{"id":3580,"date":"2013-11-07T14:59:11","date_gmt":"2013-11-07T19:59:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3580"},"modified":"2013-11-14T18:25:39","modified_gmt":"2013-11-14T23:25:39","slug":"thomas-ferdinand-glossen37-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-372014\/thomas-ferdinand-glossen37-2013\/","title":{"rendered":"Thomas Ferdinand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\" align=\"center\"><strong>\u00a0\u201cPass gut auf Mutti auf!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem langen Flur klingelte es schrill. Endlich war Mathe vorbei. Peter, Kalle und Atze rutschten schon unruhig auf ihrer Bank hin und her. Auch die anderen wurden unruhig. Doch Frau Herrlich lie\u00df sich Zeit. &#8220;Wann kriegt die endlich ihren dicken Arsch vom Lehrerstuhl hoch?&#8221;, fl\u00fcsterte mir Gerd zu. \u00a0&#8220;Die Pause hatte doch schon begonnen.&#8221; \u00a0Endlich stand sie, sich m\u00fchsam auf dem Tisch abst\u00fctzend, auf, verstaute das Klassenbuch in ihrer gro\u00dfen Handtasche und watschelte zur T\u00fcr. Als sie nicht mehr in Sicht war, rief Janno: \u201cHe, Atze, mach mal die Klassent\u00fcr zu, aber von au\u00dfen, und sag Bescheid, wenn K\u00fchn kommt.&#8221;<\/p>\n<p>Herr K\u00fchn war unser Klassenlehrer und unterrichtete Deutsch und Geographie. Meist kam er ein, zwei Minuten zu sp\u00e4t zum Unterricht, z. B. morgens in der ersten Stunde oder wenn er noch schnell ein paar Landkarten in unser Klassenzimmer bringen wollte und nicht mehr die Zeit gehabt hatte, ein oder zwei von den Jungs zu bitten, ihm zu helfen. Dabei h\u00e4tte er es eigentlich auch allein schaffen k\u00f6nnen, denn es war gar nicht weit von seinem \u201cKartenzimmer\u201d, wie er es nannte, zu uns.<\/p>\n<p>Sein Kartenzimmer, wohin er sich in den Pausen fl\u00fcchtete, wenn er keinen Ordnungsdienst auf dem Flur oder Hof hatte, sah eigentlich eher wie eine Rumpelkammer aus. Auf dem Tisch stand ein gro\u00dfes rundes Tintenfass, neben dem ein paar von diesen altmodischen Federhaltern und ein paar angespitzte Bleistifte lagen. In der rechten Ecke der dunklen Schreibtischplatte, in der die Sch\u00fclerweisheiten verschiedener Generationen eingeschnitzt waren, lag eine offene Brotb\u00fcchse aus Aluminium, in der sich fast immer eine gro\u00dfe Leberwurststulle und ein paar gesch\u00e4lte Apfelst\u00fcckchen befanden. Neben dem Fenster hatte er seinen Garderobenst\u00e4nder postiert, an den er, auch wenn es schon seit Wochen nicht mehr geregnet hatte, gew\u00f6hnlich seinen hellen Trenchcoat, seine dunkelblaue Baskenm\u00fctze und seinen hellbraunen Seidenschal h\u00e4ngte. Auf dem Fensterbrett stand ein Kaktus und manchmal sogar eine Blumenvase mit irgendwelchem Gr\u00fcnzeug.<\/p>\n<p>An der Wand dem Fenster gegen\u00fcber stand Max, das Skelett, dem Herr K\u00fchn einen gr\u00fcnen Schal umgebunden hatte. Wahrscheinlich hatte den mal einer seiner Sch\u00fcler vergessen. \u00a0Au\u00dferdem hatte er Max eine Pfeife zwischen die Z\u00e4hne geschoben. Die musste noch von seinem Vorg\u00e4nger stammen, denn Herr K\u00fchn war Nichtraucher. Ich habe mich oft gefragt, ob er das lustig fand. Ich meine Max mit der Pfeife zwischen den Z\u00e4hnen; ich jedenfalls nicht. Vielleicht hatte er das gemerkt und lud mich deshalb nicht so oft in seine Rumpelkammer ein. Vielleicht geh\u00f6rte ich auch nicht zu seinen Lieblingssch\u00fclern.<\/p>\n<p>Wenn kein Lehrer in der 8c war, hatte Janno das Sagen. Er trainierte schon seit einem halben Jahr Boxen bei FC Dynamo, dem Polizeiverein, erz\u00e4hlte er uns jedenfalls ganz stolz. Fast noch beeindruckender war seine Ente, die er mit Wasser und ein bisschen &#8220;Gl\u00e4tt&#8221; bis Mittag in Form hielt. Heidi und Monika fanden sogar, dass er mit diesem Haarschnitt, wenigstens von hinten, aussah wie Elvis. Das hatte ich von Brigitte, meiner Banknachbarin, die mit der gro\u00dfen Brille und dem langen Pferdeschwanz.<\/p>\n<p>Gerd, Bernd und manchmal auch Janno gingen \u00f6fter in K\u00fchns Kartenzimmer. Ich glaube, sie empfanden es als eine Art Auszeichnung, wenn er sie &#8220;hinbeorderte&#8221;, mal wieder die aufgerollten Karten zu sortieren. \u00dcbrigens keine schwere Aufgabe, denn die erw\u00fcnschte Reihenfolge war allen bekannt, die K\u00fchn im Laufe des Schuljahrs in sein Kartenzimmer beordert\u00a0 hatte, auch mir. Ganz rechts stand China mit dem gro\u00dfen F\u00fchrer des Proletariats, Mao Tse-Tung. Daneben gleich das Vaterland des Proletariats, die Sowjetunion mit ihren 12, oder waren es sogar 14 Zeitzonen?, und nat\u00fcrlich mit Stalin, der sogar der Hirse das Wachsen beigebracht hatte, wie Herr K\u00fchn sagte. Das hatte er von einem ber\u00fchmten Dichter, den er aber wohl nicht so mochte. Man sah\u2019s an seinen heruntergezogenen Mundwinkeln, wenn er dessen Namen erw\u00e4hnte. Aber vielleicht mochte er auch nur keine Hirse. Ich \u00fcbrigens auch nicht. Oma Martha, die in unserer Wohnung ein halbes Zimmer bewohnte, \u00a0machte sie manchmal f\u00fcr sich, wenn nichts weiter da war. Sie wollte mir dann auch immer etwas abgeben, um mir etwas Gutes zu tun, wie sie sagte. Ich nahm aber nichts, was sie mit einem resignierten Blick quittierte. Nach der gro\u00dfen Sowjetunion kam schon die Deutschlandkarte mit R\u00fcgen und Rhein und Bonn, wo sich die Bonner Ultras eingenistet hatten. Ganz links kamen dann die USA, mit den unterdr\u00fcckten Negern, Kriegstreibern, Indianern, Cowboys und nat\u00fcrlich Elvis. Noch weiter links standen ein paar Landkarten, die er uns nie gezeigt hat. Sie sahen br\u00fcchig und verstaubt aus. Auf einer konnte ich ganz oben rechts noch \u201chland 1914\u201d sehen. Obwohl ich gern gewusst h\u00e4tte, was das f\u00fcr Karten waren,\u00a0habe ich sie nie aufgerollt, selbst wenn ich allein im Kartenzimmer gewesen bin.<\/p>\n<p>Nachdem Frau Herrlich auch im Flur nicht mehr zu sehen war, hing so etwas wie ein Summen im Klassenzimmer. Einige Jungs und auch ein paar M\u00e4dchen liefen in den G\u00e4ngen zwischen den Bankreihen herum, h\u00fcpften von links nach rechts oder umgekehrt \u00fcber ihre B\u00e4nke und eckten einander an.\u00a0 Atze war am schlimmsten. Er rannte Monika hinter her. Die anderen kramten nach Bleistiften, Heftern, Radiergummis, oder was auch immer, wie unbeteiligt in ihren Schultaschen oder sahen angestrengt aus dem Fenster. Janno sah sich die ganze Szene wie unbeteiligt von seiner Bank aus an. Da fuhr wie jeden Tag die Neun-Uhr-F\u00fcnfer vorbei. Man konnte sie zwar nicht sehen, aber gut h\u00f6ren, weil unsere Schule gleich neben der Stra\u00dfenbahnhaltestelle lag. 9:05, 9:15, 9:25. Bis 9:50 hielt alle 10 Minuten eine, dann nur noch alle 20 Minuten. So konnten wir uns wenigstens \u00fcber die langweiligsten Stunden hinweg zeitlich orientieren. Wie z. B. in Mathe. Manchmal wetteten wir, ob die 9:45iger zu sp\u00e4t kommen und genau dann quietschend anhalten w\u00fcrde, wenn um 10 vor zehn die Klingel im Flur laut den Beginn der Pause ank\u00fcndigte. Die Gewinner bekamen dann von den anderen je eine Zigarette, die sie entweder auf der Toilette oder w\u00e4hrend der Mittagspause auf dem Schulhof pafften, was nat\u00fcrlich nicht erlaubt, aber sehr beliebt war.<\/p>\n<p>Rechts hinter mir redeten Kalle und Gerd mit gepressten Stimmen auf einander ein. Es musste ein wichtiges Thema sein. Warum redeten die eigentlich nicht auch mit mir? Ich drehte mich aber trotzdem zu ihnen um. Ihre Wangen waren ganz rot, und auf Gerds Stirn bildeten sich kleine Schwei\u00dfperlen. Leider verstand ich nicht genau, was sie sagten, weil zu Viele in der Klasse quatschten oder sonst wie laut waren. Gerd machte mit seiner rechten Hand eine Art offene Faust, die sich rhythmisch von oben nach unten bewegte, wobei er Kalle ein wenig prahlerisch ansah. Und dann h\u00f6rte ich ihn sagen, dass da, wobei er auf seinen Sack zeigte, so eine dicke wei\u00dfe Fl\u00fcssigkeit rausk\u00e4me. Was f\u00fcr eine Fl\u00fcssigkeit, wo raus? Wenn man pinkeln geht, kommt doch nichts Wei\u00dfes raus, dachte ich, drehte mich wieder um und holte mein Deutschbuch aus der Schultasche. Irgendwie sch\u00e4mte ich mich f\u00fcr sie. Nur gut, dass Gitta diese Gespr\u00e4chsfetzen nicht mitbekommen hatte.\u00a0 Gitta war n\u00e4mlich ganz anders als die anderen M\u00e4dchen, viel netter und zarter, fand ich. Sie hatte meist einen dunkelblauen Rock an, den sie zu ihrer wei\u00dfen Pionierbluse und dem blauen Halstuch trug. Seit Anfang der 8. zog sie auch \u00f6fter einen schwarzen oder rosa Pullover \u00fcber ihre Bluse. Das blaue Halstuch, selbst wenn sie eins anhatte, war dann nat\u00fcrlich nicht zu sehen. Gitta mochte mich auch, bildete ich mir ein. Warum w\u00fcrde sie sonst freiwillig neben mir sitzen. \u00a0Manchmal lie\u00df sie mich sogar abschreiben, obwohl das eigentlich gegen ihre Ehre als Th\u00e4lmannpionierin ging.<\/p>\n<p>Fast noch schlimmer als Mathe war Deutsch f\u00fcr mich, jedenfalls heute, denn eigentlich las ich Geschichten und Romane sehr gern, besonders wenn sie spannend waren. Aber bis heute h\u00e4tten wir drei Kapitel aus einem russischen Roman, lesen sollen.<i> Wie der Stahl geh\u00e4rtet wurde<\/i>, hie\u00df er. Mir fehlten aber noch immer die letzten Seiten, weil ich gestern einfach nicht zum Lesen gekommen war. Mir war deshalb mulmig zu Mute, weil K\u00fchn mich oft aufrief. \u00a0Zum Beispiel, wenn niemand auf seine Fragen reagierte, zeigte er mit seinem langen schlanken Zeigefinger meist auf mich und fragte ironisch: \u201cNa, hat unser Literaturspezialist dazu eine Meinung?\u201d \u00a0Meist konnte ich etwas sagen, nicht, dass ich damit bei den anderen beliebt geworden w\u00e4re, aber heute? Ich h\u00e4tte wie dumm dagestanden. \u00a0Wenn ich nur gewusst h\u00e4tte, wie das mit Pawel und Rita in dem \u00fcberf\u00fcllten Zug ausgegangen war.<\/p>\n<p>Die Sorge hatte Atze offenbar nicht. Der lief noch immer hinter Monika her.\u00a0 Aber die war schneller, lachte, sprang \u00fcber den Sitz der Bank vorne links, lief um die n\u00e4chste herum und dann rechts um die Ecke. Doch dann verfing sie sich mit ihrem Rocksaum an einer scharfen Kante und fiel mit ihrem R\u00fccken auf den Sitz der n\u00e4chsten Sitzbank. Atze landete wie aus Versehen genau auf ihr und wollte sie k\u00fcssen. Aber Monika schupste ihn lachend zur Seite. Schnell sammelte sich eine kleine Gruppe um die beiden. Irgendwie hatte sich Monikas Rock nach oben verschoben, so dass der Saum ihres gr\u00fcnen Schl\u00fcpfers zu sehen war. \u00a0Atze versuchte es mit dem K\u00fcssen noch einmal, was Monika erneut zum Lachen brachte. Schlie\u00dflich bewegte er sich rhythmisch auf ihrem Bauch hin und her, und nun h\u00f6rte Monika mit ihrem Lachen auf, denn die Bank unter ihrem R\u00fccken war sicher ganz sch\u00f6n hart. Neben mir stand auf einmal Gitta. Unwillk\u00fcrlich nahm ich behutsam ihre Hand in meine. Sie bekam einen ganz roten Kopf, zog ihre Hand langsam zur\u00fcck, blieb aber neben mir stehen.<\/p>\n<p>Janno wurde Atzes hin und her rutschen auf der Bank offenbar zu viel. \u201cHe, ich hatte dir doch gesagt, du sollst an die T\u00fcr&#8221;, schrie er ihn an. \u00a0Atze wagte nicht zu widersprechen. Gehorsam ging er zur T\u00fcr, w\u00e4hrend sich Monika aufrappelte und sich l\u00e4ssig auf ihre Bank zur\u00fcckzog. Dann kramte sie einen Lippenstift aus ihrer Schultasche und begann, sich ihre Lippen zu bemalen, wobei sie ab und zu auf ihren rot gerahmten Taschenspiegel sah.<\/p>\n<p>\u201cWo hast Du denn den Lippenstift her?\u201d, fragte Heidi.<\/p>\n<p>\u201cNa von wo schon, von Wertheim!\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd das Westgeld daf\u00fcr?\u201d<\/p>\n<p>\u201cBrauchst de da nicht. Du l\u00e4sst Dir &#8216;n paar zeigen, und einer verschwindet dann einfach in Deiner Tasche.\u201d<\/p>\n<p>Heidi kuckte sie bewundernd an.<\/p>\n<p>\u201cWirklich? Und wenn sie Dich nun kriegen?\u201d<\/p>\n<p>\u201cPassiert nicht viel. Wenn die merken, dass Du aus\u2019m Osten bist, schmei\u00dfen sie Dich einfach raus. Und das isses dann. Viel k\u00f6nnen se ja sowieso nicht machen. Einmal hat mir &#8216;ne Verk\u00e4uferin sogar einen geschenkt. Der war zwar schon leicht gebraucht, hab ihn aber trotzdem behalten, weil er &#8216;ne ganz tolle, hellrote Farbe hatte und nicht so schmierte.\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd an der Grenze?\u201d<\/p>\n<p>\u201cAch die Vopos. F\u00fcr die bin ich doch total uninteressant.\u00a0 Die sind jetzt viel zu besch\u00e4ftigt mit Leuten, die mit Rucks\u00e4cken in den Westen nach Mariendorf fahren. Wahrscheinlich \u2018n paar idiotische Zonenbauern, die abhauen wollen. \u00a0Dass die sich nicht denken k\u00f6nnen,\u00a0 dass man, wenn man abhauen will, nicht mit Rucks\u00e4cken in den Westen f\u00e4hrt.\u201d<\/p>\n<p>Jetzt rannte Janno Heidi hinterher. Von der wollte er schon lange was, das war allen klar. Sie hatte den gr\u00f6\u00dften Busen in der 8c. Gerd lief ihr von der anderen Seite entgegen. Heidi rannte so schnell sie konnte um die mittlere Bankreihe herum. Doch die zwei stellten sie in der Mitte. Gerd hielt sie fest. \u00a0Janno schob seine Hand unter ihre Bluse. Gerd machte sich unter ihrem Rock zu schaffen. Anfangs wehrte sie sich und versuchte, die beiden von sich zu sto\u00dfen. Einmal gelang es ihr sogar, Gerd mit ihren Fingern\u00e4geln das Gesicht so zu zerkratzen, dass er anfing zu bluten. \u00a0Doch das schien ihn nicht zu st\u00f6ren. Schlie\u00dflich hielt sie wie ein erm\u00fcdetes Tier inne, sich zu wehren und sackte auf dem Boden zusammen. Niemand, der um sie Herumstehenden sagte ein einziges Wort. Auch Heidi blieb eine scheinbare Ewigkeit stumm. Langsam lief ihre schwarze Augenschminke von den Wimpern aus \u00fcber ihre Wangen, und ihre Schultern begannen zu zucken, w\u00e4hrend sie sich mit beiden Armen auf dem braunen Linoleumfu\u00dfboden abst\u00fctzte. Schweigend lie\u00dfen Janno und Gerd von ihr ab und gingen zu ihren B\u00e4nken. Gitta und ich standen mit ein paar anderen weiter hinten und taten so, als h\u00e4tten wir nichts bemerkt. Gittas braune Augen hinter ihrer Brille f\u00fcllten sich mit Tr\u00e4nen. Sie drehte sich von mir weg und ging auf ihren Platz. Ich musste unwillk\u00fcrlich schlucken.<\/p>\n<p>Auf einmal rief Atze: \u201cK\u00fchn kommt, K\u00fchn kommt&#8221;, und dann schrillte auch schon die Klingel. Herr K\u00fchn kam herein. Wir sprangen auf und stellten uns neben unsere B\u00e4nke.<\/p>\n<p>\u201cGuten Morgen\u201d, \u00a0gr\u00fc\u00dfte er.<\/p>\n<p>\u201cGuten Morgen, Herr K\u00fchn\u201d, erwiderten wir.<\/p>\n<p>\u201cSetzt euch!\u201d<\/p>\n<p>Herr K\u00fchn setzte sich heute nicht auf seinen Stuhl, sondern auf den Lehrertisch.\u00a0 Aus irgendeinem Grund war er wohl guter Laune. Man sah es an seinem ironischen L\u00e4cheln und an der roten Nelke im Revers seines hellen Sakkos. \u201cDer war gestern wieder im Westen, am Kudamm\u201d, fl\u00fcsterte Monika ihrer Banknachbarin Petra zu. Die kuckte nur fragend.<\/p>\n<p>\u201cNa, der hat da doch &#8216;nen Freund.\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd woher wei\u00dft Du das?\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch hab die mal gesehen\u201d, antwortete Monika. Meine G\u00fcte, dachte ich, entweder wei\u00df Monika wirklich alles oder die spinnt.<\/p>\n<p>Herrn K\u00fchns gute Laune brachte uns wieder Mal eine Sternstunde, denn nun konnten wir ihn ablenken, indem wir ihn dazu \u00fcberredeten, uns etwas vorzusingen. Herr K\u00fchn nahm n\u00e4mlich Gesangsunterricht. Das fanden die meisten von uns ziemlich albern, Operns\u00e4nger wollte er eigentlich einmal werden. Was das schon war! Aber sein Gesang verk\u00fcrzte die Unterrichtsstunde, und manchmal gefiel es uns auch, wie er sich in Pose warf und dann sein Lieblingslied sang. Dar\u00fcber mussten wir nat\u00fcrlich lachen, doch er \u00fcberging das dann immer und sang einfach weiter.<\/p>\n<p>Katrin schnippte mit den Fingern. \u201cJa bitte, Katrin, was gibt\u2019s denn?\u201d<\/p>\n<p>\u201cHerr K\u00fchn, Herr K\u00fchn, k\u00f6nnten Sie uns nicht das Lied von der Forelle vorsingen? Bitte!\u201d<\/p>\n<p>\u201cNa ja, eigentlich wollten wir ja \u00fcber Pawel Kortschagin und Rita sprechen. Aber, na gut, weil heute das Wetter so sch\u00f6n ist\u201d, l\u00e4chelte er ironisch.<\/p>\n<p>Herr K\u00fchn stellte sich aufrecht vor den Lehrertisch, warf seinen Kopf nach hinten, Kinn nach oben, atmete tief durch und begann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cIn einem B\u00e4chlein helle,<br \/>\nDa schoss in froher Eil<br \/>\nDie launige Forelle<br \/>\nVor\u00fcber wie ein Pfeil. [&#8230;]\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Wort Pfeil angelangt, fing er an, wiegend durch die Bankreihen zu gehen, wobei er sich bei den Reimw\u00f6rtern in der dritten Strophe &#8220;Rute&#8221; und &#8220;kaltem Blute&#8221; besonders den Jungs zuwandte. Die meisten lachten an dieser Stelle, aber mir wurde traurig zu Mute. Am Ende klatschten wir nat\u00fcrlich alle und wollten ihn zu einer Wiederholung oder einem \u201cda capo\u201d, wie er es nannte, verlocken, aber jetzt lie\u00df er nicht mehr mit sich reden.<\/p>\n<p>\u201cNehmt bitte Eure Deutschb\u00fccher heraus. Bis heute solltet Ihr bis zu der Stelle lesen, an der Pawel und Rita im \u00fcberf\u00fcllten Zug zu einer wichtigen Konferenz fahren m\u00fcssen. Kann mir jemand erkl\u00e4ren, worin die Bedeutung dieser Stelle liegt?\u201d<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Schweigen. Niemand meldete sich. Auch sein Mustersch\u00fcler f\u00fcr Literatur, Karsten, nicht. Also behalf er sich, gl\u00fccklicherweise, indem er Janno bedeutete, er solle doch mal folgenden Abschnitt vorlesen. Und Janno las:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>F\u00fcr ihn war Rita unantastbar. Sie war seine Freundin, seine Genossin im Kampf, sein politischer Leiter. Dass sie auch eine Frau war, hatte er zum ersten Mal heute auf der Br\u00fccke empfunden, und deshalb erregte ihn diese Umarmung sehr. Pawel sp\u00fcrte ihre tiefen, gleichm\u00e4\u00dfigen Atemz\u00fcge, irgendwo ganz nahe waren ihre Lippen. Diese N\u00e4he erweckte in ihm den un\u00fcberwindlichen Wunsch, ihre Lippen zu suchen, und nur mit \u00e4u\u00dferster Willensanstrengung konnte er sich bezwingen.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herr K\u00fchn wandte sich nun noch einmal an die Klasse. \u201cWas will uns der Autor Ostrowski mit diesen S\u00e4tzen sagen. Und hier m\u00f6chte ich besonders von den Herren der Sch\u00f6pfung h\u00f6ren.\u201d Fragend sahen wir einander an. Janno schien sogar best\u00fcrzt. Nur Atze konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Was wusste K\u00fchn? Ich schaute Brigitte an, deren Gesicht schon wieder zu gl\u00fchen schien. Da war der Zeigefinger, und der deutete direkt auf mich. \u201cHerr Wegner, Sie wollten etwas sagen?\u201d \u00a0Ich stand auf. Eigentlich nicht, dachte ich. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Verzweifelt suchte ich nach einer Antwort. Was konnte ich nur antworten? \u00a0\u201cNa ja, das war doch eine revolution\u00e4re Situation\u201d, fiel mir gerade noch ein. So ein Satz stimmte immer, dachte ich mir, &#8220;und Pawel und Rita mussten doch beide zu einer wichtigen Parteikonferenz fahren, und da kann man doch nicht, ich meine&#8230;\u201d Was meinte ich nur? Weder wusste ich die Antwort, noch konnte ich genau verstehen, worum es eigentlich ging. K\u00fchn musste meine Not bemerkt haben und l\u00e4chelte mir aus den Augenwinkeln zu. Ich begann zu schwitzen. \u201cDer Autor sagt doch, dass Rita eine Genossin, also eine Kommunistin, ist, da kann man doch, da kann man doch nicht an ihre Lippen, ich meine, da muss man doch an die gemeinsame Sache denken, fiel mir gerade noch ein. \u00a0\u201cSehr richtig, setzen Sie sich, Karsten\u201d, beendete K\u00fchn mein Gestammel. \u201cUnd die anderen, was meinen die anderen&#8221;, fuhr K\u00fchn fort. Doch die anderen schwiegen weiter verlegen oder grinsend oder tuschelten mit ihren Banknachbarn. Da quietschte und kreischte es auf der Stra\u00dfe wie Metall auf Metall, und gleichzeitig klingelte es zur Pause. Die 9:Uhr 45ger. So ein Pech, dachte ich, gerade heute hatte ich nicht gewettet.<\/p>\n<p>\u201cNa gut\u201d, sagte Herr K\u00fchn, \u201cdie Pause muss man ehren. Daf\u00fcr schreibt Ihr mir bis Donnerstag einen dreiseitigen Aufsatz zur Darstellung der Liebe in dem Buch <i>Wie der Stahl geh\u00e4rtet wurde.<\/i> \u00a0Ach, und noch etwas, ich m\u00f6chte Sie daran erinnern, dass am Sonntag um 14 Uhr \u00a0Ihre Jugendweihe im &#8216;Theater der Freundschaft&#8217; an der Parkaue stattfindet. Bitte p\u00fcnktlich erscheinen, wenn ich bitten darf. \u00a0Das ist ein wichtiger Wendepunkt in Ihrem Leben.&#8221;<\/p>\n<p>Am 31. April 1961 war der Wendepunkt da. Ab heute morgen war ich ein Erwachsener. \u00a0Noch merkte ich aber nichts davon. Es war noch fr\u00fch und ein Sonntag wie alle anderen Sonntage, langweilig. \u00a0Mutti und Vati lie\u00dfen mich wie jeden Sonntag, etwas l\u00e4nger schlafen, d. h. eigentlich schlief ich nicht, sondern versuchte, mir auszumalen, wie mein Leben als Erwachsener sein w\u00fcrde. Auf jeden Fall mehr Verantwortung, hatte uns ein Herr Schmidt von der Jugendweihekommission in den Vorbereitungsstunden erkl\u00e4rt. Aber was bedeutete das?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber nachgr\u00fcbelte, h\u00f6rte ich Vati im Badezimmer ein paar Holzst\u00fccke und Kohlen in den kleinen Ofen unter den Wasserboiler legen. Normalerweise wurde ja immer Sonnabend gebadet. Erst Mutti, dann Vati, und dann kam ich dran. Wann hat eigentlich Oma gebadet, \u00fcberlegte ich. Fiel mir aber nicht ein. Aber in dieser Woche war alles auf den Wendepunkt in meinem Leben verlegt worden, und heute lie\u00df man mir deshalb auch den Vortritt.\u00a0 Trotzdem musste ich nicht gleich aufstehen, denn ich hatte noch mindestens eine halbe Stunde Zeit. Solange dauerte es n\u00e4mlich, bis das Wasser im Boiler hei\u00df war. Also schnell noch mal die Bettdecke \u00fcber den Kopf gezogen und an das Erwachsensein gedacht. \u00a0Doch schneller als erwartet rief Mutti mit ihrer s\u00fc\u00dfesten Stimme, fast tirilierte sie: \u201cKarsten, aufstehen, das Badewasser ist fertig.&#8221; Und dann stimmte auch Vati mit dunkler und kraftvoller Stimme ein: \u201cReise Reise!\u201d Das &#8220;Reise, Reise&#8221; hatte er von seinem Vater, der Kapit\u00e4n auf einem K\u00fcstensegler gewesen war. Vati liebte diese Seemannsausdr\u00fccke. Na gut, dachte ich, Reise, Reise, Aufsteh\u2019n. Langsam ging ich ins Badezimmer, lie\u00df die H\u00e4lfte des Wassers in die Wanne und drehte dann die Dusche auf.<\/p>\n<p>\u201cMutti\u201d, rief ich in Richtung K\u00fcche, \u201cjemand muss mir mal den R\u00fccken waschen. Das Badezimmer lag gleich neben der K\u00fcche. Mutti hatte mir immer den R\u00fccken gewaschen. Nur in den letzten Monaten war sie oft verhindert gewesen. \u201cDas kannst Du doch allein machen\u201d, rief sie zur\u00fcck. \u201cN\u00f6, ich komm da nich ran\u201d, antwortete ich. Eigentlich war mir dieses R\u00fcckenwaschen schon seit einiger Zeit peinlich, weil ich beim Waschen \u00f6fter einen halben Steifen bekam. \u201c&#8221;Nen Steifen haben\u201d war was Peinliches. Aber nicht den R\u00fccken gewaschen zu bekommen war unhygienisch. Munter rief ich: \u201cDas Wasser wird kalt!\u201d<\/p>\n<p>Als sie ins Badezimmer kam, drehte ich mich vorsichtshalber mit dem R\u00fccken zu ihr. Sie seifte den Schwamm ein und begann meinen R\u00fccken zu schrubben, danach mein Genick und auch meine Achselh\u00f6hlen. &#8220;Aua, nicht so hart&#8221;, rief ich. Sie versuchte es etwas sanfter. Pl\u00f6tzlich sagte sie: \u201cMach mal allein weiter. Ich muss in die K\u00fcche, sonst brennen mir die Bratkartoffeln an.&#8221; Ich drehte mich halb zu ihr um und war erleichtert, sie aus dem Badezimmer gehen zu sehen. Au\u00dferdem waren Bratkartoffeln mit Speck und Ei mein Lieblingsfr\u00fchst\u00fcck, und die sollten auf keinen Fall anbrennen. Schnell noch das Haar gewaschen, gesp\u00fclt und dann in mein Zimmer zum Anziehen. Der Tag fing eigentlich gut an.<\/p>\n<p>Auf dem Bett lag mein neuer, blaugrauer Anzug. Mein erster. Dazu noch ma\u00dfgeschneidert. Mutti kannte noch einen privaten Schneider &#8212; viele gab es ja davon nicht mehr &#8211;, der gleich um die Ecke wohnte. Neben dem Anzug lagen ein Paar neue Unterhosen, \u00a0ein wei\u00dfes Hemd, eine rote Fliege, schwarze Socken und meine alten braunen Schuhe auf Hochglanz poliert. Da hatte Vati sicher eine halbe Stunde lang gewerkelt. Neue kaufen, w\u00e4re wahrscheinlich einfacher gewesen, aber die gab es jetzt kaum. Und wenn, dann waren sie zu teuer oder in einer falschen Gr\u00f6\u00dfe. Die Hamsterer aus dem Westen, die im Osten alles billiger aufkauften, hatten wohl mal wieder zugeschlagen. Man konnte so etwas \u00f6fter in der <i>BZ am Abend <\/i>lesen.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck ging Vati zum Wohnzimmerschrank, wo das gute Geschirr aufbewahrt wurde, und kam mit einer Flasche Adlershofer und zwei kleinen Gl\u00e4sern zur\u00fcck. Ich schaute ihn ungl\u00e4ubig an. Zu Sylvester heimlich Eierlik\u00f6r aus den noch halbvollen Schnapsgl\u00e4sern der Erwachsenen zu schlecken, war mir nicht fremd, aber Adlershofer mit Erlaubnis, das war schon etwas anderes. Vati f\u00fcllte sie, aber nur f\u00fcr uns beide. \u201cNa nimm schon\u201d, dr\u00e4ngte er, \u201cheute ist doch ein wichtiger Tag f\u00fcr dich. Also auf den neuen Erwachsenen\u201d, sagte er mit w\u00fcrdevoller Stimme. \u00a0Vorsichtig nahm ich das Glas und trank einen Schluck. \u201cNa ex\u201d, sagte Vati. Mann, wie das brannte! \u00a0Ich atmete tief ein. \u201cDas kann doch einen Seemann nicht ersch\u00fcttern. Iss ein St\u00fcck Brot hinterher&#8221;, sagte Vati l\u00e4chelnd.<\/p>\n<p>Kurz vor zwei waren wir alle vor dem &#8220;Theater der Freundschaft&#8221;. Ich meine, wirklich alle. Oma und ihre Tochter, Tante Hete, mit ihrem Mann, Karl, die zusammen in der Britzer Fritz-Reuter-Allee wohnten, und Onkel Otto mit seiner Frau Anna aus Neuk\u00f6lln. Selbst Muttis Schwester Gretel war extra aus D\u00fcsseldorf gekommen. Von den Ostlern waren eigentlich nur Vatis Bruder Paul und seine Frau Trude da. Vatis und Muttis Freunde hatten sich entschuldigt, was f\u00fcr mich kein gro\u00dfer Verlust war, denn selbst wenn sie mal zu meinem Geburtstag bei uns waren, gab es keine Geschenke. Also w\u00e4ren auch heute keine zu erwarten gewesen.<\/p>\n<p>Neben unserer Familiengruppe standen die Sch\u00fcler der anderen achten Klassen mit ihren Verwandten. Wir Jungen trugen zum ersten Mal einen richtigen Anzug mit Schlips oder Fliege. Die M\u00e4dchen knickten mit ihren St\u00f6ckelschuhen um und trugen ihre ersten seidenen Str\u00fcmpfe mit der Naht auf der R\u00fcckseite ihrer meist sehr d\u00fcnnen Waden. Dazu lange Kleider oder weite R\u00f6cke, Pettycoats, wie sie gerade Mode waren und wei\u00dfe Blusen. Einige M\u00e4dchen trugen noch ihren Pferdeschwanz, die meisten jedoch hatten ihre Haare mit Haarspray und Lockenwicklern hoch frisiert und kamen mir daher vor allem fremd vor.<\/p>\n<p>Punkt zwei Uhr winkte uns Gerlach, der Direktor unserer Schule, in den Eingang des &#8220;Theaters der Freundschaft&#8221;, geleitete uns in den Zuschauerraum und wies uns in unsere Bankreihen ein. Die Jungs aus der 8c mussten dabei lachen. Wir erinnerten uns noch gut an die Anweisung von Herrn K\u00fchn, der uns beschworen hatte, an den schon Sitzenden mit dem Gesicht zugewandt vorbeizugehen, denn wenn man ihnen den R\u00fccken zukehrte, k\u00f6nnte einem ja mal was Menschliches passieren, und das w\u00e4re dann furchtbar peinlich. Doch heute waren wir alle, ohne Peinlichkeiten zu verursachen, an unsere Sitze gelangt. Alle Sch\u00fcler setzten sich in die ersten Reihen, dann kamen die Lehrer und schlie\u00dflich die Verwandten. Zuerst gab es eine Begr\u00fc\u00dfung durch einen Schulrat. Was der wohl mit uns zu tun hatte? Dann machte ein kleines Orchester Musik: \u00a0Geigen, Klavier, Cello, und, ich glaube sogar, ein paar Trommeln und eine Pauke. Schlie\u00dflich kamen alle m\u00f6glichen Leute auf die B\u00fchne, gingen hinter das Rednerpult. Gerlach und Herr K\u00fchn hielten etwas l\u00e4ngere Reden. Besonders bei Gerlach ging es \u00fcberwiegend um unsere Treue zum Arbeiter- und Bauernstaat, um die Verteidigung seiner Errungenschaften, vor allem aber um unsere Pflichten im Kampf f\u00fcr den Sieg des Sozialismus. Klar, dass dazu die Bonner Ultras in Schach gehalten werden mussten, damit sie nicht durch das Brandenburger Tor marschieren konnten, um unser sozialistisches Gesellschaftssystem zu beseitigen, unseren Genossenschaftsbauern das Land wegzunehmen und\u00a0 es den Junkern zur\u00fcck zu geben. \u00a0Am Schluss sprach K\u00fchn. Ich glaube, er zitierte Schiller<a href=\"#_msocom_1\">[T1]<\/a>\u00a0 oder Goethe, Klassiker eben, deren Erben wir sein sollten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Immer strebet zum Ganzen.<\/p>\n<p>Und kannst Du nimmer ein Ganzes werden<\/p>\n<p>Als dienendes Glied<\/p>\n<p>Bind an ein Ganzes Dich an.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nEr zitierte nicht ohne Pathos, aber auch nicht ohne Ironie.\u00a0 Merkw\u00fcrdig. \u00a0Schlie\u00dflich waren diese Goethe und Schiller doch schon lange tot, und ich dachte eigentlich, Pawel und Rita sollten unsere Vorbilder sein. \u00dcberhaupt, ich hasste dieses Wort Erbe, und das Wort Vorbild auch. St\u00e4ndig wurden wir mit der Frage gel\u00f6chert, wer denn nun unser Vorbild war. Und jetzt sollten wir noch ein Ganzes werden oder uns wenigstens an das Ganze anbinden? \u00a0Waren Erbe, Vorbild und das Ganze identisch? \u00a0Vielleicht war das Ganze die \u201cgro\u00dfe gemeinsame Sache&#8221; oder die FDJ oder \u00a0die Partei. Vielleicht mussten wir uns ja wirklich irgendwo anbinden, \u00a0denn wie sollten wir so ganz allein zu einem Ganzen werden; das konnten nur Genossen wie Stalin oder Walter Ulbricht. Th\u00e4lmann hatte es sicher auch zu einem Ganzen geschafft, aber wir?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wurden wir alle auf die B\u00fchne gerufen und mussten dann, wie schon bei der Aufnahme in den Verband \u00a0der Jungen Pioniere, etwas geloben. Es gab zehn Grunds\u00e4tze, die wir unserem Direktor nachsprechen und mit einem \u201eJa, das geloben wir!\u201c best\u00e4tigen sollten. Was wir da auf der B\u00fchne versprachen, ist mir leider entfallen. Was werden die Westberliner zu diesem Gel\u00f6bnis gesagt haben? Mir war das Ganze ihretwegen peinlich. Aber die Britzer und Neuk\u00f6llner l\u00e4chelten nur aufmunternd. Wahrscheinlich dachten sie sich ihren Teil. Gesagt haben sie mir zur sozialistischen Weihe jedenfalls nichts. Am Ende der Veranstaltung bekamen wir noch ein Buch geschenkt. Es hie\u00df <i>Weltall, \u00a0Erde, Mensch<\/i>, ein Buch, das ich aber schon hatte, weil es mir Onkel Paul und Tante Trude schon zu Weihnachten geschenkt hatten, wor\u00fcber ich mich noch heute \u00e4rgere. Die h\u00e4tten mir ja auch mal was Ordentliches schenken k\u00f6nnen. Und wenn schon ein Buch, dann wenigstens einen Karl May, den ich noch nicht hatte. Haben sie aber nie.<\/p>\n<p>Nach dem Festakt liefen wir alle zu unserer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Ruschestra\u00dfe, wo schon Oma Martha auf uns wartete, weil sie wegen ihrer geschwollenen F\u00fc\u00dfe nicht zum &#8220;Festakt&#8221; mitgekommen war und stattdessen ein paar Schnitten f\u00fcr alle zubereitet und den Tisch gedeckt hatte. Als wir alle im Wohnzimmer standen, bat Vati alle mit einem Glas Wein auf mich anzusto\u00dfen.\u00a0 Selbst ich war zu meiner Verwunderung in diese Aufforderungen einbezogen. Doch nun kam das Beste. Onkel Otto zog mich in mein kleines Zimmer und gab mir ein kleines P\u00e4ckchen. \u201cNa, mach schon auf\u201d, ermutigte er mich. Es war ja ein bisschen klein f\u00fcr einen Wendepunkt in meinem Leben. Aber neugierig war ich nat\u00fcrlich doch. Ich packte also aus und brachte eine wundersch\u00f6ne braune Lederbrieftasche zum Vorschein. Ich schaute sie mir an und betastete sie: ganz weich. Ich war gl\u00fccklich. Ein Erwachsener brauchte eine Brieftasche. Und nun hatte ich\u00a0 eine so weiche, lederne. \u201cNun mach die doch mal auf\u201d, forderte mich Onkel Otto noch einmal auf. Inzwischen hatten sich schon andere Verwandte um uns gescharrt. Ich guckte mich um. \u201cMach auf, mach auf\u201d, riefen die anderen. \u00a0Eigentlich wollte ich sie ja ganz alleine aufmachen, um ganz alleine meinen neuen Reichtum zu bestaunen, aber na ja, es ging eben \u00a0nicht. Also machte ich sie auf, und da lagen doch wirklich f\u00fcnf neue Zehn-Mark-Scheine, Westmark, wohlgemerkt, in einem der Seitenf\u00e4cher. Ich machte gro\u00dfe Augen. Damit konnte man dr\u00fcben beim KDW mindestens f\u00fcnf Pfund Kaffee kaufen, vom Guten. Aber nun kamen ja noch die anderen, die Britzer, die meine Brieftasche weiter auff\u00fcllten. Am Ende muss ich fast 100 DM gehabt haben. Mutti staunte nicht schlecht. \u201cHundert Westmark, wenn ich die umtausche, kriege ich so viel wie das Monatsgehalt deines Vaters&#8221;, sagte sie bewundernd. Ich war stolz, ein Gef\u00fchl, in das sich sofort ein wenig Angst mischte. Sie wollte doch nicht etwa mein Westgeld umtauschen. Ich wollte ihr doch etwas Sch\u00f6nes vielleicht ein paar gute St\u00fcckchen Seife kaufen, die Westseife roch ja immer so gut. \u00a0Au\u00dferdem wollte ich mit Gitta noch dr\u00fcben ins Kino gehen. Da wurde gerade <i>Windjammer<\/i> auf Breitwand im Europa Center gespielt. Janno, \u00a0Monika, Atze und Heidi hatten den Film schon gesehen und fanden ihn toll. &#8220;Mann, diese gebl\u00e4hten Segel, die hohen Atlantikwellen mit der wei\u00dfen Gischt, und wie die Matrosen in den Mast kletterten. Das w\u00e4r mal was,&#8221; meinte Janno.<\/p>\n<p>Der Festakt ging dann mit Kaffee und Kuchen weiter. Sp\u00e4ter gab es die von Oma gemachten Schnitten, die sie mit Jagd- und Leberwurst belegt hatte. Danach gab es Lik\u00f6r f\u00fcr die \u201cDamen\u201d und f\u00fcr die M\u00e4nner Bier und Adlershofer Wodka, den Onkel Otto Russenschnaps nannte, was ihm aber keiner \u00fcbel nahm, weil er n\u00e4mlich, so zu sagen als Entschuldigung noch Whisky und echten franz\u00f6sischen Cognac aus seiner Aktentasche auspackte. Dieser Teil der Familienfeier dauerte lange, f\u00fcr mich viel zu lange. \u00a0Daraus wurde n\u00e4mlich ein langes Bes\u00e4ufnis, das Tante Trude auf ihrer Klampfe mit Liedern aus der Wandervogelzeit begleitete. Die anderen fanden ihr Klimpern und ihren Gesang irgendwie aufmunternd, denn sie stimmten beim Nachf\u00fcllen der Gl\u00e4ser immer wieder mit ein, wenn auch nur in die Anf\u00e4nge der ersten Strophen. Nur Tante Gretel hielt sich fern und setzte ihr vornehmes Gesicht auf. Als D\u00fcsseldorferin und Chefsekret\u00e4rin war ihr diese Berliner Verwandtschaft zu proletarisch. Lange hielt es Tante Trude aber bei den \u201cDrei Zigeunern\u201d , der \u201cWahren Freundschaft\u201d und in \u201cIn einem tiefen Wiesengrunde\u201d nicht aus, weil Onkel Karl eine ganze Packung einzeln eingewickelter Zigarren mitgebracht hatte, deren blauer Qualm sie st\u00e4ndig zum Husten brachte. Tante Trude wollte mal S\u00e4ngerin werden,, hatte Mutti mir einmal erz\u00e4hlt. Doch bei diesem Rauch klang ihre Stimme ein wenig d\u00fcnn und kr\u00e4chzend.<\/p>\n<p>Am interessantesten waren noch die Gespr\u00e4che, obwohl es eigentlich auch immer die gleichen waren. Mutti erlebte ihren 21. Geburtstag wieder im gro\u00dfen Luftschutzkeller des \u00a0Flakturms am Friedrichshain, Hete und Vatis Mutter, die auch Hete hie\u00df, und Onkel Karl wurden im Dezember 1943 am Wedding ausgebombt und konnten noch von der Stra\u00dfe aus sehen, wie eines ihrer Lieblingsgem\u00e4lde, Opas selbstgemaltes Bild seines K\u00fcstenseglers, brennend von der Wohnzimmerwand fiel, Vati versteckte sich in den letzten Wochen des Krieges vor den Kettenhunden der Wehrmacht und der SS in einem Keller, und Onkel Paul zog mit einem Pferdefuhrwerk &#8212; wo er das nur her gehabt hatte? &#8212; kurz nach Kriegsende nach Berlin, bereit, jeden der ihm das Pferd klauen wollte, mit seiner 08 zu erschie\u00dfen. Gl\u00fccklicherweise wollte aber keiner. Nachdem sie das Thema \u00a0Krieg hinter sich gelassen hatten, ging es noch weiter r\u00fcckw\u00e4rts. Die Britzer und Neuk\u00f6llner kamen n\u00e4mlich aus der alten Vor-33iger-SPD, w\u00e4hrend Vati und Onkel Paul 1930 in die KPD eingetreten waren. \u201c Als der Reichstag brannte, h\u00e4tten wir losschlagen sollen. Die Waffen hatten wir ja&#8221;, sagte Onkel Paul. \u201cDie lagen n\u00e4mlich in unseren Bootsh\u00e4usern, zum Beispiel bei uns, im Ruderklub &#8220;Freiheit&#8221;. Wenn wir da entschlossen zugeschlagen h\u00e4tten, h\u00e4tten wir die ganze braune Schei\u00dfe nicht jekriegt.&#8221; &#8220;Ihr Idioten, dann h\u00e4tten wir die rote jehabt&#8221;, schrien Karl und Otto. &#8220;Ihr Kommunisten habt doch die Republik verraten. F\u00fcr Euch waren wir doch Feinde,\u00a0 Sozialfaschisten, und beim BVG-Streik habt ihr mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht, oder?&#8221;<\/p>\n<p>Oh, oh, das konnte hei\u00df werden, dachte ich. \u00a0Aber Tante Hete rettete die Situation, indem sie den M\u00e4nnern vorschlug, doch noch einen zu trinken, was die auch willig taten. Onkel Paul schlief kurz darauf ein, nicht ohne zu sagen, was er bei diesem Stand seines Bes\u00e4ufnisses mit weinerlicher Stimme bei Familienfeiern immer von sich gab: \u201cDass die Partei unseren Teddy nicht besser gesch\u00fctzt hat, das werde ich ihr nie vergessen.\u201d<\/p>\n<p>Vergessen jedoch waren ich und mein gro\u00dfer Wendepunkt. Daher verzog ich mich unbemerkt ins Bett. Doch mit Einschlafen war nicht viel. \u00a0Ich dachte an Gitta und nahm mir vor, irgendwann in den n\u00e4chsten beiden Wochen mit ihr ins Europa Center zu gehen, um uns <i>Windjammer<\/i> anzusehen. Hinterher vielleicht Eis bei Kranzler, das ich ihr l\u00e4ssig mit dem Jugendweihegeld spendieren konnte. Und danach? Ich war mir nicht sicher, aber ich wollte mal bei Kalle nachfragen, wie man ein M\u00e4dchen k\u00fcsst. Sicher wusste er das. Aber ob Gitta das wollte? Auf einmal kam dann dieses Ger\u00e4usch. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass Tante Gretel auf einer Liege in Oma Marthas Zimmer schnarchte. Regelm\u00e4\u00dfig und sehr laut, so dass es durch zwei T\u00fcren bis zu mir vordrang. Ab und zu setzte es aber auch aus, und dann h\u00f6rte ich etwas, was so klang, als w\u00fcrde sie sich verschlucken. Wenn sie sich nur mal richtig verschlucken w\u00fcrde, dachte ich, dann w\u00fcrde sie vielleicht aufh\u00f6ren, mit ihrem Nasenerker, &#8212; Nasenerker war auch ein Lieblingswort von Vati &#8212; solchen Krach zu machen. Aber auch aus dem Wohnzimmer kamen noch Ger\u00e4usche, weil die Britzer, Neuk\u00f6llner und Adlershofer nicht ohne Grund noch da waren. Denn erstens fuhren S- und U-Bahnen nicht mehr, und zweitens ging Onkel Paul sowieso immer erst, wenn auch die letzte Flasche leer war. Leider hatte aber, als ich ins Bett ging, noch eine halbe Adlershofer auf dem Tisch gestanden, \u00a0vom\u00a0 Berliner Pilsner, das \u00a0Vati \u201cnur f\u00fcr den Notfall\u201d in der mit kaltem Wasser gefluteten Badewanne gelagert hatte, ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Nach mehrmaligem Besingen des jungen Stiefels, der leider sterben musste, griff Tante Trude noch einmal zur Klampfe und versuchte, ihren Mann durch weiteres Singen wenigstens vom Wodka abzuhalten. Gleich am Anfang war diesmal \u201cHoch auf dem gelben Wagen\u201d dran, in das selbst die Britzer noch einstimmten. Tante Trude wollte mit dem Lied nat\u00fcrlich an Abschied und Heimgehen erinnern. Immerhin war es inzwischen ja schon fast Morgen, aber Onkel Paul muss an anderes gedacht haben, denn mitten im Lied, als es hie\u00df \u201cstatt der Peitsche die Hippe\u201d, schien seine Stimme leiser zu werden. Doch dann verlangte er laut von seinem Bruder, er solle ihm sofort noch ein gro\u00dfes Glas Adlershofer r\u00fcberreichen. Irgendwann muss ich dann zwischen Singen und Schnarchen doch noch eingeschlafen sein.<\/p>\n<p>Leider kam es zu meinem ertr\u00e4umten Kinobesuch nicht mehr. \u00a0Das lag an Gittas Eltern. \u00a0Am ersten Mai waren wir noch zusammen mit den Lehrern und Sch\u00fclern unserer Schule \u00fcber den Marx-Engels-Platz marschiert. Es war erster Mai, der Feiertag der Werkt\u00e4tigen. \u00a0Und mindestens eine Million Ostberliner und ihre Westberliner Genossen von der SED und KPD demonstrierten an der Ehrentrib\u00fcne vorbei. Gitta hatte wieder ihren blauen Rock und ihr wei\u00dfes Pionierhemd an. Ihr blaues Halstuch bewegte sich sachte im Wind, und ihr Pferdeschwanz, den sie mit einem bunten Gummi am Hinterkopf zusammengezogen hatte, wippte beim Marschieren hin und her. Aber diesmal hatte sie keine Brille auf, weil sie die ja nur zum Lesen brauchte, und heute brauchte man nicht lesen. Die vielen Transparente interessierten eigentlich niemanden, und au\u00dferdem waren \u00fcberall Lautsprecher installiert, durch die ein sehr begeisterter Sprecher alles erkl\u00e4rte, was man sowieso um sich herum sah. Na ja, nicht alles, \u00a0wie z. B. die Planerf\u00fcllungen und die Ernteerfolge der Genossenschaftsbauern vom vergangenen Jahr, wie die Fr\u00fchjahrssaat jetzt so viel schneller ging, da alle Bauern sich in LPGs organisierten; und wie immer klang die begeisterte Stimme aus den Lautsprechern auf einmal entr\u00fcstet und drohend, als sie das gef\u00e4hrliche Treiben der Bonner Ultras, der Saboteure \u00a0und der Agenten des Imperialismus verdammte.<\/p>\n<p>Gitta ist einfach sch\u00f6n, dachte ich und konnte nicht aufh\u00f6ren, hoffentlich unbemerkt, sie von der Seite anzusehen. Sie sah so, mir fiel nicht gleich das richtige Wort ein, sie sah so frisch aus, so mit einem l\u00e4chelnden, offenen Gesicht. Heute hatte sie keinen Pullover \u00fcber ihre wei\u00dfe Bluse gezogen. Es war ja auch schon warm. Ich stellte mir vor, wie sie in ein paar Tagen von <i>Windjammer<\/i> und Eis begeistert nur noch mich sehen w\u00fcrde. Aber wo w\u00fcrde ich sie k\u00fcssen, und vor allem wie? \u00a0Kalle war doch keine richtige Hilfe gewesen. Der schwafelte nur was von franz\u00f6sisch k\u00fcssen, aber was das war, wusste er auch nicht.<\/p>\n<p>Am Dienstag sa\u00df ich allein auf unserer gemeinsamen Schulbank. Vielleicht hatte Gitta verschlafen oder ist krank, vermutete ich. \u00a0Dumm war nur, dass ich diesmal mit den Mathehausarbeiten nicht fertig war. Ich hatte gehofft, dass sie mir noch vor Unterrichtsbeginn die Antworten f\u00fcr die letzten zehn Aufgaben geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie immer ging Herrlich am Anfang der Stunde die Anwesenheitsliste durch: &#8220;Janno?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Heidi?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Peter?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Karsten?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Horst?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Gerd?&#8221; &#8220;Hier!&#8221; &#8220;Brigitte?&#8221; Keine Antwort. &#8220;Brigitte?&#8221;, rief Herrlich noch einmal. Als wieder keine Antwort kam, fragte sie mich: &#8220;Karsten, wei\u00dft Du, wo Brigitte ist?&#8221; \u201cN\u00f6, keine Ahnung\u201d, antwortete ich, worauf Herrlich erwiderte: \u201cKarsten, es hei\u00dft nicht \u2018N\u00f6\u2019, sondern \u2018Nein\u2019. Sprechen Sie wenigstens im Unterricht ein anst\u00e4ndiges Deutsch. Wei\u00df sonst jemand, warum sie nicht hier ist?\u201d \u201cIch glaube, sie hat eine Erk\u00e4ltung&#8221;, wagte Monika eine Erkl\u00e4rung. \u201cVielleicht hat sie sich auf der Demonstration erk\u00e4ltet.\u201d \u00a0Herrlich schaute sie missbilligend an, las noch die anderen Namen vor; dann ging es mit diesen linearen Gleichungen los, unser neues Thema. \u00a0Gl\u00fccklicherweise rief sie mich nicht auf, und so konnte ich mich auf die Stra\u00dfenbahnen konzentrieren, wobei ich bemerkte, dass sie so genau, wie es auf dem Fahrplan stand, nun auch wieder nicht waren. Nur die letzte, die manchmal zu sp\u00e4t kam, war heute auf die Sekunde p\u00fcnktlich. Als es dann endlich zur Pause klingelte, lief ich, ohne meine Hausarbeiten abzugeben, schnell am Lehrertisch vorbei auf die Toilette, und hoffte, dass Herrlich fr\u00fchestens am Abend merken w\u00fcrde, dass mein Heft fehlte.<\/p>\n<p>Auch am Mittwoch war Gitta nicht da. Und am Donnerstag sagte Herr K\u00fchn, dass die Eltern von Brigitte umgezogen seien und dass unsere Mitsch\u00fclerin deshalb in eine andere Schule kommen w\u00fcrde. Wieso das, fast am Ende der 8., dachte ich noch und merkte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog. H\u00e4tte sie mir nicht etwas sagen k\u00f6nnen? Und was ist mit <i>Windjammer<\/i> und Eis bei Kranzler? Nach dem Unterricht kam Monika an meiner Bank vorbei und fl\u00fcsterte mir zu, dass sie geh\u00f6rt h\u00e4tte, die Eltern seien nach \u201cdr\u00fcben\u201d gegangen. Au\u00dferdem h\u00e4tte Gitta ihr noch gestern gesagt, sie solle mir einen Gru\u00df bestellen. \u201cVerstanden habe ich das gestern ja nicht\u201d, vertraute sie mir an. \u201cK\u00f6nnte sie den, also dich, nicht selber gr\u00fc\u00dfen&#8221;, habe ich gedacht. Aber jetzt isses mir nat\u00fcrlich klar.\u201d<\/p>\n<p>Sie nicht mehr in meiner Schule und neben mir auf der Bank zu haben, war eigentlich nicht vorstellbar. Ich war wie erstarrt. Aber dann tr\u00f6stete ich mich und dachte, ich besuche sie einfach, und vielleicht klappt es mit <i>Windjammer<\/i> und Eis ja doch noch.<\/p>\n<p>\u201cWei\u00dft du, wo sie jetzt wohnt\u201d, fragte ich Monika.<\/p>\n<p>\u201cNee, aber wahrscheinlich im Fl\u00fcchtlingslager. Wei\u00df nicht, wo das ist.\u201d<\/p>\n<p>Ich hatte mal eins in der <i>Wochenschau <\/i>im Ringbahnkino an der S-Bahnhaltestelle Frankfurter Allee gesehen. Da wurde \u00fcber die menschenunw\u00fcrdigen Lebensumst\u00e4nde in den Lagern \u00a0berichtet.\u00a0 Verh\u00e4rmte Leute mit Rucks\u00e4cken und weinenden Kindern an der Hand, und alle hinter einem Drahtzaun. Da sollte jetzt auch Gitta sein? Ich schwor mir, sie zu finden, sobald sie aus dem Lager raus war und mit ihren Eltern eine eigene Wohnung hatte. Der Gedanke beruhigte mich etwas.<\/p>\n<p>Vier Wochen sp\u00e4ter bekamen wir in der Aula unsere Zeugnisse. Der Chor, an diesem besonderen Tag im Wei\u00df und Blau der Jungen Pioniere, sang \u201cIm Fr\u00fchtau zu Berge\u201d und \u201cUnsere Heimat\u201d. Heidi sagte ein Schillergedicht auf, irgend etwas \u00fcber einen Taucher. Gerlach las ein paar feierliche S\u00e4tze \u00fcber unsere Verantwortung f\u00fcr die Zukunft von einem Zettel ab. Und dann lag die Grundschulzeit hinter uns.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler der 8c gingen unterschiedliche Wege; Kalle wurde Malerlehrling, Gerd, Atze und Monika kamen auf eine Mittelschule und Heidi, Katrin und ich wurden auf den naturwissenschaftlichen Zweig einer Erweiterten Polytechnischen Oberschule delegiert. \u00a0Wie das schon klang, &#8220;Polytechnische Oberschule&#8221;, und dann wurden wir sogar noch delegiert. Vati freute sich sehr \u00fcber den Erfolg seines Sohnes. Ingenieur f\u00fcr Flugzeugbau sollte ich seiner Meinung nach werden, weil im Flugzeugbau die Zukunft l\u00e4ge. Ich war nicht so sicher, ob das Spa\u00df machen w\u00fcrde. Au\u00dferdem hatte ich Angst vor H\u00f6hen.\u00a0 Selbst vom M\u00fcggelturm auf den See zu schauen, lie\u00df mich schwindlig werden. Aber f\u00fcr Vati war nun mal Ingenieur f\u00fcr Flugzeugbau das Gr\u00f6\u00dfte, was man so erreichen konnte. Und wegen meiner m\u00e4\u00dfigen Mathekenntnisse, sagte Vati, sollte ich mir mal keine Sorgen machen. Ein richtiger Seemanns- und Arbeitersohn schaffe das. Na gut, dachte ich, vielleicht hat er recht. \u00a0Und auf eine Oberschule wollte ich auch gern gehen. Auf jeden Fall waren die n\u00e4chsten vier Jahre erst einmal gesichert. Schmunzelnd sagte Mutti zu Vati: \u201c Das musst du gleich deiner Schwester und Mutter in Britz erz\u00e4hlen.\u00a0 Der Enkel und Neffe auf der Oberschule, das ist doch ein Erfolg f\u00fcr die ganze Familie. Da k\u00f6nnen sie stolz sein und wir nat\u00fcrlich auch.\u201d<\/p>\n<p>Doch ganz hatten wir die 8. noch nicht hinter uns. Herr K\u00fchn schlug am Ende des Schuljahres vor, dass wir noch eine Abschlussfahrt machen sollten. Er kenne da noch eine sch\u00f6ne Jugendherberge in Waren, direkt an der M\u00fcritz. Da k\u00f6nnte man wandern, mit dem Boot fahren und auch schwimmen. Au\u00dferdem w\u00e4re es nicht so weit von Berlin entfernt. Wir wunderten uns \u00fcber den Vorschlag. Es w\u00e4re sicher einfacher f\u00fcr ihn gewesen, alleine irgendwo hin zu fahren. Aber wir waren begeistert. Nach Jugendweihe und Schulabschluss erschien uns diese Fahrt als eine letzte M\u00f6glichkeit, sich der uns \u00a0\u201canvertrauten\u201d Verantwortung f\u00fcr ein paar Tage wieder zu entziehen. Was war dieses Erwachsenensein schon gegen ein paar Tage mit Freunden in einer Jugendherberge, die H\u00e4lfte davon M\u00e4dchen? \u00a0Oder Kahn fahren auf der M\u00fcritz, in den umliegenden Kiefernw\u00e4ldern herum schweifen, zusammen in der K\u00fcche Fr\u00fchst\u00fcck machen und heimlich irgendwo Bier besorgen. \u00a0Endlich mal etwas nicht unter der Aufsicht der Eltern unternehmen. K\u00fchn w\u00fcrde schon ein Auge zudr\u00fccken. Und doch mischte sich etwas Anderes, schwer Definierbares in die aufgekratzte Stimmung, die sich schon im D-Zugabteil beim Absingen der alten Ferienlagerlieder einstellte.<\/p>\n<p>Da einige von uns schon im Juli zu Pionier-, FDJ- oder Betriebsferienlagern angemeldet waren, kam nur noch August in Frage. Der 12. August passte mehr oder weniger allen, und so zuckelte die 8c am Sonnabend mit dem D-Zug &#8212; Dampflokomotive, Holzb\u00e4nke, &#8212; nach Waren, lag mit Pest vor Madagaskar, f\u00fchlte das regelm\u00e4\u00dfige Klank, Klank, wenn die st\u00e4hlernen R\u00e4der der gr\u00fcnen Waggons, die \u00fcbrigens noch die abgerundete Form einer Postkutsche hatten, \u00fcber die L\u00fccken zwischen den Schienen h\u00fcpften, \u00a0h\u00f6rten das gedehnte, sehns\u00fcchtige Pfeifen der Dampflok, hatten Hunger, Hunger, Hunger und verlangten in bester Stimmung nach dem uns trotz unseres Erwachsenenseins noch verbotenem Bier. \u00a0K\u00fchn sa\u00df abseits von uns weiter vorne im Gang. Als ich hinschaute, l\u00e4chelte er nur und wandte sich wieder seinem Buch zu, bis wir in Waren ausstiegen.<\/p>\n<p>Mann, war das ein trauriger Anblick. Das halbe Dach des Bahnhofsgeb\u00e4udes fehlte, in einigen Ecken roch es nach Urin und die eigentlich roten Klinkersteine des kleinen Bahnhofs sahen verdreckt aus. Nur die ein, zwei Banner mit ihrer leuchtend roten Farbe, auf denen in Schwarz irgendetwas zur Landwirtschaft stand \u00a0&#8212; Unter der F\u00fchrung der Partei Anpassung der Lebensbedingungen von Stadt und Land . Bauern, f\u00fcr eine bessere Zukunft, kommt in die LPG &#8212; gaben dem Bahnhof etwas Helles. Nicht, dass uns die Banner besonders interessierten. Wir wollten zur Jugendherberge.<\/p>\n<p>Wie der Bahnhof, war auch die Jugendherberge erst einmal entt\u00e4uschend. Die Fassaden des Fachwerkbaus waren angegraut, und \u00a0an einigen Stellen fehlte sogar der Putz. Aber &#8220;unsere&#8221; Herberge lag dicht am Wasser und hatte neben der Badestelle auch einen Steg, an dem eine Reihe von alten Ruderk\u00e4hnen angebunden war. \u00a0Von einigen bl\u00e4tterte schon die gr\u00fcne Farbe ab, aber Wasser schwappte nicht drin. Also sinken w\u00fcrden sie nicht. \u00a0Das war schon mal gut, dachten wir. \u00a0Dann f\u00fchrte uns der Jugendherbergsleiter, ein schlanker etwa 35j\u00e4hriger, f\u00fcr uns uralter, Mann mit welligem, blondem Haar, kurzen schwarzen Hosen und dem Blauhemd der FDJ durch das gro\u00dfe Geb\u00e4ude, zeigte uns K\u00fcche und Waschr\u00e4ume und erkl\u00e4rte uns eine Reihe von Regeln, die zumindest ich mir nicht alle merken konnte. Wichtig schien ihm das Fegen des Fu\u00dfbodens, die Geschirrw\u00e4sche &#8212; &#8220;Am besten, ihr w\u00e4hlt sofort einen K\u00fcchendienst&#8221;, empfahl er uns eindringlich &#8212; und das Einhalten der Nachtruhe zu sein. &#8220;Um zehn Uhr ist Nachtruhe\u201d, sagte er mit leicht drohender Stimme, und dass danach kein Junge mehr etwas im Schlafraum der M\u00e4dchen zu suchen h\u00e4tte. &#8220;Das muss ein Irrtum sein&#8221;, fl\u00fcsterte mir Gerd grinsend ins Ohr. \u00a0&#8220;Die M\u00e4dchen und Jungenschlafr\u00e4ume liegen doch sowieso dicht nebeneinander, da gehen wir doch nicht zur Nachtruhe raus, sondern rein.&#8221;<\/p>\n<p>Platz in den zwei Schlafr\u00e4umen war f\u00fcr zwanzig, aber bequem war es in unserem leider nicht. Auf dem Boden lagen mit Stroh gef\u00fcllte S\u00e4cke, die angenehm nach Heu rochen, aber selbst durch den blau karierten Bettbezug noch ganz sch\u00f6n piekten, \u00a0und dann keine Kissen, daf\u00fcr nur zwei alte Decken; &#8220;Pferdedecken&#8221; nannte sie Janno ver\u00e4chtlich, weil sie so aussahen, als h\u00e4tten sie schon bessere, oder richtiger, schlechtere Tage hinter sich. Au\u00dferdem fehlten gen\u00fcgend Schr\u00e4nke f\u00fcr unsere Sachen. Die vorhandenen waren schon von anderen Herbergsg\u00e4sten mit Beschlag belegt worden, was aber au\u00dfer J\u00fcrgen, unserem Sauberkeits- und Ordnungsfanatiker, eigentlich niemanden sonst besonders st\u00f6rte.<\/p>\n<p>Die Waschr\u00e4ume waren gleich nebenan, daneben lag das Zimmer der M\u00e4dchen; das hatte auch Atze gleich herausbekommen. Dann zeigte der Herbergsleiter uns noch die K\u00fcche mit Geschirr und Herd und ermahnte uns, unser Geschirr gleich nach dem Essen abzuwaschen. \u00a0Kein Problem. Herr K\u00fchn teilte sofort den K\u00fcchendienst ein. Jeweils vier von uns waren f\u00fcr Abendbrot, Fr\u00fchst\u00fcck und Abwasch verantwortlich. Morgen w\u00fcrden wir auf unserer Wanderung &#8212; verdammt, doch eine Wanderung, dachte ich &#8212; unterwegs essen, sagte er. Das hie\u00df, der K\u00fcchendienst am Morgen war auch f\u00fcr die belegten Brote zust\u00e4ndig. Ich geh\u00f6rte zur Fr\u00fchst\u00fccksschicht.<\/p>\n<p>Viel schliefen die meisten von uns Jungs nicht. Einige versuchten, durch den Waschraum ins M\u00e4dchenzimmer zu kommen. Doch ging das schlecht, weil die M\u00e4dchen ihre T\u00fcr abgeschlossen hatten. Atze und Janno klopften trotzdem an die T\u00fcr und baten: \u201cMacht doch mal auf\u201d, aber weit kamen sie damit nicht, weil die M\u00e4dchen einfach lachten und sich Herr K\u00fchn, der mit den Jungs im gleichen Raum schlief, Ruhe ausbat, schlie\u00dflich sei er sehr m\u00fcde. Anfangs spielten einige Jungs noch Flak. Aus einem Bett schallte es aus dem Dunkeln: &#8220;Feindlicher Fliegerverband im Anflug Hannover\/Braunschweig.&#8221; \u00a0Und dann rief Gerd: \u00a0&#8220;Fliegerverband in Planquadrat 3.&#8221; \u00a0Da wusste Atze, der schon fast eingeschlafen war, sofort , dass \u00fcber seinem Strohsack eine oder ein paar M\u00fccken ihre Runden zogen. Nat\u00fcrlich versuchte er dann, sie mit lautem Klatschen seiner H\u00e4nde &#8220;abzuschie\u00dfen&#8221;. Langsam wurde es dann jedoch stiller, bis wir schlie\u00dflich alle schliefen.<\/p>\n<p>Aus der Wanderung wurde, fast h\u00e4tte ich gesagt, gl\u00fccklicherweise, nichts. Wir wurden n\u00e4mlich ziemlich fr\u00fch von ein paar Herbergsbewohnern aus Th\u00fcringen oder Sachsen geweckt. Man h\u00f6rte an ihrem Dialekt, dass sie irgendwo aus dem S\u00fcden kamen. \u201cWacht auf, habt ihr schon geh\u00f6rt, die bauen eine Mauer durch Berlin, da kommt keinen mehr raus\u201d, rief uns einer zu. Zuerst dachte ich, die Th\u00fcringer oder Sachsen wollten uns verarschen, weil sie neidisch waren, dass sie nicht so einfach wie wir nach dr\u00fcben\u00a0zum KDW oder \u00a0ins Kino kamen. \u00a0Au\u00dferdem, wie konnte man eine ganze Stadt durchtrennen. Unm\u00f6glich. Da gab es so viele Verbindungen: Stra\u00dfenbahn, U-Bahn, S-Bahn, Stra\u00dfen, Br\u00fccken, Seen und au\u00dferdem \u2018ne Menge Schleichwege durch alte Luftschutzkeller in Wohnh\u00e4usern und Ruinen. Das schaffen die nie, dachte ich. Alles Quatsch. Doch als dann Kalle sein Sternchen anstellte und wir die Nachrichtensprecher h\u00f6rten, wurde uns klar, dass sie recht hatten.<\/p>\n<p>Im Gesellschaftsraum der Jugendherberge lief im Ostfernsehen gerade die Sendung &#8220;Weil ich jung bin&#8221;, \u00a0ein musikalischer Bilderbogen mit B\u00e4rbel Wachholz. Wir aber\u00a0hockten angespannt im Schlafraum um Kalles Kofferradio herum, wo es Nachrichten gab, damit wir ja alles mitkriegten, was da so lief. Auf dem einen Sender wurde gemeldet, dass die Regierung der Arbeiter und Bauern, um einen neuen Weltkrieg zu vermeiden, seit heute fr\u00fch drei Uhr mit Unterst\u00fctzung der sozialistischen Bruderl\u00e4nder einen antifaschistischen, demokratischen Schutzwall um die Frontstadt Westberlin errichte, damit wir von den Imperialisten und Junkern und ewig Gestrigen nicht mehr ausgepl\u00fcndert werden k\u00f6nnten; \u00a0und von einem anderen h\u00f6rten wir, dass das Ulbrichtsche Unrechtsregime seine B\u00fcrger einsperren w\u00fcrde und sich der Eiserne Vorhang, entgegen dem Abkommen der Alliierten, unrechtm\u00e4\u00dfig auch \u00fcber Berlin senken w\u00fcrde. &#8220;Schei\u00dfe&#8221;, dachte ich, &#8220;Schei\u00dfe&#8221;, sagte Janno. &#8220;Schei\u00dfe&#8221;, sagte Kalle, und &#8220;Schei\u00dfe&#8221;, sagte auch der sonst immer so ruhige Herr K\u00fchn und f\u00fcgte hinzu: \u201cDie sagen immer, dass die Amis Schuld sind. Dieser sogenannte antifaschistische, demokratische Schutzwall, das waren die Russen. &#8220;Tut uns wirklich leid&#8221;, sagten die Th\u00fcringer oder Sachsen mit besorgten Gesichtern und meinten es ganz ehrlich.<\/p>\n<p>Dieses Mitleid tat irgendwie gut, auch weil wir auf einmal zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Herbergsbewohner geworden waren, was uns Berliner irgendwie stolz machte. Trotzdem war ich mehr w\u00fctend als stolz, und in die Wut mischte sich Traurigkeit. In meinem Kopf herrschte auf einmal ein einziger Gedankenwirrwarr. Was wird mit den Britzern und Neuk\u00f6llnern, was wird mit Oma und Tante Hete, Anna und Onkel Otto? \u00a0Was mache ich jetzt noch mit dem Westgeld in der sch\u00f6nen braunen Brieftasche? Und Gitta, der Film im Europa Center, der Kuss? Monika hatte mir noch vor der Klassenfahrt gesagt, dass Gittas Eltern aus dem Lager raus w\u00e4ren und eine kleine Wohnung in der Westberliner Fennstra\u00dfe bekommen h\u00e4tten. Ich h\u00e4tte sie also besuchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus irgendeinem Grund bekam auf einmal Kalles Sternchen keinen Westberliner Sender mehr rein. Stattdessen nur noch Berliner Rundfunk und Deutschlandsender, die Interviews mit Arbeitern und anderen, offenbar bekannten Leuten brachten, die sich freuten, dass die Bonner Ultras und die Junker, mit den amerikanischen Imperialisten im Hintergrund, unserer DDR nichts mehr anhaben konnten, weil wir ja nun einen Schutzwall bauten. Dazwischen liefen st\u00e4ndig die uns vertrauten Kampflieder wie z. B. \u201cSpaniens Himmel\u201d, \u201cDie Internationale\u201d, \u201cMit Walter Ulbricht k\u00e4mpft es sich gut\u201d oder \u201cIch trage eine Fahne\u201d. War es schon an diesem Sonntag, dass wir das Lied von Kahlau und Werzlau h\u00f6rten?<\/p>\n[&#8230;]\n<p align=\"center\">Geht mit den Gewehren<\/p>\n<p align=\"center\">Und haltet gute Wacht.<\/p>\n<p align=\"center\">Wenn wir nicht kr\u00e4ftig w\u00e4ren,<\/p>\n<p align=\"center\">Dann k\u00e4men sie mit Heeren.<\/p>\n<p align=\"center\">Gebt auf die Grenzen acht.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf jeden Fall musste Herr K\u00fchn nach der Sternchenmusik ganz pl\u00f6tzlich auf die Toilette. Nach dem Sp\u00fclen h\u00f6rten wir ihn auf einmal eine Strophe aus der \u201cForelle\u201d singen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n[&#8230;]\n<p align=\"center\">Doch endlich ward dem Diebe die Zeit zu lang. Er macht<\/p>\n<p align=\"center\">Das B\u00e4chlein t\u00fcckisch tr\u00fcbe, und eh ich es gedacht,<\/p>\n<p align=\"center\">So zuckte seine Rute, das Fischlein zappelt dran,<\/p>\n<p align=\"center\">Und ich mit regem Blute sah die Betrogene an.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Still kam Herr K\u00fchn ins Schlafzimmer zur\u00fcck, schaute uns, die wir noch immer um das Sternchen herumsa\u00dfen, an und sagte dann sehr ruhig: \u201cIch geh mal kurz zum Bahnhof und kucke mir den Fahrplan an. Wir m\u00fcssen nach Berlin zur\u00fcck. Eure Eltern werden sich Sorgen machen.\u201d<\/p>\n<p>Als ich Montag zu Hause ankam, war Vati weg. Mutti umarmte mich und sagte mir unter Tr\u00e4nen, dass er als Mitglied der Kampfgruppe seines Betriebes in der N\u00e4he des Brandenburger Tores stationiert worden sei. Sie w\u00fcsste zwar den Namen der Stra\u00dfe, aber nicht die Hausnummer. \u00a0Auf jeden Fall w\u00e4ren er und seine Gruppe in Alarmbereitschaft und d\u00fcrften nicht nach Hause. \u201cSonntag fr\u00fch ist er mit einem Lastwagen abgeholt worden. Er hatte nicht mal Zeit, sich sein Rasierzeug einzupacken, und ich konnte ihm nicht mal \u2018ne Stulle machen. Wer wei\u00df, wann es bei solcher Aufregung mal was zu essen gibt. Hoffentlich kommt kein Krieg&#8221;, rief sie noch verzweifelt. \u201cWir haben ja gerade erst einen hinter uns gebracht. So etwas Schreckliches jetzt nicht noch einmal. Das darf einfach nicht sein.\u201d Ihr Ausruf erinnerte mich sofort an die gro\u00dfen Anschauungsbilder an der Wand des Esszimmers in meinem Kindergarten in der M\u00f6llendorffstra\u00dfe, in den mich Mutti als Kleinkind gesteckt hatte. Auf einem war eine Atomexplosion zu sehen war. Darunter stand dann &#8212; das lasen uns die Helferinnen vor &#8212; dass wir uns mit den F\u00fc\u00dfen dem Atompilz zugewandt, die Arme und H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf, auf den Boden legen sollten, wenn die Amis ihre Atombomben abwerfen w\u00fcrden. \u00a0Na das kann ja heiter werden, dachte ich.<\/p>\n<p>Am Abend beschloss Mutti, morgen Vati mit mir zu besuchen. Sie wollte ihm wenigstens ein paar Butterstullen bringen. Au\u00dferdem hatte sie noch zwei Koteletts von Sonnabend und ein bisschen S\u00fclze. Vati mochte S\u00fclze besonders gern. Auch ein Paar dicke Socken, die er in den Stiefeln tragen konnte und noch etwas Unterw\u00e4sche k\u00f6nnte er sicher gut gebrauchen, fand sie. Dienstag fr\u00fch fuhren dann wir mit der noch funktionierenden U-Bahn, \u00a0bis zur Friedrichstra\u00dfe und liefen dann in Richtung Scharnhorststra\u00dfe. Mutti kannte die Gegend ziemlich gut, weil sie nahe der Invalidenstra\u00dfe, also gar nicht weit weg, aufgewachsen war. An einem der alten Mietsh\u00e4user wurden wir von einem Mann in Stiefeln, grauem Kampfanzug mit der roten Fahne am linken \u00c4rmel, grauem Tornister und l\u00e4ssig umgehangener russischer MPi angehalten. \u201cHalt, wo wollen Sie hin?\u201d, fragte er in scharfem Ton. Muttis Hand verkrampfte sich in meiner. &#8220;Ich will zu meinem Mann.\u00a0 Der ist bei der Kampfgruppe&#8221;, rief sie schluchzend. \u201cZeigen Sie mal Ihren Personalausweis!&#8221;, antwortete der Mann. Mutti kramte ihren Ausweis aus der Handtasche. \u201cWie hei\u00dft denn ihr Mann?\u201d, fragte er etwas milder. \u201cGustl, Na Gustl.\u201d \u201cGustl was?\u201d \u201cAugust Wegner. Ich will ihm doch nur ein paar Sachen bringen\u201d, f\u00fcgte sie hinzu. \u201cNa ausnahmsweise&#8221;, antwortete er schon etwas milder. \u00a0&#8220;Gehen Sie mal durch diesen Torbogen und dann rechts. Da fragen sie dann noch mal.\u201d<\/p>\n<p>Auch am Eingang zum ersten Hinterhof stand eine Wache, ein \u00e4lterer Mann mit gleicher Ausr\u00fcstung wie der weiter vorne. \u00a0Als ihm Mutti sagte, was sie wollte, schickte er sie noch einen Hinterhof weiter in den Eingang Seitenfl\u00fcgel rechts. Da gingen wir dann hin. Und als wir durch die T\u00fcr kamen, sahen wir schon eine Menge von grau Uniformierten rumstehen oder -sitzen. Mutti fragte laut nach Gustl Wegner \u00a0\u201cJa, gehen Sie mal durch die T\u00fcr da hinten, die f\u00fchrt in den Keller. Da liegt die Bereitschaft.\u201d \u00a0Auf dem Weg nach unten war es ziemlich dunkel, weil nur zwei Gl\u00fchbirnen brannten. Die anderen waren wohl kaputt. An der Wand war ein wei\u00df leuchtender Pfeil mit einer Abk\u00fcrzung, &#8220;Zum LSK\u201d zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, wollte aber Mutti nicht fragen, weil sie gerade Vati in einem Kellerverschlag entdeckt hatte, wo er in voller Ausr\u00fcstung auf einem Strohsack lag. \u201cGustl, Gustl\u201d, rief sie laut und lief auf ihn zu. Vati sprang von seinem Bett auf, und dann lagen sich die beiden in den Armen. Als Vati mich sah, hob er mich hoch, was mir etwas peinlich war, denn ich war ja nun ganz offiziell seit \u00fcber drei Monaten wirklich kein Kind mehr, und dr\u00fcckte mich heftig. Mutti erz\u00e4hlte ihm, was sie ihm alles mitgebracht hatte, und Vati freute sich. Obwohl, ich hatte den Eindruck, dass er sich mehr \u00fcber uns als \u00fcber die S\u00fclze, die dicken Socken und den anderen Esskram gefreut hat. Mutti fragte ihn dann, ob sie nicht zusammen rausgehen sollten, weil man ja hier nicht richtig mit einander sprechen k\u00f6nnte. Doch Vati meinte, dass das nicht ginge, weil sich niemand von der Truppe entfernen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Da entdeckte ich seine MPi auf dem Strohsack. Ich hob sie auf und wollte mir das Ding mal etwas genauer ansehen, drehte es hin und her und fragte Vati, wie viele Kugeln denn in so ein Magazin reingehen. \u201cF\u00fcnfzig\u201d, \u00a0antwortete er und nahm mir die MP wieder aus der Hand. \u201cDas ist kein Spielzeug\u201d, sagte er mit sehr ernster Stimme. Als Mutti die MPi in Vatis Hand sah, fing sie an zu weinen. &#8220;Muss das wirklich sein?\u201d \u201cJa, es muss wohl&#8221;, antwortete er resigniert. &#8220;Der Klassenfeind will uns unsere Errungenschaften wegnehmen.\u201d \u201cUnd Deine Mutter und Deine Schwester in Britz?\u201d Vati zuckte nur mit den Schultern. \u201cEs wird schon nicht so schlimm werden. Wir k\u00f6nnen ja \u00fcberhaupt nicht schie\u00dfen, wir haben ja noch nicht einmal Munition bekommen, und in zwei drei Monaten wird sich alles wieder einrenken.\u201d<\/p>\n<p>Auf einmal t\u00f6nte ein greller Pfiff durch den Keller. \u201cViertes Bataillon auf dem Hof antreten, Munitionsempfang&#8221;, kam von irgendwo im Keller der Befehl. Vati machte ein erschrockenes Gesicht, gab Mutti einen langen Kuss, legte seinen Arm um meine Schulter und sagte, w\u00e4hrend sein Nachbar ihm die MPi reichte, leise zu mir: \u201cPass gut auf Mutti auf, mein Sohn!&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201cPass gut auf Mutti auf!&#8221; Auf dem langen Flur klingelte es schrill. Endlich war Mathe vorbei. Peter, Kalle und Atze rutschten schon unruhig auf ihrer Bank hin und her. Auch die anderen wurden unruhig. Doch Frau Herrlich lie\u00df sich Zeit. &#8220;Wann kriegt die endlich ihren dicken Arsch vom Lehrerstuhl hoch?&#8221;, fl\u00fcsterte mir Gerd zu. \u00a0&#8220;Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3479,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3580","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3580","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3580"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3580\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3479"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3580"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}