{"id":3960,"date":"2014-12-07T10:49:55","date_gmt":"2014-12-07T15:49:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3960"},"modified":"2014-12-09T20:43:35","modified_gmt":"2014-12-10T01:43:35","slug":"jay-rosellini","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/jay-rosellini\/","title":{"rendered":"Jay Rosellini"},"content":{"rendered":"<p><strong>Potenzial und Problematik des politischen Theaters heute \u2014 Zwei aktuelle Beispiele aus \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich einer Inszenierung von Anton Tschechows <em>Kirschgarten<\/em> an der Berliner Schaub\u00fchne im Jahre 2008, vierzig Jahre nach dem sagenumwobenen Jahr 1968 also, stellte der Kritiker Nikolaus Merck eine grunds\u00e4tzliche Frage: &#8220;Was ist heute politisches Theater?&#8221;[1] Diese Frage wird in der kurzen Theaterkritik nicht eindeutig beantwortet, aber es wird klar, dass der Tschechow-Regisseur Falk Richter im Hinblick auf dieses Genre eher Trauerarbeit als neue Programmatik zu bieten hatte. Dies ist kein Wunder angesichts der &#8220;Ratlosigkeit der [in der St\u00fcckadaption auftretenden] post-modernen-marxistischen-antikolonialen-feministischen Linken&#8221; (so Merck): &#8220;Niemand wei\u00df, was tun, aber alle schw\u00e4tzen dar\u00fcber.&#8221; Dies war nat\u00fcrlich nicht immer der Fall. Im langen zwanzigsten Jahrhundert gab es recht viele Dramatiker, die den Versuch wagten, Agitation, Aufkl\u00e4rung, Belehrung (und manchmal auch Unterhaltung) auf die B\u00fchne zu bringen. Brecht, Piscator, Toller u.v.m. agierten, ehe die Vorsilbe &#8220;Post-&#8221; das Scheitern aller linken Projekte signalisierte. Die &#8220;Ratlosigkeit&#8221; (oder eher der Abschied von einem Weltbild mit Alleinvertretungsanspruch) erschien erst in den bleiernen Nachkriegsjahren in Gestalt von D\u00fcrrenmatt und Frisch. Als Neuauflage des Weimarer Theaters eroberte das Dokumentarische Theater[2] in den sechziger Jahren unerwarteterweise die Schauspielh\u00e4user, um dann vor der Neuen Subjektivit\u00e4t bzw. der Neuen \u00dcbersichtlichkeit die Waffen zu strecken. Seitdem hat es manche Versuche gegeben, das politische Theater wiederzubeleben (u.a. von Einzelk\u00e4mpfern wie Christoph Schlingensief), aber nicht mehr als das. In unserer Zeit w\u00fcrde folgender Aufruf aus dem Vorm\u00e4rz zweifellos als linke Nostalgie abgetan werden: &#8220;Der zuk\u00fcnftige Charakter &#8230; [des Dramas] kann nur politisch sein.&#8221;[3] Das hei\u00dft allerdings nicht, dass der Ruf nach einem eingreifenden Theater v\u00f6llig verstummt ist. Auch heute kann er formuliert werden, zum Beispiel so:<\/p>\n<p><em>Ein politisches Theater macht die Wirklichkeit unm\u00f6glich (auch im Sinne von schwer ertr\u00e4glich) und zielt auf das Unm\u00f6gliche, beispielsweise die Utopie einer solidarischen Gesellschaft, die zunehmend in unerreichbare Ferne zu r\u00fccken droht.<\/em>[4]\n<p>Das \u00f6sterreichische politische Theater, insofern es als ein eigenst\u00e4ndiges Ph\u00e4nomen betrachtet werden kann, blickt nicht in erster Linie auf die Traditionslinie Lessing\/Schiller\/B\u00fcchner\/Hauptmann\/Wedekind\/Brecht[5] zur\u00fcck, sondern eher auf die Gruppierung Nestroy\/Anzengruber\/Horv\u00e1th. Das Utopische ist eigentlich nicht sein Terrain, sondern eher die entlarvende, sprachkritische Satire oder der teils mitleidsvolle, teils skeptische Blick auf das (meist l\u00e4ndliche) Volk. (Gerade beim sog. Volksst\u00fcck kann man allerdings eine gemeinsame s\u00fcddeutsche\/\u00f6sterreichische Linie ausmachen, verk\u00f6rpert von Autoren wie Kroetz oder Turrini.)<\/p>\n<p>Jenseits von nationalen bzw. regionalen Eigent\u00fcmlichkeiten muss man nat\u00fcrlich von gewissen wiederkehrenden Dramen<em>typen<\/em> reden. Steht ein Individuum im Mittelpunkt, so handelt es sich oft um eine vorbildliche Heldenfigur (wie etwa in den M\u00e4rtyrerdramen des Barock; man denke an Gryphius&#8217; <em>Catharina von Georgien<\/em> mit dem Untertitel <em>Bew\u00e4hrte Best\u00e4ndigkeit<\/em>), obwohl ambivalente, schillernde Gestalten auch vorkommen (etwa Schillers <em>Wallenstein<\/em>, B\u00fcchners <em>Woyzeck<\/em>, Brechts <em>Courage<\/em> oder Zuckmayers General Harras in <em>Des Teufels General<\/em>). Manche Dramatiker versuchen, das Bild einer ganzen Epoche zu zeichnen (z.B. in Karl Kraus&#8217; <em>Die letzten Tage der Menschheit<\/em> oder Dieter Fortes <em>Martin Luther &amp; Thomas M\u00fcntzer oder die Einf\u00fchrung der Buchhaltung<\/em>). Im Folgenden geht es um die Analyse von zwei Dramen aus der Gegenwart, die in \u00e4sthetischer Hinsicht kaum verschiedener sein k\u00f6nnten, auch wenn beide Autoren aufkl\u00e4ren und aufr\u00fctteln wollen.<\/p>\n<p>Der Tiroler Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Felix Mitterer (geb. 1948) kommt aus einfachen Verh\u00e4ltnissen. Er m\u00f6chte aber nicht als Autor von Volksst\u00fccken gelten, obwohl er &#8216;von unten&#8217; kommt.[6] Seit der Urauff\u00fchrung seines Erstlings <em>Kein Platz f\u00fcr Idioten<\/em> (1977) hat er zahlreiche Theaterst\u00fccke geschrieben. Das breitere Publikum kennt ihn aber eher wegen seiner Arbeit f\u00fcrs Fernsehen (etwa die <em>Piefke-Saga<\/em>[7] von 1991). Zu den Themen des Dramatikers Mitterer geh\u00f6ren der Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen (im besagten Erstling), die Einsamkeit \u00e4lterer Menschen in Pflegeheimen (<em>Sibirien<\/em>), die Unterdr\u00fcckung der Frauen, die Rolle des katholischen Glaubens in \u00d6sterreich (&#8220;Ich stehe sehr kritisch zur Katholischen Kirche, ich kritisiere diese Institution, sie hat viel angerichtet. Aber es gibt keinen Ha\u00df oder Antiklerikalismus.&#8221;[8]) sowie die Auswirkungen des Nationalsozialismus in \u00d6sterreich. Auch historische Themen, die eine eingehende Besch\u00e4ftigung mit dem Material erforderlich machen[9], kommen vor (z.B. die Vertreibung der Protestanten aus dem Zillertal im 19. Jahrhundert in <em>Verlorene Heimat<\/em> oder der Leidensweg einer verfolgten Glaubensgemeinschaft in <em>Die Hutterer<\/em>). Obwohl er es selbst nicht leicht gehabt hat, ist der Zorn nicht die Haupttriebfeder hinter seinem Schreiben. Er sah sich veranlasst, das \u00f6ffentlich zu erkl\u00e4ren, nachdem ihn die Kritikerin Sigrid L\u00f6ffler als naiv-treuherzigen Vertreter eines &#8220;Kleine-Leute-Realismus&#8221;[10] eingestuft hatte. In seiner Replik schrieb Mitterer: &#8220;Der Dichter hat sich selbst und die ganze Welt zu hassen, was? Nicht ich. Ich nicht. Mir geht es gut. Ich bin gerettet. Und ich hoffe, da\u00df sich viele [alle] retten.&#8221;[11]\n<p>Mitterer ver\u00f6ffentlichte 2013 ein Theaterst\u00fcck \u00fcber einen Mann, der weder sich selbst noch sein Land retten konnte. Die Titelfigur von <em>J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em>[12]<em>, <\/em>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter (1907-1943), gilt heute als der wohl ber\u00fchmteste \u00f6sterreichische Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkriegs (sein Foto h\u00e4ngt im Glaskasten am Wiener Friedensmuseum in der Blutgasse), aber in den ersten Jahrzehnten nach 1945 war er den meisten \u00d6sterreichern unbekannt. Dies \u00e4nderte sich allm\u00e4hlich, vor allem aus zwei Gr\u00fcnden. Der US-amerikanische Soziologe und Friedensaktivist Gordon Zahn ver\u00f6ffentlichte 1964 ein Lebensbild des \u00d6sterreichers als Neinsager und Widerst\u00e4ndler gegen das Unrecht.[13] (Zwei Jahre zuvor hatte er bereits eine Untersuchung \u00fcber das Verhalten der deutschen Katholiken im Nationalsozialismus publiziert.[14]) Zahn besuchte J\u00e4gerst\u00e4tters ober\u00f6sterreichische Heimatgemeinde St. Radegund (unweit von Braunau, der Geburtsst\u00e4tte Hitlers) und interviewte J\u00e4gerst\u00e4tters Witwe Franziska sowie die Dorfbewohner. Das, was er von ihnen erfuhr, legte den Grundstein f\u00fcr das heutige Bild des Menschen J\u00e4gerst\u00e4tter:<\/p>\n<p><em>From the very first interview [&#8230;], it became inescapably clear that the people of St. Radegund knew\u2212and remember\u2212two J\u00e4gerst\u00e4tters: an &#8220;early&#8221; Franz, and a &#8220;new&#8221; man, who appeared after a sudden and complete change about the time of \u00a0\u00a0 his marriage. It was equally clear that it is the early Franz who is more warmly regarded, although the other is remembered for his good qualities, in spite of the \u00a0\u00a0 misfortune he brought upon himself and his family<\/em>.[15]\n<p>Im Jahr 1971 vollendete der Regisseur Axel Corti dann seinen halbdokumentarischen Fernsehfilm <em>Der Fall J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em>, der &#8220;von der Religionsabteilung des ORF in Auftrag gegeben&#8221;[16] worden war und in Deutschland und \u00d6sterreich ausgestrahlt wurde. Nachgestellte Szenen aus J\u00e4gerst\u00e4tters Leben werden durch Interviews mit Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter und vielen Dorfbewohnern erg\u00e4nzt. J\u00e4gerst\u00e4tters Hinrichtung in Berlin wird sowohl am Anfang als auch am Ende des Films dargestellt. Aussagen aus den Aufzeichnungen und Briefen[17] der Titelgestalt werden in den Dialog verflochten. Im Mittelpunkt des Films steht der bereits &#8216;gewandelte&#8217; J\u00e4gerst\u00e4tter, der sich klar vom Nationalsozialismus distanziert (so erwidert er schon in der ersten Szene auf dem Dorf den Hitlergru\u00df mit &#8220;Gr\u00fc\u00df Gott&#8221;). Wie es zur Wandlung kam, d.h., wie aus einem lebenslustigen, nicht besonders frommen Bauernburschen ein radikaler Katholik und verbissener Kriegs- und Nazigegner wurde, erf\u00e4hrt man nicht. Corti f\u00fcgt allerdings den ber\u00fchmten Traum J\u00e4gerst\u00e4tters in den Dialog ein. In den nachgelassenen Aufzeichnungen liest sich dieses Erlebnis &#8220;in einer J\u00e4nnernacht 1938&#8221; so:<\/p>\n<p><em>Erst lag ich fast bis Mitternacht im Bett ohne zu schlafen, obwohl ich nicht krank war, mu\u00df aber dann doch ein wenig eingeschlafen sein, auf einmal wurde mir ein sch\u00f6ner Eisenbahnzug gezeigt, der um einen Berg fuhr, abgesehen von den Erwachsenen str\u00f6mten sogar die Kinder diesem Zuge zu und waren fast nicht zur\u00fcckzuhalten, wie wenige Erwachsene es waren, welche in selbiger Umgebung nicht mitfuhren. Dann sagte mir auf einmal eine Stimme: &#8220;Dieser Zug f\u00e4hrt in die H\u00f6lle.&#8221; [&#8230;] Anfangs war mit dieser fahrende Zug ziemlich r\u00e4tselhaft, aber je l\u00e4nger die ganze Sache ist, desto entschiedener wird mir auch dieser fahrende \u00a0Zug. Und mir kommt es heute vor, als stellte dieses Bild nichts anderes dar als den damals hereinbrechenden oder schleichenden Nationalsozialismus mit all seinen verschiedenen Gliederungen [&#8230;] Somit glaub ich, hat mir Gott es durch diesen Traum oder Erscheinung klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist \u2212 oder Katholik!<\/em>[18]\n<p>Cortis J\u00e4gerst\u00e4tter ist dem\u00fctig, tapfer und unbeirrbar. Im Heimatdorf sind die Meinungen \u00fcber ihn noch lange nach dem Krieg geteilt. Dem Zuschauer des Films kann allerdings nicht entgehen, dass viele St.-Radegunder Bauern noch Hitler-B\u00e4rte tragen!<\/p>\n<p>Warum griff Mitterer zu diesem Stoff, den der Corti-Film nach Jahren des Schweigens ans Tageslicht geholt hatte? Er erkl\u00e4rt, dass man in dem Text &#8220;Mein Weg zu Franz J\u00e4gerst\u00e4tter&#8221;, der als eine Art Vorwort zu seinem St\u00fcck dient,[19] vielleicht einen Exkurs \u00fcber den \u00f6sterreichischen Umgang mit dem Nationalsozialismus mit Hinweisen etwa auf die Debatte um das Wiener Deserteursdenkmal erwartet[20], aber dem ist nicht so. Mitterer kennt zwar &#8220;den wunderbaren Film von Axel Corti&#8221; (7), aber das war nicht der Schreibimpuls. Etwa f\u00fcnf Jahre nach der \u2212 lange umstrittenen, immer wieder verschobenen \u2212 Seligsprechung J\u00e4gerst\u00e4tters im Jahr 2007 (zur Amtszeit des selbst umstrittenen Papstes Benedikt XVI.) fragte der Schauspieler Gregor Blo\u00e9b seinen Freund Mitterer, ob er ein St\u00fcck \u00fcber J\u00e4gerst\u00e4tter schreiben k\u00f6nnte. (7) Dieser war zun\u00e4chst nicht begeistert, weil er den Fall f\u00fcr &#8220;so tragisch, so aussichtslos&#8221; (7) hielt. Als er sich jedoch in die Materie vertiefte, entdeckte er einen &#8216;anderen&#8217; J\u00e4gerst\u00e4tter:<\/p>\n<p><em>Franz war kein sturer, depressiver &#8220;Betbruder&#8221;, kein Sonderling und Au\u00dfenseiter, f\u00fcr den ich ihn gehalten hatte. Franz war ein fr\u00f6hlicher, aufrechter, tatkr\u00e4ftiger Mensch. Als erster Radegunder besa\u00df er ein Motorrad, als erster schob er den Kinderwagen durch das Dorf, und bis zu seiner Gewissensentscheidung war er au\u00dferordentlich beliebt.<\/em> (7)<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass Mitterer von der &#8220;gro\u00dfe[n] Liebesgeschichte&#8221; (8) fasziniert war und auch von J\u00e4gerst\u00e4tters Rolle als Vorbild f\u00fcr &#8220;zahlreiche Kriegsdienstverweigerer in der ganzen Welt&#8221; (8) beeindruckt war.[21] Das Vorwort schlie\u00dft mit einer Danksagung an den Schauspieler \u2212 und J\u00e4gerst\u00e4tter-Darsteller \u2212 Blo\u00e9b, denn ohne ihn &#8220;w\u00fcrde Franz weiterhin nur einer kleinen, katholischen Minderheit bekannt sein&#8221;. (9)[22] Was f\u00fcr ein Mensch wird also dem \u00f6sterreichischen Theaterpublikum vorgestellt, und welche dramatischen Mittel werden dabei eingesetzt?<\/p>\n<p>Die Gestalt in der \u00f6sterreichischen Kulturgeschichte, die am ehesten mit dem Pazifismus und der Friedensbewegung assoziiert wird, ist nicht J\u00e4gerst\u00e4tter, sondern Bertha von Suttner (1843-1914), Autorin des Antikriegs-Romans <em>Die Waffen nieder!<\/em> (1889) und Friedensnobelpreistr\u00e4gerin von 1905. Suttner war eine engagierte, streitbare Intellektuelle, die global dachte und handelte.[23] Der Kontrast zu J\u00e4gerst\u00e4tter k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Dieser geh\u00f6rte zu keiner Bewegung, war nicht politisch aktiv und war vor allem kein Intellektueller. Mitterer zeigt uns einen Mann, der trotz mangelnder Bildung ethisch denken und nach seinem Gewissen handeln konnte,[24] und er zeigt uns auch, dass der junge J\u00e4gerst\u00e4tter kein &#8216;angehender Heiliger&#8217; war. Da es dem Autor auf die innere Entwicklung ankommt, bemerkt er in den B\u00fchnenanweisungen: &#8220;Keine Hakenkreuzfahnen, keine Nazi-Embleme, keine Nazi-Uniformen.&#8221; (10) Er verzichtet auch auf Spannung, indem er (wie seinerzeit Corti) die Ank\u00fcndigung von J\u00e4gerst\u00e4tters Hinrichtung gleich in der ersten Szene platziert.<\/p>\n<p>Die Auftritte der beiden Hauptfiguren Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter werden von einem Chor begleitet, der verschiedene Gestalten annimmt (z.B. die Vox populi, die mahnende\/scheltende Stimme, politische Lager \u2212 wie in der 5. Szene \u2212 oder marschierende Soldaten). Gleich in der ersten Szene werden mittels einer modifizierten Stichomythie die Fronten abgesteckt:<\/p>\n<p><em>Chor: Spinner, Volksfeind, Verr\u00e4ter.<\/em><\/p>\n<p><em>Vorsprecher: L\u00e4sst seine Familie im Stich, l\u00e4sst sein Dorf im Stich, l\u00e4sst seine Heimat im Stich. [&#8230;]<\/em><\/p>\n<p><em>Franziska: Er ist ein Heiliger! Der einzige, der Nein gesagt hat. Einmal werdets ihr einsehen, dass er im Recht war.<\/em> (12)<\/p>\n<p>Nach dieser Konfrontation wird J\u00e4gerst\u00e4tters Werdegang chronologisch aufgerollt. Als junger Mann wird er Vater eines unehelichen Kindes, er schl\u00e4gt im Wirtshaus einen Bauern nieder, der ihn als &#8220;Dienstbotenbankert und Hendelbauer&#8221; beschimpft hat,[25] und er unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich nicht von anderen Bodenst\u00e4ndigen aus seiner Gegend.[26] Er weicht allerdings schon fr\u00fch in einer Hinsicht ab, n\u00e4mlich darin, dass er ein eifriger Leser ist. Seiner jungen Tochter Rosl erz\u00e4hlt er das sp\u00e4ter so:<\/p>\n<p><em>Hat mit seiner Mutter allein auf dem Hof gelebt, und hat nur gearbeitet und gelesen. Studiert, Rosl, B\u00fccher studiert. \u00dcber die Welt, wie es da drau\u00dfen zugeht, und \u00fcber die Heiligen, \u00fcber die Verk\u00fcnder der Wahrheit. [&#8230;] Die Nachbarn haben ihn ausgelacht, wenn er wieder einmal mit einem Buch am Feldrain gehockt ist [&#8230;]<\/em> (41)<\/p>\n<p>Im gleichen Passus beschreibt er sich als &#8220;fast ein Einsiedler&#8221; (41), das hei\u00dft, anders als Suttner hat er in aller Abgeschiedenheit die Wahrheit gesucht, und zwar nicht auf dem Weg des intellektuellen Diskurses, sondern im Glauben, dass es <em>eine<\/em> Wahrheit g\u00e4be, die ewig w\u00e4re. Diese Wahrheit besteht f\u00fcr ihn letzten Endes darin, dass das Dasein auf der Erde nur als christliches Leben einen Sinn h\u00e4tte. Man muss allerdings kein Theologe sein, um zu erkennen, dass es alles andere als leicht ist, ein solches Leben zu definieren. J\u00e4gerst\u00e4tter berief sich auf die Worte des Linzer Bischofs Johannes Maria Gf\u00f6llner (1867-1941), ein guter Katholik k\u00f6nne kein Nationalsozialist sein (63).[27] Im Gegensatz dazu hatte der \u00f6sterreichische Kardinal und Wiener Erzbischof Theodor Innitzer (1875-1955) erkl\u00e4rt (von Franziska im St\u00fcck vorgelesen): &#8220;F\u00fcr uns Bisch\u00f6fe ist es nationale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen, und wir erwarten das auch von allen gl\u00e4ubigen Christen.&#8221; (33)[28] In der 19. Szene ist es der opportunistische, taktierende Bischof von Linz \u2212 Gf\u00f6llners Nachfolger \u2212, der J\u00e4gerst\u00e4tter belehrt, ein Soldat m\u00fcsse kein Nazi sein, und au\u00dferdem gehe es &#8220;gegen den Bolschewismus&#8221; (63f.).[29] Dieser Bischof macht auch eine \u00c4u\u00dferung, die das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war: &#8220;Als Einzelner k\u00f6nnen Sie doch nichts machen, verstehen Sie das endlich.&#8221; (65) Ab diesem Zeitpunkt wei\u00df J\u00e4gerst\u00e4tter, dass er seinen Weg allein wird gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft jedoch nicht, dass J\u00e4gerst\u00e4tter nicht schwankt. Obwohl er sich von dem nationalsozialistischen Staat klar distanziert (er nimmt z.B. keine landwirtschaftlichen Subventionen an), macht er den ersten Dienst bei der Wehrmacht 1940\/41 als Kraftfahrer. Danach kann er als Bauer nach Hause zur\u00fcckkehren. Die eigentliche Verweigerung erfolgt erst 1943 bei der erneuten Einberufung, obwohl alle (die Mutter, die Frau, der B\u00fcrgermeister, der Pfarrer[30]) ihn davon abhalten wollen. Dies erfolgt in der 18. Szene des St\u00fcckes, an deren Ende Franziska schlie\u00dflich bekennt: &#8220;Tu, wie du musst. Ich steh zu dir.&#8221; (61)<\/p>\n<p>Nach der Verweigerung kommt J\u00e4gerst\u00e4tter zuerst in das Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis Linz, dann nach Berlin in das Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis in Tegel. Im Gef\u00e4ngnis wird J\u00e4gerst\u00e4tter verpr\u00fcgelt, und die W\u00e4rter wollen ihn dazu zwingen, ein Kruzifix anzuspucken (Szene 28), aber unerwarteterweise wird im Laufe der Handlung gezeigt, wie viele Menschen sich um den Verweigerer bem\u00fchen und versuchen, ihm zu helfen. Das f\u00e4ngt schon 1938 an, als er es ablehnt, f\u00fcr den Anschluss zu stimmen. Der Oberlehrer (auch Ober-Nazi im Dorf) will den Querkopf zur Rechenschaft ziehen, aber der Chor (als Stimme des Volkes?) wei\u00df das zu verhindern (38). Der Dorfb\u00fcrgermeister, der J\u00e4gerst\u00e4tter eigentlich als seinen Nachfolger sehen m\u00f6chte, sorgt daf\u00fcr, dass jener zeitweise vom Wehrdienst befreit wird (13. Szene). Die Mutter m\u00f6chte ihn bis Kriegsende im Wald verstecken (Szene 18), und ein \u00f6sterreichischer Wehrmachtsoffizier, der ihn verh\u00f6ren muss, tut alles, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen (&#8220;Wir sind die Wehrmacht, wir sind die Armee. Wir sind keine Nazi-Organisation.&#8221; (69).[31] Sogar sein zynischer Pflichtverteidiger in Berlin setzt sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr ihn ein, obwohl er seine Ansichten auf keinen Fall teilt: &#8220;Blutopfer f\u00fcr das Volk, Blutopfer f\u00fcr Gott! Ein und dieselbe Chose!&#8221; (84)[32] Nicht einmal die Familie kann aber eine Wendung herbeif\u00fchren: Franziska kommt mit dem Dorfpfarrer nach Tegel, aber J\u00e4gerst\u00e4tter hat seine Familienpflichten l\u00e4ngst hinter sich gelassen: &#8220;Wer Vater, Mutter, Weib und Kinder mehr liebt als mich. ist meiner nicht wert.&#8221; (91; Hier bezieht er sich auf Matth\u00e4us 10:37.) Seine letzten Worte sind: &#8220;Maria mit dem Kinde liebe, uns noch allen deinen Segen gib.&#8221; (93)<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen die Zuschauer also mit nach Hause nehmen? Sie werden mit einem Mann vertraut gemacht, der typische m\u00e4nnliche Charakteristika (St\u00e4rke, Stoizismus, Sturheit) mit Wahrheitsliebe und Z\u00e4rtlichkeit \u2212 besonders gegen\u00fcber seiner Frau und den Kindern \u2212 verbindet. Kann er den Nachgeborenen als Vorbild dienen? Auf diese Frage gibt es keine klare Antwort. Der gr\u00fcne Vordenker Rudolf Bahro hat einmal postuliert, die Welt brauche nicht mehr Christen oder Buddhisten, sondern ein paar Millionen Menschen wie Christus oder Buddha.[33] Um ein Jesus (oder zumindest ein Heiliger oder M\u00e4rtyrer) zu werden, muss man anders sein als alle anderen, wie J\u00e4gerst\u00e4tter in der 26. Szene beteuert: &#8220;Ich bin aus allem herausgefallen. Aus meiner Familie, aus meinem Dorf, aus meiner Glaubensgemeinschaft. Es ist nicht sch\u00f6n, allein zu sein und vollkommen unverstanden.&#8221; (83) Der Lauf der Weltgeschichte lehrt uns, dass eine radikale Wandlung <em>aller<\/em> Menschen nie m\u00f6glich sein wird. In Ausnahmesituationen, etwa in der Franz\u00f6sischen Revolution, k\u00f6nnen jedoch <em>viele<\/em> zumindest zeitweise anders werden. In seinem St\u00fcck l\u00e4sst Mitterer keinen Zweifel daran, dass Systeme wie der Nationalsozialismus nicht von Individuen, egal wie stark ihr Gewissen w\u00e4re, \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen.[34] Dazu w\u00e4re ein organisierter Widerstand n\u00f6tig, der aktiv wird, ehe das jeweilige System sich zu festigen vermag (Wehret den Anf\u00e4ngen!). Man kann, ja muss J\u00e4gerst\u00e4tter bewundern, aber nur als absolute Ausnahmeerscheinung. Dass dies im Nachkriegs\u00f6sterreich vers\u00e4umt wurde, zeigt die vorletzte Szene des St\u00fcckes: Die katholische Kirche sieht davon ab, J\u00e4gerst\u00e4tters Fall \u00f6ffentlich zu er\u00f6rtern (&#8220;F\u00fcr die P\u00e4dagogik an den Menschen sind die Beispiele der k\u00e4mpfenden Helden, die aus eindeutig richtigem Gewissen [!] konsequent gehandelt haben, die besseren Vorbilder.&#8221; &#8211; so der Linzer Bischof (93)). und eine Witwen- und Waisenrente wird Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter von dem Land Ober\u00f6sterreich nicht zugesprochen, weil sich ihr Mann nicht &#8220;f\u00fcr ein freies und demokratisches \u00d6sterreich&#8221; eingesetzt habe (93). F\u00fcr die Vertreter von Kirche und Staat war J\u00e4gerst\u00e4tter kein Vorbild, sondern eher ein abschreckendes Beispiel. Da ist es nur konsequent, dass Mitterers B\u00fchnenanweisungen f\u00fcr die Schlussszene lauten: &#8220;Etwa zehn Sekunden lang Projektionen von Krieg und Gewalttaten heute.[35] Der Ton so laut, dass es wehtut. Dann Stille.&#8221; (95) Das Schicksal des Radegunders bleibt aktuell.<\/p>\n<p>Wie schon so oft konnte Mitterer mit seinem <em>J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em> einen gro\u00dfen Erfolg verbuchen. Das St\u00fcck wurde 2013 am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgef\u00fchrt und geh\u00f6rte auch zum Programm des Theatersommers Haag\/Nieder\u00f6sterreich, wo es insgesamt 14 000 Zuschauer gab. Das St\u00fcck wurde auch am Tiroler Landestheater in Innsbruck aufgef\u00fchrt. Die Kritiker sparten nicht mit Lob:<\/p>\n<p><em>Eine gro\u00dfartig durchkomponierte, zutiefst ber\u00fchrende, sehr wichtige Auff\u00fchrung[&#8230;] Gro\u00dfer Jubel vom Publikum.<\/em>[36]\n<p><em>[&#8230;] ein emotionsges\u00e4ttigter Abend [&#8230;] Ein gro\u00dfer Theaterabend.<\/em>[37]\n<p><em>[.. ] dem Tiroler Dramatiker ist in dieser Montage aus Originalzitaten und Eigenem ein gro\u00dfer Wurf gelungen \u2013 lebendiges Theater, ein didaktisches Volksst\u00fcck, das nie sentimental wirkt, sondern einfach wahr.<\/em>[38]\n<p><em>[&#8230;] Herzlicher Applaus f\u00fcr das rundum gelungene Beispiel eines St\u00fcckes Gebrauchsdramatik, das sich nicht kl\u00fcger d\u00fcnkt als die Masse der Nachgeborenen<\/em>.[39]\n<p>Bei einem Interview nach der Urauff\u00fchrung stellte ein Journalist dem Dramatiker Mitterer eine wichtige Frage:<\/p>\n<p><strong><em>Wie reagierten die geistlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger, die die Urauff\u00fchrung in Wien gesehen haben? <\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Sie waren sehr ber\u00fchrt. Kardinal Sch\u00f6nborn, der die Franziska gut kannte und mit ihr beim Papst war, hat mich umarmt. Das h\u00e4tte ich mir nicht gedacht und es hat mich bewegt. Und der Linzer Altbischof Maximilian Aichern hat mir erz\u00e4hlt, wie er angefangen hat, sich f\u00fcr den Franz J\u00e4gerst\u00e4tter einzusetzen, da hat ihm der ober\u00f6sterreichische Kameradschaftsbund gedroht, wenn er das nicht einstellt, dann treten alle aus der Kirche aus. Aber er hat nicht nachgelassen, die Herzen hin zu J\u00e4gerst\u00e4tter zu \u00f6ffnen. Das St\u00fcck ist ja auch dazu da, ihn den Menschen n\u00e4her zu bringen, diesen sehr merkw\u00fcrdigen, widerst\u00e4ndigen Bauern aus St. Radegund.<\/em>[40]\n<p>Die W\u00fcrdentr\u00e4ger der katholischen Kirche in \u00d6sterreich haben sich offensichtlich zu einem neuen Standpunkt durchgerungen. Ob das auch bei den Gl\u00e4ubigen der Fall ist?<\/p>\n<p>Bei seinem <em>J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em> entschied sich Felix Mitterer f\u00fcr die Einf\u00fchlungsdramatik. Er w\u00e4hlte einen Helden, mit dem man sich identifizieren k\u00f6nnte, stellte den Kampf zwischen Gut und B\u00f6se dar und appellierte an die Zuschauer, aus dem Dargestellten die richtige Lehre zu ziehen. Der Erfolg der verschiedenen Auff\u00fchrungen belegt, dass es immer noch ein Publikum gibt, das diese Art von herk\u00f6mmlichem Theater goutiert. Man kann es aber ganz anders machen, und im Folgenden soll ein St\u00fcck vorgestellt werden, das auf einem v\u00f6llig anderen Modell basiert. Gemeint ist <em>Kein Licht<\/em> (2011\/12) von Elfriede Jelinek, der Versuch, die Katastrophe von Fukushima zu deuten.<\/p>\n<p>Jelinek ist seit Jahren eine Vertreterin des politischen Theaters, aber hier geht es um ein spezielles Thema, n\u00e4mlich die Technik und ihre Auswirkungen auf die Natur und die Menschen. Neben den fr\u00fchen feministischen Dramen (u.a. <em>Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder St\u00fctzen der Gesellschaften<\/em> [1977]), St\u00fccken \u00fcber \u00d6sterreich und den Nationalsozialimus (z.B. <em>Burgtheater<\/em> [1985] oder <em>Rechnitz (Der W\u00fcrgeengel) <\/em>[2008]) und Polemiken gegen den Einfluss der radikalen Rechten im \u00d6sterreich nach 1945 (u.a. <em>Stecken, Stab und Stangl<\/em> [1996], <em>Ein Sportst\u00fcck<\/em>[1998] oder <em>Das Lebewohl<\/em> [2000]) hat sich Jelinek den Themenblock Technik\/Natur\/Mensch immer wieder vorgenommen. Die Hauptwerke, die zu diesem Strang ihres dramatischen Schaffens geh\u00f6ren, sind <em>In den Alpen<\/em> (2002), <em>Das Werk<\/em> (2003), <em>Ein Sturz<\/em> (2010) und nun <em>Kein Licht.<\/em>[41] In der &#8220;Nachbemerkung&#8221; zum Band <em>In den Alpen<\/em> erkl\u00e4rt die Autorin: <em>&#8220;Zusammenfassend k\u00f6nnte man sagen, diese drei St\u00fccke seien St\u00fccke \u00fcber Natur, Technik und Arbeit. Und alle m\u00fcnden sie ins Unrettbare, gebaut auf Gr\u00f6\u00dfenwahn, Ehrgeiz und Ausschlu\u00df und Ausbeutung von solchen, die &#8216;nicht dazugeh\u00f6ren.&#8221;<\/em>[42]\n<p><em>In den Alpen<\/em> behandelt das furchtbare Bergbahnungl\u00fcck von Kaprun, bei dem 155 Menschen ums Leben kamen. <em>Das Werk<\/em> dreht sich um die Arbeiter, die das Speicherkraftwerk Kaprun, &#8220;ein monstr\u00f6s-gigantisches Aufbauwerk&#8221;[43] bauten (Baubeginn in den 20er Jahren, Weiterf\u00fchrung in der Nazizeit mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, Fertigstellung erst 1955). Laut Jelinek war dieses Projekt eine &#8220;technisch[e] Gro\u00dfleistung&#8221;[44], die viel zur Nachkriegsidentit\u00e4t \u00d6sterreichs beitrug. <em>Ein Sturz<\/em> schildert den Einsturz des K\u00f6lner Stadtarchivs im M\u00e4rz 2009. In allen drei F\u00e4llen war Hybris im Spiel, obwohl das K\u00f6lner Geschehen eher mit Fehlplanung zusammenhing. Nach diesen Ereignissen konnte auch eine &#8220;Korrektur&#8221; vorgenommen werden (auch wenn die jeweiligen Toten f\u00fcr die Fehler b\u00fc\u00dfen mussten). Die Katastrophe von Fukushima war aber von einer ganz anderen Gr\u00f6\u00dfenordnung und hatte Folgen, mit denen viele Generationen werden leben m\u00fcssen. L\u00e4sst sich so etwas Ungeheures \u00fcberhaupt auf dem Theater darstellen?<\/p>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em> hat die Ereignisse so zusammengefasst:<\/p>\n<p><strong><em>Super-GAU in Japan<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>In gleich drei Reaktoren des Atom\u00adkraftwerks Fukushima Daiichi kam es nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami vom 11. M\u00e4rz 2011 zur Kernschmelze. Radioaktive Stoffe wurden in gro\u00dfen Mengen frei, weite Gebiete mussten evakuiert werden. Die Aufr\u00e4umarbeiten werden Jahr\u00adzehnte dauern.<\/em>[45]\n<p>Es gab insgesamt fast 16 000 Todesopfer und mehr als 2 700 Vermisste, und ca. 315 000 Menschen werden wohl nie wieder in ihre Heimat zur\u00fcckehren k\u00f6nnen.[46] Jelinek, die bei der Vorbereitung ihres St\u00fcckes &#8220;viele, viele Berichte&#8221; studierte (Epilog zu <em>Kein Licht<\/em>, 51) musste sich entscheiden, wie sie mit der Informationsflut zurechtkommen sollte. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re eine chronologische Darstellung gewesen, was mit den Mitteln des Dokumentarischen Theaters vielleicht zu bew\u00e4ltigen gewesen w\u00e4re. Ein anderer Zugang h\u00e4tte bei der Personalisierung angesetzt, beispielsweise mit Portr\u00e4ts der Mitarbeiter, die sich bei dem Versuch, die Kernschmelze zu verhindern, geopfert haben.[47] (Man denke an die ber\u00fchmten Feuerwehrleute von Tschernobyl.) Das kam jedoch nicht in Frage, weil die Dramatikerin Jelinek kein Interesse an (herk\u00f6mmlicher) Charakterdarstellung aufweist. Der schlie\u00dflich gew\u00e4hlte Zugang besteht aus Abstraktion und Meditation. Die Katastrophe selbst wird nicht gezeigt (nicht einmal der Name Fukushima taucht auf), und die einzigen Gestalten sind zwei namenlose Musiker, die die erste und die zweite Geige spielen.[48] Das Vorgehen erinnert bis zu einem gewissen Grad an den dritten Teil von Georg Kaisers <em>Gas<\/em>-Trilogie (1917-1920), obwohl Kaiser sein Werk mit einer Apokalypse schlie\u00dft. Sinnbild f\u00fcr die Katastrophe in Jelineks Modell ist die Tatsache, dass die Musik nicht mehr existiert, d.h., die Geiger versuchen zu spielen, aber man h\u00f6rt keine T\u00f6ne. Geiger A bemerkt dazu: &#8220;Musik ist Zeit, und die haben wir nicht mehr.&#8221;(8) Eine neue Zeitrechnung hat begonnen: &#8220;Im Vergleich zur Halbwertszeit ist unsere Zeit \u00fcberhaupt nichts wert.&#8221;(9) Die Kultur ist also pass\u00e9, denn die Technik bestimmt alles \u2014 auch das Ende von allem. Gleich am Anfang signalisieren zwei Worte diese Dichotomie, n\u00e4mlich &#8220;Schaltpult&#8221; und &#8220;Ungeheuer&#8221;.<\/p>\n<p><em>Kein Licht<\/em> kommt ohne Handlung aus. Die Dialoge bzw. Monologe kreisen um das Warum: Wie konnte es zu solch einer Katastrophe kommen? Kann man die Schuldfrage stellen? Wie steht es um das Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Natur? Erst allm\u00e4hlich weicht die Verdr\u00e4ngung (B: &#8220;Die Natur m\u00fc\u00dfte auch nicht immer so \u00fcbertrieben reagieren, finde ich [&#8230;]&#8221; &#8211; 3) der Einsicht: &#8220;Die Natur hat uns vom Feld genommen, die hat sich gedacht, diese wilde Brut n\u00e4hre ich nicht mehr!&#8221; (10) Hier n\u00e4hern wir uns der Gedankenwelt der Tiefen\u00f6kologie, deren Vertreter den Menschen nicht als &#8220;Krone der Sch\u00f6pfung&#8221; betrachten. Das ist allerdings nicht Jelineks ureigenes Terrain, denn ihre Kritik an der restlosen Ausbeutung der Natur ist vor allem eine Kapitalismuskritik (&#8220;[&#8230;] weil wir einer F\u00e4hrte folgten, welche Beute versprach, in Wahrheit aber die F\u00e4hrte von Dieben war. Die haben uns alles gestohlen!&#8221; &#8211; 19). Solche Worte werden aber von Musikern gesprochen, die sonst nicht in erster Linie die Sprache als Ausdrucksmittel verwenden. Die Sprache ist <em>Jelineks <\/em>Welt, und sie kann auch hier, d.h. im Zusammenhang mit einer Katastrophe, nicht davon absehen, ihre Sprachk\u00fcnste vorzuf\u00fchren. Der Einsatz von Ironie ist nicht selten schwer zu ertragen, was folgende Beispiele veranschaulichen sollen:<\/p>\n<ul>\n<li><em> Die Toten strahlen, sie sind nicht ansprechend und nicht ansprechbar. (1)<\/em><\/li>\n<li><em>Wieso verf\u00e4hrt man so mit uns? Na, der Zug kann sich ja nicht verfahren, der l\u00e4uft auf seinen Schienen, also m\u00fcssen wir das tun, ein neues Verfahren finden, und bevor wir uns noch einmal verfahren k\u00f6nnen, verf\u00e4hrt man in dieser Weise mit uns, die wir doch nicht mehr spielen [&#8230;] (9)<\/em><\/li>\n<li><em>Wir Arschgeigen haben jetzt unseren Sinn, unseren Zweck und unseren Lebenszweck verloren. (26f.)<\/em><\/li>\n<li><em>Eine kleine Panik, gemessen an der Ma\u00dfpanik, ich meine der Massenpanik. (27f.)<\/em><\/li>\n<li><em>Woher kommt die Gefahr? Vom Fahren in diesem Fall schon mal nicht. Vom Gehen auch nicht.<\/em> (31)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hinzu kommt, dass es immer wieder Anspielungen auf Jelineks Lekt\u00fcre gibt, und nur einige Eingeweihte werden verstehen, worum es geht. Zu den (teilweise verfremdeten) Quellen geh\u00f6ren Goethe (&#8220;Gesang b\u00f6ser Geister \u00fcber dem Wasser&#8221; &#8211; 14), Schiller (&#8220;die leuchtende Milch der Undenkbarkeitsart&#8221; &#8211; 33; vgl. <em>Wilhelm<\/em> <em>Tell<\/em>) Brecht (&#8220;Aber der Gr\u00f6\u00dfte bleibt nicht der Gr\u00f6\u00dfte, w\u00e4hrend das Kleine klein bleibt wie ein Stein im Flu\u00df.&#8221; &#8211; 15; vgl. &#8220;Das Lied von der Moldau&#8221;) oder Walter Benjamin (&#8220;[&#8230;] mit allen M\u00f6glichkeiten der grenzenlosen technischen Reproduzierbarkeit [&#8230;]&#8221; &#8211; 28). Hinter allem steht Heidegger mit seiner Warnung vor der \u00dcbermacht der Technik (vgl. <em>Die Technik und die Kehre<\/em>). Wie sollen die Zuschauer ein derart dichtes Textgeflecht \u00fcberhaupt rezipieren?[49] Vielleicht sollen sie das gar nicht. Mitten im St\u00fcck findet sich eine wichtige B\u00fchnenanweisung: &#8220;<em> So. Ab hier, die lange Passage, bis die Stimmen wieder aufgeteilt sind, sollten beide gemeinsam schreien \u2013 oder sich ihre Texte selber aufteilen. Sie k\u00f6nnen sich auch \u00fcberschneiden, so da\u00df man passagenweise nichts mehr versteht<\/em>.&#8221; (26) Kakaphonie als Methode? Das Geschrei als apokalyptisches Fanal? Die vielen Hinweise auf den Zivilisationsm\u00fcll unserer Zeit ([MP3-]Player, Fu\u00dfball-Schiedsrichter\/Hooligans, Viagra, Toyota-Pickups als Kriegswagen usf.) scheinen gegen jegliche Hoffnung gerichtet zu sein. Angesichts dessen stehen wider Erwarten folgende Worte am Schluss: &#8220;Ein Urteil bitte. Ihr Urteil bitte!&#8221;(34)[50]\n<p>Jelinek ist selbst anscheinend zu dem Schluss gekommen, dass <em>Kein Licht<\/em> an sich\u2212trotz des Appells an das Publikum\u2212keine Diskussion in Gang setzen w\u00fcrde. Sie f\u00fcgte einen Epilog hinzu, bei dem nicht zwei Wiederg\u00e4nger (ein bekanntes Motiv bei ihr), sondern eine Frau (&#8220;eine Trauernde&#8221;) zum Sprachrohr wird. Diese Frau soll eine &#8220;Augenzeugin&#8221; (35) gewesen sein, aber sie kann nicht als Kassandra-Figur fungieren:<\/p>\n<p><em>Ich bin nicht einmal eine armselige Wahrsagerin, es ist ja alles schon geschehen. Als ich zu sprechen anfing, war alles schon vorbei. Ich bin eine Nachsagerin, eine Nachtr\u00e4gerin, ich trage den Opfern ihr Leben nach, aber sie schaffen es nicht, wieder hineinzuschl\u00fcpfen.<\/em>(40f.)[51]\n<p>Im Epilog finden sich zwar immer noch Kalauer (&#8220;Hier sterben aber alle. Ohne Ansehen der Person, ja, die Ansehnlichen auch&#8221; &#8211; 40) und Lekt\u00fcre-Anspielungen,[52] aber diesmal herrschen ersch\u00fctternde Bilder vor. Nach der Evakuierung streunen hungrige Tiere umher, und die Toten sind allgegenw\u00e4rtig: &#8220;Da liegen die armen Leichname, Tausende, Zehntausende, ich kannte pers\u00f6nlich etliche von ihnen.&#8221;(37) Die Trauernde scheut sich nicht vor Kritik an der Atomindustrie (Westinghouse und Aveva werden z.B. erw\u00e4hnt), aber ihre Sprache ist eigentlich nicht politisch. Die AKWs werden &#8220;die b\u00f6sen Werke&#8221; genannt (36), und der Begriff &#8220;Schicksal&#8221; kommt mehrmals vor. Die Firma (Tepco ist gemeint) wird als &#8220;vielstimmige Hydra&#8221; bezeichnet (41). Die \u00dcberlebenden sehen sich mit einer v\u00f6llig vergifteten Welt konfrontiert: &#8220;Ich sehe Gem\u00fcse, das ich nicht essen darf. Ich sehe Obst, vor dem ich die Augen verschlie\u00dfen mu\u00df. Ich sehe Fleisch, das ich wegschmei\u00dfen mu\u00df, obwohl ich nicht recht einsehe, warum, denn man sieht ihm nichts an.&#8221; (40) Vorher habe man auf die Kritiker\/Skeptiker nicht h\u00f6ren wollen, denn vor lauter Bequemlichkeit sei man blind geworden (&#8220;Wir hatten es warum und gem\u00fctlich.&#8221; &#8211; 46). Die Situation ist post-apokalyptisch, oder doch nicht: Am Schluss hei\u00dft es, man m\u00fcsse das St\u00fcck beenden, denn &#8220;schlimmer als etwas, das schlimmer ist als schlimm, das geht nicht&#8221; (50), aber am Anfang des Epilogs hatte die Trauernde erkl\u00e4rt: &#8220;Es kann sich wiederholen, weil es geschehen ist [&#8230;]&#8221; (36) Solange die Atomkraft als Energiequelle verwendet wird, sind weitere Super-GAUs denkbar. Anders als in Deutschland ist in Japan ein Ausstieg aus der Atomkraft nicht in Sicht, da neue AKWs\u2212trotz Protesten gebaut werden sollen (u.a. vom Fukushima-Betreiber Tepco).[53]\n<p>Wie reagierten Kritiker und Zuschauer auf die Urauff\u00fchrung in K\u00f6ln (die durch die Textcollage <em>Demokratie in Abendstunden<\/em> erg\u00e4nzt wurde), die \u00f6sterreichische Erstauff\u00fchrung in Salzburg (mit Epilog) und andere Inszenierungen? Einerseits st\u00f6\u00dft man auf Ausdr\u00fccke wie &#8220;heftig beklatscht&#8221;[54], &#8220;zu Recht vom Publikum bejubelt&#8221;[55] oder &#8221; vom Publikum [&#8230;] mit langanhaltendem Applaus und Bravo-Rufen gefeiert&#8221;.[56] Andererseits fiel es manchem Beobachter schwer, das Werk zu charakterisieren, nicht zuletzt deshalb, weil eine &#8220;Grundidee&#8221;, ein &#8220;rote[r] Faden&#8221; gefehlt habe \u2212 auch wenn es die Autorin verstehe, &#8220;eine Atmosph\u00e4re v\u00f6lliger Trostlosigkeit und Beklemmung zu schaffen&#8221;.[57] Bei allem guten Willen reflektiere das Theater &#8220;sein Scheitern im Umgang mit Katastrophenthemen&#8221;.[58] Mehr als das St\u00fcck selbst wird Jelineks Vorsatz gew\u00fcrdigt, ihre &#8220;Einreden gegen blinde Technikgl\u00e4ubigkeit und grenzenlose Naturbeherrschung&#8221; fortzuschreiben,[59] ihre &#8220;Abrechnung [&#8230;] mit unserer Hybris, durch technisches Know-How die Welt im Griff zu haben.&#8221;[60] Merkw\u00fcrdigerweise erw\u00e4hnen weder die verschiedenen Kritiker noch die Autorin selbst, dass es seit geraumer Zeit in vielen L\u00e4ndern (nicht zuletzt in \u00d6sterreich, wo der Bau eines Reaktors verhindert werden konnte) eine Bewegung gegen die Atomkraft gibt. Was Jelinek betrifft, so k\u00f6nnte das damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie den Gr\u00fcnen\/Umweltsch\u00fctzern skeptisch gegen\u00fcbersteht.[61] Angesichts dessen war die Entscheidung, die Urauff\u00fchrung in Deutschland vorzunehmen, etwas merkw\u00fcrdig, da sie garantierte, dass das Publikum im &#8220;Land des Ausstiegs&#8221; ihre Technikkritik wohlwollend aufnehmen w\u00fcrde. In China oder Tschechien w\u00e4re man mit ganz anderen Verh\u00e4ltnissen konfrontiert gewesen.[62]\n<p>Im Grunde genommen ist <em>Kein Licht<\/em> ein Lesedrama[63], denn im Theater rauschen die Anspielungen und Querverweise so schnell vorbei, dass es auch Zuschauern aus der Kulturelite schwerfallen d\u00fcrfte, alles aufzunehmen. (Dass Zuschauer aus den sog. &#8220;bildungsfernen Schichten&#8221; noch weniger mitbekommen w\u00fcrden, versteht sich von selbst.) Wer sich f\u00fcr eine eingehende Exegese des Textes interessiert, kann sich an B\u00e4rbel L\u00fccke wenden.[64] Eine solche Exegese zu den Dramen von Felix Mitterer wird man vergebens suchen, was nicht wundert, denn der Dramatiker und Drehbuchautor Mitterer bem\u00fcht sich, m\u00f6glichst viele Zeitgenossen zu erreichen. Er versucht auch nicht, durch schillernde Sprachakrobatik zu brillieren. Daraus darf man allerdings nicht schlie\u00dfen, dass seine Dramen wirkungsvoller sind als die Jelinekschen, und Mitterer selbst hegt da keine Illusionen. (Lakonisch bemerkte er bei einem Interview, der \u00f6sterreichische Pr\u00e4sidentschaftskandidat Waldheim sei trotz seiner Bem\u00fchungen gew\u00e4hlt worden.[65]) Jenseits \u00e4sthetischer Aspekte ist er durchaus bestrebt, das zu verwirklichen, was ein Kritiker \u00fcber <em>Kein Licht<\/em> bemerkt hat: &#8220;Das Theater gibt sich nicht als Lehrmeister, meint nicht, alles besser zu wissen. Aber es legt doch den Finger in die Wunde \u2013 es ist nicht gut so, wie es ist.&#8221;[66] Summa summarum k\u00f6nnte man also behaupten, dass die Arbeit des politischen Theaters die Welt nicht \u00e4ndert. Die Literatur insgesamt ist gegen\u00fcber den herrschenden Zust\u00e4nden ziemlich machtlos. Ist sie deswegen ohne Bedeutung, ohne Relevanz? Keineswegs. Sie ist ein Stachel im Fleisch, ein St\u00f6rfaktor und vor allem ein (alternatives) Archiv. Wie sollten die kommenden\u00a0Generationen sonst erfahren, dass nicht alle mit der &#8216;Megamaschine&#8217; einverstanden waren?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n[1] Nikolaus Merck, &#8220;Letzte linke Restposten,&#8221; <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, 31. Januar 2008.<\/p>\n[2] Vgl. dazu Jay Rosellini, &#8221; Heinar Kipphardts <em>Bruder Eichmann<\/em> und das totgesagte dokumentarische Theater&#8221;, <em>Modern Language Studies<\/em>, Jg. 19, Nr. 4 (1989), 3-10.<\/p>\n[3] E. Meyen, &#8220;Die neueste belletristische Literatur&#8221;, <em>Hallische Jahrb\u00fccher f\u00fcr deutsche Wissenschaft und Kunst<\/em> 2 (1839), 632. Zitiert nach: Horst Denkler, &#8220;Politische Dramaturgie. Zur Theorie des Dramas und des Theaters zwischen den Revolutionen von 1830 unf 1848,&#8221; <em>Deutsche Dramentheorien<\/em>, hrsg. von Reinhold Grimm (Frankfurt\/Main: Athen\u00e4um Verlag, 1971), Bd. II, 359.<\/p>\n[4] Franziska Sch\u00f6\u00dfler, &#8220;Politisches Theater nach 1945&#8221;, in <em>Politisches Theater<\/em>, Themenheft von <em>Aus Politik und Zeitgeschichte<\/em> 42\/2008, 22. Ausf\u00fchrlicher: <em>Politisches Theater nach 1968. Regie, Dramatik und Organisation<\/em>, hrsg. von Ingrid Gilcher-Holtey, Dorothea Kraus und Franziska Sch\u00f6\u00dfler (Frankfurt\/New York: Campus Verlag, 2006).<\/p>\n[5] Dass Brecht ab 1950 \u00d6sterreicher war, wird oft vergessen. Zur Kontroverse um seine Einb\u00fcrgerung vgl. Gert Kerschbaumer, &#8220;Der kalte Krieg gegen die Moderne,&#8221; in Kerschbaumer und Karl M\u00fcller, <em>Begnadet f\u00fcr das Sch\u00f6ne. Der rot-wei\u00df-rote Kulturkampf gegen die Moderne<\/em> (Wien: Verlag f\u00fcr Gesellschaftskritik, 1992), 135-138.<\/p>\n[6] Vgl. Karl E. Webb und Nicholas J. Meyerhofer, &#8220;Felix Mitterer Interview&#8221; [1994], <em>Felix Mitterer. <\/em><em>A Critical Introduction<\/em>, hrsg. von Webb und Meyerhofer (Riverside: Ariadne Press, 1995), 38f. Er kenne zwar die \u00f6sterreichischen Traditionen, versuche aber nicht absichtlich, Volksst\u00fccke zu schreiben.<\/p>\n<p>Zur Entwicklung dieser Gattung vgl. <em>Volksst\u00fcck. Vom Hanswurstspiel zum sozialen Drama der Gegenwart<\/em>, hrsg. von Hugo Aust, Peter Haida und J\u00fcrgen Hein (Munchen: C.H. Beck, 1989).<\/p>\n[7] Der Titel der Serie, die sich auf den Konflikt zwischen \u00d6sterreichern und deutschen Urlaubern bezieht, ist fast zu einem gefl\u00fcgelten Wort geworden. Vgl. Florian Asamer, &#8220;Keine neue Piefke-Saga&#8221; [zum WM-Finale in Brasilien 2014], <em>Die Presse<\/em>, 12. Juli 2014.<\/p>\n[8] &#8220;&#8216;Literaten sind relativ uninteressante Menschen&#8217;. Interview mit Christine Gabl,&#8221; <em>Felix Mitterer. Materialien zu Leben und Werk<\/em> (Innsbruck: Haymon-Verlag, 1995), 38.<\/p>\n[9] Mitterer meint, er sei bei seinen Nachforschungen &#8220;fast fanatisch&#8221;. Vgl. &#8220;Felix Mitterer Interview&#8221;, a.a.O., 36.<\/p>\n[10] Sigrid L\u00f6ffler, &#8220;A netts B\u00fcabl&#8221;, <em>Felix Mitterer. <\/em><em>Materialien zu Leben und Werk<\/em>, a.a.O., 62. Erstdruck in <em>profil<\/em>, 29.1.1990.<\/p>\n[11] Felix Mitterer, Leserbrief an <em>profil<\/em> vom 12.2.1990. Abdruck in <em>Felix Mitterer. Materialien zu Leben und Werk<\/em>, a.a.O., 66.<\/p>\n[12] Felix Mitterer, <em>J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em>. Theaterst\u00fcck [Auftragswerk f\u00fcr das Theater in der Josefstadt, in Zusammenarbeit mit dem Theatersommer Haag] (Innsbruck-Wien: Haymon-Verlag, 2013). \u00a0Die Seitenangaben im Text dieser Arbeit beziehen sich auf diese Aufgabe.<\/p>\n[13] Gordon Zahn, <em>In Solitary Witness: The Life and Death of Franz J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em> (New York, Chicago, San Francisco: Holt, Rinehart and Winston, 1964). In der Widmung hei\u00dft es: &#8220;This book is dedicated to the memory of Franz J\u00e4gerst\u00e4tter and to all who, like him, stood alone and said &#8216;No&#8217; &#8211; many of whose stories have been completely lost to history, at least as it is kept and written by men.&#8221; (v) Im Anhang druckte Zahn ausgew\u00e4hlte Schriften J\u00e4gerst\u00e4tters ab. Bald danach erschien eine deutsche \u00dcbersetzung: <em>Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz J\u00e4gerst\u00e4tter<\/em> (Graz, Wien, K\u00f6ln: Styria, 1967).<\/p>\n<p>Vgl. den Nachruf auf Zahn: Michael W. Hovey, &#8220;A Man of Peace. Gordon C. Zahn, 1918-2007&#8221;, <em>Commonweal<\/em>, Feb. 15, 2008, 6.<\/p>\n[14] Gordon Zahn, <em>German Catholics and Hitler&#8217;s Wars. <\/em><em>A Stud y in Social Control<\/em> (New York: Sheed and Ward, 1962). Deutsch: <em>Die deutschen Katholiken und Hitlers Kriege<\/em> (Graz, Wien, K\u00f6ln: Styria, 1965).<\/p>\n[15] Zahn, <em>In Solitary Witness<\/em>, a.a.O., 19.<\/p>\n[16] Hintergrundinformation zum Film unter www.film.at\/der_fall_jaegerstaetter. Die Kinofassung hie\u00df <em>Die Verweigerung<\/em>.<\/p>\n<p>Corti (1933-1993), der eigentlich Axel Fuhrmans hie\u00df, hatte einen Vater, der in der antifaschistischen <em>R\u00e9sistance<\/em> in Frankreich aktiv war. Der \u00f6sterreichische Axel-Corti-Preis f\u00fcr herausragende Leistungen in Funk und Fernsehen tr\u00e4gt den Namen des Regisseurs.<\/p>\n[17] Die einschl\u00e4gigen Texte finden sich in: <em>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. Der gesamte Briefwechsel mit Franziska. Aufzeichnungen 1941-1943<\/em>, hrsg. von Erna Putz (Wien-Graz-Klagenfurt: Styria, 2007); Erna Putz (Hg.), <em>Gef\u00e4ngnisbriefe und Aufzeichnungen. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter verweigert den Wehrdienst<\/em> (Linz-Passau, Veritas: 1987). S. auch Erna Putz, <em>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter &#8230; besser die H\u00e4nde las der Wille gefesselt<\/em> (Linz-Wien: Veritas Verlag, 1985) und Thomas Schlager-Weidinger, &#8221; <em>&#8230; und wenn es gleich das Leben kostet.&#8221; Franz J\u00e4gerst\u00e4tter und sein Gewissen<\/em> (Linz: Wagner Verlag, 2010).<\/p>\n[18] <em>Gef\u00e4ngnisbriefe und Aufzeichungen<\/em>, a.a.O., 124-127.<\/p>\n[19] Felix Mitterer, <em>J\u00e4gerst\u00e4tter. Theaterst\u00fcck<\/em> (Innsbruck-Wien: Haymon-Taschenbuch, 2013). Die Seitenangaben im Text dieser Arbeit beziehen sich auf diese Ausgabe.<\/p>\n[20] Vgl. dazu: Peter Mayr, &#8220;\u00d6sterreichische Einmaligkeit. Deserteure der Wehrmacht warten weiter auf ihre Rehabilitierung&#8221;, <em>Der Standard<\/em>, 23. Mai 2002; Bettina Fernsebner-Kokert und Peter Mayr, &#8220;Deserteursdenkmal: Stadt pr\u00fcft Heldenplatz&#8221;, <em>Der Standard<\/em>, 21\/22. April 2012; &#8220;Wiener Deserteursdenkmal: Baustart nach Ostern&#8221;, <em>Der Standard<\/em>, 12. Feb. 2014.<\/p>\n[21] J\u00e4gerst\u00e4tter war allerdings kein Totalverweigerer. An einem gerechten Krieg h\u00e4tte er teilgenommen. Sogar in unserer Zeit, d.h. lange nach der Wende, waren Totalverweigerer ein rotes Tuch. Vgl. das Schicksal von Silvio Walther: Andreas Schwarzkopf, &#8220;Verweigerer klagt das Heer an&#8221;, <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, 26. Juni 2008. Einfach unglaublich ist das Schicksal von Oliver Blaudszun, der weder in der NVA noch in der Bundeswehr dienen wollte. Vgl. &#8220;Verweigerer. Klarer Fall&#8221; <em>Der Spiegel<\/em> 4\/1996, 56. Themen\u00fcberblick: Dietrich B\u00e4uerle (Hrsg.), <em>Totalverweigerung als Widerstand. Motivation, Hilfen, Perspektiven<\/em> (Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1988).<\/p>\n[22] Dem w\u00fcrde Corti, lebte er noch, wohl kaum zustimmen. Eine Mitarbeiterin am Wiener Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes (D\u00d6W) sagte mir k\u00fcrzlich bei einem Gespr\u00e4ch, Mitterers Behauptung k\u00f6nne man so nicht akzeptieren.<\/p>\n[23] Im Juni 2014 veranstaltete die Wiener Nationalbibliothek unter dem Motto &#8220;Krieg und Frieden&#8221; einen Gedenkakt zu ihrem 100. Todestag. Vgl. &#8220;Staatsakt zum Todestag Bertha von Suttners geplant,&#8221; <em>Der Standard<\/em>, 22. Jan. 2014; \u00d6sterreich gedachte des Kriegsausbruchs 1914&#8243;, <em>Kleine Zeitung, <\/em>`8.6.2014; Oliver Das Gupta, &#8220;Pazifistin Bertha von Suttner &#8211; Kampf gegen Krieg&#8221;, <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, 21. Juni 2014; Arno Widmann, &#8220;Die \u00c4ra der Sprengstoffe&#8221;, <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, 20. Juni 2014.<\/p>\n[24] Im US-Kontext f\u00fchrt folgende Studie vor, wie gebildete, privilegierte Menschen in Kriegszeiten nach ihrem Gewissen handeln k\u00f6nnen: Louisa Thomas, <em>Conscience. <\/em><em>Two Soldiers, Two Pacifists, One Family\u2212Test of Will and Faith in World War I<\/em> (New York: Penguin Books, 2011). Die im Titel genannten Pazifisten sind der langj\u00e4hrige Sozialistenf\u00fchrer Norman Thomas und sein Bruder Evan, der wegen seiner \u00dcberzeugungen ins Gef\u00e4ngnis kam.<\/p>\n[25] Zu diesem Zeitpunkt ist er von Gewaltfreiheit weit entfernt: &#8220;Wenn dich einer auf die rechte Wange schl\u00e4gt, halt ihm auch die linke hin. Ich kann das nicht.&#8221; (23)<\/p>\n[26] Zweimal bezeichnet er sich als &#8220;Innviertler&#8221; (31 und 56).<\/p>\n[27] Gf\u00f6llner war allerdings nicht frei von antisemitischen Tendenzen. Vgl. Erika Weinzierl, <em>Pr\u00fcfstand. \u00d6sterreichs Katholiken und der Nationalsozialismus<\/em> (M\u00f6dling: Verlag St. Gabriel, 1988), 233f. Weinzierl betont, dass Gf\u00f6llner imstande war, den &#8220;Rassenantisemitismus&#8221; abzulehnen (&#8220;Das j\u00fcdische Volk nur wegen seiner Abstammung verachten, hassen und verfolgen, ist unmenschlich und unchristlich.&#8221;) und gleichzeitig diese Behauptung aufzustellen: &#8220;Verschieden allerdings vom j\u00fcdischen Volkstum und von der j\u00fcdischen Religion ist der <em>j\u00fcdische internationale Weltgeist<\/em>. Zweifellos \u00fcben viele gottentfremdete Juden einen \u00fcberaus sch\u00e4dlichen Einflu\u00df auf fast allen Gebieten des modernen Kulturlebens aus.&#8221; (234)<\/p>\n<p>Ein Parallelfall zu J\u00e4gerst\u00e4tter ist der \u00f6sterreichische Priester Franz Reinisch, der bereits 1942 enthauptet wurde. Im Anhang zu der ersten Darstellung von Reinischs Weg wird J\u00e4gerst\u00e4tter als &#8220;Franz II&#8221; bezeichnet.<\/p>\n<p>Vgl. Heinrich Kreutzberg, <em>Franz Reinisch. Ein M\u00e4rtyrer unserer Zeit<\/em> (Limburg: Lahn-Verlag, 1953), 184-187. Darin hei\u00dft es: &#8220;Wie Franz Reinisch als Priester, so ist Franz J\u00e4gerst\u00e4tter als Laie ein M\u00e4rtyrer der Gewissenstreue geworden.&#8221; (187)<\/p>\n[28] Im St\u00fcck wird nicht erw\u00e4hnt, dass Innitzer sp\u00e4ter zu einem Hitlergegner wurde.<\/p>\n[29] &#8220;Nebenbei&#8221; erf\u00e4hrt man, dass dieser Bischof antisemitisch eingestellt ist. \u00dcber Christus sagt er: &#8220;Er hat mit dem Judentum gebrochen. Er hat mit dem Judentum nichts zu tun.&#8221; (65)<\/p>\n[30] Auch der Chor schreit: &#8220;Einr\u00fccken! Einr\u00fccken!&#8221; (61)<\/p>\n[31] Seine Worte lassen einen unwillk\u00fcrlich an die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Wehrmachtsausstellung denken. Es wird angedeutet, dass dieser Offizier Kontakt zu den Verschw\u00f6rern vom 20. Juli hat.<\/p>\n[32] Die Aussagen des Verteidigers Feldmann zum Katholizismus verdienen es, hier festgehalten zu werden:<\/p>\n<p>&#8220;Ihr Katholiken seid alle Masochisten. Das ist auch das Problem von Hitler. Er hasst die Katholiken und ist doch selber einer. Einige der gr\u00f6\u00dften Schl\u00e4chter, einschlie\u00dflich ihm, kommen aus dem katholischen \u00d6sterreich. Wissen Sie das, J\u00e4gerst\u00e4tter? Ihr seid Anbeter des Todes.&#8221; (84) Ferner hei\u00dft es: &#8220;Der Protestantismus ist die Religion des Mannes.&#8221; (77)<\/p>\n<p>Im Film geht Corti noch einen Schritt weiter, indem er die Richter selbst als halbwegs sympathische Menschen schildert.<\/p>\n[33] S. Rudolf Bahro, <em>Logik der Rettung: Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch \u00fcber die Grundlagen \u00f6kologischer Politik<\/em> (Stuttgart: Weitbrecht, 1987), 308. Er f\u00e4hrt dann fort: &#8220;Es braucht tats\u00e4chlich eine &#8216;kritische Masse&#8217; von halbwegs verwandelten oder sich verwandelnden Individuen. Bisher waren es immer zu wenige.&#8221; (309)<\/p>\n[34] Auch die &#8220;Bibelforscher&#8221; (Zeugen Jehovahs) verweigerten den Dienst in der Wehrmacht, aber sie wurden anders behandelt als &#8220;normale&#8221; Deutsche oder \u00d6sterreicher. Vgl. z.B. das Schicksal von Joachim Escher, dargestellt in: Kirsten John, <em>&#8220;Mein Vater wird gesucht.&#8221;H\u00e4ftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburgi <\/em>(Essen: Klartext-Verlag, 1996), 159-165, zu den Bibelforschern als Gruppe 37-47.<\/p>\n[35] Dieser Teil der Arbeit wurde fertig, als die ukrainische Regierung eine totale Mobilmachung verk\u00fcndete.<\/p>\n<p>Gleichzeitig tobten die K\u00e4mpfe im Gaza-Streifen sowie in Syrien und im Irak. Auch k\u00fcnftige Generationen werden zweifellos die Gelegenheit haben, den Wehrdienst zu verweigern. Die neuen J\u00e4gerst\u00e4tters werden aber wohl in vielen Teilen der Welt kaum mit Verst\u00e4ndnis rechnen k\u00f6nnen. In der Bundesrepublik liegen die Dinge anders: &#8220;Ich glaube, dass die Republik im Laufe der Jahre ziviler geworden ist. Und ich bin sicher, dass das Engagement und die pers\u00f6nliche Erfahrung von Kriegsdienstverweigerern dazu erheblich beigetragen hat. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Zivis heute Teil der Gesellschaft sind\u2212manche k\u00f6nnen sich gar nicht mehr erinnern, dass das nicht immer so war\u2212, ist ein deutliches Zeichen f\u00fcr diese zivile Republik. Fr\u00fcher galten Kriegsdienstverweigerer als Dr\u00fcckeberger und Vaterlandsverr\u00e4ter. Heute sind sie es, die das Vaterland\u2212 der Begriff &#8220;Wirtschaftsstandort Deutschland&#8221; hat sich st\u00e4rker eingeb\u00fcrgert \u2212 ihrer Arbeit am Leben erhalten. Es ist nicht mehr die SPD allein, die auf das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung pocht. Es gibt keine Partei mehr im Bundestag, die sich \u00fcber Zivildienstleistende ver\u00e4chtlich \u00e4u\u00dfern w\u00fcrde. Sie werden nicht mehr als KDVer wahrgenommen, sondern als wertvolle Menschen, die soziale Dienste verrichten.&#8221; S. Pitt von Bebenburg, &#8221; Kriegsdienstverweigerer verhindern keine Kriege.&#8221; <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, 14. April 2003.<\/p>\n[36]Guido Tartorotti, &#8220;J\u00e4gerst\u00e4tter-St\u00fcck. Der Vorhang ist wie ein Fallbeil&#8221;. <em>Kurier<\/em>, 21. Juni 2013.<\/p>\n[37] &#8220;Gut, dass Franz fesch ist&#8221;, <em>Tiroler Tageszeitung<\/em>, 14. Mai 2014.<\/p>\n[38] Norbert Mayer, &#8220;Seliger Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, bitte f\u00fcr uns!\u201d, <em>Die Presse<\/em>, 21. Juni 2013.<\/p>\n[39] Ronald Pohl, &#8220;&#8216;J\u00e4gerst\u00e4tter&#8217;: Gl\u00fccksfall eines Requiems&#8221;, <em>Der Standard<\/em>, 20. Juni 2013.<\/p>\n<p>Nur bei der <em>FAZ<\/em> gab es eher kritische T\u00f6ne: &#8220;[&#8230;] letztendlich nicht mehr als eine Collage aus Archivbest\u00e4nden [&#8230;] F\u00fcr ein Passionsspiel taugt es, als Drama fehlt dem Wort aber die Fleischwerdung.&#8221; Martin Lhotzky in der <em>FAZ<\/em> vom 20.6.2013. Zitiert nach: www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8292%3Ajaegerstaetter-felix-mitterers-volksstueck-ueber-einen-modernen-maertyrer-am-theater-in-der-josefstadt-uraufgefuehrt&amp;catid=187%3Atheater-in-der-josefstadt-wien&amp;Itemid=84<\/p>\n[40] Bernhard Lichtenberger, &#8220;Felix Mitterer im Interview&#8221;, 5. Juli 2013. Online: www.nachrichten.at\/nachrichten\/kultur\/Felix-Mitterer-im-Interview-An-Jaegerstaetter-muss-man-erinnern;art16,1152263<\/p>\n[41] Der Text von <em>Kein Licht<\/em> findet sich auf Jelineks Homepage. Die Seitenzahlen, die in dieser Arbeit angegeben werden, beziehen sich auf die Druckversion (WORD) des Textes. Das gilt auch f\u00fcr den sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgten <em>Epilog?<\/em> (<em>Eine Trauernde. Sie kann machen was sie will:<\/em>). Der erste Teil wurde auch als Beilage zu <em>Theater heute<\/em> 11\/2011 abgedruckt.<\/p>\n[42] Elfriede Jelinek, <em>In den Alpen<\/em> (Berlin Verlag: Berlin, 2002), 259. Der Band enthalt <em>In den Alpen, Das Werk <\/em> und <em>Der Tod und das M\u00e4dchen III (Rosamunde).<\/em> Letzteres kann hier nicht behandelt werden. Vgl. auch folgende Prosatexte, die um das Thema Natur kreisen: &#8220;Das im Prinzip sinnlose Beschreiben von Landschaften&#8221;, <em>manuskripte<\/em> 69\/70 (1980), 6-8; &#8220;Der Wald&#8221;, <em>manuskripte<\/em> 89\/90 (1985), 43-44; <em>Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr<\/em> (Reinbek: Rowohlt, 1985). Vgl. dazu folgende Studien: &#8220;<em>Jelinek, une r\u00e9petition? Jelinek, eine Wiederholung? Zu den Theaterst\u00fccken &#8216;In den Alpen&#8217; und &#8216;Das Werk'&#8221;<\/em>, hrsg. von Fran\u00e7oise Lartillot und Dieter Hornig (Peter Lang: Bern, Berlin u.a.: 2009).<\/p>\n[43] Elfriede Jelinek, Notiz zur Urauff\u00fchrung von <em>Das Werk<\/em> am Wiener Akademietheater am 11. April 2003.<\/p>\n<p>Im Internet verf\u00fcgbar: www.burgtheater.at\/Content.Node2\/home\/service\/shop\/08-Das-Werk.at.php<\/p>\n<p>Vgl. Jelineks &#8220;Nachbemerkung&#8221; zu <em>In den Alpen, <\/em>a.a.O., 257-258.<\/p>\n[44] Jelinek, &#8220;Nachbemerkung&#8221;, a.a.O., 258.<\/p>\n[45] Einleitung zu &#8220;Fukushima &#8211; alle Artikel und Hintergr\u00fcnde&#8221;, im Internet verf\u00fcgbar: www.spiegel.de\/thema\/fukushima\/<\/p>\n[46]Vgl. Fukushima-Ungl\u00fcck &#8211; Japan gedenkt der Hunderttausenden Katastophenopfer&#8221;, <em>Die Zeit Online, <\/em>11. M\u00e4rz 2013, verf\u00fcgbar unter www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2013-03\/fukushima-erdbeben-gau-schweigeminute-gedenken.<\/p>\n[47] Vgl.&#8221;Leiter des Katastrophen-AKWs: Held von Fukushima stirbt an Krebs&#8221;, <em>Stern Online<\/em>, 10. Juli 2013. www.stern.de\/panorama\/leiter-des-katastrophen-akws-held-von-fukushima-stirbt-an-krebs-2036292<\/p>\n[48] Jelinek ist ausgebildete Orgelspielerin, aber sie spielt auch Geige.<\/p>\n[49] Bei der Urauff\u00fchrung in K\u00f6ln nahm man radikale Kurzungen vor: &#8220;Die Inszenierung verwendet weniger als ein Viertel des umfangreichen Textes Jelineks.&#8221; Vgl. Gerhard Preusser, &#8220;Untergangsunterhaltung&#8221;, <em>Theater heute<\/em>, Nov. 2011, 8.<\/p>\n[50] Am Ende von Brechts <em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em> ist der Ton allerdings ein anderer: &#8220;Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schlu\u00df! \/ Es mu\u00df ein guter da sein, mu\u00df, mu\u00df, mu\u00df!&#8221;<\/p>\n[51] An einer anderen Stelle wird klar, dass diese Frau Jelineks eigenen Standpunkt vertritt: &#8221; Bin ich Wahrsagerin, doch nur f\u00fcr mich selbst? [&#8230;] ich rede weiter, nichts und niemand kann mich noch hindern.&#8221; (42)<\/p>\n[52] Dazu z\u00e4hlen Sophokles&#8217; <em>Antigone<\/em> (&#8220;Der Mensch ist zwar ein Ungeheuer, aber er ist ein Dreck, ein Nichts gegen die Natur.&#8221; &#8211; 38) und Schopenhauer (&#8220;Die Welt als Wille und Verstellung&#8221; &#8211; 41).<\/p>\n[53] Vgl. Carsten Germis, &#8220;Tepco baut neue Atomkraftwerke&#8221;, <em>FAZ<\/em>, 6.2.2014 und Christoph Neidhart, &#8220;AKW Hamaoka in Japan, &#8216;Gef\u00e4hrlichstes Kraftwerk der Welt&#8217; soll wieder ans Netz&#8221;, <em>S\u00fcddeutsche Zeitung, <\/em>12. M\u00e4rz 2014.<\/p>\n<p>Dass nicht alle Super-GAUs gleich sind, wird von Jelinek nicht thematisiert. Der Fall Tschernobyl w\u00e4re zum Beispiel viel verheerender gewesen, h\u00e4tte es gleichzeitig ein Erdbeben und einen Tsunami gegeben.<\/p>\n[54] (dpa) &#8220;K\u00f6lner Schauspiel: Jelinek bringt Fukushima auf die B\u00fchne&#8221;, <em>Hannoversche Allgemeine<\/em>, 30. Sept. 2011. Online: www.haz.de\/Nachrichten\/Kultur\/Theater\/Jelinek-bringt-Fukushima-auf-die-Buehne<\/p>\n[55] Elisabeth Pichler,&#8221;&#8216;Kein Licht&#8217;. Wir h\u00e4tten es wissen k\u00f6nnen&#8221; , <em>Dorfzeitung<\/em>, 8. Nov. 2012. Online: dorfzeitung.com\/archives\/19522<\/p>\n[56] Christian Bos, &#8220;Der Geigerz\u00e4hler gibt den Takt vor&#8221;, <em>K\u00f6lner Stadtanzeiger<\/em>, 1. Okt. 2011. Online: www.ksta.de\/kultur\/elfriede-jelinek-der-geigerzaehler-gibt-den-takt-vor,15189520,12056372<\/p>\n[57] (news.de\/dpa), &#8220;Im Tr\u00fcbsinn fischen: Jelineks St\u00fcck zu Fukushima&#8221;, 30.9.2011. Online: www.news.de\/medien\/855228422\/im-truebsinn-fischen-jelineks-stueck-zu-fukushima\/1\/<\/p>\n[58] Eva Pfister, &#8220;Jelinek: &#8216;Kein Licht&#8217; nach Fukushima&#8221;, <em>Die Presse<\/em>, 30. Sept. 2011. Online: diepresse.com\/home\/kultur\/news\/697478\/Jelinek_Kein-Licht-nach-Fukushima<\/p>\n[59] Vgl. Andreas Rossmann, &#8220;Jelinek-Premiere in K\u00f6ln: Apokalypse grau&#8221;, <em>FAZ<\/em>, 30. Sept. 2011.<\/p>\n<p>Online: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/jelinek-premiere-in-koeln-apokalypse-grau-11410915.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/jelinek-premiere-in-koeln-apokalypse-grau-11410915.html<\/a><\/p>\n[60] &#8220;Kein Licht&#8221; [Spielplanank\u00fcndigung vom Schauspielhaus Salzburg zur Premiere am 7. Nov. 2012], Online: www.schauspielhaus-salzburg.at\/spielplan\/stuecke\/kein-licht\/<\/p>\n[61] Vgl. dazu besonders ihr fr\u00fcheres Werk <em>Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr<\/em>.<\/p>\n[62] Daf\u00fcr hat es inzwischen eine Inszenierung in Japan gegeben. Vgl. dazu &#8220;&#8216;Kein Licht&#8217; in Tokio&#8221;, Online:\u00a0www.festival-tokyo.jp\/en\/program\/12\/kein_licht\/&#8221;&gt;www.festival-tokyo.jp\/en\/program\/12\/kein_licht\/ und www.festival-tokyo.jp\/en\/artist\/ElfriedeJelinek\/; &#8220;Elfriede-Jelinek-Schwerpunkt bei Theaterfestival&#8221;, Online:<\/p>\n<p>www.bmeia.gv.at\/botschaft\/tokio\/aktuelles\/elfriede-jelinek-schwerpunkt-bei-theaterfestival-in-tokio<\/p>\n<p>Auf Jelineks Homepage findet sich auch ein &#8220;Gru\u00dfwort nach Japan&#8221;. Darin hei\u00dft es ganz bescheiden:<\/p>\n<p>&#8220;Ich freue mich [&#8230;] sehr \u00fcber diese Auff\u00fchrungen und w\u00fcnsche Ihnen, da\u00df sie meinem Textgeflecht irgendetwas entnehmen k\u00f6nnen, das Sie mitnehmen k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n[63] Bis zur Moderne wurden Lesedramen oft von Frauen geschrieben, da sie keine M\u00f6glichkeit hatten, ihre Werke auf der B\u00fchne zu sehen. Dass Jelinek, deren Werke sehr oft inszeniert werden, solche Werke verfasst, ist bemerkenswert. Vgl. Heidi Esslinger, &#8220;Lesedrama&#8221;, <em>The Feminist Encyclopedia of German Literature<\/em>, hrsg. von Friederike Ursula Eigler und Susanne Kord (Westport CT: Greenwood Press, 1997), 284-285.<\/p>\n[64] Vgl. B\u00e4rbel L\u00fccke, &#8220;Fukushima oder die Musik der Zeit. Zu Elfriede Jelineks B\u00fchnenst\u00fcck&#8221;, Online:<\/p>\n<p>www.vermessungsseiten.de\/luecke\/jelinek<\/p>\n<p>Da geht es um Derrida, Ren\u00e9 Girards Theorie des Komischen und die Quantenphysik.<\/p>\n<p>Rita Thiele, die Chefdramaturgin am K\u00f6lner Schauspiel, liefert eine \u00e4hnliche Analyse. Vgl. R.T., &#8220;&#8216;Nicht einmal ein Wort r\u00fchrt uns an.&#8217; \u00dcber \u00abKein Licht\u00bb von Elfriede Jelinek: eine Text-Recherche mit Stationen bei Platon, Heidegger, Sophokles, Ren\u00e9 Girard, G\u00fcnther Anders und nat\u00fcrlich \u2013 Jelinek&#8221;, <em>Theater heute<\/em>,<\/p>\n<p>Nov. 2011, 9-13. Siehe auch G\u00e9rard Thi\u00e9riot und Christian Schenkermayr, &#8220;<em>In den Alpen; Das Werk; Ein Sturz; Kein Licht<\/em>&#8220;, <em>Jelinek-Handbuch<\/em>, hrsg. von Pia Janke u.a. (Stuttgart\/Weimar: Verlag J.B. Metzler, 2013), 184-190.<\/p>\n[65] &#8220;Felix Mitterer Interview&#8221;, a.a.O., 39-40.<\/p>\n[66] Ulrich Fischer, &#8220;Kein heller Schein&#8221;, <em>Fazit\/Deutschlandradio Kultur<\/em>, 29. Sept. 2011. Online:<\/p>\n<p>www.deutschlandradiokultur.de\/kein-heller-schein.1013.de.html?dram:article_id=172348<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Potenzial und Problematik des politischen Theaters heute \u2014 Zwei aktuelle Beispiele aus \u00d6sterreich Anl\u00e4sslich einer Inszenierung von Anton Tschechows Kirschgarten an der Berliner Schaub\u00fchne im Jahre 2008, vierzig Jahre nach dem sagenumwobenen Jahr 1968 also, stellte der Kritiker Nikolaus Merck eine grunds\u00e4tzliche Frage: &#8220;Was ist heute politisches Theater?&#8221;[1] Diese Frage wird in der kurzen Theaterkritik [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3907,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3960","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3960"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3960\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}