u00e4rmend die Weltb\u00fchne st\u00fcrmte, schien endg\u00fcltig Feierabend mit dem and\u00e4chtigen Lauschen auf des Dichters fernes Waldesrauschen.<\/p>\n<p>Jedoch das Verdr\u00e4ngte, es kehrt bekanntlich wieder. Nur wenige Kilometer hinter dem einstigen Sedlnitz lag das St\u00e4dtchen Freiberg, der Geburtsort von Sigmund Freud, dem Gr\u00fcndervater der Psychoanalyse. Er sollte sp\u00e4ter in Wien die Traumwelt, die Eichendorff einst so sinnenselig verdichtet hatte, in seiner ber\u00fchmten <i>Traumdeutung<\/i> wieder auf ihre seelischen Urspr\u00fcnge in der Kindheit zur\u00fcckf\u00fchren. Hier also sind die romantischen Wurzeln der modernen Seelenkunde, des therapeutischen Verfahrens, die versch\u00fctteten Kindheitsdramen und Familienromane wieder ins erwachsene Bewusstsein zur\u00fcckzurufen. Altheimatlich gewendet: Die einstigen Ortsnamen Sedlnitz, Partschendorf und Freiberg sind die heutigen Wegstationen Sedlnice, Barto\u015dovice und P\u0159\u00edbor. Das sind die slawischen Bezeichnungen der jetzigen Tschechischen Republik, also W\u00f6rter eines Idioms, das den deutschsprachigen M\u00e4hren schon immer fremd, in anderen Worten b\u00f6hmisch erschienen waren. <i>Ahnung und Gegenwart<\/i> hei\u00dft Eichendorffs erster Roman und wenn man so will, dann verschl\u00fcsselt er auch die Tr\u00e4ume meiner m\u00e4hrischen Vorfahren. Hier war die Welt der Ahnen, die verlorene Zeit mit all ihrer ahnungsvollen, seelisch-traumhaften Vergangenheit.<\/p>\n<p>Jahrzehnte nach meiner Auswanderung in die Neue Welt, als ich immer \u00f6fter in die Alte Welt zur\u00fcckkehrte, tauchte denn auch Eichendorff immer h\u00e4ufiger aus der jugendlichen Versenkung auf. In letzter Zeit begann ich mir gar einzubilden, dass so manche seiner Gedichte mir geradezu aus der Seele und auf den Leib geschrieben seien. Allen voran<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c<\/p>\n<p align=\"center\">Es rauschen die Wipfel und schauern,<\/p>\n<p align=\"center\">als machten zu dieser Stund<\/p>\n<p align=\"center\">um die halbversunkenen Mauern<\/p>\n<p align=\"center\">die alten G\u00f6tter die Rund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann sich gut vorstellen, wie der romantische Poet vor der Ruine des Heidelberger Schlosses steht und seinen Blick in die Weite schweifen l\u00e4sst, bis sich seine n\u00e4chtliche Weltschau zur pr\u00e4chtigen Himmelsvision verdichtet:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Es funkeln auf mich alle Sterne<\/p>\n<p align=\"center\">mit gl\u00fchendem Liebesblick,<\/p>\n<p align=\"center\">es redet trunken die Ferne<\/p>\n<p align=\"center\">wie von k\u00fcnftigem, gro\u00dfen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick scheint mir, Eichendorffs so doppeldeutige \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c sei geradezu mein eigenes, romantisches Lebenslied geworden. Nicht nur hatte ich mich bereits bei meiner ersten Liebe in die \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c verguckt, in Heidelberg hatte ich dann \u2013 ganz der Folklore dieses St\u00e4dtchens folgend \u2013 endg\u00fcltig mein Herz an eine weitere \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c verloren. Und das Hals \u00fcber Kopf.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3329\" style=\"width: 215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/LYNNE-IN-HEIDELBERG.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3329\" class=\"size-medium wp-image-3329\" alt=\"\u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/LYNNE-IN-HEIDELBERG-205x300.jpg\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/LYNNE-IN-HEIDELBERG-205x300.jpg 205w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/LYNNE-IN-HEIDELBERG-701x1024.jpg 701w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/LYNNE-IN-HEIDELBERG.jpg 1031w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3329\" class=\"wp-caption-text\">\u201eSch\u00f6ne Fremde&#8221;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eHello, I love you &#8230;<\/p>\n<p align=\"center\">won\u2019t you tell me your name?\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Dunkel ihrer gro\u00dfen Augen, ihr verhei\u00dfungsvolles L\u00e4cheln, bevor es in ihr strahlendes Lachen ausbrach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eHello, I love you &#8230;<\/p>\n<p align=\"center\">Let me jump in your game \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">She\u2019s walkin\u2019 down the street,<\/p>\n<p align=\"center\">blind to every eye she meets.<\/p>\n<p align=\"center\">Do you think you\u2019ll be the guy,<\/p>\n<p align=\"center\">make the queen of the angels sigh?\u201d<\/p>\n<p>(The Doors, \u201cHello, I love you\u201d)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie herrlich ihre braunen Glieder, umweht von leicht beschwingten Kleidern, wie fr\u00f6hlich tanzende Liebeslieder. Oh sch\u00f6ne, wunderbare Welt, und ich, ihr armer, verliebter Poet, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">bin fast blind vor lauter Liebe,<\/p>\n<p align=\"center\">kann kaum singen, kann kaum sehen<\/p>\n<p align=\"center\">und will nur im sch\u00f6nen Augenblick<\/p>\n<p align=\"center\">auf immer und ewig untergehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein \u201ek\u00fcnftiges, gro\u00dfes Gl\u00fcck\u201c, wie Eichendorff es in seinem Gedicht besungen hatte, es war in der Tat aus weitester Ferne, n\u00e4mlich aus San Diego, der s\u00fcdlichsten Stadt Kaliforniens. Und sie schien ganz wie ein \u201eCalifornia Girl\u201c, grad so wie die Beach Boys sie in ihren \u00fcbersch\u00e4umenden Liedern umjumbelten.<\/p>\n<p>Ihre strohblonde Mutter war \u00f6sterreichisch-skandinavischer Abstammung und ihr sonnendunkler Vater stammte aus den s\u00fcdlichen Regionen Italiens und obwohl Kalifornien sein Geburtsland war, sprach er als erste Muttersprache immer noch Italienisch. Auf diese Weise stellte mein kalifornisches M\u00e4dchen eine geradezu perfekte amerikanische Mischung europ\u00e4ischer Nationen und Kulturen dar. Passend dazu hatte sie einen nordischen Vornamen, der ihrer Mutter zufolge \u201eWasserfall\u201c bedeutet und einen italienischen Nachnamen, der \u00fcbersetzt ebenfalls nichts anderes meint als \u201evom Wasser\u201c. Oh Ahnung, oh Gegenwart&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Oh Traumverlorene, oh Schaumgeborene<\/p>\n<p align=\"center\">a dream come true<\/p>\n<p align=\"center\">out of the sparkling Ocean,<\/p>\n<p align=\"center\">out of the deepest Pacific Blue!<\/p>\n<p align=\"center\">Good vibrations and great temptations,<\/p>\n<p align=\"center\">but would she remain and always be<\/p>\n<p align=\"center\">my \u201cBlack Magic Woman\u201d,<\/p>\n<p align=\"center\">my \u201cGypsy Queen\u201d.<\/p>\n<p align=\"center\">my manifest<\/p>\n<p align=\"center\">destiny?!<\/p>\n<p align=\"center\">Zufall oder Notwendigkeit?<\/p>\n<p align=\"center\">Ein Traumbild nur aus Raum und Zeit?<\/p>\n<p align=\"center\">In any case,<\/p>\n<p align=\"center\">whatever is true,<\/p>\n<p align=\"center\">whatever is beautiful,<\/p>\n<p align=\"center\">here is to you<\/p>\n<p align=\"center\">Lynne<\/p>\n<p align=\"center\">the love of my life<\/p>\n<p align=\"center\">ma Bella Donna<\/p>\n<p align=\"center\">you are the one,<\/p>\n<p align=\"center\">you are my Venus,<\/p>\n<p align=\"center\">reborn<\/p>\n<p align=\"center\">out of the<\/p>\n<p align=\"center\">Age of Aquarius.<\/p>\n<p align=\"center\">My California Girl \u2013 My American Dream<\/p>\n<p align=\"center\">\u201dYou make me real,<\/p>\n<p align=\"center\">you make me feel like lovers feel.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So h\u00f6rte ich immer wieder Jim Morrison von dr\u00fcben her\u00fcbersingen, diesem trunkenen Dionysos aus dem kalifornischen Los Angeles. Und dann ist er in seiner Pariser Badewanne ertrunken. Mein gro\u00dfes Idol.<\/p>\n<p>\u201eTurn on, tune in, drop out\u201c, so fl\u00f6tete ein anderer unternehmungslustiger Amerikaner, n\u00e4mlich Timothy Leary, der ausgestiegene Drogenprofessor und trippende Rattenf\u00e4nger von Harvard. Sein Buch <i>The Politics of Ecstasy<\/i> wurde so manchem von uns zum mystagogischen Manifest. Obwohl die Elixiere des Rausches in unseren Kreisen immer in Reichweite waren, brauchten wir sie im Grunde genommen gar nicht. Wir waren berauscht genug vom Wunder des Lebens und dem Zauber der Liebe. Unsere Weltanschauung, das war der dauernde H\u00f6hepunkt, die Wiederverzauberung der modernen Welt \u2013 allen Kassandrarufen Max Webers von der \u201eEntzauberung der Welt\u201c zum Trotz. Wir wollten H\u00f6lderlin auf Adrenalin, seine euphorische Ode auf das romantische Heidelberg seiner Zeit samt dem H\u00f6henrausch unsrer rebellischen Wirklichkeit. Kurzum, wir wollten <i>Highdelberg,<\/i> geradeso wie es auf Aufklebern in Heidelberger Headshops zu lesen war &#8230; \u201eGirl, we couldn\u2019t get much higher\u201c &#8230; Jim Morrison, I hear you, stoking the fire!<\/p>\n<p>\u201eDu der Vaterlandst\u00e4dte L\u00e4ndlichsch\u00f6nste &#8230;\u201c Ich h\u00f6r dich wieder, begeisterter\u00a0 H\u00f6lderlin! Welch herrlicher Ausblick vom Heidelberger Philosophenweg. Und drunten, auf der anderen Seite des Neckars, vom mittelalterlichen Marstallhof durch den dunklen, verrauchten Kakaobunker bis zum efeuumrankten Hexenturm h\u00f6rt man \u00fcberall ein zukunftsschwangeres Gemunkel. Und abends in den Tavernen, im <i>Cave<\/i> und <i>Whiskey \u00e0 Go Go<\/i>, \u00fcberall ein muntres Geflunker und kunterbuntes Geschunkel. Welch sch\u00f6ne, verf\u00fchrerische Welt! Wer in diesem<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">schwofend-schweifenden Hin und Her<\/p>\n<p align=\"center\">noch immer keine Reime schreibt<\/p>\n<p align=\"center\">und keine Lieder zusammenreimt,<\/p>\n<p align=\"center\">der tut es nimmermehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manche unserer poetischen H\u00f6henfl\u00fcge \u2013 samt ihrer literarischen Abst\u00fcrze \u2013 kann man auch heute noch in erhaltenen Texten nachlesen. Man muss sich nur vorher gut anschnallen. Ob himmelhoch jauchzend, ob zu Tode betr\u00fcbt, wir feierten unsere Manien und Depressionen auf Engel und Teufel komm raus. Mindestens einen unserer Seilt\u00e4nzer haben wir dabei allerdings schon fr\u00fch verloren. Er machte sich bald aus freien St\u00fccken auf in jene andere Welt, aus der, wie es hei\u00dft, niemand mehr wiederkehrt. Andere von uns \u2013 und zuletzt Martin \u2013 sollten ihm ebenfalls viel zu fr\u00fch und sicherlich nicht freiwillig folgen. So lebt zum Beispiel von den drei Poeten auf dem ersten Foto heute keiner mehr.<\/p>\n<p>\u201eMagical Mystery Tour\u201c. Timothy Leary hat das \u201eMagische Theater\u201c aus Hermann Hesses Roman <i>Steppenwolf<\/i> als idealen Reisef\u00fchrer ins Seelenreich der Weltentr\u00e4ume entdeckt. F\u00fcr manchen von uns waren damals psychedelische Eskapaden auch nur die Einstiegsdroge zu immer gr\u00f6\u00dferen Tramp-Touren kreuz und quer durch Europa. Rausch als Reise und umgekehrt! Unsere surrealen Trip-Poeme und satirischen Polit-Tiraden publizierten wir unter anderem in den von uns mitbegr\u00fcndeten Heidelberger \u201eStra\u00dfentexten\u201c sowie in mehreren anderen Literaturzeitschriften im s\u00fcddeutschen Raum. Aus der Resonanz in der Szene blieb mir lediglich in Erinnerung, dass ich f\u00fcr irgend so eine regionale Rockband Texte schreiben sollte. Stattdessen erschienen einige meiner poetischen Produkte auf dem Wiener Chanson-Album <i>Der Kinderk\u00f6nig<\/i> von einem jungen unbekannten S\u00e4nger namens \u2013 Gerald Uhlig. Unser vielbegabter Kunstst\u00fcckstapler.<\/p>\n<p>Gerald hatte in jener Zeit am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien sein Studium der Schauspielkunst und des Kulturmanagements begonnen. F\u00fcr seine erste Schallplatte lie\u00df er unter anderem Martins und meine Gedichte vertonen und trug sie dann in ironischen Ankl\u00e4ngen an die ganze Wiener Morbidezza von Hofmannsthal bis Andr\u00e9 Heller pracht- und\u00a0 schmachtvoll vor. Einer meiner Texte auf dieser Platte lautete \u201eDuft der gro\u00dfen, weiten Welt\u201c und war eine Parodie auf die damals popul\u00e4re Filterzigarette <i>Camel.<\/i> Sie begann mit dem Aufgesang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Das Leben ist wie eine Zigarette,<\/p>\n<p align=\"center\">die Seele atmet ihr Nikotin<\/p>\n<p align=\"center\">und qualmt in einer ewigen Kette,<\/p>\n<p align=\"center\">s\u00fcchtig nach einem tieferen Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerald travestierte meine dekadente Parabel recht jovial mit dem kabaretistischen Refrain \u201eWir gehen meilenweit im Stil der neuen Zeit &#8230; oh frohen Herzens genie\u00dfen\u201c und schloss mit meinem moribunden Abgesang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Und die Gr\u00e4ber sind die Aschenbecher<\/p>\n<p align=\"center\">f\u00fcr die abgebrannten Kippen,<\/p>\n<p align=\"center\">ins Jenseits eingebrannte L\u00f6cher,<\/p>\n<p align=\"center\">ver\u00e4schert die einst roten Lippen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war unser Wiener Requiem aus Schall und Tabakrauch. Zu jener Zeit fanden wir das gut, zumal wir beide, der arme Poet und sein singender Interpret, damals selbst mehr oder weniger nikotins\u00fcchtige Kettenraucher waren. (Ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter bekam ich f\u00fcr das ganze Gequalme die medizinische Quittung: streuender Zungenkrebs.)<\/p>\n<p>Doch zu jener Zeit war ich noch mit Leib und Seel ein stilbewusst schmauchendes Filter-Kamel. Dergestalt zog ich hinaus in die weite Welt, beziehungsweise fuhr mit dem D-Zug die Donau entlang bis nach Wien, um dem singenden Kinderk\u00f6nig in der alten Habsburg-Metropole meine Aufwartung zu machen. In gewisser Weise war es auch eine nostalgische Heimkehr, denn dort hatten um die Jahrhundertwende schon meine zwei Gro\u00dfv\u00e4ter dem letzten Monarchen als k\u00f6niglich-kaiserliche Soldaten gedient. Bestimmt hatten auch sie sich dabei zwischen Prater und Burgtheater in so manch \u201es\u00fc\u00dfes M\u00e4del\u201c verguckt. Vor allem mein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, der zeitlebens ein gro\u00dfer Liebhaber der Wiener Tradition von \u201eWein, Weib und Gesang\u201c gewesen ist, war f\u00fcr solche Ausschau gern zu haben. Ich wei\u00df es, denn er war auch noch im hohen Alter ein rechter Venusnarr, der sich an der weiblichen Sch\u00f6nheit nicht sattsehen konnte. \u201eDie holde Weiblichkeit\u201c, so lautete das Leitmotiv seines oft intonierten Lobgesangs. Doch letztendlich hielt auch er das christliche Streben, die katholische Andacht vor der holden Gottesmutter, f\u00fcr den sichersten Weg ins Ewige Leben.<\/p>\n<p>Wiener Verwandtschaften: Es hatte sich bald herausgestellt, dass auch meine \u201esch\u00f6ne Fremde\u201c insgeheim ein \u201es\u00fc\u00dfes M\u00e4del\u201c war \u2013 trotz all ihrer transatlantischen Mischkulanz. Auch ihr Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits stammte aus der alten Habsburger Kaiserstadt. Als junger Bursch hatte er jedoch dort eine sozialistische Veranstaltung besucht und musste danach bei Nacht und Nebel vor den Gesetzesh\u00fctern der monarchischen Ordnung ins Ausland fliehen, immer weiter, bis er schlie\u00dflich in der Neuen Welt gelandet war. So zumindest erz\u00e4hlte er es seinen dortigen Nachfahren. Auf alle F\u00e4lle traf nun auch seine Enkelin wenige Tage nach meiner Ankunft in Wien ein. Und so waren wir beide wieder zur\u00fcckgekehrt in die Welt der Ahnen, in die Kaiserstadt ihrer Jugendtr\u00e4ume. Jessmarntjosef, was sollte jetzt aus uns werden! Drei Wiener Gro\u00dfv\u00e4ter! Die erwarteten von uns bestimmt den Himmel auf Erden. Genau so war das damals. Oder so k\u00f6nnt\u2018 es zumindest gewesen sein. Aber vielleicht bildete ich\u2019s mir auch nur wieder mal ein. Tatsache blieb, im zeitlosen Weltenrund waren auch unsere drei alten Jung-Wiener ein nostalgisch metaphysischer M\u00e4nnerbund.<\/p>\n<p>Nur der vierte Gro\u00dfvater tanzte aus der Reihe. Er war der Italiener, dessen Muttersprache in Bruchst\u00fccken auch noch in seiner kalifornischen Enkelin weiterlebte, denn sie hatte einen Schwung italienischer Redewendungen samt einiger Kinderreime von ihrem Vater \u00fcbernommen. Es war jedoch der Glanz ihrer dunklen Augen, in dem der ganze Zauber S\u00fcditaliens, der uralten Heimat ihrer mittelmeerischen Vorfahren, noch einmal so wunderbar aufleuchtete. Die Welt ist mein Augenzeuge. Und ganz blind bin ich ja auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Das Licht der Augen,<\/p>\n<p align=\"center\">wie sie leuchten und funkeln,<\/p>\n<p align=\"center\">und wie sich alles im Lichte dreht,<\/p>\n<p align=\"center\">ehe alles wieder im ewigen Dunkeln,<\/p>\n<p align=\"center\">im endlosen Nichtsein<\/p>\n<p align=\"center\">untergeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber bevor dies alles wieder sang- und klanglos versinkt, w\u00e4re auch noch Cyndi Lauper als Zeugin zu zitieren. Auch sie ist eine amerikanische Halbitalienerin, und so kennt sie sich in den entsprechenden Familientraditionen bestens aus:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cOh daddy dear,<\/p>\n<p align=\"center\">you know,<\/p>\n<p align=\"center\">you are still number one,<\/p>\n<p align=\"center\">but girls, they want to have fun!\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Commedia dell\u2018 Arte und Wiener Volkstheater. Diese zwei Traditionen vereinte meine Habsburger Heimkehrerin auf wunderbare Weise, sah ich sie so fr\u00f6hlich tanzen, lustige Gesichter schneiden und mit mir durch die Wiener Altstadt strabanzen. Und stimmte mal wieder die kalifornische Schwingung, dann kam sie so richtig in kakanische Stimmung, wurde zur b\u00f6hmischen Kom\u00f6diantin, zur venezianischen Pulcinella und passionierten Venusvagantin, warf sich vergn\u00fcgt in kecke Posen, h\u00fcllte sich in Wunderblusen sowie aus bunten Pluderhosen, kurzum sie war<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">zu jedem s\u00fc\u00dfen M\u00e4delstreich<\/p>\n<p align=\"center\">gut aufgelegt und gern bereit,<\/p>\n<p align=\"center\">jedoch, ich sag\u2019s am besten gleich,<\/p>\n<p align=\"center\">hier schweigt des S\u00e4ngers H\u00f6flichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur dieses noch:\u00a0 Herrlich war sie, ganz famos, und der gute, alte Teufel, ja wo steckte der den blo\u00df?! Nur du und ich, wir beide &#8230; und Schubidu und Tandarei &#8230; unter den Linden auf der Heide &#8230; oh Spielmann, oh Spielfrau &#8230; eh ich\u2019s vergesse &#8230; das Gl\u00fcck der Liebe, die Kunst der Lieder, sie sollen steigernd sich vereinen zum Rausch der Sinne, zum Klang der Glieder &#8230; So wollten es schon die Minnes\u00e4nger auf der Walz durch die weite Welt, ebenso die St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger durch Berg und Tal und Wald und Feld. So ahnten und wussten es schon immer der Mond und die Sterne in ihrem n\u00e4chtlichen Schimmer und so wei\u00df es die K\u00f6nigin der gro\u00dfen Nacht in ihrer funkelnden Himmelspracht, mit der sie das Weltall strahlend durchschauert, zur Freude all jener, die weltentrunken, all jener mystischen Euphoriker und allen voran die<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Wiener Philharmoniker<\/p>\n<p align=\"center\">Mit ihren schwelgenden Walzergeigen<\/p>\n<p align=\"center\">wogen sie donauselig dahin und daher,<\/p>\n<p align=\"center\">Wien wird ein wiegender Liebesreigen<\/p>\n<p align=\"center\">und Nachtmusik wird Weltenmeer.<\/p>\n<p align=\"center\">&#8230;<\/p>\n<p align=\"center\">Was bleibt<\/p>\n<p align=\"center\">ist eine sch\u00f6ne Muschel<\/p>\n<p align=\"center\">an einem fremden Strand,<\/p>\n<p align=\"center\">ein leises, rauschendes Getuschel<\/p>\n<p align=\"center\">und Sternenglanz und Meeressand.<\/p>\n<p align=\"center\">Und<\/p>\n<p align=\"center\">im Kaffeehaus<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eUnter den Linden\u201c<\/p>\n<p align=\"center\">r\u00fchr ich in leeren Tassen<\/p>\n<p align=\"center\">und such die verlorene Zeit zu finden,<\/p>\n<p align=\"center\">um sie noch einmal in Worte zu fassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Theatrum Mundi: Eine Tragikom\u00f6die. Der unbestrittene Meister dieses theatralischen Wechselspiels ist unser Hofmannsthal\u2019scher Tor- und Todesheld. Ich kenne wenige Menschen, deren Mienenspiel im Stimmungswechsel solch emotionale Extreme widerspiegelt, wie das bei Gerald der Fall ist. Die zwei Bildb\u00e4nde zum Caf\u00e9 Einstein, die den raschen Aufstieg des Kaffeehauses zu einem kulturellen Zentrum Berlins illustrieren, bringen dieses Schauspiel in zahlreichen Fotos auch immer wieder zum Ausdruck. In jener Zeit wurde es zudem noch weiter dramatisiert durch die wachsende Agonie des in seinem K\u00f6rper immer rabiater ausbrechenden D\u00e4monen Morbus Fabry.<\/p>\n<p>Doch damals in Wien war Gerald noch ganz der \u00fcberm\u00fctige Felix Krull, das \u201eGl\u00fcckskind\u201c und der \u201eKost\u00fcmkopf\u201c, wie er bei Thomas Mann im Buche steht. Im Grunde waren wir alle mehr oder weniger Spielfiguren im Spielraum zwischen Realit\u00e4t und Phantasie. Geralds Selbstinszenierung schloss zum Beispiel einen Zigeuner, wenn nicht gar einen Zigeunerbaron mit ein, den er in seiner Ahnengalerie ausfindig gemacht haben wollte. Wurde er \u00fcberschw\u00e4nglich, dann war es ein Kinderspiel, sich seine kreative Euphorie mit dem Crescendo eines Zigeuner-Zymbalons melodramatisch noch weiter auszumalen. In Wien konnte man solche\u00a0 Vorstellungen aus der Luft greifen. W\u00e4hrend Geralds Zeit am Max Reinhard Seminar war auch noch Jean Louis Barrault, die <i>\u00c9minence Grise<\/i> des franz\u00f6sischen Films, in der Wiener Theaterwelt aktiv, und so ist es gut m\u00f6glich, dass dessen ber\u00fchmter Film <i>Les Enfants du Paradis<\/i> auch f\u00fcr den Albumtitel <i>Der Kinderk\u00f6nig<\/i> direkt oder indirekt Pate gestanden hat. Wie dem auch sei, als der m\u00f6gliche Nachfahr eines Pusta-Primas auf den Spuren eines pikaresken Pseudo-Aristokraten Thomas Mann\u2019scher Provenienz hatte er genug Edelmut und blaues Schauspielblut, um sich spielerisch zum Kinderk\u00f6nig aufzuschwingen. Und unsere drei nostalgischen Patriarchen, die Gro\u00dfv\u00e4ter aus der Jahrhundertwende, sie hatten in ihm ihren musikalischen Mogel-Monarchen. Auf diese Weise verbummelten wir unsere Zeit in Wiener Kaffeeh\u00e4usern und K\u00fcnstlerkneipen, zogen durch laue Sommern\u00e4chte von Theaterst\u00fcck zu Theaterst\u00fcck und wer\u00a0 Ohren hatte zu h\u00f6ren, dem war der Himmel \u00fcber Wien mal wieder eine einzige Nachtmusik. Oder man h\u00e4tte auch sagen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen,<\/p>\n<p align=\"center\">die da tr\u00e4umen fort und fort,<\/p>\n<p align=\"center\">und die Welt hebt an zu singen,<\/p>\n<p align=\"center\">triffst du nur das Zauberwort.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war Eichendorffs magische Weltformel, die sich in unserer Generation zu verwirklichen begann wie nie zuvor. Die Jugendbewegung der Sechziger und Siebziger Jahre entfaltete sich bekanntlich als ein internationales Kulturph\u00e4nomen, das von einer einzigartigen musikalischen Schwarmintelligenz getragen war. Eine bunte Schar von Musikern aller Gattungen verwandelte unsere Lebensgef\u00fchle immer wieder in erregende Rhythmen und bewegende Melodien. \u201eIn the Summer Time, when the Weather is High\u201c von Mungo Jerry war zum Beispiel eines dieser Lieder, das den Zeitgeist jener flitternden Sommerzeit einfing wie einen Schwarm flatternder Schmetterlinge. Wir hatten die Gruppe damals live in S\u00fcdfrankreich erlebt. Open-Air-Konzerte, das waren High-Time-Happenings. Und immer wieder besangen Pop- und Rocksongs diese Hoch-Zeit zwischen dem Woodstock-Festival und dem Beginn der Aids-Epidemie als einen langen, sorglosen \u201eSummer of Love\u201c.\u00a0 Das Leben, es war ein farbenfroher Wanderzirkus, grad so wie die amerikanische Vagantentruppe <i>The Living Theater<\/i> es in ihren Schauspielen vorf\u00fchrte. Ihr bekanntestes Theaterst\u00fcck hie\u00df \u201eParadise Now\u201c. And that was our daily destiny: Eden forever, from here to eternity!<\/p>\n<div id=\"attachment_3334\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3334\" class=\"size-medium wp-image-3334\" alt=\"Gerald mit Lynne und Lisa\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_21-300x189.jpg\" width=\"300\" height=\"189\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_21-300x189.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2013\/06\/timbuktu_iii_21-1024x645.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3334\" class=\"wp-caption-text\">Gerald mit Lynne und Lisa<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geralds Lisa war sogar eine richtige Vollblut-Wienerin und so hatten wir beide gleich zwei \u201es\u00fc\u00dfe M\u00e4del\u201c aus der \u201esch\u00f6nen Fremde\u201c. Hier auf diesem Bild waren wir gerade bei Catherine in der Provence, meiner ersten Sommerliebe, wo wir f\u00fcr ein paar Tage Zwischenstation gemacht hatten. Auch sie hatte l\u00e4ngst einen neuen Geliebten und so hie\u00df es rundum<\/p>\n<p align=\"center\">Bienvenue<\/p>\n<p align=\"center\">Welcome, Willkommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das mit weit offenem Hemd in heroisch-galanter Manier, grad so wie ein franz\u00f6sisches Musketier. Offenherziger konnte man zur Welt und ihrem Welttheater nicht einladen. Und da diese lockende Welt letztendlich eine Offenbarung des Verborgenen ist, ein irdisches Gleichnis f\u00fcr das ewig verh\u00fcllte Sternengeheimnis, geht der fesche Bursch unseren zwei braven M\u00e4deln mit gutem Beispiel voran:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Oh bon chance, mon Delacroix,<\/p>\n<p align=\"center\">bon chance<\/p>\n<p align=\"center\">avec ta libert\u00e9<\/p>\n<p align=\"center\">sur les barricades,<\/p>\n<p align=\"center\">oh honi soit qui mal y pense.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf gut Deutsch,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Welch Erdengl\u00fcck und Sonnenglanz<\/p>\n<p align=\"center\">im sch\u00f6nen Schauspiel der Frau Welt<\/p>\n<p align=\"center\">und ihrem bezaubernden Schleiertanz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entrez Mesdames, entrez Messieurs, voil\u00e0 \u201eLife is a Cabaret\u201c, so lautet eine Maxime des\u00a0 Amerikanischen Traums. Sie stammt sicherlich aus der Welt der Revue-Shows rund um den Broadway von Manhattan. Dort auf der Upper Westside sollten wir schon wenige Jahre sp\u00e4ter fast ein ganzes Jahrzehnt leben.<\/p>\n<p>Das Mienen- und Maskenspiel der Weltenb\u00fchne und ihrer Lust- und Trauerspiele, in den Gesichtern der Menschen sind ihre Theatertexte auf vielfache Weise eingeschrieben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eMasken, Masken, dass man Eros blende,<\/p>\n<p align=\"center\">wer ertr\u00e4gt sein strahlendes Gesicht&#8230;\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So lauten die ersten Zeilen von Rilkes Gedicht \u201eEros\u201c. Diese Verse erinnern mich an den jungen Gerald und unsere zwei s\u00fc\u00dfen M\u00e4del. Immer wieder sah ich in ihren sch\u00f6nen Gesichtern dieses strahlende Aufleuchten, das Rilke im Verlauf des Gedichts als den Anfang eines \u201enamenlosen Schauders\u201c beschreibt. Mein Gott! So konnte man in solchen magischen Momenten ausrufen, und es war sicherlich nicht die Anrufung des christlichen Gottessohnes oder seines mosaisch donnerzornigen Gottvaters. Es war Eros, der heidnische Liebesgott der arkadischen Antike und ihrer panerotischen Sonnenwelt. Thomas Mann hatte in seiner Novelle <i>Der Tod in Venedig<\/i> in der jugendlichen Figur Tadzios die mythische Lichtgestalt des Eros-Gottes evokativ und schlie\u00dflich explizit heraufbeschworen und Luchino Visconti hatte sie in seiner Verfilmung durch einen bildh\u00fcbschen, ephebisch-androgynen Schauspieler auf kongeniale Art und Weise verk\u00f6rpern lassen. So wie die Filmkritik den Hollywood-Kom\u00f6dien von Ernst Lubitsch den sogenannten \u201eLubitsch-Touch\u201c zugeschrieben hat, so k\u00f6nnte man von Viscontis Eros-Visionen den \u201eTadzio Touch\u201c ableiten. Zudem scheint mir diese erotische Epiphanie nichts anderes zu sein als die antik sinnliche Reinkarnation der katholisch \u00fcbersinnlichen Madonnenvision.<\/p>\n<p>Vom Sto\u00dfgebet zum Lobgedicht. Ersteres war angesagt, wenn in meiner jugendlich mittelalterlichen Schreckenszeit mal wieder der Teufel an die T\u00fcr klopfte. Sp\u00e4ter lie\u00df sich dieser christliche Brauch des Heulen und Z\u00e4hneklapperns gut umfunktionieren in die orphische Tradition des R\u00fchmens, so wie es Rilke in seinen Sonetten an Orpheus vorgef\u00fchrt hatte. Als Beispiel f\u00fcr meine Preislieder kann vielleicht das damalige Gedicht \u201eDas Leben soll leben\u201c herhalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil es eine recht pers\u00f6nliche Nachgeschichte hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Das Leben soll leben, soll \u00fcberleben,<\/p>\n<p align=\"center\">hier, jetzt, nicht irgendwann, irgendwo,<\/p>\n<p align=\"center\">Gott hat mir darauf sein Wort gegeben,<\/p>\n<p align=\"center\">nimm mich beim Wort, ich will es so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war der letzte Vierzeiler in einer langen Reihe von Strophen, die unsere Lebensreise als eine Achterbahn durch Raum und Zeit, Zukunft und Vergangenheit beschreibt. Ich hatte dieses lyrische Karussell seinerzeit in Heidelberg Gerald regelrecht auf den Leib getextet, ihm zudem das Gedicht gewidmet, und die Heidelberger \u201eStra\u00dfentexte\u201c hatten es in ihrer zweiten Ausgabe dann auch mitsamt der Widmung abgedruckt. In sp\u00e4teren Jahren, als wir uns regelm\u00e4\u00dfig in Berlin wiedersahen, hat Gerald diese Zeilen immer wieder rezitiert, vor allem, als wir mehr oder weniger glaubten, dass der Tod uns zwei Toren so schnell doch noch nicht haben konnte. Wir zwei waren dem Sensenmann anscheinend tats\u00e4chlich noch einmal von der Schippe gesprungen. Mich zum Beispiel hielten Mediziner nach meiner zweiten Zungenoperation vorerst f\u00fcr kuriert und so streckte ich entsprechend Schnitter, Tod und Teufel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">zu ihrem schwarzromantischen Graus<\/p>\n<p align=\"center\">frisch und frech und fr\u00f6hlich frei<\/p>\n<p align=\"center\">meine geheilte Zunge heraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und auch Gerald lie\u00df sich nicht lumpen und gab der Welt, was sein \u00dcberleben anging, umfassend Auskunft: <i>Und dennoch lebe ich \u2013 Mein Kampf mit einer r\u00e4tselhaften Krankheit.<\/i> So hei\u00dfen seine Morbus-Fabry-Memoiren, die vor wenigen Jahren auf den Markt kamen und seitdem nicht nur in den Medien sondern auch in diversen Ministerien immer wieder Beachtung und Aufmerksamkeit finden. Und wieder die langen Diskussionen und dieses Mal ist es der lange Marsch durch die gesundheitspolitischen Institutionen und immer rund um die gestundete Zeit und wie man\u2018s auch dreht und wie man\u2019s auch wendet, immer k\u00fcrzer wird die Strecke unserer Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>\u201eWir gehen meilenweit &#8230;\u201c Als die Lieder des Kinderk\u00f6nigs im Herbst 1977 auf den Markt kamen, waren einige von uns allerdings schon \u00fcber alle Berge. Martin war nach West-Berlin gezogen, wo er sich unter anderem in der jungen Literaturszene engagierte, doch bald zog er weiter nach Bangkok, wo er bis zu seinem Lebensende vorwiegend leben sollte. Und auch ich war noch im gleichen Jahr vor der deutschen Wirklichkeit ausgerissen, genauer, vor dem drohenden Ende der Studentenzeit und ihrer unwiederbringlichen Narrenfreiheit. Ich brauchte mehr Zeit, ich brauchte mehr Raum, und so suchte ich das Weite im vielberufenen amerikanischen Traum, im gro\u00dfen Land der Freiheit und seiner unbegrenzten M\u00f6glichkeiten \u2013 den Bedenken aller Frankfurter Schulmeister und ihrer Heidelberger Nachdenker zum Trotz. Und das im entschiedenen Alleingang, denn insgeheim bin ich auch Friedrich Schiller, diesem freiheitsliebenden Schwaben, beziehungsweise seinem hochgesteckten Hochzeitsziel gefolgt: \u201eDrum pr\u00fcfe, wer sich ewig bindet &#8230;.\u201c.<\/p>\n<p>Wie bald habe ich diesen langweiligen Ratschlag bereut und gew\u00fcnscht, ich h\u00e4tte auf die Stimme meines Freiherrn aus der Welt jenseits der b\u00f6hmischen W\u00e4lder geh\u00f6rt. Hatte er doch sein Gedicht \u201eHeimweh\u201c ausdr\u00fccklich mit dem Hinweis begonnen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eWer in die Fremde will wandern,<\/p>\n<p align=\"center\">der muss mit der Liebsten gehn.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht konnte Eichendorff die Reue seines narrischen Ausrei\u00dfers und schicksalsblinden Taugenichts nachempfinden. Jedenfalls war ich mit der \u201eLiebsten\u201c bereits ein halbes Jahr sp\u00e4ter im weihnachtlichen New York und seinem verschneiten Hinterland wieder gl\u00fccklich vereint. Von dort aus zogen wir schon im folgenden Sommer weiter in den fernen Westen, in anderen Worten, in die verhei\u00dfene \u201esch\u00f6ne Fremde\u201c am kalifornischen Ende der sogenannten Westlichen Zivilisation, dort, wo St\u00e4dte und Stra\u00dfen\u00a0 Namen tragen wie \u201eArcadia\u201c, \u201eParadise\u201c und \u201eCamino del Cielo\u201c.<\/p>\n<p>\u201eAt first flash of Eden, we race down to the sea\u201c, so hie\u00dfen uns die Doors willkommen mit ihrem Lied \u201eWaiting for the Sun\u201c. Und als sie \u00fcber dem \u201eGolden State\u201c aufging von La Jolla in San Diego bis zur \u201eGolden Gate Bridge\u201c in San Francisco, da war es sonnenklar: \u201eCalifornia Dreamin\u2018\u201c, das war der Traum von Amerika auf seinem absoluten H\u00f6hepunkt. The Mamas and Papas von San Francisco hatten ihn in eine wunderbare Hymne verwandelt, welche die rockenden Rhythmen der rollenden Brandung und die rauschende Energie ihrer wogenden Wellen einfing wie keine andere kalifornische Melodie. Ein halbes Jahrzehnt sollten wir an dieser vielbesungenen Westk\u00fcste der Neuen Welt verbringen und in St\u00e4dten wie San Diego, San Francisco und Santa Barbara leben, ehe wir schlie\u00dflich wieder an die Ostk\u00fcste zur\u00fcckkehrten. Nie mehr stand die Sonne so hoch am tiefblauen Himmel wie in diesen letzten Jahren unserer langen, weltverbummelten Jugendzeit.<\/p>\n<p>Kaum hatten wir uns in Kalifornien einigerma\u00dfen eingelebt, stand auch schon Martin mit seinem Freund Harald vor der T\u00fcr. \u00dcber die Sierra Nevada waren sie gekommen. Hatten nach langen Tramp-Touren die Halbw\u00fcsten von Texas, New Mexico und Arizona hinter sich gelassen, um sich schlie\u00dflich zwei Wochen bei uns von ihren Strapazen zu erholen. Was f\u00fcr zwei ungleiche Weggef\u00e4hrten! W\u00e4hrend der erste gern gr\u00fcbelte, sprudelte der zweite nur so vor Lebensfreude. F\u00fcr Martin schien damals noch Schopenhauers pessimistische Weltvorstellung die philosophische Best\u00e4tigung f\u00fcr eine insgesamt missratene Wirklichkeit zu sein. Adorno und vor allem Hegel versprachen jedoch potentielle, wenn nicht gar auf lange Sicht utopische Weltverbesserung . Das kritisch systematische Durchdenken ihrer dialektischen Geschichtsphilosophie war Martin jedenfalls auch noch nach dem Studium weiterhin wichtiges, intellektuelles Exerzitium. Dass er ohne die B\u00fccher seiner gro\u00dfen Vordenker reisen musste, war ihm Grund zu wiederholter Klage. Heimweh nach Heidelberg. Dort standen zumindest die gesammelten Werke griffbereit, und hier waren sie so unendlich weit. Ebenso die Dichterrunden rund um die verrauchten Mitternachtsstunden. Und nicht zu vergessen, die ganze deutsche Romantik mitsamt ihrer bundesrepublikanischen Rebellion &#8230; Oh gute Revoluzzerzeit, oh alte Burschenherrlichkeit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Ein letztes Prosit, ein letzter Spontispruch<\/p>\n<p align=\"center\">vielleicht wird ja alles noch einmal wahr<\/p>\n<p align=\"center\">als sentimentales Erinnerungsbuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedoch damals in Santa Barbara galt noch immer der Ruf der Romantik, der Lockruf der Ferne: Auf zu neuen Ufern.<\/p>\n<p>Martin, mon cher &#8211; au bord de la mer! Selbst noch am sonnigen Strand schien er im Kopf kulturphilosophische Probleme zu w\u00e4lzen. Wie er so nachdenklich in schwarzen, hochgekrempelten Klamotten durch die Brandung stakte, erinnerte er mich an Gustav Aschenbach in <i>Tod in Venedig<\/i>. Visconti hatte solch Mann\u2019schen <i>mis en sc\u00e8nes<\/i> noch weitere musikalische Glanzlichter aufgesetzt, vor allem in dem bewegenden, elegisch euphorischen Adagietto aus Gustav Mahlers f\u00fcnfter Symphonie. Jahrzehnte sp\u00e4ter sollte auch noch unser Kaffeehausk\u00f6nig diese kalifornischen Impressionen mit einem passenden Poem bereichern:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cder strand<\/p>\n<p align=\"center\">ist der ort<\/p>\n<p align=\"center\">des letzten aufbegehrens<\/p>\n<p align=\"center\">der welle<\/p>\n<p align=\"center\">vor ihrem tod.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWelle\u201c hei\u00dft dieses Gedicht aus der Sammlung <i>Alphabet der Fische<\/i>. Glaubt man an Reinkarnation, dann war Gerald bestimmt ein Fisch in einer fr\u00fcheren Inkarnation. Seitdem ich ihn kenne, war er vom Wasser angezogen und kaum am Meer angekommen, st\u00fcrzte er sich regelrecht in die Fluten, als erkannte er wieder sein urspr\u00fcngliches Element und wollte so schnell wie m\u00f6glich heimkehren in den gro\u00dfen Meeresmutterscho\u00df. <i>Gremium matris terrae<\/i> nennen die Kulturanthropologen der matriarchalen Mythografie diese sch\u00f6pferische und unersch\u00f6pfliche Unterwelt der archaischen Gro\u00dfen Mutter. Vielleicht war er ja nur zur\u00fcckgekehrt, um auch einmal das Alphabet der Menschen, die Buchstaben ihrer hohen Bildung \u2013 und bodenlosen Barbarei \u2013 zu erlernen und zu erfahren. Auf alle F\u00e4lle war er ein unentwegter Wassermann und somit ein berufener Herold des am fernen Meereshorizont aufziehenden \u201eAge of Aquarius\u201c.<\/p>\n<p>Von dieser meeresmythischen Erscheinung gibt es auch ein sprechendes Lichtbild \u2013 allerdings <i>ex negativo<\/i>. Als Gerald uns Mitte der Neunziger Jahre anl\u00e4sslich des Yoko-Ono-Projekts in Amerika besuchte, fuhren wir an einem Nachmittag mit noch anderen Freunden zusammen an den grauverhangenen Atlantik. Es war Ende November und als Gerald in seinem langen Mantel weit von uns entfernt so allein am st\u00fcrmischen Meerestrand stand, da erinnerte er mich sehr an das Gem\u00e4lde \u201eM\u00f6nch am Meer\u201c von Caspar David Friedrich. In diesem <i>tableau vivant<\/i> ahmte mal wieder das Leben ein Kunstwerk nach. Zudem war es ein Sinnbild vom Fisch aus dem Wasser, dem die gl\u00fcckliche R\u00fcckkehr verwehrt ist. Hier war kein Jubelsprung ins nasse, erfrischende Element m\u00f6glich. Vielmehr stand Gerald, ein frostiger Hagestolz, erstarrt am kalten Meeresstrand.<\/p>\n<p>Genau besehen ist Geralds Bild an der Ostk\u00fcste ein winterliches Spiegelbild zu Martins sommerlicher Promenade an der Westk\u00fcste. Es sind Bilder und Einbildungen, die Vergangenes erneut vergegenw\u00e4rtigen und verlebendigen. W\u00e4hrend Gerald schon ganz vermummt am eisigen Atlantik steht, und Martin in schwarzer Existenzialistenkluft noch nachdenklich durch die sch\u00e4umende Brandung des Pazifik geht, vergn\u00fcgt sich schon der Rest von uns\u00a0 \u2013 \u201ein the summer time when the weather is high\u201c \u2013 frei nach Adornos <i>Minima Moralia<\/i> ganz ohne Kleider und moralischen Anstand im rauschenden Wasser und tuschelnden D\u00fcnensand. Voil\u00e0, mes amis, les enfant du paradis. Und hin und wieder huschte ein Schmunzeln durch das Mienenspiel von Schopenhauers standhaftem Stoiker und Thomas Manns letztem Melancholiker.<\/p>\n<p>Martin hatte in jungen Jahren eine gute Erbschaft gemacht und bereits bei seinem ersten Besuch in Kalifornien zeichneten sich seine Pl\u00e4ne ab, den Rest seines Lebens mit Weltreisen zu verbringen. Noch wusste ich nicht, dass auch mir nach meinen dreizehn Lehrjahren an verschiedenen Universit\u00e4ten in Europa und Amerika noch einmal genauso viele Wanderjahre von Universit\u00e4t zu Universit\u00e4t bevorstehen w\u00fcrden. In Amerika nennt man solche Wandergelehrten auf der Suche nach einem festen Lehrstuhl \u201egypsy scholars\u201c Und so manche dieser akademischen Nomaden haben auf derartigen Wanderschaften nicht nur die Wanderlust sondern auch noch ihre dazugeh\u00f6rigen Liebsten verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Not us<\/p>\n<p align=\"center\">We were the traveling dream team,<\/p>\n<p align=\"center\">I was the wandering gypsy scholar<\/p>\n<p align=\"center\">and she my wandering gypsy queen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">But sometimes like in Santana\u2019s<\/p>\n<p align=\"center\">magical musical mystery tours<\/p>\n<p align=\"center\">of fruits and nuts and bananas<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">we turned into a witches\u2019 brew<\/p>\n<p align=\"center\">of psycho-babble, gender-bubble<\/p>\n<p align=\"center\">and nothing but real double trouble.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh Madonna,\u00a0 ma Belladonna &#8230; oh meine Tollkirsche, ich darf\u2019s nicht vergessen, &#8230; denn manchmal, um ganz ehrlich zu sein &#8230; da war mit dir gar nicht gut Kirschen essen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">My Drama Queen<\/p>\n<p align=\"center\">mein s\u00fc\u00df-saures M\u00e4del,<\/p>\n<p align=\"center\">oh mia ragazza obstinata,<\/p>\n<p align=\"center\">testa dura, dicker Sch\u00e4del.<\/p>\n<p align=\"center\">Yes, you did &#8211; oh no, I didn\u2019t!<\/p>\n<p align=\"center\">Aus heitrem Himmel nichts als Streit,<\/p>\n<p align=\"center\">and this time I will tell you clearly,<\/p>\n<p align=\"center\">to hell with \u201eS\u00e4ngers H\u00f6flichkeit\u201c!<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cOh Gott im Himmel\u201d<\/p>\n<p align=\"center\">give peace a chance<\/p>\n<p align=\"center\">in our families\u2019 ancient romance!<\/p>\n<p align=\"center\">I\u2019m not your Goddess, I\u2019m not your mother,<\/p>\n<p align=\"center\">your \u201cS\u00fcndenpfuhl\u201d, your \u201cGlockenspiel\u201d ,<\/p>\n<p align=\"center\">and for Christ\u2019s sake, I\u2019m not your father,<\/p>\n<p align=\"center\">\u201ewer das nicht wei\u00df, der wei\u00df nicht viel\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Oh stop it,<\/p>\n<p align=\"center\">being so hot and cool!<\/p>\n<p align=\"center\">You stop it,<\/p>\n<p align=\"center\">being your grandfather\u2019s royal fool!<\/p>\n<p align=\"center\">Hey Honey,<\/p>\n<p align=\"center\">girls just want to have fun,<\/p>\n<p align=\"center\">but this is not funny!<\/p>\n<p align=\"center\">(Und statt Molto Vivace\u00a0 &#8230; verteilte sie &#8230; eine Wiener Watsche!)<\/p>\n<p>Oh bl\u00f6de Ziege \u2026 oh sturer Bock \u2026 nur ein Esel w\u00fcrd\u2019 sich strecken &#8230; the milk was spilled and now I knew \u2026 mit mir war auch kein Honigschlecken \u2026 and we were riders on the storm, crazy horses on a furious flight \u2026 everything turned upside down and the world became \u2026<\/p>\n<p align=\"center\">Walpurgis Night<\/p>\n<p align=\"center\">\u2026<\/p>\n<p align=\"center\">but then we grabbed the clouds by the horn<\/p>\n<p align=\"center\">and helter skelter we rode out the storm<\/p>\n<p align=\"center\">because we knew from way back when<\/p>\n<p align=\"center\">tomorrow<\/p>\n<p align=\"center\">the sun would shine again<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cWaiting for the Sun\u201d<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cwaiting for you<\/p>\n<p align=\"center\">to come along<\/p>\n<p align=\"center\">to tell me what went wrong\u201d.<\/p>\n<p>\u201eDer irre Spielmann\u201c, so lautet ein anderes Eichendorff\u2019sches Wanderlied mit gro\u00dfem, geschichtlichem Spannungsbogen, denn es ruft noch einmal die jahrhundertealte Tradition der fahrenden Spielleute herauf. Sie begann mit den vagantischen Scholaren und Musikanten im hohen Mittelalter, f\u00fchrte in der deutschen Klassik und Romantik vor allem gen Italien und erreichte schlie\u00dflich in diesem Spielmannslied ihre imagin\u00e4re Endstation:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eIch m\u00f6chte reiten ans Ende der Welt,<\/p>\n<p align=\"center\">wo der Mond und die Sonne hinunterf\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Wo schwindelnd beginnt die Ewigkeit,<\/p>\n<p align=\"center\">wie ein Meer so erschrecklich still und weit,<\/p>\n<p align=\"center\">da sinken alle Str\u00f6me und Segel hinein,<\/p>\n<p align=\"center\">da wird es wohl endlich auch ruhig sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Stille Ozean an der Westk\u00fcste Amerikas markiert in der Tat das Ende der Welt, zumindest aus westlicher Sicht. Hier gehen die letzten Strahlen der abendl\u00e4ndischen Sonne unter und hier beginnt die \u201eEwigkeit wie ein Meer\u201c. An einem sonnigen Nachmittag sa\u00dfen wir hier mit Freunden am Meeresstrand. Wir waren alle ziemlich high auf Magic Mushrooms, welche die Indios Mittel- und S\u00fcdamerikas zu essen pflegen, um sich in andere Bewusstseinszust\u00e4nde zu versetzen.<\/p>\n<p align=\"center\">Welch poetisch psychedelisches Panorama,<\/p>\n<p align=\"center\">die ganze kalifornische Realit\u00e4t<\/p>\n<p align=\"center\">eine einzige Fata Morgana.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Welt der Trance und der Tr\u00e4ume erinnert an <i>Fitzcarraldo<\/i> und <i>Aguirre, der<\/i> <i>Zorn Gottes<\/i>, Werner Herzogs kinematografische Fantasien \u00fcber die spanisch-portugiesische Kolonialzeit in Mittel- und S\u00fcdamerika. In ihnen verk\u00f6rpert Klaus Kinski zusehends verr\u00fcckter werdende Fantasten, die in den Siebziger Jahren zu internationalen Kultfiguren des Neuen Deutschen Films wurden. W\u00e4hrend Fitzcarraldos Passion, im amazonischen Regenwald ein Opernhaus zu bauen, noch relativ vage Richard Wagners Wahnfried auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel assoziiert, evoziert der eroberungsw\u00fctige Aguirre letztendlich unverleugbar Hitlers geschichtlichen Gr\u00f6\u00dfenwahn. Mit seiner in jedem Film blonder werdenden M\u00e4hne veranschaulicht Kinski zunehmend den progressiven Degenerationsprozess des \u201eb\u00f6hmischen Gefreiten\u201c zur \u201eblonden Bestie\u201c, diesem philosophischen Fabelwesen Nietzsche\u2019scher Provenienz, in dem der dahergelaufene Schmierenkom\u00f6diant zum geifernd schnaubenden Raubtier mutiert. Fitzcarraldos Passagierschiff, das Indios durch den amazonischen Dschungel ziehen, und Aguirres abgetakeltes Flo\u00df, das durch heimt\u00fcckische Urwaldgew\u00e4sser treibt, sind allegorische \u201eTrunkene Narrenschiffe\u201c, welche die Wunsch- und Wahnwelt ihrer untergehenden Besatzung geradezu halluzinatorisch vor Augen f\u00fchrt. Am Ende ist der Konquistador Aguirre ein groteskes Charakterwrack, eine menschlich-unmenschliche Ruine, aus der alle guten Geister entflohen sind.<\/p>\n<p align=\"center\">Aguirre<\/p>\n<p align=\"center\">agent provocateur de Dieu,<\/p>\n<p align=\"center\">artiste maudit sans pareil<\/p>\n<p align=\"center\">sur le Bateau Ivre<\/p>\n<p align=\"center\">de Rimbaud.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese poetisch-cinematografische Odyssee stellt unter anderem auch eine psychopathologische Parabel dar f\u00fcr die sukzessive Verwandlung kreativer Energien in destruktives Chaos. Blicke ich zur\u00fcck in die Lebensgeschichte einiger meiner Weggef\u00e4hrten, so muss ich mit zunehmendem Staunen wenn nicht gar Entsetzen feststellen, wie manche ihre Lebensl\u00e4ufe mehr und mehr zu seelischen Irrfahrten verkommen. Aus ihrem jugendlichen Witz wurde im Laufe der Jahre wachsende Wut, aus ihrer Jugendfreude wurde Altersschwermut, wenn nicht sogar schon beginnende Demenz. Die mit Galgenhumor nennen diese geistig schleichende Verd\u00fcsterung den \u201eSchwarzen Tod\u201c. Derartig dr\u00e4uende Nachtmeerfahrten erinnern mich an einen Song von King Crimson, der mir seit Anfang der Siebziger Jahre nachgeht, als wir ihn aus dem alten Bauernhaus in der Provence \u00fcber die umliegenden Felder schallen lie\u00dfen. Der klagende Rockgesang aus jenem heiteren Landschaftsbild hallt mir heute noch im Ohr: \u201eConfusion will be my epitaph\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eDo not go gentle into that dark night,<\/p>\n<p align=\"center\">rage, rage against the dying of the light.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dylan Thomas richtete diese ber\u00fchmt gewordenen Verse an seinen sterbenden Vater. Jim Morrisons Song \u201eLight my Fire\u201c erg\u00e4nzt dieses Gedicht als ein Fackellied, das nicht nur das Entfachen der Leidenschaft beschreibt, sondern auch ihr letztes Leiden und Zerbrechen auf dem Scheiterhaufen der Gef\u00fchle darstellt: \u201e &#8230; and our love becomes a funeral pyre.\u201c Morrisons Song endet mit dem mehrfachen, ekstatisch-agonalen Refrain \u201eTry to set the night on fire.\u201c<\/p>\n<p>Unser jahrelanger Lieblingslied von den Doors war jedoch \u201cTouch Me\u201c, das wir beide oft imitierten und vor allem parodierten, nicht zuletzt, weil wir vom K\u00f6nnen des Rockk\u00f6nigs, vom dr\u00f6hnenden Drang seines dionysischen Donnergesangs so weit entfernt waren. Und ohne Back-Up-Band geht schon gleich gar nichts. Jedenfalls ist \u201eTouch me\u201c, wohl das \u00e4lteste Zauberwort der Menschheitsgeschichte. Michelangelo hat es in seinem ber\u00fchmten Fresko in der Sixtinischen Kapelle visuell gestaltet, n\u00e4mlich in der Ber\u00fchrung zwischen Adam und Gottvater, und Thomas Mann hat es in der Maske erotischer Sch\u00f6nheit literarisch zum Ausdruck gebracht. Morrisons \u201eTouch Me\u201c ist die musikalische Variante dieses Zauberwortes und gewisserma\u00dfen auch die Endversion zu Michelangelos biblischer Sch\u00f6pfungsvision, n\u00e4mlich das erotisch-apokalyptische Finale, das in einer Strophe zum Ausdruck kommt, die sicherlich zu den melodramatischsten der Rockmusik, ja der Musikgeschichte \u00fcberhaupt z\u00e4hlt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eI\u2019m gonna love you<\/p>\n<p align=\"center\">till the stars fall from the sky!\u201c<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eIf the doors of perception were cleansed, everything would appear as it is, infinite.\u201d Dieser Ausspruch William Blakes, des gro\u00dfen Maler-Dichters der englischen Romantik, hatte nicht nur die Drogenliteratur der modernen Subkultur beeinflusst. Blakes \u201eDoors of Perception\u201c hatte auch den Doors ihren Namen gegeben. Ihre Lieder beschw\u00f6ren nicht nur immer wieder den Weltenrausch herauf, sondern auch die Erwartung neuer Offenbarungen und nicht zuletzt die Erinnerungen an versunkene Erfahrungen. In anderen Worten, es sind die Welten, die vor allem Poeten und Propheten immer wieder imaginieren. Am besten hat dies in j\u00fcngster Zeit wohl Durs Gr\u00fcnbein zum Ausdruck gebracht, der bedeutendste deutsche Dichter seiner Generation, der nach dem Berliner Mauerfall geradezu \u00fcber Nacht zum poetischen Shooting Star des vereinten Deutschlands aufgestiegen war. Seine Texte erscheinen seit einigen Jahren in hervorragender \u00dcbersetzung von Michael Eskin in dem von ihm mitbegr\u00fcndeten New Yorker Verlag Upper West Side Philosophers. Auch dieses Projekt ist ein programmatischer, transatlantischer Br\u00fcckenschlag. Seit rund zwanzig Jahren sind wir gute Freunde, doch das ist eine andere Geschichte. Jedoch soll hier unserer Freundschaft am Beispiel seines als \u201eIllumined Night\u201c \u00fcbersetzten Gr\u00fcnbein-Gedichts ein sprechendes Denkmal gesetzt werden. Letzteres stellt auch eine gute Synopse von Gr\u00fcnbeins poetisch-poetologischer Weltanschauung dar und soll daher im Folgenden in\u00a0 drei Teilen zitiert werden.<\/p>\n<p align=\"center\">\u201ePoetry \u2013 what was it again?<\/p>\n<p align=\"center\">A portal of bygone emotions.\u201d<\/p>\n<p align=\"center\">Remember<\/p>\n<p align=\"center\">my sweet girl, my gypsy queen,<\/p>\n<p align=\"center\">ma Bella Donna Dell\u2019Acqua,<\/p>\n<p align=\"center\">remember those days<\/p>\n<p align=\"center\">now so far away<\/p>\n<p align=\"center\">when life and love<\/p>\n<p align=\"center\">was an infinity pool on a hot summer day.<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cVerse is a diver, it pulls you below as it looks for the treasures<\/p>\n<p align=\"center\">on the sea floor, out there in the brain. It conspires with the stars.\u201d<\/p>\n<p align=\"center\">Remember<\/p>\n<p align=\"center\">my good old friends,<\/p>\n<p align=\"center\">Gerald and Martin, my fellow travelers across the oceans \u2026<\/p>\n<p align=\"center\">die vielen magischen Momente<\/p>\n<p align=\"center\">unserer langen, transatlantischen Freundschaft,<\/p>\n<p align=\"center\">unsere Reisen durch die St\u00e4dte und L\u00e4nder der Alten und Neuen Welt.<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eWhat survives are poems. Songs that mortality sings.<\/p>\n<p align=\"center\">A travel guide \u2026 on the flight \u2026 from humanity\u2019s night.\u201d<\/p>\n<p>(Durs Gr\u00fcnbein, Illumined Night)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cThese fragments I have shored against my ruins.\u201d So steht es in T.S. Eliots gro\u00dfem, epischen Gedicht \u201eThe Waste Land\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Life<\/p>\n<p align=\"center\">a mess<\/p>\n<p align=\"center\">a mystery<\/p>\n<p align=\"center\">a work in progress<\/p>\n<p align=\"center\">between medieval misery<\/p>\n<p align=\"center\">and mythic-modern ecstasy.<\/p>\n<p align=\"center\">Eine Irr- und Wallfahrt<\/p>\n<p align=\"center\">zwischen<\/p>\n<p align=\"center\">Jammertal und Venusberg<\/p>\n<p align=\"center\">und was noch zu vollenden bliebe,<\/p>\n<p align=\"center\">w\u00e4re das Wunder der gro\u00dfen Liebe<\/p>\n<p align=\"center\">als sternefunkelndes Gesamtkunstwerk.<\/p>\n<p>Herz und Scherz und Weltenschmerz &#8230; Impressionen, Reflektionen &#8230; Quintessenzen, Kristallisationen &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Werfen und Geworfensein, Sein und Zeit, Zufall und Notwendigkeit. Es h\u00e4tte ja auch alles ganz anders kommen k\u00f6nnen auf dieser Lebensreise zwischen kindlichem Teufelswahn und jugendlicher Achterbahn, Gottes Allmacht und Himmelsgestirn und der Verschw\u00f6rung im Gehirn &#8230; dort, irgendwo zwischen Stumpfsinn, Genie und Wahnsinn, Genom, Tumor und Karzinom &#8230;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Spielplan und Schauspiel, eine Weltgeschichte f\u00fcr G\u00f6tter samt ihrer Sp\u00f6tter und D\u00e4monen im Diesseits und Jenseits der \u00c4onen. Seid verdammt, seid erl\u00f6st, seid umschlungen, Millionen. Und wie viele m\u00fcssen hier auf Erden auf gute Freundschaften verzichten, auf das Abenteuer erh\u00f6rter, verr\u00fcckter Liebesgeschichten &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eThe world is my oyster.\u201c So hei\u00dft es diesseits des Atlantik, wenn man sich in der Welt wohlf\u00fchlt. Im Scho\u00df der Frau Welt geborgen, ausschweifend in ihrem bunten Rock, so wusste man es jenseits des Atlantik zur gro\u00dfen Hochzeit des Barock &#8230; Heimweh und Fernweh &#8230; und zwischen Heidelberg und Wien, zwischen Bangkok und Berlin &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">between here and there and the universe<\/p>\n<p align=\"center\">we are homebound to Mother Earth<\/p>\n<p align=\"center\">when and how, we have no clue,<\/p>\n<p align=\"center\">but we are all on the road to Timbuktu,<\/p>\n<p align=\"center\">back to the dark lady with the big belly button<\/p>\n<p align=\"center\">in the heart of darkness, the dark continent<\/p>\n<p align=\"center\">of our beginning and our end.<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cWer in die Fremde will wandern \u2026 \u201e Innere Stimmen, \u00e4u\u00dfere Stimmen, im Grunde sind wir alle von Sinnen, wenn es um den rechten Weg und um die richtige Zukunft geht. In meinem Falle hatte der alte Eichendorff sicherlich Recht behalten, irgendwo dort in fernen Weiten, im ewigen Kreislauf der Gezeiten. Vielleicht hatte er ja meinem ertrunkenen Idol abgelauscht, dass mein Seinsma\u00df noch nicht voll, vielleicht den Lebensstr\u00f6men zugerauscht, wohin meine Reise gehen soll. Auf alle F\u00e4lle wurde mir in den letzten Jahren immer klarer, dass ich wohl unwiderruflich in der Neuen Welt gestrandet war \u2013 und hier jetzt zu Hause bin. Und so erinnere ich mich gerne und immer wieder an Eichendorffs romantische Wanderlieder und nicht zuletzt an Morrisons lockend rockendes Heimkehrlied aus jener l\u00e4ngst verflossenen Zeit:<\/p>\n<p align=\"center\">\u201eI found an island in your arms,<\/p>\n<p align=\"center\">a country in your eyes.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(\u201cBreak on Through to the Other Side\u201d)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>To be continued.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Zitierte Literatur<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eichendorff, Joseph von. <i>Gedichte.<\/i> G\u00fctersloh: Bertelsmann, o.D.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gr\u00fcnbein, Durs: <i>Mortal Diamond. Poems<\/i>. Translated by Michael Eskin. New York: Upper West Side Philosophers, 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>The Doors Complete<\/i>. Miami, Florida: Belwin, 1983.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uhlig, Gerald. <i>Alphabet der Fische. Zeichnungen, Fotografien, Gedichte<\/i>. Berlin: Lardon, 2004.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis ans Ende der Welt: Von der Heidelberger Dichterrunde \u00fcber das Berliner Caf\u00e9 Einstein in die Todesfalle von Timbuktu Erste Station: Heidelberg Poesie und Politik mit Revolte und Romantik &nbsp; \u201ePoetry \u2013 what was it again? A portal to bygone emotions\u201d (Durs Gr\u00fcnbein) &nbsp; &nbsp; Bild am Sonntag brachte am 20. 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