{"id":4097,"date":"2014-12-07T08:27:34","date_gmt":"2014-12-07T13:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4097"},"modified":"2014-12-07T08:29:23","modified_gmt":"2014-12-07T13:29:23","slug":"gabrielle-alioth","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/gabrielle-alioth\/","title":{"rendered":"Gabrielle Alioth"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schwarz-wei\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Arbeiterh\u00e4nde t\u00fcrmen Backsteine aufeinander, eine dritte streicht mit einem Spachtel Zement dazwischen. Ich bin sechs Jahre alt und der Fernseher \u2013 ein gro\u00dfer brauner Kasten \u2013 steht erst seit ein paar Wochen in unserer Wohnstube. Am liebsten schaue ich Ivanhoe zusammen mit meinen Schwestern. Der Ritter in der schimmernden R\u00fcstung \u00fcberwindet alle H\u00fcrden. Nun sitze ich zwischen meinen Eltern. Sie betrachten die Bilder von der wachsenden Mauer schweigend, aber ich wei\u00df: Das ist Berlin.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter ist Kennedy in Berlin. Alle m\u00f6gen Kennedy, und die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher. Meine Mutter hat einen Schokoladekuchen gebacken, und wir trinken Tee. Ich habe noch nie so viele Leute auf einem Platz gesehen. Als Kennedy fertig gesprochen hat, jubeln sie; meine Eltern lachen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich in einem Reihenh\u00e4uschen in einer Schweizer Vorstadt aufwachse, ist Berlin ein schwarz-wei\u00dfer Ort in der Vergangenheit. Als ich 1972 im Kino die freudige Erwartung in Michael Yorks Gesicht sehe, wie er sich in Cabaret durch die Menschen auf dem Berliner Anhalter Bahnhof dr\u00e4ngt, denke ich: Da will ich auch mal hin.<\/p>\n<p>Im Sommer 1986 stehen wir an der innerdeutschen Grenze. Wir leben seit zwei Jahren in Irland, und Grenzstationen mit Wacht\u00fcrmen und Verbauungen sind uns aus Nordirland vertraut, nur dass sie hier spiegelverkehrt, nicht gegen au\u00dfen, sondern gegen innen gerichtet, scheinen. Die Grenzw\u00e4chter interessieren sich nicht f\u00fcr uns, und wir behalten unsere einstudierte Erkl\u00e4rung, warum wir mit Schweizer P\u00e4ssen in einem irischen Auto nach Westberlin wollen, f\u00fcr uns. Dass mein Mann Journalist ist, h\u00e4tten wir ihnen auf keinen Fall gesagt.<br \/>\nIch kann nicht fassen, wie gr\u00fcn die durchmauerte Stadt ist, und als ich auf der Suche nach einem Hotel den Kudamm hinaufsteuere, packt mich \u00dcbermut. Am n\u00e4chsten Tag, w\u00e4hrend mein Mann auf der Redaktion des Tagesspiegel \u00fcber Beitragsl\u00e4ngen und Zeilenhonorare verhandelt, fahre ich in den Osten. Bahnhof Friedrichstrasse, Unter den Linden, Pergamon, am l\u00e4ngsten bleibe ich in einer Buchhandlung am Alexanderplatz. Bereits am Abend in unserem Westberliner Hotel kommt mir der Tag wie ein Traum vor. Die B\u00fccher, die ich gekauft habe, sind in Leinendeckel gebunden und riechen seltsam.<\/p>\n<p>Am 9. November 1989 sitze ich in Irland vor dem Fernseher und schaue den Jubelnden zu, so wie man am Silvestervormittag eine Neujahrsfeier in Australien betrachtet. <\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1991 sind wir wieder in Berlin. Mein Mann arbeitet nun auch f\u00fcr ostdeutsche Rundfunkstationen, und ich begleite ihn zu einem Termin im Funkhaus an der Nalepastra\u00dfe. Der Pf\u00f6rtner in seinem roten Backsteinh\u00e4uschen mustert uns mitleidig, w\u00e4hrend er mit dem Redakteur telefoniert. Dann erkl\u00e4rt er uns den Weg. Er f\u00fchrt \u00fcber ein verlassenes Gel\u00e4nde in ein leeres Geb\u00e4ude, durch einen endlosen Flur, der von ausger\u00e4umten Glasschr\u00e4nken ges\u00e4umt ist, zu einem Lift. Dieser tr\u00e4gt uns \u00e4chzend in die zweite Etage. Dort erwartet uns der aufgekratzte Redakteur, der mit ein paar Kollegen zusammen noch hier haust, wie auf einem sinkenden Schiff. Einer der Kollegen l\u00e4dt uns f\u00fcr den Abend auf ein Glas Wein zu sich nach Hause ein. Der Taxifahrer flucht, als wir ihm die Adresse nennen, und auf den gereizten Einwand meines Mannes, er sei schlie\u00dflich in dieser Stadt zu Hause, meint er, er habe in seinem Leben schon mehr Stra\u00dfennamen vergessen, als wir je gekannt h\u00e4tten. An den Abend in der \u00fcberf\u00fcllten Wohnung in einem Plattenbau erinnere ich mich gut. Es gab Wurstscheiben und Pumpernickel zum Wein, danach Kaffee mit Schokoladekuchen. Der Fernseher in der Ecke war ein brauner Kasten. Die Gespr\u00e4che drehten sich um Vergangenes. Unser Gastgeber wusste, dass er nicht mehr lange beim Rundfunk arbeiten w\u00fcrde, seine Frau hatte ihre Stelle als \u00c4rztin bereits verloren. F\u00fcr eine Umschulung waren sie beide zu alt. Einige Stunden lang nahmen wir teil an ihrem Abschied von fr\u00fcher.<br \/>\nAuf ihren Rat hin fahren wir am n\u00e4chsten Morgen nach Klein Glienicke. Dort ist man daran, die Reste der Mauer zu entfernen. Es ist ein sonniger Tag, und eine Weile schauen wir den Arbeitern zu, die mit Pressluftbohrern das Fundament herausbrechen, den Graben f\u00fcllen und das Kopfsteinpflaster ersetzen, das auf beiden Seiten noch vorhanden ist. An manchen Stellen ist bereits nicht mehr zu sehen, wo die Grenze gewesen ist. Eine Weile schicken uns der Rundfunkkollege und seine Frau noch Weihnachtskarten, die bis zu den R\u00e4ndern mit Erkl\u00e4rungen bedeckt sind, dann nicht mehr. <\/p>\n<p>Wenn ich heute durch Berlin gehe und die schimmernden Fassaden betrachte, denke ich manchmal an Ivanhoe, und dass irgendwo in Walter Scotts Roman die Sonne im Westen aufgeht.<\/p>\n<hr>\n<p>\u00a9 G. Alioth, 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwarz-wei\u00df Zwei Arbeiterh\u00e4nde t\u00fcrmen Backsteine aufeinander, eine dritte streicht mit einem Spachtel Zement dazwischen. Ich bin sechs Jahre alt und der Fernseher \u2013 ein gro\u00dfer brauner Kasten \u2013 steht erst seit ein paar Wochen in unserer Wohnstube. Am liebsten schaue ich Ivanhoe zusammen mit meinen Schwestern. Der Ritter in der schimmernden R\u00fcstung \u00fcberwindet alle H\u00fcrden. 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