{"id":3722,"date":"2014-06-09T15:31:53","date_gmt":"2014-06-09T19:31:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3722"},"modified":"2014-06-12T14:31:15","modified_gmt":"2014-06-12T18:31:15","slug":"helga-kurzchalia","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-382014\/helga-kurzchalia\/","title":{"rendered":"Helga Kurzchalia"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aus Zimmer 39<\/strong><\/p>\n<p>Vom Reis hab ick die Schnauze voll. Reis jeh\u00f6rt nach China. Wir Deutsche essen Kartoffeln und manchmal och \u2019n paar Nudeln. Aber eigentlich brauch ick nu\u0308scht, mir reicht dit Pillenzeugs. Nachher gibt\u2019s hier d\u00e4mliche Jagdwurst und blo\u00df wieder zwei Stu\u0308ck Butter zum Fru\u0308hstu\u0308ck. Hauptsache billig. Den Kaffee kannste eh vergessen. Ach jetzt \u2019ne tote Oma uff \u2019m Tisch! Oder \u2019n gro\u00dfes Steak aus m\u2019 Steakhaus. Oder wenigsten \u2019ne Curry mit Ketchup und Pommes &#8230;<\/p>\n<p>Kieken Sie mal \u2013 zwei fette schwarze Autos vorm Fenster. Acht Muselmanen auf einen Schlag. Mann, wat die wieder allet anschleppen! Ick pers\u00f6nlich habe n\u00fcscht gegen Ausl\u00e4nder. Meinetwegen sollen die alle kommen. Immer her mit die Ausl\u00e4nder! Willkommen in Deutschland! F\u00fcr jeden Deutschen einen. Zum Arbeiten. Das Schlimme ist nur, die bringen immer gleich ihre janze Heimat mit. Und dann och noch dit f\u00fclle Essen in K\u00f6rben und Taschen. Ick liege hier wieder alleene im Bett.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Sie Ihre Seife nicht in \u2018n Schrank packen? Sieht aus wie Sau. Da machen die doch wieder jar n\u00fcscht. Der ganze Korridor leer. Keener zu sehen auf weiter Flur. Wenn alle so arbeiten w\u00fcrden! Die quatschen zu f\u00fclle. Ick will uff der Stelle nach Hause. Hier hab ick mir satt jesehen. Den Tropf kann ick mir och selber machen. Die Spritze wegen dem Zucker hab\u2019 ick mir heute Morgen selbst verpasst. Jekifft hab ich eben erst. \u2019Ne ganze T\u00fcte Sauerstoff. Da kommt ja Frau Doktor. Aber ohne Fr\u00fchst\u00fcck. Die is och nicht von hier. Ob die schon drei\u00dfig ist?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hab ick mit meiner Kleenen in der Ackerstra\u00dfe Parterre Hinterhof gewohnt, und wenn die oben das Fenster uff hatten, war bei mir mitten im Sommer zappenduster. Jetzt ha\u2019 ick eine Neubauwohnung hinterm Kommunistenfriedhof Friedrichsfelde. Fr\u00fcher hatten wir da Aldi und Zeitungskiosk, Rewe und Spar. Inzwischen hat alles zugemacht. Rewe wurde zuletzt jeden zweiten Tag \u00fcberfallen. Da hatten die irgendwann och keene Lust mehr. Nur der Apotheke jeht es noch prima!<\/p>\n<p>Bei uns sind nur Schwarzwei\u00dfe uff der Stra\u00dfe. Nur die Andersh\u00e4utigen trauen sich noch im Dunkeln \u2018raus. Die Alten bleiben abends lieber Zuhause. Fr\u00fcher bei meinem Vater, sind alle immer zusammen in die Kneipe. Da spielte sich jeden Abend dit gleiche ab. Erst hat man sich \u2018n bisschen jekloppt und dann noch mitm Doppelkorn uff die Gesundheit anjesto\u00dfen. Heute wird ja gleich das Messer jezogen. Das kam damals mit den Italienern auf.<\/p>\n<p>Bei uns wohnen auch \u2019n paar Russlanddeutsche. Bei denen wird die Nacht st\u00e4ndig zum Tage. Die ihre Kinder hab\u2019n Hummeln im Hintern und sind abends immer bis elf uff de Stra\u00dfe. Ein ewiget rin und raus is dit. Von der Terrasse direkt in die Ku\u0308che. Haustu\u0308r kennen die nicht. Klingel Fehlanzeige. Ein paar Fitschis haben wir auch, aber die merkt man ja nicht.<\/p>\n<p>Ick hatte mal \u2019n kleinen Fitschi in Pflege. Der kam in Trainingshose und Nicky zu mir. Von Unterhemd wissen die nu\u0308scht. Keine richtigen Socken im Schuh. Der Kleene blieb nur 3 Wochen bei mir, aber die Eltern standen st\u00e4ndig bei mir auf der Matte und wollten ihren Jungen sehen. Dabei hatte ick ihnen doch gleich gesacht, dit sollen sie besser bleiben lassen. Dit bringt doch nischt! Der Junge hat jedes Mal tierisch gebru\u0308llt, aber dann haben sie schnell \u2019ne Bleibe gefunden und jetzt h\u00e4ngt sein Foto bei den<br \/>\nanderen im Flur und manchmal l\u00e4uft er mir noch uff der Stra\u00dfe in die Arme.<\/p>\n<p>Ick wollte nie, dass mir eener \u2019was vorschreibt. Deshalb bin ich och nie zum Mannschaftsschwimmen. M\u00e4dchenfu\u00dfball war n\u00fcscht f\u00fcr mich. Bin keen Herdentier. Mit elf hab ick mal am Prater geklingelt. Die vom Judo haben mich da gleich mit offenen Armen empfangen. Judo gab\u2019s damals fast f\u00fcr umsonst. Am Ende wurde ick deutscher Meister und bin bis Prag und Olomouc in die tiefste Tschechei gekommen und das f\u00fcr janze 68 Mark. W\u00e4r\u2019 och gern in M\u00fcnchen 72 mit dabei gewesen. Aber Frauenjudo hatten die damals nicht.<\/p>\n<p>Wat, Sie sind och ausm Osten? H\u00e4tt ick nicht vermutet. Ick dachte Russland oder so wat auf die Art. Frei nach \u2019m Motto: Wir haben \u2019n deutschen Sch\u00e4ferhund, da ziehen wir doch och gleich mal nach Deutschland! Sie sag\u2019n ja n\u00fcscht? Noch \u2019n bisschen schwach auf der Brust? Na, wird schon wieda!<\/p>\n<p>\u2019N Afrikaner kommt mir aber nicht in die T\u00fcte. Wenn mir da einer in den Kinderwagen kieckt! Wat soll\u2019n die von mir denken. Dass meine Tochter mit Ausl\u00e4ndern rummacht? Meine Bekannte hat jetzt so einen Schwarzwei\u00dfen in Pflege. Mutter wei\u00df und dick. Vater schwarz und n\u00fcscht uff die Knochen, aber Gebete im Kopf. Die Frau landete mit blauen Flecken im Krankenhaus. Mir hat mein Fitschi gereicht. Die ham vielleicht gekiekt, wie ick letztes Jahr auf dem Campingplatz mit dem Kleenen ankam. Ein Aufsehen wie an dem Sonntag, als mein Nachbar im Trabi \u00fcbern vereisten Peetzsee fuhr.<\/p>\n<p>Die wollten mir im Jugendamt noch \u2019n zweites geben aber dann kam mir wieder mal meine Lunge dazwischen. Zu f\u00fclle w\u00e4r mir so\u2019n Baby nicht gewesen. Flasche rinstecken, wickeln, hinlegen, bisschen knuddeln, mehr iss ja nicht. Schlimm wird\u2019s nur, wenn sie dann uff stehen und laufen wollen. Auf einmal wird alles anjegrabscht. Kiecken Sie mal meen Handy. Die Kleene ist da 4 und hatte oben keine Z\u00e4hne, als ich sie bekam. Jetzt hat sie ein neues Gebiss und kann wat sehen durch ihre Brille. Die ihre Mutter war 14 und hatte och so ne Familie. Die leben jetzt alle von Hartz vier. Ich ruf sie gleich mal an. Die liebt ihre Pflegeomi. Ich z\u00e4hl schon die Tage, bis ick sie wieder habe.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war ick Werkzeugmaschinenschlosser. Im Osten durften wir dit. Als Kind hab ick meinem Vater immer \u00fcber die Schulter geguckt. Mein Bruder hatte zwei linke H\u00e4nde und hat sich sp\u00e4ter tot gesoffen. Die anderen f\u00fcnf sind jetzt bei Rewe und Aldi. Einer ist Koch aufm Luxusdampfer. Ick war bis zuletzt bei Sternradio. Am Ende haben wir nur noch die ihre Cola- Kisten bedruckt. Danach bin ick f\u00fcr \u2019n halbet Jahr in den Westen r\u00fcber, weil ick ja die Japansachen von Arbeit kannte. Aber dit war och n\u00fcscht. Na ick geh jetzt mal toilettieren. Nachher besuche ick im Flur noch den Rittersportautomaten. Mit dem Insulin von heute morgen kann ick mir ruhich mal \u2019ne Zartbitter leisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Zimmer 39 Vom Reis hab ick die Schnauze voll. Reis jeh\u00f6rt nach China. Wir Deutsche essen Kartoffeln und manchmal och \u2019n paar Nudeln. Aber eigentlich brauch ick nu\u0308scht, mir reicht dit Pillenzeugs. Nachher gibt\u2019s hier d\u00e4mliche Jagdwurst und blo\u00df wieder zwei Stu\u0308ck Butter zum Fru\u0308hstu\u0308ck. Hauptsache billig. 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