{"id":3543,"date":"2013-11-07T14:58:16","date_gmt":"2013-11-07T19:58:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3543"},"modified":"2013-11-10T12:00:23","modified_gmt":"2013-11-10T17:00:23","slug":"jay-roselliniglossen-37-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-372014\/jay-roselliniglossen-37-2013\/","title":{"rendered":"Jay Rosellini"},"content":{"rendered":"<p><b><i>Causa Fritzl = Causa Austria? \u00a0<\/i><\/b><b><i>Anmerkungen zu einigen journalistischen und literarischen Interventionen<\/i><\/b><b style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Wer in unserer bewegten Zeit regelm\u00e4\u00dfig eine Tageszeitung liest, die Fernsehnachrichten einschaltet (oder sich mit den Mitteln des digitalen Universums informiert), st\u00f6\u00dft regelm\u00e4\u00dfig auf Meldungen \u00fcber Naturkatastrophen oder Gr\u00e4ueltaten von diesem oder jenem Kriegsschauplatz. Dabei f\u00e4llt es nicht wenigen sicher schwer, sich vorzustellen, was weit weg oder in gro\u00dfem Ma\u00dfstab geschieht. Es verh\u00e4lt sich allerdings anders, wenn das Unbegreifliche sozusagen im Mikrokosmus passiert. Was einzelne Menschen anderen Menschen antun, \u00fcbt eine besondere Faszination aus, vielleicht deshalb, weil wir alle \u00fcber einschl\u00e4gige Erfahrungen auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen verf\u00fcgen. Im Folgenden soll untersucht werden, wie die \u201eCausa Fritzl\u201c (au\u00dferhalb von \u00d6sterreich der \u201eFall Fritzl\u201c) dargestellt, interpretiert und manipuliert wird.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal muss der Fall kurz skizziert werden. Der verheiratete \u00f6sterreichische Ingenieur Josef Fritzl (geb. 1935), Vater von sieben Kindern, bet\u00e4ubt seine j\u00fcngste Tochter Elisabeth (geb. 1966) Ende August 1984 und h\u00e4lt sie bis Ende April 2008 im umgebauten Keller seines Hauses in der Amstettener Ybbsstra\u00dfe gefangen. Elisabeth wird immer wieder vergewaltigt und geschlagen. Sie geb\u00e4rt sieben Kinder ohne \u00e4rztliche Hilfe im Keller (ein Baby stirbt kurz nach der Entbindung). Das Verschwinden der angeblich drogens\u00fcchtigen Tochter erkl\u00e4rt Fritzl als Flucht: Elisabeth sei einer abstrusen Sekte beigetreten. Drei der sog. \u201eKellerkinder\u201c werden von Fritzl und seiner Frau Rosemarie (die von den Zust\u00e4nden im Keller nichts gewusst haben soll) als Pflegekinder gro\u00dfgezogen. Zur Befreiung kommt es, als die \u00e4lteste Tochter im Keller erkrankt und fast im Sterben liegt. Josef Fritzl wird zu lebenslanger Haft in der Justizanstalt Stein (Krems\/Nieder\u00f6sterreich) verurteilt. Nach Bekanntwerden des Falles lie\u00dfen die ersten Reaktionen nicht lange auf sich warten. Neben den \u00fcblichen Sensationsmeldungen in der nationalen und internationalen Boulevardpresse<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a> wurde man auf den Beitrag des britischen Germanisten Ritchie Robertson<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> aufmerksam. Aufgrund seiner langj\u00e4hrigen Studien konstruierte er f\u00fcr Fritzl eine literarische Ahnentafel, und zwar mit Bezug auf Autoren wie Adalbert Stifter (\u201eTurmalin\u201c), Ferdinand Raimund (<i>Der Alpenk\u00f6nig und der Menschenfeind<\/i>), Johann Nestroy (<i>Eine Wohnung ist zu vermieten in der Stadt<\/i>) und Elias Canetti (<i>Die Blendung<\/i>). Der Untertitel seines Essays ging jedoch weit \u00fcber das Literarische hinaus und legte den Grundstein f\u00fcr eine Deutung, die den \u00f6sterreichischen \u201aNationalcharakter\u2019 in den Mittelpunkt stellte: \u201eAustrian politicians want to distance their country from the Fritzl case: literary historians find it harder.\u201c Er postulierte, die fiktiven Vorl\u00e4ufer verk\u00f6rperten \u201esome of the twisted energies at work in Austrian society\u201d. Angesichts dessen war es nicht verwunderlich, dass er seine Bemerkungen mit einem Hinweis auf Elfriede Jelinek schloss, deren Roman <i>Lust <\/i>(1989) die Perversionen und Untaten eines ekelerregenden \u00f6sterreichischen Gesch\u00e4ftsmanns zum Thema hatte.<\/p>\n<p>Am 1. Mai 2008 (nur wenige Tage nach der Befreiung also) erschien ein Essay mit dem Titel \u201eIm Verlassenen\u201c auf Jelineks eigener Webseite (<a href=\"http:\/\/www.elfriedejelinek.com\/\">http:\/\/www.elfriedejelinek.com\/<\/a>). Der Anfang sollte verdeutlichen, dass der Fall Fritzl keine Aberration war: \u201e\u00d6sterreich ist eine kleine Welt, in der die gro\u00dfe ihre Probe h\u00e4lt. Im\u00a0noch viel kleineren Kellerverlies von Amstetten findet die Auff\u00fchrung statt, t\u00e4glich, n\u00e4chtlich.\u201c Dieses Theater ist eine patriarchalische, diktatorische H\u00f6lle auf Erden, wo nur \u201edas Wort des Vaters\u201c (bzw. im zumindest formell katholischen \u00d6sterreich das Wort des \u201eHeilige[n] Vater[s]\u201c) Geltung habe.<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a> Die Frau wird auf ihre K\u00f6rperlichkeit reduziert; f\u00fcr sie gibt es nur die Opferrolle. (Dabei ist es bemerkenswert, dass das spezifische Opfer in diesem Fall, die Tochter Elisabeth, weder Mitleid noch Solidarit\u00e4t bekommt; sie fungiert in erster Linie als Indiz im Prozess gegen das Patriarchat.) Jelinek schreibt \u00d6sterreich hier ein Attribut zu, das bei anderen Kommentatoren immer wieder vorkommen sollte, n\u00e4mlich die Verdr\u00e4ngung und das Wegschauen (\u201e[&#8230;] es darf nichts hinausdringen, das ist das erste Gebot hier: Du sollst nicht merken.\u201c). Die Fassade ist alles: \u201e[&#8230;] Rufsch\u00e4digung f\u00fcr \u00d6sterreich, das w\u00e4re furchtbar.\u201c Auf diese Behauptung wird sp\u00e4ter zur\u00fcckzukommen sein.<\/p>\n<p>Bereits 2008 erschien ein Buch \u00fcber den Fall Fritzl, und zwar in englischer Sprache. Der Autor Allan Hall, ein britischer Journalist und Buchautor, w\u00e4hlte den Titel <i>Monster<\/i>.<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Dieser Titel scheint anzudeuten, dass die Psychopathie des T\u00e4ters im Mittelpunkt stehen w\u00fcrde. Das ist aber nur teilweise der Fall. Im Einbandtext findet sich ein Hinweis auf \u201ethe extraordinary lengths he [Fritzl] went to in order to conceal his activities and the dark nature of his past in Nazi Austria\u201c. Das ist nicht verwunderlich, da Hall nicht nur f\u00fcr Boulevardbl\u00e4tter wie <i>Sun<\/i> oder <i>Daily Mirror<\/i><a title=\"\" href=\"#_edn5\">[5]<\/a> schreibt, sondern auch f\u00fcr die merkw\u00fcrdige Internetzeitung <i>The German Herald<\/i>, auf dessen Homepage Folgendes steht: \u201eThis newspaper is a time machine, locked in around the time of two World Wars, one World Cup and a lost age when it was permissible to poke fun at Germans.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[6]<\/a> Hall hatte schon im\u00a0 Jahr 2007 ein Buch \u00fcber die entf\u00fchrte und misshandelte \u00d6sterreicherin Natascha Kampusch ver\u00f6ffentlicht.<a title=\"\" href=\"#_edn7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die Leser von <i>Monster<\/i> (der Titel bezieht sich auf die Aussage Fritzls, er sei kein Monster) erfahren im \u201eForeword\u201c, dass Fritzls Verbrechen eng mit dem sozio-kulturellen Kontext seines Heimatlandes zusammenh\u00e4ngen: Hall weist auf \u201egrave flaws in the psyche of a people and its social and judicial structures\u201c hin und scheut sich nicht vor einem Gesamturteil:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIt has long been the Austrian habit to isolate unpleasantness, controversy, to compartmentalize it and file it away out of sight, while everyone gets back to the \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 comforting images of snow-capped mountains and apple strudel \u2013 the wholesome, positive images of a modern European Union state. But these days are gone: Josef Fritzl has ensured that there must be a reckoning with both past and present in Austria.\u201d (xiv)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hall verzichtet auf ein Quellenverzeichnis, aber dieses Urteil erinnert an die Bezeichnung \u201cguilty victim.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn8\">[8]<\/a> Wie zu erwarten, beginnt das Kapitel \u00fcber Fritzls Kindheit und Jugend mit einer Aussage Hitlers zu seiner Bildungspolitik:\u00a0 \u201e[&#8230;] I want a brutal, domineering, fearless, cruel youth. [&#8230;]\u201c (3)\u00a0 Hall stellt sich allerdings nie die Frage, warum 99,9% der deutschen und \u00f6sterreichischen M\u00e4nner des Jahrgangs 1935 keine brutalen Vergewaltiger ihrer T\u00f6chter wurden. Um seine These zu untermauern, stilisiert er die Kleinstadt Amstetten sogar zum \u201eepicentre of [&#8230;] Nazi tyranny,\u201c (13) und Fritzls F\u00e4higkeit, sein finsteres Vorhaben durchzuf\u00fchren, wird als \u201ethe triumph of Josef Fritzl\u2019s will\u201c (49) beschrieben. Hall ist so darauf versessen, das Fortdauern des Nationalsozialismus zu gei\u00dfeln, dass er die Aussagen seiner eigenen Zeugen ignoriert. Der Wiener Psychotherapeut Kurt Kletzer sagt zwar, \u201eFritzl\u2019s youthful admiration for the Nazis stayed with him throughout his life, and [\u2026] and he may even have used it, in his own mind, as a justification for his actions\u201d, aber er f\u00fcgt (mit einem Hinweis auf Willy Brandt u.a.) hinzu: \u201cBlaming the times is a way out of a manipulator, a man who refuses to take responsibility for his actions.\u201d (84)<a title=\"\" href=\"#_edn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Solche Betrachtungen werden einfach beiseite gewischt, da es letzten Endes darum geht, ganz \u00d6sterreich anzuklagen: \u201c[\u2026] Austria truly has <b>never <\/b>[meine Hervorhebung] had a reckoning with them [Nazis], and with its relationship to them.\u201d (244) Niemand wird bestreiten, dass die \u00d6sterreicher ziemlich sp\u00e4t mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit begannen, aber seit der \u00c4ra Vranitzky ist die Zeit des Schweigens vorbei.<a title=\"\" href=\"#_edn10\">[10]<\/a> Den politischen Beobachter Hall kann man allersp\u00e4testens dann nicht mehr ernst nehmen, wenn er zum Ph\u00e4nomen J\u00f6rg Haider behauptet: \u201eAustrians never questioned him, but supported him in the face of world revulsion.\u201c (247) Au\u00dferhalb K\u00e4rntens macht man sich mit solchen Worten wahrhaftig keine Freunde.<\/p>\n<p>Treten in Halls <i>Monster <\/i>mehrere B\u00f6sewichter auf, so gibt es auch eine Heldin, n\u00e4mlich Elisabeth Fritzl. W\u00e4hrend der langen Jahre des sexuellen Missbrauchs hat sie nicht nur f\u00fcr ihre Kinder gesorgt, sondern auch versucht, innerlich stark zu bleiben. Hall betont, dass sie das Schicksal von misshandelten Frauen auf der ganzen Welt teilte, wozu auch die Scham, die Selbstvorw\u00fcrfe und das Schweigen geh\u00f6rten.(68) Hier spricht der erfahrene Reporter, der sich f\u00fcr die Opfer sexueller Gewalt einsetzt. Leider kann er sich nicht darauf beschr\u00e4nken: Nachdem er beteuert hat, \u00d6sterreich habe \u201eno monopoly on horrific crimes\u201c, kommt das gro\u00dfe Aber: \u201eYet there is something special about Austria. It is a society wreathed in secrets and denial, especially in modern times. [\u2026] [T]here is something rotten at the heart of Austria.\u201d(240) Das einzige \u2018Lob\u2019 (wenn man es so nennen will) aus der Feder Halls besteht darin, dass er zugibt, es gebe \u00d6sterreicher, die sich gewisser problematischer \u201e\u2019psycho-cultural elements of their society\u2019\u201c bewusst sind.(255) Nur einige Monate nach der Befreiung aus dem Amstettener Keller wurde bekannt, dass ein englischer Gesch\u00e4ftsmann fast drei Jahrzehnte lang seine beiden T\u00f6chter terrorisiert und vergewaltigt hatte. Der Richter im Sheffield Crown Court meinte: \u201eQuestions will inevitably be asked about what professionals, social and medical workers, have been doing for the last 20 years.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Obwohl der T\u00e4ter im Volksmund bald als \u201cBritish Fritzl\u201d galt, gab es keinen Vorschlag, die M\u00e4ngel im \u2018britischen Nationalcharakter\u2019 zu untersuchen.<a title=\"\" href=\"#_edn12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Im Einbandtext zu <i>I\u2019m No Monster<\/i> von den beiden Journalisten Stefanie Marsh und Bojan Pancevski<a title=\"\" href=\"#_edn13\">[13]<\/a> wird \u00d6sterreich nur beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, aber die Einstellung dem Land gegen\u00fcber ist nicht weniger kritisch als bei Hall. Gleich am Anfang des \u201eForeword\u201c wird eine Breitseite auf das Land abgefeuert:<\/p>\n<blockquote><p>It is difficult to write a book on a subject as complex as Josef Fritzl. And certainly many Austrians would prefer that such a book not be published. In Austria there is little appetite to understand his crimes, and even less inclination to uncover the many factors that may have allowed them to happen. (vii)<\/p><\/blockquote>\n<p>Welche Faktoren sind damit gemeint? Obwohl die Autoren Fritzls Versuch, seine Taten als Produkt seiner Kindheit in der Nazi-Zeit zu erkl\u00e4ren, als Ausrede abtun, f\u00fchlen sie sich dazu berechtigt, ganz \u00d6sterreich an den Pranger zu stellen:<\/p>\n<blockquote>[&#8230;] still now, Austria itself has yet to face its past or analyse with an seriousness its impact on the present. As a result there continues to exist in Austria a culture of looking away, a squeamishness about examining in any depth the harsh truths about its society, and a distaste for self-analysis.\u201d (ix)<\/p><\/blockquote>\n<p>Neben einer Kritik an der (Un-)Kultur des \u201cWegschauens\u201d (s. Jelinek) kommt eine neue Dimension hinzu, die bei Hall keine Rolle spielte. Die Sch\u00f6nheit der \u00f6sterreichischen Landschaften und die Sauberkeit des Landes werden gepriesen, was an sich nicht neu ist. Zur Gegend um Amstetten hei\u00dft es z.B.: \u201eThe Mostviertel is still a very beautiful part of Europe.\u201c (3) \u00c4hnliches liest man \u00fcber das Salzkammergut, wo Fritzl ein Gasthaus besa\u00df:<\/p>\n<blockquote><p>Like most of Austria\u2019s countryside, the Salzkammergut is both litter-free and immaculately kept, the water of its smaller lakes still pure enough to drink. And the region owes it flawless appearance to the importance that the Austrians have \u00a0 always attached to presentation, both as individuals and as a nation. (39)<a title=\"\" href=\"#_edn14\">[14]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Der B\u00fcrgermeister von Amstetten wird verspottet, weil er seine Stadt nach dem Fritzl-Prozess als \u201cthis beautiful town\u201d bezeichnet (231), und man erf\u00e4hrt, das Gef\u00e4ngnis Stein \u201eis located where the Danube River meanders into the fertile Wachau Valley, a beautiful wine region and a protected natural resource\u201c. (225) Mit anderen Worten: Die umweltbewussten \u00d6sterreicher sch\u00fctzen die Natur, blicken aber nicht hin, wenn ihre Mitmenschen in Bedr\u00e4ngnis kommen. Damit man nicht umhin kann, die \u201afinstere\u2019 Seite des \u00f6kologischen Bewusstseins wahrzunehmen, stellen die Autoren das Ungeheuer Fritzl als eine Art Wiederverwertungsfanatiker dar: \u201eJosef, never throwing anything out: recycling everything.\u201c (93) Dazu f\u00e4llt einem unwillk\u00fcrlich der alte Kalauer \u00fcber die Terroristen ein: Sie lieben die Menschheit, hassen aber die Menschen. (Dass die Briten bei der Entwicklung der EU-Umweltpolitik meist als Blockierer auftreten, ist kein Geheimnis.)<\/p>\n<p>Marsh und Pancevski urteilen hart, wenn nicht immer genau. Das unweit von Amstetten gelegene KZ Mauthausen (wo Fritzls Mutter eine Zeitlang interniert war) wird als \u201ea hugely profitable death camp, the Nazi\u2019s biggest\u201c (11) beschrieben, und ein j\u00fcdischer \u00dcberlebender wird zitiert, der meint, \u201eone could almost say those [other] camps were paradises\u201c (12). \u00d6sterreich sei \u201ethis still very conservative and patriarchial country\u201c (56)<a title=\"\" href=\"#_edn15\">[15]<\/a>, aber Amstetten schafft es dabei irgendwie, eine \u201econservative Catholic enclave\u201c (134) zu bleiben. Die Amstettener veranstalten eine Lichterkette f\u00fcr die \u201aKellerkinder\u2019 (192), aber die Enth\u00fcllungen \u00fcber Fritzls Verbrechen \u201ecaused not a ripple of outrage in Austria\u201c (193). Wie will man das genau messen? Die Autoren k\u00f6nnen es nicht fassen, dass die Richterin im Fritzl-Prozess behaupten konnte: \u201e[W]e are not prosecuting a town or a whole country.\u201c (219) Noch schlechter kommt die \u00f6sterreichische Justizministerin weg, die darauf bestand: \u201eYou can never really prevent these kinds of cases.\u201c (207) Was w\u00fcrden Marsh und Pancevski \u00fcber den \u201eFall Castro\u201c schreiben?<a title=\"\" href=\"#_edn16\">[16]<\/a> Der Vergewaltiger von Cleveland, der 2013 verurteilt wurde, hielt seine weiblichen Opfer in einem ganz normalen Haus in einem dicht besiedelten Viertel gefangen. In dem Fall war das Wegschauen noch schwieriger, gelang aber zehn Jahre lang. Die Kommentatoren forderten danach keine tiefgreifende Analyse der US-amerikanischen Kultur und Gesellschaft.<a title=\"\" href=\"#_edn17\">[17]<\/a> (Daf\u00fcr wurde der hilfreiche Nachbar Charles Ramsay als Held gefeiert.) Es ist unbestreitbar, dass Marsh und Pancevski auf der Seite von Elisabeth Fritzl stehen und sie bewundern (\u201ea heroic figure\u201c \u2013 viii), aber ihr Bem\u00fchen wird von einer mehr als fragw\u00fcrdigen politischen Agenda zumindest teilweise entwertet. Jenseits der spezifischen Kulturen in einzelnen Nationalstaaten kann man in <i>allen<\/i> immer anonymer werdenden Massengesellschaften der gegenw\u00e4rtigen Globalisierungsepoche schwere St\u00f6rungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen vorfinden, und damit kann und muss man sich auseinandersetzen.<a title=\"\" href=\"#_edn18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Journalisten arbeiten immer unter Zeitdruck und werden dazu angehalten, so zu schreiben, dass ihr jeweiliges Medium m\u00f6glichst viele Konsumenten erreicht. Im literarischen Bereich sollten andere Zust\u00e4nde vorherrschen. Da hat man Zeit, tiefer zu graben und Aspekte zu beleuchten, die oft \u00fcbersehen werden. Man k\u00f6nnte erwarten, dass die Schriftsteller, die sich dem Fall Fritzl zuwenden, auch so verfahren. Das bisher bei weitem ambitionierteste Projekt in dieser Richtung (mit einem Umfang von 528 Seiten) ist der Roman <i>Claustria<\/i> des Franzosen R\u00e9gis Jauffret.<a title=\"\" href=\"#_edn19\">[19]<\/a> Das Werk kann zwar kein <i>historischer<\/i> Roman sein, da die dargestellten Ereignisse aus den letzten Jahren stammen, aber es kann ein <i>zeitgeschichtlicher<\/i> Roman sein. Der Schutzumschlag der \u00f6sterreichischen Ausgabe bringt da keine Klarheit: Auf der Innenseite wird eine (ganz aus dem Zusammenhang gerissene) Passage aus dem Roman abgedruckt, worin die \u00d6sterreicher als \u201aWahrheitshasser\u2019 hingestellt werden.<a title=\"\" href=\"#_edn20\">[20]<\/a> Auf der R\u00fcckseite steht ein kleiner Text \u00fcber Platons H\u00f6hlengleichnis und die Gefangenen, die nicht die Wirklichkeit, sondern nur Schatten sehen.<a title=\"\" href=\"#_edn21\">[21]<\/a> Dadurch sollte wohl der Eindruck entstehen, dass Jauffet eher einen philosophischen Roman vorlegen wollte. Dar\u00fcber hinaus beteuert der Autor in einem kleinen Vorwort: \u201eDieses Buch ist eine Fiktion. Die Charakterisierungen der Personen sowie Worte, Verhalten, Gef\u00fchle, die ihnen zugeschrieben werden, entspringen der Fantasie des Autors und spiegeln mitnichten diejenigen lebender Menschen wieder.\u201c (7) Der Name Fritzl wird allerdings verwendet, auch wenn die Vornamen der Familienmitglieder ge\u00e4ndert werden (Elisabeth=Angelika, z.B.). Jauffret spricht kein Deutsch (er reiste \u201een compagnie d\u2019une traductrice\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn22\">[22]<\/a>), und er verbrachte nur kurze Zeit (\u201eune vingtaine de jours\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn23\">[23]<\/a>) in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Zwischen den Weltkriegen propagierte der ungarische Literaturtheoretiker Georg Luk\u00e1cs an Hand der Werke von Walter Scott f\u00fcr die Gattung des historischen Romans die Erfindung eines \u201emittleren Helden\u201c, einer fiktiven Gestalt, die sozusagen ohne Eigenprofil historische Ereignisse und die Taten der welthistorischen Individuen \u00e0 la Hegel beobachten und kommentieren konnte.<a title=\"\" href=\"#_edn24\"><sup><sup>[24]<\/sup><\/sup><\/a> Darauf hat Jauffret verzichtet; stattdessen wechseln sich ein allwissender Erz\u00e4hler und der Autor selbst (dessen Name auf S. 67 des Textes auftaucht) ab. Statt einer chronologischen Rekapitulation w\u00e4hlte Jauffret auch eine Art Montagetechnik, wobei er alternierend Momentaufnahmen aus dem Kelleralltag, Berichte \u00fcber seine eigenen Nachforschungen und \u00dcberlegungen zur Wahrnehmung der Realit\u00e4t bietet. Wie jeder Autor hat Jauffret das Recht, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, und es w\u00e4re in der Tat unm\u00f6glich, die Jahre im Keller und deren Folgen in der Form einer n\u00fcchternen Reportage verst\u00e4ndlich zu machen. Manche Leser werden aber nicht goutieren, was Jauffet erfindet. (Es ist \u00fcbrigens auch nicht klar, <i>wie viel<\/i> er erfindet, da er seine Quellen nicht preisgibt.) Neben schrulligen Einf\u00e4llen (so versucht sich der H\u00e4ftling Fritzl nach f\u00fcnf Jahren hinter Gittern \u201eim Online-Trading\u201c \u2013 124) gibt es Dinge, die \u2013 angesichts der Tatsache, dass alle Beteiligten noch leben \u2013 einfach abgeschmackt wirken. \u00a0Es wird prophezeit, dass fast alle Kinder vor dem 40. Geburtstag sterben, denn: \u201eDie Luft der Freiheit hatte sie langsam umgebracht wie giftige D\u00e4mpfe.\u201c (9) Angelika erreicht dagegen das Alter von 79 Jahren und stirbt in der Schweiz. (40) Als Fritzl im Alter von 92 Jahren aus der Haft entlassen wird, arrangiert Sohn Roman ein Treffen mit Angelika. Diese will nicht mit Fritzl reden, aber wir kennen ihre Gedanken: \u201eSie sieht ihren Vater, ihren Liebhaber, ihren Mann an. Sie fragt sich, ob sie ihn aus lauter Verzweiflung nicht einmal geliebt hat.\u201c (37) Roman selbst denkt nach dem missgl\u00fcckten Wiedersehen: \u201eEr f\u00fchlt sich schuldig, weil er im Keller so gl\u00fccklich war. Und weil er seinen Vater liebt.\u201c (39)<\/p>\n<p>Noch viel problematischer sind Jauffets \u00dcberlegungen zur Sexualit\u00e4t (die eine gewisse N\u00e4he zu seinem Landsmann Michel Houellebecq vermuten lassen). Der Josef Fritzl des Romans ist, genau wie sein Urbild, ein Vergewaltiger, der mit seiner Tochter gern Szenen aus Pornofilmen \u201anachspielt\u2019. Die Tochter selbst, die von allen Beobachtern als Heldin<a title=\"\" href=\"#_edn25\">[25]<\/a> und Opfer geschildert wird, macht im Roman eine \u201aEntwicklung\u2019 durch, wenn man es so nennen will. Die Leser sollen sich vorstellen, dass sie diesen Satz sagt: \u201ePapa, ich hab\u2019 Lust auf dich!\u201c (439) Vielleicht war sie manchmal aus rein taktischen Gr\u00fcnden \u201esanft und zuvorkommend wie eine Geisha\u201c (332), aber Jauffret\u00a0 will uns weismachen, dass sie nach der allm\u00e4hlichen Aufl\u00f6sung aller Tabus den Vater begehrte:<\/p>\n<blockquote><p>Inzest, Vergewaltigung, dann der erw\u00fcnschte Inzest, an den man immerzu denken muss, das fieberhafte Warten auf den einzigen Penis der Welt, der je in diesen Keller eindringen wird. Ein Penis, auf den man nur hoffen kann \u2013 tage-, wochenlang l\u00e4sst er sich nicht blicken [&#8230;] Das klebrige Morphium des Koitus perlt am Ende des Harnleiters, bevor es herausflie\u00dft, Angelika tr\u00e4nkt und sie gl\u00fccklich macht wie ein Mohnfeld [&#8230;] (83)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die \u201eErinnerung an die Orgasmen\u201c ist f\u00fcr sie \u201eersch\u00fctternd\u201c. (413) Solche Stellen sind angesichts von Elisabeths wirklichen Qualen schlicht und einfach entw\u00fcrdigend.<a title=\"\" href=\"#_edn26\">[26]<\/a> Hinzu kommt, dass Fritzl selbst bis zu einem gewissen Grad als Opfer seiner Triebe dargestellt wird: Er hat sadomasochistische Wahnvorstellungen (\u201e[&#8230;] die Fantasie [&#8230;], von Angelika so getreten zu werden, dass er weinte und zum H\u00f6hepunkt kam\u201c \u2013 218) und scheint unter einer absoluten Frauenfixierung zu leiden:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie schlagende Mutter, die begehrte Mutter, die geschlagene, missbrauchte Tochter. In seinem Kopf waren die Personen vertauschbar wie bei einem Vexierbild. In seiner Fantasie war er manchmal Angelikas Sohn und seine Mutter seine Tochter. Das chronologische Paradoxon scherte ihn wenig. (218)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass solche Komplexe existieren, l\u00e4sst sich nicht leugnen. Es ist der Bezug zu lebenden Personen (trotz aller Hinweise des Autors auf die Fiktionalit\u00e4t), der eine unentschuldbare Grenz\u00fcberschreitung ausmacht. Jenseits der Sexualit\u00e4t gibt es andere Passagen, die die Konturen von Jauffrets Frauenbild hervortreten lassen. Seine Angelika beginnt \u201ezu bocken wie eine richtige Ehefrau\u201c (137) und: \u201eWie eine richtige Ehefrau, die ihrem geizigen Mann Geld abringen will, versuchte Angelika, Fritzl mit ihrem Charme weichzukochen.\u201c (438) Sollte man etwa den (mit zwei \u201aEhefrauen\u2019 ausgestatteten) Pantoffelhelden Fritzl bemitleiden?<\/p>\n<p>Das Thema Wirklichkeitsverlust\/Wahrnehmungsst\u00f6rungen kommt in allen Beitr\u00e4gen zum Fall Fritzl vor, sowohl den journalistischen als auch den literarischen. Jauffret ist da keine Ausnahme. Dabei steht Angelika bzw. ihr Umgang mit den \u201aKellerkindern\u2019 oft im Mittelpunkt. Sie muss selbst damit zurechtkommen, dass sie von der Welt v\u00f6llig abgeschnitten wird. Sie hat aber zumindest Erinnerungen, auch wenn sie mit der Zeit verblassen. Ihre Kinder kennen aber <i>nur<\/i> die Welt da unten. Als Mutter muss sie sich entscheiden, wie sie diese unerh\u00f6rte Situation erkl\u00e4ren soll. Gibt es eine Realit\u00e4t jenseits des unterirdischen Gef\u00e4ngnisses? Fritzl fungiert als eine Art Bindeglied zwischen den Welten, da er nicht nur Kleider und Proviant, sondern auch Nachrichten aus der \u201aanderen\u2019 Welt liefert. Am Anfang gilt die Traumwelt als Alternative: \u201eSie h\u00fcpfte durch eine Parallelwelt [&#8230;]\u201c (297) Das funktioniert eine Zeitlang als Therapie, doch bei den Kindern reicht es nicht aus. Um \u201eden Kindern das Leben begreiflich zu machen<b>\u201c <\/b>(346) nimmt Angelika die Rolle der Lehrerin ein, aber sie erz\u00e4hlt auch von Gott, obwohl sie selbst \u201enicht sehr fromm\u201c (347) ist. Der Fernseher macht alles interessanter, aber auch komplizierter, da die Kinder wissen wollen, ob die Welt auf dem Bildschirm tats\u00e4chlich existiert. Angelika entschlie\u00dft sich deshalb, ihn manchmal auszuschalten, damit die Kinder ihre eigene Fantasie entwickeln k\u00f6nnen. Der Keller soll \u201ein ein klitzekleines Paradies\u201c (487) verwandelt werden. Angelika f\u00fchrt eine Art Tagebuch \u00fcber die verschiedenen Versuche, und dazu hei\u00dft es: \u201eIndem Angelika die Wirklichkeit erz\u00e4hlte, ver\u00e4nderte sie diese.\u201c (514) Das schien ihr auch zu gen\u00fcgen (\u201eAngelika hatte keinerlei Sehnsucht nach diesem weiten Raum.\u201c \u2013 521), aber das erweist sich als eine Selbstt\u00e4uschung. Die Befreite nimmt wieder an der \u201eZivilisation auf dem Weg in den Untergang\u201c (526) teil, und der Erz\u00e4hler prophezeit: \u201eIhre Geschichte wird bald ein b\u00f6ses M\u00e4rchen sein, eine Legende, deren Urspr\u00fcnge man anzweifeln wird.\u201c (527) Dieser Prozess ist (nicht erst seit den Meldungen aus Cleveland) schon in vollem Gang, und auch Jauffrets Roman wird allm\u00e4hlich in Vergessenheit geraten, obwohl er mittels seiner Angriffe auf das \u201abraune\u2019 \u00d6sterreich versucht hat, die Sensation in die L\u00e4nge zu ziehen. Aus seiner Sicht \u201etr\u00e4umte Fritzl von einem privaten Lager, dessen einzige Insassin Angelika w\u00e4re, er w\u00e4re Kapo, SS, der F\u00fchrer\u201c (223), und die \u201aKellerkinder\u2019 bildeten eine \u201eNachkommenschaft ohne einen Tropfen Mischblut\u201c (226)<a title=\"\" href=\"#_edn27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>Dass es m\u00f6glich ist, das Thema Realit\u00e4t(sverlust) in den Mittelpunkt zu stellen, ohne den Nationalsozialismus als Subtext zu gebrauchen, hat die irisch-kanadische Schriftstellerin Emma Donoghue vorgef\u00fchrt. Sie ver\u00f6ffentlichte 2010 den Roman <i>Room<\/i>,<a title=\"\" href=\"#_edn28\">[28]<\/a> und die Schreibmotivation hing mit dem Fall Fritzl zusammen. Bei einem Interview hat sie erl\u00e4utert, wie der Roman zustande kam:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cTo say <strong>Room <\/strong>is based on the Fritzl case is too strong,&#8221; she says firmly. &#8220;I&#8217;d say it was triggered by it. The newspaper reports of Felix Fritzl [Elisabeth&#8217;s son], aged five, emerging into a world he didn&#8217;t know about, put the idea into my head. That notion of the wide-eyed child emerging into the world like a Martian coming to Earth: it seized me.\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn29\">[29]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Handlung wird nach Nordamerika verlegt, und die sozio-kulturellen Bez\u00fcge sind alle US-amerikanisch. Die Erz\u00e4hlperspektive ist die eines Jungen namens Jack, der am Anfang des Romans seinen f\u00fcnften Geburtstag feiert.<a title=\"\" href=\"#_edn30\">[30]<\/a> Seine Mutter (ausschlie\u00dflich \u201eMa\u201c genannt) war l\u00e4ngst eine Gefangene, als Jack geboren wurde. Dieser kennt also nur den Raum (so der Titels des Werkes), in dem er auf die Welt kam.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem Fall Fritzl \u00e4ndert Donoghue viele Details. Ma wird von einem Mann (\u201eOld Nick\u201c) entf\u00fchrt, den sie nicht kennt. Dieser ist kein erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann und anerkannter B\u00fcrger, sondern ein \u201aLoser\u2019, der manchmal arbeitslos ist. Er tr\u00e4umt nicht von der Gr\u00fcndung einer zweiten Familie, und das Gef\u00e4ngnis ist kein Keller, sondern eine Art Ger\u00e4teschuppen mit Dachfenster.<a title=\"\" href=\"#_edn31\">[31]<\/a> Wenn \u201eOld Nick\u201c kommt, versteckt sich Jack im Kleiderschrank, also gibt es kaum Kontakt zwischen den beiden. Zur Zeit der Entf\u00fchrung ist \u201eMa\u201c eine neunzehnj\u00e4hrige Studentin aus der Mittelschicht mit einem ausgezeichneten Notendurchschnitt (210), also hat sie einen ganz anderen Bildungshintergrund als Elisabeth Fritzl. Zu <i>Claustria<\/i> gibt es zwei grundlegende Unterschiede in der Darstellung. Zum einen entwickelt sich \u00fcberhaupt keine Beziehung zwischen \u201eMa\u201c und \u201eOld Nick\u201c. Sie h\u00e4lt ihn f\u00fcr ein Ungeheuer (\u201eHe looks human, but there is nothing inside\u201c \u2013 125), und sie tr\u00e4umt oft von der Befreiung (117). Zum anderen besteht etwa die H\u00e4lfte des Romans aus einer Auseinandersetzung mit den Anpassungsproblemen <i>nach<\/i> der Befreiung.<\/p>\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich behaupten, dass Donoghue bei aller Bewunderung f\u00fcr die tapfere Mutter und ihr blitzgescheites Kind (\u201eYou were born with your eyes open.\u201c \u2013 230) auf Sozialkritik aus ist. In der ersten H\u00e4lfte kommt das eher nebenbei zum Ausdruck. Jack bekennt z.B.: \u201eI\u2019d love to watch TV all the time, but it rots our brains.\u201c (12)<a title=\"\" href=\"#_edn32\">[32]<\/a> Die Mutter erz\u00e4hlt ihrem Sohn viele Geschichten, aber nicht nur M\u00e4rchen: Jack kennt \u201cNelson [Mandela] on Robben Island\u201d z.B. auswendig. Dem Kind bleibt auch das Wesen des Privateigentums schleierhaft.<a title=\"\" href=\"#_edn33\">[33]<\/a> Nach der abenteuerlichen Flucht wird das Leben viel komplizierter. Erz\u00e4hltechnisch gelingt die Gratwanderung, die Donoghue unternehmen muss, auch nicht immer. Jacks \u201anaive\u2019 Betrachtungen sind eigentlich Bausteine einer scharfen Zivilisationskritik, und das beginnt mit der Rolle des Glaubens in der modernen Gesellschaft. Jack ist verwirrt, denn: \u201e[&#8230;] when I say, \u201aThank you, Baby Jesus,\u2019 people stare because I think they don\u2019t know him in Outside.\u201c (214) Bei einem Fernsehinterview (\u201cfor Jack\u2019s college fund\u201d [!] &#8211; 258) widerspricht Ma der Journalistin dauernd, und sie will ihr eigenes Leiden auch nicht verabsolutieren: \u201c[\u2026] slavery\u2019s not a new invention. And solitary confinement -\u2013 did you know, in America we\u2019ve got more than twenty-five thousand prisoners in isolation cells?\u201c (264) Der erste Ausflug zu einem typischen Einkaufszentrum (Jack: \u201cI didn\u2019t know that inside could be as big as Outside [\u2026]\u201c \u2013 272) ger\u00e4t zu einer Katastrophe mit lauter verw\u00f6hnten Kindern. Ohne Genehmigung gelangen Fotos von Jack ins Internet (\u201eEverything gets leaked these days.\u201c \u2013 314). Zum Entsetzen seiner Mutter entdeckt Jack in einer Telefonzelle Visitenkarten von Prostituierten (148). Bei einem letzten Besuch im \u201aGef\u00e4ngnis\u2019 verabschiedet sich Jack etwas wehm\u00fctig von allen Teilen des Raumes (wie im klassischen Kinderbuch <i>Goodnight Moon<\/i>). Die Botschaft ist klar: Jack wird und soll in der realen Welt \u201afunktionieren\u2019, aber er soll weiterhin alles infrage stellen, was selbstverst\u00e4ndlich erscheint (im Sinne des Hegel-Diktums aus der Vorrede zur <i>Ph\u00e4nomenologie des Geistes<\/i>: \u201eDas Bekannte \u00fcberhaupt ist darum, weil es <i>bekannt<\/i> ist, nicht erkannt.\u201c). Zum Schluss sollte ein Detail erw\u00e4hnt werden, das in starkem Kontrast zum Diskurs \u00fcber das \u00f6sterreichische \u201aWegschauen\u2019 steht. Eine Polizistin weist darauf hin, dass eine hohe Hecke das \u201aGef\u00e4ngnis\u2019 fast unsichtbar machte. Lakonisch bemerkt sie dazu: \u201e[N]eighbors thought nothing of it. A man\u2019s entitled to his privacy, et cetera.\u201d (358) Der n\u00e4chste Satz, den man nach der obigen Diskussion erwarten k\u00f6nnte, fehlt: \u201eEtwas ist faul in den Vereinigten Staaten.\u201c<\/p>\n<p>Als letztes Beispiel soll hier ein Text aus \u00d6sterreich herangezogen werden, und zwar Elfriede Jelineks Drama <i>FaustIn and Out<\/i> (2011).<a title=\"\" href=\"#_edn34\">[34]<\/a> Dessen Untertitel lautet \u201eSekund\u00e4rdrama zu <i>Urfaust<\/i>\u201c. Es handelt sich nicht um eine Parodie des Goetheschen Werkes (wie etwa Frank Wedekinds <i>Franziska<\/i> [1912]), sondern um eine Demontage des Klassikers mittels einer Dekonstruktion seines Hauptwerks. Ein Theaterkritiker hat das ziemlich krass formuliert: \u201eHeinrich Faust ist Wolfgang P\u0159iklopil. Faust ist Josef Fritzl.\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn35\">[35]<\/a> Ein anderer Kritiker, der einer Auff\u00fchrung des St\u00fcckes in Frankfurt beiwohnte, glaubte anscheinend, Jelineks Schreibprogramm erl\u00e4utern zu m\u00fcssen:<\/p>\n<blockquote><p>Dass die Frau kein Subjekt, sondern eine Sache sei, \u00fcber die V\u00e4ter, M\u00e4nner, Gesellschaft, Wirtschaft, Superm\u00e4rkte (die jede Regaleinr\u00e4umerin, die einen unverk\u00e4uflichen, abgelaufenen, f\u00fcr den Abfall vorgesehenen Pudding mitgehen l\u00e4sst, entlassen) nach Gutd\u00fcnken verf\u00fcgen, das ist das ewige Behauptungs-Weh und -Ach der Frauenschriftstellerin Elfriede Jelinek.<a title=\"\" href=\"#_edn36\">[36]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>(Jelinek hat die Bezeichnung \u201eFrauenschriftstellerin\u201c sicher nicht erfreut.) Wer kein Subjekt ist, kann nicht handeln, nur leiden und Opfer sein. Eine direkte Traditionslinie wird zwischen Goethes Gretchen und Elisabeth Fritzl (deren Vorname einmal erw\u00e4hnt wird \u2013 S. 11) gezogen. Als Kritikerin des Patriarchats stellt Jelinek im St\u00fcck die berechtigte Frage: \u201eWarum m\u00fcssen die alle runter, das frage ich mich schon. Warum all die M\u00e4dels in den Kellern? Warum nur, warum?\u201c (12) Die Frage nach der Ursache der m\u00e4nnlichen Allmachtfantasien wird nicht beantwortet, aber es wird verdeutlicht, dass sie schon immer im Raum stand: \u201eIch bin das Ebenbild Gottes, nur nat\u00fcrlich schlechter.\u201c (41) In diesem \u201eSekund\u00e4rdrama\u201c ist die Frau das sekund\u00e4re Wesen schlechthin. Sie ist auch ein ausschlie\u00dflich k\u00f6rperliches Wesen, eigentlich eher ein K\u00f6rperteil (worauf der Titel des St\u00fcckes anspielt). Dies wird mal indirekt, mal sehr direkt best\u00e4tigt. Die Elisabeth-Figur sagt z.B. \u00fcber ihren Vater: \u201e[&#8230;] oben hat er alles, bei mir eher das Unten, das ihn anzieht, die Tiefe [&#8230;]\u201c (50) An anderer Stelle hei\u00dft es: \u201e[&#8230;] frohlockend sprangen die Kinder aus meiner Fotze, die Papa geh\u00f6rt wie alles [&#8230;]\u201c (49)<a title=\"\" href=\"#_edn37\">[37]<\/a> Jelineks Anliegen ist ein ernstes, aber sie verfolgt es durch die Verwendung von Kalauern, Witzen und Wortspielen.<a title=\"\" href=\"#_edn38\">[38]<\/a> Im Bereich des rein Fiktionalen kann man ihre Methode als eine unter vielen analysieren, aber hinter <i>FaustIn and Out<\/i> steht der Fall Fritzl (und zum Teil der Fall Kampusch). Einem kann das Lachen vergehen, wenn man als Theaterzuschauer an Fritzls Taten denkt: \u201eWas untersteht er sich, uns dort unten unterzustellen?\u201c (48); \u201eMuss ja den Papa noch ficken, ficken und ficken lassen, das geht in einem Aufwaschen, vielleicht helfen die Kinder heute bei der Abwasch, dann geht\u2019s schneller.\u201c (54); \u201eDie Gesunden hier aufs T\u00f6pfchen, die Kranken hinauf. Ich glaube, die hatten K\u00f6pfchen, diejenigen, die krank geworden sind. Zuviel geschrien hier unten.\u201c (48); \u201ePapa hat an alles gedacht, nur nicht daran, sich selbst zu d\u00e4mmen. Der ist unged\u00e4mmt und ungehemmt. Der Keller: ged\u00e4mmt.\u201c (49);\u00a0\u00a0 \u201e[&#8230;] das ist sein freier Willi, sein frei in der Hose baumelnder Willi, allzeit bereit [&#8230;]\u201c (9) Derartige Spr\u00fcche gibt es auch gegen Heideggers Philosophie und das erbarmungslose Finanzkapital. Was hier fehlt, ist jeglicher Hinweis auf \u00d6sterreich.<a title=\"\" href=\"#_edn39\">[39]<\/a> Die Kritikerin des Patriarchats hat auf regionale Bez\u00fcge verzichtet, weil das Thema ein universales ist. Die \u201ekleine Welt\u201c (vgl. oben) steht nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses. Das Erbe des Nationalsozialismus ist mit einer (problematischen) Ausnahme auch nicht mehr von Belang. Diese Ausnahme ist eine Hommage an Paul Celan und sein ersch\u00fctterndes Gedicht \u201eTodesfuge\u201c. Mitten in der Beschreibung von Elisabeth Fritzls Kellerverlies tauchen Fragmente des Gedichts auf: \u201e[&#8230;] das Kind und sein Meister, das Kind und sein neuer Herr [&#8230;] ja, dein goldenes Haar, Margarete! [&#8230;]\u201c Auf diese Weise wird das Schicksal der erniedrigten, entw\u00fcrdigten Frauen mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Der Tod ist nun kein \u201eMeister aus Deutschland\u201c, sondern der Mann schlechthin.<\/p>\n<p>Nach der Verurteilung Ariel Castros in Cleveland wurde beschlossen, das Haus, in dem er die drei Frauen gefangen hielt, abzurei\u00dfen. Die Nachbarn sahen sich das an und klatschten dazu. In einem Bericht dar\u00fcber wurde eine Frage gestellt: \u201eBut the question remains: How could the crimes go unnoticed so long in Castro&#8217;s blue-collar neighborhood?\u201d<a title=\"\" href=\"#_edn40\">[40]<\/a> Man muss hier den Subtext heraush\u00f6ren, dass die Angeh\u00f6rigen der Arbeiterklasse (ein Begriff \u00fcbrigens, den man in den USA nicht verwendet<a title=\"\" href=\"#_edn41\">[41]<\/a>) ansonsten noch \u2018richtige Menschen\u2019 sind, denen ihre Mitmenschen wichtiger sind als ihre Smartphones oder Derivate. Den Amstettenern hat man keinen solchen Bonus geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Die Philippiken gegen \u00d6sterreich nach dem Bekanntwerden vom Fall Fritzl hatten einen Nebeneffekt, der vielen nicht aufgefallen ist. In vielen Beitr\u00e4gen wurde die Bundesrepublik Deutschland als leuchtendes Vorbild hingestellt. Anders als in der Alpenrepublik habe man statt des Verdr\u00e4ngens der furchtbaren Verbrechen der NS-Zeit den harten Weg durch die Vergangenheitsbew\u00e4ltigung gew\u00e4hlt. Dass dieser Weg eigentlich erst zur Zeit des Eichmann-Prozesses begann, wird dabei \u00fcbersehen. \u201aRanderscheinungen\u2019 wie der NSU-Prozess werden auch nicht ber\u00fccksichtigt.<a title=\"\" href=\"#_edn42\">[42]<\/a> Auf jeden Fall wird es wohl lange dauern, ehe ein ausl\u00e4ndischer Beobachter\u2013bei aller Kritik\u2013ein Bild von \u00d6sterreich entwirft, wie es ein britischer Historiker neulich f\u00fcr Deutschland getan hat:<\/p>\n<blockquote><p>This land is civilized, free, prosperous, law-abiding, moderate, and cautious. Its many virtues might be summarized as \u201cthe banality of the good.\u201d [\u2026] An Israeli friend who has taken German citizenship describes Germany to me as \u201cbalanced\u201d country, and that feels just right. The French leftist politician Jean-Luc M\u00e9lenchon caused a stir when he said that \u201camongst those who have a zest for life, no one wants to be a German.\u201d In that case, there must be an awful lot of people who have no zest for life, because, according to a twenty-five-nation BBC poll, Germany is the most popular country in the world\u2013ten points ahead of France.<a title=\"\" href=\"#_edn43\">[43]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Was die Fritzls dieser Welt betrifft, so sollten sie eine aussterbende Spezies sein, aber damit kann man wohl nicht rechnen. Einzelf\u00e4lle wird es wohl immer geben, aber diese F\u00e4lle sollten kriminalistisch behandelt (wenn nicht von vornherein unterbunden) und nicht als Vorwand f\u00fcr Ressentiments gegen die Heimatl\u00e4nder der T\u00e4ter missbraucht werden.<a title=\"\" href=\"#_edn44\">[44<\/a>]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Vgl. dazu u.a. Cathrin Kahlweit, \u201cAmstetten-Berichte. Auf dem Markt der Neugier,\u201c <i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i>, 23.10.2008 und Nina Horaczek, \u201eAmstetten. Hy\u00e4nen am Horrorhaus,\u201c <i>Die Zeit<\/i>, 30.4.2008 (Nr. 19).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Ritchie Robertson, \u201cJosef Fritzl\u2019s Fictive Forebears\u201d, <i>Times Literary Supplement<\/i>, 14. Mai 2008. Online: <a href=\"http:\/\/entertainment.timesonline.co.uk\/tol\/arts_and_entertainment\/the_tls\/article3930971.ece\">http:\/\/entertainment.timesonline.co.uk\/tol\/arts_and_entertainment\/the_tls\/article3930971.ece<\/a><\/p>\n<p>Von \u00f6sterreichischer Seite kam Zustimmung: Vgl. Bert Rebhandl, \u201eSp\u00e4te Emanzipation vom Patriarchalen\u201c, <i>Der Standard<\/i>, 17.3.2009.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Sibylle Hamann hat \u00c4hnliches behauptet: \u201cJosef Fritzl ist nicht das Gegenbild zur gesellschaftlichen Normalit\u00e4t in diesem Land, sondern dessen extreme Zuspitzung.\u201c Aus: \u201eFritzl \u2013 ein Kerl wie wir,\u201c <i>Frankfurter Rundschau<\/i>, 16.3.2009.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Allan Hall, <i>Monster<\/i> (London, Penguin Books, 2008).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref5\"><sup><sup>[5]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Betritt die DFB-Auswahl englischen Boden, so werden Artikel \u00fcber Fu\u00dfball regelm\u00e4\u00dfig mit Nazirequisiten geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref6\"><sup><sup>[6]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Vgl. <a href=\"http:\/\/www.germanherald.com\">www.germanherald.com<\/a>. Halls eigene Beitr\u00e4ge erscheinen manchmal unter der Rubrik \u201cKrazy Krauts\u201d.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Allan Hall und Michael Leidig, <i>Girl in the Cellar. The Natascha Kampusch Story<\/i> (New York City: Harper Collins, 2007). Die britische Erstausgabe erschien 2007\u00a0 bei Hodder und Stoughton in London.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref8\"><sup><sup>[8]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 So der Titel von Hella Picks Studie (London: J.B. Tauris &amp; Co, 2000). (Untertitel: <i>Austria from the Holocaust to Haider<\/i>). Picks Darstellung ist allerdings viel differenzierter: Bei aller (z.T. scharfen) Kritik an \u00f6sterreichischen Verdr\u00e4ngungspraktiken stellt die Autorin fest: \u201eAustria has made great strides in coming to terms with its history [&#8230;].\u201c (xv) Pick hofft darauf, \u00d6sterreich werde seine \u201ecatharsis\u201c zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnen. (235)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref9\"><sup><sup>[9]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Hall zitiert aus Fritzls Aussage vor Gericht: \u201cI grew up in the Nazi times, and that meant there needed to be control and the respect for authority. I suppose I took some of these old values with me into later life, all subconsciously of course.\u201d (226) Es gab nat\u00fcrlich \u201calte Werte\u201d anderer Art, wie das Leben des \u00f6sterreichishchen Kriegsdienstverweigerers Franz J\u00e4gerst\u00e4tter veranschaulicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref10\"><sup><sup>[10]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Der Historiker Cornelius Lehnguth, der bei \u00d6sterreich Aufarbeitungsdefizite konstatiert, leugnet nicht, dass man vorangekommen ist. Vgl. C.L., <i>Waldheim und die Folgen. Der parteipolitische Umgang mit dem Nationalsozialismus in \u00d6sterreich<\/i> (Frankfurt: Campus, 2013).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref11\"><sup><sup>[11]<\/sup><\/sup><\/a> \u201cRapist father given life sentence,\u201d BBC News, 25.11.2008. Im Internet: http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/hi\/uk_news\/england\/south_yorkshire\/7747711.stm<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref12\"><sup><sup>[12]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Vgl. <a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/home\/search.html?s=y&amp;authornamef=Sam+Greenhill\">Sam Greenhill<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/home\/search.html?s=y&amp;authornamef=Matthew+Drake\">Matthew Drake<\/a> and <a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/home\/search.html?s=y&amp;authornamef=David+Wilkes\">David Wilkes<\/a>, \u00a0\u201cBritish Fritzl: The 150 missed chances to save the sisters made pregnant 19 times by their father,\u201d <i>Daily Mail, <\/i>\u00a027. November 2008. Online-Version:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-1089753\/British-Fritzl-The-150-missed-chances-save-sisters-pregnant-19-times-father.html\">http:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-1089753\/British-Fritzl-The-150-missed-chances-save-sisters-pregnant-19-times-father.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref13\"><sup><sup>[13]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 New York: Berkley Books, 2009. (Untertitel: <i>The Horrifying True Story of Josef Fritzl<\/i>.) Der Verlag geh\u00f6rt zur \u201cPenguin Group\u201d, also fragt man sich, warum zwei \u00e4hnliche B\u00fccher zum gleichen Thema dort erschienen. <i>I\u2019m No Monster<\/i> erschien nach Bekanntgabe der Taten des \u201abritischen Fritzl\u2019, aber das scheint auf die Autoren keinen Eindruck gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Ein drittes Buch aus Gro\u00dfbritannien kann in diesem Rahmen nicht ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Es handelt sich um <i>House of Horrors: The Horrific True Story of Josef Fritzl, the Father from Hell<\/i> von<\/p>\n<p>Nigel Cawthorne (London: John Blake Publishing, 2008).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref14\"><sup><sup>[14]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Hall (S. xiv) hatte gemeint, das Leben der \u00d6sterreicher beruhe auf \u201c<i>Schein nicht Sein<\/i>\u201d (Hall benutzte den deutschen Ausdruck ).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref15\"><sup><sup>[15]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Die oft thematisierte\/beklagte Zweiteilung des Landes (d.h. Wien und der \u201aRest\u2019) bleibt unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref16\"><sup><sup>[16]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Es ist schon merkw\u00fcrdig, dass die Autoren gegen \u201etabloid hacks\u201c wettern (186). Sie halten sich offensichtlich f\u00fcr \u201aseri\u00f6se\u2019 Journalisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref17\"><sup><sup>[17]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Zum Fall Ariel Castro vgl. folgende Beitr\u00e4ge: Thomas Sheehan, \u201eCleveland hostage suffered 5 miscarriages at hands of her captor, police say\u201d, AP-Meldung, Online (<a href=\"http:\/\/www.nola.com\/crime\/index.ssf\/2013\/05\/cleveland_hostage_suffered_5_m.html\">http:\/\/www.nola.com\/crime\/index.ssf\/2013\/05\/cleveland_hostage_suffered_5_m.html<\/a>); \u201cPolizei war mehrmals beim Haus des Entf\u00fchrers von Cleveland\u201c, <i>Der Standard, <\/i>8.5.2013. Online schrieb ein Kommentator dazu: \u201eUnfassbar wozu Menschen imstande sind. Irgendwie f\u00fchlt man sich an die \u201aKellerf\u00e4lle\u2019 Priklopil und Fritzl erinnert.\u201c \u201eSuche im Horrorhaus von Cleveland beendet\u201c, <i>Frankfurter Rundschau<\/i>, 11.5.2013. Frank Herrmann, \u201eCleveland: Kritik an der Polizei wird laut\u201c, <i>Der Standard<\/i>, 10.5.2013. Meghan Barr, \u201eAriel Castro&#8217;s Ex-Relatives Say Ohio Accused Kidnapper, Rapist Is A &#8216;Monster&#8217;\u201c, <i>Huffington Post<\/i>, 10.5.2011. Online: <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.com\/2013\/05\/10\/ariel-castro-monster_n_3251920.html?icid=maing-grid7%7Cmain5%7Cdl1%7Csec1_lnk2%26pLid%3D311101\">http:\/\/www.huffingtonpost.com\/2013\/05\/10\/ariel-castro-monster_n_3251920.html?icid=maing-grid7|main5|dl1|sec1_lnk2%26pLid%3D311101<\/a>;<\/p>\n<p>\u201eBeh\u00f6rden weisen Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck\u201c, ORF-Bericht Online: <a href=\"http:\/\/orf.at\/stories\/2180952\/2180955\/\">http:\/\/orf.at\/stories\/2180952\/2180955\/<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Vgl. die Ank\u00fcndigung des Vortrags \u201eDie Atomisierung der Gesellschaft\u201c von dem Wiener Physik-Ordinarius Herbert Pietschmann:<\/p>\n<p>\u201eDer materielle Wohlstand in der Spa\u00dfgesellschaft und der Drang nach Selbstverwirklichung haben dazu gef\u00fchrt, dass die meisten Menschen ohne wahre Kommunikation in der Gemeinschaft isoliert sind. Wie Atome in einem Edelgas sto\u00dfen sie zwar aneinander, haben aber dar\u00fcber hinaus kaum eine Wechselwirkung. Als Ersatz dient bestenfalls maschinelle Kommunikation, Mobiltelefon und Internet.\u201d<\/p>\n<p>Online: http:\/\/vorarlberg.orf.at\/radio\/stories\/2509849\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref19\"><sup><sup>[19]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 R\u00e9gis Jauffret, <i>Claustria. <\/i>Roman (Paris: \u00c9ditions du Seuil, 2012). Im Folgenden zitiere ich aus der<\/p>\n<p>deutschen \u00dcbersetzung von Gaby Wurster (Salzburg: LESSINGSTRASSE 6, 2012). Es kann hier nicht darum gehen, die Arbeit der \u00dcbersetzerin zu kommentieren, aber die Genauigkeit ist vielleicht nicht immer gegeben. Ein Beispiel: Aus dem Wort \u201esurtout\u201c im Original (418) wird \u201evor allem Dinge\u201c statt \u201evor allen Dingen\u201c (413). Das k\u00f6nnte aber auch ein Druckfehler sein.<\/p>\n<p>Eine \u00dcbersetzung ins Englische soll 2013 erscheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref20\"><sup><sup>[20]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Es handelt sich um die zynische Aussage eines (anscheinend \u00f6sterreichischen) Rechtsanwalts dem Autor\/Erz\u00e4hler gegen\u00fcber. Der Text verdient es, in voller L\u00e4nge zitiert zu werden: \u201eIn \u00d6sterreich geht es keinem um die Wahrheit. Man will nur einen Kompromiss finden, um die Wogen zu gl\u00e4tten, und versuchen, es allen recht zu machen. Die Wirklichkeit ist etwas f\u00fcr Touristen, wir hier handeln lieber und beseitigen Beweise, die uns belasten k\u00f6nnten. Die Wirklichkeit hat uns immer entt\u00e4uscht, Der Niedergang der k.u.k. Monarchie, das Dritte Reich mit dieser Shoah, die man uns st\u00e4ndig und noch immer um die Ohren haut, und dann wurde Mozart auch noch zu einer Zeit in Salzburg geboren, als die Stadt gar nicht zu \u00d6sterreich geh\u00f6rt hat. Was bleibt uns? Irgendwelche Perverse wie Egon Schiele oder Sigmund Freud? Die Wahrheit ist schlimmer als alles andere. Wer sie anfasst, verbrennt, erfriert, reibt sich die Finger wund. Unser Volk hat genug gelitten \u2013 Wahrheit, Wirklichkeit, nennen Sie es, wie Sie wollen, all dieses Zeug hat uns ausreichend geschadet, wir hassen sie wie die Pest.\u201c (Vgl. S. 163f.) Der franz\u00f6sische Verlag hat diese Passage nicht in den Einband integriert.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung dieser Rede, die man nicht im Einbandtext findet, ist auch nicht uninteressant: \u201eGanz Europa verabscheut uns so abgrundtief, dass wir nach dem Krieg zusammen mit den Juden an das andere Ende der Welt h\u00e4tten ziehen sollen. Wir h\u00e4tten versucht, den Einheimischen dort einen Gefallen zu tun, und \u2013 wer wei\u00df? \u2013 vielleicht w\u00e4re es uns gelungen, den Nahen Osten in eine Schweiz zu verwandeln mit Israel und Pal\u00e4stina als friedlichen Kantonen.\u201c (164)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref21\"><sup><sup>[21]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Dieser Text steht am Anfang des zweiten \u2018Teils\u2019 auf S. 12. Es gibt keine Kapitel\u00fcberschriften im Roman, aber wenn man die Teile numerieren wollte, k\u00e4me man auf die Zahl 102.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref22\"><sup><sup>[22]<\/sup><\/sup><\/a> Vgl. Florence Duguit, \u201c\u2019Claustria\u2019 \u2013 Jauffret sans maestria\u201d. Online: http:\/\/www.evene.fr\/livres\/actualite\/claustria-jauffret-sans-maestria-781033.php<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref23\"><sup><sup>[23]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Vgl. Hubert Artus, \u201cDe l&#8217;affaire Josef Fritzl, R\u00e9gis Jauffret tire le roman de l&#8217;ann\u00e9e 2012\u201d, <i>Le nouvel Observateur<\/i>, 3.1.2012. Online: <a href=\"http:\/\/www.rue89.com\/rue89-culture\/2012\/01\/03\/de-laffaire-josef-fritzl-regis-jauffret-tire-le-roman-de-lannee-2012-227909\">http:\/\/www.rue89.com\/rue89-culture\/2012\/01\/03\/de-laffaire-josef-fritzl-regis-jauffret-tire-le-roman-de-lannee-2012-227909<\/a>.<\/p>\n<p>Jauffret sagt selbst dazu: <i>\u201e<\/i>\u201cJ\u2019ai tout de suite pens\u00e9 \u00e0 la caverne de Platon. Il y a des gens qui sont n\u00e9s l\u00e0-dedans, qui n\u2019ont jamais rien vu d\u2019autre, et il y avait les ombres port\u00e9es puisqu\u2019il y avait la t\u00e9l\u00e9vision. Platon, au fond, parlait de \u00e7a.\u201d La t\u00e9l\u00e9vision \u2013 \u201cle personnage principal. Sans elle, ils n\u2019auraient peut-\u00eatre pas surv\u00e9cu. Sans elle, je n\u2019aurais pas pu \u00e9crire\u201d \u2013, la seule chose qui aidera Elisabeth, la jeune femme s\u00e9questr\u00e9e, et ses enfants \u00e0 vivre en parall\u00e8le avec le temps du dehors, la seule chose qui rythme ce temps infini de vingt-quatre ans\u2026\u201d Aus: Nelly Kapri\u00e8lian, \u201c\u2019Claustria\u2019 \u2013 le roman monstre de R\u00e9gis Jauffret\u201d, Online: <a href=\"http:\/\/www.lesinrocks.com\/2012\/01\/05\/livres\/claustria-le-roman-monstre-de-regis-jauffret-114549\/2\/\">http:\/\/www.lesinrocks.com\/2012\/01\/05\/livres\/claustria-le-roman-monstre-de-regis-jauffret-114549\/2\/<\/a>.\u00a0 Fritzl brachte tats\u00e4chlich einen Fernseher in den Keller, der jahrelang der einzige Zugang zur Welt blieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref24\"><sup><sup>[24]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Vgl. Georg Luk\u00e1cs, <i>Der historische Roman<\/i> (Berlin: Aufbau-Verlag, 1955), 47. [Erstdruck 1937 in Moskau.]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref25\"><sup><sup>[25]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Der Erz\u00e4hler f\u00fchlt sich bem\u00fc\u00dfigt, folgende Aussage zu machen: \u201eDie Opfer sind entt\u00e4uschend, M\u00e4rtyrer sind nicht immer Helden.\u201c (30) Das mag sein, aber hei\u00dft das, dass das jeweilige Martyrium bagatellisiert oder relativiert werden soll?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref26\"><sup><sup>[26]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Dass sich der Ich-Erz\u00e4hler \u201cauf Angelikas Bett\u201d wirft (175), wirkt doch sehr voyeuristisch. Vgl. dazu \u201eFrench author\u2019s \u201aFritzl\u2019 novel branded \u201apure filth\u2019 by Austrian critics\u201c, <i>Guardian, <\/i>\u00a026.9.2012. Online: http:\/\/www.guardian.co.uk\/books\/2012\/sep\/26\/regis-jauffret-claustria<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref27\"><sup><sup>[27]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Merkw\u00fcrdigerweise kann Jauffret\u2013wie seine journalistischen Vorg\u00e4nger\u2013auch nicht davon absehen, das \u00d6kologische in seine \u00d6sterreich-Kritik mit einzubeziehen: \u201eHeute ist Amstetten eine gr\u00fcne Stadt. Vom Fr\u00fchjahr an steht sie in Bl\u00fcte, die Stra\u00dfen wurden mit Rasenteppich ausgelegt. Man | stellt den Wagen auf dem Parkplatz ab\u2013so wie man vor einer Moschee die Schuhe auszieht\u2013, bevor man das Allerheiligste betritt, dessen Einwohner ihr sch\u00f6nes \u00d6kosystem anbeten und in die Pedale treten, damit sich die R\u00e4der drehen wie Gebetsm\u00fchlen.\u201c (10f.) Die religi\u00f6s gef\u00e4rbte Sprache soll wohl das Irrationale betonen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref28\"><sup><sup>[28]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Emma Donoghue, <i>Room. A Novel<\/i> (New York, Boston, London: Little, Brown and Company, 2010).Im Folgenden wird nach der Taschenbuchausgabe zitiert. Die britische Ausgabe erschien bei Picador.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref29\"><sup><sup>[29]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Sarah Crown, \u201cEmma Donoghue: &#8216;To say <em>Room<\/em> is based on the Josef Fritzl case is too strong&#8217;\u201d, <i>The Guardian<\/i>, 12.8.2010. Online: <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/lifeandstyle\/2010\/aug\/13\/emma-donoghue-room-josef-fritzl\">http:\/\/www.guardian.co.uk\/lifeandstyle\/2010\/aug\/13\/emma-donoghue-room-josef-fritzl<\/a>.\u00a0 Dass Donoghues Feststellung weitgehend ignoriert wurde, zeigen andere Beitr\u00e4ge zum Thema, z.B.: \u201eEmma Donoghue\u2019s The Room is a Josef Fritzl-inspired\u00a0horror\u201d, Online: <a href=\"http:\/\/metro.co.uk\/2010\/08\/04\/book-review-the-room-477089\/\">http:\/\/metro.co.uk\/2010\/08\/04\/book-review-the-room-477089\/<\/a>\u00a0 oder Ben East, \u201e<i>Room<\/i>: A tale inspired by Josef Fritzl&#8217;s crimes\u201d, Online: <a href=\"http:\/\/www.thenational.ae\/arts-culture\/books\/room-a-tale-inspired-by-josef-fritzls-crimes%23full\">http:\/\/www.thenational.ae\/arts-culture\/books\/room-a-tale-inspired-by-josef-fritzls-crimes#full<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref30\"><sup><sup>[30]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Wer sich f\u00fcr diese Problematik interessiert, kann sich informieren, und zwar bei Monika Spielmann, <i>Aus den Augen des Kindes: Die Kinderperspektive in deutschsprachingen Romanen seit 1945<\/i> (Innsbruck: Universit\u00e4t Innsbruck, Institut f\u00fcr deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik, 2002). Eines der bekanntesten Werke dieser Art in der US-amerikanischen Literatur stammt von Harper Lee, <i>To Kill a Mockingbird<\/i> (1960; dt.:\u00a0 <i>Wer die Nachtigall st\u00f6rt<\/i>). Lees \u201eScout\u201c ist am Anfang sechs Jahre alt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref31\"><sup><sup>[31]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 <i>Eine<\/i> \u00c4hnlichkeit mit Fritzl hat Old Nick schon: er meint, Ma sollte daf\u00fcr dankbar sein. dass er sich f\u00fcr sie abrackert: \u201e\u2019I don\u2019t think you appreciate how good you\u2019ve got it here,\u2019 says Old Nick. \u201aDo you?\u2019 [&#8230;] \u2018Aboveground, natural light, central air, it\u2019s a cut above some places, I can tell you. [\u2026] Plenty girls would thank their lucky stars for a setup like this, safe as houses.\u2019\u201d (78)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref32\"><sup><sup>[32]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Im Text geht es so weiter: \u201cBefore I came down from Heaven Ma left it on all day long and got turned into a zombie that\u2019s like a ghost but walks <i>thump thump thump<\/i>.\u201d (12) Sp\u00e4ter hei\u00dft es: \u201cI hate it when the pictures disappear and the screen\u2019s just gray again.\u201d (40)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref33\"><sup><sup>[33]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Er sagt dazu: \u201cStealing is when a boy takes what belongs to some boy else, because in books and TV all persons have things that belong just to them, it\u2019s complicated.\u201d (38)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref34\"><sup><sup>[34]<\/sup><\/sup><\/a>\u00a0 Zitiert wird nach der Version auf Jelineks Homepage (<a href=\"http:\/\/www.elfriedejelinek.com\">www.elfriedejelinek.com<\/a>). Es gibt keine Seitenzahlen, aber wenn man den Text ausdruckt, ergibt sich eine L\u00e4nge von 58 Seiten. Ich benutze diese Seitenzahlen der \u00dcbersichtlichkeit wegen.<\/p>\n<p>Im selben Jahr erschien das Theaterst\u00fcck <i>Winterreise<\/i>, worin sich Jelinek u.a. mit Natascha Kampusch befasst. Darin hei\u00dft es: \u201e[&#8230;] Die Kleine glaubt, nur weil sie von der Erde fortgebracht worden ist, ist sie was Besonderes. Das ist sie nicht. [&#8230;] Wir haben bei ihr die Zerstreuung gesucht, an ihrem Schicksal geleckt wie Tiere am Salz, aber das interessiert nur kurz.\u201c Aus: Elfriede Jelinek, <i>Winterreise. Ein Theaterst\u00fcck<\/i> (Reinbek: Rowohlt, 2011), 36 u. 44.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref35\">[35]<\/a> Wolfgang Kralicek , \u201eFaustIn and Out\u201c, Online:<\/p>\n<p>http:\/\/www1.muelheim-ruhr.de\/kunst-kultur\/theater\/stuecke\/faustin_and_out\/173<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref36\">[36]<\/a> Gerhard Stadelmaier, \u201cJelineks \u2018Faustin and Out\u2019 in Frankfurt: Witzeln und Fritzeln\u201d, <i>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/i>, 29.9.2012.\u00a0 Stadelmaier ist imstande, trotz der Ereignisse in Amstetten den Neologismus \u201efritzeln\u201c lustig zu finden.<\/p>\n<p>Ein anderer Kritiker verstieg sich sogar zu der Behauptung, Goethe sei (als Rom-Reisender) \u201eder erste Sexurlauber\u201c gewesen. Goethe in der Campagna = Fritzl in Thailand?? Vgl. Marcus Hladek, \u201cFaust in Kampfchauvi-liebt-Baumarkt-Lesart. FaustIn and Out: Julia von Sell inszeniert Elfriede Jelineks Sekund\u00e4rdrama zu Urfaust\u201d, Online:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=7284:faustin-and-out--julia-von-sell-inszeniert-elfriede-jelineks-sekundaerdrama-zu-urfaust-am-schauspiel-frankfurt&amp;catid=38:die-nachtkritik&amp;Itemid=40\">http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=7284:faustin-and-out&#8211;julia-von-sell-inszeniert-elfriede-jelineks-sekundaerdrama-zu-urfaust-am-schauspiel-frankfurt&amp;catid=38:die-nachtkritik&amp;Itemid=40<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref37\">[37]<\/a> Noch unmissverst\u00e4ndlicher: \u201cFrauen sind zum Ficken da, so singen die M\u00e4dels in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, die sie mit den Burschen durchzechen und durchziehen [&#8230;]\u201c (27)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref38\">[38]<\/a> In der kurzen B\u00fchnenanweisung hei\u00dft es dazu: \u201cWir k\u00f6nnen auch anders. Nur ich kann ja leider nicht anders.\u201c (1)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref39\">[39]<\/a> Aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden kann Jelinek aber nicht auf Seitenhiebe gegen die Gr\u00fcnen verzichten, z.B. so: \u201cDas Kind atmet nicht und wird in den Ofen geworfen und verbrannt, damit die Familie oben es warm hat. Ja, wir auch. Die Familie unten speist die Familie oben mit kosteng\u00fcnstiger, umweltfreundlicher, selbst erzeugter Erw\u00e4rmung, und sie leben auch gut mit der Erderw\u00e4rmung, sie leben dort oben mit mehr Erw\u00e4rmung, als die Erderw\u00e4rmung zu bieten hat, obwohl wir ja in der Erde wohnen und es wissen m\u00fc\u00dften. Von uns stammt diese W\u00e4rme. Weil wir atmen d\u00fcrfen, d\u00fcrfen wir auch heizen. Ich best\u00e4tige, das Kind wurde ins Feuer geworfen, um das Haus zu heizen, aber nicht allein. Ein so kleines Kind kann kein ganzes Haus heizen, das ist klar, da mu\u00df noch einiges an Masse, an Biomasse dazukommen. Wie kommen wir dazu, mit einem Kind das Haus zu heizen?\u201c (49) Wenn Ironie irgendwo fehl am Platze w\u00e4re, dann hier.<\/p>\n<p>Von einem \u201eunreine[n] Geist in seinem umweltfreundlichen Hybrid-Aufschwung\u201c (21) ist auch die Rede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref40\">[40]<\/a> Vgl. \u201cAriel Castro House Demolition\u201d, <i>Huff Post Crime<\/i>, 7.8.2013. Online:<\/p>\n<p>http:\/\/www.huffingtonpost.com\/2013\/08\/07\/ariel-castro-house- demolition_n_3718395.html?icid=maing- grid7|maing5|dl1|sec1_lnk3%26pLid%3D354550<\/p>\n<p>Inzwischen wurde der \u2018Fritzl-Keller\u2019 mit Beton gef\u00fcllt. Die Beh\u00f6rden wollten, dass daraus kein Spektakel w\u00fcrde: Man \u201ehoffe &#8211; auch f\u00fcr die Amstettener &#8211; sehr, dass es keinen solchen Rummel geben werde wie 2008, als das Verbrechen aufflog. Bisher h\u00e4tten sich einige wenige Schaulustige und regionale Medien eingefunden.\u201c Vgl. \u201eFritzl-Keller wird zubetoniert\u201c, APA-Meldung in <i>News<\/i>, 20.6.2013. Online:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.news.at\/a\/inzest-fritzl-keller-zubetoniert\">http:\/\/www.news.at\/a\/inzest-fritzl-keller-zubetoniert#<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref41\">[41]<\/a> US-Amerikaner, die Jelineks <i>FaustIn and Out <\/i>lesen, werden wohl verwundert sein, wenn sie erfahren, dass Frauen entweder schlechte Jobs haben oder gar keine. Was w\u00fcrden die LeserInnen von Sheryl Sandbergs Bestseller <i>Lean In: Women, Work, and the Will to Lead<\/i> dazu sagen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref42\">[42]<\/a> Die vielen Berichte \u00fcber den \u201cKannibalen von Rotenburg\u201c f\u00fchrten nicht dazu, dass Armin Meiwes das \u201aGesicht von Deutschland\u2019 wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref43\">[43]<\/a> Vgl. Timothy Garton Ash, \u201cThe New German Question,\u201d <i>The New York Review of Books<\/i>, 15.8.2013, 52.<\/p>\n<p>Immerhin wird die Stadt Wien wiederholt als \u201elebenswerteste Stadt der Welt\u201c oder \u201eerfolgreichste Metropole der Welt\u201c ausgezeichnet. Vgl. \u201eLebensqualit\u00e4t \u2013 Wien ist und bleibt Nummer eins\u201c,\u00a0 Online:<\/p>\n<p>http:\/\/www.wien.gv.at\/politik-verwaltung\/mercerstudie.html<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref44\">[44]<\/a> Unvergesslich bleiben wird wohl Allan Halls Charakterisierung von Fritzls Wahnvorstellungen als \u201elike some dysfunctional Von Trapp dynasty\u201c (162).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Causa Fritzl = Causa Austria? \u00a0Anmerkungen zu einigen journalistischen und literarischen Interventionen\u00a0 Wer in unserer bewegten Zeit regelm\u00e4\u00dfig eine Tageszeitung liest, die Fernsehnachrichten einschaltet (oder sich mit den Mitteln des digitalen Universums informiert), st\u00f6\u00dft regelm\u00e4\u00dfig auf Meldungen \u00fcber Naturkatastrophen oder Gr\u00e4ueltaten von diesem oder jenem Kriegsschauplatz. 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