{"id":3747,"date":"2014-06-12T14:18:16","date_gmt":"2014-06-12T18:18:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3747"},"modified":"2022-09-07T16:25:19","modified_gmt":"2022-09-07T20:25:19","slug":"frederick-a-lubich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-382014\/frederick-a-lubich\/","title":{"rendered":"Frederick A. Lubich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><b>\u201eWo ich bin, ist Deutschland\u201d<br \/>\nThomas Mann als transatlantischer Emigrant par excellence<br \/>\noder<br \/>\nHundert Jahre Poschinger Stra\u00dfe 1 (1914-2014)<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201cYou Can\u2019t Go Home Again\u201c<br \/>\n(Thomas Wolfe)\u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Als ich Anfang der achtziger Jahre im kalifornischen Santa Barbara das Lebenswerk Thomas Manns f\u00fcr meine Doktorarbeit zu recherchieren begann, schien der Gro\u00dfschriftsteller und \u00a0Nobelpreistr\u00e4ger der Literatur zwei Autostunden weiter s\u00fcdlich noch immer durch Pacific Palisades, Los Angeles zu geistern. Er war zwar schon ein gutes Vierteljahrhundert tot, aber irgendwie schwebte der Zauberer, wie sein Familie ihn nannte, noch immer als <i>spiritus rector<\/i> der deutschen Auswanderergemeinde \u00fcber jener Gegend, die damals den gr\u00f6\u00dften Teil der exilierten Kulturelite Deutschlands beherbergt hatte und bald als \u201eWeimar on the Pacific\u201c bekannt und ber\u00fchmt werden sollte. Thomas Manns Novellen und Romane von <i>Tonio Kr<\/i><i>\u00f6<\/i><i>ger <\/i>und <i>Der Tod in Venedig <\/i>\u00fcber <i>Buddenbrooks <\/i>und <i>Zauberberg<\/i> zu <i>Doktor Faustus, <\/i>um nur einige der wichtigsten zu nennen<i>,<\/i> thematisieren deutsche und europ\u00e4ische Bildungstraditionen und kulturgeschichtliche Aspirationen auf beispielhafte Weise und machten vor allem f\u00fcr die Exilzeit sein Werk zu einem facettenreichen Reflexionsmedium des abendl\u00e4ndischen Kulturerbes \u00a0und den Autor entsprechend zu seiner kongenialen Repr\u00e4sentationfigur. Bei seiner Einwanderung nach Amerika hatte ihn ein Reporter gefragt, ob er das Exil als Last empfinde, worauf er trotzig erwidert haben soll: \u201eWo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine Kultur in mir.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Als exemplarischer <i>poeta doctus<\/i> war Thomas Mann die ideale, kreativ-akademische Verk\u00f6rperung der deutschen Tradition der Dichter und Denker. Gleichzeitig sollte er auch bald mit seinen zahlreichen Schriften und Vortr\u00e4gen wie kein anderer zum exponierten Antagonisten des Dritten Reiches und seiner aufsteigenden Richter und Henker werden. Seit 1940 rief er seine Landsleute \u00fcber den Langwellensender der BBC in monatlichen Radiosendungen zum Widerstand gegen das Nazi-Regime auf und im Laufe der Jahre wurde er mehr und mehr zur transatlantischen Kassandra, die immer vergeblicher die \u00fcber Europa heraufziehende Katastrophe beschwor.<\/p>\n<p>Die in diese Zeit fallende, jahrelange Arbeit an der tausendseitigen Josephs-Tetralogie, eine weit ausufernde Nacherz\u00e4hlung der alttestamentarischen Geschichte von Joseph in \u00c4gypten, ist gleichsam das mythisch-moderne Meta-Narrativ aller Exilerfahrungen. In seiner vielfachen Vermischung diverser Sprachperioden und Sprachidiome, angefangen vom reformatorischen Lutherdeutsch bis zum aktuellen Journalistenjargon, illustriert und reflektiert dieser episch-eloquente Mega-Roman das ganze Panorama der M\u00f6glichkeiten und Herausforderungen, die sich ausgewanderten Schriftstellern stellen, die in der Sprachfremde in ihrer Muttersprache weiterzuschreiben suchen.<\/p>\n<p>Als der im Alter immer liberaler werdende Thomas Mann und seine linksliberale Tochter Erika nach dem Kriege zunehmend ins Visier des FBI gerieten, mussten sie sich schlie\u00dflich als verd\u00e4chtigte Sympathisanten der kommunistischen Partei vor dem \u201eHouse Committee on Un-American Activities\u201c verantworten. Daraufhin entschloss sich Thomas Mann, seiner \u00a0Wahlheimat Amerika und nicht zuletzt auch seinem geliebten Kalifornien den R\u00fccken zu kehren und zusammen mit seiner Familie in die Alte Welt zur\u00fcckzuziehen. Da ihn jedoch in Deutschland die Kommunisten der Deutschen Demokratischen Republik f\u00fcr einen ausgemachten\u00a0 Kapitalisten und die Konservativen der Bundesrepublik f\u00fcr einen verkappten Sozialisten und treulosen Vaterlandsver\u00e4ter hielten, zog er es vor, mit seiner Familie in die Schweiz zu ziehen und dort seine letzte Heimstatt zu gr\u00fcnden. Sie glich freilich nicht mehr dem Prachtbau aus der sp\u00e4ten Glanzzeit des Wilhelminischen Kaiserreiches, in dem die Manns in ihren M\u00fcnchner Jahren gelebt hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3751\" alt=\"image002\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image002-300x103.png\" width=\"300\" height=\"103\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image002-300x103.png 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image002.png 441w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Residenz in der M\u00fcnchner Poschinger Stra\u00dfe, in der die Familie Mann von 1914-1933 wohnte<br \/>\n(Aufnahme aus dem Jahr 2006) [3]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Mann wohnte gerne hier in dieser idyllisch-imposanten Stadtvilla, die er genau vor hundert Jahren mit seiner Familie bezogen hatte. Inmitten des Bogenhausener Herzogparks gelegen bot sie dem Schriftsteller die unmittelbare M\u00f6glichkeit zu erholsamen Spazierg\u00e4ngen mit seinem Hund Bauschan, einem gutm\u00fctigen H\u00fchnerhund mit etwas unklarem Stammbaum, dem er in seiner Gelegenheitsgeschichte \u201eHerr und Hund\u201c ein liebevolles Denkmal gesetzt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Klaus Mann, der \u00e4lteste Sohn der Mann-Familie, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches als amerikanischer\u00a0 Reporter das Elternhaus zum ersten Mal wieder betrat, war es eine halbe Ruine. Zudem stellte sich heraus, dass in den letzten Jahren des Nazi-Regimes die R\u00e4ume des Hauses zu einer Einrichtung des sogenannten \u201cLebensborns\u201c umfunktioniert worden waren und somit das Mann\u2019sche Domizil de facto zu einem v\u00f6lkischen Freudenhaus \u00a0heruntergekommen war. Thomas Mann hatte in seinen Streitschriften gegen das Dritte Reich immer wieder die Nazi-Propaganda als eine systematische Verhunzung aller einst ehrw\u00fcrdigen \u00dcberlieferungen entlarvt. Nun war also auch noch das eigene und einst so respektable Wohnhaus zur notorischen Brutst\u00e4tte f\u00fcr den von Nietzsche verk\u00fcndeten \u201e\u00dcbermenschen\u201c verhunzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Herrenrasse, Damenrasse, Kraft durch Freude!<br \/>\nEs wird ein Mannsbild erster Klasse!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und auch der Hund wird arisch,<br \/>\ngrad so wie Hitlers treue Blondi &#8211; strohdumm, blutrein, barbarisch.<br \/>\nUnd alle werden z\u00e4h wie Leder,<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">grad so wie einst bei Buddenbrooks der hundsgemeine Permaneder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So oder so \u00e4hnlich m\u00f6gen die Fl\u00fcsterwitze und L\u00e4sterreime gelautet haben, die man sich damals in M\u00fcnchen, der sogenannten \u201eHauptstadt der Bewegung\u201c hinter vorgehaltener Hand erz\u00e4hlte. Jedenfalls war aus Thomas Manns literarischen Jugendstiltr\u00e4umen von nordisch sonnenblonden Jungen inzwischen der organisierte Alptraum einer verblendeten Hitlerjugend geworden, aus der ihr F\u00fchrer das blutr\u00fcnstige Raubtier entfesseln wollte, wie er in seinen landl\u00e4ufigen Schreibversuchen und Schreiveranstaltungen immer wieder verlauten lie\u00df, kurzum, Nietzsches vielbeschworene und schon von der Endzeit umwitterte \u201eblonde Bestie\u201c. Was bei dieser tierischen G\u00f6tterd\u00e4mmerung letztendlich herauskam, war bekanntlich der \u201einnere Schweinehund\u201c, der vor allem in den Sonderkommandos und Vernichtungslagern der faschistischen Schreckensherrschaft sein blutiges Unwesen treiben konnte und grausam entfalten sollte. Gegen Kriegsende verwandelte sich die Ausgeburt des inneren Schweinehunds noch einmal und zwar in den Wechselbalg des jugendlichen \u201eWerwolfs\u201c, dessen verwirrte Rudel die brechenden Fronten des Dritten Reiches halten und seine zahllosen \u201einneren Feinde\u201c endg\u00fcltig vernichten sollte. Sprechender l\u00e4sst sich die Agonie des Nazi-Regimes, die radikale Verkehrung seines kommenden \u201eHerrenvolkes\u201c ins Grotesk-Unmenschliche nicht beschreiben als in dessen eigener sprachlichen Selbstverhunzung und menschlichen Selbstzerfleischung. Ein Darwinistisches Debakel und Retro-Spektakel, das jeder vern\u00fcnftigen Geschichtschreibung spottet.<\/p>\n<p>\u201eDie Lager\u201c, \u201eLeiden an Deutschland\u201c, \u201eNietzsche im Lichte unserer Erfahrung\u201c, so lauten exemplarische Essays, in denen Thomas Mann f\u00fcr sich und sein Volk nach dem Krieg immer wieder Aufkl\u00e4rung suchte und Rechenschaft abzulegen versuchte. Der Autor war wie wohl kein anderer seiner Generation auch f\u00fcr diese Rolle pr\u00e4destiniert, n\u00e4mlich Zeugnis abzugeben f\u00fcr ein Zeitalter, das sp\u00e4tere Geschichtschreiber das \u201edeutsche Jahrhundert\u201c genannt h\u00e4tten &#8211; so zumindest einige Deuter und Seher ihrer Zunft -, w\u00e4re nicht dieses vielversprechende Deutschland in der Verhurung und Verheerung des Dritten Reiches so sch\u00e4ndlich untergegangen. In diesem Sinne k\u00f6nnte Thomas Mann im R\u00fcckblick auf sein einstiges Poschinger Domizil, beziehungsweise seine sp\u00e4tere Umfunktionierung zum Bordell f\u00fcr Blondhaarige und Blau\u00e4ugige, seine schon seinerzeit nicht unumstrittene Standortbestimmung noch dahingehend erweitern: Wo ich einst wohnte, da hauste auch die deutsche Barbarei.<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>In Heinrich Breloers dreiteiligem Doku-Drama <i>Die Manns &#8211; Ein Jahrhundertroman<\/i> (2001) wandert Elisabeth Mann, die j\u00fcngste Mann-Tochter als alte Dame erinnerungsversunken durch die leeren, ungem\u00fctlichen R\u00e4ume ihres Elternhauses. Und auch Jahre sp\u00e4ter machte es keinen ausgesprochen einladenden Gesamteindruck. Als ich im Sommer 2006 in M\u00fcnchen war, suchte ich es in der Poschinger Stra\u00dfe auf. Zur Zeit Thomas Manns war es ein Treff- und Mittelpunkt der gr\u00f6\u00dften Geister der Weimarer Republik gewesen. Diesmal war es zwar \u00e4u\u00dferlich gut renoviert, wirkte jedoch weiterhin recht reserviert, verschlossen und entgeistert. Dergestalt versinnbildlichte es f\u00fcr mich noch einmal die ganze Widerspr\u00fcchlichkeit von Thomas Manns exemplarischer Existenz, n\u00e4mlich einerseits seinen Aufstieg zum repr\u00e4sentativen Schriftsteller Deutschlands und einem der renommiertesten Einwanderer Amerikas und andererseits seinen folgenden Fall und Verruf als ein politisch verd\u00e4chtiger Unterwanderer seiner neuen Wahlheimat\u00a0 sowie als ein bekennender Vaterlandsverr\u00e4ter seines eigenen Herkunftslandes. F\u00fcrwahr eine vita repraesentativa in extremis.<\/p>\n<p>Ironie des Schicksals. In der Weimarer Republik hatte Alfred Kerr, einer ihrer scharfz\u00fcngigsten Kulturkritiker das literarische Werk Thomas Manns vor allem als das Ergebnis von unerm\u00fcdlichem Sitzfleisch seitens seines Verfassers charakterisiert. Nun sass der Verfasser buchst\u00e4blich zwischen allen St\u00fchlen. Der B\u00fcrger Thomas Mann, von Haus aus zur Sesshaftigkeit geboren und zur h\u00f6heren Bildung geradezu bestellt, war zum entwurzelten Wanderer zwischen den Welten schlechthin geworden. Dergestalt wird der Autor, der als \u201eIronischer Deutscher\u201c in die Literaturgeschichte eingehen sollte, von der vielfachen Ironie seines eigenen Lebensgeschicks immer wieder eingeholt und schlie\u00dflich im wahrsten Sinne des Wortes bis in sein eigenes, so verschlossen wirkendes Haus heimgesucht. Auf diese Weise best\u00e4tigt seine Auswanderer- und Heimkehrergeschichte ein letztes Mal jene vielfache Exilerfahrung seiner Generation, deren Summe Alfred Polgar auf den geradezu sprichw\u00f6rtlich gewordenen gemeinsamen Nenner gebracht hatte. \u201eDie Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image003.jpg\">\u00a0<\/a><\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3752\" alt=\"image003\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image003-300x97.jpg\" width=\"300\" height=\"97\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image003-300x97.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/05\/image003.jpg 793w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\nStra\u00dfenschild in der alten M\u00fcnchner Nachbarschaft Thomas Manns<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich im Sommer 2006 durch den Bogenhausener Herzogpark streifte, in dem sich auch die Poschinger Stra\u00dfe befindet, stie\u00df ich auf dieses Stra\u00dfenschild. Ein Jahr nach dem Tod des Schriftstellers hatte die Stadt M\u00fcnchen die ehemalige F\u00f6hringer Allee in Thomas-Mann-Allee umbenannt. Betrachtet man das unr\u00fchmliche Schlusskapitel von Thomas Manns Poschinger Residenz, so kann man getrost zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Erinnerung an sein Werk hier im Bogenhausener Herzogpark am besten aufgehoben ist &#8211; hier im Freien und Offenen zwischen all den B\u00e4umen und ihrem bunten Bl\u00fcten- und Bl\u00e4tterwerk im steten Wandel der Natur und ihrer immer wieder kehrenden Jahreszeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>\u201eWohin gehen wir? Immer nach Hause\u201c<br \/>\n(Novalis)<\/p>\n<p>\u201eIch trage meine Kultur in mir\u201c, so hatte Thomas Mann auf die bereits erw\u00e4hnte Exil-Frage eines \u00a0amerikanischen Reporters geantwortet. Seine zwei literarischen Prinzipien \u201eIm Zitat leben\u201c und \u201eIn Spuren gehen\u201c k\u00f6nnen dieses Selbstverst\u00e4ndnis weiter illustrieren.<\/p>\n<p>Das erste bedeutet, sich im Zitat entweder mit seinem Autor zu identifizieren, oder auch sich mehr oder weniger ironisch von ihm zu distanzieren. Das zweite ist mit dem ersten verwandt, und besagt, dass historische Personen und literarische Figuren immer wieder in den Spuren bahnbrechender Vorg\u00e4nger wandeln. Zusammengesehen bilden beide Leitmotive in den Texten Thomas Manns ein beziehungsreiches Netzwerk von Erfahrungen und Vorstellungen und kristallisieren sich zu einem literarischen und kulturhistorischen Universum, das wohl wie kein anderes Werk der Moderne abendl\u00e4ndische und morgenl\u00e4ndische Traditionen auf vielschichtige Art und Weise repr\u00e4sentiert und ineinander reflektiert. Der Bogen spannt sich von Tonio Kr\u00f6gers Gespaltenheit zwischen nordisch-strenger B\u00fcrgerlichkeit und s\u00fcdlich ausschweifendem K\u00fcnstlertum bis zur indischen Legende \u201eDie vertauschten K\u00f6pfe\u201c und wieder zur\u00fcck zum pathetisch-parodistischen Memoirenroman <i>Lotte in Weimar<\/i>. Diese literarischen Weltreisen werden erg\u00e4nzt durch historische Zeitreisen, angefangen von der epochalen Hochkultur Alt\u00e4gyptens und der antiken Mythenwelt in den Erinnerungen Gustav Aschenbachs im \u201eTod in Venedig\u201c \u00fcber das \u00a0mittelalterlich geschlossene Weltbild des heiligen S\u00fcnders in dem Roman <i>Der Erw<\/i><i>\u00e4<\/i><i>hlte <\/i>bis zu den bewegten Gr\u00fcnderjahren des zweiten deutschen Kaiserreiches und den folgenden Aufbau- und Zerst\u00f6rungsjahren des deutschen Faschismus und seines geradezu schon apokalyptischen Untergangs.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den immer wieder kontrastiven und letztendlich destruktiven Konfigurationen der fr\u00fchen und mittleren Schaffensphase ist das Alterswerk Thomas Manns von einer zunehmenden Aufl\u00f6sung der Widerspr\u00fcche und ihrer Verwandlung ins Heiter-Ironische gekennzeichnet, eine Tendenz, die bestrebt ist, die Gegens\u00e4tze auf h\u00f6herer Ebene im Menschlich-Allzumenschlichen einer multikulturellen Menschheitsgeschichte aufzuheben. Sein Essay \u201eDie Einheit des Menschengeistes\u201c ist ein illustratives Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre wurden mir Werk und Leben Thomas Manns in gewisser Weise zu einem wesentlichen Bestandteil meiner geistigen Heimat in der Neuen Welt. Seine Erz\u00e4hlungen und Romane aus der Alten Welt bildeten daf\u00fcr das muttersprachliche Fundament sowie den kulturgeschichtlichen Horizont. Dar\u00fcber hinaus wurden auch verschiedene Themenkomplexe immer wieder zu fruchtbaren Quellgebieten f\u00fcr neue Forschungsprojekte. Last but not least boten die Publikationen dieser diversen Recherchen ihrerseits immer mehr Gelegenheit zu weiteren Vortragsreisen. Thomas Manns schelmisches Maskenspiel mit der Figur Goethes, seine bildungsreiche Wahlverwandtschaft mit dem anderen gro\u00dfen Repr\u00e4sentanten der deutschen Kultur, in anderen Worten, seine einbildungsreiche Nachfolge des Dichterf\u00fcrsten der deutschen Klassik war eine <i>tour de horizon<\/i>, an der vor allem deutsche Goethe Institute Interesse zeigten, \u00a0sodass sie mich mit meinem Lichtbildvortrag \u201eGoethe and Thomas Mann: Elective Affinities Across the Centuries\u201c immer \u00f6fter zu Vorf\u00fchrungen sowohl in englischer als auch deutscher Sprache einluden. Infolgedessen tingelte ich in den letzten Jahren allein mit dieser Geschichte durch f\u00fcnfzehn verschiedene L\u00e4nder diesseits und jenseits des Atlantiks. Dabei kam ich mir allerdings auch immer wieder ein wenig wie der globetrottende Hochstapler Felix Krull vor, denn schlie\u00dflich hatte ich ja die Bilder nur aus verschiedenen Bildb\u00e4nden kopiert und die verbindenden Kommentare aus diversen Dokumenten mehr oder weniger zusammenmontiert. Aber genau das wollten die Gastgeber, die an originellen und daf\u00fcr desto spezialisierteren Textexegesen mit R\u00fccksicht auf ihr breiteres Publikum nicht das geringste Interesse hatten. Gerne kam ich ihren W\u00fcnschen entgegen, denn nur so konnte ich mich nicht nur n\u00fctzlich machen, sondern obendrein auch immer wieder die gro\u00dfe, weite Welt genie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eEros im Wort\u201c, diese Epiphanie Gustav Aschenbachs am Lido von Venedig, scheint mir nicht nur die Quintessenz aller Poesie, sondern letztendlich auch das alchemische Elixier aller Gottes- und Venusnarren zu sein. Soviel ist sicher: Niemand h\u00e4tte mir im Leiden an der deutschen Geschichte \u00a0und umgekehrt in der Leidenschaft f\u00fcr ihre Kultur &#8211; und dies vor allem in ihrer klassisch-romantischen Provenienz &#8211; ein gr\u00f6\u00dferes Vorbild sein k\u00f6nnen als Thomas Mann. Dass sich unter der Maske des klassisch etablierten Bourgeois zudem ein romantisch vagantischer Bohemien verbarg, machte ihn nur noch interessanter und sympathischer.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist Thomas Manns schw\u00e4rmerischer Freigeist Teil jenes gro\u00dfen Goethe\u2019schen Gesangs \u00fcber den Wassern, Teil jenes transatlantischen Spannungsbogens zwischen Poschinger Stra\u00dfe und Pacific Palisades, Weimar in Th\u00fcringen und Weimar in Kalifornien geworden und in diesem deutsch-amerikanischen Kulturaustausch bestens aufgehoben. Und denk ich an Deutschland\u00a0 &#8211; , dann denk ich auch immer wieder an ihn, den gro\u00dfen Zauberer der Worte und Beschw\u00f6rer ihrer inneren Wahrheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dies ist der Titel von Thomas Wolfes 1940 posthum ver\u00f6ffentlichtem Roman, der die pers\u00f6nlichen Erfahrungen und Ent\u00e4uschungen des Autors mit Deutschland unter dem aufsteigenden Nationalsozialismus reflektiert und seinen Romanhelden schlie\u00dflich zur\u00fcck in seine Heimat Amerika f\u00fchrt.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Dieses Gef\u00fchl, ein Repr\u00e4sentant, ein Vertreter und Erkl\u00e4rer Deutschlands zu sein, teilen auch noch heutige Einwanderer mit Thomas Mann &#8211; wenn auch in weitaus bescheidenerem Ma\u00dfe &#8211; , wie die Interviews in Gunter Kl\u00f6tzers Band <i>Deutsche Germans in Amerika<\/i> immer wieder zeigen. \u00a0Am besten bringt es in dieser Interview-Sammlung wohl Helge Fuchs, ein geb\u00fcrtiger L\u00fcbecker (!), zum Ausdruck, wenn er sagt: \u201eAmerika hat mich zum besseren Deutschen gemacht.\u201c<\/p>\n[3]\u00a0Urheberrechte f\u00fcr beide Fotos dieses Essays bei Frederick A. Lubich<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWo ich bin, ist Deutschland\u201d Thomas Mann als transatlantischer Emigrant par excellence oder Hundert Jahre Poschinger Stra\u00dfe 1 (1914-2014) &nbsp; \u201cYou Can\u2019t Go Home Again\u201c (Thomas Wolfe)\u00a0[1] Als ich Anfang der achtziger Jahre im kalifornischen Santa Barbara das Lebenswerk Thomas Manns f\u00fcr meine Doktorarbeit zu recherchieren begann, schien der Gro\u00dfschriftsteller und \u00a0Nobelpreistr\u00e4ger der Literatur zwei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3681,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3747","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3747"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3747\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3681"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}