{"id":3553,"date":"2013-11-07T14:57:45","date_gmt":"2013-11-07T19:57:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3553"},"modified":"2013-11-12T09:25:02","modified_gmt":"2013-11-12T14:25:02","slug":"harri-engelmannglossen-37-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-372014\/harri-engelmannglossen-37-2013\/","title":{"rendered":"Harri Engelmann"},"content":{"rendered":"<p><b>Dill &amp; Sahnetorte \u00a0&#8212;\u00a0<\/b>Eine Poetik f\u00fcr die Hosentasche<\/p>\n<p>Behauptet jemand, ein Instrument zu beherrschen, Gitarre, wom\u00f6glich Geige oder Klavier, regt sich in uns stilles Bewundern. Gibt er gar eine Kostprobe von seinem K\u00f6nnen, nicken wir: ja, er kann\u2019s. Auch wenn wir v\u00f6llig unmusikalisch sind: wir haben ein tiefsitzendes Gef\u00fchl f\u00fcr Harmonien in uns. K\u00f6nnerschaft offenbart sich uns durch diese Gabe, eventuelle Scharlatanerie ebenso. Er zwingt es nicht, hei\u00dft es dann: er vergreife sich in den Saiten, treffe nicht den Ton. Wird nun von einem berichtet, dass er schreibe, sich also literarisch bet\u00e4tige, macht sich mitunter Ratlosigkeit breit. Er ist unter die Dichter gegangen, lautet eine g\u00e4ngige Redewendung \u2013 nicht ganz frei von Ironie. Denn diese Art sich k\u00fcnstlerisch zu bet\u00e4tigen ist hoch angebunden und wenig durchschaubar zugleich. L\u00e4sst der angehende Autor sein Tun durchblicken, \u00a0im Bekanntenkreis oder vor Kollegen, kann es sein, dass Unbedarfte an ihm vorbeischauen: \u201eReichst du mir bitte mal die Kaffeesahne her\u00fcber!\u201c Sie wittern Anma\u00dfung. Freunde dagegen, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um versierte Leser \u2013 versiert in dem Sinne, dass sie Texte auf ihre Struktur hin, nach Qualit\u00e4t zu beurteilen verm\u00f6gen -, lesen etwas von dem Eleven, nicken und sagen: \u201eGanz toll! Hat mir gut gefallen.\u201c Auch wenn es sich um den gr\u00f6\u00dften Schwachsinn handeln mag. Denn die Zahl der Leserschaft \u00a0die beim Lesen gleichzeitig das \u201eR\u00e4derwerk\u201c sieht, ist verschwindend gering. Unsicherheit breitet sich aus und verf\u00fchrt. Vielleicht hat jemand von ihnen \u201eUlysses\u201c von James Joyce in der Hand gehabt, das Buch nach drei\u00dfig Seiten geschlossen und gemeint, das sei zu hoch f\u00fcr ihn. Und bevor er seinem Freund oder der Freundin attestiert, dass er beim Lesen des Selbstverfassten Kopfschmerzen bekam, neigt er lieber zum Lob. \u201eWer wei\u00df, vielleicht ist der so eine Art Joyce und ich kann es nicht erkennen.\u201c Aufatmen dagegen, wenn Dritte ihr Urteil abgeben, die Medien zum Beispiel. Dann herrscht Klarheit: Wer in der Zeitung steht, muss was k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Manchmal, oft nach einer Buchlesung, bittet mich jemand, sein Geschriebenes zu beurteilen. Klar, mache ich, sage ich dann. Denn ich habe ein Glas Rotwein intus, stand auf wunderbare Weise im Mittelpunkt und mag nicht als Ignorant gelten. Obgleich Textanalyse \u00a0eine respektable Arbeit ist: \u00a0Unfertiges liest sich schwer. Und bis auf ein, zwei Ausnahmen war ich bislang der \u00dcberbringer schlechter Nachrichten. Eine Gitarre spielt sich nicht von allein. Man lernt Griffe, versucht den Ton zu treffen und \u00fcbt solange, bis man ihr wahrhaftig eine kleine Melodie entlockt. Oder man l\u00e4sst es, weil man sp\u00fcrt: das Talent reicht nicht. Schreiben dagegen kann jeder \u2013 das verf\u00fchrt. Als mein Buch \u201eAufzeichnungen eines Autoverk\u00e4ufers\u201c in den Handel kam, hielt ein Taxifahrer neben mir, lie\u00df die Seitenscheibe herunter und rief dr\u00f6hnend, dass er mein Buch gelesen habe. Er m\u00fcsse hier noch zwei Jahre seine Runden durch Rostock drehen, dann gehe er in Rente und schreibe dar\u00fcber. Ob er denn mit dem Schreiben von Geschichten vertraut sei, fragte ich. \u201eNein\u201c, antwortete er und sah mich, als h\u00e4tte ich soeben seine Fahrk\u00fcnste in Zweifel gezogen. \u201eIch habe in dieser H\u00fctte soviel erlebt, das reicht f\u00fcr drei B\u00fccher.\u201c Ich h\u00e4tte ihm reinen Wein einschenken sollen: Abenteuer erleben und aufschreiben \u2013 zwei v\u00f6llig verschiedene Abteilungen. Wie lange es dauerte, bis ich das begriff. Und wie ich mein eigener Zeuge wurde, \u00a0als die \u201eTornados\u201c, die in meinem Geist wirbelten, sich in laue L\u00fcftchen verwandelten, sobald ich versuchte, sie in\u00a0 S\u00e4tzen zu bannen.<\/p>\n<p>Institut f\u00fcr Literatur in Leipzig kurz nach meiner Immatrikulation. Ein Dozent, wei\u00dfhaarig, sp\u00f6ttischer Blick, die Schultern ein wenig eingezogen wie ein r\u00f6mischer Konsul den die Tage plagen, und der die letzten damit verbringt, auf Volk und Senat herabzuschauen \u2013 eine Legende in diesem Haus. Er steht vor der Seminargruppe und hebt einen dicken W\u00e4lzer in die H\u00f6he. \u201eDieser Mann\u201c, deklamiert er, \u201ehat tausend Seiten \u00fcber literarischen Stil geschrieben. Ich w\u00fcrde empfehlen\u201c, er macht eine Pause und schaut in die Runde, \u201eihn nicht zu lesen.\u201c Und mit\u00a0 theatralischem Schwung wirft er das Exemplar hinter sich auf den Tisch. Es staubt, und in die Stille hinein f\u00fcgt er hinzu, dass er uns grunds\u00e4tzlich raten m\u00fcsse, um solche Schwarten einen gro\u00dfen Bogen zu machen. \u2013 Damals war ich m\u00fcde; wir hatten am Vorabend gefeiert. Doch als der Mann dort seine Performance bot, richtete ich mich auf. Was war das \u00a0f\u00fcr einer? Denn ich hatte bislang so ziemlich alles gelesen, was mir diesbez\u00fcglich unter die Finger geraten war: Arthur Schopenhauer \u201e\u00dcber Schriftstellerei und Stil\u201c, Wygotski \u201ePsychologie der Kunst\u201c, \u201eHandbuch der Schreibkunst\u201c, \u201eVom Handwerk des Schreibens\u201c, und ich war stolz darauf, dass ich die Schriften bew\u00e4ltig hatte. Ein alter Kerl, dachte ich, ihm h\u00e4ngt das ganze hier zum Hals heraus, und nun versucht er seinen \u00dcberdruss deckungsgleich auf uns zu \u00fcbertragen. Heute wei\u00df ich, dass er recht hatte. Nat\u00fcrlich ist Wissen vonn\u00f6ten; weitaus wichtiger aber ist, dem eigenen Rhythmus nachzusp\u00fcren, dem \u201eSendungsbewusstsein\u201c zu misstrauen, den Einf\u00e4llen in die Z\u00fcgel zu greifen, sobald sie den Anschein erwecken, \u00fcber die Erz\u00e4hlung hinaus zu galoppieren, und nicht zuletzt: dem warmen Wannenbad des Aufgebens zu widerstehen. Denn es gibt beim Schreiben keinen tosenden Beifall, keine sich immer wieder hebenden Vorh\u00e4nge, kein verst\u00e4ndnisvolles Nicken. Wenn es dumm kommt, gibt es das: Kaffeeflecken, \u00fcbervolle Aschenbecher und den Verdacht, dass man doch eigentlich und genaugenommen ein Spinner sei.<\/p>\n<p>Letztens tat ich einem alten Herrn kund, nat\u00fcrlich sehr umwunden, vorsichtig, ich werde \u00e4lter und vermeide es, anderen ohne Not in den Hintern zu treten, dass seine \u201eGeschichte\u201c keine Geschichte sei. Er habe beim Schreiben nichts gesehen, sondern S\u00e4tze gedrechselt. Dabei fiel mir auf, dass ich immer die gleichen Ratschl\u00e4ge gebe. Es ist wohl derer eine Handvoll, \u00fcberschaubar also und passend f\u00fcr die Hosentasche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Eine Geschichte finden<\/b><\/p>\n<p>Grundlage jeglicher Erz\u00e4hlkunst ist das Vorhandensein einer Geschichte. M\u00f6chte ich eine Botschaft unters Volk bringen, muss ich mich dieser Form bedienen. Dabei hat mein Anliegen verpackt, um Gottes Willen nicht vordergr\u00fcndig zu sein. Fehlt mir die Geschichte dazu, oder gelingt es mir nicht, eine zu erfinden oder zu \u201esehen\u201c, die meine Botschaft auf zauberhafte Weise verbr\u00e4mt, bleibt mir nur noch die M\u00f6glichkeit, ein Sachbuch zu schreiben. Oder mich in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzeile zu stellen und ein Plakat aufzurollen: \u201eWir essen zu viel Fleisch!\u201c oder \u201eIch bin strikt gegen die Abschiebehaft!\u201c und dergleichen. Denn Literatur hat die wunderbare Eigenschaft, dass uns die Anliegen hinterr\u00fccks erreichen. Was ist denn nun die Botschaft von \u201eKrieg und Frieden\u201c? Dass Kriege grausam sind? Das wusste die Menschheit bereits vor Tolstoi; und so simpel war der Mann nicht, dass er sich mit bekannten Tatsachen abgab. Ihm war daran gelegen, zu zeigen, wie wenig n\u00fctze alle noch so schlaue milit\u00e4rische Taktik und Strategie sind. Dass, wenn Menschen derart aufeinanderprallen, immer die gro\u00dfe Unbekannte \u00fcber dem Schlachtfeld schwebt: Stimmungen, Tagesverfassung, Heimatliebe oder Verzagtheit in der Fremde. Goethe dr\u00fcckte es etwa so aus: Die geschicktesten Unternehmung misslingen mitunter, w\u00e4hrend das scheinbar Paradoxe zum Ziel f\u00fchrt. Und das Fazit von Tolstoi: Lasst deswegen gef\u00e4lligst die Finger davon. Aber in erster Linie hat er eine wunderbare Geschichte erz\u00e4hlt: von Leidenschaft, Liebe und Verwandlung. Davon erz\u00e4hlt auch Gustave Flaubert in \u201eMadame Bovary\u201c. Und erst viel sp\u00e4ter, wenn wir das Buch zugeschlagen haben, wird uns klar, was er sagen wollte: Gebt nicht stets euren erstbesten Empfindungen nach. Schon gar nicht, wenn eure Handlungen, die ein vermeintliches Gl\u00fcck versprechen, den Menschen um euch herum teuer zu stehen kommen. Dumm ist nur, dass er dabei eine Frau erwischte.<\/p>\n<p>Ein Vorfall, der sich vor meinen Augen zutrug, der mich noch tagelang besch\u00e4ftigte, mag sich als Geschichte anbieten. Er dr\u00e4ngt sich vielleicht sogar auf, n\u00e4her betrachtet, weil er die Vorgaben erf\u00fcllt. Er hat das, wonach eine Geschichte verlangt: einen Anfang, ein Ende, irgendwo dazwischen den Kulminationspunkt. Und er bedient wom\u00f6glich das Gesetz der Dramatik: Ein Gewehr, das im ersten Akt an der Wand h\u00e4ngt, muss im dritten losgehen. Ein erster Test kann sein, die Geschichte vor anderen zu erz\u00e4hlen. Dabei stellt sich vielleicht heraus, dass der Spannungsbogen tr\u00e4gt, die Leute einen an den Lippen h\u00e4ngen und erst nach dem Schluss ausatmen. Berstend vor Tatendrang mache ich mich ans Werk. Und nicht selten erlebe ich, wie der Schreibfluss versiegt, meine Stimmung verebbt, und ich frage mich, was \u00a0mit meiner so scheinbar tollen Geschichte passiert ist. Ein Grund kann der sein: man sollte von seinen Projekten \u00a0nichts erz\u00e4hlen. Sich schweigend an die Arbeit machen und fertig. Wobei das eher einem Aberglauben gleichkommt und nicht fundiert genug ist, um als Regel standzuhalten. Wahrscheinlicher ist, dass die Kunst des lauten Erz\u00e4hlens anderen Kriterien unterworfen ist. Gestik und Mimik unterstreichen, gut formulierte Worte heben hervor, und pl\u00f6tzlich verwandelt sich eine Maus in einen Berg. Und wird wieder zur Maus, wenn ich mir das Geschriebene betrachte. Ideal ist es, wenn Geschichten einen \u201eanspringen\u201c. Das passiert zwangsl\u00e4ufig, wenn ich mich \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume mit dem Schreiben besch\u00e4ftige. \u00c4hnlich erging es mir, als ich \u00fcber Wochen hinweg t\u00e4glich Schach spielte: ich tr\u00e4umte nachts von Rochaden und Springerattacken. Offenbar richtet sich der Geist aus und galoppiert uns voran. Irgendwie verh\u00e4lt man sich wie ein Filmregisseur, der seine Finger formt und sie wie einen Rahmen vor die Augen h\u00e4lt, durch ihn hindurch die Welt betrachtet. Sie sozusagen in Facetten zerlegt, um so ihrer Unermesslichkeit beizukommen. Feld, Wald und Himmel verwandeln sich ins Handliche, und die Kamera erledigt den Rest: sie bannt. Und wenn es gut geht, wird Kunst daraus. Ebenso banne ich schreibend ein Geschehen. Ob ich es bewusst oder instinktiv tue: es muss sich meiner Sichtweise unterwerfen. In mir sollte sich unbedingt, zumindest so lange ich bei dieser Arbeit bin, das Gef\u00fchl einer gro\u00dfartigen Anma\u00dfung breitmachen: das da habe ich entdeckt. Ich verstehe und durchschaue es bis in den letzten Winkel. Ich bin der Gott der sieben, zwanzig, hundert, f\u00fcnfhundert Seiten.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><b style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Die Erz\u00e4hlw\u00fcrdigkeit<\/b><\/p>\n<p>Die Geschichte ist nunmehr sichtbar. Man k\u00f6nnte ihr sogar \u00a0das alt-ehrw\u00fcrdige \u201eEs war einmal \u2026\u201c voranstellen. Sie hat also einen Anfang und ein Ende, dramatisiert sich \u00a0sprunghaft oder gleitend \u2013 je nach Temperament des Verfassers oder seinem Anliegen. Der Fortgeschrittene wird nat\u00fcrlich variieren: er beginnt wom\u00f6glich mit dem Ende und arbeitet sich zum Anfang vor oder zur\u00fcck. Oder er springt mitten ins Geschehen und erkl\u00e4rt das Vorrausgegangene behutsam im Folgenden. Immer so, dass es nachvollziehbar bleibt. Denn ein fiktiver Leser sollte einem \u00fcber die Schulter schauen. Ein Merkmal des K\u00f6nners ist, bei allem Hang zum Experiment, seine Verst\u00e4ndlichkeit. Weil er stets auf der Suche nach dem allertrefflichsten Begriff ist. Kafka war so einer. Seine S\u00e4tze scheinen mir wie aus Stein gemei\u00dfelt. Vermutlich \u00fcberstanden sie deshalb die Zeit: man kann sie heute noch \u201ebegreifen\u201c. Der Anf\u00e4nger dagegen, so meine Erfahrung, misstraut seinem Verm\u00f6gen. Er scheint unter dem Druck zu stehen, Kunst zu machen. Also st\u00fcrzt er sich auf die S\u00e4tze und drechselt so lange an ihnen herum, bis sie auch dadurch unverst\u00e4ndlich werden. Anstatt die Augen zu schlie\u00dfen, der ausgedachten Szenerie zu folgen und das Geschehen treffend zu benennen. Es geht nicht um die Herstellung von S\u00e4tzen, sondern um das Aufzeichnen einer Geschichte. Die dann eine zu sein scheint, wenn ich sie mit wenigen Worten nachzuerz\u00e4hlen vermag. Ist die Fabel nicht mit ein, zwei oder drei kurzen S\u00e4tzen zu formulieren, je nach Umfang der Geschichte, ist was faul im Geb\u00e4lk. Und wenn alles stimmen sollte, bleibt die Frage nach dem tieferen Sinn, der Erz\u00e4hlw\u00fcrdigkeit. Die hat nun wei\u00df Gott nichts mit dem Rang der Handlung zu tun. Anf\u00e4nger versteigen sich oft darin, sich eines Themas anzunehmen, dass drei Nummern zu gro\u00df f\u00fcr sie ist: Der Hunger in der Welt. Oder: Die Leute verbl\u00f6den durchs Fernsehen. Davon h\u00f6rt er doch dauernd. Und ist sp\u00e4ter \u00fcberrascht, wenn in einer Untersuchung zu Tage gef\u00f6rdert wird, dass selbst die Gebildeten sich h\u00e4ufig das viel geschm\u00e4hte \u201eUnterschichtenfernsehen\u201c zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Gogol dagegen berichtet \u201elediglich\u201c\u00a0 von einem Mann, dem sie seinen neuen Mantel klauten. Und man sp\u00fcrt geradezu die Lust, die ihn die Sache ins Groteske treiben l\u00e4sst. Welche Wirkung seine Erz\u00e4hlung auf seine Zeitgenossen haben k\u00f6nnte, dass sie \u00fcber die Grenzen Russlands hinaus, ja durch die Zeiten springen w\u00fcrde, das sah er sicher nicht voraus. Er besa\u00df die F\u00e4higkeit, Ph\u00e4nomene \u00a0aufzusp\u00fcren, bestimmte Muster in der Gesellschaft zu entdecken. Und er schuf eine kleine, \u00fcberschaubare Parallel-Welt auf dem Papier, ordnete kunstvoll das Beobachtete an, machte es auf diese Weise sichtbar: die Erstarrung einer Gesellschaft, ihren Hang, Menschen ausschlie\u00dflich nach ihrem \u00c4u\u00dferen zu beurteilen, nach ihrem Schein. Einer verliert mit dem Mantel seine Reputation, zieht sich die Herzlosigkeit seiner Mitmenschen zu und r\u00e4cht sich daf\u00fcr \u2013 eine ganz klare m\u00f6gliche Fabel. Erz\u00e4hlw\u00fcrdigkeit hat also nichts mit dem Gegenstand zu tun, den ich beschreibend gestalten m\u00f6chte. Das kann, wie wir sehen, auch ein geklauter Mantel sein, ein Fahrrad oder sonstwas. Es kommt lediglich darauf an, ob wir mit seiner Hilfe weit \u00fcber ihn\u00a0 hinaus zu weisen verm\u00f6gen: auf unser Dasein.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit gab ich einem Freund die Kurzgeschichte \u201eArabia\u201c von James Joyce zu lesen. Der Ich-Erz\u00e4hler, vermutlich Joyce selber, f\u00fchrt uns an den Ort seiner Kindheit. Er wohnt\u00a0 bei Tante und Onkel. Er beschreibt die Stra\u00dfe, die H\u00e4user: altehrbar, wuchtig, voller geheimnisvoller Vergangenheit. Das Licht, das ihm erscheint. Es ist Winter, und der Himmel leuchtet in einem sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Violett (die Farbe steht f\u00fcr Geheimnis). Trotz der K\u00e4lte spielt er mit seinem Freund Mangan, \u201ebis unsere K\u00f6rper gl\u00fchten\u201c. Mangan hat eine Schwester, die in dem kleinen James unvermittelt ein Feuer entfacht. Sie erscheint ihm geradezu: das Lichtspiel in ihrem Haar, die Augen, ihre Haut, der Reif an ihrem Handgelenk &#8230; \u00a0Sie nimmt, ohne es zu ahnen, vollst\u00e4ndig von ihm Besitz. Fortan beobachtet er Mangans Haus, hofft, dass dessen Schwester heraustreten m\u00f6ge und versp\u00fcrt den verzehrenden Drang, sie anzusprechen. Die Stunde kommt, und Sie schw\u00e4rmt von dem Basar \u00a0in Dublin, den sie Araby nennen, und dass Sie dort in n\u00e4chster Zeit nicht hingehen k\u00f6nne. Es ihm aber anrate. Er verspricht, noch leicht in Trance, dass er das tue und ihr etwas von dort mitbringe. Er bettelt \u00a0die Tante wegen Geld an, die verweist ihn an den Onkel, der vertagt die Entscheidung. Am n\u00e4chsten Tag ist der Onkel au\u00dfer Haus. Der Junge tigert durch die Wohnung und zerspringt fast vor Erwartung, wird endlich erl\u00f6st und gelangt in den Araby. Eine H\u00e4ndlerin spricht ihn an. Doch er ist au\u00dferstande, ihr zu antworten. Schlie\u00dflich schlendert er durch den Basar, in dem bereits die Lichter gel\u00f6scht werden, spielt mit den Geldst\u00fccken in seiner Hosentasche, blickt nach oben in die Dunkelheit und \u201esieht\u201c sich: \u201e\u2026 ein Wesen, von Eitelkeit getrieben und l\u00e4cherlich gemacht; und meine Augen brannten vor Qual und Zorn.\u201c \u00a0\u201eWo zum Kuckuck versteckt sich denn hier deine ber\u00fchmte Erz\u00e4hlw\u00fcrdigkeit?\u201c wetterte mein Freund. \u201eEine Geschichte \u00fcber kleine pubert\u00e4re Jungen, na und?\u201c Ihm war leider der gro\u00dfe Wurf des Schriftstellers entgangen, der sich mir am Schluss der Erz\u00e4hlung offenbarte: F\u00fcr Sekunden sp\u00fcrte der Junge die alles beherrschende Kraft der uns\u00a0 innewohnenden Natur. Die unsere Glut entfacht und das Kommando \u00fcbernimmt. Und uns vernichten k\u00f6nnte, lie\u00dfen wir sie ungest\u00f6rt walten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Handlung, Handlung, nochmals Handlung<\/b><\/p>\n<p>Auch wenn der oben erw\u00e4hnte Dozent ver\u00e4chtlich B\u00fccher von sich warf, war er kein Ignorant. \u00a0Er unterschied die Schriftsteller in solche, von denen wir lernen k\u00f6nnten und in jene, von denen nichts zu holen w\u00e4re. Nicht weil es ihnen an Talent mangelte, im Gegenteil. Es gebe Autoren, zitierte er, deren Genialit\u00e4t eine Stufe erreicht habe, die sie auf Konventionen pfeifen l\u00e4sst. Wir Schw\u00e4cheren w\u00fcrden ihnen auch dann folgen, f\u00fchrten sie uns durch S\u00fcmpfe oder \u00fcber unwegsam Gebirgspfade. Wir h\u00e4ngen an dem Geschriebenen wie andere an den Lippen der Weisen. Und z\u00f6gen den Genuss allein aus der Art des Verfassten, m\u00f6ge sie auch noch so schwindelerregend sein. Die Regeln h\u00e4tten sie auf jene H\u00f6he gebracht. Denn, um ein anderes Genre zu bem\u00fchen, bevor Picasso seine Bilder \u201ezerpfl\u00fcckte\u201c, habe er Menschen und Gegenst\u00e4nde \u201eordentlich\u201c abgebildet. Dann habe ihn die Lust am Experiment ergriffen und fertig. \u00a0Der Dozent zauberte einen Roman hervor und meinte: \u201eDieser hier ist ganz passabel, und wir k\u00f6nnen ihn ausbeuten.\u201c Und eines sei bei diesem Autoren besonders deutlich: das Handeln. Eine gute Geschichte lebe von der Handlung. \u201eHandlung, Handlung, Handlung\u201c, rief er stakkato artig\u00a0 in die Runde, \u201edann eine kurze Beschreibung, wieder Handlung, wieder kurze Beschreibung, wieder Handlung.\u201c- Wenn ich mir nachtr\u00e4glich die B\u00fccher betrachte, die mich mitrissen, so handelten sie vom Handeln. Wir sind temperaturabh\u00e4ngige Wesen, die, einmal warm geworden, t\u00e4tig durch die Welt schreiten. Wir versuchen unsere Handlungen mit anderen zu koordinieren. Wer rastet, rostet \u2013 hei\u00dft einer unserer Kampfspr\u00fcche. \u201eHandeln Sie endlich!\u201c fordern wir die Pr\u00e4destinierten auf, \u201eMachen Sie N\u00e4gel mit K\u00f6pfen!\u201c Wir bewegen uns, um zu leben. Und wir sp\u00fcren instinktiv, dass wir uns durch die Bewegung verwandeln. Sitzen wir sehr lange auf der Couch, werden wir erst schlapp, dann unruhig. Schauen wir uns dabei einen Film im Fernsehen an, springen wir gegebenenfalls auf. \u201eDas geht nicht vorw\u00e4rts!\u201c rufen wir. Und weshalb nicht? Weil der Drehbuchautor darauf gepfiffen hat, was im Wesen von uns Menschen liegt: sich von Taten angezogen zu f\u00fchlen. \u2013 Wassili Schukschin (eine kurze Gedenkminute f\u00fcr den Mann) lie\u00df in einer seiner Geschichten zwei Kriegsveteranen, entwurzelte Bauern, die bei ihren Kindern im Neubaublock lebten, \u00fcber Seiten hinweg miteinander sprechen. Sie trafen sich dort regelm\u00e4\u00dfig im Keller unter den Heizungsrohren, um \u00fcber die Welt zu schwadronieren. \u00a0Die Rohre knackten, der Wodka floss beim Einschenken \u00fcber die zerfurchten H\u00e4nde: absoluter Stillstand? Nicht bei einem wie Schukschin. Er l\u00e4sst die Handlung vom statischen Keller in das dynamische Gespr\u00e4ch springen \u2013 Handlung ist Handlung. Auch wenn der Erz\u00e4hler den Erz\u00e4hler erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Thomas Mann, der sehr wohl die Gesetze des Schreibens kannte, setzte sich \u00fcber sie hinweg. Seine \u201emeterlangen\u201c S\u00e4tze sperren sich unserem Aufnahmeverm\u00f6gen. Doch sind sie in ihrer Art die sch\u00f6nsten \u00fcberlangen S\u00e4tze, die die Literatur kennt. Auch seine Beschreibungen arten aus, legen sich quer zur Handlung. In \u201eDr. Faustus\u201c l\u00e4sst er sich \u00fcber Seiten hinweg \u00fcber klassische Musik aus. Die Kraft dieser Beschw\u00f6rung vermochte es: ich legte das Buch beiseite und schob eine CD in den Schacht. Was ich bei anderen verabscheute, Verharren, Stagnation, lie\u00df ich mir von diesem gefallen. Ansonsten: Handlung und nochmals Handlung und m\u00f6glichst kurze S\u00e4tze. Warum? Weil das mit unserem innewohnenden Rhythmus in Verbindung steht, mit unserem Puls, der Atmung. \u00a0Stil hat etwas mit unserer Atmung zu tun? Antwort: Ja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Der Vergleich<\/b><\/p>\n<p>Ein Russe hat sein Wesen bildhaft zusammengefasst: Er muss hundertprozentig genau, m\u00f6glichst weit von dem zu vergleichenden Gegenstand entfernt sein und nach Dill duften. In einem Buch las ich, dass jemand einen Wollkn\u00e4uel in seinem Sch\u00e4del w\u00e4hnte. Damit wollte der Autor wohl das Chaos beschreiben, das im Kopf seines Protagonisten herrschte. Ein Haufen Wolle vermag etwas Chaotisches wiederzugeben, ein Kn\u00e4uel Wolle weniger. In Verbindung mit einem Faden dr\u00fcckt das Wort Ordnung aus: er ist ordentlich aufgewickelt. Gesetzt den Fall, wir akzeptieren den Vergleich dennoch, scheint er mir nicht weit genug entfernt zu sein. Denn ein Gehirn ist ebenfalls ordentlich gelegt, besser noch: gefaltet. Wobei dies ein Grenzfall ist, eine Sache des Geschmacks. Er zeigt uns aber, welcher Sorgfalt ein Vergleich bedarf. Ein Paradebeispiel, wenn auch ein schlichtes, kommt in dem Film \u201eDas Boot\u201c vor. Unser aufgetauchtes U-Boot, hei\u00dft es dort sinngem\u00e4\u00df, glitt durch die Stra\u00dfe von Gibraltar. Der klare Nachthimmel mit seinem grellen Mondlicht, das die Wasserfl\u00e4che geradezu ausleuchtete, machte uns mehr als nur sichtbar: wie eine einzelne Kirsche auf einer Sahnetorte. Da haben wir die Zutaten: es ist genau, weit weg, und wer will leugnen, dass eine Torte duftet. Wobei der Duft, den der Russe erw\u00e4hnte, f\u00fcr die \u201eSeele\u201c, die ausgefeilte \u00c4sthetik steht. Durch Metaphern, es steckt im Wort, verm\u00f6gen wir einer Geschichte nicht nur Bildhaftigkeit zu verleihen, sondern ihr auch Leben einzuhauchen. So wie Joyce in \u201eArabia\u201c: \u201eDie \u2026 H\u00e4user der Stra\u00dfe, des ehrbaren Lebenswandel in ihrem Innern bewusst, sahen einander mit braunen unersch\u00fctterlichen Gesichtern an.\u201c So sehr wir solche Gedankenblitze lieben, sie sind Unikate. Einmal erfunden und verwendet, d\u00fcrfen wir an ihnen nicht mehr r\u00fchren, auch wenn es uns in den Fingern juckt. Warum ich dann das Wort Gedankenblitz verwende? Weil es sehr alt ist und den Anschein erweckt, in den allgemeinen Sprachschatz \u00fcbergegangen zu sein. Gl\u00fccklich bin ich \u00fcber die Wahl nicht. Auch deshalb, weil \u201eblitzgescheit\u201c eines der Lieblingsworte Hitlers war. Doch es gibt Vorg\u00e4nge, die verweigern sich der Mehrdeutigkeit. Synapsen, Neuronen \u2013 die Forscher selbst sagen, dass es dort blitzt, gewisse Regionen im Hirn, wenn auch nur auf Bildschirmen, aufleuchten. Trotzdem: die meisten der Vergleiche und Metaphern\u00a0 sind tabu. Verwenden wir sie dennoch, ist das unserer Tr\u00e4gheit geschuldet. \u201eRegentropfen, die an dein Fenster klopfen\u201c, hei\u00dft es in dem Lied. Wir m\u00fcssen nun also wohl oder \u00fcbel die Augen schlie\u00dfen, dem Regen lauschen, sein Wirken neu benennen. Und im Zweifelsfall lassen wir es einfach regnen. Einen Vergleich nicht zu bem\u00fchen: das ist allemal besser, als einen falschen oder abgen\u00fctzten zu verwenden. Auch wenn es mich noch so dr\u00e4ngt, ich im Januar am Strand stehe, aufs glatte Meer schaue: das Wort \u201ebleiern\u201c ist weg. Tut mir leid. Benutze es, und ich werde beim Lesen zusammenzucken. Was macht das Meer sonst noch, wenn es so tr\u00e4ge daliegt? Keine Ahnung, ich schreibe zurzeit nichts \u00fcber Meere und dergleichen. Aber starrte ich es lange genug an, w\u00fcrde sich wohl was tun. So wie der Dichter, der vormittags aus seinem Fenster auf den Marktplatz schaute, die Kr\u00e4hen dort auf dem Pflaster bemerkte und sie sp\u00e4ter in einer Verszeile verglich: wie gelangweilte Rentner, die Arme auf dem R\u00fccken \u2026<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Das Beseeltsein<\/b><\/p>\n<p>Einer, der ein bisschen zu zeichnen vermag, skizziert einen Hund. Er nimmt den Kopf zur\u00fcck und betrachtet das Blatt. Vielleicht schaut ihm seine Frau \u00fcber die Schulter. \u201eEin Hund wie er leibt und lebt!\u201c ruft sie. Sie kann nicht zeichnen. Nun ja, eine Blume vielleicht: ein Strich stellt den Stiel dar, Kringel hier, Kringel da, fertig. Aber ihr Mann brachte einen richtigen Hund aufs Papier: Ohren, Schnauze, Schwanz \u2013 es ist alles dran. Doch zufrieden ist unser K\u00fcnstler nicht: das Tier dort \u201elebt\u201c nicht, entspricht keineswegs seinen Vorstellungen. Es kribbelt ihn in den Fingern, es richtig zu machen. Und vielleicht kommt er dahinter, dass es weniger an seinem Talent, eher an dessen Entfaltung liegt. Er wird also neugierig, eignet sich Wissen \u00fcber die Technik des Zeichnens an, studiert, beobachtet den Hund des Nachbarn, macht sich Bewegungsskizzen, \u00fcbt sich in besonderen anatomischen Merkmalen, hebt auf dem Blatt Details hervor, vernachl\u00e4ssigt andere. Und irgendwann, nach vielen Stunden emsigen Schaffens, schaut ihn ein wahrhaftiger Hund an. Das Tier wirkt neugierig und verhalten zugleich. Der K\u00f6rper ist gespannt, zu Angriff\u00a0 oder Flucht\u00a0 bereit, und in der Tiefe seiner Augen glimmen die K\u00f6rnchen seiner Natur. Habe ich das gemacht, mag sich der Sch\u00f6pfer fragen. Diesmal ist die Zeichnung nach Plan geraten; mehr noch: \u00a0etwas scheint sich beigesellt zu haben. Denn die Weisheit, die f\u00fcr\u00a0 Autoren zutrifft, gilt wohl auch f\u00fcr ihn: Das Buch muss schlauer sein, als der Verfasser. Er tr\u00e4gt all sein Wissen in das Werk, dort verwebt es sich, beseelt sich sozusagen und scheint sich vom Erfinder zu l\u00f6sen. Nun sp\u00fcrt er die Kraft, \u00a0die K\u00fcnstler an ihrem Werk ausharren l\u00e4sst: dass die Geister, die er rief, um ihn herum zu tanzen beginnen. \u2013 Jasnaja Poljana im Sommer 1867. Tolstoi sitzt an seinem Buch \u201eKrieg und Frieden\u201c, schreibt gelegentlich die N\u00e4chte hindurch. Eines Morgens, Sofia Andrejewna, seine Frau, hat vor dem Haus den Fr\u00fchst\u00fcckstisch decken lassen,\u00a0 tritt ihr Mann in die T\u00fcr, blinzelt in die Sonne, f\u00e4hrt sich mit der Hand durchs Gesicht, lehnt sich an. \u201eStell dir vor\u201c, sagt er, \u201eheute Nacht haben Natascha und Pierre geheiratet.\u201c Wie denn, hatte dieser Genius etwa seine Figuren nicht im Griff, tanzten sie ihm auf der Nase herum? Schwer vorstellbar: der Graf ohne Plan und in den F\u00e4ngen des launigen Zufalls. Aber irgendwann begann der Zauber, den er veranlasste, auf ihn selbst zu wirken. So wie bei Gustave Flaubert, der eine Selbstt\u00f6tung beschrieb, sich derart hineinsteigerte, bis das Unheil nach ihm zu langen schien \u2013 sein K\u00f6rper wies Male auf, Hautreizungen wie nach einer Vergiftung.<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche ging in seinem Werk kurz auf die Anma\u00dfung ein: dass sie zu jenen menschlichen Ph\u00e4nomenen gerechnet werden m\u00fcsse, der wir am wenigsten verzeihen. Dazu kann ich ein Beispiel liefern. Literaturinstitut Leipzig. Unter dem Dach dieser Villa gab es einen gem\u00fctlichen Raum, in dem Studenten im Kreis der \u00fcbrigen Seminaristen lesen durften. Einen Text, den sie selbst f\u00fcr w\u00fcrdig erachteten, vorgestellt zu werden. Kaum war gefragt worden, schnellte mein Arm nach oben. Na was denn, ich hatte bereits einiges ver\u00f6ffentlicht, sogar in einer bekannten Literaturzeitschrift. Kurz zuvor hatte ich in einer Nacht einen Text in die Schreibmaschine geh\u00e4mmert, der mich selbst berauschte. Er schien wie aus einem Guss zu sein: endlich mal einer, an dem ich nicht \u201efeilen\u201c brauchte. Mir war nicht an der Meinung der Studenten gelegen \u2013 mir ging es lediglich darum, die vermeintlich hypnotische Kraft, die ich in meinem Gedankengut vermutete, auf andere zu \u00fcbertragen. Ich lehnte mich also zur\u00fcck, schlug das Bein \u00fcber und sah pr\u00fcfend in die Runde. Schlie\u00dflich begann ich zu lesen. Erw\u00e4rmte mich an dem Feuer meiner S\u00e4tze: die Finger zitterten leicht, wenn ich die Seiten umschlug. Als ich geendet hatte, lie\u00df ich das Manuskript sinken, lehnte mich zur\u00fcck und nahm triumphierend die Runde in Augenschein. Hier und da h\u00fcstelten sie, einer kratzte sich den Kopf, meine Dozentin schaute zu Boden. Und in die Stille hinein sagte ein anderer: \u201eDas ist der gr\u00f6\u00dfte Schei\u00df, den ich je in meinem Leben geh\u00f6rt habe!\u201c Er begr\u00fcndete seine Abneigung, in dem er Textstellen zitierte. Es war, als w\u00fcrde er immer wieder durchladen, Schuss um Schuss in meine Richtung abfeuern. Kaum hatte er geendet, brach es aus den anderen hervor: liederliche Sprache, unpassende Vergleiche \u2013 gequirlte Kacke, sagte eine. Ich steckte mir eine Zigarette an und versuchte es mit hochm\u00fctigem Aussehen hinzukriegen. Das klappte nicht, weil meine Gesichtshaut brannte und meine Augenlider zuckten. Der erste Gedanke war: Selbstmord. Zum Gl\u00fcck gesellte sich die Wut dazu und ich begann mir ihre Gesichter genau einzupr\u00e4gen, besonders die mit dem gequirlten Zeugs nahm ich in Augenschein. Schlie\u00dflich wollte ich das Studium aufgeben, dass Schreiben sowieso. Dann ebbte die Springflut ab, ich fand die Kraft, mir noch einmal den Text anzuschauen, sah, was dort nicht stimmte und verbesserte es.<\/p>\n<p>Iwan Turgenjew schrieb sinngem\u00e4\u00df, das geh\u00f6re zu den gr\u00f6\u00dften Peinlichkeiten: Ein junger, blendend aussehender Offizier stellt sich zwischen zwei musikalischen Vortr\u00e4gen ans Klavier, zaubert einen Zettel aus der Uniform, gl\u00e4ttet ihn, sagt, dass auf diesem ein Gedicht geschrieben stehe. Es sei ihm letzte Nacht \u201ezugeflogen\u201c. Und augenzwinkernd f\u00fcgt er an, er habe es direkt aus seinem Herzen aufs Papier flie\u00dfen lassen. Deklamiert. Endet und schaut gl\u00fchend in die Runde. Es ist still im Saal. Es wird noch stiller. Dann springt einer auf und ruft: \u201eJa, Kinder, darauf m\u00fcssen wir was trinken!\u201c \u2013 Ich habe die Stimme eines Heutigen in den Ohren: \u201eNun gut, aber ich pers\u00f6nlich schreibe nur f\u00fcr mich, f\u00fcrs N\u00e4hk\u00e4stchen. Zu meiner eigenen Erbauung.\u201c Schon klar, aber warum gab er es mir zu lesen? Von Montaigne behauptet man, er habe nur f\u00fcr sich geschrieben. Was ich pers\u00f6nlich nicht glaube. Die Schrift ist ein Mittel, um Botschaften weiterzugeben. Und wer ma\u00dft sich an, diesem Essayisten nachtr\u00e4glich ins Hirn schauen zu wollen.<\/p>\n<p>Dies habe ich f\u00fcr mich erfunden: Schreiben ist mit dem Fliegen vergleichbar. Wer ein Flugzeug in die Luft bringen will, muss einen Pilotenschein machen. Die Bedingungen daf\u00fcr sind die Beherrschung der Technik, das Wissen um Navigation, Wetterph\u00e4nomene, Auftriebskr\u00e4fte, Treibstoff, Ausweichflugpl\u00e4tze, Schwerpunktkontrolle, Pistenl\u00e4nge. Man kann nicht nur ein \u201ebisschen fliegen\u201c. Wer das dennoch auf sich nimmt, st\u00fcrzt vermutlich ab.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dill &amp; Sahnetorte \u00a0&#8212;\u00a0Eine Poetik f\u00fcr die Hosentasche Behauptet jemand, ein Instrument zu beherrschen, Gitarre, wom\u00f6glich Geige oder Klavier, regt sich in uns stilles Bewundern. Gibt er gar eine Kostprobe von seinem K\u00f6nnen, nicken wir: ja, er kann\u2019s. Auch wenn wir v\u00f6llig unmusikalisch sind: wir haben ein tiefsitzendes Gef\u00fchl f\u00fcr Harmonien in uns. K\u00f6nnerschaft offenbart [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3479,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3553","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3553"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3553\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3479"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}