{"id":4105,"date":"2014-12-07T09:17:55","date_gmt":"2014-12-07T14:17:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4105"},"modified":"2014-12-07T09:18:10","modified_gmt":"2014-12-07T14:18:10","slug":"peter-wortsman","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/peter-wortsman\/","title":{"rendered":"Peter Wortsman"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berliner Taxifahrer sind eine Sorte f\u00fcr sich<\/strong><\/p>\n<p>Berliner Taxifahrer sind eine Sorte f\u00fcr sich. Respektierte Autorit\u00e4ten sind sie in Sachen Verkehr, Kenner des Stadtlebens, vertraut mit jeder Neben- und Seitenstra\u00dfe der einst geteilten, nun wiedervereinten Metropole \u2014 und ihre Non-Stop Kommentierung, gew\u00fcrzt mit viel Berliner Schnauze, macht jede Fahrt zu einer Reise entlang den wechselhaften Bruchlinien der Geschichte.<br \/>\nZum Beispiel \u2013 nennen wir ihn Willy \u2013 der mich von der Villa am Wannsee, in der ich mich \u00fcber den Winter eingenistet hatte, zu einer Wohnung im Prenzlauer Berg fuhr, wo ich meinen Berlinaufenthalt auslaufen lassen wollte, brachte. Mit der Statur eines Hafenarbeiters, der Sprungkraft eines Boxers und dem L\u00e4cheln eines gl\u00fccklichen Mannes, schwang er mein Hab und Gut, das sich in zwei schweren Taschen befand, vom B\u00fcrgersteig in den Kofferraum.<br \/>\n\u201eIch mag Russen und Amerikaner\u201c, sagte er in holprigem Englisch, wobei er meine Reaktion<br \/>\nim R\u00fcckspiegel \u00fcberpr\u00fcfte, \u201eaber Briten kann ich nicht leiden.\u201c<br \/>\n\u201eWarum denn?\u201c fragte ich auf deutsch zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eDie Russen sind von Natur aus gro\u00dfz\u00fcgig, die Amerikaner aus Gewohnheit\u201c, redete er weiter, sichtlich erleichtert, in seiner Muttersprache.<br \/>\n\u201eUnd die Engl\u00e4nder?\u201c<br \/>\n\u201eDie Engl\u00e4nder sind wie Schildkr\u00f6ten, sie tragen ihre Insel mit sich, wo immer sie sind und kriechen nie heraus.\u201c<br \/>\n\u201eWar Berlin nicht auch eine Insel?\u201c<br \/>\n\u201eKommt drauf an&#8230;\u201c<br \/>\nHier wurde mir klar, dass er aus dem Osten stammt. Wie er die \u201eWende\u201c erlebt habe und wie die Ereignisse, die zum Fall der Mauer f\u00fchrten und die ihm folgten, fragte ich ihn.<br \/>\nEr schwieg einen Moment, sah mir in die Augen. \u201eSie sind kein Engl\u00e4nder!\u201c<br \/>\n\u201eAmerikaner.\u201c<br \/>\n\u201eDie Mauer gibt es immer noch, blo\u00df jetzt ist sie nicht mehr aus Beton sondern aus Geld.\u201c<br \/>\nUnd dann erz\u00e4hlte er mir seine Geschichte. Er war immer Kraftfahrer, erst Busfahrer, sp\u00e4ter Taxifahrer. Er verdiente genug, um zu leben.  Viel mehr brauchte er nicht.<br \/>\nAn dem Tag, als er von der Grenz\u00f6ffnung h\u00f6rte, beschloss er, den Westen zu besuchen, nur um zu sehen, wie es dort ist. Ger\u00fcchte gingen um, die Grenze w\u00fcrde nur f\u00fcr ein paar Stunden offen sein und dann wieder geschlossen werden.<br \/>\n\u201eDu hast ein Kind!\u201c, warnte ihn sein Vater, als er ihm sagte, er wolle r\u00fcbergehen. \u201eHau nicht einfach ab!\u201c  \u201eWohin soll ich denn abhauen? Alles was ich liebe, ist hier.\u201c<br \/>\n\u201eWir haben uns nichts vormachen lassen.\u201c Er schaute wieder zur\u00fcck, um sich zu vergewissern, ob der Amerikaner im R\u00fcckspiegel nicht anderes von ihm dachte. \u201eIch bin 1963 geboren, in der Sputnikzeit.<br \/>\nIn der Schule erz\u00e4hlten uns die Lehrer, dass die Sowjetunion niemals einen Angriffskrieg gef\u00fchrt habe. &#8216;Und was ist mit Finnland?&#8217;, habe ich gefragt. Ich hatte meinen Stalin gelesen!&#8221; Der Lehrer bestellte meinen Vater zur Schule: &#8220;Ihr Sohn verbreitet subversive Gedanken.&#8221; Worauf mein Vater antwortete: &#8220;Mein Sohn ist ein guter Kommunist. Vaters Vater war ein Roter, wurde verhaftet und verschwand dann in einem der ersten KZs der Nazis. Vater wurde zur Wehrmacht eingezogen aber desertierte gegen Ende und wurde von einer B\u00e4uerin in ihrem Kartoffelkeller versteckt.\u201c<br \/>\n\u201eSo wie in der <em>Blechtrommel<\/em>\u201c, sagte ich und fragte mich, ob er wohl ebenso Zuflucht unter ihrem Rock gesucht hatte.<br \/>\n\u201eJeder Berliner hat irgendwo ein St\u00fcck Gr\u00fcnes\u201c, sagte Willy mit einem Achselzucken. &#8220;Aber als die Mauer kam, verloren wir unser Grundst\u00fcck im Westen. Da erinnerte sich Vater an die Freundlichkeit der B\u00e4uerin und kaufte ein St\u00fcckchen Land neben ihr in Kohlhasenbr\u00fcck.\u201c<br \/>\n\u201eDer Ort von Kleists <em>Michael Kohlhaas<\/em>?\u201c<br \/>\n\u201eKann  sein\u201c, zuckte Willy mit den Schultern, \u201eich hab nicht viel am Hut mit Dichtung. Vater liebte das St\u00fcckchen Land fast so wie er das Leben liebte. Mutter ist nie hingefahren \u2013 ich habe immer vermutet, es ging ihm um mehr als nur um den Garten\u201c, erz\u00e4hlte er mit einem Augenzwinkern.<br \/>\n\u201eDann kam die Mauer dazwischen. Immer wenn er den &#8216;Spargel gie\u00dfen&#8217; wollte, musste ich ihn 67 Kilometer rund um West-Berlin herumkutschieren, um dort hinzukommen. Dann kam die Wende. Ich sagte zu Vater, der war von Beruf Bauingenieur: &#8216;Wollen wir nicht ein Haus bauen? Du hast das Know How und ich die Muskeln.&#8217; Aber Vater meinte: &#8216;Jetzt ist es zu sp\u00e4t.&#8217; Die B\u00e4uerin war gestorben.<br \/>\nAls er gestorben war, fand ich auf dem Tisch ein Paket mit meinem Namen, voll mit Pl\u00e4nen f\u00fcr ein Haus, das er entworfen hatte&#8230; Das Haus, in dem ich jetzt wohne.\u201c<br \/>\nWilly lie\u00df den Motor laufen und bestand darauf, meine beiden schweren Taschen die zwei Treppen hinaufzutragen. Ich gab ihm ein, f\u00fcr Berliner Verh\u00e4ltnisse, gro\u00dfz\u00fcgiges Trinkgeld.<br \/>\n\u201eDas ist aber zu viel!\u201c,sagte er.<br \/>\n\u201eF\u00fcr den Spargel, der wird auch immer teurer!\u201c, sagte ich und er lachte.<\/p>\n<hr>\n<p>Aus dem Englischen von Werner Rauch<br \/>\nCopyright \u00a9 2011 Peter Wortsman<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berliner Taxifahrer sind eine Sorte f\u00fcr sich Berliner Taxifahrer sind eine Sorte f\u00fcr sich. Respektierte Autorit\u00e4ten sind sie in Sachen Verkehr, Kenner des Stadtlebens, vertraut mit jeder Neben- und Seitenstra\u00dfe der einst geteilten, nun wiedervereinten Metropole \u2014 und ihre Non-Stop Kommentierung, gew\u00fcrzt mit viel Berliner Schnauze, macht jede Fahrt zu einer Reise entlang den wechselhaften [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3907,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4105","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4105"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4105\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}