{"id":3972,"date":"2014-12-06T21:49:14","date_gmt":"2014-12-07T02:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3972"},"modified":"2015-07-13T09:17:50","modified_gmt":"2015-07-13T13:17:50","slug":"axel-reitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/axel-reitel\/","title":{"rendered":"Axel Reitel"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Ein St\u00e4ndchen von Lenin und Trotzki<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">F\u00fcr Hubertus Giebe<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Lenin-und-Trotzki-als-Musikanten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3986\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Lenin-und-Trotzki-als-Musikanten-212x300.jpg\" alt=\"Lenin und Trotzki als Musikanten\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Lenin-und-Trotzki-als-Musikanten-212x300.jpg 212w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Lenin-und-Trotzki-als-Musikanten.jpg 285w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Wo man singt, da lass dich nieder<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Volksweise<\/p>\n<p>Das Gegenteil ist der Fall.<br \/>\nSie stehen auf dem Foto nebeneinander:<br \/>\nan der Quetschkommode Leo<br \/>\nmit Lenin im Duett den Schlager<br \/>\nf\u00fcr L\u00e4ngen- und Breitengrade:<br \/>\n&#8230; <em>O Tannenbaum &#8230; du bl\u00fchst<br \/>\nnicht nur zur Sommerzeit&#8230; <\/em><br \/>\nDas Jahr des Schnappschusses ist ungewiss,<br \/>\ndie Kleidung deutet auf Fr\u00fchling,<br \/>\naber es muss ja ein Wintertag gewesen sein,<br \/>\nvorstellbar eine w\u00e4rmende Sonne an Weihnacht,<br \/>\neine <em>Flucht aus der Zeit<\/em>[1] war es kaum.<br \/>\nBeide Opfer von Attent\u00e4tern. Einschuss (bei Lenin)<br \/>\nwie Einschlag (bei Trotzki) trafen ins Hirn, ihre<br \/>\nZentrale der <em>Ideale der Ermordungen: <\/em><br \/>\nwer muckt wird ausgel\u00f6scht, soweit<br \/>\nneben dem Singen ihre Strategie.<br \/>\nNur erw\u00e4hnten sie nie Italien,<br \/>\ndie Canto di Malavita [2]. Da ist<br \/>\nallen alles klar. Geschieht ein Mord,<br \/>\nwei\u00df man wer&#8217;s war.<\/p>\n<p>30. Juni &#8211; 03. August 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong><em>Die gefahrvolle Inschrift<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">In memoriam Frank Kraus, 1962-2012,<br \/>\nDaniel 5, 25-28<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Als unser Mormone in der Nacht des 13. Dezember, an einem Sonntag SOLIDARNO\u015a\u0106 mit gro\u00dfen, bronzenen Lettern an die zitronengelbe Gartenmauer des Hauses unseres alten B\u00fcrgermeisters a. D geschrieben hatte, vergingen zwei Tage noch bis zum erwarteten Besuch. Nach dem Klingeln \u00f6ffnete er die Wohnungst\u00fcr und bat den Abschnittsbevollm\u00e4chtigten Malik[3] und die beiden Volkspolizisten h\u00f6flich in die Gute Stube. Er h\u00f6rte auf das ger\u00e4uschvolle Durchsuchen des K\u00fccheninterieurs, wie der kleine Kohleofen ge\u00f6ffnet wurde, dann der Gasherd, und er biss sich leicht auf die Lippen, als eine Tasse aus dem Geschirrschrank fiel und auf dem Boden zersprang, denn er hatte das Farbt\u00f6pfchen und den Pinsel auf dem Schrank abgestellt und nicht weggebracht. Er sah, wie beide Polizisten um das Farbt\u00f6pfchen herum die Oberfl\u00e4che des Schrankes abtasteten, und schlie\u00dflich den Triumph in Maliks Augen. Wir alle im Wohnbezirk wussten um Maliks Hass auf unseren Mormonen, aber niemand kannte daf\u00fcr den Grund. Die Polizisten kamen aus der K\u00fcche zur\u00fcck und zuckten mit den Achseln. Unser Mormone aber dachte daran, was er f\u00fcr das Untersuchungsgef\u00e4ngnis einzupacken habe. Doch nichts geschah. Der Malik durchsuchte nun selbst die Stubenkommode, sah unter der Schlafcouch nach und schrie dann, noch immer mit Triumph in der Stimme: &#8220;Gibs auf, wo ist das Leergut!&#8221; Was war? Es waren in derselben Nacht, als unser Mormone die Inschrift anbrachte, Diebe in die Brauerei unseres Viertels eingedrungen. Doch unser Mormone war kein Dieb und die Bef\u00f6rderung erhielt nicht unser ABV Malik, sondern sp\u00e4ter ein anderer, der die Freundschaft unseres Mormonen gewann, in Wahrheit aber als Inoffizieller Mitarbeiter unserer st\u00e4dtischen Kreisdienststelle der Staatssicherheit gegen ihn ermittelte. Dessen Klarnamen erfuhr unser Mormone auch nach dem Gef\u00e4ngnis nicht, und wir wussten nichts von ihm. Die von getarnten Malermeistern \u00fcbert\u00fcnchte Inschrift aber ist noch heute an der Gartenmauer zu erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\ufffc\ufffc\ufffc<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Frank-Francis-Kraus_Gunter-Bottich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3998\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Frank-Francis-Kraus_Gunter-Bottich-300x232.jpg\" alt=\"Frank Francis Kraus_Gunter Bottich\" width=\"300\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Frank-Francis-Kraus_Gunter-Bottich-300x232.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/Frank-Francis-Kraus_Gunter-Bottich.jpg 861w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Himmelfahrt 1985 in Plauen \/ Vogtland. Frank Kraus, links im Bild,<br \/>\nmit seinem besten Freund im Wohnbezirk \u201eSyratal\u201c, der ihm auch die<br \/>\nFarbe f\u00fcr die Inschrift besorgte, Gunter Bottich.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>So ging es<\/strong><\/p>\n<p>Vom Hungerstreik der Polit-H\u00e4ftlinge im Strafvollzug Cottbus 1981<\/p>\n<p>3.Fassung [4]\n<p style=\"text-align: right\">F\u00fcr\u00a0<span style=\"color: #222222\">Hannes Schwenger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Dass der Mensch gern auf dieser Erde lebt.<\/em><br \/>\nReiner Kunze<\/p>\n<p>1.<br \/>\nDas war das Sch\u00f6nste. Und so las sich die<br \/>\nin R\u00e4umen versteckte Losung: \u201e17. Dezember<br \/>\nKampftag der Solidarno\u015b\u0107<br \/>\nDonnerstag-Mittag Solidarit\u00e4tshungerstreik.<br \/>\nSolidarit\u00e4ts-Komitee politischer H\u00e4ftlinge(SKPH)\u201c.<br \/>\nUnd so erinnere ich mich im Gedicht.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nDer Himmel warf sein Seidengrau<br \/>\nin den Freihof, Freikaufknast Cottbus,<br \/>\nein Schotterplatz, kein Gr\u00fcn.<br \/>\nDreihundertf\u00fcnfzig H\u00e4ftlinge streikten<br \/>\nan jenem klirrende Dezembertag,<br \/>\nKommando f\u00fcr Kommando.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nWir standen da, im weihnachtlichen Schnee,<br \/>\nund harrten aus, umgeben<br \/>\nvon Hundegebell und Wolkens\u00fcmpfen<br \/>\naus Feldfrucht und Speck,<br \/>\nblieben an diesem Tag die L\u00f6ffel in der Tasche:<br \/>\nZur notwendigen Sichtbarmachung.<\/p>\n<p>unserer Solidarit\u00e4t mit der polnischen<br \/>\nGewerkschaft Solidarno\u015b\u0107,<br \/>\nBevor das Kriegsrecht zur Gewohnheit<br \/>\nwird der Macht und einmalig, in Polen,<br \/>\ndie Forderung nach einem runden Tisch, wie<br \/>\nauch das Jahrhundertwort: tak my mo\u017cemy,<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter: yes we can.<br \/>\nTaktisch widerstehend,<br \/>\ngelassene Stille,<br \/>\nvon Drohungen der Aufseher unterbrochen:<br \/>\n&#8220;Essen, na los!&#8221;<br \/>\n&#8220;Alles verabredet vorher!&#8221;<\/p>\n<p>4.<br \/>\nNat\u00fcrlich. Sie verf\u00fcgten \u00fcber ein Spitzelheer.<br \/>\nWussten&#8217;s vorher und standen in der Speisebaracke<br \/>\nschon ganz fr\u00fch mit ihren R\u00fcden, den Unheiligen, Spalier.<br \/>\nDoch nichts: wie Primadonnen nach einem misslungenen<br \/>\nSprung, blickten die gemeinen Frugenk\u00f6che,<br \/>\nzu den vollen, aber unber\u00fchrten Tellern.<\/p>\n<p>5.<br \/>\nEs ging zur\u00fcck in die Zellen. Hofrichter,<br \/>\nder Rangh\u00f6chste der Kanaillen, lie\u00df antreten:<br \/>\n&#8220;In Zweierreihen ab!&#8221; Zur\u00fcck im Hafthaus lie\u00dfen sie<br \/>\ndie Hunde an der langen Leine in die Zellen<br \/>\nspringen und nach uns schnappen. Das waren<br \/>\ndie Blumen f\u00fcr unseren Kampftag.<\/p>\n<p>6.<br \/>\nKeine Angst, die Zellen waren Universen,<br \/>\n\u00c4rzte, Professoren, Olympioniken, es gab<br \/>\nWissen und Ert\u00fcchtigung. Jedes Lexikon<br \/>\nstrahlte uns, bald <em>aufzubrechen wohin<\/em>:[5]\ndie Seychellen, nach Afrika oder weiter,<br \/>\nmit allen L\u00e4ndern in Kontakt, in Tempelhof.[6]\n<p>7.<br \/>\nSodann der Himmel im Seidenblau.<br \/>\nDas Blaue vom Himmel auch vor dem<br \/>\nOffizier f\u00fcr Kontrolle und Sicherheit (OKS) Tr\u00e4ger:<br \/>\n&#8220;Du lehnst Wa\u0142esa ab, klar!&#8221; &#8220;Unterschreib!&#8221;<br \/>\n&#8220;Im Bann des Sozialistischen Wegweisers [7]\nw\u00fcnschst du wie Orpheus noch zu singen!&#8221;<\/p>\n<p>8.<br \/>\nNein: geschlossen strebten wir gen West.<br \/>\nStrafgefangene, Staatsfeinde, Handelsware:<br \/>\nf\u00fcr jeden von uns kassierte das Land hundert Riesen.<br \/>\nDoch so sch\u00f6n, umgeben von Hundegebell,<br \/>\nwar auch dies gemeinsame Wort vers le est<br \/>\n[non fou]: Unrecht vermiesen statt R\u00fcbenrago\u00fbt.<br \/>\n(1991\/6. Juli 2014)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>1. Hugo Ball, zitiert von Peter Sloterdijk, in: <em>Du musst dein Leben \u00e4ndern<\/em>, Suhrkamp, 1. Aufl. 2009 S. 100.<\/p>\n<p>2. CD: \u201cIl canto di Malavita (La Musica della Mafia)\u201d. Label: Pias (rough trade). Lieder der kalibrischen Mafia (Ndrangheta). Inhaltlich geht es um die Gesetze der Ehre, das Schweigens und der Vergeltung .<\/p>\n<p>3. Im K\u00fcrzel ABV. \u00dcblicherweise gab es in jedem Viertel (im DDR-Deutsch \u201eWohnbezirk\u201c) einer Stadt einen f\u00fcr die Kontrolle und Sicherheit verantwortlichen ABV.<\/p>\n<p>4. 1.Fassung in: Marion Brandt, <em>F\u00fcr eure und unsere Freiheit<\/em>. WEIDLER Buchverlag, 1. Auflage 2002, S.359f. Polnisch. Aussprache \u017c = \u017cet = wie sz.<\/p>\n<p>5. Friedrich H\u00f6lderlin, Lebenslauf, Zeilen 15-16: Und verstehe die Freiheit, \/Aufzubrechen, wohin er will. <em>Die Bibliothek Deutscher Klassiker<\/em>, Band 20, I\/I, S.285.<\/p>\n<p>6. In Berlin-Tempelhof (Gontermannstra\u00dfe) wohnte der Autor die ersten Monaten in (West-)Berlin.<\/p>\n<p>7. Jargon des Haft-Regimes im Zuchthaus Cottbus f\u00fcr den Schlagstock.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/comment_4Hquto9AAnrJVdnpCTXRO1UJeVnRd1Dg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4034\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/comment_4Hquto9AAnrJVdnpCTXRO1UJeVnRd1Dg-300x168.jpg\" alt=\"comment_4Hquto9AAnrJVdnpCTXRO1UJeVnRd1Dg\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/comment_4Hquto9AAnrJVdnpCTXRO1UJeVnRd1Dg-300x168.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2014\/11\/comment_4Hquto9AAnrJVdnpCTXRO1UJeVnRd1Dg-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>V.l.n.r. Victor Witt, Knut Dahlbor, Lech Walesa, Axel Reitel im B\u00fcro Walesa im Gr\u00fcnen Tor in Gdansk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein St\u00e4ndchen von Lenin und Trotzki F\u00fcr Hubertus Giebe Wo man singt, da lass dich nieder Volksweise Das Gegenteil ist der Fall. 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