{"id":3975,"date":"2014-12-07T10:40:32","date_gmt":"2014-12-07T15:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=3975"},"modified":"2022-02-13T19:03:36","modified_gmt":"2022-02-14T00:03:36","slug":"christine-cosentino","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/christine-cosentino\/","title":{"rendered":"Christine Cosentino"},"content":{"rendered":"<p><strong>Monika Marons <em>Zwischenspiel<\/em>: Erinnerungsarbeit an einem Ort \u201cungekannter Verhei\u00dfung\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Nach wie vor warten in der DDR aufgewachsene Autoren mit k\u00fcnstlerischen Gestaltungen ihrer gesellschaftlichen Erfahrungen von Rissen und Br\u00fcchen, Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen auf. Auf den verschiedensten Tonlagen \u00e4u\u00dferten sich in letzter Zeit Autoren wie Volker Braun, Julia Schoch oder Christoph und Jakob Hein. K\u00fcrzlich ergriff auch die 1941 in Berlin geborene Autorin Monika Maron wieder das Wort. Ihr bis dato letztes Werk, der Roman <em>Zwischenspiel<\/em> [1] (2013), steht in einer Reihe autobiografisch durchwirkter Fiktionen, die mit ihrem Deb\u00fctroman <em>Flugasche<\/em> (1981) beginnen, einem Roman, der in der DDR nicht ver\u00f6ffentlicht werden durfte. Dem folgten Werke wie <em>Stille Zeile Sechs<\/em> (1991), <em>Animal triste<\/em> (1996), <em>Pawels Briefe<\/em> (1999), <em>Endmor\u00e4nen<\/em> (2002) oder <em>Bitterfelder Bogen<\/em> (2009), um nur einige zu nennen. Der Autorin Maron &#8211; zu DDR-Zeiten die aufm\u00fcpfige Stieftochter des Innenministers Karl Maron &#8211; ging und geht es in ihrem autobiografisch grundierten Werk um die Bew\u00e4ltigung historisch-biografischen Schutts, um Neuorientierungen und um psychische und existenzielle Probleme. Ein einschneidender Wendepunkt in ihrem Leben war ihre Einreise in die Bundesrepublik noch vor der Wende im Jahre 1988. Nach langer Zeitspanne, rund 25 Jahre sp\u00e4ter, erschien das <em>Zwischenspiel<\/em>, und der Leser ist geneigt, der Ich-Erz\u00e4hlerin zu glauben, die untertreibend bilanziert: \u201c[Die DDR \u2026] ein anderes Leben, an das ich mich kaum erinnern konnte\u201d (11). Doch der Titel dieses neuen Werks t\u00e4uscht. Traditionell ist ein Zwischenspiel ein Intermezzo, ein kompositorisches Element, das einem Hauptteil untergeordnet oder zugeordnet ist. Doch das scheinbar Untergeordnete, Episodenhafte, die kleine, unbedeutende Begebenheit am Randes eines Geschehens entpuppt sich in Marons neuestem Werk als das Hauptst\u00fcck, ein Zwischenspiel von gr\u00f6\u00dfter Relevanz, in dem Vergessenes und erfolgreich Verdr\u00e4ngtes aus dem qu\u00e4lenden \u201cErinnerungskeller\u201d (16) an die Oberfl\u00e4che geholt und neu durchdacht wird.<\/p>\n<p>In diesem also nur scheinbar episodenhaften <em>Zwischenspiel<\/em> erwacht die fiktive Ich-Erz\u00e4hlerin, die sechzigj\u00e4hrige Museumsangestellte Ruth, eines Morgens aus einem Traum, an den sie sich nicht erinnern kann, der aber ein \u201cbedr\u00fcckendes Gef\u00fchl\u201d (7) und \u201cdumpfes Unbehagen\u201d (7) hinterl\u00e4\u00dft. Kurz danach geschieht das Ungew\u00f6hnliche. Die empirische Welt um sie herum zerflie\u00dft ins Impressionistische, die Erz\u00e4hlerin verliert die Orientierung, der geregelte Ablauf der Zeit ist suspendiert: \u201cEs rumorte in den Verliesen meiner verbannten Erinnerungen\u201d (12). Das Herausfallen aus dem Kontinuum des Allt\u00e4glichen und Gleiten in einen surrealen Zwischenzustand &#8211; der Gedanke an Kafkas <em>Verwandlung<\/em> bietet sich an &#8211; ver\u00e4ndert die Wahrnehmung der Protagonistin und macht es m\u00f6glich, aus der Distanz der Jahre Vergessengeglaubtes aus dem Unterbewu\u00dftsein hervorzuholen. Br\u00fcche im Leben der Ich-Erz\u00e4hlerin Ruth, Fehlentscheidungen, Schuld, Verrat, pers\u00f6nliche Verantwortung und existenzielle \u00c4ngste werden in Szenen und Bildern neu reflektiert. Dem Leser bietet sich ein autobiografisch durchwirktes Geflecht von Geschehnissen, in dem die Konsequenzen von Entscheidungen neu untersucht und relativiert werden. Das <em>Zwischenspiel<\/em> ist letztlich Bilanz, Monolog, Selbsterkenntnis oder &#8211; wie der Kritiker Christoph Schr\u00f6der es fa\u00dft &#8211; \u201ceine Aufkl\u00e4rung im Inneren.\u201d[2] Man k\u00f6nnte ebenfalls von Selbsthilfe sprechen, die es der Ich-Sprecherin nach Einsicht in Ursache und Enstehungsgeschichte ihres Fehlverhaltens und des Fehlverhaltens anderer Personen ihr selbst gegen\u00fcber erm\u00f6glicht, mit ihren Schuldgef\u00fchlen und dem Verrat anderer zu Rande zu kommen. Das <em>Zwischenspiel <\/em> ist eine Auseinandersetzung der Erz\u00e4hlerin mit den \u201cvielen Ichs in ihrem Leben\u201d, Ichs, von denen sie sich distanziert zu haben glaubte, f\u00fcr die sie letztlich aber immer noch verantwortlich ist. In einem surrealen Park stellt sie sich dieser Problematik: \u201cWas ist so ein Ich eigentlich, dachte ich, wenn dem alten Ich das junge so fremd ist, als geh\u00f6rte es gar nicht zu ihm. Wo bleiben die ganzen Ichs \u00fcberhaupt, die man in seinem Leben war und denen man das letzte immerhin verdankt?\u201d (17). Zuzustimmen ist Iris Radischs treffender Bemerkung, die Begegnungen im Park seien \u201cGeistergespr\u00e4che, die die Erz\u00e4hlerin mit den Toten ihres Lebens \u2013 vielleicht auch nur mit den vielen Verpuppungen ihres Inneren &#8211; f\u00fchrt.\u201d[3]\n<p>\u201cDie Verwandlung des Allt\u00e4glichen in seine impressionistische Variante\u201d (31) geht schubweise vor sich. Zun\u00e4chst bereitet sich die Protagonistin auf die Beerdigung ihrer Freundin Olga vor, die vor langer Zeit in der DDR fast ihre Schwiegermutter geworden w\u00e4re, h\u00e4tte Ruth da nicht in letzter Minute einen abrupten R\u00fcckzieher gemacht. Gedanken daran beschw\u00f6ren &#8211; zun\u00e4chst durchaus im empirischen Kontext &#8211; bekannte Personen und Konflikte herauf. Dann sieht sie, auf den Balkon tretend, einen Wolkenfetzen \u00fcber sich, der ruckartig die Laufrichtung \u00e4ndert. Und pl\u00f6tzlich flirrt die Welt vor ihren Augen, sie erscheint verpixelt, bestenfalls impressionistisch. Eine optische T\u00e4uschung oder Sehst\u00f6rung? Die Welt l\u00f6st sich ins Irreale auf, und Olga erscheint vor ihr, die Schl\u00fcsselfigur, mit der all die Personen in Beziehung stehen, denen Ruth auf der Beerdigung nicht begegnen will, denn es gibt Unausgegorenes, Unerledigtes. Olga \u2013 g\u00fctig, warmherzig, vern\u00fcnftig, lebensklug und heilend \u2013 wird der Erz\u00e4hlerin auf ihrer irrealen Erkundungsreise durch einen \u201cbefremdlichen Park\u201d[4] zur St\u00fctze, Ratgeberin und Wegweiserin. Olga, die einmal Schauspielerin werden wollte, gleicht Agnes, der Tochter des indischen Gottes Indra aus August Strindbergs <em>Traumspiel<\/em>, Agnes, die die M\u00f6glichkeiten und Begrenztheiten menschlicher Existenz erforscht. Olga identifiziert sich mit dieser Rolle. Mitleidig bilanziert sie: \u201cEs ist schade um die Menschen\u201d &#8211; ein Schl\u00fcsselsatz, der zu einem Hauptmotiv in Strindbergs <em>Traumspiel<\/em>, aber auch in Marons <em>Zwischenspiel<\/em> wird. \u201cSchuld bleibt immer, so oder so,\u201d (34) meint Olga lakonisch, eine desillusionierende, aber auch tr\u00f6stliche Einsicht, die im besten Fall zu Nachsicht mit den Menschen f\u00fchren kann. Gegen ihren Willen landet Ruth nicht auf der Beerdigung ihrer Freundin Olga, sondern in einem Park, in dem ihr bekannte, auch verha\u00dfte Tote herumspazieren, um \u201cin ihrem K\u00f6rper die Symptome l\u00e4ngst \u00fcberwundener Seelenzust\u00e4nde zu aktivieren\u201d (104). Dieser \u201cOrt ungekannter Verhei\u00dfung\u201d (39) ist die Konkretisierung einer inneren Welt, in der es um Vers\u00f6hnung, Verst\u00e4ndnis oder Erl\u00f6sung geht.<\/p>\n<p>Im Park begegnen ihr Personen, die einmal in irgendeiner Beziehung zu ihr standen, in privat-pers\u00f6nlicher, politischer oder beruflicher Hinsicht; Bernhard, den sie fast geheiratet h\u00e4tte, sein Freund Bruno, Erich und Margot Honecker, ein Hund, den sie Nicki nennt, ein Mann, der das B\u00f6se symbolisiert und immer wieder Olga, auf deren Beerdigung sie in der realen Welt h\u00e4tte sein sollen, in deren Einflu\u00dfbereich in einer Traumwelt sie stattdessen Unbew\u00e4ltigtes zu bew\u00e4ltigen versucht. Sie hatte Olgas Sohn Bernhard kurz vor der Hochzeit verlassen, weil er ein krankes Kind, Andy, einen Pflegefall, mit in die Ehe gebracht h\u00e4tte: \u201cDamals war ich mir monstr\u00f6s vorgekommen, herzlos, gemein, niedertr\u00e4chtig. Den Mann mit seinem kranken Kind verlassen; einfach abhauen mit dem gemeinsamen Kind\u201d (16). F\u00fcr die gemeinsame Tochter Fanny und sich selbst wollte sie ein \u201cnormales\u201d Leben, so \u00fcberzeugte sie sich selbst. \u201cIch gehe und dreh mich nicht um\u201d (17), entschied sie damals. Sie reiste mit ihrem sp\u00e4teren Mann Hendrik und ihrer Tochter Fanny in den Westen aus. Doch es rumort in den \u201cVerliesen [ihrer] verbannten Erinnerungen\u201d (12), zumal nicht nur sie an Bernhard und seinem kranken Kind schuldig geworden ist, sondern er auch an ihr. Als sie n\u00e4mlich Jahre sp\u00e4ter nach dem Fall der Mauer in ihren Stasi-Akten nachliest, erf\u00e4hrt sie, da\u00df Bernhard unter dem Namen Modigliani in den Westen reiste, um seine Tochter Fanny \u00fcber den DDR-kritischen Schriftsteller Hendrik, ihren Stiefvater, auszuspionieren. Olga, die wei\u00df, da\u00df nichts im menschlichen Handeln voraussetzungslos geschieht, zeigt Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Ruths eigenn\u00fctzige Flucht. Sie pr\u00e4sentiert dann aber die Gegenseite, die Perspektive des Sohnes Berhard, der zum Spitzel wurde, um Kontakt zur Tochter aufrechtzuerhalten, seinem Kind, das ihm durch die Ausreise entzogen wurde. Schuld steht gegen Schuld. Doch die Zusammenh\u00e4nge werden aus dem Abstand der Jahre noch einmal auseinandergekn\u00fcpft, dann wird ein Fazit gezogen: \u201cManchmal, sagte [Olga], gibt es das Richtige einfach nicht und man hat nur die Wahl zwischen dem einen und dem anderen Falschen, und dann wei\u00df der Mensch sich nicht zu helfen\u201d (136).<\/p>\n<p>\u201cSchuld und Unschuld erscheinen\u201d &#8211; so der Kritiker J\u00fcrgen Verdofsky &#8211; \u201cals zwei Seiten derselben Sache, halten aber keinen metaphysischen Trost bereit.\u201d[5] Doch die Tatsache, da\u00df sich die Tochter Fanny von ihrem Vater nicht distanziert hat, da\u00df ihr der Vater mehr wert ist als dessen Verrat, da\u00df aus ihrer, der Tochter Sicht, die Stasi kaum noch als bedrohlich empfunden wird, relativiert oder entsch\u00e4rft die Schuldzusammenh\u00e4nge. Ruth erkennt, da\u00df das Leben ihrer Tochter \u201cf\u00fcnfundzwanzig Jahre sp\u00e4ter begonnen hatte als meins und die Dinge daher f\u00fcr sie etwas anderes bedeuteten als f\u00fcr mich und dass dieses miese kleine Wort Stasi f\u00fcr sie, Fanny, nicht ausreichte, um ihren Vater f\u00fcr alle Zeiten unter seiner Schuld zu begraben\u201d (154). Doch, so bilanzierte Olga anfangs, \u201cSchuld bleibt immer, so oder so\u201d; \u201cEs fragt sich nur, wie man damit lebt und was man daraus macht,\u201d[6] f\u00fchrt J\u00f6rg Magenau diesen tr\u00fcben Gedanken fort. Ruth macht die Probe aufs Exempel. Sie \u00fcberdenkt ihr eigenes Handeln aus neuer Sicht, reflektiert \u00fcber Zw\u00e4nge und Entscheidungen in auswegslosen Situationen, und sie renkt ein, gelassener, mit gr\u00f6\u00dferer Nachsicht sich selbst gegen\u00fcber. Es wird zum kl\u00e4renden Dialog mit der Tochter kommen, zu einer Ann\u00e4herung, indirekt auch zu Bernhard: \u201cVielleicht w\u00fcrde ich auch sagen, da\u00df ich Bernhard nicht unter seiner Schuld verschwinden lassen wollte, weil er trotz allem, und zwar durch mich, ihr Vater war, vielleicht sollte ich ihr das sagen\u201d (155). An diesen vers\u00f6hnlichen Worten l\u00e4\u00dft sich Monika Marons poetisches Prinzip ablesen, das sie in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises 2009 wie folgt formulierte:<\/p>\n<p><em>Das vermag Literatur im gl\u00fccklichsten Fall: <span style=\"text-decoration: underline;\">im einzelnen\u00a0<\/span><\/em><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Menschen verstehen, was uns allen innewohnt, und die\u00a0<\/em><\/span><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Umst\u00e4nde erkennen, die es zutage f\u00f6rdern k\u00f6nnen<\/span> (<\/em>meine Hervorhebung)<em>. Die Literatur als intuitiver Weg der Erkenntnis,\u00a0<\/em><em>die in der Sprache ihre Zuspitzung oder ihren Ausgleich findet,\u00a0<\/em><em>die in den Exzess oder zur <span style=\"text-decoration: underline;\">Vers\u00f6hnung<\/span> (meine Hervorhebung)\u00a0<\/em><em>f\u00fchrt \u2013 so w\u00fcrde ich vage benennen, was mich zum Schreiben\u00a0<\/em><em>von B\u00fcchern antreibt.<\/em>[7]\n<p>Eine andere \u201cSchuld-Verrat\u201d Konstellation kristallisiert sich aus Ruths Begegnung mit dem verstorbenen \u00a0Intellektuellen Bruno heraus, dem genialen Freund ihres Schriftsteller-Mannes Hendrik, der in der DDR nicht ver\u00f6ffentlichen durfte und mit Ruth und ihrer Tochter Fanny in den Westen ausreiste, wo er zun\u00e4chst als DDR-Dissident gefeiert wurde. Bruno, der Freund mit dem wahren Talent, blieb in der DDR und trank sich zu Tode. Die Beziehung zwischen den beiden Schriftsteller-M\u00e4nnern geh\u00f6rte zu Ruths unangenehmen Erinnerungen, \u201cdenn die Freundschaft zwischen Hendrik und Bruno habe ich lange nicht durchschaut\u201d (57). Jetzt erf\u00e4hrt sie mehr dar\u00fcber, denn aus dem alkoholisierten Freund Bruno quillt es pathetisch hervor: \u201cHendrik, sagte Bruno fast z\u00e4rtlich. Dann noch einmal heftig: Hendrik, der Verr\u00e4ter. Abgehauen, als er den Erfolg witterte. Der gro\u00dfe Exeget der Freundschaft, die ihm dann das Bier nicht wert war, mit dem er darauf angesto\u00dfen hat. \u2018Mein Freund, ich brauche dich wie eine H\u00f6he, in der man anders atmet.\u2019 Und als er sich die Lungen vollgepumpt hatte und meinen Kopf gepl\u00fcndert, hat er sich davongemacht und auf die Freundschaft geschissen\u201d (53). Bruno, der Au\u00dfenseiter, rebellierte gegen den DDR-Staat, indem er ihm sein Talent und seine N\u00fctzlichkeit verweigerte. Mit Recht nennt ihn Christoph Schr\u00f6der einen \u201cOblomow\u201d[8] in Anlehnung an den russischen Autor Gontscharow und seinen Anti-Helden Oblomow. Dieser sieht seine Gesellschaft als krank und verweigert sich ihr, indem er fast den ganzen Tag im Bett bleibt. Bruno und Hendrik waren dicke Freunde, doch in Saufn\u00e4chten f\u00fcllte der minderbegabte Hendrik Heft um Heft mit Brunos genialen literarischen Ideen, die er im Westen als seine eigenen verkaufte. Er machte Karriere \u2013 bis die Quelle der Inspiration versiegt war. Illusionslos res\u00fcmiert Bruno: \u201cDie Sache mit der Schuld ist wie ein H\u00fctchenspiel. Es gewinnt immer, der sie verteilt. Ich habe nicht einmal an der Literatur schuldig werden wollen und darum keine Zeile geschrieben, und schwupp, lag die Schuld unter Hendriks H\u00fctchen\u201d (112). Doch dieses Fazit kommt aus dem Munde eines Trinkers. Man mu\u00df es ernst nehmen, aber auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin Ruth teilt Brunos Ha\u00df auf den DDR-Staat. Wie ein roter Faden ziehen sich Bez\u00fcge auf den zweiten Ehemann ihrer Mutter durch die Handlung, auf den Genossen Keller\/Maron, der zeitweilig DDR-Innenminister war. Er, so glaubt sie, hatte ihre Kindheit vergiftet, hatte ihren Kopf mit ideologischem M\u00fcll verkleistert, und so blieb \u201cin dem Verh\u00e4ltnis zwischen Mutter und Tochter eine nicht heilende Wunde\u201d (22). Auch damit mu\u00df sich Ruth in ihrer \u201cAufkl\u00e4rungsarbeit im Inneren\u201d auseinandersetzen. Verzahnt damit ist das Auftreten zweier grotesker Figuren, denen aus dem Abstand der Jahre mit Wut allein nicht mehr zu begegnen ist. Ruth begegnet Margot und Erich Honecker, die starrsinnig und rechthaberisch den Sozialismus verteidigen. \u00dcber den Genossen Keller und die Honeckers hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>Und als der Genosse zuerst in Depressionen versank und\u00a0kurz darauf einem Herzinfarkt erlag, empfand ich das als\u00a0gerechte Strafe f\u00fcr sein anma\u00dfendes Sekret\u00e4rsleben, mit\u00a0dem er meine Mutter und damit meine Kindheit verdorben\u00a0hatte. Es dauerte ein paar Jahre, ehe mir mein Triumph\u00a0zuwider wurde. Erst als den senilen, krebszerfressenen,\u00a0entmachteten M\u00e4nnern der Proze\u00df gemacht wurde, verging\u00a0mir die Lust auf das Siegen; und auch die Wut<\/em> (104).<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, da\u00df die Heldin in dieser Atmosph\u00e4re der Schuldgef\u00fchle und des Unerledigten auf eine Figur trifft, die sie zu kennen glaubt, einen Menschen, der sich als das B\u00f6se definiert. Sie erinnert sich an ein Portr\u00e4t eines namenlosen Mannes aus dem Mittelalter, dessen hohlwangiges, bleiches Gesicht mit verschiedenen H\u00e4lften sie verwirrt und erschreckt: \u201cJe nachdem, welche Seite seines Gesichts ich betrachtete, konnte ich den Mann f\u00fcr stolz und selbstbewu\u00dft halten oder f\u00fcr kalt, sogar kaltbl\u00fctig\u201d (164). Sie erkenne sich in ihm, meint der B\u00f6se, \u201cweil ihr eigenes geknebeltes und gefesseltes B\u00f6se sich verb\u00fcnden will mit mir\u201d (170). Dazu kommt es jedoch nicht, denn die Ich-Erz\u00e4hlerin analysiert Schuldzusammenh\u00e4nge und wartet mit einem Gegenpol auf: sie begegnet einem Hund, den sie in Erinnerung an ihre Kindheit Nicki nennt, eine Kreatur, die Ruth Liebe schenkt, die Gutes symbolisiert, weil sie \u201cunf\u00e4hig [ist], das Falsche zu tun\u201d (144). Doch der Schatten von drohendem B\u00f6sen bleibt bestehen, denn das <em>Zwischenspiel<\/em> endet mit einer tr\u00fcben Aussicht, einer bedrohlichen, apokalyptischen Vision eines karnevalesken Totentanzes. Goyas Bild \u201cDas Begr\u00e4bnis der Sardine\u201d nimmt vor ihrem inneren Auge groteske Formen an und entringt ihr die Worte: \u201cWenn das die Zukunft sein soll, du lieber Gott\u201d (189).<\/p>\n<p>Hunde waren bereits in dem Roman <em>Endmor\u00e4nen<\/em> Thema und Motiv von Marons \u00dcberlegungen gewesen. So auch im <em>Zwischenspiel<\/em>. Im Park gesellt sich Ruth ein gro\u00dfer, honigfarbener Hund mit blauen Augen zu, der ihr nicht mehr von der Seite weicht und sich mit ihr f\u00fcrchtet, wenn B\u00f6ses auf sie zukommt. Diese Begegnung enth\u00e4lt eine Botschaft f\u00fcr die Ich-Sprecherin. Sie erinnert sich an die Memoiren des ungarischen Autors Tibur Dery, <em>Niki oder die Geschichte eines Hundes, <\/em>in denen es um Freundschaft und Vers\u00f6hnung zwischen Mensch und Hund geht, \u201cstellvertretend f\u00fcr alle Tiere, die von den Menschen mit r\u00fccksichtsloser Gewalt und \u00dcberheblichkeit, bei v\u00f6lliger Missachtung der Autonomie des Lebens, behandelt w\u00fcrden\u201d (122). Ruth glaubt an eine F\u00fcgung, \u201cdie mir die Gegenwart des Hundes beschert hatte, nicht an eine g\u00f6ttliche, auch das Wort schicksalhaft war zu gross, aber ich musste zugeben, dass etwas Religi\u00f6ses, wenigstens etwas dem Religi\u00f6sen \u00c4hnliches meinem Gef\u00fchl anhaftete\u201d (122). In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, <em>Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche<\/em> (2005), in denen es um poetologische Konzeptionsversuche beim Entstehen des Romans <em>Endmor\u00e4nen<\/em> geht, kommt einem Hund ebenfalls eine spezifische Rolle zu: \u201cEr bewirkt etwas in der Person, die mit ihm lebt.\u201d[9] Die Person ist hier Johanna, die sich abgekapselt hat, aber in der Sorge um einen struppigen herrenlosen Hund ihren \u201chaustier\u00e4hnlichen und g\u00e4nzlich unn\u00fctzen Zustand\u201d[10] im K\u00e4fig depressiver Teilnahmslosigkeit \u00fcberwindet: \u201cEin \u201cwunderlicher Anfang\u201d (<em>Endmor\u00e4nen<\/em>, 253) f\u00fcr die neuermutigte, kontaktsuchende Heldin. Die Goethesche Folie &#8211; des Pudels Kern &#8211; ist erkennbar. Im <em>Zwischenspiel<\/em> geht es gesteigert um das im Hunde-Motiv angelegte Vers\u00f6hnende oder \u201cReligi\u00f6se\u201d. In den Poetikvorlesungen \u00a0hei\u00dft es, ein Hund sei unf\u00e4hig zur Schuld und \u201c[habe] wonach der aus seiner transzendenten Verankerung gerissene Mensch sich sehnt: etwas, zu dem er geh\u00f6rt, das gr\u00f6\u00dfer ist als er selbst. Und da\u00df wir einem anderen Gesch\u00f6pf das sein k\u00f6nnen, was wir selbst zwischen Philosophie und Sterndeutung vergeblich suchen, r\u00fchrt uns bis an den tiefsten Punkt unserer Seele\u201d (36-37). Auch im <em>Zwischenspiel<\/em> tr\u00e4gt der Hund Nicki in seiner Symbolik von Liebe und R\u00fchrung wesentlich zum Geist von Verst\u00e4ndnis und Vers\u00f6hnung bei.<\/p>\n<p>Marons <em>Zwischenspiel<\/em> gleicht \u2013 so f\u00fchrt Ulrich R\u00fcdenauer aus \u2013 \u201ceiner Epiphanie\u201d[11], zwar nichtals Selbstoffenbarung einer Gottheit, m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen, vielmehr auf der Folie des Hunde-Motivs als etwas \u201cdem Religi\u00f6sen \u00c4hnliches\u201d (122). F\u00fcr die Ich-Sprecherin bedeutet das Nachsicht, Verzeihen und Vers\u00f6hnung, ohne da\u00df politische oder pers\u00f6nliche Geschehnisse verharmlost werden. Widerspr\u00fcche und Schuldzusammenh\u00e4nge bleiben bestehen, aber sie m\u00fcssen akzeptiert und ausgehalten werden. Es scheint, da\u00df der Protagonistin ernst ist bei dieser Vergegenw\u00e4rtigung, denn bei ihrer R\u00fcckkehr in die wirkliche Welt stellt sie n\u00fcchtern und sachlich fest: \u201cMein Auto fand ich unter der Laterne, das Nummernschild konnte ich klar und deutlich erkennen\u201d (191).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n[1] Monika Maron, <em>Zwischenspiel<\/em> (Frankfurt M.: Fischer, 2013). Zitate im Text der Arbeit.<\/p>\n[2] Christoph Schr\u00f6der, \u201c<em>Zwischenspiel<\/em> von Monika Maron: Ost-Berlin sp\u00fcrt eines Morgens eine L\u00e4hmung,\u201d <em>Der Spiegel<\/em> 30. Oktober 2013.<\/p>\n[3] Iris Radisch, \u201cEin Tag im totgesagten Park,\u201d <em>Die Zeit<\/em> 31.10. 2013.<\/p>\n[4] Beatrice Eichmann-Leutenegger, \u201cTraumspiel in einem befremdlichen Park,\u201d <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung <\/em>5. Dezember 2013.<\/p>\n[5] J\u00fcrgen Verdofsky, \u201c\u00dcber die Schuld im Leben: Marons Roman \u2018Zwischenspiel\u2019,\u201d <em>Badische Zeitung<\/em> 16. November 2013.<\/p>\n[6] J\u00f6rg Magenau, \u201cEin beharrliches Flirren vor Augen,\u201d <em>taz. die tageszeitung<\/em> 31. Oktober 2013.<\/p>\n[7] Monika Maron, \u201cDankesrede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises 2009 am Dienstag 16. Juni 2009. <em>Deutsche Nationalstiftung<\/em>.<\/p>\n[8] Christoph Schr\u00f6der, \u201c \u2018Zwischenspiel\u2019 von Monika Maron,\u201d <em>Der Spiegel<\/em> 30. Oktober 2013.<\/p>\n[9] Maron, <em>Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche<\/em> (Frankfurt M.: Fischer, 2005) S. 38.<\/p>\n[10] Maron, Endmor\u00e4nen (Frankfurt M.: Fischer, 2002), S. 83.<\/p>\n[11] Ulrich R\u00fcdenauer, \u201c Die T\u00fccken des H\u00fctchenspiels,\u201d <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> 23.10. 2013.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika Marons Zwischenspiel: Erinnerungsarbeit an einem Ort \u201cungekannter Verhei\u00dfung\u201d Nach wie vor warten in der DDR aufgewachsene Autoren mit k\u00fcnstlerischen Gestaltungen ihrer gesellschaftlichen Erfahrungen von Rissen und Br\u00fcchen, Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen auf. Auf den verschiedensten Tonlagen \u00e4u\u00dferten sich in letzter Zeit Autoren wie Volker Braun, Julia Schoch oder Christoph und Jakob Hein. 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